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Sonntag, 8. November 2015

„Meijin“ von Yasunari Kawabata

Yasunari Kawabatas „Meijin“ basiert auf dem Go-Spiel, das Shusai Honinbo, der damalige Meister des Gos (= Meijin), gegen seinen jüngeren Kontrahenten Minoru Kitani im Jahr 1938 ausfocht. Yasunari Kawabata berichtete damals in der Zeitung Mainichi über die Partie, die sich über ein halbes Jahr hinziehen sollte. Bis in die 50er Jahre hinein überarbeitete der Autor seine Aufzeichnungen, um den teilweise fiktionalisierten Fortsetzungsroman „Meijin“ im Jahr 1951 zu veröffentlichen.

Als Ich-Erzähler und als sein Alter-Ego Uragami berichtet Yasunari Kawabata von der Go-Partie, in der das alte Japan in Form des „unbesiegbaren“ Meijins auf das moderne Japan, verkörpert durch den jungen Otake (aka Minoru Kitani), trifft. Für den Meijin bedeutet dieses Match eine große Umstellung, da die jüngere Spielergeneration mit härteren Bandagen und gewissen Tricks kämpft. Die Vorrechte des Meijin als des älteren Spielers werden beschnitten; er wird einer „moderne[n] Gleichmacherei“ (S. 48) unterworfen und verliert die Privilegien des Älteren. Eine neue Ära des Go-Spiels hat begonnen:

„Man führte das Gefecht lediglich, um zu gewinnen, und es gab keinen Spielraum, um an die Würde und Anmut des Go als Kunst zu erinnern.“ (S. 46)

Otake weiß das moderne Regelwerk geschickt für sich zu nutzen und der Meijin kommt mehr und mehr in Bedrängnis. Doch auch an Otakes Nerven wird gezehrt: Der Meijin erkrankt wiederholt und die Spiel zieht sich schließlich monatelang hin. Das Ende der Partie nimmt Kawabata vorweg: Von den Strapazen des Matchs wird sich der Meijin nicht mehr erholen – er wird kurze Zeit später sterben. Und so stirbt die letzte Generation der Go-Spieler aus, die Go als „Zerstreuung der Unsterblichen“ mit Würde spielten. Doch Yasunari Kawabata beklagt nicht nur das Ende eines Zeitalters, sondern vermutet, dass das Go durch den Generationswechsel eine Belebung erfahren wird.

Da das Ende der Partie dem Leser bereits im ersten Kapitel vermittelt wird, gibt es kaum Spannung in „Meijin“. Zwar benötigt man nicht unbedingt Kenntnis über die Go-Regeln, doch sicherlich können Go-Spieler mehr mit den Beschreibungen der Partien anfangen. Für alle anderen ist die Darstellung der recht unterschiedlichen Charaktere, die jeweils für eine andere Generation stehen, weit interessanter.

Yasunari Kawabata selbst scheint dem Generationswechsel ambivalent gegenüber zu stehen. Uragami beklagt zwar den Verlust an Würde und Tradition, scheint aber einzusehen, dass die Zeit des Meijin unwiederbringlich dahin ist. Dem Westen dagegen attestiert er, dass er nicht für den verfeinerten Geist des japanischen Gos gemacht ist.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Meijin“ (Übersetzung aus dem Englischen: Heisel, Felix), Brett und Stein Verlag, Frankfurt/Main 2015, ISBN 978-3-940563-22-4

Montag, 28. Juli 2014

„Patriotismus“ von Yukio Mishima

In Anbetracht von Yukio Mishimas Tod durch Seppuku nach einem misslungenen (Pseudo-)Putschversuch stellen sich einem bei der Lektüre von „Patriotismus“ umso mehr die Nackenhaare auf. Denn auf gewisse Weise nimmt die Erzählung Yukio Mishimas eigenes Schicksal vorweg und sie zeichnet ein Bild vor, wie der Autor sich einen erhabenen Selbstmord aus Lauterkeit und Soldatenehre vorstellt:

Wir schreiben das Jahr 1936, mit dem „2-26-Zwischenfall“ ist ein Putschversuch von konservativen Militärs im Gange. Der Leutnant Shinji Takeyama ist nicht von der Partie – seine Kameraden hatten den verheirateten Soldaten vom Umsturz ausgeschlossen und so trifft es ihn besonders hart, dass der Befehl ergeht, gegen die Freunde militärisch vorzugehen. Shinji Takeyama ist nun zum Äußersten entschlossen – seine Treue gilt den Kameraden und der Aufrichtigkeit und daher bleibt ihm nur der Selbstmord. Seine ihm treu ergebene Ehefrau Reiko geht mit ihm in den Tod, weil sie sich dazu als Soldatenfrau verpflichtet fühlt.

Yukio Mishima zeichnet die letzten Stunden des zum Selbstmord entschlossenen Ehepaars nach. Während draußen tödliche Gefechte toben, ergeben sich Shinji und Reiko ein letztes, rauschendes Mal in den „petite mort“, um sich schließlich selbst zu richten. Insbesondere Shinjis bluttriefendes Ende wird sehr detailliert beschrieben, worauf ich dann doch lieber verzichtet hätte.

Auch die Schilderungen rund um die Shinjis „Erziehungsmaßnahmen“, Reiko den Geist einer gehorsamen Soldatenfrau einzubläuen, die ohne Weiteres ihr Leben drangibt, wirken heutzutage befremdlich bis abstoßend.

