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Donnerstag, 1. Mai 2014

„Sanshiros Wege“ von Soseki Natsume

„Es war, als ob er mitten im Kriegsgetümmel zwischen zwei Heeren eingeschlafen wäre und es verpasst hätte, sich dem Sieger anzuschließen.“ (S. 21)

So fühlt sich der Student Sanshiro, der in der Meiji-Zeit vom Land zum Studieren nach Tokio kommt. Alles geht irrsinnig hektisch vor sich, die Menschen hasten, die Straßenbahnen rumpeln und dazwischen steht der 23-jährige Kerl, der sich in der Großstadt wie ein Bauerntrampel vorkommt. Sanshiro erkennt, dass er sich im Spannungsfeld von drei Welten bewegt. Da ist die gemächliche, traditionsorientierte Heimat auf dem Land, dann die moderne, schnelllebige, laute Großstadt und schließlich die Wissenschaftswelt, die ihren eigenen Regeln unterliegt und ein eigenes System bildet (Luhmann lässt grüßen).

Sanshiro tut sich schwer, sich einzuleben und Anschluss zu finden. Durch seinen Studienkumpan Yojiro und einen Vertrauten seiner Familie findet er jedoch langsam Zugang zur Frauenwelt und zu Akademikern. Jedoch lebt er in ständiger Angst, etwas Falsches zu sagen und hält sich in seinen Äußerungen zurück. Denn wie eine zufällige Bekannte als auch seine Mutter erkannt haben: Sanshiro ist tendenziell eher ein Feigling.

Nichtsdestotrotz unternimmt er sachte Annäherungsversuche an Mineko, die eine moderne, junge Frau, wenn nicht gar eine Femme Fatale ist, die sich sehr wohl ihrer Wirkung auf die Männerwelt bewusst ist und diese zu manipulieren weiß. Primär mit dem Oberschullehrer und weisen Ratgeber Professor Hirota nimmt Sanshiro an philosophisch angehauchten Gesprächen teil. Hinter Hirota, der wie Sanshiros Mentor wirkt, vermutet man als Leser den Autor Soseki Natsume selbst.

Soseki Natsume lässt Sanshiro in leichtem und fast schon beiläufigem Ton ein Spannungsfeld zwischen Moderne und Tradition erleben. Geschlechterrollen werden in Frage gestellt und dann doch wieder nicht verworfen. Sanshiro selbst muss den Spagat zwischen dem Leben in der Großstadt und dem Leben in der Heimat schaffen, wenn er in den Ferien zu seiner Mutter zurückkehrt. Währenddessen scheint sich das akademische Leben schon globalisiert zu haben. Einen kleinen Seitenhieb versetzt Soseki Natsume auch dem Wissenschaftsbetrieb, in dem Intrigen gesponnen werden, um Karrieren zu fördern oder zu vernichten. Erst gegen Ende des Romans scheint Sanshiro die gesellschaftliche Situation kritisch zu hinterfragen: Sind die Menschen in der Moderne nicht alle verlorene Schafe? Hier mag man aber auch eine Chance für die weitere Entwicklung des Menschen Sanshiro sehen, der durch diese Erkenntnis an Ernsthaftigkeit gewinnt und sich so hoffentlich künftig in der Wissenschaft und dem Leben in der Großstadt besser behaupten kann.

„Sanshiros Wege“ ist der erste Teil einer Trilogie, dem „Und dann“ (in deutscher Übersetzung erschienen im Galrev, jedoch komplett vergriffen und entsprechend teuer in den Antiquariaten – sollte überhaupt ein Exemplar in den Handel kommen) und „Das Tempeltor“ (nicht in deutscher Übersetzung verfügbar) als Teil zwei und drei folgen und wohl einen weniger optimistischen Ton anschlagen als „Sanshiros Wege“.

Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Sanshiros Wege“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Langemann, Christoph), Bebra, Berlin 2009, ISBN 978-3-86124-908-5

Sonntag, 10. März 2013

„Auf der Suche nach Sharaku“ von Katsuhiko Takahashi

Tsuda ist auf dem Weg zu einer Beerdigung. Er vertritt seinen Professor Nishijima. Freilich will Nishijima nicht selbst zum Begräbnis kommen und schickt lieber seinen Assistenten Tsuda – schließlich ist der Tote Saga einer seiner wissenschaftlichen Todfeinde im Bereich der Ukiyoe-Forschung. Saga hat vermutlich Selbstmord begangen – aus einem relativ banalen Grund: Er scheint Bücher eines Antiquars gestohlen zu haben und wollte der Schande einer Entlarvung zuvor kommen. Dies alles erfährt Tsuda, als er nach den Feierlichkeiten mit seinem ehemaligen Kommilitonen Kokufu in einem Café zusammen sitzt. Unvermutet gesellt sich auch noch der ermittelnde Kommissar Onodera zu der Runde.

Doch Sagas Tod hält für Tsuda aber noch eine weitere Überraschung bereit: Denn aus Sagas Nachlass fällt Tsuda ein alter Bildband in die Hände. Er kann sein Glück kaum fassen – eines der abgebildeten Bilder ist mit „Chikamatsu Shoei alias Toshusei Sharaku“ signiert. Sharaku… Ein regelrechtes Phantom der Ukiyoe-Malerei… Nur zehn Monate hat der Künstler in Edo in den Jahren 1794 und 1895 gewirkt, hat zahlreiche Drucke auf den Markt gebracht und ist danach in der Versenkung verschwunden. Niemand kennt seine Identität. Insbesondere als er von dem deutschen Gelehrten Julius Kurth mit Velazquez und Rembrandt in einer Liga als einer der drei prächtigsten Porträtmaler aller Zeiten bezeichnet wurde, ist der fast ins Vergessene geratene Sharaku im 20. Jahrhundert wieder als künstlerisches Genie gehandelt.

Tsuda glaubt, mit dem Bildband den Schlüssel zu Sharakus wahrer Identität in den Händen zu halten. Kokufu informiert er über seine erstaunliche Entdeckung und geht mit Kokufus Schwester Saeko auf Erkundungsreise nach Akita. Mit detektivischem Spürsinn folgen sie der Fährte und gelangen zu der Überzeugung, das Geheimnis um Sharaku gelüftet zu haben.

Tsuda ist euphorisch und freut sich auf seinen wissenschaftlichen Durchbruch. Doch da hat er die hinterhältigen Mechanismen im Wissenschaftsbetrieb unterschätzt. Es kommt jedoch noch schlimmer: Menschen sterben aufgrund ominöser Unfälle, so dass Tsuda auch die Selbstmordtheorie um Saga in Zweifel ziehen muss.

Katsuhiko Takahashis Kunstkrimi entführt in der ersten Hälfte des Buches in ein Edo der Intrigen und politischen Machenschaften Ende des 18. Jahrhunderts. Kaum glaubt der Leser an des Rätsels Lösung, schon tun sich in der zweiten Hälfte und zurück in der Jetzt-Zeit neue Fragen auf, die manch einem das Leben kosten sollen.

„Auf der Suche nach Sharaku“ ist ein anspruchsvoller Krimi und insbesondere für Kunstinteressierte ein literarischer Leckerbissen. In die Überlegungen von Tsuda fließen allerhand spannende Fakten zu Ukiyoe und der Edo’schen Kunst- und Verlagsszene der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts ein. So begegnet man unter anderem dem Autor Kyoden Santo und den Folgen der Veröffentlichung seiner Darstellungen aus dem Freudenviertel. Sein Verleger Tsutaya verlor die Hälfte seines Vermögens, Kyoden Santo wurde 50 Tage lang in Handfesseln gelegt. Und trotz allem Kunstverstandes mangelt es „Auf der Suche nach Sharaku“ keinesfalls an Spannung.

