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Donnerstag, 26. März 2015

„Erkundungen – 19 japanische Erzähler“ herausgegeben von Marianne Bretschneider & Heinz Haase

19 Erzählungen und Kurzgeschichten japanischer Autoren haben Marianne Bretschneider und Heinz Haase in ihren „Erkundungen“ versammelt. Es scheint, als ob ein großes Augenmerk darauf gelegt worden zu sein, besonders viele weibliche Schriftstellerinnen vorzustellen. Werke von elf Autorinnen und acht Autoren lassen sich in der Anthologie finden.

Wie der Titel schon impliziert – in Fumiko Enchis „Ahorn im Winter“ geht es um das Altern. Die Schauspielerin Yoko ist genauso wie ihr langjähriger Bühnenkollege Fujiki in die Jahre gekommen. Früher hatten die beiden verliebte Paare gemimt. Yoko kommen nun die Rollen der Mütter erwachsener Töchter zu. Fujiki kann sich immer noch als Liebhaber auf den Bühnen präsentieren. Auch im realen Leben sind die Voraussetzungen für das jeweilige Liebesleben der beiden aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit sehr unterschiedlich.

Autobiographisch wird es in Chiyo Unos „Glück“: Zunächst glaubt sich der Leser mit einer fiktiven Protagonistin namens Kazue konfrontiert. Doch nach und nach tun sich immer mehr Parallelen zum eher sprunghaften Leben der Autorin auf: Die vielen Ehen, die vielen Häuser, die Nonchalance, alles sofort hinter sich zu lassen, nichts und niemandem nachzutrauern und sich dabei ein bisschen selbst zu betrügen, alles als natürlich hinzunehmen und dabei Glück zu empfinden.

Ziemlich verzwickt ist die Beziehung der über 50-jährigen Schwestern Tomoko und Takako in Taeko Tomiokas „Heirat“. Die beiden Damen leben nun schon seit Jahrzehnten zusammen in einem Haus, das immer baufälliger wird. Tomoko verfällt plötzlich auf die Idee, doch noch zu heiraten; lieber jetzt als gleich möchte sie endlich die familiären Bande hinter sich lassen und ganz schnell eine Ehe über eine Heiratsvermittlerin eingehen. Takako dagegen wurde vor Jahren von ihrem Ehemann verlassen und wollte sich bisher nicht scheiden lassen. Tomokos Entschluss lässt sie ins Wanken bringen und beschwört Erinnerungen an ihre eigene, ziemlich seltsame Eheanbahnung herauf.

In „Ein unterhaltsamer Spaziergang“ von Takao Nakatani wandern die älteren Herren Fukami und Kono mit dem jüngeren Nishida zu einem Tempel. Dabei unterhalten sie sich über ihre Einstellung zu Tod, Religion und über ihren gemeinsamen Bekannten, den verstorbenen Yasuda. Die Erzählung hätte wohl am ehesten ein, zwei Anmerkungen seitens der Herausgeber verdient, weil man sich nicht so wirklich einen Reim darauf machen kann, ob die Figuren sich an existierende Personen anlehnen und wenn ja, welche konkrete Personen hinter den Charakteren stecken.

Der ehemalige Fernsehproduzent Akira Abe siedelt seine Erzählung „Freunde“ in seinem vertrauten Milieu an: Der Ich-Erzähler, Urashima und Hatori sind alle drei für einen Fernsehsender tätig und haben sich im Laufe der Jahre angefreundet. Hatori wird jedoch immer merkwürdiger und lässt sich immer öfter in eine Klinik einweisen. Während Hatori sich kuriert, begeht ein junger Kollege Selbstmord. Die Anteilnahme der Kollegen empfindet der Ich-Erzähler als Hohn:

„Meiner Meinung nach empfanden sie absolut nichts von der vorgetäuschten Anteilnahme; das war bloß Mache. Erstarrt man vor Leid, wenn ein Kollege stirbt? Lähmt einen der Tod eines anderen? Nein, denn man ist ja nicht schuld. Der Tote ist es, der alle anderen verhöhnt.“ (S. 94)