Yukio Mishima schildert in „Patriotismus“ den überästhetisierten Heldentod seines Protagonisten, der in einer Blut- und Kotzorgie mündet. Die Epauletten blinken, die Körper der makellosen Liebenden strahlen und die geistige Tadellosigkeit wird hochstilisiert. Von Yukio Mishimas Standpunkt mag das Schicksal des Paares Vorbildcharakter haben – doch wirkt seine Erzählung heutzutage eher wie eine Groteske. Gott sei Dank wie eine Groteske...

Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Patriotismus“ (Übersetzung: Hengst, Ulla & Teichmann, Wulf), Alexander Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-923854-35-8

Montag, 2. September 2013

„Die Schwestern Makioka“ von Junichiro Tanizaki

592 Seiten umfasst Junichiro Tanizakis Roman „Die Schwestern Makioka“, der in drei Teile aufgeteilt ist. Er setzt im Jahr 1936 ein und begleitet die vier Schwestern der Familie Makioka, die die beste Zeit schon hinter sich hat. Nach dem Tod des Vaters blieben nur Schulden – doch dank der adoptierten Ehemänner der beiden ältesten Töchter Tsuruko und Sachiko müssen die Schwestern keine Not leiden. Während Tsuruko und ihr Ehemann Tatsuo die Stammfamilie in Osaka bilden, lebt Sachiko mit ihrem Gatten Teinosuke in Ashiya als Zweigfamilie. Die beiden noch unverheirateten Schwestern Yukiko und Taeko bevorzugen entgegen der Tradition den Aufenthalt in Ashiya, wo sie der strengen Behandlung durch die Stammfamilie entgehen können.

Das große Thema, das der Roman behandelt, ist die Verheiratung der zweitjüngsten Schwester Yukiko. Sie ist ruhig, fast schon melancholisch und sehr traditionell eingestellt. Dagegen ist die jüngste Schwester Taeko ein „modern girl“: Sie trägt westliche Kleidung, verdient mit ihrem Hobby, der Herstellung von Puppen, sogar eigenes Geld. Aber auch ganz von ihrem unangepassten Lebensstil abgesehen ist sie das schwarze Schaf der Familie, seitdem sie mit einem verzogenen Juwelierssohn kurzzeitig durchgebrannt war. Zwar waren beide reumütig zu ihren Familien zurückgekehrt, doch der kleine Skandal schlägt sich doch negativ auf Yukikos Heiratschancen nieder.

In „Die Schwestern Makioka“ geschieht viel Alltägliches und auch einiges Tragisches. Primär plätschert der Roman allerdings so dahin und die nicht geringe Seitenanzahl beginnt sich irgendwann ziemlich hinzuziehen. Sicherlich bringt die widerspenstige Taeko ein bisschen Schwung in die Handlung, doch da ein größeres Gewicht auf die vielen erfolglosen Miais von Yukiko liegt, kommt keine Spannung auf. Man ist als Leser bald genauso resigniert wie die Figur der Yukiko.

Interessant an „Die Schwestern Makioka“ ist allerdings, dass der erste Teil, der während des zweiten Weltkriegs erschien, verboten wurde. Selbstbewusste Frauen schienen wohl nicht mit der Kriegspropaganda vereinbar, die den Heldentod in den Mittelpunkt stellte. (Mehr dazu findet sich hier auf der Homepage von Ruth Linhart.)

Wer sich für die im Wandel begriffene Frauenrolle in den 30er/40er Jahren interessiert, der kann sicherlich einiges aus „Die Schwestern Makioka“ herausholen. Mir war der Roman jedoch viel zu langatmig. Dennoch bin ich nach der Lektüre wahrlich froh, nicht als Japanerin in dieser Zeit gelebt zu haben: Ständige Bevormundung durch die Stammfamilie; kein Recht auf eigene Lebensentscheidungen; höchstes Ziel eine Einheirat in eine angesehene Familie; dafür Miais, die an einen Handel mit Tieren erinnern… Das und noch viel mehr zeigt der Roman auf, ohne jedoch Sozialkritik zu üben. Es wird lediglich der Kontrast zwischen der traditionellen Yukiko und der modernen Taeko dargestellt.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Die Schwestern Makioka“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yatsushiro, Sachiko), Rowohlt, Reinbek 1964

Sonntag, 12. Mai 2013

„Lob des Schattens“ von Junichiro Tanizaki

In seinem Essay „Lob des Schattens“ aus den 30er Jahren philosophiert Junichiro Tanizaki über die Schönheit des Schattens, die in dem japanischen Ästhetikempfinden verankert ist – ganz im Gegensatz zum Westen, wo am liebsten jede noch so unbedeutende Ecke grell ausgeleuchtet würde. Ein bisschen verquer steigt der Autor für den westlichen Leser ins Thema ein – ist ihm doch besonders ein hell gefliestes Klo extrem zu wider. Helligkeit bedeutet für ihn Indiskretion an einem sehr intimen Ort. Und da guter Geschmack mit Kälte einhergeht, soll es auch auf dem stillen Örtchen kalt sein.

Ganz generell harmonieren für Junichiro Tanizaki die westlichen Annehmlichkeiten wie Öfen und elektrisches Licht nicht mit japanischen Häusern. Zwar mag der Autor zwar selbst nicht auf diese technischen Errungenschaften verzichten, quält sich jedoch arg, einen Weg zu finden, diese in sein Haus zu integrieren und gleichzeitig sein Budget nicht überzustrapazieren.

