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Donnerstag, 7. November 2019

"Der Revolver" von Fuminori Nakamura

Fuminori Nakamuras "Der Revolver" ist die Geschichte einer Besessenheit: Der Student und Protagonist Nishikawa findet an einem schauerlichen Regentag unter einer Brücke einen Revolver - neben einem mutmaßlichen Selbstmörder aus dem Yakuza-Milieu. Der Revolver zieht in magisch an und so entwendet Nishikawa die Waffe kurzerhand vom Tatort. Zu Hause genießt er es, den Revolver zu berühren, ergötzt sich an der funktionalen Schönheit des Werkzeugs des Todes.

Allein durch den Besitz des Revolvers nimmt Nishikawas Leben neue Fahrt auf. Der Revolver wirkt auf ihn wie eine Droge, die ihn high macht und den ehemals faden Alltag glänzen lässt.

Doch irgendwann drängt es ihn, einen Schritt weiter zu gehen: Wann und wie lässt sich ein Abfeuern der Waffe denn endlich realisieren? Nishikawa merkt sehr wohl, dass er von dem Revolver besessen ist. Doch er vermag nicht, sich von ihm zu trennen. Zu schrecklich ist die Vorstellung, dass er in sein früheres, langweiliges Leben zurückkehren müsste, wenn er den Revolver nicht mehr sein Eigen nennen könnte.

Die Bestimmung der Waffe, zum Töten verwendet zu werden, dringt immer stärker in Nishikawas Bewusstsein. Wird sich Nishikawa gegen die Macht des Revolvers behaupten können?

Die Lektüre von Fuminori Nakamuras "Der Revolver" hat Spaß gemacht. Ein Nobody gerät in den Sog einer gefährlichen Macht. Wird es ihm gelingen, sich zu retten? Auch wenn der Roman nur partiell spannend ist, überträgt sich ein gewisses Flirren von Nishikawas Besessenheit auch auf den Leser. Und das Ende des Romans: sensationell!

Bibliographische Angaben:
Nakamura, Fuminori: "Der Revolver" (Übersetzung aus dem Japanischen: Eggenberg, Thomas), Diogenes, Zürich 2019, ISBN 978-3-257070613

Samstag, 24. September 2016

„Der Bergmann“ von Soseki Natsume

Vor 100 Jahren starb Soseki – anlässlich dieses hundertsten Todestages veröffentlicht der Bebra Verlag den Roman „Der Bergmann“. Auch wenn der Ich-Erzähler im Werk an diversen Stellen immer wieder darauf hinweist, dass sein literarischer Erguss gar kein Roman sein kann, so kann dennoch vermutet werden, dass dies eher als eine kritische Spitze gegen den in der Meiji-Zeit idealisierten Ich-Roman zu verstehen ist.

Auch der Titel führt ein bisschen in die Irre. Denn in dem Roman geht es im Kern keinesfalls um das harte Leben eines Bergmanns. Vielmehr ist da ein 19-jähriges, verwöhntes Bürschlein aus Tokio, das aufgrund von unglückseligen Liebesbeziehungen von zu Hause ausbüchst. Eigentlich will er Selbstmord begehen, aber im entscheidenden Moment macht er doch immer wieder einen Rückzieher. Daher will er sich zumindest an einen möglichst abgeschiedenen Ort begeben, um im Dunkeln dahin zu darben.

Doch kaum ein paar Stündchen unterwegs, trifft er auf Chozo, der als Schlepper fürs Bergwerk fungiert. Im Ich-Erzähler findet Chozo ein williges Opfer für seinen Anheuerungsversuch: Wo, wenn nicht im Bergwerk, ist der Tod so nahe und das Dunkel so undurchdringlich? Ohne viel nachzudenken willigt der Ich-Erzähler ein – Chozo verfrachtet ihn schließlich mit zwei weiteren angeworbenen jungen Männern direkt ins Bergwerk.

Für den Ich-Erzähler brechen harte Tage an: Als verwöhntes Söhnchen aus Tokio zieht er den Spott der abgehärteten Bergmänner auf sich. Die Bettwanzen verhindern das gemütliche Einschlafen. Zu Essen gibt es nur billigen Reis, der wie Mörtel schmeckt. Und dann ist da natürlich auch noch das Bergwerk, in dem unter widrigsten Bedingungen härteste Arbeit verrichtet werden muss.

Einerseits fließen diverse psychologische Betrachtungen in den Roman mit ein, wie z.B. ob es einen festen Charakter einer Person gibt. Andererseits entbehren die Schilderungen auch nicht einer gewissen Komik, die dem Leser ein Grinsen ins Gesicht zaubern.

Der Übersetzer Franz Hintereder-Emde bettet in seinem Nachwort den Roman in den historischen Kontext ein (alternativ für Interessierte gibt es hier einen Text des Übersetzers als PDF): Etwa ein gutes, halbes Jahr vor der Veröffentlichung des Fortsetzungsromans in der Zeitung Asahi fanden der Kupfermine von Ashio Unruhen statt. Die Arbeiter protestierten gegen die Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein Zeitzeuge suchte Soseki auf, um Informationen für eine Geschichte zu den Unruhen und dem Leben als Bergmann zu verkaufen.