Die Grenzen verschwimmen in „Platonische Liebe“ von Mieko Kanai: Die Ich-Erzählerin, eine erfolgreiche Schriftstellerin, wird gewissermaßen gestalkt. Nach jeder Veröffentlichung erhält sie einen Brief mit unbekanntem Absender. Der Schreiber wirft ihr vor, sie hätte seine Werke plagiert. Der originäre Autor wäre er. Mitten in einer Schreibblockade rückt der Unbekannte näher und schon bald weiß die Ich-Erzählerin nicht mehr, ob sie oder der Fremde der wahre Autor ihrer Erzählungen ist. Damit beschreibt Mieko Kanai ein für sie typisches Thema.

„Sonnenlicht“  von Nobuo Kojima gibt Einblick in die Nachbarschaftsbeziehungen des Ich-Erzählers. In Briefform wendet er sich an Frau I., deren Ehemann, ein Dichter, vor einer Weile verstorben ist. Verschiedene Gedankenfetzen und Erinnerungen an Begegnungen mit Frau und Herrn I. werden hier aneinander gereiht. Auch hier wäre der eine oder andere Kommentar durch die Herausgeber grandios gewesen, um der Erzählung in Briefform mehr Verständnis abgewinnen zu können.

„Kiriko“ ist Minako Obas Protagonistin. Auf dem Heimweg begegnet sie Keiichiro und erzählt ihm von ihren Schuldgefühlen gegenüber ihrer verstorbenen Mutter. Denn Tragisches hat sich an den Klippen des Ortes zugetragen. Mit dem gemeinsamen Spaziergang mit Keiichiro kann Kiriko vielleicht eine Sache zu Ende führen, die ihrer Mutter zu Lebzeiten nicht gelungen war.

„Zur Berghütte“ von Kyoji Kobayashi sticht durch den unkonventionellen Erzählstil heraus. Verschachtelt und wiederholend werden Eindrücke und Gedanken eingestreut, die trotz alledem ein Ganzes bilden. Der Protagonist wacht nach einer versoffenen Nacht auf und begibt sich verkatert zu einer Berghütte. In diesen Rahmen werden Songtexte, Gebrauchsanweisungen, Dialoge dritter, aufgeschnappte Geschichten kurz angerissen und später erneut aufgenommen. Die fünf Passagen von „Zur Berghütte“ waren interessant zu lesen – danach war’s dann aber auch wieder gut.

Yasushi Inoue bezieht sich mit „Im Schatten des Berges Bandai“ auf ein wahres Ereignis: Im Jahr 1888 brach der Ko-Bandai Vulkan aus. Yasushi Inoue schickt seinen Protagonisten, einen Landschätzer, in das Gebiet des Vulkans. Bereits als er und seine Mitarbeiter einen Pass überqueren, orakelt eine verrückte Alte nichts Gutes. Vor Ort kommt es zu mehreren Erdstößen, doch zur Flucht können sich die Menschen im Gegensatz zu den Tieren nicht aufraffen. Das Unheil ist vorprogrammiert…

In Taeko Konos „Der Eisenfisch“ steckt ebenfalls ein historischer Kern: Als menschliche Torpedos wurden junge Männer im zweiten Weltkrieg als Kamikaze im U-Booten eingesetzt. So auch der Ehemann der Witwe, die sich nach Jahrzehnten zum „Heiligtum“ begibt, wo ihr Mann als Held verehrt wird. Die Beschreibungen der Witwe konterkarieren die Heldenverehrung. Bei ihr reißen alte Wunden auf, als sie einen beborgenen derartigen Eisenfisch zu Gesicht bekommt.

Takako Takahashis Ich-Erzählerin sitzt in einem Shinkansen und gibt sich Gedanken an den Prototyp des Mannes hin, der sie Zeit ihres Lebens immer wieder „In Versuchung“ geführt hat.