Auch beim Essen spielt die Dunkelheit eine Rolle:

„gewiss ist jedenfalls, dass der Appetit um die Hälfte abnimmt, wenn man japanische Speisen an einem hellen Ort aus weißlichem Geschirr isst.“ (S. 30)

So soll es für ihn bestenfalls im Zimmer schummrig sein und die Gerichte sollen in dunklem Lackgeschirr serviert werden. Der Essende wird die Speisen gleich viel ehrfürchtiger zu sich nehmen.

Junichiro Tanizaki führt noch weitere Beispiele für die Relevanz des Schattens in der japanischen Ästhetik auf: die Schummrigkeit auf der No-Bühne, die schwarz gefärbten Zähne der Frauen, die im Schatten liegende Tokonoma-Nische. Denn schließlich gilt für die japanische, traditionelle Ästhetik:

„Wir sind der Meinung, Schönheit sei nicht in den Objekten selber zu suchen, sondern im Helldunkel, im Schattenspiel, das sich zwischen den Objekten entfaltet.“ (S. 53)

Schlecht ernst nehmen kann man den Autor jedoch, wenn er behauptet, weiße US-Amerikaner hätten ein untrügliches Gespür für Mischlinge, die auch nur ein klitzekleines bisschen schwarzes Blut in sich trügen. Da unterstellt er den Westlern sicherlich zuviel Drang nach Helligkeit.

Heutzutage mutet „Lob des Schattens“ ein bisschen kurios an – denkt man insbesondere an das nächtliche, hell erleuchtete Tokio und an beheizbare, japanische Klobrillen.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Lob des Schattens“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Klopfenstein, Eduard), Manesse, Zürich 2009, ISBN 978-3-7175-4039-7

Dienstag, 16. April 2013

„Unter dem Sturmgott“ von Yukio Mishima

Susanoo ist der shintoistische Sturmgott, der Gott der Zerstörung. Yukio Mishimas Protagonist Isao ist ganz vom Geiste Susanoos beseelt: Nur Zerstörung, Attentate können Japans Weg in den Abgrund stoppen. Der junge Mann verortet sich im rechten Milieu und hat Feuer für den Göttersturm-Bund gefangen, der in der Meiji-Ära gegen das Militär vorgegangen war und den wenig aussichtsreichen Kampf mit Seppuku beendete. Isao begeistert sich für die „Lauterkeit“ der Aufständischen – und hebt einen eigenen Geheimbund aus. Als Ziele ihrer Attentate werden raffgierige, unpatriotische Industrielle ausgemacht, die das gemeine Volk ausbluten lassen.

Isao ist der Sohn von Inuma, der zeitweilig als Erzieher von Kiyoaki tätig war, der dem Leser im ersten Teil von Mishimas Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“, in „Schnee im Frühling“ begegnet ist. Kiyoakis bester Freund Honda ist zwischenzeitlich Richter in Osaka und trifft auf Isao, als er einen Vorgesetzten als Ehrengast bei einem Kendo-Turnier vertritt: Auf einem heiligen Berg will sich Honda unter einem Wasserfall reinigen, wo sich bereits der junge Kendo-Kämpfer Isao wäscht. So entdeckt Honda an Isao dieselben Leberflecke, die er auch an Kiyoaki gesehen hat. Mehr noch – hatte Kiyoaki nicht vor seinem Tod gesagt, Honda würde ihn ganz bestimmt unter einem Wasserfall wieder sehen? Der rationale Honda kommt sich wie vor den Kopf geschlagen vor. Ist Isao womöglich die Wiedergeburt Kiyoakis? Dass ausgerechnet ein entschlossener, patriotischer Kendo-Kämpfer die Wiedergeburt des frevlerisch veranlagten Müßiggängers Kiyoakis sein soll, mutet besonders gewagt an. Insbesondere da Kiyoaki Kendo-Kämpfer verachtet hatte.

„Unter dem Sturmgott“ ist eine etwas beschwerliche Lektüre. Da ist zum einen der Bericht über den Göttersturm-Bund: Mehr als 50 Seiten werden dem sinnlosen Gemetzel gewidmet, das mit mannigfaltigem eigenhändigem Bauch-Aufschlitzen beendet wird. Hinzu kommen Isaos ausführlichste Überlegungen zur „Lauterkeit“, die irgendwann ziemlich ermüdend werden. Diese Detailliertheit der Gefühlslage steht in krassem Gegensatz zu den letzten Seiten des Romans, auf denen die Beweggründe des Protagonisten kaum mehr thematisiert werden. Zwar mag Isao dem Prinzip, dass Denken und Handeln eines sind, folgen – doch kann man als Leser die Motive dieses Handelns nur erahnen.

Ich gebe auch gerne zu, dass mir der Kult um Seppuku, die Todessehnsucht Isaos hinsichtlich Yukio Mishimas eigenem Aufstand mit anschließendem Seppuku umso suspekter ist.

Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Unter dem Sturmgott“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1986, ISBN 3-446-14628-8

Donnerstag, 27. Dezember 2012

„Wanderjahre“ von Koreya Senda

1975 veröffentlichte Koreya Senda in Japan seine „Geschichte des Shingeki – ganz anders betrachtet“. Kapitel 6 und 7 wurden ins Deutsche übersetzt und als „Wanderjahre“ publiziert. „Wanderjahre“ umfasst primär die Jahre 1927 bis 1932 und damit Koreya Sendas Zeit in Berlin, wo er sich mit linkem, proletarischem Theater befasste. Während in Japan die proletarische Bewegung bereits starker Überwachung ausgesetzt war, findet Koreya Senda in Deutschland noch günstigere Bedingungen für die politische Bewegung wieder. Doch zunächst findet die Frohnatur Senda in Berlin Gefallen an anderen Aktivitäten: Im Café Victoria, wo sich die den japanischen Gästen zugetanen Berliner Fräuleins aufhalten, wird so manche Reichsmark vertrunken – und Koreya Senda zieht sich gleich noch eine Geschlechtskrankheit zu, deren Heilung sein durch den Alkoholkonsum ohnehin strapaziertes Budget noch weiter belastet. Gut, dass ihm ein Statistenjob beim Film angetragen wird. In dem Streifen „Natur und Liebe“ soll er sich zuerst nur im Lendenschurz bekleidet zeigen – und schließlich verlangt der Regisseur gar, dass seine letzte Hülle zu fallen hat.

Doch schließlich wendet sich Koreya Senda doch dem Studium des Theaters zu, weswegen er nach Deutschland gekommen war. Mit den Aufführungen der Piscator-Bühne kann er sich weniger anfreunden. Koreya Senda macht unter anderem die Bekanntschaft von Lu Märten, Gustav von Wangenheim, Arthur Pieck und Maxim Vallentin und verschreibt sich daraufhin Agitproptruppen, tritt in die deutsche KP ein. Zudem engagiert sich der umtriebige Japaner für diverse internationale Theaterverbandsarbeit.

In Berlin lernt Koreya Senda auch seine erste Ehefrau Irmgard Kliem kennen, die ihn bei seiner Rückkehr nach Japan über Moskau im Jahr 1931 begleitet. Wie auch in den Erinnerungen der gemeinsamen Tochter Momoko Nakagawa, die sie in „Der japanische Vater“ niederschrieb, hinterlässt Irma auch in „Wanderjahre“ einen besonders starken Eindruck. Unverblümt, liebenswert und unbekümmert schreitet die politisch engagierte Frau auch in Japan zur Tat. Sie möbelt die heruntergekommene Bleibe auf, kümmert sich aufopfernd um den zeitweilig inhaftierten Koreya Senda und ist durch ihr offenes Wesen gleich allseits beliebt.

In Japan wird das Klima für politisches Theater immer schlechter: Schauspieler werden gar direkt von der Bühne wegverhaftet. Berufsschauspieler haben kein Auskommen mehr und müssen sogar soweit gehen und sich prostituieren, um Geld zum Überleben zu beschaffen. Interne Streitigkeiten tun ein Übriges, um die Situation noch weiter zu Erschweren.

Sicherlich ist „Wanderjahre“ primär für Leser interessant, die ein Faible für linkes Theater und die proletarische Bewegung haben. Insbesondere, wer sich für proletarische Literatur begeistert, trifft in „Wanderjahre“ auf alte Bekannte: In Moskau begegnet Koreya Senda der Schriftstellerin Yuriko Miyamoto, die dort heimlich die Bekanntschaft von KP-Politikern macht und sich schließlich der proletarischen Bewegung zuwendet. Einen Umzug kann sich Koreya Senda nur leisten, nachdem ihm ein Verlag für die Übersetzung von Sunao Tokunagas „Straße ohne Sonne“ einen Vorschuss gegeben hatte. Zusammen mit Trude Eschenbach übersetzt er wenig später Takiji Kobayashis „Der 15. März 1928“.

Doch Koreya Sendas Erzählstil macht einfach auch Spaß; die Frohnatur kam während des Klassenkampfes sichtlich auch auf seine Kosten. Sicherlich mag dies durch den zeitlichen Abstand von mehr als 40 Jahren von Niederschrift zu den Geschehnissen resultieren und für etwas Verklärung sorgen  – ein Aufenthalt im japanischen Gefängnis war bestimmt kein Zuckerschlecken.

Bibliographische Angaben:
Senda, Koreya: „Wanderjahre“, Henschelverlag, Berlin 1985

Samstag, 13. Oktober 2012

„Kiharu – Memoiren einer Geisha“ von Kiharu Nakamura

Im Jahr 1982 beginnt die inzwischen knapp 70-jährige ehemalige Geisha Kiharu Nakamura ihre Memoiren zu verfassen. Nachdem ihr erstes Buch, das ihre zehnjährige Karriere als Geisha im Shimbashi der 30er Jahre beschreibt, zum Bestseller wird, schreibt sie noch zwei weitere Bücher, die ihr Leben im Nachkriegsjapan und ihren weiteren Lebensweg in den USA illustrieren. Alle drei Bücher sind in der deutschen Ausgabe „Kiharu – Memoiren einer Geisha“ zusammengefasst.

Die Memoiren sind hier auch wirklich als Erinnerungsfragmente zu verstehen; eine stringente Handlung wird nicht verfolgt. Stattdessen sinniert Kiharu Nakamura über dies und jenes, schwenkt einer Eingebung folgend dann auf ein anderes Thema über und berichtet von allerlei Personen, die kurz vorgestellt werden und zumeist später kein zweites Mal erwähnt werden.

