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Dienstag, 31. Dezember 2024

„So weit wir auch gehen“ von Hirokazu Koreeda

Normalerweise sind Romane, die begleitend zu Filmen erscheinen, ja eher von mäßiger Qualität. Anders bei Hirokazu Koreedas „So weit wir auch gehen“. Hier kehrt Ryota anlässlich des 15. Todestages seines älteren Bruders in seine alte Heimat zurück. Junpei, der ältere Bruder, hatte sein Leben verloren, als er ein ertrinkendes Kind aus dem Meer gerettet hatte. Als Erstgeborener und Medizinstudent hätte Junpei die Praxis des Vaters übernehmen sollen. Sein überraschender Tod hatte ein Loch in die Familienstruktur gerissen, die an besagter Feierlichkeit zum Todestag illustriert wird.

Ryota fühlt sich immer noch im Schatten seines längst verstorbenen Bruders, als er mit seiner Ehefrau und deren Sohn aus einer früheren Beziehung zu seinen Eltern aufs Land aufbricht. Dort trifft er nicht nur auf seine Mutter, die den Erstgeborenen immer noch vergöttert, und seinen Vater, der sich gern als Familienpatriarch behandeln lassen würde, aber von seinen Angehörigen die eine oder andere Spitze erfährt. Auch Ryotas pragmatische Schwester ist mit ihrem Ehemann und den zwei gemeinsamen Kindern vor Ort.

Der Vergleich mit einem Kammerspiel hinkt ein bisschen, da genügend Passagen auch außerhalb von Ryotas Elternhaus stattfinden. Dennoch drängt sich das Haus als primärer Handlungsort auf. Hier entlädt sich Ryotas Frust über die Glorifizierung des älteren Bruders, hier schmollt der Vater, weil er sich nicht gewürdigt fühlt, hier lebt die Mutter die eine oder andere Boshaftigkeit aus, hier lockern hereinplatzende Kinder angespannte Atmosphären wieder auf.

Tatsächlich habe ich zwei Anläufe für „So weit wir auch gehen“ benötigt. Denn tatsächlich ist die Handlung keine, die einen in eine spannende Story hineinzieht. Das Thema von eskalierenden Familienfeierlichkeiten kennt man sicher selbst zu Genüge, wenn sich die eigene Familie über Weihnachten mal so richtig auf den Geist gegangen ist.

Aber es lohnt sich dennoch, sich durch die eigentlich eher ermüdende Handlung durchzubeißen. Denn der Leser wird mit unglaublicher Prägnanz in die Situationen gezogen, als würde ein Film vor den eigenen Augen ablaufen. Es ist heiß an jenem Tag, man leidet mit den schwitzenden Akteuren geradezu mit und sehnt sich genauso wie diese nach einem Stück kalter Wassermelone. Und natürlich beginnt man selbst nachzudenken: Wieviel Zeit bleibt mir denn noch mit meinen Eltern? Welche Dinge soll man noch besprechen? Welche bleiben lieber ungesagt?

Ein kleiner, phantastischer Aspekt bringt dann auch noch die japanische Geisterwelt ins Spiel, was dem Buch doch wieder ein bisschen Leichtigkeit verleiht.

Bibliographische Angaben:
Koreeda, Hirokazu: „So weit wir auch gehen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Ophüls-Kashima, Reinold), Iudicium, München 2020, ISBN 978-3-86205-126-7

Donnerstag, 19. September 2024

„Frau Shibatas geniale Idee“ von Emi Yagi

Alles beginnt mit einem kleinen Sozialexperiment, als die alleinstehende Büroangestellte Frau Shibata es leid ist, als Frau immer für gewisse Bürotätigkeiten herzuhalten. Sie hat das Druckpapier nachzulegen, Geschenke von Kunden zu verteilen, Kaffee zu kochen und Meeting-Räume zu säubern. Männer mit der gleichen Qualifikation müssen nie dergleichen tun. Daher lehnt sie eines Tages ab, den Konferenztisch abzuräumen. Sie gibt vor, schwanger zu sein und hat künftig die lästigen Zusatzaufgaben los. Mit Schwangerschaftsübelkeit ist Kaffeekochen nun mal nicht vereinbar.

Die männlichen Kollegen bringt das in die Bredouille und Aufregung macht sich breit: Wer soll nun einspringen, da keine andere Frau für diese Tätigkeiten zur Verfügung steht? Ein junger Uni-Absolvent muss nun in die Bresche springen.

Für Frau Shibata beginnt eine neue Ära des Job-Alltags. Sie kann endlich pünktlich Schluss machen und entflieht der Tretmühle der japanischen Arbeitswelt. Sie kommt früh genug in die Supermärkte, um noch genügend Auswahl an frischem Gemüse zu haben, und kann so viel Me-Time genießen wie noch nie. In der Schwangerschaftsgymnastik lernt sie viele werdende Mütter kennen, die sie sofort in ihre Clique aufnehmen und sie künftig Shibi nennen.

Wäre da nicht die Krux, dass sich der Bauch nicht wölbt. Da muss Shibi wohl mit Handtüchern nachhelfen. Gut, dass ihr Appetit explodiert und sie dadurch zunimmt. Doch wie mag es nach dem genannten Geburtstermin für Shibi weitergehen?

Ich gebe zu, dass ich mir zuerst nicht viel von Emi Yagis „Frau Shibatas geniale Idee“ erwartet habe. Umso größer war das Lesevergnügen – herrlich komisch, auf den Punkt, geistreich, super Entertainment. Die moderne Version der „unbefleckten Empfängnis“, die der patriarchalischen japanischen Arbeitswelt den Spiegel vorhält. Bitte mehr davon!

Bibliographische Angaben:
Yagi, Emi: „Frau Shibatas geniale Idee“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Atlantik Verlag, Hamburg 2021, ISBN 978-3-455-01259-0  

Dienstag, 17. September 2024

„Eine kurze Begegnung“ von Emily Itami

Als Halb-Japanerin hat Emily Itami den Blick einer Ethnologin und beobachtet und illustriert besonders scharf, was Mutterschaft und Hausfrauendasein in Japan bedeutet. Ihre Protagonistin Mizuki ist durch Auslandsaufenthalte in den USA ebenfalls reich an kulturübergreifenden Erfahrungen und hadert mit ihrem Schicksal: Ihr Ehemann Tatsuya macht Karriere, macht ständig Überstunden, ist immer auf Abruf oder am Handy, um Arbeitsmails zu beantworten. Mizuki, die im Nightlife gearbeitet hat, vermisst ihr altes, glamouröseres Leben. Als Hausfrau und Mutter unterliegt sie dem Druck nach Perfektion. Sie soll gefälligst Kinder und Haushalt völlig im Griff haben, überall pünktlich mit adretten und gut erzogenen Sprösslingen auftauchen und lustige Bento-Boxen vorbereitet haben.