Bibliographische Angaben:
Takahashi, Katsuhiko: „Auf der Suche nach Sharaku“, Bebra, Berlin 2013, ISBN 978-3-86124-918-4

Samstag, 29. Dezember 2012

„Der Tor aus Tokio“ von Soseki Natsume

Der Ich-Erzähler in Soseki Natsumes Roman ist ein Botchan, ein Grünschnabel. Er stammt aus Tokio und rühmt sich einer unbekümmerten Ehrlichkeit, wie es sich für einen echten Edokko gehört. Darüber hinaus ist Botchan aber auch tollpatschig, einfach gestrickt, ungehobelt und neigt zu Übersprungshandlungen. Bereits als Kind eher das schwarze Schaf der Familie schließt vor allem die alte Bedienstete Kiyo den kleinen Tor aus Tokio in ihr Herz.

Doch irgendwann ist die Zeit für Botchan gekommen – er soll auf eigenen Füßen stehen und wird hinaus in die Welt geschickt. In irgendein Kaff, an dessen Mittelschule er Mathematik unterrichten soll. Irgendwie hat der Jungspund aber noch nicht gerafft, auf welcher Seite er ab sofort steht; er gibt wie ein Schüler seinen neuen Kollegen Spitznamen: Dachs nennt er den Rektor, Rothemd den Konrektor. Der Zeichenlehrer erhält den Titel Clown und seinen direkten Vorgesetzten benennt er als Stachelschwein.

Die Schüler machen Botchan, der die Regeln auf dem Land nicht kennt und nicht ahnt, dass es für ihn ab sofort keine Anonymität mehr gibt, das Leben schwer. Da werden schon einmal Grashüpfer in seinem Bett deponiert. Doch auch mit dem lieben Kollegen ist’s ein Kreuz: Die aufgeblasenen Herren planen eine Intrige nach der anderen. Ob sie mit dem unbedarften Botchan ein einfaches Spiel haben werden?

Soseki Natsume, der selbst eine Weile auf dem Land unterrichtete, wusste sicher ein Lied über das Leben als Lehrer auf dem Lande zu singen. „Der Tor aus Tokio“ lebt vom flapsigen Ton des Ich-Erzählers und seinen unverblümten Schilderungen. Während seine Kollegen sich mit ihrem Wissen über ausländische Kunst oder Haikus schmücken, ist dies alles dem Botchan völlig schnuppe – was juckt ihn ein Haiku, das die Schönheit einer Blume preist, die sich um einen blöden Eimer rankt. Die Affektiertheit der Herrschaften geht ihm auf die Nerven und dies kann er leider kaum verbergen.

Soseki Natsumes Sarkasmus in „Der Tor aus Tokio“ ist ein Rundumschlag, trifft alle wichtigtuerischen, intriganten, opportunistischen, pseudo-moralischen, kleinmütigen und grobschlächtigen menschlichen Eigenschaften und hält der Gesellschaft damit den – weiß Gott – unangenehmen Spiegel vor.

Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Der Tor aus Tokio“, Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-936018-71-4

Freitag, 25. November 2011

„Wanzentagebuch“ von Mokichi Saito

„Wanzentagebuch – Die kleinen Leiden und Freuden eines japanischen Studenten in Europa zwischen den zwei großen Kriegen“ von Mokichi Saito enthält 56 Essays, die im Stil des Zuihitsu („dem Pinsel folgen“) verfasst sind. Der Autor, der Anfang der 20er Jahre zu Studienzwecken in Europa weilte, dokumentiert damit seinen Aufenthalt und präsentiert ein Stück Zeitgeschichte durch die Augen eines Fremden: Wie äußert sich der aufziehende Antisemitismus an der Universität von Wien? Wie erlebt der Japaner den Hitler-Putsch in München? Wie und wann dringen die Informationen über das große Kanto-Erdbeben bis in die bayerische Landeshauptstadt?

Darüber hinaus darf der Leser an den Leiden des Studenten teilhaben: Wo in München lässt sich denn bloß ein wanzenfreies Zimmer auftun? In einer Inflation, in der 12 Billionen deutsche Mark für gerade mal ein englisches Pfund eingewechselt werden, schnappt ihm ein Dollar-Student die heiß ersehnte Fachliteratur vor der Nase weg. Was tun mit dem eingewechselten Geld, das morgen schon nichts mehr wert sein wird? Der Professor ist nicht zufrieden mit den Analysen des Studenten und eine Kurzgeschichte aus der Heimat treibt ihm daraufhin prompt die Tränen der Enttäuschung in die Augen.

Mokichi Saito reist im Europa der 20er: Ausgerechnet in Ungarn erlebt er die Kaisertreue, die er von den Österreichern erwartet hätte. Er fährt in die Alpen, an den Bodensee, an Nietzsches Grab und geht auf die Suche nach der Donauquelle. In den Bergen fühlt er sich an seine Heimat in Yamagata erinnert. Schließlich begibt er sich auch auf die Spuren von Ogai Mori, der wie Mokichi Saito einst zum Medizinstudium nach Europa kam: Wo mag sich nur das Café Minerva befunden haben, das Ogai Mori in „Wellenschaum“ beschrieben hat? (Hier sei's verraten: Es war in der Akademiestr. 9 situiert.)

Und natürlich macht Mokichi Saito seine kulturellen Erfahrungen: Die Europäer waschen sich mit einem Waschlappen statt ins Badehaus zu gehen. Im Bett tragen sie seltsame Nachthemden. Und sie küssen sich ganz unverblümt und innig mitten auf der Straße. In der katholischen Kirche wird er gescholten, dass er den Hut nicht abnimmt; in der Synagoge wiederum muss er eine Kopfbedeckung tragen. Gut, dass es in München die „Japantante“ gibt, in deren Wohnung alle japanischen Studenten willkommen sind, bei der sie sich über ihre Sorgen und Nöte auslassen können und Unterstützung finden!

Insbesondere für Leser mit Interesse an Wiener und Münchner Geschichte ist „Wanzentagebuch“ ein kleiner Leckerbissen. Mit enormer Sorgfalt wurden vom Herder Verlag hunderte von Fußnoten zu den einzelnen Essays zusammengetragen; seien es thematisch passende Gedichte von Mokichi Saito, Biographien oder auch die heutige Beschaffenheit der beschriebenen Plätze. Einzig und allein bleibt die Neugierde, was der verheiratete Mokichi Saito auf Reisen mit seinen weiblichen, europäischen Begleiterinnen so angestellt hat – hier ist er Gentleman und schweigt primär.

Dienstag, 11. Oktober 2011

„Zwei Fremde in der Dunkelheit“ von Shizuko Natsuki

Der Wissenschaftler Daigo, der aufgrund einer Tagung in Paris weilt, macht einen Ausflug in das Dorf Barbizon. Als er sich im Salon seines Hotels ein Glas Calvados gönnt, bemerkt er die Anwesenheit einer Landsfrau. Doch bevor er ihr Gesicht sehen kann, verursacht ein Gewitter einen Stromausfall. Im Dunkeln gestehen sich Daigo und die geheimnisvolle Frau, die sich Fumiko nennt, ihre geheimsten Gedanken: Fumiko wünscht sich den Tod einer Frau, die einen geliebten Menschen ermordet hat und nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Daigo würde am liebsten seinen Chef, den Universitätsprofessor Yoshimi, töten. Dieser vertuscht erfolgreich, dass die Konsumenten eines Lebensmittels an Krebs erkranken und nach einer langen Leidensphase sterben.

Zurück in Japan hängt Daigo immer noch in Gedanken der geheimnisvollen Begegnung in Barbizon nach. Doch die Realität holt ihn schnell ein: Er fühlt sich von seinem Chef gegängelt und soll an eine Universität in Alaska abgeschoben werden.

Als Yoshimi tot aufgefunden wird, fällt ein erster Verdacht auf Daigo. Doch der hat aufgrund von seltsamen Umständen ein wasserdichtes Alibi. Als eine mysteriöse Karte bei Daigo eingeht, versteht er: Fumiko hat Yoshimi für ihn getötet. Nun ist er am Zug und muss Fumikos Feindin an ihrer Stelle das Leben nehmen. Zudem begibt er sich auf die Suche nach Fumiko. Wer mag diese Frau, die einen falschen Namen benutzt, in Wirklichkeit sein?

„Zwei Fremde in der Dunkelheit“ der Krimi-Bestsellerautorin Shizuko Natsuki ist spannend bis zur letzten Seite. Einziger Wehrmutstropfen: Muss sich der Protagonist auf seiner Suche nach Fumiko denn gar so tölpelhaft verhalten?

Mittwoch, 17. August 2011

„Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ von Yasutaka Tsutsui

Professor Tadano hat vor kurzem seinen eigenen Lehrstuhl bekommen, befindet sich aber in der Universitätshierarchie immer noch im unteren Mittelfeld. Besonders beliebt ist er ohnehin nicht, fällt er doch durch sein endloses, blödes Geschwätz auf. Im Universitätsalltag wird aber sowieso über jeden gelästert und taktisch gehandelt, Intrigen werden gesponnen und Schleimspuren ausgelegt. Korrupt ist so gut wie jeder und arbeiten lässt man am liebsten die Hilfskräfte. Damit liefert der Autor Yasutaka Tsutsui eine bissige Persiflage auf den Universitätsbetrieb.

Doch als hätte Professor Tadano nicht ohnehin schon genug Probleme, muss er seinen Freund Makiguchi decken, der eigentlich im Ausland auf Universitätskosten Studien nachgehen sollte, sich aber statt dessen in seinem Haus verbarrikadiert hat, um wissenschaftliche Aufsätze zu schreiben. Um Makiguchi einen begehrten Posten an einer anderen Universität zuschanzen zu können, begibt sich Professor Tadano in den Korruptionssumpf. Darüber hinaus plagen ihn die Sorgen um seine eigene Karriere. Da hat er doch begonnen unter einem Pseudonym Kurzgeschichten für eine Zeitschrift zu schreiben, was seinen Ruf in der wissenschaftlichen Welt ruinieren kann:

„Die Universität ist so eine Art Gegenwelt. Je mehr öffentliche Anerkennung man gewinnt, desto mehr entfremdet man sich gleichzeitig von der Universität!“ (S. 44)

 Wenn der geschwätzige Kerl mal bloß nicht auffliegt…

Doch dies ist nur die eine Hälfte des Romans. Denn der Leser begleitet Professor Tadano auch bei seinen Vorlesungen über den russischen Formalismus, die Phänomenologie, die Semiotik etc., die ihres gleichen suchen. Professor Tadano sprüht regelrecht vor anschaulichen Beispielen, übt Theoriekritik und entzieht so manchem Kritiker die theoretische Grundlage.

Seit der Publikation des Romans „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ gilt Yasutaka Tsutsui als der „japanische Guru der Metafiktion“. Und tatsächlich: Der Text ist selbstreferentiell, indem er sich selbst als Beispiel in Tadanos Vorlesungen nennt. Auch der Autor Yasutaka Tsutsui wird hier genannt.

Neben Metafiktion stehen aber auch die Schlagworte Slapstick-Fiction und politische Inkorrektheit für Yasutaka Tsutsui. Professor Tadano wirkt auch wirklich wie eine Witzfigur: Ein kleiner, unansehnlicher Zwerg, der die blödesten Witze in den unpassendsten Situationen reißt. Und was die politische Inkorrektheit angeht, trifft die in „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ AIDS-Kranke. Doch dieses Stilmittel lässt sich Yasutaka Tsutsui nicht verbieten, der aus Protest gegen seine Kritiker sogar für eine Weile in Schreibstreik getreten war. Die AIDS-Witze sind jedenfalls definitiv unter der Gürtellinie angesiedelt und lassen sich auch nicht schönreden.

Im Gegensatz zu „Mein Blut ist das eines anderen“ hält „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ voll und ganz, was man sich vom Autor Yasutaka Tsutsui verspricht: Gesellschaftskritik (an der korrupten Universitätswelt; an einer Wissenschaftswelt, die ein geschlossenes System bildet), Slapstick (durch einen schrulligen Protagonisten, der mit seinen Äußerungen die Lachmuskeln strapaziert) und Metafiktion (durch selbstreferentielle Elemente).

Obwohl der Protagonist Professor Tadano der Meinung ist, japanische Literatur mache depressiv, beweist Yasutaka Tsutsui mit "Professor Tadano an der philosophischen Fakultät" das genaue Gegenteil! Sehr schade, dass man die Anschlussvorlesung nicht belegen kann!