So begleitet der Leser sie auf diversen Geisha-Festivitäten, auf denen sie unter anderem Babe Ruth und Charlie Chaplin kennen lernt. Als ihre Jungfräulichkeit an einen ältlichen Minister verkauft werden soll, beschwatzt sie den Alten so lange, bis er sich lieber nur mit ihr unterhält und ihr schließlich und endlich sogar eine damals sehr teure Schreibmaschine schenken will. Heimlich lernt Kiharu englisch, was ihr insbesondere in der Nachkriegszeit sehr zu Gute kommen soll. Als die Polizei sie drängt, künftig als Spitzel zu fungieren, beschließt sie, ihre Geisha-Karriere zu beenden und heiratet einen Diplomaten – gegen den Willen von dessen Familie. Zusammen mit ihrem Ehemann geht sie nach Kalkutta, wo sie sich als eine kleine, japanische Mata Hara betätigt. Mit Ausbruch des zweiten Weltkriegs wird das Ehepaar zusammen mit anderen Japanern interniert und schließlich nach Japan zurückgeschickt.

Buch zwei schildert Kiharu Nakamuras Leben in Japan während des Kriegs. Da ihr Mann nach Burma versetzt wurde, hat sie allein für den gemeinsamen Sohn und die eigene Mutter und Großmutter zu sorgen. Mit allerlei Jobs schlägt sie sich durch, da ihr von ihrem Mann und dessen Familie keinerlei Unterstützung zu Teil wird. Nach Kriegsende blüht das „Blumen- und Weidenviertel“ – das Geisha-Viertel – wieder auf; viele amerikanische Gäste tummeln sich dort. Da Kiharu Nakamura englisch spricht, wird sie gebraucht und hat in den schwierigen Nachkriegszeiten ein gutes Auskommen. Schließlich kehrt ihr Ehemann nach Hause. Doch statt ein freudiges Wiedersehen zu feiern, erlebt Kiharu Nakamura ein böses Erwachen: Ihr Mann hat zwischenzeitlich eine andere geheiratet und hat mit der neuen Ehefrau bereits zwei Kinder. In Japan beginnt sich Kiharu Nakamura immer unwohler zu fühlen. Als Ex-Geisha hat sie mit vielen Ressentiments zu kämpfen.

Buch drei setzt ein, als Kiharu Nakamura in die USA geht. Zunächst war geplant, dass sie nur wenige Monate in New York leben soll – doch schließlich bleibt sie in Amerika. Hier fühlt sie sich frei und als Ex-Geisha akzeptiert. Nur ihre eigenen Landsleute machen ihr deswegen noch das Leben schwer. Die Amerikaner sind von der Japanerin, die grundsätzlich Kimonos trägt, fasziniert. Wie ein Tausendsassa übernimmt sie diverseste Tätigkeiten und zieht innerhalb der USA einige Male um. Doch schließlich kehrt sie nach New York zurück.

Wer von „Kiharu – Memoiren einer Geisha“ allzu viele Informationen über das Geisha-Leben erwartet, wird sicherlich enttäuscht. Noch nicht einmal ein Drittel des Buchs ist diesem Thema gewidmet. Vielmehr zeichnen Kiharu Nakamuras Erinnerungen ein Porträt einer Frau, die wie eine Katze selbst nach tiefem Fall immer wieder auf die Füße kommt. Trotz allen Schicksalsschlägen strahlt sie einen unumstößlichen Optimismus aus und lässt sich nie unter kriegen.

Bibliographische Angaben:
Nakamura, Kiharu: „Kiharu – Memoiren einer Geisha“, Europaverlag, München/Wien 1997, ISBN 3-203-80500-6

Sonntag, 9. September 2012

„Die Banshu-Ebene“ von Yuriko Miyamoto

Der Band „Die Banshu-Ebene“ von Yuriko Miyamoto enthält neben der gleichnamigen autobiographischen Erzählung noch zwei weitere namens „Die Brust“ und „Fuchiso“.

„Die Brust“ aus dem Jahr 1935 war eines der letzen Werke der proletarischen Literaturbewegung, das noch veröffentlicht werden konnte. Wie Jürgen Berndt im Vorwort bereits beschreibt, wirkt diese Erzählung noch etwas ungeschliffen. Sie handelt von der jungen Hiroko, deren Ehemann Jukichi als politischer Gefangener einsitzt. Auch Hiroko betätigt sich für die Belange der Arbeiter. Sie arbeitet in einem Kindergarten der „Arbeiter-und-Bauern-Hilfe“ und setzt sich für Gewerkschaftler ein. Im Kindergarten taucht hin und wieder der zwielichtige Usui auf – hat Hiroko den richtigen Riecher, dass dieser Kerl nicht hinter der linken Bewegung steht?