Eigentlich, ja eigentlich führt Mizuki ein gutes Leben und hat keinen Grund zur Klage. Doch die Tristesse des Alltags treibt sie in die Arme eines Liebhabers.

An sich fand ich das Thema von „Eine kurze Begegnung“ recht gut. Zudem arbeitet die Autorin Emily Itami kulturelle Unterschiede zwischen Japan und „dem Westen“ gut heraus und entführt den Leser auf eine kleine Sightseeingtour nach Tokio. Und jetzt kommt das Aber: Ich konnte mich mit der Protagonistin leider so überhaupt nicht anfreunden. Sie beschreibt sich als so ultrasexy, geht mit ihren französischen Freundinnen anlässlich der Fashion Week zu Chanel und hat natürlich Hammer-Outfits im Schrank. Da mag man der Autorin die Gesellschaftskritik „zu hohe Ansprüche an Mütter“ dann auch nicht mehr abnehmen, wenn ihre Protagonistin eine anderweitige, nämliche die optische Perfektion nach oben hält.

Zudem habe ich mir mit manchen Bandwurmsätzen wirklich schwer getan. Eine kleine Kostprobe:

„Dann, eines Tages, komme ich plötzlich zu mir, sehe in den Spiegel und frage mich Was habe ich noch mal gemacht, auf eine Weise, die völlig angemessen ist, wenn man gerade auf dem Weg ins Wohnzimmer war, um etwas zu holen, und einen der Gedanke an einen früheren Liebhaber abgelenkt hat, aber alles andere als ideal, wenn die Träumerei drei Jahre angedauert hat.“ (S. 67 f)

Vielleicht liegt’s an der Autorin, vielleicht auch an der Übersetzerin. So findet man teilweise auch ggf. falsch übersetzte Begriffe – ich kann hier nur vermuten da mir das englische Original nicht vorliegt. Als Mizuki aus New York zurückkehrt und in Tokio als Sängerin

„wieder von vorne beginnen würde, diesmal jedoch bewaffnet mit Aufnahmen und mehreren Sets und einem Teil des Jargons, wenn auch in der falschen Sprache.“ (S. 116)

Ist mit „Jargon“ nicht eigentlich „Repertoire“ gemeint? Jargon macht für mich so gar keinen Sinn.

Oder auch der erste Satz des letzten Kapitels, der da lautet:

„Das ist es.“ (S. 273)

Mag das im englischen Original ein „That’s it.“ sein? Dann würde man das doch eher mit „Das war’s.“ übersetzen, weil es einen Endpunkt markiert?

Insgesamt bin ich bei „Eine kurze Begegnung“ sehr zwiegespalten, inwieweit ich den Roman empfehlen würde. Vielleicht ist da ein bisschen Potenzial verloren gegangen, weil die sehr auf die eigene Optik fokussierte Protagonistin oberflächlich rüberkommt. Ein bisschen Potenzial wegen dem stockenden Lesefluss abhanden gekommen ist… Da wäre also noch Luft nach oben gewesen…

Bibliographische Angaben:
Itami, Emily: „Eine kurze Begegnung“ (Übersetzung aus dem Englischen: Karamustafa, Melike), Blessing, München 2023, ISBN 978-3-89667-749-5

Sonntag, 15. September 2024

"Die einsame Buchhändlerin von Tokio" von Nanako Hanada

Nanako Hanada zeichnet mit "Die einsame Buchhändlerin von Tokio" ihre eigene Geschichte auf. Die Autorin ist mitten in einer massiven Umbruchphase: Sie zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und weiß nicht, ob sie sich nun von ihrem Mann scheiden lassen soll. Der Job als Buchhändlerin bei einer Kette hat sich in eine Richtung entwickelt, die sie nicht gut heißen kann. 

Durch Zufall stolpert Nanako über einen Bericht über das Internetportal Thirty Minutes, über das sich Fremde zu themenbezogenen Kurztreffen verabreden können. Nanako sieht hier die Chance, aus dem Alltag auszubrechen und den anderen Usern nach einer halbstündigen Kennenlernphase das ideale Buch zu empfehlen. 

Zunächst kommt aber erst einmal die Ernüchterung: Wollen die Männer auf Thirty Minutes doch nur das eine? Je mehr sich Nanako jedoch mit dem Portal beschäftigt, desto interessantere Personen beiderlei Geschlechts lernt sie kennen. Sie findet neue Freunde und bekommt damit immer mehr Selbstbewusstsein. Schließlich ist irgendwann der Tag gekommen, an dem sie ihr Leben in andere, wohlgewählte Bahnen lenken kann.

Ein bißchen schade an "Die einsame Buchhändlerin von Tokio" ist, dass die allerwenigsten der empfohlenen Bücher in deutscher Übersetzung verfügbar sind. Nanako empfiehlt viel (noch) nicht übersetzte japanische Literatur, weswegen die Tipps für den deutschen Leser unzugänglich bleiben.

Anfangs erscheint das Buch eher wie eine lose Aneinanderreihung illustrer Episoden. Mehr erzählerische Dichte kommt erst später auf. Vielleicht lehne ich mich mit diesem Vergleich ein bisschen zu weit aus dem Fenster, aber für mich hätten die letzten Kapitel tatsächlich auch gut in einen Banana Yoshimoto-Roman gepasst. Jedoch verpasst man auch nicht allzu viel, wenn man dieses Buch nicht gelesen hat.

Bibliographische Angaben:
Hanada, Nanako: "Die einsame Buchhändlerin von Tokio" (Übersetzung aus dem Japanischen: Wägerle, Sabrina), Knaur, München 2024, ISBN 978-3-426-29368-3

Donnerstag, 12. September 2024

"Das Loch" von Hiroko Oyamada

Hiroko Oyamadas "Das Loch" wurde mit dem Akutagawa-Preis prämiert. "Die Zeit" nennt das schmale Büchlein mit ca. 120 Seiten Umfang gar "ein Meisterstück der Unheimlichkeit". So ganz mag ich in den Lobgesang allerdings nicht einfallen. 