Eigentlich war für die Asahi der Roman „Frühling“ von Toson Shimazaki vorgesehen gewesen. Doch der Autor konnte nicht pünktlich liefern. Bei der Asahi musste die Literaturseite daher schleunigst anderweitig gefüllt werden. Soseki, der damals erst kurz bei der Asahi arbeitete, sprang ein und kreierte 96 Kapitel(chen) von „Der Bergmann“.

Sozialkritik klingt in dem Roman durchaus an, doch scheint das Werk für Soseki vor allem eine stilistische Spielwiese gewesen zu sein. Auch wenn aus der Ich-Perspektive geschrieben wird, so ist „Der Bergmann“ eben kein Ich-Roman im typischen Sinne.

Die humoristischen Betrachtungen, die psychologischen Reflexionen, die Coming-of-Age-Story und die Beschreibungen des Lebens der Bergmänner ergeben einen äußerst facettenreichen Roman, der leider viel zu schnell ausgelesen ist.

Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Der Bergmann“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Franz Hintereder-Emde), Bebra, Berlin 2016, ISBN 978-3-86124-920-7

Freitag, 13. März 2015

„Der Gast im Garten“ von Takashi Hiraide

Ende der 80er bezieht der Ich-Erzähler, hinter dem niemand anderes als der Autor Takashi Hiraide selbst steht, zusammen mit seiner Ehefrau ein Gartenhaus in der Blitzgasse. Die Blitzgasse, die sicherlich einen anderen offiziellen Namen trägt, wird so wegen ihrer Form, die an einen Blitz erinnert, genannt. Für das Ehepaar ist es ein Neuanfang: Ausgelaugt fliehen sie aus Tokio in das ruhige Gartenhaus in einem Vorort. Hier kommt der Ich-Erzähler zu einem wegweisenden Entschluss: Seinen eintönigen, unbefriedigenden Job als Lektor möchte er an den Nagel hängen und sich künftig ganz dem Schreiben eigener Werke widmen.

Bald gehört zu dem kleinen Haushalt auch die Katze Chibi aka Glöckchen wie natürlich dazu. Eigentlich hatte der Nachbarsjunge die Streunerin als seine Katze aufgenommen. Doch Chibi ist ganz Katze und sucht sich ihre Besitzer lieber selbst aus. Mit der exzentrischen Chibi wirken das Gartenhaus und damit die kinderlose Familie endlich komplett.

Doch nichts bleibt ewig wie es ist: Das Schicksal kann niemand beeinflussen; man muss es nehmen, wie es kommt. Da der nebenan wohnende Besitzer des Gartenhauses immer kränker wird, zieht er zusammen mit seiner Ehefrau in ein Altersheim. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Anwesen verkauft wird und die schöne Zeit im Gartenhaus zusammen mit Chibi endet.

In 29 Kapitelchen erzählt Takashi Hiraide mit „Der Gast im Garten“ einen Ich-Roman, der auf wahren Tatsachen beruht. Und auch wenn Chibi einen großen Anteil am Geschehen hat, ist das Werk nicht nur ein Roman für Katzenliebhaber. Denn allerlei Momentaufnahmen sorgen für schöne Eindrücke ganz Abseits von Chibis Existenz: Da ist zum Beispiel die Begegnung mit der Silberlibelle, der der Ich-Erzähler beim Wässern des Gartens zu trinken gibt. Oder die Entdeckung eines Astlochs im Zaun, das als Camera obscura die Geschehnisse hinterhalb des Zauns aufs Küchenfenster projiziert.

Takashi Hiraide, dessen literarische Anfänge im Dichten liegen, gelingt es mit wenigen Worten, zauberhafte Stimmungen heraufzubeschwören. Illustrationen von Quint Buchholz verstärken den luftigen Charakter von „Der Gast im Garten“ zudem.

Sicherlich ist das Thema der Flüchtigkeit des Daseins speziell in der japanischen Literatur kein Untypisches, aber in „Der Gast im Garten“ wird das Sujet so sachte und geradezu spielerisch aufgenommen, dass der knapp 130 Seiten umfassende Roman ein wunderschönes, zart-bitteres Gefühl hinterlässt.

Bibliographische Angaben:
Hiraide, Takashi: „Der Gast im Garten“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Insel, Berlin 2015, ISBN: 978-3-458-17626-8

Montag, 1. Dezember 2014

„Freiwillige Selbsthinrichtung“ von Masahiko Shimada

Seit das Cover von Masahiko Shimadas „Freiwillige Selbsthinrichtung“ im Frühling dieses Jahres feststand, habe ich auf die Veröffentlichung hingefiebert. Jetzt ist es endlich soweit: Der erste ins deutsche übersetzte Roman von dem unkonventionellen Autor Masahiko Shimada ist publiziert – wenn auch der Titel auf den ersten Blick nicht sonderlich Lust aufs Lesen macht. Doch die initiale Assoziation täuscht gewaltig: Der Roman könnte gar nicht weiter weg von depressiven, Selbstmord-geschwängerten Gedankengängen angesiedelt sein, sondern wirkt passagenweise eher wie Slapstick auf Speed.