In „Die Banshu-Ebene“ begegnen wir Hiroko wieder. Die Jahre sind ins Land gegangen und Hiroko, deren Ehemann noch immer inhaftiert ist, erlebt in der Evakuierung die Kapitulation Japans am 15. August 1945. In Rückblenden erfährt der Leser, wie es ihr und ihrem Ehemann zwischenzeitlich ergangen ist. Als sie Post von ihrer Schwiegermutter erhält, dass Hirokos Schwager als vermisst gilt, schlägt sich Hiroko in die Heimat ihres Ehemanns durch, um der alten Schwiegermutter beizustehen. Sie ist rechtzeitig zur Stelle, als eine Überschwemmung das Haus der Schwiegermutter heimsucht. Als sie erfährt, dass am 10. Oktober 1945 die politischen Häftlinge entlassen werden, hält Hiroko nichts mehr: Sie muss nach Tokio, denn sie ist sich sicher, dass ihr Jukichi sie dort suchen wird. Aufgrund von Überschwemmungen und Kriegsschäden sind die Bahnstrecken kaum befahrbar. Doch irgendwie muss es Hiroko nach Tokio schaffen – immerhin war ihr Ehemann zwölf lange Jahr inhaftiert und nun ist das lang ersehnte Wiedersehen in Freiheit zum Greifen nahe.

„Fuchiso“ setzt ein, als es Jukichi endlich geschafft hat, Hiroko in Tokio aufzuspüren. Zuerst scheint es, als ob die beiden endlich ein harmonisches Eheleben führen könnten. Doch Hiroko ist über die lange und harte Zeit des Alleinlebens zu einer starken Frau geworden, was Jukichi missfällt. Er wirft ihr vor; wie die Protagonistin einer Erzählung Akutagawas zu wirken, wie eine eigensinnige und starrköpfige Witwe. Jukichi wiederum ist zart besaitet und verträgt Hirokos Scherze über seine Qualität als Ehemann nicht. Trotzdem können sich beide wieder zusammenraufen, während Jukichi sich für die Zeitschrift Akahata und den Aufbau der Kommunistischen Partei engagiert.

Yuriko Miyamoto gibt mit ihren Erzählungen einen intensiven, höchst interessanten und manchmal schockierenden Einblick in das Leben der politischen Gefangenen und deren Angehörigen während der Gültigkeit des berüchtigten Gesetzes zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Friedens, das Verhaftungen Andersdenkender legitimierte. Yuriko Miyamoto hatte die unmenschlichen Haftbedingungen am eigenen Leib erlebt und einen lebensgefährlichen Hitzschlag erlitten, dessen Folgen ihre Gesundheit fortan beeinträchtigten. Dennoch sprechen aus ihren Erzählungen die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Jukichi und eine enorme Standhaftigkeit:

„Wenn jemand in den Krieg geschickt wird und über seinen Verstümmelungen sogar das Vertrauen zur Liebe verliert, so ist das schlimmer, als in kleine Stücke zerschnitten zu werden. Standhaft sein! Tapfer sein!“ (S. 125 f.)
Bibliographische Angaben:
Miyamoto, Yuriko: „Die Banshu-Ebene“, Aufbau, Berlin 1960

Mittwoch, 5. September 2012

„Romanze östlich des Sumidagawa“ von Kafu Nagai

Der Flaneur Kafu Nagai in seinem ureigensten Element: Er lässt seinen Protagonisten und Alter-Ego Tadasu Oe im Jahr 1936 durch das Tokioter Rotlichtviertel Tamanoi streifen. Tadasu ist freilich Autor und freilich auf Recherchetour für eine Erzählung, die von dem pensionierten Lehrer Taneda handeln und „Untergetaucht“ heißen soll. Denn Taneda will seinem lieblosen Familienleben entfliehen und bei der jungen Kellnerin Sumiko untertauchen. Zufällig lernt Tadasu während eines Spaziergangs durch Tamanoi die Prostituierte O-Yuki kennen. Sie erinnert ihn an die alten Edo-Zeiten und bald ist er Stammgast von O-Yuki. Sie wiederum ersehnt Tadasus Besuche ebenfalls.

Die Romanze des Romans steht jedoch nicht wirklich im Vordergrund. „Romanze östlich des Sumidagawa“ gleicht vielmehr einer Collage: Tadasu streift durch Tamanoi und beschreibt die Örtlichkeiten und die geschichtliche Entwicklung der Rotlichtviertel Tamanoi und Yoshiwara. Kafu Nagai setzt seinen verstorbenen Freunden ein Denkmal, indem er Anekdoten über sie erzählt. Er übt Kritik am aufkeimenden, übersteigerten Nationalismus. Er trauert den guten, alten Edo-Zeiten nach. Und er erzählt mit „Untergetaucht“ eine Geschichte in der Geschichte. Das macht „Romanze östlich des Sumidagawa“ zu einem sehr abwechslungsreichen Roman, der dadurch jedoch ohne stringente Handlung und ohne Höhepunkt auskommen muss. Da als Fortsetzungsroman in einer Zeitung erschienen, ist die Romanze sehr episodenhaft. Alles in allem ist „Romanze östlich des Sumidagawa“ für manch einen sicherlich etwas gewöhnungsbedürftig. Doch das Abtauchen in die fremde Welt des Tokioter Rotlichtviertels, das nicht exotisiert wird, erscheint so zugänglich, als sei man zusammen mit Kafu Nagai auf Erkundungstour.

Dank des hervorragenden Nachworts von Barbara Yoshida-Krafft werden der Autor Kafu Nagai vorgestellt und sein Sinn für Ästhetik und sein Schreibstil intensiv dargestellt. So soll der Autor während des Jahres 1936 wohl tatsächlich eine Beziehung zu einer jungen Prostituierten unterhalten haben. Im Sinne des japanischen Ich-Romans, der authentische, vom Autor selbst erlebte Situationen schildert, wäre dies alles andere als abwegig.

Wer mehr über Kafu Nagai erfahren will, dem sei „Tagebuch. Das Jahr 1937“ ans Herz gelegt. Der passionierte Tagebuchschreiber streift natürlich wieder durch Tokio und hat gerade eben erst „Romanze östlich des Sumidagawa“ veröffentlicht.

Bibliographische Angaben:
Nagai, Kafu: „Romanze östlich des Sumidagawa“, Insel, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-458-16576-2

Freitag, 29. Juni 2012

„Die Rote Bande von Asakusa“ von Yasunari Kawabata

„Asakusa ist ein einziges großes Irrenhaus.“ (S. 136)

Sagt das Alter Ego des Autors Yasunari Kawabata über den Stadtteil Asakusa, in dem sich die Rote Bande herumtreibt. Er begleitet die Gruppe aus jugendlichen Herumsträunern, die sich vornehmlich um die verrückte Yumiko scharen, die auch schon mal ein paar Kügelchen Arsen schluckt – damit ihr Teint die richtige Farbe bekommt – und sich allerlei Verkleidungen ausdenkt, um die Leute an der Nase herumzuführen.

Doch nicht nur die Rote Bande bevölkert Asakusa: Bettler, Obdachlose, Ausreißer, Varieté-Tänzerinnen, Artisten, Prostituierte, Betrüger, vergnügungssüchtiges Volk tummeln sich in dem Stadtviertel, das sein europäisches Äquivalent im Pariser Montmartre findet. Westliche Einflüsse treffen hier auf japanische Traditionen – und doch ist die Rote Bande einem alt-ehrwürdigen Ehrenkodex verhaftet.

Der Erzähler setzt unwillkürlich ein Spotlight auf ein Plätzchen in Asakusa und berichtet dann von den eigenwilligen Machenschaften von Yumiko, Kurzhaar-O-Soundso, Silberkatzen-Umeko oder Linkshänder-Hiko. Überhaupt wird mit den Begriffen „links“ und „rot“ gern gespielt, jedoch ohne dass „Die Rote Bande von Asakusa“ als linke Literatur begriffen werden kann. Stakkatohaft werden die Eindrücke teilweise wiedergegeben, unter anderem wenn der Erzähler aus Programmheften und Anschlägen abliest. So ist wohl auch das Tempo generell rapide in Asakusa.

„Die Rote Bande von Asakusa“ liest sich ungewöhnlich, fragmentarisch. Doch wie soll man dem Kaleidoskop Asakusa auch besser gerecht werden? Hat man sich erst ein bisschen eingelesen, lässt einen die Faszination für Asakusas 20er/30er Jahre nicht mehr los. Welch ein turbulentes Lesevergnügen!

Fans von Yasunari Kawabatas Klassikern wie „Schneeland“ wird „Die Rote Bande von Asakusa“ jedoch eher enttäuschen – der Erzählstil könnte fast nicht gegensätzlicher sein.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Die Rote Bande von Asakusa“, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 978-3-458-16969-7 

Montag, 4. Juni 2012

„Tagebuch. Das Jahr 1937“ von Kafu Nagai

Wer wollte nicht schon einmal in den Alltag eines hauptberuflichen, berühmten Schriftstellers hineinschnuppern? Mit „Tagebuch. Das Jahr 1937“ erhält man die einmalige Gelegenheit den Autor Kafu Nagai zu begleiten. Mit 1937 hat sich die Übersetzerin Barbara Yoshida-Krafft ein ganz besonderes Jahr im Leben des passionierten Tagebuchschreibers Kafu Nagai ausgesucht: Sein Roman „Romanze östlich des Sumidagawa“ ist gerade erschienen. Seine Mutter liegt im Sterben, was Erinnerungen an den Streit mit seiner Familie heraufbeschwört. Und das Grollen des Krieges wird immer lauter. Aus Protest lehnt Kafu Nagai offizielle Ehren ab. Doch auch ansonsten ist der Autor eher verschlossen: Selbst Privatleuten mag er die Bücher nicht signieren. Klingelt es an der Tür wird vorsichtshalber nicht aufgemacht, es könnte ja ein nerviger Journalist ein Interview machen wollen.

Viel wohler als zu Hause scheint sich Kafu Nagai zu fühlen, wenn er sich in Tokio herumtreibt. So besucht und fegt er die Gräber von Berühmtheiten und bekannten Prostituierten und macht Fotos seiner Stadt, die er selbst entwickelt. Ins Freudenviertel zieht es ihn sowohl privat als auch zur Recherche. Doch leider scheitert er an der Erzählung, die er gerne über das Rotlichtmilieu geschrieben hätte. Und dann gibt es noch ein, zwei Stammkneipen, in denen er sich mit seinen Bekannten regelmäßig trifft.

Mit geradezu distanzierten, knappen Worten beschreibt Kafu Nagai seine Tage. Meist beginnen die Einträge, die zur Veröffentlichung bestimmt waren, mit der Wetterbeschreibung. Auch wenn manche Tage so gar nichts Neues bringen, zieht Kafu Nagais Alltag den Leser in seinen Bann: Ein authentisches Stück Zeitgeschichte offenbart ein Tokio auf dem Weg in die Moderne.

Freitag, 18. Mai 2012

„Scharlachrot“ von Ineko Sata

Bücher über Trennungen sind nie sonderlich gemütlich zu lesen und auch alles andere als erbaulich. Doch „Scharlachrot“ von Ineko Sata ist nicht nur eine biographisch gefärbte Geschichte über eine Trennung: Sie ist ein Zeitzeugnis und vermittelt die Probleme von japanischen Frauen auf dem Weg in ein emanzipiertes, selbst bestimmtes und gleichberechtigtes  Leben in einer Zeit des Umbruchs. Zudem gibt sie einen Einblick in das Leben der Autoren der proletarischen Literaturbewegung.

Ineko Satas Protagonistin Akiko ist ihr Alter-Ego. Auch die anderen Charaktere haben ihren realen Gegenpart: Hinter Akikos Ehemann Kosuke verbirgt sich Ineko Satas zeitweiliger Ehemann Tsurujiro Kubokawa. Akikos Freundinnen Kishiko und Masae stehen für die Autorinnen Yuriko Miyamoto und Sakae Tsuboi.

In den 30er Jahren sind die Autoren der proletarischen Literaturbewegung politischer Verfolgung ausgesetzt. Akikos Ehemann Kosuke wird für zwei Jahre inhaftiert. Daher obliegt es Akiko, mit Schreiben Geld zu verdienen und ihre Familie über Wasser zu halten. Als Kosuke aus der Haft entlassen wird, hat sich Akiko als Schriftstellerin einen Namen gemacht und er hat den Eindruck, hinter ihrem Schaffen zurück geblieben zu sein. Statt sich kreativ zu befruchten, kämpfen beide künftig in schriftstellerischer Rivalität gegeneinander an. Hinzu kommt Akikos Verunsicherung in ihrer Rolle als Frau: Einerseits verkörpert sie einen bisher ungewöhnlichen, modernen und emanzipierten Frauentyp, der arbeiten geht und ein eigenes Auskommen hat; sprich: sich als gleichberechtigt zum Mann sieht. Andererseits sehnt sie sich nach Kosukes Liebe, was in Kontrast zu ihren Unabhängigkeitsbestrebungen steht. Als Kosuke fremdgeht, hadert sie mit ihrem Schicksal: Wenn sie nicht zu schreiben begonnen hätte, wäre sie vielleicht in ihrer unterwürfigen, klassischen Rolle als Ehefrau aufgegangen und hätte Kosuke nicht in die Arme einer anderen Frau getrieben.

Zudem erhält der Leser einen kleinen Einblick in das Leben der Autoren: Nicht nur Kosuke, sondern auch Akiko als auch deren Freundin Kishiko werden wegen der gesellschaftskritischen Inhalte ihrer Werke inhaftiert. Finanziell hangeln sie sich von Auftrag zu Auftrag. In dem 1936 erschienen Roman „Scharlachrot“ wird aus Angst vor Veröffentlichungsverbot vieles rund um die Probleme der Arbeiter nur angedeutet.

Ineko Satas Roman wirkt zwar etwas zermürbend, aber der direkte Einblick in eine Zeit der Umwälzung des Rollenverständnisses von Frau und Mann ist heutzutage immer noch spannend, wenngleich zur Zeit der Veröffentlichung gar revolutionär.

Montag, 25. Juli 2011

„Eine Klinik in Tokyo“ von Shusaku Endo

Der Titel „Eine Klinik in Tokyo“ ist für den Roman von Shusaku Endo glatt etwas zu kurz gegriffen. Denn einerseits wird die Geschichte von Eiichi, einem Arzt in besagter Klink, erzählt, doch den Erinnerungen von Eiichis Vater Ozu wird fast noch mehr Platz eingeräumt: Anfang der 30 Jahre besucht Ozu die Mittelschule und verlebt mit seinem besten Freund Plattfisch eine bittersüße Jugend – beide sind verliebt in dasselbe Mädchen und unternehmen stümperhafte Versuche, ihr näher zu kommen. Als der zweite Weltkrieg beginnt, wird Plattfisch zuerst eingezogen. Ozu ist voererst noch zurückgestellt, muss sich dann aber auch zum Kriegsdienst melden. Die beiden Freunde werden sich nie wiedersehen.

Eiichi, Ozus Sohn, ist angewidert von der Kriegsgeneration mit ihrer antiquierten Weltanschauung. Fortschrittsglaube und Karrierebewusstsein prägen Eiichi. Es ist unausweichlich, dass es zu Spannungen zwischen Eiichi und Ozu kommt, die unter einem gemeinsamen Dach wohnen. Verschärft wird der Generationskonflikt, als eine Frau als Eiichis Patientin ins Krankenhaus eingeliefert wird, die Ozu einst aus der Ferne anschwärmte.

Shusako Endo hat mit „Eine Klinik in Tokyo“ ein ihm wohlbekanntes Setting und ihm geläufige Krankheitsbilder gewählt: Jahrelang lag er selbst mit einem Lungenleiden im Krankenhaus.

„Eine Klinik in Tokyo“ ist ein Roman, der Wehmut macht: Wehmut nach der sorgenfreien Schulzeit, Wehmut nach einer verlorenen Jugend, Wehmut nach den kleinen Dingen im Leben und Wehmut nach Freunden, die man mit der Zeit verliert. Die junge Generation erscheint neben der Kriegsgeneration oberflächlich und karrieregeil, auch wenn es idealistische Ausnahmen gibt.