Doch zunächst zur Handlung: Die Ich-Erzählerin Asa steht vor einem neuen Lebensabschnitt. Als ihr Mann aufs Land versetzt wird, kündigt sie ihren Job und wird Hausfrau. Das Ehepaar zieht in das Haus neben dem der Schwiegereltern ein. Asas Alltag ist nun eintönig und dennoch vergeht die Zeit besonders schnell:

"Wer keine Termine mehr hat, keine Fristen, die eingehalten werden müssen, keine Meetings oder Gehaltstage, welche die Zeit Stunde um Stunde, Minute um Minute struktieren, dem scheint sie zwischen den Fingern zu zerrinnen, in einem Tempo, das einem unfassbar erscheint." (S. 29)

Es ist flirrend heiß im ersten Sommer nach dem Umzug. Asa verweigert sich die bequeme Klimaanlage und versucht, der Hitze zu trotzen. Der alte Großvater ihres Ehemanns verbringt seine Tage damit, den Rasen zu sprengen. Alles ist in gleißendes Licht und Schatten getaucht. 

Auf einem Spaziergang läuft Asa ein seltsames, schwarzes Getier über den Weg. Neugierig folgt sie dem Wesen und fällt aus einer Unachtsamkeit in ein Loch, aus dem sie sich nicht mehr selbst befreien kann. Dank eines Zufalls erhält sich Hilfe durch eine vorbeiflanierende Nachbarin.

Doch die seltsamen Gegebenheiten nehmen zu - wer wohnt denn scheinbar unbemerkt hinter dem Haus der Schwiegereltern? Der aufmerksame Leser merkt, dass da wohl was nicht mit rechten Dingen zugeht.

Wer schon mehrere Werke des magischen Realismus gelesen hat, der wird "Das Loch" vielleicht nicht gleich als "Meisterstück der Unheimlichkeit" lobpreisen. Schließlich scheint die Geisterwelt in Japan ja auch nichts mit gruseligen Schlossgespenstern aus dem europäischen Raum zu tun zu haben, sondern eher als tatsächlich mögliche Gegebenheit, die zwar überrascht, aber nicht schockiert. Oder wie es die Autorin einem ihrer Akteuren in den Mund legt:

"Im Allgemeinen sehen sie alle nichts. Wer etwas nicht sehen will, sieht es auch nicht." (S. 92)

Sicherlich ist das Büchlein sprachlich auf hohem Niveau, aber leider schon wieder zu Ende, als man sich gerade mit den Charakteren angefreundet hat.

Ich hoffe allerdings inständig, dass bald auch Hiroko Oyamadas "Die Fabrik" ins Deutsche übersetzt wird. Die Handlung des literarischen Erstlings klingt so herrlich kafkaesk, dass man richtig neugierig auf das Werk wird.

Bibliographische Angaben:
Oyamada, Hiroko: "Das Loch" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Rowohlt, Hamburg 2024, ISBN 978-3-498-00486-6

Donnerstag, 8. August 2024

"All die Liebenden der Nacht" von Mieko Kawakami

Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Auch wenn das Leben der anderen von außen betrachtet bequem erscheint, so ist das oft ein Trugschluss. Kein Lebenskonzept führt zwangsläufig zum Glück. So ist zumindest meine Lesart von Mieko Kawakamis "All die Liebenden der Nacht".

Die Hauptfigur ist Fuyuko, die bereits in der Schulzeit für andere quasi unsichtbar war. So unsichtbar, dass sie noch nicht einmal als Mobbing-Opfer herhalten konnte. In der Firma, in der sie mit Mitte 30 als Korrekturleserin arbeitet, findet sie keinen Anschluss und so macht sie sich schließlich irgendwann selbstständig, um der unangenehmen Stimmung im Büro zu entfliehen. Als Single ist sie im Home Office natürlich allein, einsam, isoliert und beginnt, sich zu betrinken. Betrunken wagt sie sich etwas aus ihrem Schneckenhaus. Sie freundet sich mit Herrn Mitsutsuka an. Trifft sich erst einmal, dann zweimal die Woche mit ihm. 

Normalerweise feiert Fuyuko ihren Geburtstag im Dezember allein mit ihrem persönlichen Ritual: einem winterlichen Nachtspaziergang. Denn Nachts, das feiern wenigstens die Lichter der Stadt ihren Geburtstag. Doch das Jahr, in dem sie mit Herrn Mitsutsuka feiern will, mag ein Wendepunkt in Fuyukos Leben werden.

Hijiri, Fuyukos Auftraggeberin für Korrekturarbeiten, ist dagegen ein ganz anderes Kaliber. Sie lebt ihr Leben in vollen Zügen, steht für ihre Meinung ein und eckt deswegen oft an. 

Fuyukos einzige Freundin aus der Schulzeit hat sich hingegen für eine Ehe mit Kindern entschieden - aber macht das Zusammenleben auch glücklich oder ist sie etwa in einer Sackgasse gelandet?

Für die Lektüre von "All die Liebenden der Nacht" habe ich zwei Anläufe gebraucht. Zunächst konnte ich mit der Protagonistin überhaupt nicht warm werden. Die zweite Hälfte des Buchs hat mich schließlich doch gefesselt. Und das Ende? Überraschend!

Bibliographische Angaben:
Kawakami, Mieko: "All die Liebenden der Nacht" (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja), Dumont, Köln 2023, ISNB 978-3832182298

Montag, 8. Juli 2024

„Das Dorf der acht Gräber“ von Seishi Yokomizo

Einst sollen acht flüchtende Samurai in das Dorf der acht Gräber gekommen sein, das damals noch einen anderen Namen hatte. Die Samurai sollen einen Goldschatz mit sich geführt haben, um damit einen Gegenangriff auf eine verfeindete Armee vorzubereiten. Doch durch die Geldgier der Dorfbewohner und durch die Veranlassung des ortsansässigen Grundherrn Tajimi wurden die Samurai getötet – das Gold allerdings wurde nie gefunden.

Seitdem gilt den abergläubischen Bewohnern das Dorf verflucht. Verflucht von den acht toten Samurai, die ihren Tribut in Form von Menschenblut fordern. So lief sowohl der Grundherr selbst Amok, sowie Jahrhunderte später sein Nachkomme Yozo.

Soviel zur Vorgeschichte. Die eigentliche Handlung setzt mit einer Nachricht an den in Kobe lebenden, jungen Mann Tatsuya ein: Er sei der uneheliche Sohn des Grundherrn von Acht Gräber und soll dessen Erbe antreten, da die ehelichen Kinder zu krank und schwach seien, um die Linie fortzusetzen. Doch kaum hat Tatsuya diese Neuigkeiten vernommen, geschieht noch in Kobe der erste Giftmord an dessen Großvater mütterlicherseits. Davon lässt sich Tatsuya nicht aufhalten: Er beschließt, sein potenzielles Erbe anzutreten und bricht trotz der schlechten Vorzeichen nach Acht Gräber auf.