Masahiko Shimada führt den Protagonisten zunächst als den namenlosen „Mann auf Reisen“ ein; erst später gibt er ihm den Namen Yoshio Kita. Insofern ist Yoshio Kita ein jedermann, der Name ist nicht mehr als ein Platzhalter. Masahiko Shimada spricht in seinem kurzen Nachwort an, dass wahrscheinlich schon jeder – sei es noch so kurz und sei es noch so vage – mit dem Gedanken an Selbstmord gespielt hat. Doch sein Protagonist Kita wird konkret und setzt sich im wahrsten Sinne des Wortes eine Deadline: In einer Woche, am kommenden Freitag, will er aus freiem Entschluss das Zeitliche segnen. In dieser Woche will Kita, der eigentlich gar nicht so genau weiß, wie er sich amüsieren soll, nochmal ordentlich einen drauf machen. Am Grab seines Vaters hat er bereits Abschied genommen, seine verwitwete, allein lebende Mutter möchte er noch ein letztes Mal sehen, aber ansonsten hat er noch keinerlei Pläne für seine letzten Tage geschmiedet.

Eine zufällige Begegnung zieht Kita in einen Strudel von Fremdbestimmtheit, Weibergeschichten, Versicherungsbetrug, Organhandel und Rauschzuständen: Nachdem Kita vom Grab seines Vaters in Dazaifu nach Tokio zurückgekehrt ist, teilt er sich ein Taxi mit dem zwielichtigen Yashiro, der sich zwar als Filmproduzent ausgibt, seine Finger aber in allerhand dunklen Machenschaften hat. Yashiro hat wie ein Bluthund einen Sinn dafür, wie er Kitas selbstmörderische Absichten für sich nutzbar machen kann und nimmt die Fährte auf. Zunächst vermittelt er Kita den Kontakt zu einem Porno-Sternchen und deren Clique. So lernt Kita unter anderem auch Zombie alias Izumi kennen, die als „unsterbliche“ Todeskandidatin in ihrem Freundeskreis bekannt ist. Niemand hat so viele fehlgeschlagene Selbstmordversuche auf dem Buckel wie sie. Mit Zombie und der Pornodarstellerin Mitsuyo begibt sich Kita in ein Onsen und plant mit den beiden seine nächsten Schritte. Was möchte er die letzten Tage seines Lebens noch erleben? Seine Ex-Freundin wiedersehen? Mit dem Starlet, das er anhimmelt, verkehren? Yashiro als Strippenzieher im Hintergrund macht einiges möglich – inklusive einer Erhöhung von Kitas knapper werdendem Budgets durch den Vorabverkauf von Kitas Organen. Doch Kita durchschaut sehr wohl, dass Yashiro ihn fernsteuert und ihm die Freiheit nimmt, seine letzten Tage nach freiem Gusto zu verleben. Zusammen mit dem Starlet verschwindet er; gemeinsam fingieren sie eine Entführung und werden so schnell zu Gejagten.

Auch wenn „Freiwillige Selbsthinrichtung“ kein purer Road-Trip ist, so trifft Kita doch „on the road“ allerhand Menschen, die ihre eigene Meinung und ihre eigenen Geschichten zum Thema Selbstmord haben. Da ist zum Beispiel Zombie, die mehr oder minder aufgrund von Nichtigkeiten Selbstmordversuche begeht und dabei Gott sei Dank immer wieder scheitert. Da ist das Starlet, das durch eine Marketing-Maschinerie gepresst wird, ihren Trost in der Bibel findet und daher Selbstmorde aus religiösen Gründen ablehnt. Da ist der Vater eines Chirurgen, der sich für einen langsamen Selbstmord entschieden hat, indem er sich zu Tode frisst. Da ist das alte Pärchen, das sein Haus verkauft hat, und ziellos durch Japan zieht, um den „Tod am Wegesrand“ zu finden. Masahiko Shimada schreibt in seinem Nachwort zu „Freiwillige Selbsthinrichtung“:

„Jugendlichen, die den Selbstmord mythifizieren […], wollte ich zeigen, Selbstmord ist nur lächerlich, also lasst es!“ (S. 242)

Und tatsächlich beschreibt der Autor Kitas Selbstmordgedanken und die Zeit bis zur Deadline als spaßiges, aber auch spannungsgeladenes Treiben. Doch er zeigt auch auf, dass der Selbstmord in erster Linie grausam, schmerzhaft und sinnlos ist. „Freiwillige Selbsthinrichtung“ wurde laut des Nachworts von Thomas Hackner durch die Erzählung „Leben zu verkaufen“ von Yukio Mishima, dem obersten literarischen Verklärer des Selbstmords, inspiriert. Jedoch verschreibt sich Masahiko Shimada einer Gegenposition zu Mishima.

Auch wenn Selbstmord das zentrale Thema von „Freiwillige Selbsthinrichtung“ ausmacht, streift Masahiko Shimada diverse andere gesellschaftliche Schieflagen: Junge Frauen machen ihren Körper zu Kapital, mit Organen wird Handel getrieben, senile Menschen werden sich selbst und ihrer eigenen Welt überlassen, Nicht-Essen oder Überfressen werden zum Ventil…

So schreibt Masahiko Shimada einen gesellschaftskritischen Roman, der an keiner Stelle langweilig oder dröge ist. Der Autor legt den Finger in so manche Wunde der postmodernen Gesellschaft – jedoch immer in ironischer, manchmal amüsanter Art und Weise. Wer hätte gedacht, dass ein Buch, das dem Selbstmord gewidmet ist, tatsächlich Spaß beim Lesen machen kann. Insofern hat Masahiko Shimada eine Punktlandung hingelegt und seinen eigenen Anspruch bezüglich der Entmystifizierung des Selbstmordkultes voll erfüllt: „Selbstmord ist lächerlich, also lasst es!“ (S. 242)

Bibliographische Angaben:
Shimada, Masahiko: „Freiwillige Selbsthinrichtung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hackner, Thomas), Abera, Hamburg 2014, ISBN 978-3-939876-15-1

Freitag, 20. Juni 2014

„Der Tod des Teemeisters“ von Yasushi Inoue

Ich habe mich ja schon des Öfteren als Fan von Nachworten geoutet. In Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“ vermisse ich das Nachwort besonders arg. Denn der Roman handelt von Rikyu, dem wohl bekanntesten japanischen Teemeister des 16. Jahrhunderts, und setzt sowohl Wissen um die historischen Gestalten voraus, als auch eine Ahnung von dem, was man als „Teeweg“  bezeichnen mag.