Rie Yoshiyukis „Im Brunnen die Sterne“ entstammt einem gleichnamigen Band mit Kurzgeschichten, den die Autorin dem Thema seelische Grausamkeit und den traumatisierenden Folgen gewidmet hat. Shoko ist die ältere von zwei Zwillingsschwestern. Während Shoko eher passiv ist, wirkt ihre jüngere Schwester eher wie ein spitzbübischer Junge. In ihren 20ern heiratet Shoko nach einem Omiai ohne jemals vorher verliebt gewesen zu sein. Ihre Schwester hingegen hat sich ausgetobt und findet mit ihrem Ehemann schließlich ein passendes Gegenstück. Die Schwester begleitet ihren Ehemann ins Ausland und bekommt daher kaum mit, wie Shoko von ihrer neuen Familie an der kurzen Leine gehalten wird und langsam zerbricht.

Ebenfalls um eine unglückliche Ehe geht es in „Ein Wiedersehen“ von Ayoko Sono: Kazuhiko erinnert sich, wie er sich nach einer unangenehm gewordenen Affäre in die Ehe mit seiner Frau Haruko geflüchtet hat. Haruko ist weder ansehnlich, noch lässt es sich mit ihr gut unterhalten. Ein kleines Vermögen, das Haruko mit in die Ehe bringt, ist das einzige, was für die Gattin spricht. Nach 19 Ehejahren stirbt Haruko an einem Krebsleiden. Kazuhiko, der sich oftmals mit Geliebten vergnügt hat, findet seine Gattin auf spezielle Weise im Diesseits wieder.

„Vorübergehende Unruhe“ von Yoshiko Shibaki ist ein Paradestück, wie sich Familienmitglieder über Geldthematiken verstreiten bzw. anbiedern können: Takako wird überraschend von einem Immobilienmakler aufgesucht, der ihr und ihrer Mutter einen stattlichen Betrag für ein Grundstück offeriert, das über den Tod von Takakos Vater in Vergessenheit geraten ist. Takakos Geschwister, die sich bisher kaum mehr für ihre Verwandten interessiert haben, wittern Geld und unterbreiten ungefragt ihre eigenen Vorstellungen.

„Die schweigenden Händler“ in Yuko Tsushimas Erzählung stehen sinnbildlich für Tiere, die Kindern als Vaterersatz dienen. Yuko Tsushima, selbst eine alleinerziehende Mutter, greift damit eine für sie typische Thematik auf. Die Ich-Erzählerin beginnt mit Erinnerungen an ihre Kindheit ohne Vater am Rikugien-Park; später zieht sie selbst als alleinerziehende Mutter erneut in die Nähe des Parks.

„Unterwegs mit Maya“ ist Toshio Shimaos Ich-Erzähler, der zusammen mit seiner kleinen Tochter Maya in die Stadt K. gekommen ist. Primär hat er Geschäftliches zu erledigen, doch er nutzt den Aufenthalt dazu, sich selbst gastroenterologisch und seine Tochter neurologisch untersuchen zu lassen. Maya tut sich schwer, mit ihrer Außenwelt zu kommunizieren und so hält der Aufenthalt in K. einige Qualen für sie bereit.

„Alte Freunde“ von Shusaku Endo erscheint wie ein sehr autobiographisches Werk: Der Ich-Erzähler ist gerade von einem Auslandsaufenthalt nach Japan zurückgekehrt, als er den Anruf eines alten Freunds aus Jugendtagen, der nun katholischer Priester ist, erhält. So wird der Wunsch an ihn herangetragen, doch bitte am Jahrestag seiner Priesterweihe mit anderen ehemaligen Kumpanen zusammen zu kommen.