Der Giftmörder geht aber auch hier ans Werk. Kaum ist Tatsuya angekommen, sterben weitere Menschen. Die abergläubischen Dorfbewohner sind sich sicher: Tatsuya ist genauso wahnsinnig wie sein Vater Yozo und muss aus dem Verkehr gezogen werden, bevor es weitere Opfer gibt.

Währenddessen ist Tatsuya nicht untätig. Im Rahmen seiner Möglichkeiten stellt er eigene Nachforschungen an, die ihn jedoch nicht unverdächtiger machen.

Glück für Tatsuya, dass der Ermittler Kosuke Kindaichi gerade im Dorf weilt. Anders als bei den bisher übersetzten Romanen der Kosuke Kindaichi-Reihe kommt der Ermittler aber kaum im Roman vor. Tatsuya ist der eigentliche Protagonist, aus dessen Ich-Perspektive das Werk geschrieben ist. Kosuke Kindaichi ist eher eine Randfigur, die aber – natürlich – zum Schluss für die vollständige Aufklärung des Falles sorgt.

Tatsächlich ist auch der Fall von Seishi Yokomizos „Das Dorf der acht Gräber“ so verzwickt, dass der Leser bis zum Schluss nicht ahnen kann, wer hinter den Morden steckt. Durch Tatsuyas Perspektive ist die Lektüre spannender als die Vorgängerromane. Hat definitiv viel Spaß gemacht und ist meine Empfehlung für das Sommerurlaubsbuch 2024.

Bibliographische Angaben:
Yokomizo, Seishi: „Das Dorf der acht Gräber“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Blumenbar, Berlin 2024, ISBN 978-3-351-05120-4

Sonntag, 7. Juli 2024

„Der Profi“ von Kotaro Isaka

Kabuto, der Protagonist in Kotaro Isakas „Der Profi“, führt ein Doppelleben. Seiner Familie, bestehend aus Ehefrau und herangewachsenem Sohn, gaukelt er seit Jahr und Tag vor, dass er nur ein  harmloser Angestellter einer Firma für Bürobedarf ist. Doch da sind auch die Besuche beim Doktor, der Kabuto mit Mordaufträgen versorgt. 

Kabuto möchte allerdings nach Jahren des Mordens nicht mehr: Er hat genug von dem Killerbusiness und will endlich aussteigen. Das will der Doktor allerdings nicht zulassen. Ein Machtspiel beginnt – wird es Kabuto gelingen, lebend aus der allzu verfahrenen Situation raus zu kommen?

Der Doktor ist jedoch nicht Kabutos einzige Sorge. Vielmehr ist sein familiärer Alltag ein einziger Eiertanz. Er möchte seine Ehefrau partout nicht verärgern und versucht, ihr alles recht zu machen. Der Sohn Katsumi beobachtet diese Wesenheit seines Vaters mit Verwunderung. Hat der Vater etwa Angst vor der Mutter?

Wer von „Der Profi“ dasselbe Tempo wie von „Bullet Train" und „Suzukis Rache“ erwartet, der wird eher enttäuscht sein. Denn die geradezu hanebüchenen Geschehnisse, die in den anderen beiden Romanen Schlag auf Schlag erfolgen, bleiben (zum Großteil) aus. Kotaro Isaka räumt dem Familienleben des Pantoffelhelden Kabuto enorm viel Raum ein. Auch der permanente Perspektivwechsel, der „Bullet Train“ und „Suzukis Rache“ ausmacht, fehlt nahezu. Alte Bekannte der Killerszene dürfen aber auch in „Der Profi“ nicht fehlen: Unter anderem hat der Pusher hat einen kleinen Auftritt, Momo versorgt Kabuto mit Informationen und Tangerine und Lemon wird ein bisschen nachgetrauert.

Die Handlung und die Verteilung der Höhepunkte von „Der Profi“ fand ich zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Zwischendurch fand ich die Lektüre sogar ein bisschen zäh. Das Ende wird aber – versprochen – erneut furios und überraschend, wie man es vom Autor gewohnt ist.

Bibliographische Angaben:
Isaka, Kotaro: „Der Profi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01726-8

Samstag, 8. Juni 2024

„Hundeherz“ von Hiromi Ito

Sollte mein werter Gatte wieder mal mit dem Wunsch um die Ecke kommen, man möge doch einen Hund als Haustier anschaffen, werde ich ihm erst mal Hiromi Itos „Hundeherz“ zum Lesen geben. Denn wie die Autorin auch selbst treffend in ihrem Buch schreibt, geht es in dem Werk als auch im Hundeleben sehr viel um das wenig appetitliche Thema Fäkalien. Die Liebe zum Haustier sollte also schon sehr ausgeprägt sein, wenn man ständig mit Grundreinigung konfrontiert ist.

„Ich befürchte, Ihnen als Lesern wird es langsam unangenehm, dass hier immer wieder von Fäkalien die Rede ist. […] Vielleicht sollte ich als Untertitel hinzufügen: ‚Nicht während des Essens lesen‘! Aber seien wir ehrlich, das Leben mit Hund dreht sich um Kacke.“ (S.  70)

Hiromi Itos Tierliebe ist jedenfalls groß. In ihrem Buch „Hundeherz“ porträtiert sie vor allem die letzten Lebensjahre ihrer alten Schäferhündin Take. Da Take aber nicht der einzige Hund im Haushalt (und erst recht nicht das einzige Haustier) ist, geht es auch um ihr Verhältnis zu den Artgenossen und die Fäkalien anderer Tiere.

Parallel zu Takes Verfall verläuft der Alterungsprozess von Hiromi Itos Vater, der in Japan lebt, während die Autorin zwischenzeitlich in die USA übergesiedelt ist.

„Mein Vater ist so schwach, dass er mit offenem Mund schläft, wie eine Mumie kurz vor der Vollendung. Take liegt mit schlaffen Gliedmaßen da, wie ein toter Kojote am Straßenrand.“ (S. 34)

Auch wenn das Thema des Alterns und Sterbens kein erquickliches ist, so schreibt Hiromi Ito mit einem Augenzwickern und humorvollen Ton, der direkt an den Leser gerichtet ist. Ein, zwei Tränen werden dem Leser aber dennoch über die Wange laufen, sobald Takes letzter Tag vergangen sein wird. Ich bin zwar kein ausgesprochener Hundefreund, aber dank Hiromi Itos Schreibstil habe ich „Hundeherz“ trotzdem sehr genossen.