Auch wenn mich Shin Nakagawas „Kyoto – Klänge des Kosmos“ ein bisschen enttäuscht hatte, so war ich nun doch ganz glücklich, gute 15 Seiten über Rikyu und seine Philosophie des Teewegs nochmals nachlesen zu können. Dazu aber später gleich noch mehr.

Zurück zu Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“: In sechs Kapiteln lässt der Autor seinen Erzähler Honkakubo zu Wort kommen. Honkakubo diente einst Rikyu, erlebte mehrere Teezeremonien mit und war entsetzt, als sein Meister vom Taiko Hideyoshi in die Verbannung geschickt wurde. Umso schlimmer traf ihn, als der Taiko Rikyu den Befehl zum Seppuku gab – und der Teemeister sich, ohne Einspruch zu erheben, mit dem Schwert selbst richtete. Honkakubo zog sich daraufhin in die Einsamkeit zurück. Jahre später begegnet dieser ehemalige Gehilfe alten Bekannten und wird mit den alten Fragen konfrontiert: Warum gab Hideyoshi dem Teemeister den Befehl zum Seppuku? Warum wählte Rikyu den Tod, ohne sich zu verteidigen? Wer waren die beiden anderen Männer, die einst mit Rikyu darüber diskutierten, dass nur der Tod alles auslöschen könne? Traf sie das gleiche Schicksal wie Rikyu?

So spannt Yasushi Inoue eine fremde Welt für die Leser auf: Samurai, die in einer Teezeremonie Abschied von der Welt nehmen, bevor sie in eine Schlacht ziehen, aus der sie wahrscheinlich nicht lebend zurückkehren. Ein Teemeister, der den Weg des Tees zur Religion erhebt. Die Welt der Teezeremonie, die sich unter Rikyu vom vergnüglichen Gelage zur ernsthaften Kontemplation wandelte. Ein unergründlicher Taiko und politische Intrigen.

Als Leser ahnt man jedoch nur, was dieser Teeweg denn so sein könnte. In Shin Nakagawas „Kyoto – Klänge des Kosmos“ wird die Nähe zum Zen etwas deutlicher dargestellt (vgl. S. 81): Denn in der kleinen Klause eines Teezimmers versetzt sich der Teemensch in die Lage eines Einsiedlers, der sich ganz der Kontemplation hingibt. Laut Shin Nakagawa verlor sich in der Rikyu’schen Teezeremonie gar die gesellschaftliche Stellung des Gastes – was dem Taiko Hideyoshi freilich mehr als missfallen haben mag. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Rikyu keinesfalls um Gnade beim Taiko bitten konnte. Denn nur mit dem Seppuku konnte der bürgerliche Rikyu seine eigenen Wertvorstellungen durchsetzen (vgl. S. 83). Dies deckt sich dann auch mit Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“, wenn Honkakubu einen letzten Dialog zwischen dem Taiko und Rikyu halluziniert und Rikyu (= Soeki) folgende Worte in den Mund legt, bevor sich der Teemeister ins Schwert stürzen wird:

„Also kann ich als Anhänger des Teewegs nichts anderes tun, als ebenfalls mein Schwert zu ziehen. Ebenso wie Ihr, mein Fürst, gewisse Dinge wahren müsst, muss ich, Soeki, als Teemeister das Meine bewahren. […] Dass Ihr Ihr werden müsst und ich, Soeki, Soeki werden muss, allein das zählt.“ (S. 154)

Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Der Tod des Teemeisters“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Suhrkamp, Frankfurt/Main 2008, ISBN 978-3-518-46025-2

Montag, 19. August 2013

„Schwimmen mit Elefanten“ von Yoko Ogawa

„Größerwerden ist eine Tragödie.“ (S. 250) – zu dieser Einsicht ist der Junge gekommen, der sich Kleiner Aljechin nennt und daraufhin beschließt, nicht mehr zu wachsen. Denn konnte nicht das Elefantenbaby, das seinerzeit auf einem Kaufhausdach aufgewachsen ist und schließlich zu groß für den Fahrstuhl geworden war, nicht mehr ins Erdgeschoss zurückkehren und musste sein Leben auf der Terrasse verbringen? Oder war sein Schachlehrer nicht schon fast zu dick geworden, um den Bus, in dem er wohnte, zu verlassen? Und was ist mit Miira, die als Kind in einen Spalt zwischen zwei Wohnhäuser gefallen war und nun dazu verdammt war, in der Enge weiterzuleben? Aber eigentlich mag der Junge es ja ganz gern beengt. Gut, dass sein Großvater so verständig ist und ihm einen abgeschlossenen Alkoven für sein Bett errichtet hat – denn hier fühlt sich der Kleine Aljechin besonders wohl.