Der Autor Takeshi Kaiko war ein Weltenbummler und so verwundert nicht, dass sich auch sein Ich-Erzähler in „Die zerriebene Kugel“ im Ausland herumtreibt. Eines Tages im Jahr 1966 wacht er in irgendeiner Hauptstadt auf und beschließt, dass es Zeit ist, nach Japan zurückzukehren. Die Flugroute führt ihn jedoch zuerst nach Hongkong und zu seinem alten Bekannten Zhang, mit dem er philosophische Gespräche führt. Während die beiden Männer sich über Abstraktes unterhalten, geschieht in der Welt der Literatur etwas ganz Konkretes: Der chinesische Autor Lao She wird tot aufgefunden. Ob er zu Tode geprügelt wurde oder Selbstmord beging ist bis heute nicht aufgeklärt.

„Erkundungen – 19 japanische Erzähler“ enthält zwar viele Erzählungen, jedoch wäre es mir lieber gewesen, wenn statt dieser Fülle etwas mehr Wert auf ergänzende Erklärungen gelegt worden wäre. Wenn man sich nicht ohnehin schon etwas mit den Autoren und Autorinnen beschäftigt hat, dann fehlen teilweise wichtige Hintergrundinformationen, die für die Deutung der Erzählungen nicht unwesentlich sind.

Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne & Haase, Heinz (Hrsg.): „Erkundungen – 19 japanische Erzähler“ (Übersetzung aus dem Japanischen bzw. Englischen: Haase, Heinz/Ito-Pokorny, Friedl/Naito, Michio/Pfeiffer, Sigrid/Rau, Edith/Rönsch, Rainer/Schlecht, Wolfgang E./Simon, Andreas/Stalph, Jürgen/Uhl, Christian und Yoshida-Krafft, Barbara), Volk & Welt, Berlin 1989, ISBN 3-353-00581-1

Sonntag, 24. November 2013

„Mondscheintropfen“ herausgegeben von Eduard Klopfenstein

Für den Erzählband „Mondscheintropfen“ hat Eduard Klopfenstein 16 Erzählungen aus den Jahren 1940-1990 ausgewählt. Damit knüpft „Mondscheintropfen“ an den Band „Träume aus zehn Nächten“ von Jürgen Berndt an, der dem Zeitraum 1895-1966 Rechnung trägt.

Der Band beginnt mit Rintaro Takedas „Geschichte vom Schnee“: Ein namenloser Er hört von einem Arbeitskollegen die Geschichte einer ungewöhnlichen Eheschließung. Ein Brautzug konnte wegen Schneefalls nicht weiter ziehen und musste in einem eingeschneiten Bergdorf verweilen. Aus der Not machten die Verwandten der Braut eine Tugend: Die Braut wurde kurzerhand an den Sohn des Bauern verheiratet, der ihnen Obdach gewährt hatte. Als Er dies seiner Sie erzählt, wirft die Geschichte einen Schatten auf die Ehe.

Kensaku Shimaki schrieb kurz vor seinem Tod die Erzählung „Der schwarze Kater“. In den letzten Kriegsjahren finden noch nicht einmal die Katzen genug zu Essen. Der kranke Ich-Erzähler beobachtet mit Abscheu die hungrigen Streuner, die sich bei den Menschen einschmeicheln möchten. Doch da ist auch dieser schwarze Kater, der besonders stolz wirkt und niemals beim Ich-Erzähler betteln würde. Bald wird die nächtliche Ruhe im Haushalt des Ich-Erzählers gestört: Eine Katze scheint nachts ins Haus einzudringen, um sich über die Lebensmittelvorräte her zu machen. Ob da nicht der schwarze Kater dahinter steckt?

Shichiro Fukazawas „Nanking-Bübchen“ gilt als Vorläufer seiner längeren Erzählung „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“: Erzählt wird von einer archaisch-anmutenden Gesellschaft, in der Kinder in die Lohnsklaverei verkauft werden und kein Platz ist für behinderte und alte Menschen.

In die „Alte Heimat“ treibt es Yasunari Kawabatas Protagonisten. Die Handlung – eher Traum als Realität – schickt ihn in einem Helikopter in sein Heimatdorf. Doch scheint der Ort völlig unbelebt, bis er eine Kindheitsfreundin wieder trifft, die jedoch in der Zwischenzeit überhaupt nicht gealtert ist. Doch existiert auch eine „alte“ Version der Kleinen – da bemerkt der Protagonist, dass auch er sich in eine junge und eine alte Ausgabe gespalten hat.