Bibliographische Angaben:
Ito, Hiromi: „Hundeherz“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hijiya-Kirschnereit, Irmela), Matthes & Seitz, Berlin 2024, ISBN 978-3-7518-0966-5

Sonntag, 5. Mai 2024

„Das Mondscheincafé“ von Mai Mochizuki

Irgendwie habe ich den Eindruck, die Neuveröffentlichungen waren vielfältiger, als das Japanese Literature Publishing Project noch aktiv war. Momentan kommen so viele Romane auf den Markt, die diesem Schema folgen: Person 1 kommt in ein Café/Restaurant bzw. eine Buchhandlung und bekommt dort auf mystische Weise Tipps für den künftigen Lebenswandel. Person 2, die (optional) irgendwie mit Person 1 bekannt ist, wird ebenfalls mit lohnenswerten Lebenstipps versorgt. Dann taucht Person 3 auf… und so weiter… und so fort. Der Erfolg scheint diesen Büchern (momentan noch) recht zu geben.

Mai Mochizukis Variante dieses derzeitigen Erfolgsrezepts: In Kioto erscheint zu Vollmondnächten das Mondscheincafé, das von Katzen betrieben wird. Serviert wird nicht nach Wunsch, auf den Tisch kommt eine Spezialität, die eigens für jeden Gast kredenzt wird. 

Zudem werden die Gäste in das westliche Horoskop eingeweiht. Aus ihrem persönlichen Horoskop können sie im Anschluss ablesen, auf welche Stolpersteine sie künftig achten müssen, um ihr Leben glücklicher zu gestalten. So geschieht es z.B. der einstmals erfolgreichen Drehbuchautorin, deren Werke plötzlich so gar nicht mehr gefragt sind. Oder auch der jungen Schauspielerin, deren Karriere nach einer Affäre mit einem verheirateten Mann ins Straucheln geraten ist.

Alles in allem harmlose, nette Unterhaltung, die sich schnell wegkonsumieren lässt. Manchmal hat man ja den Bedarf nach simplem Entertainment. Allerdings hätte man die Stimmung im Mondscheincafé sicher atmosphärischer gestalten können und den Katzen untereinander noch mehr Wortgefechte zustehen können. Die Details zu den Horoskopen waren auch nicht meins – aber da tickt natürlich jeder anders.

Bibliographische Angaben:
Mochizuki, Mai: „Das Mondscheincafé“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine & Luginbühl, Yukiko), DTV, München 2024, ISBN 978-3-423-35227-7

Mittwoch, 1. Mai 2024

„Die Flucht“ von Fuminori Nakamura

„‘Ich hätte das alles gar nicht wissen wollen.‘“ (S. 66)

Diesen Satz bekommt der Protagonist Kenji Yamamine in Fuminori Nakamuras „Die Flucht“ zu hören. Kenji ist der Autor des fiktiven Buches „Menschen, die am Krieg verdienen“, in dem er finanzielle Verstrickungen von Militär und Wirtschaft offenlegt und freidenkerische Ideen illustriert. Das macht ihn in einem angespannten politischen Klima zum Feindbild der Rechten. Die Reaktionen seiner Leser lassen ihn aber auch an der gesellschaftlichen Entwicklung allgemein verzweifeln. Sind die Menschen wirklich so einfach gestrickt, dass sie nur noch entertained werden wollen?

Kenji ist aber nicht nur wegen seiner Autorenschaft eine Zielscheibe. Er hat eine mysteriöse Trompete in seiner Obhut, die einer Legende zufolge während des zweiten Weltkriegs die magische Fähigkeit besaß, Soldaten zu Heldentaten anzustacheln. Der Soldat Suzuki soll sie meisterhaft gespielt haben und so seinen Kameraden zu einem Sieg über die haushoch überlegenen amerikanischen GIs verholfen haben. Mehrere Gruppen verfolgen nun Kenji, um selbst in den Besitz der Trompete zu kommen – allen voran die rechte Q-Sekte.

Kenji hat noch weitere Probleme: Da seine vietnamesische Verlobte Anh bei einer Anti-Rechts-Demonstration auf tragische Weise ums Leben kam, ist sein Lebensmut auf dem Tiefpunkt. Doch er setzt sich das Ziel, Anhs Vision eines Romans, der Geschehnisse aus der längst vergangenen Geschichte und aus der Gegenwart zusammenführt, an Anhs Stelle zu schreiben. Und so setzt er alles daran, das Buch über die vietnamesische Geschichte, die Christenverfolgung in Japan, Suzukis Erlebnisse im zweiten Weltkrieg, der Atombombe auf Nagasaki und aktueller Geschehnisse aus Anhs und Kenjis Leben zu Papier zu bringen und zu veröffentlichen.

Und auch ich hätte davon so manches gar nicht wissen wollen. Fuminori Nakamura schreibt mit „Die Flucht“ ebenso wie sein Protagonist ein Buch, das man an manchen Stellen gar nicht weiterlesen will. Insbesondere wenn es zu den Foltermethoden an den japanischen Christen und den Auswirkungen der Atombombe kommt. So hält der selbstreferentielle Roman dem Leser den Spiegel vor – wollen wir beim Lesen nicht auch nur unterhalten werden? Wollen wir die unangenehmen Wahrheiten überhaupt hören? Erwarten wir automatisch die klassische Heldenreise und werten Bücher ab, die nicht diesem Muster folgen?

Gute 570 Seiten zählt das Werk. Es startet turbulent mit Kenjis Flucht vor dem Bösewicht B, der einem Tarantino-Film entsprungen sein könnte. Und mit dem Gebell eines Hundes. Leider hat die Google-Recherche nicht ergeben, ob Hundegebell im japanischen Kulturkreis etwas Unglückverheißendes ist. Wenn nicht, dann setzt nur der Autor das Bild immer dann ein, wenn etwas Böses am Entstehen ist. Das Unheil droht in Japan aktuell durch einen Rechtsruck und verstärkte Ausländerfeindlichkeit. Wie Kenji setzt auch Fuminori Nakamura mit seiner Veröffentlichung ein Zeichen gegen Rassismus. Das kurze Nachwort des Autors war für mich hilfreich, den einen oder andern Sachverhalt richtig einzuordnen (keine Details wegen Spoilergefahr 😉). Zwar ist der Roman an der einen oder anderen Stelle schwer verdaulich, aber trotzdem sensationell. Sowohl historisch als auch brandaktuell, spannend und gesellschaftskritisch zugleich.