Abgesehen von seinen imaginierten Freunden Miira und dem Elefanten Indira hat der Junge keinen Anschluss. Doch eines Tages lernt er seinen Meister kennen – der Hausmeister mit einem ungezügelten Appetit auf Süßigkeiten lehrt dem Jungen das Schachspielen und begeistert ihn für die Faszination des Schachs. Hier entfaltet der Junge, der ein Poet auf dem Schachbrett wie der legendäre Spieler Aljechin ist, ein großes Talent und wagt sich das erste Mal hinaus auf einen Ozean der unbeschränkten (Zug-)Möglichkeiten. Doch auch beim Spielen zeigt sich, dass der Kleine Aljechin den Rückzug als Sicherheit benötigt: Statt vor dem Schachbrett zu sitzen, liegt er lieber darunter. Was auch seinen Eintritt in einen renommierten Schachclub behindern soll.

Gut, dass es selbst für den Kleinen Aljechin einen passenden Job gibt. Da er so kleinwüchsig ist, passt er perfekt in einen Schachautomaten, der den Spielern vorgaukeln soll, sie würden gegen eine Maschine spielen. Hier assistiert dem Jungen ein Mädchen, das seiner imaginierten Freundin Miira aufs Haar gleicht – endlich findet der kleine Aljechin wieder eine Freundin aus Fleisch und Blut. Doch bald wird der Junge empfindlich aus seinem Alltag gerissen.

Yoko Ogawa ist mit „Schwimmen mit Elefanten“ ein wehmütiges Märchen gelungen. Wer kann es dem Kleinen Aljechin verübeln, wenn er für sich die Zeit anhalten mag, in einer geschützten Atmosphäre agieren will. Erst im Schachspiel wird er wagemutig und stellt sich multioptionalen Möglichkeiten. So findet der Junge seine Berufung.

Und sicherlich lebt der Roman nicht nur von der Darstellung des Protagonisten. Wieder einmal zeichnet Yoko Ogawa verschrobene Charaktere, die in „Schwimmen mit Elefanten“ besonders liebenswert sind: Die Großmutter, die seit dem Tod der eigenen Tochter permanent ein bestimmtes, zwischenzeitlich völlig derangiertes Geschirrtuch als Talisman mit sich herumträgt. Der dicke Schachlehrer, der die besten Süßspeisen zubereiten kann. Miira, die immer eine Taube auf der Schulter sitzen hat… So ist nicht nur das Schachspiel des Kleinen Aljechins von Poesie geprägt – sie findet sich überall in dem zauberhaften Roman von Yoko Ogawa wieder.

Bibliographische Angaben:
Ogawa, Yoko: „Schwimmen mit Elefanten“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Liebeskind, München 2013, ISBN 978-3-95438-013-8

Sonntag, 20. Januar 2013

„Dialoge in der Dunkelheit“ von Ryunosuke Akutagawa

Ryunosuke Akutagawa beging 1927 Selbstmord. Sein Text „Dialoge in der Dunkelheit“ aus dem gleichen Jahr schildert seinen Kampf mit den inneren Dämonen in Dialogform und thematisiert unter anderem einen möglichen Freitod und Akutagawas Wunsch nach innerem Frieden.

Darüber hinaus beinhaltet der ebenfalls „Dialoge in der Dunkelheit“ betitelte Band 16 weitere Texte: „Zehn Nadelstiche“ gleicht einer Spruchsammlung, in der Ryunosuke Akutagawa mit seinen Mitmenschen und hochtrabenden Träumen hart ins Gericht geht.

„Ein Sozialist“ beschreibt den Werdegang eines einst begeisterten Sozialisten, der sich nach seiner Familiengründung mehr und mehr in der gesellschaftlichen Mitte verortet und nur in einer romantisierenden Rückschau seinen Überzeugungen der Jugendjahre gedenkt:

„Auch jetzt sitzt er in seinem Korbsessel, genießt eine Zigarre und erinnert sich seiner Jugendzeit – menschlich, vielleicht allzu menschlich“ (S. 92)

Mit „Im Asakusa-Park“ schreibt Ryunosuke Akutagawa gar ein Drehbuch für einen surrealistisch anmutenden Kurzfilm, an dem Salvador Dali seine Freude gehabt hätte.

„Das bisherige Leben des Daidoji Shinsuke“ bricht einfach ab; bleibt unvollendet, nachdem unter anderem Shinsukes Qual geschildert wird, als Junge aus der unteren Mittelschicht seine geringen finanziellen Mittel möglichst zu verschleiern zu versuchen.

In „Beschriebene Blätter“ klingen gar emanzipatorische Töne an. Dem Autor fällt ein Brief einer unbekannten, jungen Frau in die Hände, die sich über das Schicksal der Frauen beklagt, die aufgrund schlechter Ausbildung eine Ehe als Versorgungsgemeinschaft eingehen und ihre eigenen Wünsche zurückstellen müssen. Ryunosuke Akutagawa kennt das Problem aus einer anderen Warte:

„Ich warf die Blätter in die Schublade meines Schreibtischs, wo bereits meine eigenen Träume, in einem Stapel alter Briefe, allmählich vergilbten…“ (S. 50)

Der Klappentext von Ryunosuke Akutagawas „Dialoge in der Dunkelheit“ verspricht nicht zuviel, wenn von „experimentierfreudige[r] stilistische[r] Vielfalt“ und der „sprachlichen Eleganz“ des Autors die Rede ist. Sicherlich sind die Texte aber eher in Häppchen zu genießen, als an einem Nachmittag durchzulesen.

Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Dialoge in der Dunkelheit“, Iudicium, München 2010, ISBN 978-3-86205-009-3

Donnerstag, 19. Juli 2012

„Die sinkende Sonne“ von Osamu Dazai

Die Nachkriegsjahre versprechen für eine Adelsfamilie nichts Gutes: Der Sohn Naoji ist noch nicht von der Armee zurückgekehrt und gilt als vermisst. Die verwitwete Mutter muss zusammen mit der Tochter Kazuko den angestammten Familiensitz verlassen – mangels Einkünfte wird das Haus in Tokio verkauft. Stattdessen ziehen die beiden Frauen in ein kleines, abgeschiedenes Häuschen auf der Halbinsel Izu. Die Mutter beginnt ihren Lebensmut zu verlieren und harrt primär aus, um die Rückkehr des Sohnes abzuwarten.

Doch als Naoji endlich zurückkehrt, gestaltet sich das Zusammenleben zu dritt immer schwieriger. Das Geld wird knapper und knapper. Nach dem Willen eines Onkels soll Kazuko verheiratet oder zum Arbeiten in eine andere Familie geschickt werden. Naoji treibt sich mit seinen Schriftstellerkollegen in Tokio herum und verprasst Geld beim Saufen. Schließlich steht es um die Gesundheit der Mutter immer schlechter – sie stirbt als eine der letzten noblen Aristokratinnen Japans.

Naoji führt sein Lotterleben weiter, bis er diesem endgültig ein Ende setzt. Kazuko hingegen fühlt sich zu Liebe und Revolution berufen und bricht auf in eine selbstbestimmte Zukunft fernab der Konventionen.

Naoji gebührt nicht die Hauptrolle in „Die sinkende Sonne“. Kazuko ist die zentrale Figur, die ganz auf sich allein gestellt ihren Weg in der modernen Gesellschaft sucht und hoffentlich findet. Als Vorlage diente dem Autor Osamu Dazai das Tagebuch der Adeligen Shizuko Ota, mit der er eine Affäre und die gemeinsame Tochter Haruko hatte. Damit klärt sich auch die Frage, wie der Autor heißt, von dem sich Kazuko unbedingt ein Kind wünscht...

Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: „Die sinkende Sonne“, Hanser, München 1958

Freitag, 18. Mai 2012

„Scharlachrot“ von Ineko Sata

Bücher über Trennungen sind nie sonderlich gemütlich zu lesen und auch alles andere als erbaulich. Doch „Scharlachrot“ von Ineko Sata ist nicht nur eine biographisch gefärbte Geschichte über eine Trennung: Sie ist ein Zeitzeugnis und vermittelt die Probleme von japanischen Frauen auf dem Weg in ein emanzipiertes, selbst bestimmtes und gleichberechtigtes  Leben in einer Zeit des Umbruchs. Zudem gibt sie einen Einblick in das Leben der Autoren der proletarischen Literaturbewegung.

Ineko Satas Protagonistin Akiko ist ihr Alter-Ego. Auch die anderen Charaktere haben ihren realen Gegenpart: Hinter Akikos Ehemann Kosuke verbirgt sich Ineko Satas zeitweiliger Ehemann Tsurujiro Kubokawa. Akikos Freundinnen Kishiko und Masae stehen für die Autorinnen Yuriko Miyamoto und Sakae Tsuboi.

In den 30er Jahren sind die Autoren der proletarischen Literaturbewegung politischer Verfolgung ausgesetzt. Akikos Ehemann Kosuke wird für zwei Jahre inhaftiert. Daher obliegt es Akiko, mit Schreiben Geld zu verdienen und ihre Familie über Wasser zu halten. Als Kosuke aus der Haft entlassen wird, hat sich Akiko als Schriftstellerin einen Namen gemacht und er hat den Eindruck, hinter ihrem Schaffen zurück geblieben zu sein. Statt sich kreativ zu befruchten, kämpfen beide künftig in schriftstellerischer Rivalität gegeneinander an. Hinzu kommt Akikos Verunsicherung in ihrer Rolle als Frau: Einerseits verkörpert sie einen bisher ungewöhnlichen, modernen und emanzipierten Frauentyp, der arbeiten geht und ein eigenes Auskommen hat; sprich: sich als gleichberechtigt zum Mann sieht. Andererseits sehnt sie sich nach Kosukes Liebe, was in Kontrast zu ihren Unabhängigkeitsbestrebungen steht. Als Kosuke fremdgeht, hadert sie mit ihrem Schicksal: Wenn sie nicht zu schreiben begonnen hätte, wäre sie vielleicht in ihrer unterwürfigen, klassischen Rolle als Ehefrau aufgegangen und hätte Kosuke nicht in die Arme einer anderen Frau getrieben.

Zudem erhält der Leser einen kleinen Einblick in das Leben der Autoren: Nicht nur Kosuke, sondern auch Akiko als auch deren Freundin Kishiko werden wegen der gesellschaftskritischen Inhalte ihrer Werke inhaftiert. Finanziell hangeln sie sich von Auftrag zu Auftrag. In dem 1936 erschienen Roman „Scharlachrot“ wird aus Angst vor Veröffentlichungsverbot vieles rund um die Probleme der Arbeiter nur angedeutet.