Noch abgefahrener wird es in Kobo Abes „Der Stock“: Ein Mann verbringt mit seinen Söhnen Zeit auf einer Kaufhausterrasse. Als er von der Terrasse stürzt, findet er sich am Boden als Stock wieder. Zwei Studenten und ein Professor lesen ihn auf – es entspinnt sich eine Diskussion, wie der Stock zu bestrafen sei.

Yumiko Kurahashis „Am Ende des Sommers“ schildert ein tragisches Ansinnen, das an griechische Tragödien erinnert. Zwei Schwestern, die beide mit demselben Studenten verkehren, beschließen eines Sommers am Meer, den jungen Mann um die Ecke zu bringen. Die Entscheidung der beiden steht bereits mit den ersten beiden Sätzen der Erzählung fest:

„Unser Entschluss stand fest. K musste sich in unseren Händen in eine schwere Masse Tod verwandeln.“ (S. 47)

Durch einen drückenden Sommer, der angefüllt ist mit dem Meer, mit Sex und einer Dreier-Liaison, begleitet der Leser die Schwestern, wie sie Ks Leben zu beenden trachten.

Tsutomu Minakami (auch: Tsutomu Mizukami) schreibt mit „Winter-Kaki“ ebenfalls über das Ende eines Lebens – doch weit weniger brutal. Denn der betagte Tischler Juzo verfällt zusehends. Seine einzige Tochter kommt ihn erst besuchen, als er fast schon das Leben ausgehaucht hat.

Akira Abes Ich-Erzähler macht sich in „Pfirsiche“ daran, einem alten Erinnerungssplitter aus der Kindheit auf die Spur zu kommen. Es erweist sich, dass die Erinnerung einige Unplausibilitäten enthält – war am Ende alles ganz anders?

In Mieko Kanais Erzählung „Der Akazienritterorden“ vermischen sich mehrere Handlungs- und Realitätsebenen. Da ist die Ich-Erzählerin, die es liebt, in einer Schreinerei ein und aus zu gehen. Da ist der Schreiner, ehemals ein Schriftsteller, der einen Brief erhält. Da ist der anonyme Briefschreiber, der auf ein Bild verweist, das den Schreiner einstmals zu einer Erzählung über einen ritterlichen Schülerorden inspiriert hatte. Der Brief beschreibt, wie der Anführer des Ordens den Tod finden musste – doch existierten der Orden, der Täter, der Briefschreiber jemals in Realität?

„Starrende Augen“ von Shintaro Ishihara zeigt, wie sehr die Einstellung der Menschen die Wahrnehmung beeinflussen kann. Anhand von Spukgeschichten präsentiert der Autor zwei Deutungsmöglichkeiten für starrende Augen. Für welche wird sich der Protagonist entscheiden?

Tetsuo Miuras „Der Kuss“ beschreibt den Beginn des sexuellen Erwachens eines Mädchens in der Pubertät und dessen Prägung durch das Rollenverständnis als Frau auf. Nach langer Zeit besucht die kleine Kiwa ihren Vater in Tokio, der zwischenzeitlich mit einer anderen Frau als Kiwas Mutter zusammen lebt. Von ihrem Ausflug in die Stadt bringt sie neue Begierden nach Hause.

„Ein Regenbogen in der Hand“ von Wahei Tatematsu erzählt von dem Rumtreiber Yusaku, der am liebsten auf Parkbänken übernachtet und seinen Hunger damit stillt, dass er Gras ist. Eines drückenden Sommertags möchte er mit Freunden ans Meer fahren. Einen passenden Badeplatz auszumachen, erweist sich als schwieriger als gedacht. Doch der Rumtreiber weiß, wie er dennoch zu seiner Erfrischung kommt.

