Labels

Posts mit dem Label Tod werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tod werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 31. Dezember 2024

„So weit wir auch gehen“ von Hirokazu Koreeda

Normalerweise sind Romane, die begleitend zu Filmen erscheinen, ja eher von mäßiger Qualität. Anders bei Hirokazu Koreedas „So weit wir auch gehen“. Hier kehrt Ryota anlässlich des 15. Todestages seines älteren Bruders in seine alte Heimat zurück. Junpei, der ältere Bruder, hatte sein Leben verloren, als er ein ertrinkendes Kind aus dem Meer gerettet hatte. Als Erstgeborener und Medizinstudent hätte Junpei die Praxis des Vaters übernehmen sollen. Sein überraschender Tod hatte ein Loch in die Familienstruktur gerissen, die an besagter Feierlichkeit zum Todestag illustriert wird.

Ryota fühlt sich immer noch im Schatten seines längst verstorbenen Bruders, als er mit seiner Ehefrau und deren Sohn aus einer früheren Beziehung zu seinen Eltern aufs Land aufbricht. Dort trifft er nicht nur auf seine Mutter, die den Erstgeborenen immer noch vergöttert, und seinen Vater, der sich gern als Familienpatriarch behandeln lassen würde, aber von seinen Angehörigen die eine oder andere Spitze erfährt. Auch Ryotas pragmatische Schwester ist mit ihrem Ehemann und den zwei gemeinsamen Kindern vor Ort.

Der Vergleich mit einem Kammerspiel hinkt ein bisschen, da genügend Passagen auch außerhalb von Ryotas Elternhaus stattfinden. Dennoch drängt sich das Haus als primärer Handlungsort auf. Hier entlädt sich Ryotas Frust über die Glorifizierung des älteren Bruders, hier schmollt der Vater, weil er sich nicht gewürdigt fühlt, hier lebt die Mutter die eine oder andere Boshaftigkeit aus, hier lockern hereinplatzende Kinder angespannte Atmosphären wieder auf.

Tatsächlich habe ich zwei Anläufe für „So weit wir auch gehen“ benötigt. Denn tatsächlich ist die Handlung keine, die einen in eine spannende Story hineinzieht. Das Thema von eskalierenden Familienfeierlichkeiten kennt man sicher selbst zu Genüge, wenn sich die eigene Familie über Weihnachten mal so richtig auf den Geist gegangen ist.

Aber es lohnt sich dennoch, sich durch die eigentlich eher ermüdende Handlung durchzubeißen. Denn der Leser wird mit unglaublicher Prägnanz in die Situationen gezogen, als würde ein Film vor den eigenen Augen ablaufen. Es ist heiß an jenem Tag, man leidet mit den schwitzenden Akteuren geradezu mit und sehnt sich genauso wie diese nach einem Stück kalter Wassermelone. Und natürlich beginnt man selbst nachzudenken: Wieviel Zeit bleibt mir denn noch mit meinen Eltern? Welche Dinge soll man noch besprechen? Welche bleiben lieber ungesagt?

Ein kleiner, phantastischer Aspekt bringt dann auch noch die japanische Geisterwelt ins Spiel, was dem Buch doch wieder ein bisschen Leichtigkeit verleiht.

Bibliographische Angaben:
Koreeda, Hirokazu: „So weit wir auch gehen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Ophüls-Kashima, Reinold), Iudicium, München 2020, ISBN 978-3-86205-126-7

Sonntag, 7. Juli 2024

„Der Profi“ von Kotaro Isaka

Kabuto, der Protagonist in Kotaro Isakas „Der Profi“, führt ein Doppelleben. Seiner Familie, bestehend aus Ehefrau und herangewachsenem Sohn, gaukelt er seit Jahr und Tag vor, dass er nur ein  harmloser Angestellter einer Firma für Bürobedarf ist. Doch da sind auch die Besuche beim Doktor, der Kabuto mit Mordaufträgen versorgt. 

Kabuto möchte allerdings nach Jahren des Mordens nicht mehr: Er hat genug von dem Killerbusiness und will endlich aussteigen. Das will der Doktor allerdings nicht zulassen. Ein Machtspiel beginnt – wird es Kabuto gelingen, lebend aus der allzu verfahrenen Situation raus zu kommen?

Der Doktor ist jedoch nicht Kabutos einzige Sorge. Vielmehr ist sein familiärer Alltag ein einziger Eiertanz. Er möchte seine Ehefrau partout nicht verärgern und versucht, ihr alles recht zu machen. Der Sohn Katsumi beobachtet diese Wesenheit seines Vaters mit Verwunderung. Hat der Vater etwa Angst vor der Mutter?

Wer von „Der Profi“ dasselbe Tempo wie von „Bullet Train" und „Suzukis Rache“ erwartet, der wird eher enttäuscht sein. Denn die geradezu hanebüchenen Geschehnisse, die in den anderen beiden Romanen Schlag auf Schlag erfolgen, bleiben (zum Großteil) aus. Kotaro Isaka räumt dem Familienleben des Pantoffelhelden Kabuto enorm viel Raum ein. Auch der permanente Perspektivwechsel, der „Bullet Train“ und „Suzukis Rache“ ausmacht, fehlt nahezu. Alte Bekannte der Killerszene dürfen aber auch in „Der Profi“ nicht fehlen: Unter anderem hat der Pusher hat einen kleinen Auftritt, Momo versorgt Kabuto mit Informationen und Tangerine und Lemon wird ein bisschen nachgetrauert.

Die Handlung und die Verteilung der Höhepunkte von „Der Profi“ fand ich zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Zwischendurch fand ich die Lektüre sogar ein bisschen zäh. Das Ende wird aber – versprochen – erneut furios und überraschend, wie man es vom Autor gewohnt ist.

Bibliographische Angaben:
Isaka, Kotaro: „Der Profi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01726-8

Samstag, 8. Juni 2024

„Hundeherz“ von Hiromi Ito

Sollte mein werter Gatte wieder mal mit dem Wunsch um die Ecke kommen, man möge doch einen Hund als Haustier anschaffen, werde ich ihm erst mal Hiromi Itos „Hundeherz“ zum Lesen geben. Denn wie die Autorin auch selbst treffend in ihrem Buch schreibt, geht es in dem Werk als auch im Hundeleben sehr viel um das wenig appetitliche Thema Fäkalien. Die Liebe zum Haustier sollte also schon sehr ausgeprägt sein, wenn man ständig mit Grundreinigung konfrontiert ist.

„Ich befürchte, Ihnen als Lesern wird es langsam unangenehm, dass hier immer wieder von Fäkalien die Rede ist. […] Vielleicht sollte ich als Untertitel hinzufügen: ‚Nicht während des Essens lesen‘! Aber seien wir ehrlich, das Leben mit Hund dreht sich um Kacke.“ (S.  70)

Hiromi Itos Tierliebe ist jedenfalls groß. In ihrem Buch „Hundeherz“ porträtiert sie vor allem die letzten Lebensjahre ihrer alten Schäferhündin Take. Da Take aber nicht der einzige Hund im Haushalt (und erst recht nicht das einzige Haustier) ist, geht es auch um ihr Verhältnis zu den Artgenossen und die Fäkalien anderer Tiere.

Parallel zu Takes Verfall verläuft der Alterungsprozess von Hiromi Itos Vater, der in Japan lebt, während die Autorin zwischenzeitlich in die USA übergesiedelt ist.

„Mein Vater ist so schwach, dass er mit offenem Mund schläft, wie eine Mumie kurz vor der Vollendung. Take liegt mit schlaffen Gliedmaßen da, wie ein toter Kojote am Straßenrand.“ (S. 34)

Auch wenn das Thema des Alterns und Sterbens kein erquickliches ist, so schreibt Hiromi Ito mit einem Augenzwickern und humorvollen Ton, der direkt an den Leser gerichtet ist. Ein, zwei Tränen werden dem Leser aber dennoch über die Wange laufen, sobald Takes letzter Tag vergangen sein wird. Ich bin zwar kein ausgesprochener Hundefreund, aber dank Hiromi Itos Schreibstil habe ich „Hundeherz“ trotzdem sehr genossen.

Bibliographische Angaben:
Ito, Hiromi: „Hundeherz“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hijiya-Kirschnereit, Irmela), Matthes & Seitz, Berlin 2024, ISBN 978-3-7518-0966-5

Mittwoch, 1. Mai 2024

„Die Flucht“ von Fuminori Nakamura

„‘Ich hätte das alles gar nicht wissen wollen.‘“ (S. 66)

Diesen Satz bekommt der Protagonist Kenji Yamamine in Fuminori Nakamuras „Die Flucht“ zu hören. Kenji ist der Autor des fiktiven Buches „Menschen, die am Krieg verdienen“, in dem er finanzielle Verstrickungen von Militär und Wirtschaft offenlegt und freidenkerische Ideen illustriert. Das macht ihn in einem angespannten politischen Klima zum Feindbild der Rechten. Die Reaktionen seiner Leser lassen ihn aber auch an der gesellschaftlichen Entwicklung allgemein verzweifeln. Sind die Menschen wirklich so einfach gestrickt, dass sie nur noch entertained werden wollen?

Kenji ist aber nicht nur wegen seiner Autorenschaft eine Zielscheibe. Er hat eine mysteriöse Trompete in seiner Obhut, die einer Legende zufolge während des zweiten Weltkriegs die magische Fähigkeit besaß, Soldaten zu Heldentaten anzustacheln. Der Soldat Suzuki soll sie meisterhaft gespielt haben und so seinen Kameraden zu einem Sieg über die haushoch überlegenen amerikanischen GIs verholfen haben. Mehrere Gruppen verfolgen nun Kenji, um selbst in den Besitz der Trompete zu kommen – allen voran die rechte Q-Sekte.

Kenji hat noch weitere Probleme: Da seine vietnamesische Verlobte Anh bei einer Anti-Rechts-Demonstration auf tragische Weise ums Leben kam, ist sein Lebensmut auf dem Tiefpunkt. Doch er setzt sich das Ziel, Anhs Vision eines Romans, der Geschehnisse aus der längst vergangenen Geschichte und aus der Gegenwart zusammenführt, an Anhs Stelle zu schreiben. Und so setzt er alles daran, das Buch über die vietnamesische Geschichte, die Christenverfolgung in Japan, Suzukis Erlebnisse im zweiten Weltkrieg, der Atombombe auf Nagasaki und aktueller Geschehnisse aus Anhs und Kenjis Leben zu Papier zu bringen und zu veröffentlichen.

Und auch ich hätte davon so manches gar nicht wissen wollen. Fuminori Nakamura schreibt mit „Die Flucht“ ebenso wie sein Protagonist ein Buch, das man an manchen Stellen gar nicht weiterlesen will. Insbesondere wenn es zu den Foltermethoden an den japanischen Christen und den Auswirkungen der Atombombe kommt. So hält der selbstreferentielle Roman dem Leser den Spiegel vor – wollen wir beim Lesen nicht auch nur unterhalten werden? Wollen wir die unangenehmen Wahrheiten überhaupt hören? Erwarten wir automatisch die klassische Heldenreise und werten Bücher ab, die nicht diesem Muster folgen?

Gute 570 Seiten zählt das Werk. Es startet turbulent mit Kenjis Flucht vor dem Bösewicht B, der einem Tarantino-Film entsprungen sein könnte. Und mit dem Gebell eines Hundes. Leider hat die Google-Recherche nicht ergeben, ob Hundegebell im japanischen Kulturkreis etwas Unglückverheißendes ist. Wenn nicht, dann setzt nur der Autor das Bild immer dann ein, wenn etwas Böses am Entstehen ist. Das Unheil droht in Japan aktuell durch einen Rechtsruck und verstärkte Ausländerfeindlichkeit. Wie Kenji setzt auch Fuminori Nakamura mit seiner Veröffentlichung ein Zeichen gegen Rassismus. Das kurze Nachwort des Autors war für mich hilfreich, den einen oder andern Sachverhalt richtig einzuordnen (keine Details wegen Spoilergefahr 😉). Zwar ist der Roman an der einen oder anderen Stelle schwer verdaulich, aber trotzdem sensationell. Sowohl historisch als auch brandaktuell, spannend und gesellschaftskritisch zugleich.

Bibliographische Angaben:
Nakamura, Fuminori: „Die Flucht“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Diogenes, Zürich 2024, ISBN 978-3-257-07285-3

Samstag, 6. April 2024

„Superhits der Showa-Ära“ von Ryu Murakami

Ein Vergleich zwischen den beiden Murakamis drängt sich ja gern auf. Also versuche ich es mal mit dem hier: Wenn Haruki Murakami die Beatles ist, dann sag ich wohlgemerkt nicht, dass Ryu Murakami für die Rolling Stones steht. Das ist für „Superhits der Showa-Ära“ noch zu harmlos. Der Roman ist Black Sabbath, in dem Moment als Ozzy Osbourne einer Fledermaus den Kopf abbeißt.

Ryu Murakami gibt im Nachwort an, dass er den Roman in einer Schaffenskrise kreiert und sich beim Schreiben herrlich amüsiert hat. Der Autor zieht zwei Personenkreise, die gelangweilt in Stagnation verharren, heran. Da sind die sechs jungen Kerle, die sich in Nobues Bude treffen und erst dann ein bisschen Leben beim Spannen in sich verspüren, als sie die attraktive Nachbarin von Gegenüber beim Ausziehen beobachten können.

Und da sind die sechs Frauen Ende 30, die alle Midori heißen und inzwischen ohne Partner leben. Sie haben sich eigentlich nichts zu sagen, hören sich auch nicht zu und scheinen außer dem Namen und einer Passion für Karaoke nichts gemeinsam zu haben.

Als Sugioka aus der Männergruppe eine der Midoris tötet, geht es für die Frauen nur noch um Rache. Und man glaubt es kaum: Einmal aus der Langeweile ausgebrochen, leben die Frauen auf – und ein Kampf zwischen durchgeknallten Jungspunden und „alten“ Tanten beginnt.

Ein Eisenwarenhändler, der den jungen Männern eine illegale Waffe verkauft, orakelt:

„Es heißt doch immer, was übrig bleibt, wenn die Menschheit zu Grunde geht, wären die Schaben. Des stimmt nicht. Es sind die Tanten.“ (S. 72)

Wer weiß, ob der Mann Recht hat? Wer kann sich in dem Kampf Mann gegen Frau, jung gegen alt am besten behaupten?

Auf den hinteren Seiten taucht gar kurz ein Filmregisseur (Ryu Murakamis Alter Ego?) auf und gibt sein Konzept von „Tanten“ wider:

„Kompliziert ausgedrückt, sind Tanten Lebewesen, die aufgehört haben, sich weiterzuentwickeln. Nicht nur junge Frauen, sondern auch junge Männer, Männer im mittleren Alter und sogar Kinder werden augenblicklich zur Tante, wenn sie den Willen verlieren, sich weiterzuentwickeln.“ (S. 185 f.)