Ineko Satas Roman wirkt zwar etwas zermürbend, aber der direkte Einblick in eine Zeit der Umwälzung des Rollenverständnisses von Frau und Mann ist heutzutage immer noch spannend, wenngleich zur Zeit der Veröffentlichung gar revolutionär.

Sonntag, 22. April 2012

„Die Frau in den Dünen“ von Kobo Abe

Ein passionierter Insektensammler verlässt die Stadt Richtung Meer. Dort hofft er, eine bisher unentdeckte Insektenart ausfindig zu machen. Er als Entdecker würde das Insekt benennen dürfen und damit unsterblich werden.

Doch statt selbst einen legendären Fang zu machen, geht er den Bewohnern des strandangrenzenden Dorfes in die Falle: Da er die letzte Möglichkeit verpasst hat, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück zu fahren, beschließt der Mann, im Dorf zu übernachten. Die Bewohner zeigen sich zuvorkommend und führen in zu einem tiefen Sandloch, auf dessen Grund sich ein von einer allein stehenden Frau bewohntes Haus befindet. Mit einer Strickleiter erreicht der Mann den Grund des Sandlochs und verbringt eine ungewöhnliche Nacht in dem vermoderten Haus, das die Frau vom Sand freischaufelt, bevor sie zu Bett geht. Als er am nächsten Morgen zum Insektensammeln aufbrechen will, entdeckt er entsetzt: Die Strickleiter ist verschwunden und er sitzt auf dem Grund des Sandlochs fest. Fortan wird von ihm erwartet, zusammen mit der Frau jede Nacht Sand zu schaufeln. Denn das Haus im Sandloch wirkt wie eine Bastion gegen den Sand, der sonst weiter vor dringen und das ganze Dorf zerstören könnte.

Der Protagonist findet sich in einer archaischen Gemeinschaft wieder, in der sich der Einzelne dem Nutzen aller beugen muss. Und so sitzt selbst die Frau wie eine Gefangene im Sandloch fest. Sie kämpfen mit den widrigsten Umständen in dem feuchten, heißen Sandloch: Die Haut ist wund vom Sand, die Augen verkleben und die Hitze ist unerträglich. Kein Wunder, dass der Mann plant, möglichst bald zu fliehen...

„Die Frau in den Dünen“ von Kobo Abe verbreitet eine verstörende Stimmung: Das Leben ist dem Wesen des Sandes völlig unterworfen. Abseits aller technischen Errungenschaften besteht das Leben des Mannes fortan aus Sandschaufeln und Entbehrung.

Doch in dieser unerbittlichen Szenerie durchwandelt der Mann in Gedanken sein Leben vor der Gefangennahme: Klammern sich die Menschen nicht an die Unverbindlichkeit ihrer Lebensumstände, da sie immer glauben, eine Rückfahrkarte in der Tasche zu haben? Was ist nun mit ihm, dem hohe Sandmauern eine Rückfahrt verweigern? Kann man sein Glück auch ohne die Freiheit, von heute auf morgen verschwinden zu können, finden?

Freitag, 30. Dezember 2011

„Und unsere Tage waren es doch“ von Sho Shibata

Tokio in den 50er Jahren: Der Ich-Erzähler und Student Fumio findet ganz unerwartet in einem Antiquariat die Gesamtausgabe des Autors H., die erst vor kurzem komplett erschienen ist. Fumio ist verwundert, dass er sie so kurz nach Veröffentlichung günstig erstehen kann, und da die Bücher eine rätselhafte Anziehungskraft auf ihn ausüben, kann er nicht widerstehen, sie zu kaufen.

Als Fumios Freundin Setsuko einen Blick in die Bücher wirft, erkennt sie das Exlibris wieder. Ihr Kommilitone Sano hatte ihr ein Buch mit demselben Exlibris geliehen, bevor er auf Weisung der Kommunistischen Partei in den Untergrund ging. Setsuko ist neugierig, was aus Sano geworden ist und beginnt, ihre gemeinsamen Bekannten zu befragen.

So löst Fumios Buchkauf eine ganze Kette von Ereignissen aus, durch die der Leser nicht nur Fumio und Setsuko, sondern auch deren Freundeskreis kennen lernt: Fumio und Setsuko kennen sich seit ihrer Kindheit. Da Setsukos Familie in Fumio einen idealen Ehemann sieht, verloben sich die beiden. Doch die Beziehung erscheint eher platonisch als leidenschaftlich. Sano meint, sein Herz schlüge nur für die KP – und enttäuscht sich selbst maßlos beim Mayday-Zwischenfall: Als es zum Zusammenstoß mit der Polizei kommt, flieht er statt sich wie seine Parteifreunde dem Kampf zu stellen. Seitdem fühlt er sich als Versager. Sone ist ebenfalls kommunistisch eingestellt, steht den Weisungen der KP jedoch kritisch gegenüber. Sones Kollege Miyashita hat über Omiai Setsukos Arbeitskollegin Kazuko kennen gelernt. Bevor er sie heiratet, bittet er Fumio um eine kleine Recherche über die Charaktereigenschaften Kazukos. Fumio weiß mehr, als er Miyashita gegenüber zugeben möchte: Kazuko und ihr ehemaliger Professor sind unglücklich ineinander verliebt. Um Kazuko versorgt zu wissen, hatte der Professor das Omiai eingefädelt. Und dann gibt es noch Nose, der sich ebenfalls der KP verschrieben hat und nach deren Weisung, den bewaffneten Widerstand aufzugeben, völlig desillusioniert und hilflos ist.

„Und unsere Tage waren es doch“ von Sho Shibata ist trotz der Handlung rund um die KP kein politischer Roman. Vielmehr illustriert er das Lebensgefühl der Studenten im Japan der 50er Jahre und ihre diversen individuellen Schicksale. Dadurch dass Setsuko als emanzipierte Frau beschrieben wird, gilt Sho Shibatas Roman als eines der ersten emanzipatorischen literarischen Werke Japans.

Sonntag, 25. September 2011

„Tanze, Schneck, tanz“ von Minako Oba

Mit „Tanze, Schneck, tanz“ erzählt Minako Oba Geschichten aus ihrem Familien- und Verwandtenkreis. Wie oft bei japanischen Büchern wurden die einzelnen Kapitel von „Tanze, Schneck, tanz“ zuerst als singuläre Folgen in einer Zeitschrift abgedruckt, bevor schließlich das Buch daraus entstand.

So erzählt Minako Oba von ihren Großmüttern, die bereits einem modernerem Frauentyp entsprachen. Von ihrer Mutter, die optisch einem „modern girl“ glich. Von den Großvätern und ihrem Vater, die ihren eigenen unkonventionellen Lebensstil pflegten. Von den Launen ihrer Tanten. Von dem Schicksal ihrer mittellosen Mitschülerinnen. Von ihrem Treffen mit Yasunari Kawabata.

In diesen persönlichen Erzählungen ist auch die japanische Geschichte eingebettet: Der Weltkrieg, die Modernisierung, das harte Leben der Pachtbauern. Doch alle Entwicklungen und Geschehnisse spiegeln sich nur im Mikrokosmos der Familie wider ohne einen großen geschichtlichen Erklärungszusammenhang zu liefern. Minako Oba erzählt dabei aus ihrer eigenen Perspektive auch über Ereignisse vor ihrer Geburt, auf die sie sich nur durch das Hörensagen bezieht.

„Tanze, Schneck, tanz“ ist damit ein sehr anschauliches Stück japanische Familiengeschichte mit lustigen Anekdoten über die Schrulligkeit der Verwandtschaft: Der Großvater beispielsweise kehrte von Ausritten ganz gerne erst dann zu Fuß zurück, wenn er den Gegenwert des Pferdes in einer Kneipe versoffen hatte.

Dennoch ist das Lesen etwas anstrengend: Minako Oba springt von Assoziation zu Assoziation und folgt damit der japanische Schreibtradition des Zuihitsu; des „dem Pinsel folgen“. Dadurch wird die Geschichte eines Verwandten nicht stringent erzählt. Die Autorin hüpft von der einen Anekdote über den Großvater zu einem Gedankengang über den Vater und dann wieder zurück zum Großvater. In einer europäischen Lesart ist „Tanze, Schneck, tanz“ dadurch etwas konfus geraten, was jedoch nicht den Lesegenuss schmälern sollte.

Samstag, 6. August 2011

„Wasurenagusa“ von Aki Shimazaki

Auch mit „Wasurenagusa“ knüpft Aki Shimazaki an die vorangegangenen Kurzromane „Tsubaki“ und „Tsubame“ an, ohne dass jedoch ein Vorwissen der letztgenannten Werke vorhanden sein muss.

Dieses Mal wird die Lebensgeschichte aus dem Blickwinkel von Kenji Takashi erzählt. Kenji ist der einzige Nachkomme einer alteingesessenen Familie und trägt somit die Verantwortung des Stammhalters. Da ihm seine erste Frau keinen Nachfolger gebiert, zwingt ihn seine Familie, sich von seiner scheinbar unfruchtbaren Frau zu trennen. Kenji bereut, dass er nicht die Stärke besitzt, dem Druck seiner Familie zu widerstehen. Denn er fühlt sich bevormundet, möchte sein eigenes Leben führen – und muss feststellen, dass seine erste Frau nun ein Kind hat; die Unfruchtbarkeit wohl ihm selbst zu unterstellen ist.

Kenji träumt von „Wasurenagusa“, von Veilchen. Als er die alleinstehende Mariko, die einen unehelichen Sohn hat, mit Veilchen in der Hand sieht, ist dies für ihn ein Zeichen. Er möchte Mariko heiraten, ihren Sohn adoptieren.

Mariko – wie auch bereits Jahre zuvor Kenjis ehemaliges, lieb gewonnenes Kindermädchen Sono – trifft auf Ablehnung in der Familie, da sie von „zweifelhafter Herkunft“ ist. Doch Kenji lässt sich dieses Mal nicht mehr fremdbestimmen und bricht mit der Familie.

Jahre später erst erfährt er Dinge aus der Zeit vor seiner Geburt, die das Verhalten seiner inzwischen verstorbenen Eltern umso unverständlicher machen.

„Wasurenagusa“ zeichnet das Bild eines entschlossenen Mannes, der sich gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz durch sein Herz leiten lässt und sein Glück findet. Ein schöner Abschluss für die drei Romane Aki Shimazakis, die bisher auf Deutsch erhältlich sind!