Setsuko Tsumuras Protagonistin Kae macht sich in „Das Haus im Wind“ auf die Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann. Nachdem dieser seine Position als Angestellter gekündigt und ein Café aufgemacht hat, kehrt er eines Tages nicht mehr nach Hause zurück. Kae engagiert ein Detektivbüro, um den Aufenthaltsort ihres Mannes ausfindig zu machen. Dort warten gleich mehrere Überraschungen auf Kae.

Soh Aono lässt „Eindringlinge in ein Haus mit Schwalbennest“: Zwei herumtreibende Jugendliche brechen in ein Haus ein, dessen Bewohner gerade verreist ist. Sie nehmen die Behausung für einige Tage in Beschlag, nicht ohne mehr von dem eigentlichen Einwohner zu erfahren. Doch der Aufenthalt kann nicht von Dauer sein.

Als Eiichi eines Abends betrunken nach Hause will, hat er das Pech, in der Bahn einzuschlafen und erst zwei Stationen zu spät auszusteigen. Der letzte Zug in die Gegenrichtung ist bereits abgefahren, ein Taxi ist nicht mehr zu bekommen und daher macht er sich zu Fuß auf den Weg. Als er an einem Schrottplatz vorbei kommt, entdeckt er ein nahezu unbeschadetes, dort abgestelltes Taxi, in dem er sich für kurze Zeit einnistet – bis die Person auftaucht, die selbst Anspruch auf das Gefährt in Jun Kasaharas „Mondscheintropfen“ geltend macht.

Die letzte Geschichte in dem Band ist Haruki Murakamis „Tony Takitani“, der das Schicksal erlebt, schließlich ganz allein im Leben dazustehen: Sein verwitweter Vater, zu dem er kaum eine Beziehung aufgebaut hat, stirbt – ebenso wie Tony Takitanis Ehefrau, die der Kaufsucht von Kleidern erlegen ist. Ob es eine Lösung ist, eine Sekretärin einzustellen, die künftig die Kleider der verstorbenen Ehefrau tragen soll?

„Mondscheintropfen“ bietet einige Highlights für Fans der japanischen Literatur. Da wäre auf jeden Fall Shichiro Fukazawas „Nanking-Bübchen“, das einen Liedtext mit der Handlung verknüpft und einem einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagt. Yumiko Kurahashis „Am Ende des Sommers“ löst eine ganz andere Form der Bedrückung aus, indem in gleißendes Sommersonnenlicht getauchte böse Gedanken formuliert werden. Wahei Tatematsus „Ein Regenbogen in der Hand“ präsentiert dagegen den sorglosen Sommertag eines Rumtreibers, mit dem der eine oder andere zumindest kurz tauschen wollen würde.

Jede Erzählung in „Mondscheintropfen“ drückt für sich eine ganz eigene Stimmung aus – das Spektrum geht von todtraurig bis zu vergnüglich-positiv. Wer sich einen Überblick über die Vielfalt der japanischen Literatur verschaffen möchte, ist mit dem Erzählband sicherlich sehr gut beraten.

Bibliographische Angaben:
Klopfenstein, Eduard (Hrsg.): „Mondscheintropfen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Ackermann, Peter/Gebhardt, Lisette/Gross, Christine/Hunziker, Christine/Klopfenstein, Eduard/Langemann, Christoph/Loosli, Urs/Reinfried, Heinrich/Rhyner, Bruno/Sato-Diesner, Sigmara/Weissert, Michael/Werner, Verena/Yamaka-Hiller, Barbara/Zimmermann, Corinne), Theseus Verlag, Zürich/München 1993, ISBN 3-85936-061-2

Sonntag, 27. Januar 2013

„Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“ herausgegeben von Eiko Saito


Menschen in der Krise, meist betroffen vom (nahenden) Tod von Angehörigen und Bekannten, sind das übergreifende Thema der Erzählungen in „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“.

Relativ harmlos kommt noch Shotaro Yasuokas „Lauf, Tomahawk!“ daher: Der Protagonist wird von einem amerikanischen Kekshersteller eingeladen, um zusammen mit Journalisten aus aller Welt den Westen der USA kennen zu lernen. Primär ist die Tour recht langweilig, bis der Ich-Erzähler seinen Mut auf dem Rücken eines Pferdes beweisen muss.