Natürlich ist „Superhits der Showa-Ära“ irre übertrieben - wie man es auch von anderen Romane Ryu Murakamis kennt. Aber genau das macht den Lesespaß aus. Die jungen Kerle sind total durchgeknallt, die Midoris so austauschbar wie ihr Vorname, zusätzliche Akteure wie nicht von dieser Welt. Wie kann man Kritik an einer in Stagnation verharrenden Gesellschaft besser verpacken?

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „Superhits der Showa-Ära“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Leupert, Jan Magnus), Septime, Wien 2024, ISBN 978-3-99120-034-5

Mittwoch, 3. April 2024

„Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ von Riku Onda

Im Urlaub wurde ich auf den Titel und das Cover von Riku Ondas „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ angesprochen. Irgendwie hat sich die Fragestellerin davon angesprochen gefühlt und gemeint, dass das doch sicherlich ein leicht-beschwingter Sommer-Roman sei. Das Gesicht der Dame hat sich dann schnell verdunkelt als ich meinte, dass das nicht der Fall sei, sondern dass das Thema des Romans eher die inzestuöse Beziehung zwischen Bruder und Schwester sei. Daher keine lustige Urlaubslektüre.

Riku Onda beschwört eine seltsame Atmosphäre herauf, als sie den jungen Mann Chihiro auf seine getrennt von ihm aufgewachsene Schwester Aki treffen lässt und die beiden eine Geschwister-WG gründen. Doch lieben die beiden sich wirklich nur wie Bruder und Schwester? Oder machen sie sich nur etwas vor - ist es nicht eine romantische Liebe zwischen Mannd und Frau?

In einer Frühsommernacht sitzen die beiden in der gemeinsamen Wohnung zusammen, bevor jeder wieder eigene Wege gehen will. Riku Onda lässt beide abwechselnd in der Ich-Perspektive zu Wort kommen. Wie schön es war, sich nach so langer Zeit der Trennung wieder gefunden zu haben. Wie irritiert die Bekannten auf ihre WG-Gründung reagiert hat. Welche gemeinsamen Erinnerungen sie haben – und vor allem: Was ist damals auf einer gemeinsamen Bergwanderung wirklich passiert? Wer ist für den Tod des Bergführers verantwortlich? Was hat sich damals wirklich ereignet? Wer hat was zu verbergen?

Nach der langen Nacht ist nicht nur der Leser froh, dass diese Tour de Force am nächsten Morgen zu Ende ist. Denn tatsächlich war der Roman recht beklemmend. Sommernacht, anstrengende Gespräche, eine Ahnung von inzestuöser Liebe, ggf. Mord – keine luftig-leichte Kost. Aki und Hiro beäugen sich, misstrauen einander und kommen aber gemeinsam Stück für Stück diversen Wahrheiten auf die Spur.

Wer mal etwas Außergewöhnliches lesen will, der ist bei „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ sehr gut aufgehoben. Momentan scheinen japanische Romane, die auf das langsam überstrapazierte Erfolgsrezept à la „Das magische Café“ setzen, besonders gern veröffentlicht zu werden. Da bietet „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ schon eine andere Qualität des Lesevergnügens: Spannung, Beklemmung, vielleicht sogar ein bisschen Abscheu. Eben außergewöhnlich…

Bibliographische Angaben:
Onda, Rika: „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bartels, Nora), Atrium Verlag, Zürich 2023, ISBN 978-3-85535-024-7

Montag, 25. März 2024

„Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami

Ich bin ja eigentlich kein großer Fan von Klappentexten. Manchmal spoilern sie, manchmal passen sie noch nicht mal zur Story. Im Fall von Haruki Murakamis „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ klingt die Handlung bereits mit den ersten Zeilen des Klappentexts sehr nach „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Wenn man sich die weniger guten Rezensionen auf Amazon anschaut, dann hätten diese teilweise sicherlich durch klarere Kommunikation vermieden werden können. Ein Vorwort zusätzlich zum Nachwort oder ein entsprechender Klappentext hätte vielleicht die eine oder andere Enttäuschung vermieden, dass der erste Teil bis Seite 187 im Grunde genommen schon über „Hard-boiled Wonderland“ bekannt ist und „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ eine Abwandlung des schon bekannten Themas ist. Haruki Murakami gibt im Nachwort ohnehin an:

„Jorge Luis Borgos zufolge gibt es im Grunde nur eine begrenzte Anzahl von Geschichten, die ein Schriftsteller im Laufe seines Lebens richtig erzählen kann. Wir können diese begrenzte Anzahl von Motiven nur in verschiedenen Formen und mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bearbeiten, könnte man sagen.“ (S. 636)

Sprich: Absolut neue Dinge sind vom Autor, der nun 75 Jahre alt ist, wohl nicht mehr zu erwarten. Und so findet sich nach besagten „Hard-boiled Wonderland“-Teil in den folgenden Teilen zwei und drei auch wieder allerlei Bekanntes: eine Bibliothek, ein namenloser Protagonist, Einsamkeit, Warten, Jazz, ein Keller (statt des Brunnenlochs), Essensvorbereitungen, Katzen… Alles keine Überraschungen, fühlt sich aber so wie Heimkommen an. Man weiß halt, was man bekommt. Allzu viel mehr möchte ich über die Handlung gar nicht mehr verraten. Nur vielleicht noch so viel:

Der geheimnisvolle Junge M**, der nahezu immer einen Beatles-Pullover mit dem Motiv des gelben Unterseeboots trägt, hat mich dann doch noch ein bisschen über das Lied „Yellow Submarine“ nachrecherchieren lassen. Ich dachte immer, dass eine geläufige Deutung der Songzeile „We all live in a yellow submarine“ dafür steht, dass jeder von uns in seinem eigenen Mikrokosmos lebt, was nur allzu gut zur ummauerten Stadt gepasst hätte. Allerdings scheinen die Beatles tatsächlich nur ein Kinderlied komponiert zu haben und jede Deutung darüber hinaus würde zu weit gehen. Nichtsdestotrotz scheint ursprünglich der Beginn des Liedes in einer ersten Version „In the place where I was born, noone cared, noone cared ...“ gelautet zu haben. Und leider ist das auch das Schicksal des Jungen. Niemand schert sich so wirklich um ihn, er ist in der Realität fehl am Platz. Sein Ausweg: die Stadt… dank des Jungen nimmt die Geschichte, die zwischendurch ein bisschen vor sich hindümpelt, wieder Fahrt auf. 

Tatsächlich war ich anfangs auch ein bisschen angefressen, dass die ersten knapp 200 Seiten nur eine Abwandlung von „Hard-boiled Wonderland“ waren. Schließlich und endlich ist die neue Version mit „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ aber doch ein äußerst gelungenes Werk und ich wäre gar nicht mal so traurig, wenn es den runden Abschluss des literarischen Schaffens des Haruki Murakami bilden würde. 

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont Verlag, Köln 2024, ISBN 978-3832168391

Sonntag, 22. Januar 2023

"Der Wind erhebt sich" von Tatsuo Hori

Die ersten Seiten von Tatsuo Horis "Der Wind erhebt sich" empfand ich als extrem nervig. Geschrieben in der Anrede 2. Person Singular im Präteritum war der Lesefluss ziemlich zäh. Gott sei Dank änderte sich dies nach wenigen Seiten des kurzen Büchleins, das mit unbeschwerten Sommertagen beginnt. Der namenlose Protagonist verliebt sich während seiner Sommerfrische in den Bergen. Setsuko ist der Name seiner Angebeteten, die seine Liebe erwidert. Als der Vater Setsuko besucht, müssen die Liebenden auf Distanz gehen. Der Leser wähnt ein jähes Ende der Beziehung, doch es soll anders kommen.

Es folgt ein Zeitsprung und man erfährt, dass Setsuko nun mit dem Ich-Erzähler verlobt ist. Jedoch ist sie an einer Lungenkrankheit erkrankt und bettlägerig. Wer sich mit dem Lebensweg von Tatsuo Hori beschäftigt, der weiß, dass "Der Wind erhebt sich" autobiographisch angelegt ist. Daher befürchtet man es schon: Setsukos kommender Aufenthalt in einem Sanatorium wird nicht zur Rekonvaleszenz führen.

Dem Protagonisten mag man einerseits unterstellen, er koste den Sanatoriumsaufenthalt in der Abgeschiedenheit auf groteske Weise aus, weide sich sogar an der kranken, hilflosen Setsuko. Andererseits erscheint die Kranke wie eine Kirschblüte, die bald fallen wird. Welch eigentümliche, morbide Blumenschau.

Nach den ersten, eher nervigen Seiten groovt man sich in den sehr ruhigen Lesefluss ein. Das wahrlich todtraurige Thema wird jedoch nicht bleischwer transportiert. Die Natur wird als Spiegel des Lebens. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, so auch Setsukos Leben. Keine Lektüre für einen vergnüglichen Lesenachmittag, dafür aber ein schmales Büchlein mit Nachhall.

Bibliographische Angaben:
Hori, Tatsuo: "Der Wind erhebt sich" (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Mitteldeutscher Verlag, Halle 2022, ISBN 978-3-96311-682-7

Donnerstag, 29. Dezember 2022

„Zeremonie des Lebens“ von Sayaka Murata

In diesem (verlinkten) Interview gibt die Autorin Sayaka Murata an, dass sie besonderes Interesse an sich wandelnden oder völlig konträren Moralvorstellungen hat. Sie nimmt auch direkt Bezug auf Erzählungen, die in „Zeremonie des Lebens“ erschienen sind. Und tatsächlich: Der Leser wird in dem Band z.B. konfrontiert mit einem Japan, in dem sich die Bestattungsrituale völlig geändert haben. Was für den „normalen“ Werteradar völlig pietätlos erscheint, wir vor dem Hintergrund einer schrumpfenden Bevölkerung zur neuen Normalität: Ein Verstorbener wird nicht etwa begraben oder eingeäschert, er wird zu einem schmackhaften Menü verkocht, an dem sich die Trauernden laben und stärken sollen. So richtig traurig sollen die Gäste dieses wörtlich zu nehmenden Leichenschmauses auch gar nicht sein. Sie sollen hier Partner für den Geschlechtsverkehr finden und sich fortpflanzen. Und so ist auch nichts Absonderliches daran, wenn sexuelle Praktiken in aller Öffentlichkeit ausgeübt werden – die Sexualpartner dienen ja gerade dem gesellschaftlichen Wohl, Nachwuchs zu zeugen.

Insbesondere die Themen des Todes und dem Umgang mit Leichen scheinen es Sayaka Murata angetan zu haben. Aber wer „Das Seidenraupenzimmer“ gelesen hat, dem dürfte ja ohnehin bekannt sein, dass die Autorin nicht unbedingt die leckersten Dinge thematisiert. So beschreibt die Autorin in „Ein herrliches Material“ eine Welt, in der menschliche Leichen als Ressourcen für Alltagsgegenstände verwendet werden.

Ein weiteres Thema ist unter anderem die Ernährung: Extreme Ernährungsverhalten treffen in „Mein wunderbarer Esstisch“ aufeinander, während in „Die essbare Stadt“ die Pflanzen der Großstadt vertilgt werden.

Jede der Geschichten öffnet den Blick in eine irgendwie verquere Welt, die den Leser aber immer fesselt. Sei es durch Ekel, Absurdität oder Eigentümlichkeit des Protagonisten. Das Thema der Wertvorstellungen bringt die Autorin selbst plakativ zur Sprache:

„Alle reden von gesundem Menschenverstand, Instinkt, Ethik und all diesen Dingen, als wären sie in Stein gemeißelt. Aber in Wahrheit verändern sie sich ständig und das nicht erst seit gestern […].“
(S. 105)

Sayaka Muratas Werke sind immer wieder ein Highlight. Und auch wenn ich Erzählungen nicht ganz so gern mag wie Romane, ist „Zeremonie des Lebens“ ein großer Lesetipp, den man nicht verpassen sollte.

Bibliographische Angaben:

Murata, Sayaka: „Zeremonie des Lebens“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Aufbau Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-351-03931-8

Mittwoch, 23. März 2022

„Die Aosawa-Morde“ von Riku Onda

Die Luftfeuchtigkeit in der Stadt K in der Hokuriku-Region kann im Sommer enorm drücken. Die Stürme dort sind auch nicht von schlechten Eltern. An einem solch stürmischen, unangenehmen Sommertag gibt es in der Familie Aosawa ein großes Familienfest, bei dem gleich drei Geburtstage gleichzeitig begangen werden. Die Aosawas sind in K bekannt wie kaum eine andere Familie. Die alteingesessene Arztfamilie betreibt ein Krankenhaus mit einem angeschlossenem Wohnhaus, das durch drei runde Fenster architektonisch besonders heraus sticht.

Insbesondere die blinde, junge Tochter des Hauses namens Hisayo wird wegen ihres Stils und ihrer Kultiviertheit verehrt. Doch auch ansonsten gilt die Familie nicht nur als mustergültig, sondern auch vermögend.

Die Gratulanten geben sich daher an diesem Festtag die Klinke in die Hand. Doch der Tag soll als toxisch in die Geschichte der Stadt K eingehen: Vergiftete Getränke töten fast die gesamte Festgesellschaft. Nur zwei Personen überleben: Die Hausangestellte Kimi, die wegen eines Anrufs nur kurz von ihrem Drink nippen konnte und so eine nicht-tödliche Dosis des Gifts einnahm. Und die ätherische Hisayo.

Obwohl der Fall bald aufgeklärt scheint, hegen einige Personen noch Jahre später Zweifel, ob der psychisch Kranke, der sich durch Selbstmord einer Befragung entzogen hat, wirklich der wahre oder alleinige Täter war.

Da ist z.B. Makiko, die zehn Jahre später ein Buch über die Geschehnisse in ihrem Nachbarhaus schreibt. Ein Ermittler glaubt, der wahre Drahtzieher ist mangels Beweisen nach wie vor auf freiem Fuß. Und eine zunächst noch unsichtbare Person stellt sehr viel später eigene Ermittlungen an.

Riku Ondas „Die Aosawa-Morde“ besticht nebst der Handlung über unterschiedliche Erzählweisen. Die nebulöse Person interviewt unter anderem Makiko als auch weitere Zeugen der Morde. Zeitungsartikel, Briefe, Ich-Erzählung und personale Erzählung gesellen sich dazu. Stück für Stück wird so der geheimnisvolle Schleier, der über den Aosawa-Morden liegt, gelüftet.

Der Roman zieht den Leser durch die drückend-düstere Atmosphäre und die geheimnisvolle Hisayo schnell in den Bann. Was ist die Wahrheit? Gibt es das überhaupt – eine allgemeingültige Wahrheit? Ist sie nicht immer nur die Wahrheit des jeweiligen Betrachters? So darf es auch nicht verwundern, dass „Die Aoswa-Morde“ keine Lösung auf dem Silbertablett bietet. Wer sich daran nicht stört, der lässt sich mit dem ungewöhnlichen Krimi auf ein ganz besonderes Leseabenteuer ein.

Bibliographische Angaben:
Onda, Riku: „Die Aoswa-Morde“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bartels, Nora), Atrium, Zürich 2022, ISBN 978-3-85535-127-5

Sonntag, 3. Mai 2020

„Unschuldige Täter“ von Keigo Higashino

Manchmal bedarf es das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt: Ein verregnetes, kaltes Mai-Wochenende mit Corona-Ausgehbeschränkungen plus ein spannender Keigo Higashino-Roman, der (zum Teil) im Sommer am Meer spielt. Innerhalb weniger Stunden war das Werk verschlungen.

Leider verrät der Klappentext von „Unschuldige Täter“ für meine Begriffe glatt schon wieder ein bisschen zuviel über die Lösung des folgenden Falls: Ein Übernachtungsgast einer Pension wird in einem heruntergekommenen Örtchen, das die beste Zeit schon längst hinter sich hat, tot auf den Klippen am Meer aufgefunden. Kurz zuvor hat der Tote eine Versammlung von Umweltaktivisten, Fischern und der Firma DESMEC, die am Meeresboden nach Rohstoffen suchen will, besucht.

Zufällig hatte sich Professor Yukawa ebenfalls in dieselbe Pension wie der Tote eingemietet. Eigentlich sollte er die DESMEC beraten – doch seine natürliche Neugier treibt ihn zu eigenen Ermittlungen an, während die örtliche Polizei das Ganze am liebsten als Unfall deklarieren würde. Schließlich schaltet sich auch die Polizei von Tokio ein und stellt Untersuchung zum Hintergrund diverser Personen an.

Und so entspinnt sich ein typischer Keigo Higashino-Roman, bei dem der Leser die tröpfchenweisen Informationen schon einmal für sich ordnen und über die wahre Täterschaft spekulieren kann. Und doch wird einem dieses oder jenes Detail entgehen, bis Professor Yukawa am Schluss die finale Lösung präsentiert.

Besonders gut gefallen haben mir diesmal die Protagonisten, insbesondere der kleine Junge Kyohei, der in den Sommerferien zu seinen Verwandten geschickt wird, die die Pension betreiben. Yukawa und Kyohei tun sich als Lehrer und Schüler zusammen und so wird der verschrobene Yukawa in besonders sympathischem Licht dargestellt.

Bibliographische Angaben:
Higashino, Keigo: „Unschuldige Täter“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Tropen, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-50413-2

Mittwoch, 4. September 2019

"Schuldig" von Kanae Minato

Bereits die erste deutsche Veröffentlichung von Kanae Minato "Geständnisse" hat mich nicht hundertprozentig überzeugt. Dieses Frühjahr gab es mit "Schuldig" ein zweites Werk der Autorin in deutscher Übersetzung. Doch um es gleich vorweg zu nehmen: Auch dieser Roman hat es weder geschafft, mich in seinen Bann zu ziehen, noch irgendwie einen plausiblen Plot zu kreieren.

Im Zentrum der Geschichte steht der junge Mann Fukase, Typ Loser. Trotz Universitätsabschluss hat er es nur in die Verkaufsabteilung eines kleinen Schreibwarenhandels geschafft. Mit menschlichen Kontakten tut er sich allgemein eher schwer. Sein einziges Talent, das ihm auch den Respekt seiner Kollegen einbringt, ist das Kaffeekochen. Während bei Haruki Murakami Loser-Typen sympathisch wirken, bleibt Fukase furchtbar blass, wenig liebenswert, eher bedauernswert. Und noch ein Murakami-Vergleich: Ein Spaghetti-kochender Murakami-Protagonist ist leider auch sehr viel spannender als Fukase, der über Kaffeebohnen sinniert.

Eines Tages wird Fukase in einem anonymen Schreiben als Mörder bezeichnet. Und in der Tat gibt es ein dunkles Geheimnis in Fukases ansonsten sehr eintönigem Dasein: Ein Abend in den Bergen und ein tragischer Unfall sind die Zutaten für ein einschneidendes Ereignis in Fukases Vergangenheit.

Aufgeschreckt durch die mysteriöse Nachricht nimmt Fukase Kontakt zu seinen ehemaligen Kommilitonen auf, die ebenfalls Zeugen der Unglücksnacht waren. Schließlich wird er sich auf die Suche nach dem Absender, der den Männern einen Mord vorwirft, machen.

Manche Wendungen in Kanae Minatos "'Schuldig" sind recht abwegig und auch ansonsten ist das Werk reichlich unspannend, manchmal sogar recht langweilig. Das Ende hat mich ein bisschen enttäuscht und zu einer kleinen Google-Recherche veranlasst. Mit dem Ergebnis, dass da etwas doch sehr an den Haaren herbeigezogen wurde (aus Spoilergründen hierzu aber lieber keine Details).

Bibliographische Angaben:
Minato, Kanae: "Schuldig" (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), C.Bertelsmann, München 2019, ISBN 978-3-570-10367-8

Sonntag, 23. Juni 2019

"Die Rache" von Shugoro Yamamoto

Die Lektüre von Shugoro Yamamotos "Die Rache" hat so richtig Spaß gemacht und macht Lust auf mehr Werke des Autors - leider ist "Die Rache" aber (noch) die einzige Übersetzung des in Japan sehr populären Schriftstellers. Im Nachwort wird Shugoro Yamamoto wie folgt zitiert:

"Die Aufgabe der Literatur [...] ist nicht, festzuhalten, was am Soundsovielten Soundsovielten des Jahres 1600 in der Burg von Osaka geschah, sondern das, was sich selbigen Tags in der Burgunterstadt im Kopf eines einsamen Ladenbengels abspielte." (S. 61) 

Und ein Bengel ist der Protagonist von Shugoro Yamamotos "Die Rache" auf jeden Fall: Iwata, Sohn des Kochs in der Kumamoto-Burg, hat gleich vier Geliebte nebenher laufen. Grundsätzlich ist er immer abgebrannt und bringt alles Geld beim Glückspiel durch.

Als sein Vater vom legendären Schwertkämpfer Musashi getötet wird, steigt Iwatas älterer Bruder zum Familienoberhaupt auf uns verstößt prompt den jüngeren, nichtsnutzigen Bruder Iwata. Der war schon vorher gewillt, Bettler zu werden, da gerade alles schief läuft. Und nun setzt er seinen Plan in die Tat um. Seine Bettlerklause errichtet er just an dem Weg, der zu Musashis Zweitresidenz führt. Da munkeln die Leute, Iwata sinnt auf Rache und zollen ihm Respekt, der ihm nur bedingt gebührt. Musashi wirklich herauszufordern, steht außer Frage. Ein Spiel auf Zeit beginnt.

Die Darstellung des Iwatas macht wahrlich den Reiz der Geschichte aus. Und das Ende lässt einen laut Auflachen. Großes Kino in einem schmalen Bändchen.

Bibliographische Angaben:
Yamamato, Shugoro: „Die Rache“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Cassing, Katja), Cass, Löhne 2018, ISBN 978-3-944751-18-4 

Samstag, 23. Februar 2019

„Die zehn Lieben des Nishino“ von Hiromi Kawakami

Anders als in den bisher auf Deutsch erschienenen Hiromi Kawakami-Romanen wechselt in „Die zehn Lieben des Nishino“ mit jedem Kapitel die Erzählperspektive. So wird die Handlung aus der Sicht von zehn verschiedenen Frauen geschildert, die sich untereinander manchmal sogar kennen und auf einander eifersüchtig sind. Sie alle eint, dass sie Nishino verfallen sind. Denn Nishino scheint der perfekte Liebhaber zu sein. Vielleicht ist er sogar zu perfekt – denn er wird meist bald schon wieder von seinen Geliebten verlassen.

Der Leser lernt mit jedem Kapitel Frauen in einer anderen Lebensphase kennen: Die Schülerin und die Studentin, die Jobberin und die Karrierefrau, die verheiratete Frau mit Kind und die Frau, die ihre Blüte schon etwas hinter sich hat.

Da Nishino selbst irgendwie blass und nicht greifbar auf mich gewirkt hat, lag der Reiz von „Die zehn Lieben des Nishino“ für mich eher in diesen wie Kurzgeschichten zusammen gewürfelten Frauenleben. Leider hat mich die Figur des Nishino nämlich so gar nicht überzeugt. Warum er jede Frau haben kann, ist mir bis zum Schluss nicht aufgegangen. Manchmal wirkt er mehr wie ein geschlagenes Hündchen, das die Frauen streicheln mögen, als ein großer Don Juan.

Insbesondere die Geschichten von Nishinos erster und letzter Liebe haben mich von der Skurrilität glatt ein bisschen an Yoko Ogawa erinnert. Insofern ist „Die zehn Lieben des Nishino“ sicherlich vielfältiger als die bisherigen Romane der Autorin in deutscher Übersetzung. Aber leider fehlen durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven die schrulligen Charaktere, die einem ans Herz wachsen, die man sonst in Hiromi Kawakamis Romanen kennenlernen darf.

Bibliographische Angaben:
Kawakami, Hiromi: „Die zehn Lieben des Nishino“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula & Nakayama-Ziegler, Kimiko), Hanser, München 2018, ISBN 978-3-446-26169-3 

Donnerstag, 24. Januar 2019

"Das magische Café" von Toshikazu Kawaguchi

Um das kleine, altmodische Café Funiculi Funicula im Untergeschoss eines Hauses in einer Nebenstraße in Tokio rankt sich eine urbane Legende: Angeblich soll man dort eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen können. Doch da die vielen Regeln, der diese Zeitreise unterliegt, wenig attraktiv sind, sind die Interessenten rar und im Café gehen primär einige wenige Stammgäste ein und aus. Wer will schon in die Vergangenheit reisen, wenn sich die Gegenwart nicht ändern lässt, wie Regel Nummer zwei besagt...

Der Roman setzt ein, als die Büroangestellte Fumiko im Café statt des erwarteten Heiratsantrags von ihrem Freund verlassen wird. Er will noch am selben Tag Japan verlassen, um in den USA seinen Traumjob anzunehmen. Fumiko ist zu verletzt, um angemessen auf die Situation zu reagieren. Doch eine Woche später möchte sie ihren Fehler korrigieren und begibt sich nochmals ins Funiculi Funicula. Leider bringt auch sie Regel Nummer zwei ins Zweifeln. Sie möchte doch ihre Beziehung retten und nach der Zeitreise nicht erneut allein dastehen.

Im Folgenden wollen noch drei weitere Personen in kritischen Lebensphasen in Toshikazu Kawaguchis "Das magische Café" eine Zeitreise antreten.

Dem Klappentext kann man entnehmen, dass "Das magische Café" zunächst als Theaterstück entstand. Erst nach dem Bühnenerfolg wurde die Handlung in Romanform gegossen. Dass sich dadurch die Handlung eigentlich nur im Funiculi Funicula abspielt, tut dem Roman aber nicht weh. Vielmehr wirkt das Café nach und nach wie das ausgelagerte Wohnzimmer der Protagonisten, in dem es auch mal menschelt.

Aber auch die Charaktere fangen einen ein – insbesondere durch ihre Schrulligkeit. Und für die fantastische Komponente sorgt nicht nur die Zeitreise, sondern auch noch ein Geist, der für die Umsetzung derselben eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Der Roman schrammt jedoch hart an der Grenze, ein bisschen zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Er bedient Themen, die viele kennen: die Angst, geliebte Menschen könnten an Alzheimer erkranken; der Tod von Angehörigen; die bedingungslose Liebe zum eigenen Kind. Und so habe auch ich beim Lesen nicht nur ein Tränchen verdrückt. Ein bisschen weniger Rührseligkeit hätte den Roman für mich jedoch noch interessanter gemacht.

Bibliographische Angaben:
Toshikazu Kawaguchi: "Das magische Café" (Übersetzung aus dem Englischen: Thiele, Sabine), O.W. Barth, München 2018, ISBN 978-3-426-29290-7

Sonntag, 13. Januar 2019

"Der nasse Tod" von Kenzaburo Oe

Ich bin wahrlich kein großer Kenzaburo Oe-Fan, aber den "Roman über meinen Vater", wie es im Untertitel heißt, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Wer "Der Tag, an dem ER selbst mir die Tränen abgewischt" gelesen hat, kennt bereits das Motiv, das "Der nasse Tod" zu Grunde liegt. Zum Ende des zweiten Weltkriegs stürzt sich der Vater des Erzählers in einen aussichtslosen Aufstand und kommt um. Vor der Lektüre von "Der nasse Tod" macht es also Sinn "Der Tag, an dem ER selbst mir die Tränen abgewischt" und auch "Tagame. Berlin –  Tokyo" gelesen zu haben, da auf die beiden Werke immer wieder eingegangen wird.

Oes Alter Ego Kogito begibt sich in der aktuellen Neuveröffentlichung zurück in seine Heimat. Zehn Jahre nach dem Tod seiner Mutter möchte ihm seine Schwester Asa einen roten Koffer übergeben, wie es die Mutter zu Lebzeiten verfügt hat. Von dem Inhalt des Koffers erhofft sich Kogito Material, um endlich den Roman "Der nasse Tod", in dem er die wahre Geschichte um den mysteriösen Tod seines Vaters darlegen will, zu schreiben. Der frei erfundene Roman "Der Tag an dem ER selbst", der ein ähnliches Thema hatte und schon vor Jahren veröffentlicht wurde, hatte damals zum Bruch mit der Familie geführt. Eine Theatergruppe namens "Caveman" will Kogitos Aufenthalt zudem nutzen, um den noch im Entstehen begriffenen Roman in ein Stück umzusetzen.

In der Tat nimmt die Theaterarbeit den Großteil der Handlung ein. Das Stück soll Collage-artigen Charakter haben und auch der reale Roman benutzt dieses Mittel: Neben der Ich-Erzählung werden Briefe, Zitate, eine Tonbandaufnahme und Interviews eingefügt.

Was entsteht, ist aber leider eben kein "Roman über meinen Vater", sondern eher ein Roman über die Theaterschauspielerin Unaico, die sich mit dem politischen Establishment anlegt. Um starke Frauen geht es ohnehin viel mehr als um den Vater. Irritierenderweise nimmt der Roman auf den letzten dreißig Seiten eine geradezu dramatische Wendung, die irgendwie so gar nicht zu den vorhergehenden knapp 400 Seiten passt und auf mich sehr unrealistisch gewirkt hat. Und so erscheint auch der Roman wie eine Collage, die viel zu viele Themen abdecken mag und nicht fesseln kann.

Leider wirken die Charaktere auch wenig sympathisch und geradezu unzugänglich. Die Figur des Kogito neigt zum Phlegmatismus, Asa erscheint fast schon ein bisschen herrisch, während Unaico als recht spröde beschrieben wird. Dazu kommt noch seitenweise direkte Rede, die die monologisierenden Charaktere recht uncharmant wirken lässt.

Was ich mir bei "Der nasse Tod" sehr gewünscht hätte, das wäre ein ausführliches Nachwort gewesen. Da hätte erläutert werden können, inwieweit der Autor mit seiner Figur Kogito deckungsgleich ist. Und welche Geschehnisse auch in Realität passiert und welche reine Fiktion sind. Wie ist denn Kenzaburo Oes Vater wirklich gestorben? Und was hat es z.B. mit der Geschichte um Meisukes Mutter auf sich? Geht es hier um den Bauernaufstand von 1853, dessen Wortführer Meisuke Miura war? Und gab es wirklich einen Aufstand, der später von Meisukes Mutter angeführt wurde? Google hilft hier leider auch nicht weiter.

Tatsächlich habe ich mich beim Lesen recht durch die Seiten quälen müssen. Und dabei wären die Zutaten wirklich ergiebig gewesen: ein mysteriöser Tod, alte Legenden aus dem Wald, ein eingebildeter Freund aus Kindheitstagen, ein alternder Autor, der sich dem eigenen Tod, seinem verblassenden Ruhm und der Versorgung seines behinderten Sohnes stellen muss, Frauenschicksale, Intrigen aus dem rechten Spektrum… Irgendwie schade, dass der Roman trotzdem allzu zäh zu lesen ist. Und so werde ich auch mit dem Spätwerk des Autors leider kein Oe-Fan.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: "Der nasse Tod" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), S.Fischer, Frankfurt/Main 2018, ISBN 978-3-10-397218-4

Montag, 1. Oktober 2018

"Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" von Genki Kawamura

Der namenlose Ich-Erzähler in Genki Kawamuras "Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Ihm wird ein Gehirntumor im Endstadium attestiert. Ihm bleibt ihm günstigsten Fall ein halbes Jahr zu leben. Im ungünstigsten Fall nur noch wenige Tage.

Viel Zeit hat er allerdings auch nicht, diese Schocknachricht zu verarbeiten, da ihm urplötzlich der Teufel erscheint. Der schlägt ihm einen ungewöhnlichen Pakt vor: Jeden Tag soll etwas von der Erde verschwinden, was der Teufel auswählt. Und mit jedem verschwundenen Gegenstand wir dem Todgeweihten ein weiterer Tag zu leben gewährt - andernfalls wird er am nächsten Tag das Zeitliche segnen.

Der Deal klingt zunächst ausgezeichnet. Die Welt steckt doch schließlich voll nutzlosem Plunder. Zuerst sollen auf Geheiß des Teufels die Telefone von der Welt verschwinden. Was zuerst gar nicht so dramatisch klingt, versetzt den Ich-Erzähler dann doch in eine kleine Panik - ein letztes Mal will er dann doch noch seine Ex-Freundin kontaktieren und sich für den nächsten Tag verabreden. Was sich der Teufel für den nächsten Tag wohl ausdenkt?

"Wenn alles Katzen von der Welt verschwänden" ist ein kleines Buch voll kleiner Weisheiten. Der Teufel lacht den Ich-Erzähler aus, als er eine Liste mit den Dingen schreibt, die er gerne mal machen würde und darauf einen Fallschirmsprung setzt. Erst durch den Pakt mit dem Teufel kommt die Erkenntnis, was wirklich wichtig ist und welches Projekt der Ich-Erzähler wirklich noch beenden muss.

Dank der überzeichneten Figur des Teufels rutscht der Roman auch nicht ins Kitschig-Triefende ab. So erscheint der Teufel als Gegenteil des Ich-Erzählers: Während letzterer sich ausschließlich in Schwarz-Weiß kleidet, erscheint der Teufel in grellbunten Hawaii-Hemden und bekommt den Spitznamen Aloha. Allzu menschlich wirkt er, wenn er Schokolade als viel zu köstlich empfindet, um sie verschwinden zu lassen.

Nichtsdestotrotz wird man gegen Ende des Romans nicht umhin kommen, doch noch das eine oder andere Tränchen zu vergießen. Es wird zwar nicht alles gut, aber zumindest die eine Sache, die der verstorbenen Mutter des Ich-Erzählers besonders am Herzen lag...

Bibliographische Angaben:
Kawamura, Genki: "Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), C. Bertelsmann, München 2018, ISBN 978-3-570-10335-7

Samstag, 29. September 2018

"Erinnerungen aus der Sackgasse" von Banana Yoshimoto

Nachdem mich die letzten Neuveröffentlichungen von Banana Yoshimoto ja nicht mehr so vom Hocker gerissen haben, war meine Vorfreude auf "Erinnerungen aus der Sackgasse" eher verhalten. Umso schöner, dass sich der Erzählband als kleines Juwel entpuppt hat und mich daran erinnert, warum ich die Autorin so gerne mag.

Banana Yoshimoto gibt im Nachwort selbst an, dass ihr von allen ihren eigenen Werken die Erzählung "Erinnerungen aus der Sackgasse" am liebsten ist. Man merkt es aber allen Erzählungen des Buches an, dass sehr viel Herzblut darin steckt. Auch wenn die Thematiken traurig sind, dann wärmen die Geschichten doch das Herz.

Da geht es z.B. in "Das Geisterhaus" um eine verschrobene Liebesbeziehung unter Studenten, die nicht so wirkt, als könne es ein Happy End geben. In "Maamaa!" wird die Ich-Erzählerin fast vergiftet und rutscht infolgedessen in eine tiefe psychologische Krise. "Überhaupt nicht warm" handelt von einer ersten tiefen Freundschaft in Kinderzeiten, die tragisch endet. In "Tomos Glück" wird unter anderem die unglücklich endende Ehe von Tomos Eltern porträtiert. Und schließlich geht es in "Erinnerungen aus der Sackgasse" um eine Verlobte, die von ihrem Freund schmählich hintergangen wird und ihrem Leben einen neuen Sinn geben muss.

Alle Protagonisten werden in eine Krise geworfen und gehen aber - typisch für Banana Yoshimoto - gestärkt daraus hervor, weil sie an den Ereignissen gewachsen sind. Und schließlich ist doch irgendwie alles gut so, wie es gekommen ist.

Oder wie es in "Maamaa!" heißt:
"'Es war gut!', höre ich eine sanfte Stimme sagen.
Wie aus dem Nichts wiederholt sie das immer wieder, wie einen Refrain, ein Wiegenlied, als würde sie bejahen, dass ich am Leben bin. Wie wenn zu Frühlingsbeginn auf einen Schlag die Gräser sprießen, die Bäume ausschlagen und alles gelbgrün wird, dringt ihr Klang energisch und sanft zugleich zu mir herüber.
Deshalb schließe ich ein wenig die Augen und bejahe meine Welt, die ich im Zuge dieser seltsamen Ereignisse von außen zu sehen bekommen habe." (S. 156)

Bibliographische Angaben:
Yoshimoto, Banana: "Erinnerungen aus der Sackgasse" (Übersetzung aus dem Japanischen: Ortmanns, Annelie), Diogenes, Zürich 2018, ISBN 978-3-257-30056-7 

Dienstag, 1. Mai 2018

"Die Ermordung des Commendatore" von Haruki Murakami

Ein Porträtmaler wird überraschend von seiner Ehefrau verlassen. Nachdem er erst ziellos durch Japan gefahren ist, überlässt ihm ein Studienfreund das Haus seines Vaters in den Bergen bei Odawara. Dieser Vater, der ein berühmter Maler war, vegetiert derzeit in einem Pflegeheim. Nun ist der Porträtmaler einerseits der Housesitter, andererseits kann er das Atelier nutzen, um sich ganz der Malerei zu widmen. Doch die Leinwand bleibt zunächst leer - dem Maler fehlt die richtige Inspiration.

Schließlich lässt der mysteriöse Millionär Menshiki, der auf der anderen Seite des Tals lebt, ein Porträt anfragen. Eigentlich wollte der Maler der Porträtmalerei abschwören und sich einen neuen künstlerischen Ausdruck erarbeiten, aber Menshikis Angebot ist zu lukrativ, um es auszuschlagen.

Zwischenzeitlich entdeckt der Maler auf dem Dachboden des Hauses ein verstecktes Gemälde des früheren Bewohners. Das Sujet zieht ihn absolut in den Bann: Es stellt die Ermordung des Commendatore aus der Oper Don Giovanni dar. Jedoch werden die Personen in die Atsuka-Zeit versetzt und eine der dargestellten Figuren wirkt wie fehl am Platz: Ein langgesichtiger Beobachter guckt aus einer Luke im Boden und gehört sicherlich nicht zu den Akteuren im Don Giovanni.

Eines Nachts beginnen unheimliche Dinge vor dem Haus. Glöckchen bimmeln den Protagonisten aus dem Schlaf. Als er sich auf die Suche nach der Ursache macht, glaubt er, das Geräusch müsse aus einer verschlossenen Grube bei einem Schrein kommen. Als er Menshiki zu Rate zieht, beschließen die beiden, dass sie die Grube öffnen, um nachzusehen. Damit nehmen wunderliche Begebenheiten ihren Lauf.

Wer andere Haruki Murakami-Bücher gelesen hat, der findet in "Die Ermordung des Commendatore" diverse Ähnlichkeiten mit früheren Werken. Da ist ein eher durchschnittlicher Mann, der von seiner Frau verlassen wird. Da ist eine mysteriöse Grube, die an einen Brunnen erinnert. Da kommt ein junges Mädchen ins Spiel, das in Gefahr zu schweben scheint. Ein anderer Mann hortet die Kleidung seiner verstorbenen Geliebten. Alltagshandlungen nehmen großen Raum ein. Schließlich muss der Protagonist eine dubiose Unterwelt durchwandern. Insofern liefert "Die Ermordung des Commendatore" nicht wirklich neuen Stoff, sondern setzt auf Altbewährtes und ist daher leider auch recht erwartbar.

Mich hat der Roman leider nicht so ganz überzeugt. Einerseits war er in meinen Augen so wenig überraschend. Andererseits fand ich das Ende auch nicht sehr geglückt. Für mich als alte Zitatesammlerin von Haruki Murakami-Weisheiten hat vor allem der erste Band wenig geboten. Und so ganz mag ich Haruki Murakami auch nicht seinen Protagonisten abnehmen, der ja Kunst studiert haben soll. Sonst neigt der Autor ja gerne zum Fachsimpeln, aber was zum Thema Kunst kommt, ist dagegen eher simpel.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: "Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2018, ISBN 978-3-8321-9891-6
Murakami, Haruki: "Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2018, ISBN 978-3-8321-9892-3

Dienstag, 28. November 2017

"Stahlblaue Nacht" von Tetsuya Honda

Hauptkommissarin Reiko Himekawa ermittelt mal wieder auf die ihr eigene intuitive Art: In einem am Flussufer abgestellten Lieferwagen findet sich eine bluttriefende, abgetrennte Hand. Der Halter des Wagens ist der Schreiner Takaoka, in dessen Garage eine enorme Blutlache aufgefunden wird. Hier muss jemand getötet worden sein.

Takaokas Ziehsohn und Gehilfe Mishima identifiziert die abgetrennte Hand eindeutig als die seines Chefs. Die Kriminalpolizei macht sich tunlichst auf die Suche nach weiteren Körperteilen, die vermutlich in den Fluss geworfen wurden. Und um die Todesursache aufzudecken und den Tathergang rekonstruieren zu können, muss der Rest des vermutlich zerstückelten Körpers gefunden werden.

Reiko wird bei den Ermittlungen leider erneut der trottelige Ioka als Partner zugeteilt, der ihr immer noch Avancen macht. Dummerweise reagiert ihr Kollege Kikuta eifersüchtig und kompliziert die ohnehin schon schwierige emotionale Lage - denn auch Reiko findet Gefallen an Kikuta, ist ihm aber vorgesetzt. Und dann ist da auch noch die Rivalität zu Hauptkommissar Kusaka, der so ganz anders tickt als Reiko.

Bei ihren Recherchen im Baugewerbe stoßen die Ermittler auf ein undurchsichtiges Geflecht aus Strohfirmen, hinter denen ein Yakuza-Clan steckt. Sowohl Reiko als auch Kusaka stochern besonders tief, denn den toten Takaoka und dessen Ziehsohn Mishima verbindet ein besonderes Schicksal, das vor über zehn Jahren seinen Lauf nahm.

Tetsuya Hondas "Stahlblaue Nacht" wird genauso wie der erste Band "Blutroter Tod" aus mehreren Erzählperspektiven dargestellt. Die Ermittlungen der Mordkommission in der dritten Person werden mit den Ich-Perspektiven von Mishima und Takaoka garniert. So ist der Leser den Ermittlern immer ein bisschen voraus und ahnt schon vor diesen, wer der Täter sein könnte.

An sich ist der Fall interessant aufgebaut, aber mit der Figur der Reiko Himekawa werde ich immer noch nicht warm. Sie wirkt einfach nicht wie die coole, toughe Kommissarin, die im Klappentext angekündigt wird. Vielmehr erinnert sie an eine unsichere, unreife Göre, die nicht sonderlich viel Professionalität an den Tag legt. Irritierenderweise wirkt die Beschreibung der Figur manchmal wie Product Placement: Sie hat eine Coach-Handtasche, trägt einen Trenchcoat von Burberry Blue Label ("Sie liebte die Farbe - ein dunkles Beige, fast braun -, und der Schnitt war einfach toll." S. 54) und für die Uhr von Longines hat sie sogar einen Kredit aufgenommen.

Da findet man den nicht sonderlich ansehnlichen Ioka, der sich gern mal zum Affen macht, wieder mal gleich viel sympathischer als die Protagonistin.

Ein bisschen seltsam mutet der Titel des Romans an, der in keinem Zusammenhang zur Handlung steht und auch nichts mit den Titel des japanischen Originals zu tun hat. Gerade mal das Wort Stahl geht in die Richtung Baugewerbe, aber der Tote ist nun mal Schreiner und eine blaue Nacht wird an keiner Stelle hervorgehoben.

Die amerikanische Veröffentlichung der Übersetzungsvorlage erfolgte ebenfalls erst dieses Jahr. Ich bin gespannt, ob ein dritter Fall der Reiko Himekawa-Reihe bei der St. Martin's Press erscheinen wird und wir daraufhin gegebenenfalls nochmals das Vergnügen mit Ioka und der Gereiztheit von Reiko haben werden. Man merkt: Ich werde wohl kaum mehr Fan der Protagonistin...

Bibliographische Angaben:
Honda, Tetsuya: "Stahlblaue Nacht" (Übersetzung aus dem Englischen: Gabler, Irmengard), S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-596-03667-7