Bibliographische Angaben:
Nakamura, Fuminori: „Die Flucht“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Diogenes, Zürich 2024, ISBN 978-3-257-07285-3

Mittwoch, 17. April 2024

„Mord auf der Insel Gokumon“ von Seishi Yokomizo

Seit Kosuke Kindaichis letztem Fall ist einige Zeit vergangen. Das liegt allerdings nicht daran, dass sich kein Verbrechen ereignet hat, was der Detektiv hätte lösen können, sondern am zweiten Weltkrieg: Auch Kosuke wurde zum Militärdienst einberufen. Als Soldat lernt er Chimata Kito kennen, mit dem er sich anfreundet. Chimata hat eine seltsame Angst vor dem Sterben. Er überlebt den Krieg – aber das Schicksal meint es nicht gut mit ihm: Nach Kriegsende rafft es ihn ausgerechnet auf der Rückfahrt in die Heimat dahin. Kosuke nimmt er im Delirium ein Versprechen ab: Kosuke soll an seiner Stelle auf seine Heimatinsel Gokumon reisen. Seine drei jüngeren Schwestern würden in Lebensgefahr schweben, sollte er nicht lebend aus dem Krieg zurückkehren.

Und so begibt sich Kosuke auf die Insel Gokumon, die einst von Piraten und weiteren Verbrechern bevölkert war, um der Familie Kito mitzuteilen, dass Chimata nicht mehr unter den Lebenden weilt. Kosuke lernt dabei die wichtigsten Personen der Insel kennen: den Priester, den Bürgermeister und den Arzt. Doch was ist mit Chimatas Vater, der eigentlich der Erbe des größten Fischereiunternehmens ist. Und was ist mit der verfeindeten Zweigfamilie, die einen Schönling beherbergt, der Chimatas Schwestern schöne Augen macht?

Kosukes Aufenthalt auf Gokumon ist nicht lange erquicklich – denn bald geschieht ein Mord, den es aufzuklären gilt. Doch es bedarf einiges an Zeit, Kommunikation und Kombinationsgabe, um die äußerst verwirrenden Geschehnisse richtig einzuordnen und den komplexen Fall zu lösen.

„Mord auf der Insel Gokumon“ hat mir weit besser gefallen als Seishi Yokomizos erster Kosuke Kindaichi-Roman „Die rätselhaften Honjin-Morde“. Der allwissende Erzähler rückt stark in den Hintergrund und die Protagonisten treiben selbst die Handlung an. Damit wird der Leser gleich stärker in den Plot gesogen und die Figuren werden greifbarer.

Der Fall selbst ist so verzwickt, dass man zwar an der einen oder anderen Stelle eine Ahnung hat, wer vielleicht der Täter sein könnte. Aber die eigentliche Aufklärung muss man Kosuke – Japans bestem Privatdetektiv – selbst überlassen.

Für Juni 2024 ist mit „Das Dorf der acht Gräber“ schon der nächse Kosuke Kindaichi-Fall angekündigt. Im englischen sind schon zwei weitere erschienen und ein dritter für den Herbst geplant. Sieht so aus, als dürften wir uns auch noch auf weitere deutsche Übersetzungen freuen.

Bibliographische Angaben:
Yokomizo, Seishi (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula): „Mord auf der Insel Gokumon“, Blumenbar, Berlin 2023, ISBN 978-3-351-05119-8

Dienstag, 9. April 2024

„Idol in Flammen“ von Rin Usami

Was bin ich froh, dass ich kein Teenager mehr bin. Eigentlich wünscht man sich ja gern zurück in die „gute, alte Zeit“, aber nach der Lektüre von Rin Usamis „Idol in Flammen“ wird einem wieder bewusst, wie sehr man die Zeit doch verklärt. Wahrscheinlich findet sich jeder ein bisschen in Rin Usamis Protagonistin Akari wider. Schule ist doof, Eltern sind doof, der eigene Körper ist doof und so richtig wohl fühlt man sich nur in einer Gruppe Gleichgesinnter.

Akari ist Fan der J-Pop-Band „Mazamaza“ und insbesondere von dem Sänger Masaki. Masaki wird zu Akaris Rückgrat. Sie bloggt über ihn, schuftet in einer Kneipe, um sich Merchandising-Kram und Konzerttickets leisten zu können, richtet ihr Zimmer in blau ein, weil Blau Masakis Lieblingsfarbe ist. 

Akari erfreut allein die abgöttische Schwärmerei – eine echte Beziehung mit Masaki braucht sie nicht. Sie flüchtet vor der Realität und bezahlt dafür nicht nur mit dem Lohn, den sie durch ihren Nebenjob verdient.

Rin Usamis Erzählstil ist reduziert. Auch wenn sich Akari der Schwärmerei hingibt, wird die Sprache nicht blumig. Gute 120 Seiten zählt der Kurzroman, dessen Lektüre sicherlich keinen Spaß macht. Der Schwermut Akaris springt auf den Leser über. Und irgendwie macht „Idol in Flammen“ auch wütend. Den jugendlichen Fans wird mit abstrusen Produkten und Wahlaktionen, wer das beliebteste Bandmitglied ist, das Geld aus der Tasche gezogen. Die Band ist ein Produkt, das bis zum Exzess konsumiert werden soll. Akari ist wie ein Junkie süchtig nach dem Produkt – und die Erwachsenen stehen hilflos daneben und wissen der Süchtigen nicht zu helfen.

Verstärkt wird die Sucht noch durch Social Media. Lifestreams suggerieren Zugänglichkeit, Shitstorms fordern die Fans in ihrer Treue heraus. Teenager-Sein war früher wahrscheinlich doch ein bisschen einfacher…

Bibliographische Angaben:
Usami, Rin: „Idol in Flammen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023, 978-3462003024

Samstag, 6. April 2024

„Superhits der Showa-Ära“ von Ryu Murakami

Ein Vergleich zwischen den beiden Murakamis drängt sich ja gern auf. Also versuche ich es mal mit dem hier: Wenn Haruki Murakami die Beatles ist, dann sag ich wohlgemerkt nicht, dass Ryu Murakami für die Rolling Stones steht. Das ist für „Superhits der Showa-Ära“ noch zu harmlos. Der Roman ist Black Sabbath, in dem Moment als Ozzy Osbourne einer Fledermaus den Kopf abbeißt.

Ryu Murakami gibt im Nachwort an, dass er den Roman in einer Schaffenskrise kreiert und sich beim Schreiben herrlich amüsiert hat. Der Autor zieht zwei Personenkreise, die gelangweilt in Stagnation verharren, heran. Da sind die sechs jungen Kerle, die sich in Nobues Bude treffen und erst dann ein bisschen Leben beim Spannen in sich verspüren, als sie die attraktive Nachbarin von Gegenüber beim Ausziehen beobachten können.

Und da sind die sechs Frauen Ende 30, die alle Midori heißen und inzwischen ohne Partner leben. Sie haben sich eigentlich nichts zu sagen, hören sich auch nicht zu und scheinen außer dem Namen und einer Passion für Karaoke nichts gemeinsam zu haben.

Als Sugioka aus der Männergruppe eine der Midoris tötet, geht es für die Frauen nur noch um Rache. Und man glaubt es kaum: Einmal aus der Langeweile ausgebrochen, leben die Frauen auf – und ein Kampf zwischen durchgeknallten Jungspunden und „alten“ Tanten beginnt.

Ein Eisenwarenhändler, der den jungen Männern eine illegale Waffe verkauft, orakelt:

„Es heißt doch immer, was übrig bleibt, wenn die Menschheit zu Grunde geht, wären die Schaben. Des stimmt nicht. Es sind die Tanten.“ (S. 72)

Wer weiß, ob der Mann Recht hat? Wer kann sich in dem Kampf Mann gegen Frau, jung gegen alt am besten behaupten?

Auf den hinteren Seiten taucht gar kurz ein Filmregisseur (Ryu Murakamis Alter Ego?) auf und gibt sein Konzept von „Tanten“ wider:

„Kompliziert ausgedrückt, sind Tanten Lebewesen, die aufgehört haben, sich weiterzuentwickeln. Nicht nur junge Frauen, sondern auch junge Männer, Männer im mittleren Alter und sogar Kinder werden augenblicklich zur Tante, wenn sie den Willen verlieren, sich weiterzuentwickeln.“ (S. 185 f.)

Natürlich ist „Superhits der Showa-Ära“ irre übertrieben - wie man es auch von anderen Romane Ryu Murakamis kennt. Aber genau das macht den Lesespaß aus. Die jungen Kerle sind total durchgeknallt, die Midoris so austauschbar wie ihr Vorname, zusätzliche Akteure wie nicht von dieser Welt. Wie kann man Kritik an einer in Stagnation verharrenden Gesellschaft besser verpacken?

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „Superhits der Showa-Ära“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Leupert, Jan Magnus), Septime, Wien 2024, ISBN 978-3-99120-034-5

Mittwoch, 3. April 2024

„Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ von Riku Onda

Im Urlaub wurde ich auf den Titel und das Cover von Riku Ondas „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ angesprochen. Irgendwie hat sich die Fragestellerin davon angesprochen gefühlt und gemeint, dass das doch sicherlich ein leicht-beschwingter Sommer-Roman sei. Das Gesicht der Dame hat sich dann schnell verdunkelt als ich meinte, dass das nicht der Fall sei, sondern dass das Thema des Romans eher die inzestuöse Beziehung zwischen Bruder und Schwester sei. Daher keine lustige Urlaubslektüre.

Riku Onda beschwört eine seltsame Atmosphäre herauf, als sie den jungen Mann Chihiro auf seine getrennt von ihm aufgewachsene Schwester Aki treffen lässt und die beiden eine Geschwister-WG gründen. Doch lieben die beiden sich wirklich nur wie Bruder und Schwester? Oder machen sie sich nur etwas vor - ist es nicht eine romantische Liebe zwischen Mannd und Frau?

In einer Frühsommernacht sitzen die beiden in der gemeinsamen Wohnung zusammen, bevor jeder wieder eigene Wege gehen will. Riku Onda lässt beide abwechselnd in der Ich-Perspektive zu Wort kommen. Wie schön es war, sich nach so langer Zeit der Trennung wieder gefunden zu haben. Wie irritiert die Bekannten auf ihre WG-Gründung reagiert hat. Welche gemeinsamen Erinnerungen sie haben – und vor allem: Was ist damals auf einer gemeinsamen Bergwanderung wirklich passiert? Wer ist für den Tod des Bergführers verantwortlich? Was hat sich damals wirklich ereignet? Wer hat was zu verbergen?

Nach der langen Nacht ist nicht nur der Leser froh, dass diese Tour de Force am nächsten Morgen zu Ende ist. Denn tatsächlich war der Roman recht beklemmend. Sommernacht, anstrengende Gespräche, eine Ahnung von inzestuöser Liebe, ggf. Mord – keine luftig-leichte Kost. Aki und Hiro beäugen sich, misstrauen einander und kommen aber gemeinsam Stück für Stück diversen Wahrheiten auf die Spur.

Wer mal etwas Außergewöhnliches lesen will, der ist bei „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ sehr gut aufgehoben. Momentan scheinen japanische Romane, die auf das langsam überstrapazierte Erfolgsrezept à la „Das magische Café“ setzen, besonders gern veröffentlicht zu werden. Da bietet „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ schon eine andere Qualität des Lesevergnügens: Spannung, Beklemmung, vielleicht sogar ein bisschen Abscheu. Eben außergewöhnlich…

Bibliographische Angaben:
Onda, Rika: „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bartels, Nora), Atrium Verlag, Zürich 2023, ISBN 978-3-85535-024-7

Dienstag, 2. April 2024

„Suzukis Rache“ von Kotaro Isaka

Keine 50 Seiten und schon fünf Tote und zwei dem Tode Geweihte: Kotaro Isakas „Suzukis Rache“ startet furios. Im Gegensatz zum Roman „Bullet Train“, bei dem der Name zu 100% Programm ist, wird das spektakuläre Tempo allerdings nicht beibehalten. Das mag aber sicher auch daran liegen, dass der Protagonist Suzuki kein Auftragskiller ist. Suzuki ist ein Mathelehrer, der auf Rache aus ist. Der Sohn des Bandenchefs Terahara, der natürlich von seinem Vater protegiert wird, hat Suzukis Ehefrau getötet. 

Suzuki heuert also bei dem Verbrecher-Clan an, um an den Junior-Chef heranzukommen und diesen umzubringen. Jedoch wird dieses Vorhaben schnell vereitelt: Der Pusher kommt Suzuki zuvor und stößt Terahara Junior vor ein Auto. Doch Suzuki soll für den Clan nun den Pusher ausfindig machen und gerät damit direkt zwischen die Fronten. 

Da ist sowohl die blutrünstige Zikade, die noch nicht einmal davor zurückschreckt, kleine Kinder mit dem Messer zu meucheln. Dazu kommt der Wal, der über die seltsame Gabe verfügt, sein Gegenüber in den Selbstmord zu treiben. Der Wal wird von den Geistererscheinungen seiner Opfer gequält und beschließt, in der Branche aufzuräumen. 

Durch die Geistererscheinungen und die mysteriöse Fähigkeit des Wals empfand ich „Suzukis Rache“ vielfältiger als „Bullet Train“, was für das fehlende Tempo zwischendurch mehr als entschädigt. Allerdings hätte ich mir – wäre es ein Wunschkonzert – einen anderen Strippenzieher im Hintergrund gewünscht. Natürlich ist die Handlung ohnehin alles andere als realistisch, aber mir war die Motivation für den Auftragsmord an Terahara Junior leider nicht so ganz schlüssig.

Und da ich ja schon in meiner letzten Rezension etwas über Klapptexte hergezogen bin, kann ich nun auch gleich noch über den Klappentext von „Suzukis Rache“ meckern. Der lautet unter anderem:

„In der Unterwelt von Tokio begegnen drei kaltblütige Auftragskiller ihrem Meister: einem von Rache getriebenen Mathematikprofessor.“

Tatsächlich ist Suzuki weder Mathematikprofessor (sondern nur ein Lehrer) und erst recht kein Meister. Der Klappentext suggeriert, dass die Killer von dem harmlosen Suzuki vorgeführt werden. Das ist mit Nichten so. Vielmehr wird Suzuki zum Spielball und bleibt nur Dank eines gewissen Wohlwollens am Leben.

Bibliographische Angaben:
Isaka, Kotaro: „Suzukis Rache“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine, Hoffmann & Campe, Hamburg 2023, ISBN 978-3-455-01586-7

Montag, 25. März 2024

„Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami

Ich bin ja eigentlich kein großer Fan von Klappentexten. Manchmal spoilern sie, manchmal passen sie noch nicht mal zur Story. Im Fall von Haruki Murakamis „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ klingt die Handlung bereits mit den ersten Zeilen des Klappentexts sehr nach „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Wenn man sich die weniger guten Rezensionen auf Amazon anschaut, dann hätten diese teilweise sicherlich durch klarere Kommunikation vermieden werden können. Ein Vorwort zusätzlich zum Nachwort oder ein entsprechender Klappentext hätte vielleicht die eine oder andere Enttäuschung vermieden, dass der erste Teil bis Seite 187 im Grunde genommen schon über „Hard-boiled Wonderland“ bekannt ist und „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ eine Abwandlung des schon bekannten Themas ist. Haruki Murakami gibt im Nachwort ohnehin an:

„Jorge Luis Borgos zufolge gibt es im Grunde nur eine begrenzte Anzahl von Geschichten, die ein Schriftsteller im Laufe seines Lebens richtig erzählen kann. Wir können diese begrenzte Anzahl von Motiven nur in verschiedenen Formen und mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bearbeiten, könnte man sagen.“ (S. 636)

Sprich: Absolut neue Dinge sind vom Autor, der nun 75 Jahre alt ist, wohl nicht mehr zu erwarten. Und so findet sich nach besagten „Hard-boiled Wonderland“-Teil in den folgenden Teilen zwei und drei auch wieder allerlei Bekanntes: eine Bibliothek, ein namenloser Protagonist, Einsamkeit, Warten, Jazz, ein Keller (statt des Brunnenlochs), Essensvorbereitungen, Katzen… Alles keine Überraschungen, fühlt sich aber so wie Heimkommen an. Man weiß halt, was man bekommt. Allzu viel mehr möchte ich über die Handlung gar nicht mehr verraten. Nur vielleicht noch so viel:

Der geheimnisvolle Junge M**, der nahezu immer einen Beatles-Pullover mit dem Motiv des gelben Unterseeboots trägt, hat mich dann doch noch ein bisschen über das Lied „Yellow Submarine“ nachrecherchieren lassen. Ich dachte immer, dass eine geläufige Deutung der Songzeile „We all live in a yellow submarine“ dafür steht, dass jeder von uns in seinem eigenen Mikrokosmos lebt, was nur allzu gut zur ummauerten Stadt gepasst hätte. Allerdings scheinen die Beatles tatsächlich nur ein Kinderlied komponiert zu haben und jede Deutung darüber hinaus würde zu weit gehen. Nichtsdestotrotz scheint ursprünglich der Beginn des Liedes in einer ersten Version „In the place where I was born, noone cared, noone cared ...“ gelautet zu haben. Und leider ist das auch das Schicksal des Jungen. Niemand schert sich so wirklich um ihn, er ist in der Realität fehl am Platz. Sein Ausweg: die Stadt… dank des Jungen nimmt die Geschichte, die zwischendurch ein bisschen vor sich hindümpelt, wieder Fahrt auf. 

Tatsächlich war ich anfangs auch ein bisschen angefressen, dass die ersten knapp 200 Seiten nur eine Abwandlung von „Hard-boiled Wonderland“ waren. Schließlich und endlich ist die neue Version mit „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ aber doch ein äußerst gelungenes Werk und ich wäre gar nicht mal so traurig, wenn es den runden Abschluss des literarischen Schaffens des Haruki Murakami bilden würde. 

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont Verlag, Köln 2024, ISBN 978-3832168391

Sonntag, 22. Januar 2023

"Der Wind erhebt sich" von Tatsuo Hori

Die ersten Seiten von Tatsuo Horis "Der Wind erhebt sich" empfand ich als extrem nervig. Geschrieben in der Anrede 2. Person Singular im Präteritum war der Lesefluss ziemlich zäh. Gott sei Dank änderte sich dies nach wenigen Seiten des kurzen Büchleins, das mit unbeschwerten Sommertagen beginnt. Der namenlose Protagonist verliebt sich während seiner Sommerfrische in den Bergen. Setsuko ist der Name seiner Angebeteten, die seine Liebe erwidert. Als der Vater Setsuko besucht, müssen die Liebenden auf Distanz gehen. Der Leser wähnt ein jähes Ende der Beziehung, doch es soll anders kommen.

Es folgt ein Zeitsprung und man erfährt, dass Setsuko nun mit dem Ich-Erzähler verlobt ist. Jedoch ist sie an einer Lungenkrankheit erkrankt und bettlägerig. Wer sich mit dem Lebensweg von Tatsuo Hori beschäftigt, der weiß, dass "Der Wind erhebt sich" autobiographisch angelegt ist. Daher befürchtet man es schon: Setsukos kommender Aufenthalt in einem Sanatorium wird nicht zur Rekonvaleszenz führen.

Dem Protagonisten mag man einerseits unterstellen, er koste den Sanatoriumsaufenthalt in der Abgeschiedenheit auf groteske Weise aus, weide sich sogar an der kranken, hilflosen Setsuko. Andererseits erscheint die Kranke wie eine Kirschblüte, die bald fallen wird. Welch eigentümliche, morbide Blumenschau.

Nach den ersten, eher nervigen Seiten groovt man sich in den sehr ruhigen Lesefluss ein. Das wahrlich todtraurige Thema wird jedoch nicht bleischwer transportiert. Die Natur wird als Spiegel des Lebens. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, so auch Setsukos Leben. Keine Lektüre für einen vergnüglichen Lesenachmittag, dafür aber ein schmales Büchlein mit Nachhall.

Bibliographische Angaben:
Hori, Tatsuo: "Der Wind erhebt sich" (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Mitteldeutscher Verlag, Halle 2022, ISBN 978-3-96311-682-7