Keizo Hinos Lieblingsthema – das der modernen Stadt – steht auch in seiner Erzählung „Eisenzeit“ im Mittelpunkt. Auf der Suche nach der Botschaft eines kleinen Landes fährt der Protagonist an Häusern vorbei, in denen er bereits als Student gerne gelebt hätte und stellt sich seinem einstigen Wunschtraum erneut.

Taku Miki beschreibt „Nachbarn“: Yoshi ist in die Jahre gekommen und wird von den Jungen in ihrem Viertel „die Alte“ genannt. Die Jahre sind nach ihrem Einzug in das derzeitige Wohnhaus vergangen; auch an ihren Nachbarn geht die Zeit nicht unmerklich vorbei – der Tod klopft mehrmals an die Tür.

„In der Luft“ von Kunie Iwahashi beginnt mit dem Besuch der Ich-Erzählerin bei einer krebskranken Schulfreundin und geht über in die Schilderung der Familienverhältnisse der Protagonistin, die alles andere als innig oder liebevoll sind.

Das „Sternbild des Orions“ (von Akira Yoshimura) betrachtet Toshio im Planetarium zusammen mit seinem Vater. Dabei lässt die Toshio die Geschehnisse der letzten Zeit Revue passieren: Seine Mutter hatte die Familie wegen eines anderen Mannes verlassen und bald darauf Selbstmord begangen. Sein Vater verzweifelt an der Situation.

Haruki Murakamis „Glühwürmchen“ ist die Kurzfassung seines Romans „Naokos Lächeln“: Der Ich-Erzähler ist Student und trifft die Freundin seines Kumpans wieder, der als Teenager Selbstmord begangen hatte. Die beiden nähern sich an, doch ein Happy End ist ihnen nicht vergönnt.

„Das Trauerfeld“ von Yoshikichi Furui ist mein Highlight in dem Erzählband: Ein Freund des Ich-Erzählers verschwindet für eine Woche, nachdem ihm unheilbarer Krebs attestiert wurde. Er taucht bei einer Frau unter und führt sich gar seltsam auf.

Ein bisschen abstrus wird es in Mizuko Masudas „Blumen“: Yuki ist eine Eigenbrötlerin und kann sich in der modernen Arbeitswelt nicht zu Recht finden. Der Wirt Ariga, ebenfalls nicht gerade besonders mitteilsam, gibt der jungen Frau nicht nur einen Job, sondern besorgt ihr auch eine Wohnung. Ob die beiden eine gemeinsame Chance haben?

Kurz vor dem Alter von „Einhundert“ steht der Vater des Protagonisten in Takehiro Irokawas Erzählung. Der Ich-Erzähler hält sich am liebsten von seinem Vater fern – ist er doch ein alter Choleriker und hat seit jeher seine Brutalität an den Familienmitgliedern ausgelassen. Doch als seine Mutter ins Krankenhaus eingeliefert ist, muss der Protagonist die Stellung im elterlichen Haushalt halten und sich mit seinem Vater auseinander setzen.

„Lebenstage“ werden Akira Abes Erzählung thematisiert: Erinnerungen an Tage, die sich Kindern für immer ins Gedächtnis prägen und sie bis ans Ende ihres Lebens begleiten werden.

„Die Pistole“ des Vaters liegt seit dessen Tod im Haushalt der Mutter. Tetsuo Miuras Protagonist muss sich um seine Mutter kümmern, die die Sorge um die illegale Waffe quält.

„Das Baumpflanzfest“ ist in Shuichiro Konos Erzählung die Gelegenheit für Shiotsu, seiner Wut über den Tod seines Vaters in einem Gefängnis Luft zu machen.

„Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“ hält ein interessantes Spektrum an Erzählungen bereit, teilweise illuster, teilweise tragisch, teilweise phantasievoll, teilweise alltäglich – jedoch immer nachdenklich.

Bibliographische Angaben:
Saito, Eiko: „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“, Volk und Welt, Berlin 1992, ISBN 3-353-00880-2

Mittwoch, 23. Mai 2012

„Urlaub für die Ewigkeit“ von Akira Abe

Der Protagonist Teisuke in „Urlaub für die Ewigkeit“ erlebt gerade wahrlich keine schöne Zeit: Seinem Vater ist unheilbarer Krebs attestiert worden, die Ärzte geben ihm nur noch wenige Monate zu leben. Dem Vater soll die Diagnose verschwiegen werden, was Teisuke irgendwie gerade recht kommt: So kann er weiterhin abends mit seinen Kollegen saufen gehen und sein distanziertes Verhältnis zum Vater beibehalten. So richtig entsetzt über den baldigen Krebstod ist die unmittelbare Verwandtschaft ebenfalls nicht: Für die eigene Ehefrau, die der Vater seit jeher wie eine Sklavin herumkommandiert hatte, wäre sein Tod eine Befreiung. Und der zweitgeborene Sohn Ryoji war ohnehin seit Jahren mit ihm verstritten.

In Rückblenden erzählt Teisuke von dem sehr unschönen Familienleben während der letzten 30 Jahre: Der versoffene Vater hatte als ehemaliger Marineoffizier nach dem Krieg nie wieder Fuß fassen können und als Arbeitsloser von den illegalen Geschäften Ryojis gelebt. Als Ryojis verzweifelte Versuche, Geld für die Familie aufzubringen, aufflogen, verstieß der Vater seinen Sohn. Den erstgeborenen, bereits verstorbenen Sohn hatte er aufgrund dessen geistiger Behinderung kastrieren lassen. Und die Mutter behandelte er wie einen Fußabstreifer. Da war Teisuke, der drittgeborene Sohn, noch am besten weggekommen.

„Urlaub für die Ewigkeit“ wirft die Frage auf, ob man einem Familientyrann vor dessen Tod vergeben kann. Gerade einmal die Schwiegertöchter sind fähig, dem Sterbenden gegenüber den traditionellen Respekt einem Familienoberhaupt gegenüber zu bewahren.

Die autobiographisch gefärbte Erzählung von Akira Abe schildert eine wahrlich tragische Familienhistorie, die viele Aspekte japanischer Sozialgeschichte in sich birgt: Soldaten, die nach dem Krieg wertlos geworden sind und sich in einer entmilitarisierten Gesellschaft nicht mehr zu Recht finden. Patriarchalische Familienoberhäupter, die die Zeichen des Wandels nicht erkennen. Und Söhne, die während des Krieges ohne Väter aufwachsen.

Dienstag, 22. Mai 2012

Akira Abe

Akira Abe wurde 1934 in Hiroshima geboren. Nach der Versetzung seines Vaters, einem Marineoffizier, wuchs er in Kugenuma auf. Nach Kriegsende wurde die familiäre Situation immer schwieriger, da der Vater als Ex-Militär ohne Einkommen da stand und sich mit den neuen Verhältnissen nicht arrangieren konnte.

Trotzdem studierte Akira Abe Romanistik an der Universität von Tokio. Er beteiligte sich auch an einer studentischen Theatergruppe und beschäftigte sich unter anderem mit Stendhal.

Vom Jahr 1959 an arbeitete er beim Rundfunk. 1962 debütierte er mit seiner ersten Erzählung „Das Kinderzimmer“. 1971 wurde er Vollzeitautor. 1973 erhielt er den Manichi-Literaturpreis, 1977 den Kunstförderpreis des Kulturministeriums.

Seine Werke haben starke autobiographische Bezüge: Sie handeln oftmals vom Autoritätsverlust des Militärs nach dem Krieg, wie ihn Akira Abes Vater erlebt hatte, und vom Zusammenleben mit einem behinderten Familienmitglied. Akira Abe gilt als Vertreter der „inrovertierten Generation“.

1989 starb Akira Abe an Herzversagen.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert: