Zentrum von Yasunari Kawabatas „Ein Kirschbaum im Winter“ ist das Familienoberhaupt Shingo Ogata. Shingo hat seinerzeit die jüngere Schwester seiner toten Angebeteten geheiratet. Allerdings reicht seine Ehefrau Yasuko bei Weitem nicht die Schönheit der Verstorbenen heran. Shingo und Yasuko haben zwei verheiratete Kinder: Der Sohn Shuichi hat die schöne Kikuko geehelicht, mit der er ganz traditionell bei seinen Eltern wohnt. Shuichi hat jedoch eine außereheliche Liebschaft, unter der Kikuko sehr leidet. Die Tochter Fusako ist ebenfalls nicht glücklich in ihrer Ehe: Ihr Mann Aihara ist drogensüchtig, es kommt oftmals zum Streit. Zusammen mit ihren Töchtern Satoko und Kuniko wird Fusako bald zurück zu den Eltern ziehen.
Shingo ist ganz bezaubert von der Schönheit seiner Schwiegertochter Kikuko – sucht er doch umsonst die Anmut der Jugendliebe in seinen weiblichen Blutsverwandten. Da sein Sohn Shuichi Kikuko kaum Aufmerksamkeit zukommen lässt, versucht Shingo dies mit besonders nettem Verhalten Kikuko gegenüber auszugleichen – sehr zum Ärgernis seiner Tochter Fusako. Shingo hofft darauf, dass Shuichi seine Affäre bald beendet, doch ist er recht phlegmatisch und drängt kaum seinerseits darauf, dass Shuichi seiner Ehefrau treu zu sein hat. Doch ohne die Trennung Shuichis von seiner Geliebten ist der Familienfrieden bedroht.
Yasunari Kawabatas „Ein Kirschbaum im Winter“ mag auf den ersten Blick etwas langatmig und dröge vorkommen; insbesondere wenn man sich noch nicht allzu sehr mit den Eigenheiten von japanischer Literatur befasst hat. Denn Shuichi zögert zu sehr, beobachtet sehr viel und erweist sich nicht als ein starker Protagonist.
Stattdessen erwartet den Leser ein großes Spektrum an verschiedenen Themen, die parallel in die Familiengeschichte von Shingo eingeflochten werden. Da geht es einerseits noch um klassisch-traditionelle Familienstrukturen und andererseits um moderne Frauen, die unabhängig von Männern ihr Leben führen können/müssen. Da geht es um den Wert der Schönheit und der Anmut in der japanischen Kultur. Metaphysische Erlebnisse, böse Omen und Traumdeutungen paaren sich mit dem für die japanische Literatur typischen Motiv der Jahreszeiten, die durch die Betrachtung von Pflanzen vermittelt werden. Reminiszenzen an verschiedene Kulturbereiche wie das No-Theater, Malerei (Stichwort: Kazan Watanabe) und Literatur (Stichwort: Ogai Mori) lassen en passant kurz in die japanische (Hoch-)Kultur eintauchen. Und dann gibt es auch noch die Eigenheiten des Doppelselbstmords, die Abfindungen für Geliebte und die Quasi-Selbstverständlichkeit von Abtreibungen. Aber auch ganz abseits von japanischen Themen geht es auch um das Altern, den Verfall und den Tod. All das und sicherlich noch einige mehr Aspekte machen den vielschichtigen Roman aus, auf den man sich als Leser auch einlassen muss.
Interessant ist es sicherlich, Junichiro Tanizakis „Tagebuch eines alten Narren“ im Vergleich zu lesen. Obwohl es im Junichiro Tanizaki-Werk ebenfalls um eine Schwiegervater-Schwiegertochter-Beziehung und das Altern geht, verorten sich „Tagebuch eines alten Narren“ und „Ein Kirschbaum im Winter“ äußerst verschieden.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Junichiro: „Ein Kirschbaum im Winter“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried & Kure, Misako) DTV, München 1971, ISBN 3-423-00793-1
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Sonntag, 10. Januar 2016
Sonntag, 8. November 2015
„Meijin“ von Yasunari Kawabata
Yasunari Kawabatas „Meijin“ basiert auf dem Go-Spiel, das Shusai Honinbo, der damalige Meister des Gos (= Meijin), gegen seinen jüngeren Kontrahenten Minoru Kitani im Jahr 1938 ausfocht. Yasunari Kawabata berichtete damals in der Zeitung Mainichi über die Partie, die sich über ein halbes Jahr hinziehen sollte. Bis in die 50er Jahre hinein überarbeitete der Autor seine Aufzeichnungen, um den teilweise fiktionalisierten Fortsetzungsroman „Meijin“ im Jahr 1951 zu veröffentlichen.
Als Ich-Erzähler und als sein Alter-Ego Uragami berichtet Yasunari Kawabata von der Go-Partie, in der das alte Japan in Form des „unbesiegbaren“ Meijins auf das moderne Japan, verkörpert durch den jungen Otake (aka Minoru Kitani), trifft. Für den Meijin bedeutet dieses Match eine große Umstellung, da die jüngere Spielergeneration mit härteren Bandagen und gewissen Tricks kämpft. Die Vorrechte des Meijin als des älteren Spielers werden beschnitten; er wird einer „moderne[n] Gleichmacherei“ (S. 48) unterworfen und verliert die Privilegien des Älteren. Eine neue Ära des Go-Spiels hat begonnen:
Otake weiß das moderne Regelwerk geschickt für sich zu nutzen und der Meijin kommt mehr und mehr in Bedrängnis. Doch auch an Otakes Nerven wird gezehrt: Der Meijin erkrankt wiederholt und die Spiel zieht sich schließlich monatelang hin. Das Ende der Partie nimmt Kawabata vorweg: Von den Strapazen des Matchs wird sich der Meijin nicht mehr erholen – er wird kurze Zeit später sterben. Und so stirbt die letzte Generation der Go-Spieler aus, die Go als „Zerstreuung der Unsterblichen“ mit Würde spielten. Doch Yasunari Kawabata beklagt nicht nur das Ende eines Zeitalters, sondern vermutet, dass das Go durch den Generationswechsel eine Belebung erfahren wird.
Da das Ende der Partie dem Leser bereits im ersten Kapitel vermittelt wird, gibt es kaum Spannung in „Meijin“. Zwar benötigt man nicht unbedingt Kenntnis über die Go-Regeln, doch sicherlich können Go-Spieler mehr mit den Beschreibungen der Partien anfangen. Für alle anderen ist die Darstellung der recht unterschiedlichen Charaktere, die jeweils für eine andere Generation stehen, weit interessanter.
Yasunari Kawabata selbst scheint dem Generationswechsel ambivalent gegenüber zu stehen. Uragami beklagt zwar den Verlust an Würde und Tradition, scheint aber einzusehen, dass die Zeit des Meijin unwiederbringlich dahin ist. Dem Westen dagegen attestiert er, dass er nicht für den verfeinerten Geist des japanischen Gos gemacht ist.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Meijin“ (Übersetzung aus dem Englischen: Heisel, Felix), Brett und Stein Verlag, Frankfurt/Main 2015, ISBN 978-3-940563-22-4
Als Ich-Erzähler und als sein Alter-Ego Uragami berichtet Yasunari Kawabata von der Go-Partie, in der das alte Japan in Form des „unbesiegbaren“ Meijins auf das moderne Japan, verkörpert durch den jungen Otake (aka Minoru Kitani), trifft. Für den Meijin bedeutet dieses Match eine große Umstellung, da die jüngere Spielergeneration mit härteren Bandagen und gewissen Tricks kämpft. Die Vorrechte des Meijin als des älteren Spielers werden beschnitten; er wird einer „moderne[n] Gleichmacherei“ (S. 48) unterworfen und verliert die Privilegien des Älteren. Eine neue Ära des Go-Spiels hat begonnen:
„Man führte das Gefecht lediglich, um zu gewinnen, und es gab keinen Spielraum, um an die Würde und Anmut des Go als Kunst zu erinnern.“ (S. 46)
Otake weiß das moderne Regelwerk geschickt für sich zu nutzen und der Meijin kommt mehr und mehr in Bedrängnis. Doch auch an Otakes Nerven wird gezehrt: Der Meijin erkrankt wiederholt und die Spiel zieht sich schließlich monatelang hin. Das Ende der Partie nimmt Kawabata vorweg: Von den Strapazen des Matchs wird sich der Meijin nicht mehr erholen – er wird kurze Zeit später sterben. Und so stirbt die letzte Generation der Go-Spieler aus, die Go als „Zerstreuung der Unsterblichen“ mit Würde spielten. Doch Yasunari Kawabata beklagt nicht nur das Ende eines Zeitalters, sondern vermutet, dass das Go durch den Generationswechsel eine Belebung erfahren wird.
Da das Ende der Partie dem Leser bereits im ersten Kapitel vermittelt wird, gibt es kaum Spannung in „Meijin“. Zwar benötigt man nicht unbedingt Kenntnis über die Go-Regeln, doch sicherlich können Go-Spieler mehr mit den Beschreibungen der Partien anfangen. Für alle anderen ist die Darstellung der recht unterschiedlichen Charaktere, die jeweils für eine andere Generation stehen, weit interessanter.
Yasunari Kawabata selbst scheint dem Generationswechsel ambivalent gegenüber zu stehen. Uragami beklagt zwar den Verlust an Würde und Tradition, scheint aber einzusehen, dass die Zeit des Meijin unwiederbringlich dahin ist. Dem Westen dagegen attestiert er, dass er nicht für den verfeinerten Geist des japanischen Gos gemacht ist.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Meijin“ (Übersetzung aus dem Englischen: Heisel, Felix), Brett und Stein Verlag, Frankfurt/Main 2015, ISBN 978-3-940563-22-4
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30er,
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GO,
Modernisierung,
Rezensionen,
Tod,
Yasunari Kawabata
Montag, 1. September 2014
„Kyoto“ von Yasunari Kawabata
Im Garten der Familie Sata steht ein Ahornbaum, an dessen Stamm zwei Veilchenbüschel wachsen. Die junge Chieko steht jedes Jahr im Frühling erneut vor den Blumen und fragt sich, ob die Veilchen jemals zueinander finden mögen. Es zeigt sich, dass diese Sehnsucht nach dem Zusammenfinden zweier getrennter Seelen für Chieko eine besondere Bedeutung hat. Denn obwohl Chiekos Mutter darauf besteht, sie hätte Chieko als Baby entführt, weiß es Chieko besser: Sie wurde als Findelkind vor dem Geschäft der Satas aufgefunden und von dem kinderlosen Ehepaar Sata liebevollst aufgezogen. An einem Festtag in Kioto schließlich trifft Chieko auf die junge Arbeiterin Naeko, die ihr wie ein Ei dem anderen gleicht. Die hübsche Chieko wird von mehreren jungen Männern umgarnt, was zu kleinen Verwirrungen führt, als Naeko für Chieko gehalten wird.
Yasunari Kawabata bettet diese Geschichte in die Feste und Festivitäten von Kioto und dessen Umkreises ein. So geht Chieko mit ihrem Jugendfreund Shinichi, der als Kind einen Pagen auf dem Hellebardenwagen des Gion-Festes verkörpert hat, zur Blütenschau in den Heian-Schrein. Chiekos Vater Takichiro liebt das Fest des Bambusschneidens im Kurama-Tempel. Zum Gion-Fest sollen sich Chieko und Naeko treffen, als Naeko einen Bittgang für die Götter des Yasaka-Schreins ausführt. Das Daimonji-Fest im August mit dem heiligen Bon-Feuer wird Chieko dagegen leider verpassen – sie ist traurig, da sie durch Naeko erfahren hat, dass ihre leiblichen Eltern bereits verstorben sind und bleibt lieber zu Hause. Zum Epochenfest trifft sich Naeko mit einem von Chiekos Verehrern. Zum Abschluss des Kitano-Tanzfestes verschlägt es Chiekos Vater Takichiro seit längerer Zeit wieder einmal in ein Teehaus.
Das Nachwort von Jürgen Berndt verortet Yasunari Kawabatas „Kyoto“ in einer Zeiterscheinung der 60er Jahre: Japan befindet sich in einer Suche nach nationaler Identität. Man besinnt sich auf alte kulturelle Werte, was im Extrem zu neuen nationalistischen Tendenzen führen wird. Kioto als alte Hauptstadt, die nicht unter Kriegsbombardement zu leiden hatte, ist das Symbol für die Besinnung auf die alte japanische Tradition. So scheint Yasunari Kawabata mehr der alten Hauptstadt ein Denkmal setzen zu wollen, als eine Liebes- oder Familiengeschichte erzählen zu wollen.
Trotz der vielen Feste findet sich aber leider kein Zauber in der Beschreibung Kiotos im Wechsel der Jahreszeiten. Auch wirkt das Zusammentreffen von Chieko und Naeko nicht so herzlich, wie man es sich hätte vorstellen können. Dazu trägt sicherlich auch die Übersetzung bei, die Naeko Chieko in der dritten Person anreden lässt – und dies obwohl der Kurzroman in den 60er Jahren angesiedelt ist. Auch geht freilich der Kioto-Dialekt verloren, der die direkte Rede im japanischen Original prägt. Vielleicht evoziert das Werk im Japanischen und bei Japanern mit entsprechendem Hintergrundwissen wirklich die Anziehungskraft und den Liebreiz der alten Hauptstadt – im Deutschen liest sich „Kyoto“ jedoch eher etwas sperrig.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Kyoto“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Donat, Walter/Yuzuru, Kawai), Reclam, 1974 Leipzig
Yasunari Kawabata bettet diese Geschichte in die Feste und Festivitäten von Kioto und dessen Umkreises ein. So geht Chieko mit ihrem Jugendfreund Shinichi, der als Kind einen Pagen auf dem Hellebardenwagen des Gion-Festes verkörpert hat, zur Blütenschau in den Heian-Schrein. Chiekos Vater Takichiro liebt das Fest des Bambusschneidens im Kurama-Tempel. Zum Gion-Fest sollen sich Chieko und Naeko treffen, als Naeko einen Bittgang für die Götter des Yasaka-Schreins ausführt. Das Daimonji-Fest im August mit dem heiligen Bon-Feuer wird Chieko dagegen leider verpassen – sie ist traurig, da sie durch Naeko erfahren hat, dass ihre leiblichen Eltern bereits verstorben sind und bleibt lieber zu Hause. Zum Epochenfest trifft sich Naeko mit einem von Chiekos Verehrern. Zum Abschluss des Kitano-Tanzfestes verschlägt es Chiekos Vater Takichiro seit längerer Zeit wieder einmal in ein Teehaus.
Das Nachwort von Jürgen Berndt verortet Yasunari Kawabatas „Kyoto“ in einer Zeiterscheinung der 60er Jahre: Japan befindet sich in einer Suche nach nationaler Identität. Man besinnt sich auf alte kulturelle Werte, was im Extrem zu neuen nationalistischen Tendenzen führen wird. Kioto als alte Hauptstadt, die nicht unter Kriegsbombardement zu leiden hatte, ist das Symbol für die Besinnung auf die alte japanische Tradition. So scheint Yasunari Kawabata mehr der alten Hauptstadt ein Denkmal setzen zu wollen, als eine Liebes- oder Familiengeschichte erzählen zu wollen.
Trotz der vielen Feste findet sich aber leider kein Zauber in der Beschreibung Kiotos im Wechsel der Jahreszeiten. Auch wirkt das Zusammentreffen von Chieko und Naeko nicht so herzlich, wie man es sich hätte vorstellen können. Dazu trägt sicherlich auch die Übersetzung bei, die Naeko Chieko in der dritten Person anreden lässt – und dies obwohl der Kurzroman in den 60er Jahren angesiedelt ist. Auch geht freilich der Kioto-Dialekt verloren, der die direkte Rede im japanischen Original prägt. Vielleicht evoziert das Werk im Japanischen und bei Japanern mit entsprechendem Hintergrundwissen wirklich die Anziehungskraft und den Liebreiz der alten Hauptstadt – im Deutschen liest sich „Kyoto“ jedoch eher etwas sperrig.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Kyoto“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Donat, Walter/Yuzuru, Kawai), Reclam, 1974 Leipzig
Donnerstag, 23. Januar 2014
„Blüten im Wind“ herausgegeben von Barbara Yoshida-Krafft
17 Essays von 16 Autoren versammelt Barbara Yoshida-Krafft in dem Band „Blüten im Wind“. In ihrem Vorwort beschreibt die Herausgeberin die Funktion des japanischen Essays:
Die Essays erinnern an tagebuchartige Einträge oder beschreiben längst vergangene Situationen. Die Texte wirken wie frei erzählt, sollen sie doch einem echten, spontanen Gefühl entsprechen und nicht streng durchkomponiert erscheinen. So sind die japanischen Essays ein Tor zum Leben der Autoren, da sie sehr viele autobiographische Informationen enthalten.
So erzählt der 94-jährige Maler Seifu Tsuda in der „Plauderei eines Langlebigen“ über seinen Alltag: Wie er frühstückt, wie er die Zeitung, zu allererst die Todesanzeigen, liest und dabei stolz auf sein hohes Alter ist. Dass er Ringkämpfe liebt, komplizierte Bücher dagegen gar nicht. Auch auf das Malen kommt er zu sprechen: Die Natur bildlich abzubilden ist seine Leidenschaft. Der Methusalem beendet seinen Essay mit:
Im hohen Alter von 98 Jahren sollte Seifu Tsuda schließlich selbst sterben.
Ebenfalls auf Blumen bezieht sich der Universitätsprofessor und Essayist Takaki Okubo in „Kosmeen im Parc de Bagatelle“. Mitten in Europa, im Pariser Parc de Bagatelle, findet sich Takaki Okubo ganz überraschend im japanischen Herbst wieder. Nachdem er die verschwenderische Blumenanpflanzung bewundert, steht er plötzlich vor Kosmeen, die für ihn Wehmut und Stille repräsentieren. Von den Blumen kommt der Autor auf das ausgeprägte Jahreszeitverständnis der Japaner zu sprechen.
Der Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata ist mit „Im Schein der Öllampe“ in „Blüten im Wind“ vertreten. Der Essay gewährt einen intimen Einblick in das Familienleben des Autors, als er zusammen mit seinem kranken Großvater lebte; dasselbe Thema, dem sich Yasunari Kawabata auch in der Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ gewidmet hat.
Über die „Leiden der Literatur“ schreibt Kazumi Takahashi. Wie der Titel impliziert, ist der Essay von einer sehr negativen Stimmung geprägt. So schreibt der Autor:
Hier bezieht sich Kazumi Takahashi auf die Vorwürfe, die sich Kan Kikuchi nach dem Selbstmord seines Freundes Ryunosuke Akutagawa machte. Doch auch Kazumi Takahashi liebäugelt des nächtens hin und wieder mit dem Gedanken an den Freitod, während er sich tagsüber seinen Studenten als würdevollen Dozenten präsentiert. Kazumi Takahashi offenbart in dem sehr persönlichen Essay seine dunkle Seite und spricht davon, dass er innerlich verdorrt ist und er sein bisheriges Leben so nicht weiterleben kann. Er hadert mit der Anständigkeit und Rechtschaffenheit, die seinen Geist verderben.
In „Mit 18 und mit 34 Jahren – zwei Porträts“ schreibt Yukio Mishima über zwei seiner Lebensphasen. Mit 18 schwebt der Tod wie ein Schreckensgespenst über Yukio Mishima und seinen Mitschülern – der zweite Weltkrieg tobt und die jungen Männer rechnen fest damit, ihr leben lassen zu müssen. So fügt sich Yukio Mishima auch dem Wunsch seines Vaters, Jura zu studieren. Er glaubt ohnehin, dass sein Leben nicht von allzu langer Dauer sein wird. Mit Leib und Seele ist Yukio Mishima bereits Literat: Er gibt zusammen mit anderen eine Literaturzeitschrift heraus, verschlingt Romane anderer Autoren, an denen er vor allem die Metaphern bewundert und liebt es, am Schreibtisch zu sitzen, um zu schreiben. Mit 34 wirkt die Selbstbeschreibung weniger schmeichelhaft, wenn auch selbstironisch: Der Autor ist recht selbstverliebt und hat die intellektuellen Vorlieben gegen Unterhaltungsfilme und Beef Steaks eingetauscht. Auch das Thema des Todes behandelt er in seinem Essay: Bevor ihn eine Krankheit dahinrafft, möchte er lieber von einem Gewehrschuss getötet werden. Bereit ist er nicht für den Tod, er räumt jedoch ein:
Shohei Ooka illustriert in „Erinnerung an Schnee“ nicht irgendwelche Gedanken an die weiße Pracht. Er geht auf seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Putschversuch vom 26. Februar 1936 ein, als Teile des Militärs die Macht an sich reißen wollten. Die Ruhe eines Schneetages wirkte an jenem verschneiten Februar doppelt dicht. Straßensperren legten den Verkehr still, die Menschen mussten teilweise ihre Wohnungen räumen. Kurz nach dem Coup d’Etat verließ Shohei Ooka Tokio Richtung Kamakura – die Hauptstadt war ihm verleidet…
Shohei Ooka begegnet dem Leser in Tsuneari Fukudas Essay „Teufel“ gleich nochmals. Dem schlafmittelabhängigen Fukuda entlockte Ooka so manches Geheimnis, nachdem Erster seine Medikamente eingenommen hatte. Ohne sich an die eigenen Enthüllungen erinnern zu können, harrt Fukuda den Veröffentlichungen von Ooka und hofft, nicht darin entblößt zu werden.
Über Musik handeln die Essays „Ein Ton“ von Toru Takemitsu und „Gesang der Rheintöchter – an einem Regentag“ von Hidekazu Yoshida. Der Komponist Toru Takemitsu philosophiert über den Ton und die Pause in der japanischen Musik und ihren Gegensatz zur westlichen. Auch der Musikkritiker Hidekazu Yoshida plaudert amüsant über westliche Musik. Da kommt insbesondere die deutsche Klassik nicht besonders gut weg: So beschwört Hidekazu Yoshida gern das Bild des Nebels in deutschen Wäldern und die Sehnsucht nach der Sonne des Südens, die er aus Brahms und Wagner heraushören will. Von Hidekazu Yoshida ist mit „Nakahara Chuya – ein Dichterporträt“ ein zweiter Essay in „Blüten im Wind“ enthalten. Als Student mietet sich Hidekazu Yoshida bei einem Professor ein, über den er den Dichter Chuya Nakahara kennenlernt. Er zieht zusammen mit dem Lyriker um die Häuser, übernachtet bei ihm und lässt sich von ihm Französisch beibringen. Anhand von eingeflochtenen Gedichten von Chuya Nakahara beschreibt er den Charakter des Dichters und weist insbesondere auch die Tragik um den Tod von Chuya Nakaharas Kind hin, der bereits seinen Schatten auf den baldigen Tod des Dichters selbst warf.
Chiyo Uno gesteht in „Der richtige Moment“, dass ihr im Alter von 40 Jahren die Erkenntnis kam, dass sie kein Talent hatte, bei den Lesern wahres Interesse für die Handlungen ihrer Werke zu wecken. Darüber hinaus gewährt die Autorin dem Leser einen Einblick in ihre ganz persönliche Schreibpraxis.
Minako Oba erzählt von ihren „Erinnerungen an die ‚Geschichte vom Prinzen Genji’“: So war nach dem Ende des zweiten Weltkriegs fast nur klassische Literatur zu bekommen und Minako Oba begann also als Teenager die „Geschichte vom Prinzen Genji“ zu lesen und zu lieben. Obwohl sich die Autorin mehr und mehr der europäischen Literatur zuwandte, blieb der höfische Roman doch stets ein Wegbegleiter, sogar bis in die USA.
Auch Takako Takahashi, die Ehefrau von Kazumi Takahashi, berichtet über den Schreibprozess, in dem sie besonderes Augenmerk auf „Das Haus als Schauplatz der Erzählung“ legt. Bereits in der Entwurfphase stellt sich die Schriftstellerin genau vor, in welchen Räumlichkeiten die Handlung ablaufen wird. Ob dies wohl daran liegt, dass sie selbst in einem großen Haus aufgewachsen ist?
Der Druckgraphiker und Künstler Masuo Ikeda spricht in „Das Morgen gestalten“ von seinen anfänglichen Minderwertigkeitskomplexen, „nur“ ein Druckgraphiker zu sein, und präsentiert sein derzeitiges Selbstverständnis.
Mit Shuichi Katos „William Turner und England“ wird ein kunstgeschichtlicher Essay präsentiert. Der Autor hüpft von Constable zu Shakespeare, um dann bei Monet zu landen und mit Turner zu vergleichen.
Um Kunst und Antiquitäten geht es auch in Hideo Kobayashis „Echtes und Gefälschtes“. Mit amüsiertem und amüsierenden Blick werden die Sammelleidenschaft porträtiert und psychologische Effekte dargestellt, wenn sich eine Antiquität als Fälschung herausstellen sollte.
Ryoichi Ikushima schreibt in „Über No als empirisches Erlebnis“, dass sich für ihn im No der japanische Schönheitssinn am vollkommensten offenbart. Als Metapher für das Raffinement gelten ihm die weißen Tabi der No-Meister. Zudem geht Ryoichi Ikushima auf die Macht ein, die in den No-Masken inne zu wohnen scheint.
Ich gebe zu, dass Essays nicht gerade meine Lieblingslektüre sind. Jedoch gelingt es Barbara Yoshida-Krafft, den Leser für das Genre zu begeistern. Die Auswahl der Essays ist sehr gelungen, das Vorwort aufschlussreich und insbesondere die Anmerkungen zu den Autoren stellen die Werke nochmals in einen Sinnzusammenhang. Auf diesem Wege werden nicht nur einzelne Essays präsentiert, sondern die intimen Werke mit dem Werdegang der Autoren verknüpft. So kann sogar ich mich für Essays begeistern!
Bibliographische Angaben:
Yoshida-Krafft, Barbara (Hrsg.): „Blüten im Wind“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Edition Erdmann, Tübingen 1981, ISBN 3-88639-506-5
„Wenn der Essay Erinnerung wachruft – und er tut es häufig – gerinnt die Erinnerung des einen Autors zur Erinnerung aller. Der Essay [ist] also auch das Gedächtnis der Nation.“ (S. 19)
Die Essays erinnern an tagebuchartige Einträge oder beschreiben längst vergangene Situationen. Die Texte wirken wie frei erzählt, sollen sie doch einem echten, spontanen Gefühl entsprechen und nicht streng durchkomponiert erscheinen. So sind die japanischen Essays ein Tor zum Leben der Autoren, da sie sehr viele autobiographische Informationen enthalten.
So erzählt der 94-jährige Maler Seifu Tsuda in der „Plauderei eines Langlebigen“ über seinen Alltag: Wie er frühstückt, wie er die Zeitung, zu allererst die Todesanzeigen, liest und dabei stolz auf sein hohes Alter ist. Dass er Ringkämpfe liebt, komplizierte Bücher dagegen gar nicht. Auch auf das Malen kommt er zu sprechen: Die Natur bildlich abzubilden ist seine Leidenschaft. Der Methusalem beendet seinen Essay mit:
„Im Fallen noch bleibt die weiße Päonie schön.“ (S. 31)
Im hohen Alter von 98 Jahren sollte Seifu Tsuda schließlich selbst sterben.
Ebenfalls auf Blumen bezieht sich der Universitätsprofessor und Essayist Takaki Okubo in „Kosmeen im Parc de Bagatelle“. Mitten in Europa, im Pariser Parc de Bagatelle, findet sich Takaki Okubo ganz überraschend im japanischen Herbst wieder. Nachdem er die verschwenderische Blumenanpflanzung bewundert, steht er plötzlich vor Kosmeen, die für ihn Wehmut und Stille repräsentieren. Von den Blumen kommt der Autor auf das ausgeprägte Jahreszeitverständnis der Japaner zu sprechen.
Der Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata ist mit „Im Schein der Öllampe“ in „Blüten im Wind“ vertreten. Der Essay gewährt einen intimen Einblick in das Familienleben des Autors, als er zusammen mit seinem kranken Großvater lebte; dasselbe Thema, dem sich Yasunari Kawabata auch in der Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ gewidmet hat.
Über die „Leiden der Literatur“ schreibt Kazumi Takahashi. Wie der Titel impliziert, ist der Essay von einer sehr negativen Stimmung geprägt. So schreibt der Autor:
„Die Luft der Realität ist zu befleckt, mit allzuviel Lärm erfüllt, mit zu vielen Bedingungen erschwert, als dass auch nur ein schwacher Ausdruck der dunklen Seite des Herzens zustandekommen könnte.“ (S. 48)
Hier bezieht sich Kazumi Takahashi auf die Vorwürfe, die sich Kan Kikuchi nach dem Selbstmord seines Freundes Ryunosuke Akutagawa machte. Doch auch Kazumi Takahashi liebäugelt des nächtens hin und wieder mit dem Gedanken an den Freitod, während er sich tagsüber seinen Studenten als würdevollen Dozenten präsentiert. Kazumi Takahashi offenbart in dem sehr persönlichen Essay seine dunkle Seite und spricht davon, dass er innerlich verdorrt ist und er sein bisheriges Leben so nicht weiterleben kann. Er hadert mit der Anständigkeit und Rechtschaffenheit, die seinen Geist verderben.
In „Mit 18 und mit 34 Jahren – zwei Porträts“ schreibt Yukio Mishima über zwei seiner Lebensphasen. Mit 18 schwebt der Tod wie ein Schreckensgespenst über Yukio Mishima und seinen Mitschülern – der zweite Weltkrieg tobt und die jungen Männer rechnen fest damit, ihr leben lassen zu müssen. So fügt sich Yukio Mishima auch dem Wunsch seines Vaters, Jura zu studieren. Er glaubt ohnehin, dass sein Leben nicht von allzu langer Dauer sein wird. Mit Leib und Seele ist Yukio Mishima bereits Literat: Er gibt zusammen mit anderen eine Literaturzeitschrift heraus, verschlingt Romane anderer Autoren, an denen er vor allem die Metaphern bewundert und liebt es, am Schreibtisch zu sitzen, um zu schreiben. Mit 34 wirkt die Selbstbeschreibung weniger schmeichelhaft, wenn auch selbstironisch: Der Autor ist recht selbstverliebt und hat die intellektuellen Vorlieben gegen Unterhaltungsfilme und Beef Steaks eingetauscht. Auch das Thema des Todes behandelt er in seinem Essay: Bevor ihn eine Krankheit dahinrafft, möchte er lieber von einem Gewehrschuss getötet werden. Bereit ist er nicht für den Tod, er räumt jedoch ein:
„Und doch ist der Todesgedanke die süßeste Mutter meiner Arbeit.“ (S. 58)
Shohei Ooka illustriert in „Erinnerung an Schnee“ nicht irgendwelche Gedanken an die weiße Pracht. Er geht auf seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Putschversuch vom 26. Februar 1936 ein, als Teile des Militärs die Macht an sich reißen wollten. Die Ruhe eines Schneetages wirkte an jenem verschneiten Februar doppelt dicht. Straßensperren legten den Verkehr still, die Menschen mussten teilweise ihre Wohnungen räumen. Kurz nach dem Coup d’Etat verließ Shohei Ooka Tokio Richtung Kamakura – die Hauptstadt war ihm verleidet…
Shohei Ooka begegnet dem Leser in Tsuneari Fukudas Essay „Teufel“ gleich nochmals. Dem schlafmittelabhängigen Fukuda entlockte Ooka so manches Geheimnis, nachdem Erster seine Medikamente eingenommen hatte. Ohne sich an die eigenen Enthüllungen erinnern zu können, harrt Fukuda den Veröffentlichungen von Ooka und hofft, nicht darin entblößt zu werden.
Über Musik handeln die Essays „Ein Ton“ von Toru Takemitsu und „Gesang der Rheintöchter – an einem Regentag“ von Hidekazu Yoshida. Der Komponist Toru Takemitsu philosophiert über den Ton und die Pause in der japanischen Musik und ihren Gegensatz zur westlichen. Auch der Musikkritiker Hidekazu Yoshida plaudert amüsant über westliche Musik. Da kommt insbesondere die deutsche Klassik nicht besonders gut weg: So beschwört Hidekazu Yoshida gern das Bild des Nebels in deutschen Wäldern und die Sehnsucht nach der Sonne des Südens, die er aus Brahms und Wagner heraushören will. Von Hidekazu Yoshida ist mit „Nakahara Chuya – ein Dichterporträt“ ein zweiter Essay in „Blüten im Wind“ enthalten. Als Student mietet sich Hidekazu Yoshida bei einem Professor ein, über den er den Dichter Chuya Nakahara kennenlernt. Er zieht zusammen mit dem Lyriker um die Häuser, übernachtet bei ihm und lässt sich von ihm Französisch beibringen. Anhand von eingeflochtenen Gedichten von Chuya Nakahara beschreibt er den Charakter des Dichters und weist insbesondere auch die Tragik um den Tod von Chuya Nakaharas Kind hin, der bereits seinen Schatten auf den baldigen Tod des Dichters selbst warf.
Chiyo Uno gesteht in „Der richtige Moment“, dass ihr im Alter von 40 Jahren die Erkenntnis kam, dass sie kein Talent hatte, bei den Lesern wahres Interesse für die Handlungen ihrer Werke zu wecken. Darüber hinaus gewährt die Autorin dem Leser einen Einblick in ihre ganz persönliche Schreibpraxis.
Minako Oba erzählt von ihren „Erinnerungen an die ‚Geschichte vom Prinzen Genji’“: So war nach dem Ende des zweiten Weltkriegs fast nur klassische Literatur zu bekommen und Minako Oba begann also als Teenager die „Geschichte vom Prinzen Genji“ zu lesen und zu lieben. Obwohl sich die Autorin mehr und mehr der europäischen Literatur zuwandte, blieb der höfische Roman doch stets ein Wegbegleiter, sogar bis in die USA.
Auch Takako Takahashi, die Ehefrau von Kazumi Takahashi, berichtet über den Schreibprozess, in dem sie besonderes Augenmerk auf „Das Haus als Schauplatz der Erzählung“ legt. Bereits in der Entwurfphase stellt sich die Schriftstellerin genau vor, in welchen Räumlichkeiten die Handlung ablaufen wird. Ob dies wohl daran liegt, dass sie selbst in einem großen Haus aufgewachsen ist?
Der Druckgraphiker und Künstler Masuo Ikeda spricht in „Das Morgen gestalten“ von seinen anfänglichen Minderwertigkeitskomplexen, „nur“ ein Druckgraphiker zu sein, und präsentiert sein derzeitiges Selbstverständnis.
Mit Shuichi Katos „William Turner und England“ wird ein kunstgeschichtlicher Essay präsentiert. Der Autor hüpft von Constable zu Shakespeare, um dann bei Monet zu landen und mit Turner zu vergleichen.
Um Kunst und Antiquitäten geht es auch in Hideo Kobayashis „Echtes und Gefälschtes“. Mit amüsiertem und amüsierenden Blick werden die Sammelleidenschaft porträtiert und psychologische Effekte dargestellt, wenn sich eine Antiquität als Fälschung herausstellen sollte.
Ryoichi Ikushima schreibt in „Über No als empirisches Erlebnis“, dass sich für ihn im No der japanische Schönheitssinn am vollkommensten offenbart. Als Metapher für das Raffinement gelten ihm die weißen Tabi der No-Meister. Zudem geht Ryoichi Ikushima auf die Macht ein, die in den No-Masken inne zu wohnen scheint.
Ich gebe zu, dass Essays nicht gerade meine Lieblingslektüre sind. Jedoch gelingt es Barbara Yoshida-Krafft, den Leser für das Genre zu begeistern. Die Auswahl der Essays ist sehr gelungen, das Vorwort aufschlussreich und insbesondere die Anmerkungen zu den Autoren stellen die Werke nochmals in einen Sinnzusammenhang. Auf diesem Wege werden nicht nur einzelne Essays präsentiert, sondern die intimen Werke mit dem Werdegang der Autoren verknüpft. So kann sogar ich mich für Essays begeistern!
Bibliographische Angaben:
Yoshida-Krafft, Barbara (Hrsg.): „Blüten im Wind“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Edition Erdmann, Tübingen 1981, ISBN 3-88639-506-5
Sonntag, 1. Dezember 2013
„Drei Erzählungen“ von Yasunari Kawabata
Die drei Erzählungen Yasunari Kawabatas in dem kleinen Bändchen des Iudicium Verlags entstanden zwischen den Jahren 1953 und 1960 und zählen somit eher zum Spätwerk des Autors.
1953 entstand „Sprachlos“: Der Ich-Erzähler plant einen Besuch bei Akifusa, einem Autor an der Schwelle des Todes. Nach einem Schlaganfall ist Akifusa halbseitig gelähmt und spricht kein Wort mehr. Der Ich-Erzähler hat sich längere Zeit vor dem Krankenbesuch gedrückt, begibt sich allerdings doch schlussendlich auf den Weg zu dem alten Herren, der von seiner Tochter gepflegt wird. Im Taxi erfährt er von einer Geistergeschichte: Ein weiblicher Geist scheint derzeit in Taxen zu spuken. Auch Akifusa wirkt auch den Ich-Erzähler wie ein Geist – ganz im Gegensatz zu der ihn pflegenden Tochter.
„Ein Mädchen mit Duft“ aus dem Jahr 1960 startet wie eine zarte Liebesgeschichte. Doch es zeigt sich, dass auf dem Mädchen, dessen Duft so berauschend ist, ein dunkler Schatten liegt, der mit dem Selbstmord ihrer Mutter zu tun hat.
„Was ihr Mann nie tat“ datiert aus dem Jahr 1958. In dieser Erzählung trifft ein Student auf eine ältere Frau. Als beide eine Affäre eingehen, scheint es, als würde die Frau die Beziehung an Stelle ihrer verstorbenen Tochter führen.
Barbara Yoshida-Krafft weist im Nachwort auf die verbindenden Elemente der drei Erzählungen hin: Im Zentrum steht jeweils eine starke Frau und der Tod bzw. die Welt der Toten reicht in die Realität der Lebenden hinein. Yasunari Kawabata zieht den Leser in diese unheimliche Sichtweise hinein. Der Nachhall der recht kurzen Erzählungen bleibt dadurch umso länger bestehen.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Drei Erzählungen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Iudicium, München 2001, ISBN 3-89129-083-7
1953 entstand „Sprachlos“: Der Ich-Erzähler plant einen Besuch bei Akifusa, einem Autor an der Schwelle des Todes. Nach einem Schlaganfall ist Akifusa halbseitig gelähmt und spricht kein Wort mehr. Der Ich-Erzähler hat sich längere Zeit vor dem Krankenbesuch gedrückt, begibt sich allerdings doch schlussendlich auf den Weg zu dem alten Herren, der von seiner Tochter gepflegt wird. Im Taxi erfährt er von einer Geistergeschichte: Ein weiblicher Geist scheint derzeit in Taxen zu spuken. Auch Akifusa wirkt auch den Ich-Erzähler wie ein Geist – ganz im Gegensatz zu der ihn pflegenden Tochter.
„Ein Mädchen mit Duft“ aus dem Jahr 1960 startet wie eine zarte Liebesgeschichte. Doch es zeigt sich, dass auf dem Mädchen, dessen Duft so berauschend ist, ein dunkler Schatten liegt, der mit dem Selbstmord ihrer Mutter zu tun hat.
„Was ihr Mann nie tat“ datiert aus dem Jahr 1958. In dieser Erzählung trifft ein Student auf eine ältere Frau. Als beide eine Affäre eingehen, scheint es, als würde die Frau die Beziehung an Stelle ihrer verstorbenen Tochter führen.
Barbara Yoshida-Krafft weist im Nachwort auf die verbindenden Elemente der drei Erzählungen hin: Im Zentrum steht jeweils eine starke Frau und der Tod bzw. die Welt der Toten reicht in die Realität der Lebenden hinein. Yasunari Kawabata zieht den Leser in diese unheimliche Sichtweise hinein. Der Nachhall der recht kurzen Erzählungen bleibt dadurch umso länger bestehen.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Drei Erzählungen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Iudicium, München 2001, ISBN 3-89129-083-7
Sonntag, 24. November 2013
„Mondscheintropfen“ herausgegeben von Eduard Klopfenstein
Für den Erzählband „Mondscheintropfen“ hat Eduard Klopfenstein 16 Erzählungen aus den Jahren 1940-1990 ausgewählt. Damit knüpft „Mondscheintropfen“ an den Band „Träume aus zehn Nächten“ von Jürgen Berndt an, der dem Zeitraum 1895-1966 Rechnung trägt.
Der Band beginnt mit Rintaro Takedas „Geschichte vom Schnee“: Ein namenloser Er hört von einem Arbeitskollegen die Geschichte einer ungewöhnlichen Eheschließung. Ein Brautzug konnte wegen Schneefalls nicht weiter ziehen und musste in einem eingeschneiten Bergdorf verweilen. Aus der Not machten die Verwandten der Braut eine Tugend: Die Braut wurde kurzerhand an den Sohn des Bauern verheiratet, der ihnen Obdach gewährt hatte. Als Er dies seiner Sie erzählt, wirft die Geschichte einen Schatten auf die Ehe.
Kensaku Shimaki schrieb kurz vor seinem Tod die Erzählung „Der schwarze Kater“. In den letzten Kriegsjahren finden noch nicht einmal die Katzen genug zu Essen. Der kranke Ich-Erzähler beobachtet mit Abscheu die hungrigen Streuner, die sich bei den Menschen einschmeicheln möchten. Doch da ist auch dieser schwarze Kater, der besonders stolz wirkt und niemals beim Ich-Erzähler betteln würde. Bald wird die nächtliche Ruhe im Haushalt des Ich-Erzählers gestört: Eine Katze scheint nachts ins Haus einzudringen, um sich über die Lebensmittelvorräte her zu machen. Ob da nicht der schwarze Kater dahinter steckt?
Shichiro Fukazawas „Nanking-Bübchen“ gilt als Vorläufer seiner längeren Erzählung „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“: Erzählt wird von einer archaisch-anmutenden Gesellschaft, in der Kinder in die Lohnsklaverei verkauft werden und kein Platz ist für behinderte und alte Menschen.
In die „Alte Heimat“ treibt es Yasunari Kawabatas Protagonisten. Die Handlung – eher Traum als Realität – schickt ihn in einem Helikopter in sein Heimatdorf. Doch scheint der Ort völlig unbelebt, bis er eine Kindheitsfreundin wieder trifft, die jedoch in der Zwischenzeit überhaupt nicht gealtert ist. Doch existiert auch eine „alte“ Version der Kleinen – da bemerkt der Protagonist, dass auch er sich in eine junge und eine alte Ausgabe gespalten hat.
Noch abgefahrener wird es in Kobo Abes „Der Stock“: Ein Mann verbringt mit seinen Söhnen Zeit auf einer Kaufhausterrasse. Als er von der Terrasse stürzt, findet er sich am Boden als Stock wieder. Zwei Studenten und ein Professor lesen ihn auf – es entspinnt sich eine Diskussion, wie der Stock zu bestrafen sei.
Yumiko Kurahashis „Am Ende des Sommers“ schildert ein tragisches Ansinnen, das an griechische Tragödien erinnert. Zwei Schwestern, die beide mit demselben Studenten verkehren, beschließen eines Sommers am Meer, den jungen Mann um die Ecke zu bringen. Die Entscheidung der beiden steht bereits mit den ersten beiden Sätzen der Erzählung fest:
Durch einen drückenden Sommer, der angefüllt ist mit dem Meer, mit Sex und einer Dreier-Liaison, begleitet der Leser die Schwestern, wie sie Ks Leben zu beenden trachten.
Tsutomu Minakami (auch: Tsutomu Mizukami) schreibt mit „Winter-Kaki“ ebenfalls über das Ende eines Lebens – doch weit weniger brutal. Denn der betagte Tischler Juzo verfällt zusehends. Seine einzige Tochter kommt ihn erst besuchen, als er fast schon das Leben ausgehaucht hat.
Akira Abes Ich-Erzähler macht sich in „Pfirsiche“ daran, einem alten Erinnerungssplitter aus der Kindheit auf die Spur zu kommen. Es erweist sich, dass die Erinnerung einige Unplausibilitäten enthält – war am Ende alles ganz anders?
In Mieko Kanais Erzählung „Der Akazienritterorden“ vermischen sich mehrere Handlungs- und Realitätsebenen. Da ist die Ich-Erzählerin, die es liebt, in einer Schreinerei ein und aus zu gehen. Da ist der Schreiner, ehemals ein Schriftsteller, der einen Brief erhält. Da ist der anonyme Briefschreiber, der auf ein Bild verweist, das den Schreiner einstmals zu einer Erzählung über einen ritterlichen Schülerorden inspiriert hatte. Der Brief beschreibt, wie der Anführer des Ordens den Tod finden musste – doch existierten der Orden, der Täter, der Briefschreiber jemals in Realität?
„Starrende Augen“ von Shintaro Ishihara zeigt, wie sehr die Einstellung der Menschen die Wahrnehmung beeinflussen kann. Anhand von Spukgeschichten präsentiert der Autor zwei Deutungsmöglichkeiten für starrende Augen. Für welche wird sich der Protagonist entscheiden?
Tetsuo Miuras „Der Kuss“ beschreibt den Beginn des sexuellen Erwachens eines Mädchens in der Pubertät und dessen Prägung durch das Rollenverständnis als Frau auf. Nach langer Zeit besucht die kleine Kiwa ihren Vater in Tokio, der zwischenzeitlich mit einer anderen Frau als Kiwas Mutter zusammen lebt. Von ihrem Ausflug in die Stadt bringt sie neue Begierden nach Hause.
„Ein Regenbogen in der Hand“ von Wahei Tatematsu erzählt von dem Rumtreiber Yusaku, der am liebsten auf Parkbänken übernachtet und seinen Hunger damit stillt, dass er Gras ist. Eines drückenden Sommertags möchte er mit Freunden ans Meer fahren. Einen passenden Badeplatz auszumachen, erweist sich als schwieriger als gedacht. Doch der Rumtreiber weiß, wie er dennoch zu seiner Erfrischung kommt.
Setsuko Tsumuras Protagonistin Kae macht sich in „Das Haus im Wind“ auf die Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann. Nachdem dieser seine Position als Angestellter gekündigt und ein Café aufgemacht hat, kehrt er eines Tages nicht mehr nach Hause zurück. Kae engagiert ein Detektivbüro, um den Aufenthaltsort ihres Mannes ausfindig zu machen. Dort warten gleich mehrere Überraschungen auf Kae.
Soh Aono lässt „Eindringlinge in ein Haus mit Schwalbennest“: Zwei herumtreibende Jugendliche brechen in ein Haus ein, dessen Bewohner gerade verreist ist. Sie nehmen die Behausung für einige Tage in Beschlag, nicht ohne mehr von dem eigentlichen Einwohner zu erfahren. Doch der Aufenthalt kann nicht von Dauer sein.
Als Eiichi eines Abends betrunken nach Hause will, hat er das Pech, in der Bahn einzuschlafen und erst zwei Stationen zu spät auszusteigen. Der letzte Zug in die Gegenrichtung ist bereits abgefahren, ein Taxi ist nicht mehr zu bekommen und daher macht er sich zu Fuß auf den Weg. Als er an einem Schrottplatz vorbei kommt, entdeckt er ein nahezu unbeschadetes, dort abgestelltes Taxi, in dem er sich für kurze Zeit einnistet – bis die Person auftaucht, die selbst Anspruch auf das Gefährt in Jun Kasaharas „Mondscheintropfen“ geltend macht.
Die letzte Geschichte in dem Band ist Haruki Murakamis „Tony Takitani“, der das Schicksal erlebt, schließlich ganz allein im Leben dazustehen: Sein verwitweter Vater, zu dem er kaum eine Beziehung aufgebaut hat, stirbt – ebenso wie Tony Takitanis Ehefrau, die der Kaufsucht von Kleidern erlegen ist. Ob es eine Lösung ist, eine Sekretärin einzustellen, die künftig die Kleider der verstorbenen Ehefrau tragen soll?
„Mondscheintropfen“ bietet einige Highlights für Fans der japanischen Literatur. Da wäre auf jeden Fall Shichiro Fukazawas „Nanking-Bübchen“, das einen Liedtext mit der Handlung verknüpft und einem einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagt. Yumiko Kurahashis „Am Ende des Sommers“ löst eine ganz andere Form der Bedrückung aus, indem in gleißendes Sommersonnenlicht getauchte böse Gedanken formuliert werden. Wahei Tatematsus „Ein Regenbogen in der Hand“ präsentiert dagegen den sorglosen Sommertag eines Rumtreibers, mit dem der eine oder andere zumindest kurz tauschen wollen würde.
Jede Erzählung in „Mondscheintropfen“ drückt für sich eine ganz eigene Stimmung aus – das Spektrum geht von todtraurig bis zu vergnüglich-positiv. Wer sich einen Überblick über die Vielfalt der japanischen Literatur verschaffen möchte, ist mit dem Erzählband sicherlich sehr gut beraten.
Bibliographische Angaben:
Klopfenstein, Eduard (Hrsg.): „Mondscheintropfen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Ackermann, Peter/Gebhardt, Lisette/Gross, Christine/Hunziker, Christine/Klopfenstein, Eduard/Langemann, Christoph/Loosli, Urs/Reinfried, Heinrich/Rhyner, Bruno/Sato-Diesner, Sigmara/Weissert, Michael/Werner, Verena/Yamaka-Hiller, Barbara/Zimmermann, Corinne), Theseus Verlag, Zürich/München 1993, ISBN 3-85936-061-2
Der Band beginnt mit Rintaro Takedas „Geschichte vom Schnee“: Ein namenloser Er hört von einem Arbeitskollegen die Geschichte einer ungewöhnlichen Eheschließung. Ein Brautzug konnte wegen Schneefalls nicht weiter ziehen und musste in einem eingeschneiten Bergdorf verweilen. Aus der Not machten die Verwandten der Braut eine Tugend: Die Braut wurde kurzerhand an den Sohn des Bauern verheiratet, der ihnen Obdach gewährt hatte. Als Er dies seiner Sie erzählt, wirft die Geschichte einen Schatten auf die Ehe.
Kensaku Shimaki schrieb kurz vor seinem Tod die Erzählung „Der schwarze Kater“. In den letzten Kriegsjahren finden noch nicht einmal die Katzen genug zu Essen. Der kranke Ich-Erzähler beobachtet mit Abscheu die hungrigen Streuner, die sich bei den Menschen einschmeicheln möchten. Doch da ist auch dieser schwarze Kater, der besonders stolz wirkt und niemals beim Ich-Erzähler betteln würde. Bald wird die nächtliche Ruhe im Haushalt des Ich-Erzählers gestört: Eine Katze scheint nachts ins Haus einzudringen, um sich über die Lebensmittelvorräte her zu machen. Ob da nicht der schwarze Kater dahinter steckt?
Shichiro Fukazawas „Nanking-Bübchen“ gilt als Vorläufer seiner längeren Erzählung „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“: Erzählt wird von einer archaisch-anmutenden Gesellschaft, in der Kinder in die Lohnsklaverei verkauft werden und kein Platz ist für behinderte und alte Menschen.
In die „Alte Heimat“ treibt es Yasunari Kawabatas Protagonisten. Die Handlung – eher Traum als Realität – schickt ihn in einem Helikopter in sein Heimatdorf. Doch scheint der Ort völlig unbelebt, bis er eine Kindheitsfreundin wieder trifft, die jedoch in der Zwischenzeit überhaupt nicht gealtert ist. Doch existiert auch eine „alte“ Version der Kleinen – da bemerkt der Protagonist, dass auch er sich in eine junge und eine alte Ausgabe gespalten hat.
Noch abgefahrener wird es in Kobo Abes „Der Stock“: Ein Mann verbringt mit seinen Söhnen Zeit auf einer Kaufhausterrasse. Als er von der Terrasse stürzt, findet er sich am Boden als Stock wieder. Zwei Studenten und ein Professor lesen ihn auf – es entspinnt sich eine Diskussion, wie der Stock zu bestrafen sei.
Yumiko Kurahashis „Am Ende des Sommers“ schildert ein tragisches Ansinnen, das an griechische Tragödien erinnert. Zwei Schwestern, die beide mit demselben Studenten verkehren, beschließen eines Sommers am Meer, den jungen Mann um die Ecke zu bringen. Die Entscheidung der beiden steht bereits mit den ersten beiden Sätzen der Erzählung fest:
„Unser Entschluss stand fest. K musste sich in unseren Händen in eine schwere Masse Tod verwandeln.“ (S. 47)
Durch einen drückenden Sommer, der angefüllt ist mit dem Meer, mit Sex und einer Dreier-Liaison, begleitet der Leser die Schwestern, wie sie Ks Leben zu beenden trachten.
Tsutomu Minakami (auch: Tsutomu Mizukami) schreibt mit „Winter-Kaki“ ebenfalls über das Ende eines Lebens – doch weit weniger brutal. Denn der betagte Tischler Juzo verfällt zusehends. Seine einzige Tochter kommt ihn erst besuchen, als er fast schon das Leben ausgehaucht hat.
Akira Abes Ich-Erzähler macht sich in „Pfirsiche“ daran, einem alten Erinnerungssplitter aus der Kindheit auf die Spur zu kommen. Es erweist sich, dass die Erinnerung einige Unplausibilitäten enthält – war am Ende alles ganz anders?
In Mieko Kanais Erzählung „Der Akazienritterorden“ vermischen sich mehrere Handlungs- und Realitätsebenen. Da ist die Ich-Erzählerin, die es liebt, in einer Schreinerei ein und aus zu gehen. Da ist der Schreiner, ehemals ein Schriftsteller, der einen Brief erhält. Da ist der anonyme Briefschreiber, der auf ein Bild verweist, das den Schreiner einstmals zu einer Erzählung über einen ritterlichen Schülerorden inspiriert hatte. Der Brief beschreibt, wie der Anführer des Ordens den Tod finden musste – doch existierten der Orden, der Täter, der Briefschreiber jemals in Realität?
„Starrende Augen“ von Shintaro Ishihara zeigt, wie sehr die Einstellung der Menschen die Wahrnehmung beeinflussen kann. Anhand von Spukgeschichten präsentiert der Autor zwei Deutungsmöglichkeiten für starrende Augen. Für welche wird sich der Protagonist entscheiden?
Tetsuo Miuras „Der Kuss“ beschreibt den Beginn des sexuellen Erwachens eines Mädchens in der Pubertät und dessen Prägung durch das Rollenverständnis als Frau auf. Nach langer Zeit besucht die kleine Kiwa ihren Vater in Tokio, der zwischenzeitlich mit einer anderen Frau als Kiwas Mutter zusammen lebt. Von ihrem Ausflug in die Stadt bringt sie neue Begierden nach Hause.
„Ein Regenbogen in der Hand“ von Wahei Tatematsu erzählt von dem Rumtreiber Yusaku, der am liebsten auf Parkbänken übernachtet und seinen Hunger damit stillt, dass er Gras ist. Eines drückenden Sommertags möchte er mit Freunden ans Meer fahren. Einen passenden Badeplatz auszumachen, erweist sich als schwieriger als gedacht. Doch der Rumtreiber weiß, wie er dennoch zu seiner Erfrischung kommt.
Setsuko Tsumuras Protagonistin Kae macht sich in „Das Haus im Wind“ auf die Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann. Nachdem dieser seine Position als Angestellter gekündigt und ein Café aufgemacht hat, kehrt er eines Tages nicht mehr nach Hause zurück. Kae engagiert ein Detektivbüro, um den Aufenthaltsort ihres Mannes ausfindig zu machen. Dort warten gleich mehrere Überraschungen auf Kae.
Soh Aono lässt „Eindringlinge in ein Haus mit Schwalbennest“: Zwei herumtreibende Jugendliche brechen in ein Haus ein, dessen Bewohner gerade verreist ist. Sie nehmen die Behausung für einige Tage in Beschlag, nicht ohne mehr von dem eigentlichen Einwohner zu erfahren. Doch der Aufenthalt kann nicht von Dauer sein.
Als Eiichi eines Abends betrunken nach Hause will, hat er das Pech, in der Bahn einzuschlafen und erst zwei Stationen zu spät auszusteigen. Der letzte Zug in die Gegenrichtung ist bereits abgefahren, ein Taxi ist nicht mehr zu bekommen und daher macht er sich zu Fuß auf den Weg. Als er an einem Schrottplatz vorbei kommt, entdeckt er ein nahezu unbeschadetes, dort abgestelltes Taxi, in dem er sich für kurze Zeit einnistet – bis die Person auftaucht, die selbst Anspruch auf das Gefährt in Jun Kasaharas „Mondscheintropfen“ geltend macht.
Die letzte Geschichte in dem Band ist Haruki Murakamis „Tony Takitani“, der das Schicksal erlebt, schließlich ganz allein im Leben dazustehen: Sein verwitweter Vater, zu dem er kaum eine Beziehung aufgebaut hat, stirbt – ebenso wie Tony Takitanis Ehefrau, die der Kaufsucht von Kleidern erlegen ist. Ob es eine Lösung ist, eine Sekretärin einzustellen, die künftig die Kleider der verstorbenen Ehefrau tragen soll?
„Mondscheintropfen“ bietet einige Highlights für Fans der japanischen Literatur. Da wäre auf jeden Fall Shichiro Fukazawas „Nanking-Bübchen“, das einen Liedtext mit der Handlung verknüpft und einem einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagt. Yumiko Kurahashis „Am Ende des Sommers“ löst eine ganz andere Form der Bedrückung aus, indem in gleißendes Sommersonnenlicht getauchte böse Gedanken formuliert werden. Wahei Tatematsus „Ein Regenbogen in der Hand“ präsentiert dagegen den sorglosen Sommertag eines Rumtreibers, mit dem der eine oder andere zumindest kurz tauschen wollen würde.
Jede Erzählung in „Mondscheintropfen“ drückt für sich eine ganz eigene Stimmung aus – das Spektrum geht von todtraurig bis zu vergnüglich-positiv. Wer sich einen Überblick über die Vielfalt der japanischen Literatur verschaffen möchte, ist mit dem Erzählband sicherlich sehr gut beraten.
Bibliographische Angaben:
Klopfenstein, Eduard (Hrsg.): „Mondscheintropfen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Ackermann, Peter/Gebhardt, Lisette/Gross, Christine/Hunziker, Christine/Klopfenstein, Eduard/Langemann, Christoph/Loosli, Urs/Reinfried, Heinrich/Rhyner, Bruno/Sato-Diesner, Sigmara/Weissert, Michael/Werner, Verena/Yamaka-Hiller, Barbara/Zimmermann, Corinne), Theseus Verlag, Zürich/München 1993, ISBN 3-85936-061-2
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Sonntag, 4. August 2013
„Der Blinde und das Mädchen“ von Yasunari Kawabata
Zwar umfasst „Der Blinde und das Mädchen“ nur gute 100 Seiten, doch um die Kurzgeschichten genießen zu können, sollte man sich Zeit lassen und sich nicht durch das Büchlein durchfressen.
Da ist zum Beispiel die Geschichte „Wartesaal Dritter Klasse“, in der ein verabredeter Treffpunkt die Entwicklung einer Liebesbeziehung unerwartet beeinflusst. In „Unvergänglich“ wird ein Spaziergang eines ungleichen Paares geschildert, das doch von ganz anderer Art ist als man anfangs vermuten mag. Oder im „Bahnhof im Herbstregen“ treffen zwei ehemalige Rivalinnen in der Liebe erneut aufeinander und spielen ein sicherlich kindisches Spielchen miteinander, um sich erneut gegenseitig auszustechen.
Manchmal wirken die Handlungen in Yasunari Kawabatas Handtellergeschichten sehr real, um sich dann als eine Geschichte aus der Geisterwelt zu entpuppen. Dann wieder werden Traumsequenzen skizziert, die besonders surreal wirken. So spielen die Kurzgeschichten mit Wirklichkeitsebenen, deuten die Dinge nur an, lösen schließlich nicht und nur ansatzweise auf. Sicherlich offenbart sich der Reiz dieser Kurzgeschichten nur, wenn man sich auf diese Vagheit einlässt.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Der Blinde und das Mädchen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried & Putz, Otto), Hanser, München/Wien 1999, ISBN 3-446-19694-3
Mittwoch, 19. Juni 2013
„Träume im Kristall“ von Yasunari Kawabata
Der Erzählband von Yasunari Kawabata präsentiert vier Erzählungen. Er beginnt mit „Träume im Kristall“, einer Erzählung die primär aus direkter Rede und inneren Monologen der namen- und kinderlosen Protagonistin besteht. Die Zutaten sind illuster: Bei ihr, der Tochter eines Gynäkologen und Ehefrau eines Embryologen, hat sich bisher der Kinderwunsch nicht eingestellt. Die Professionen ihres Vaters und ihres Mannes verhöhnen diese Situation geradezu. Damit nicht genug: Die Protagonistin hält sich einen Rüden, der gerne dazu angehalten wird, zu Zuchtzwecken Hündinnen zu besteigen. Besonderen Reiz erhält die Erzählung, durch die Aneinanderreihung von Erinnerungsfetzen aus der Vergangenheit der Protagonistin.
„Der Schatten der älteren Schwester“ ist eine bezaubernde Erzählung aus dem Jahr 1933, die ich ohne weiteres Banana Yoshimoto zugeschrieben hätte, wenn mir der Autor unbekannt gewesen wäre. Yasunari Kawabata schreibt hier eine herzerwärmende Geschichte um die junge, unverheiratet Tsuruko, die verstorbene Schwester, die beste Freundin Sakiko und deren Ehemann. Genau wie bei Banana Yoshimoto wird eine außerordentlich innige Beziehung der Charaktere untereinander porträtiert, aber auch die Einsamkeit Tsurukos.
Etwas bizarr wird es in „Ein Arm“: Nach einem Rendezvous mit dem Ich-Erzähler reagiert eine junge Frau recht vertraulich – sie nimmt ihren Arm ab und gibt ihn dem Protagonisten in Obhut. Der kehrt mit dem Arm nach Hause, unterhält sich mit ihm und erlebt auch weiterhin recht Ungewöhnliches. Hier erinnert die Erzählung eher an Kobo Abe.
„Das Mal auf der Schulter“ sorgt für Streit in der Ehe der Ich-Erzählerin. Selbstvergessen berührt sie gerne ein Muttermal - eine Angewohnheit, die den Ehemann zur Raserei treibt. Erst Gespräche mit der Mutter eröffnen ihr ihre unterschwellige Motivationen für die Berührungen.
Eigentlich mag ich Yasunari Kawabatas Werke nicht sonderlich. Insbesondere die ersten drei Erzählungen in „Träume im Kristall“ haben mich wieder einmal eines Besseren belehrt. Der Band präsentiert eine eindrucksvolle Bandbreite der literarischen Klaviatur, die der Autor beherrscht.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Träume im Kristall“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt/Main 1974
„Der Schatten der älteren Schwester“ ist eine bezaubernde Erzählung aus dem Jahr 1933, die ich ohne weiteres Banana Yoshimoto zugeschrieben hätte, wenn mir der Autor unbekannt gewesen wäre. Yasunari Kawabata schreibt hier eine herzerwärmende Geschichte um die junge, unverheiratet Tsuruko, die verstorbene Schwester, die beste Freundin Sakiko und deren Ehemann. Genau wie bei Banana Yoshimoto wird eine außerordentlich innige Beziehung der Charaktere untereinander porträtiert, aber auch die Einsamkeit Tsurukos.
Etwas bizarr wird es in „Ein Arm“: Nach einem Rendezvous mit dem Ich-Erzähler reagiert eine junge Frau recht vertraulich – sie nimmt ihren Arm ab und gibt ihn dem Protagonisten in Obhut. Der kehrt mit dem Arm nach Hause, unterhält sich mit ihm und erlebt auch weiterhin recht Ungewöhnliches. Hier erinnert die Erzählung eher an Kobo Abe.
„Das Mal auf der Schulter“ sorgt für Streit in der Ehe der Ich-Erzählerin. Selbstvergessen berührt sie gerne ein Muttermal - eine Angewohnheit, die den Ehemann zur Raserei treibt. Erst Gespräche mit der Mutter eröffnen ihr ihre unterschwellige Motivationen für die Berührungen.
Eigentlich mag ich Yasunari Kawabatas Werke nicht sonderlich. Insbesondere die ersten drei Erzählungen in „Träume im Kristall“ haben mich wieder einmal eines Besseren belehrt. Der Band präsentiert eine eindrucksvolle Bandbreite der literarischen Klaviatur, die der Autor beherrscht.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Träume im Kristall“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt/Main 1974
Dienstag, 26. Februar 2013
„Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ von Yasunari Kawabata
Yasunari Kawabatas „Tagebuch eines Sechzehnjärhigen“ enthält drei Erzählungen und zwei Kurzgeschichten („Die Geschichte mit dem Strohhut“ und „Vorwinter“). Den meisten Umfang nimmt nicht die Titel-gebende Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ ein, sondern „Die Tänzerinnen“: Zwei Balletttänzerinnen, Mutter und Tochter, Namiko und Shinako stehen hier im Mittelpunkt. Namiko entstammt einer wohlhabenden Familie. Durch ihr Vermögen sichert sie den Lebensstandard, während ihr Ehemann Yagi durch seine Betätigung als Literaturwissenschaftler kaum Geld nach Hause bringt. Vielmehr gibt er mehr aus als nötig und behält sein Gehalt der Familie vor. Wie auch in anderen Familien der Nachkriegsjahre werden hier die althergebrachten Rollenverteilungen von Mann und Frau brüchig – der Mann ist nicht mehr Versorger der Familie. Auch in einem weiteren Punkt weicht Namiko langsam von der ihr zugedachten Rolle ab, als sie sich ihrer Jugendliebe nähert. Namiko beginnt ihr bisheriges Eheleben in Frage zu stellen:
Wird eine Frauengeneration reichen, die alten Rollenvorstellungen zu durchbrechen?
Ein bisschen gequält habe ich mich mit der Erzählung „Ihre zweite Ehe“. Unter anderem weil ich mit den Protagonisten so überhaupt nicht warm geworden bin und mir die Metaphern, Sinn- und Stimmungsbilder zu viel geworden sind. Auch in „Ihre zweite Ehe“ wird ein Frauenschicksal skizziert, indem der Ich-Erzäher seine Ehe beschreibt: Er hat mit 35 Jahren eine Frau geheiratet, die mit 28 Jahren bereits verwitwet und Mutter zweier Kinder war. Die Kinder hat die Ehefrau bei der Familie ihres verstorbenen ersten Mannes belassen – und gilt daher nicht mehr als legitime Mutter der beiden. Dennoch geht insbesondere die Tochter bald in dem Haushalt des Ich-Erzählers ein und aus. Doch insbesondere als sich die Tochter verheiraten möchte, tun sich einige Probleme auf.
Mit Kommentaren aus zwei späteren Lebensphasen präsentiert Yasunari Kawabata „Das Tagebuch eines Sechzehnjährigen“, der die letzten Tage vor dem Tod seines Großvaters dokumentiert. Der alte Herr bedarf Vollzeitpflege, die entweder der 16-jährige Schüler oder eine hilfsbereite Bauersfrau übernimmt. Für den Teenager ist der Pflegedienst zwar eine schwere Belastung, doch die Erlösung des Alten bedeutet für den Jungen auch den Verlust des letzen Verwandten.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tagebuch eins Sechzehnjährigen“, Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-499-11428-3
„Sind Zurückhaltung, Scham, Folgsamkeit die Kennzeichen der Frau, die an die eisernen Traditionen dieses Landes angeschmiedet war?“ (S. 124)
Wird eine Frauengeneration reichen, die alten Rollenvorstellungen zu durchbrechen?
Ein bisschen gequält habe ich mich mit der Erzählung „Ihre zweite Ehe“. Unter anderem weil ich mit den Protagonisten so überhaupt nicht warm geworden bin und mir die Metaphern, Sinn- und Stimmungsbilder zu viel geworden sind. Auch in „Ihre zweite Ehe“ wird ein Frauenschicksal skizziert, indem der Ich-Erzäher seine Ehe beschreibt: Er hat mit 35 Jahren eine Frau geheiratet, die mit 28 Jahren bereits verwitwet und Mutter zweier Kinder war. Die Kinder hat die Ehefrau bei der Familie ihres verstorbenen ersten Mannes belassen – und gilt daher nicht mehr als legitime Mutter der beiden. Dennoch geht insbesondere die Tochter bald in dem Haushalt des Ich-Erzählers ein und aus. Doch insbesondere als sich die Tochter verheiraten möchte, tun sich einige Probleme auf.
Mit Kommentaren aus zwei späteren Lebensphasen präsentiert Yasunari Kawabata „Das Tagebuch eines Sechzehnjährigen“, der die letzten Tage vor dem Tod seines Großvaters dokumentiert. Der alte Herr bedarf Vollzeitpflege, die entweder der 16-jährige Schüler oder eine hilfsbereite Bauersfrau übernimmt. Für den Teenager ist der Pflegedienst zwar eine schwere Belastung, doch die Erlösung des Alten bedeutet für den Jungen auch den Verlust des letzen Verwandten.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tagebuch eins Sechzehnjährigen“, Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-499-11428-3
Dienstag, 5. Februar 2013
„Mond auf dem Wasser“ herausgegeben von Marianne Bretschneider
„Mond auf dem Wasser“ versammelt 14 Erzählungen von bekannten und weniger bekannten japanischen Autoren. Für Junichiro Tanizaki-Fans hält der Band aus den 70er Jahren die erste Erzählung des Enfant Terribles bereit: „Das Opfer“ (auch bekannt als „Tätowierung“ oder verfilmt als „Irezumi – Spider Tattoo“) das ist nicht nur eines, sondern nur das erste. Der Tätowiermeister Seikichi ergötzt sich an den Schmerzen seiner Kunden. Doch ihn drängt es, eine bestimmte junge Frau ausfindig zu machen, der er ein wahres Meisterwerk tätowieren mag. Durch Zufall wird genau diese Frau, eine angehende Geisha, als Botin zu ihm geschickt. Er betäubt sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken – ein Symbol für ihre Fähigkeit, Männer einzufangen und ausbluten zu lassen. Das erste Opfer findet die Schönheit im Tätowiermeister.
Shotaro Yasuokas Protagonist in „Die Glasschuhe“ verbringt einen ungewöhnlichen Sommer: Nachts arbeitet er als Wachdienst in einem Waffengeschäft, tagsüber verbringt er seine Zeit bei Etsuko, die das Haus eines Amerikaners hütet. Die Stimmung zwischen den beiden ist losgelöst, etwas verrückt und sicherlich naiv – doch die Sommerferien des Amerikaners neigen sich zu Ende und damit die unschuldige Zeit des Paares.
Seiichi Funabashis „Die Distelwolke“ ist mehr als tragisch: Der Witwer Ichimatsu verliebt sich in eine weitläufige Verwandte seiner verstorbenen Ehefrau. Das junge Mädchen Chika hat sich jedoch bereits mit einem Soldaten verlobt, der in den Pazifikkrieg zieht. Auch sie fühlt sich zu dem Witwer hingezogen, obwohl die Familie von Ichimatsu eine Beziehung der beiden verurteilt. Doch Ichimatsu ist mehr als vorbildlich: Obwohl sich mehrere Möglichkeiten bieten, rührt er Chika nicht an. Er will warten, ob Chikas Verlobter lebend aus dem Krieg zurückkehrt und dann Chika vor eine Entscheidung stellen. Doch leider kommt schließlich alles anders.
Kyoshi Takehama erzählt in „Ikaruga-monogatari“ von Omichi, die sich unglücklich in einen Mönch verliebt.
Ryunosuke Akutagawas Erzählung „Kesa und Morito“ handelt von einem Verbrechen, das in zwei Selbstgesprächen geführt wird. Morito ist ein alter Verehrer von Kesa. Doch sie hat einen anderen geheiratet und hat ihre Schönheit über die Jahre eingebüßt. Morito vergeht sich bei einem Wiedersehen an Kesa, will sie sogar dazu überreden, gemeinsam Kesas Ehemann umzubringen. Doch Kesa hat andere Pläne.
Shusei Tokuda zeichnet mit „Der Orden“ das Bild einer unglücklichen Ehe. Kanoko geht erst eine Ehe ein, als sie vom Berufsleben enttäuscht wurde. Doch auch ihr Ehemann ist eine Enttäuschung: Er kann nicht mit Geld umgehen, macht Spielschulden, schert sich kaum um seine Ehefrau und ist obendrein noch unfruchtbar. Mehrfach versucht Kanoko sich von ihm zu lösen, doch scheitert sie jedes Mal erneut.
Kafu Nagais Erzählung „Geliebtes Gesicht“ spielt – wo auch sonst – in den Freuden- und Vergnügungsvierteln Tokios. Zwei Taxi-Chauffeure verbringen die Nacht vor den Toren Yoshiwaras. Toyo beginnt in einer rührseligen Stimmung seinem Kollegen Tame von seiner verstorbenen Ehefrau und deren Ebenbild, einer Tänzerin aus Asakusa, zu erzählen.
Auch Fumiko Hayashis „Tokio“ ist eine tragische Liebesgeschichte: Ryo verkauft im ausgebombten Tokio der Nachkriegsjahre Tee. Die verheiratete Frau wartet auf die Rückkehr ihres Ehemanns, der in Sibirien in Kriegsgefangenschaft ist. Doch während ihrer Verkaufstour von Baracke zu Baracke lernt sie Tsuruishi kennen und lieben. Leider ist den beiden kein Happy End vergönnt.
Mit „Mond auf dem Wasser“ lässt Yasunari Kawabata Kyoko an ihren verstorbenen Ehemann denken. Von seiner Krankheit schwer geschwächt, war dem Mann Kyokos Handspiegel ein Fenster zur Welt. Doch auch seinen eigenen Verfall konnte er damit beobachten.
„Im Wiederaufbau“ befindet sich ein Hotel, in dem sich Ogai Moris Protagonist Watanabe mit einer Europäerin trifft, mit der er einst intim war. Die Sängerin tourt mit ihrem Pianisten Kosinski durch die Welt und vielleicht auch durch die Betten. Ob der Wiederaufbau der Beziehung der Europäerin mit Watanabe gelingen wird?
Shimei Futabateis Ich-Erzähler wird sich während seines Studiums des eigenen „Mittelmaß“ bewusst. Er quartiert sich bei entfernten Verwandten ein, die ihn primär als Diener behandeln. Er schluckt die Demütigung herunter, hat er sich doch in die Tochter des Hauses Yukie verliebt.
Masuji Ibuses Protagonisten wird der „Besuch einer Frau“ angekündigt – sehr zum Missfallen seiner frischgebackenen Ehefrau. Denn es handelt sich bei der Frau um Aiko, die vor Jahren den Heiratsantrag des Ich-Erzählers abgelehnt hatte.
„Eine Glocke aus Fukagawa“ klingelt in Matsutaro Kawaguchis Erzählung, wenn der Ich-Erzähler seine Nächte mit der Witwe O-ito verbringt. Der Protagonist hat sich über dem Sushi-Lokal von O-ito eingemietet, um Literatur zu schaffen und ein bedeutender Autor zu werden. Um nicht von seiner brotlosen Kunst abhängig zu sein, trägt er sich mit dem Gedanken, O-ito zu ehelichen. Doch als der Ich-Erzähler die ersten Früchte seines literarischen Engagements erntet, entschließt sich O-ito anders.
In „Manazuru“ von Naoya Shiga macht ein Junge seine erste Erfahrung mit dem Gefühl der Liebe und geht einen ersten Schritt Richtung Erwachsenwerden.
Zwar sollen die Erzählungen in „Mond auf dem Wasser“ „Moderne japanische Liebesgeschichten“ sein, doch trifft dies nicht unbedingt auf alle der versammelten Werke zu. So sind die Protagonisten in Ryunosuke Akutagawas „Kesa und Morito“ eher von Abscheu getrieben; Junichiro Tanizaki spielt in seiner ersten Erzählung bereits mit den sadomasochistischen Fantasien, die sich auch durch sein späteres Werk ziehen.
Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne (Hrsg.): „Mond auf dem Wasser“, Volk & Welt, Berlin 1978
Shotaro Yasuokas Protagonist in „Die Glasschuhe“ verbringt einen ungewöhnlichen Sommer: Nachts arbeitet er als Wachdienst in einem Waffengeschäft, tagsüber verbringt er seine Zeit bei Etsuko, die das Haus eines Amerikaners hütet. Die Stimmung zwischen den beiden ist losgelöst, etwas verrückt und sicherlich naiv – doch die Sommerferien des Amerikaners neigen sich zu Ende und damit die unschuldige Zeit des Paares.
Seiichi Funabashis „Die Distelwolke“ ist mehr als tragisch: Der Witwer Ichimatsu verliebt sich in eine weitläufige Verwandte seiner verstorbenen Ehefrau. Das junge Mädchen Chika hat sich jedoch bereits mit einem Soldaten verlobt, der in den Pazifikkrieg zieht. Auch sie fühlt sich zu dem Witwer hingezogen, obwohl die Familie von Ichimatsu eine Beziehung der beiden verurteilt. Doch Ichimatsu ist mehr als vorbildlich: Obwohl sich mehrere Möglichkeiten bieten, rührt er Chika nicht an. Er will warten, ob Chikas Verlobter lebend aus dem Krieg zurückkehrt und dann Chika vor eine Entscheidung stellen. Doch leider kommt schließlich alles anders.
Kyoshi Takehama erzählt in „Ikaruga-monogatari“ von Omichi, die sich unglücklich in einen Mönch verliebt.
Ryunosuke Akutagawas Erzählung „Kesa und Morito“ handelt von einem Verbrechen, das in zwei Selbstgesprächen geführt wird. Morito ist ein alter Verehrer von Kesa. Doch sie hat einen anderen geheiratet und hat ihre Schönheit über die Jahre eingebüßt. Morito vergeht sich bei einem Wiedersehen an Kesa, will sie sogar dazu überreden, gemeinsam Kesas Ehemann umzubringen. Doch Kesa hat andere Pläne.
Shusei Tokuda zeichnet mit „Der Orden“ das Bild einer unglücklichen Ehe. Kanoko geht erst eine Ehe ein, als sie vom Berufsleben enttäuscht wurde. Doch auch ihr Ehemann ist eine Enttäuschung: Er kann nicht mit Geld umgehen, macht Spielschulden, schert sich kaum um seine Ehefrau und ist obendrein noch unfruchtbar. Mehrfach versucht Kanoko sich von ihm zu lösen, doch scheitert sie jedes Mal erneut.
Kafu Nagais Erzählung „Geliebtes Gesicht“ spielt – wo auch sonst – in den Freuden- und Vergnügungsvierteln Tokios. Zwei Taxi-Chauffeure verbringen die Nacht vor den Toren Yoshiwaras. Toyo beginnt in einer rührseligen Stimmung seinem Kollegen Tame von seiner verstorbenen Ehefrau und deren Ebenbild, einer Tänzerin aus Asakusa, zu erzählen.
Auch Fumiko Hayashis „Tokio“ ist eine tragische Liebesgeschichte: Ryo verkauft im ausgebombten Tokio der Nachkriegsjahre Tee. Die verheiratete Frau wartet auf die Rückkehr ihres Ehemanns, der in Sibirien in Kriegsgefangenschaft ist. Doch während ihrer Verkaufstour von Baracke zu Baracke lernt sie Tsuruishi kennen und lieben. Leider ist den beiden kein Happy End vergönnt.
Mit „Mond auf dem Wasser“ lässt Yasunari Kawabata Kyoko an ihren verstorbenen Ehemann denken. Von seiner Krankheit schwer geschwächt, war dem Mann Kyokos Handspiegel ein Fenster zur Welt. Doch auch seinen eigenen Verfall konnte er damit beobachten.
„Im Wiederaufbau“ befindet sich ein Hotel, in dem sich Ogai Moris Protagonist Watanabe mit einer Europäerin trifft, mit der er einst intim war. Die Sängerin tourt mit ihrem Pianisten Kosinski durch die Welt und vielleicht auch durch die Betten. Ob der Wiederaufbau der Beziehung der Europäerin mit Watanabe gelingen wird?
Shimei Futabateis Ich-Erzähler wird sich während seines Studiums des eigenen „Mittelmaß“ bewusst. Er quartiert sich bei entfernten Verwandten ein, die ihn primär als Diener behandeln. Er schluckt die Demütigung herunter, hat er sich doch in die Tochter des Hauses Yukie verliebt.
Masuji Ibuses Protagonisten wird der „Besuch einer Frau“ angekündigt – sehr zum Missfallen seiner frischgebackenen Ehefrau. Denn es handelt sich bei der Frau um Aiko, die vor Jahren den Heiratsantrag des Ich-Erzählers abgelehnt hatte.
„Eine Glocke aus Fukagawa“ klingelt in Matsutaro Kawaguchis Erzählung, wenn der Ich-Erzähler seine Nächte mit der Witwe O-ito verbringt. Der Protagonist hat sich über dem Sushi-Lokal von O-ito eingemietet, um Literatur zu schaffen und ein bedeutender Autor zu werden. Um nicht von seiner brotlosen Kunst abhängig zu sein, trägt er sich mit dem Gedanken, O-ito zu ehelichen. Doch als der Ich-Erzähler die ersten Früchte seines literarischen Engagements erntet, entschließt sich O-ito anders.
In „Manazuru“ von Naoya Shiga macht ein Junge seine erste Erfahrung mit dem Gefühl der Liebe und geht einen ersten Schritt Richtung Erwachsenwerden.
Zwar sollen die Erzählungen in „Mond auf dem Wasser“ „Moderne japanische Liebesgeschichten“ sein, doch trifft dies nicht unbedingt auf alle der versammelten Werke zu. So sind die Protagonisten in Ryunosuke Akutagawas „Kesa und Morito“ eher von Abscheu getrieben; Junichiro Tanizaki spielt in seiner ersten Erzählung bereits mit den sadomasochistischen Fantasien, die sich auch durch sein späteres Werk ziehen.
Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne (Hrsg.): „Mond auf dem Wasser“, Volk & Welt, Berlin 1978
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Yasunari Kawabata
Freitag, 30. November 2012
„Tausend Kraniche“ von Yasunari Kawabata
Willkommen in dem recht wilden Beziehungsgeflecht in Kikujis Familie. Kikujis Vater hat zu seinen Lebzeiten nichts anbrennen lassen. Zeitweise hatte er eine außereheliche Affäre mit der eher burschikosen Zeremonienmeisterin Chikako, bei der er die Teezeremonie erlernte. Doch als Frau Oota verwitwete, war er mehr von deren fraulicher Sanftheit angetan und tauschte die Geliebte Chikako gegen Frau Oota aus. Nichtsdestotrotz ging Chikako im Haushalt des Vaters ein und aus und der Mutter zur Hand. Die Affären des Vaters waren ein offenes Geheimnis.
Jahre nach dem Tod der Eltern nimmt Kikuji eine Einladung Chikakos zur Teezeremonie an. Sie will ihn mit der hübschen Yukiko verkuppeln. Doch wie’s der Teufel will, ist genau an diesem Tag auch Frau Oota mit ihrer Tochter Fumiko ebenfalls zugegen. Zwar hat sich Kikuji schon in Yukiko verguckt, doch zieht ihn die sanfte Frau Oota wie magisch an. Die Grenzen beginnen zu verschwimmen: Sieht Frau Ooota in Kikuji seinen Vater; fühlt sich Kikuji wie sein Vater, wenn er intim mit Frau Oota wird?
Die Liaison bleibt von der intriganten Chikako nicht unentdeckt. Frau Oota fühlt sich schuldig und setzt ihrem Leben ein Ende. Für Kikuji nimmt nun deren Tochter Fumiko, ein Abbild der Mutter, deren Platz ein. Doch während Frau Oota einem traditionellen Frauenbild entspricht, sieht Fumiko die Ehe nicht als Versorgungsgemeinschaft; sie beginnt auf eigenen Füßen zu stehen. Und so wird Yasunari Kawabatas „Tausend Kraniche“ auch ein Zeugnis der Modernisierung der Frauenrolle.
Die Handlung in „Tausend Kraniche“ ist von einer trägen Dynamik. Viel wird nur angedeutet, metaphorisiert, ästhetisiert und in einen Gesamtzusammenhang eingebaut, der dem Europäer befremdlich anmutet. Wer sich auf den Roman einlässt, wird aber sicherlich auf seine Kosten kommen.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tausend Kraniche“, dtv, München 1989, ISBN 3-423-11080-5
Jahre nach dem Tod der Eltern nimmt Kikuji eine Einladung Chikakos zur Teezeremonie an. Sie will ihn mit der hübschen Yukiko verkuppeln. Doch wie’s der Teufel will, ist genau an diesem Tag auch Frau Oota mit ihrer Tochter Fumiko ebenfalls zugegen. Zwar hat sich Kikuji schon in Yukiko verguckt, doch zieht ihn die sanfte Frau Oota wie magisch an. Die Grenzen beginnen zu verschwimmen: Sieht Frau Ooota in Kikuji seinen Vater; fühlt sich Kikuji wie sein Vater, wenn er intim mit Frau Oota wird?
Die Liaison bleibt von der intriganten Chikako nicht unentdeckt. Frau Oota fühlt sich schuldig und setzt ihrem Leben ein Ende. Für Kikuji nimmt nun deren Tochter Fumiko, ein Abbild der Mutter, deren Platz ein. Doch während Frau Oota einem traditionellen Frauenbild entspricht, sieht Fumiko die Ehe nicht als Versorgungsgemeinschaft; sie beginnt auf eigenen Füßen zu stehen. Und so wird Yasunari Kawabatas „Tausend Kraniche“ auch ein Zeugnis der Modernisierung der Frauenrolle.
Die Handlung in „Tausend Kraniche“ ist von einer trägen Dynamik. Viel wird nur angedeutet, metaphorisiert, ästhetisiert und in einen Gesamtzusammenhang eingebaut, der dem Europäer befremdlich anmutet. Wer sich auf den Roman einlässt, wird aber sicherlich auf seine Kosten kommen.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tausend Kraniche“, dtv, München 1989, ISBN 3-423-11080-5
Freitag, 29. Juni 2012
„Die Rote Bande von Asakusa“ von Yasunari Kawabata
„Asakusa ist ein einziges großes Irrenhaus.“ (S. 136)
Sagt das Alter Ego des Autors Yasunari Kawabata über den Stadtteil Asakusa, in dem sich die Rote Bande herumtreibt. Er begleitet die Gruppe aus jugendlichen Herumsträunern, die sich vornehmlich um die verrückte Yumiko scharen, die auch schon mal ein paar Kügelchen Arsen schluckt – damit ihr Teint die richtige Farbe bekommt – und sich allerlei Verkleidungen ausdenkt, um die Leute an der Nase herumzuführen.
Doch nicht nur die Rote Bande bevölkert Asakusa: Bettler, Obdachlose, Ausreißer, Varieté-Tänzerinnen, Artisten, Prostituierte, Betrüger, vergnügungssüchtiges Volk tummeln sich in dem Stadtviertel, das sein europäisches Äquivalent im Pariser Montmartre findet. Westliche Einflüsse treffen hier auf japanische Traditionen – und doch ist die Rote Bande einem alt-ehrwürdigen Ehrenkodex verhaftet.
Der Erzähler setzt unwillkürlich ein Spotlight auf ein Plätzchen in Asakusa und berichtet dann von den eigenwilligen Machenschaften von Yumiko, Kurzhaar-O-Soundso, Silberkatzen-Umeko oder Linkshänder-Hiko. Überhaupt wird mit den Begriffen „links“ und „rot“ gern gespielt, jedoch ohne dass „Die Rote Bande von Asakusa“ als linke Literatur begriffen werden kann. Stakkatohaft werden die Eindrücke teilweise wiedergegeben, unter anderem wenn der Erzähler aus Programmheften und Anschlägen abliest. So ist wohl auch das Tempo generell rapide in Asakusa.
„Die Rote Bande von Asakusa“ liest sich ungewöhnlich, fragmentarisch. Doch wie soll man dem Kaleidoskop Asakusa auch besser gerecht werden? Hat man sich erst ein bisschen eingelesen, lässt einen die Faszination für Asakusas 20er/30er Jahre nicht mehr los. Welch ein turbulentes Lesevergnügen!
Fans von Yasunari Kawabatas Klassikern wie „Schneeland“ wird „Die Rote Bande von Asakusa“ jedoch eher enttäuschen – der Erzählstil könnte fast nicht gegensätzlicher sein.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Die Rote Bande von Asakusa“, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 978-3-458-16969-7
Sagt das Alter Ego des Autors Yasunari Kawabata über den Stadtteil Asakusa, in dem sich die Rote Bande herumtreibt. Er begleitet die Gruppe aus jugendlichen Herumsträunern, die sich vornehmlich um die verrückte Yumiko scharen, die auch schon mal ein paar Kügelchen Arsen schluckt – damit ihr Teint die richtige Farbe bekommt – und sich allerlei Verkleidungen ausdenkt, um die Leute an der Nase herumzuführen.
Doch nicht nur die Rote Bande bevölkert Asakusa: Bettler, Obdachlose, Ausreißer, Varieté-Tänzerinnen, Artisten, Prostituierte, Betrüger, vergnügungssüchtiges Volk tummeln sich in dem Stadtviertel, das sein europäisches Äquivalent im Pariser Montmartre findet. Westliche Einflüsse treffen hier auf japanische Traditionen – und doch ist die Rote Bande einem alt-ehrwürdigen Ehrenkodex verhaftet.
Der Erzähler setzt unwillkürlich ein Spotlight auf ein Plätzchen in Asakusa und berichtet dann von den eigenwilligen Machenschaften von Yumiko, Kurzhaar-O-Soundso, Silberkatzen-Umeko oder Linkshänder-Hiko. Überhaupt wird mit den Begriffen „links“ und „rot“ gern gespielt, jedoch ohne dass „Die Rote Bande von Asakusa“ als linke Literatur begriffen werden kann. Stakkatohaft werden die Eindrücke teilweise wiedergegeben, unter anderem wenn der Erzähler aus Programmheften und Anschlägen abliest. So ist wohl auch das Tempo generell rapide in Asakusa.
„Die Rote Bande von Asakusa“ liest sich ungewöhnlich, fragmentarisch. Doch wie soll man dem Kaleidoskop Asakusa auch besser gerecht werden? Hat man sich erst ein bisschen eingelesen, lässt einen die Faszination für Asakusas 20er/30er Jahre nicht mehr los. Welch ein turbulentes Lesevergnügen!
Fans von Yasunari Kawabatas Klassikern wie „Schneeland“ wird „Die Rote Bande von Asakusa“ jedoch eher enttäuschen – der Erzählstil könnte fast nicht gegensätzlicher sein.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Die Rote Bande von Asakusa“, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 978-3-458-16969-7
Dienstag, 29. Mai 2012
„… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ herausgegeben von Josef Bohaczek & Barbara Yoshida-Krafft
„... weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ enthält einige humorvolle Prosa-Skizzen der zumeist ganz großen japanischen Autoren. Da mokiert sich Ryunosuke Akutagawa über die Krawatte von Junichiro Tanizaki. Osamu Dazais betrunkener Ich-Erzähler gerät in ärztlicher Behandlung an einen noch besoffeneren Doktor. Kafu Nagai treibt sich mit Pariser Kokotten herum. Yasunari Kawabata lässt einen hässlichen Mann hochmütig werden. Masuji Ibuses Protagonist erlebt Desillusionierung durch einen Röntgen-Apparat. Und Chiyo Unos Debüterzählung „Zu grell geschminkt“ illustriert den Wettstreit zweier japanischer Frauen um einen europäischen Gönner.
Auf je nur wenigen Seiten präsentieren die Autoren ihre humorvolle Seite, die jedoch nie zum Schenkelklopfen verleitet, sondern vielmehr ein Lächeln herausfordert. Da mag man Yasutaka Tsutsuis Professor Tadano sofort widersprechen: Nein, japanische Literatur macht nicht depressiv.
Das niedliche rechteckige Kleinformat lässt an ein Geschenkbüchlein denken. Und in der Tat ist „… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ sicherlich ein tolles, schön aufgemachtes Präsent für an japanischer Literatur Interessierte und solche, die sich einen ersten Überblick über die großen Literaten des letzten Jahrhunderts einholen wollen.
Auf je nur wenigen Seiten präsentieren die Autoren ihre humorvolle Seite, die jedoch nie zum Schenkelklopfen verleitet, sondern vielmehr ein Lächeln herausfordert. Da mag man Yasutaka Tsutsuis Professor Tadano sofort widersprechen: Nein, japanische Literatur macht nicht depressiv.
Das niedliche rechteckige Kleinformat lässt an ein Geschenkbüchlein denken. Und in der Tat ist „… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ sicherlich ein tolles, schön aufgemachtes Präsent für an japanischer Literatur Interessierte und solche, die sich einen ersten Überblick über die großen Literaten des letzten Jahrhunderts einholen wollen.
Donnerstag, 10. Mai 2012
„Schneeland“ von Yasunari Kawabata
Der Schöngeist Shimamura besucht dreimal ein Städtchen im Schneeland: Eines Frühlings lernt er die ihm besonders rein erscheinende junge Komako kennen, zu der er im Winter und später im Herbst zurückkehrt. Im Winter ist sie zur Geisha geworden, um die Arztrechnungen eines im Sterben liegenden Freundes begleichen zu können. Zwischen den Abendgesellschaften, zu denen sie geladen ist, besucht sie den geliebten Shimamura. Es scheint, sie könne kaum eine Stunde ohne ihn sein. Doch Shimamura ist bereits gedanklich bei der geheimnisvollen Yoko, die sich aufopferungsvoll um den Sterbenden kümmert. Fasziniert ist er insbesondere von ihrer wunderschönen Stimme. Umso mehr fühlt sich Shimamura bereits im Herbst zu Yoko hingezogen.
Der Ästhet Shimamura betrachtet jedoch nicht nur die beiden Schönheiten Komako und Yoko, sondern auch die sich in den Jahreszeiten verändernde Landschaft in den Bergen. Dieser Ästhetizismus steht in starkem Kontrast zu der praktischen Veranlagung der Komako.
Yasunari Kawabatas „Schneeland“ bleibt mir jedoch zu vage, was die zwischenmenschlichen Verflechtungen und Beziehungen der Hauptcharaktere betrifft. Vieles wird nur angedeutet, Dialoge brechen einfach ab. Dazu gesellt sich der anstrengende Charakter der Komako: Sie besäuft sich auf den Gesellschaften, meckert über ihre Übelkeit und kann sich selbst bei lapidaren Dingen nicht entscheiden (ich wasche mir die Haare, nein, ich wasche mir die Haare nicht, jetzt wasche ich mir doch die Haare, oder vielleicht doch eher nicht…). Gerade die Sauferei lässt einem die vom Protagonisten geliebte Reinheit der Komako schwer nachvollziehen. Ebenfalls schlecht nachvollziehbar ist die Ästhetik, wenn Komakos Lippen mehrfach wie „schöne“ feuchte Blutegel beschrieben werden. Brrr… Ich mag mir so was eigentlich nicht unbedingt vorstellen müssen. Sicherlich trifft der Roman mehr einen japanischen Sinn für Ästhetik.
Der Ästhet Shimamura betrachtet jedoch nicht nur die beiden Schönheiten Komako und Yoko, sondern auch die sich in den Jahreszeiten verändernde Landschaft in den Bergen. Dieser Ästhetizismus steht in starkem Kontrast zu der praktischen Veranlagung der Komako.
Yasunari Kawabatas „Schneeland“ bleibt mir jedoch zu vage, was die zwischenmenschlichen Verflechtungen und Beziehungen der Hauptcharaktere betrifft. Vieles wird nur angedeutet, Dialoge brechen einfach ab. Dazu gesellt sich der anstrengende Charakter der Komako: Sie besäuft sich auf den Gesellschaften, meckert über ihre Übelkeit und kann sich selbst bei lapidaren Dingen nicht entscheiden (ich wasche mir die Haare, nein, ich wasche mir die Haare nicht, jetzt wasche ich mir doch die Haare, oder vielleicht doch eher nicht…). Gerade die Sauferei lässt einem die vom Protagonisten geliebte Reinheit der Komako schwer nachvollziehen. Ebenfalls schlecht nachvollziehbar ist die Ästhetik, wenn Komakos Lippen mehrfach wie „schöne“ feuchte Blutegel beschrieben werden. Brrr… Ich mag mir so was eigentlich nicht unbedingt vorstellen müssen. Sicherlich trifft der Roman mehr einen japanischen Sinn für Ästhetik.
Dienstag, 21. Februar 2012
„Verführerischer Adlerfarn“ herausgegeben von Hannelore Eisenhofer-Halim & Peter Pörtner
Der von Hannelore Eisenhofer-Halim und Peter Pörtner herausgegebene, 400-seitige Band „Verführerischer Adlerfarn“ enthält Erzählungen, Kurzgeschichten und Essays von 21 japanischen Autoren und bildet ein facettenreiches Potpourri an tragischen, ernsten, aber auch fantastischen und bizarren Geschichten.
Taka Isawa erzählt mit „Das Restaurant Applaus“ vom tragischen Schicksal zweier gescheiterter Boxer. Beide bezahlen den Traum einer Boxerkarriere mit ihrer Gesundheit. Während Saburi noch mit zwei gebrochenen Fingern davon kommt, muss sein einstiger Widersacher Yagami mit weit größeren Schäden leben.
Der „Lebensabend eines Kindes“ von Eimi Yamada (auch: Amy Yamada) beginnt mit einem Hundebiss. Denn die gebissene 10-Jährige ist sich sicher: Der Hund hatte Tollwood und ihr bleiben nicht mehr viele Tage zu leben. Zunächst unbemerkt von den Erwachsenen, verlebt das Mädchen einen schrulligen, vermeintlichen Lebensabend.
Der koreanisch-stämmige Kakuei Kin erzählt in „Die Trauer der Erde“ in Briefform die Lebensgeschichte seines Protagonisten Jinichi. Sowohl Jinichis Großvater als auch sein Vater waren bzw. sind brutale Choleriker. Die Opfer der Gewalt sind die Ehefrauen. Jinichis Großmutter, die zusammen mit dem Großvater aus Korea nach Japan kam, beging Selbstmord, indem sie sich vor einen Zug warf. Zu Jinichis Bestürzung existiert weder ein Foto der Großmutter, noch ein Grab, da ihre Leiche irgendwo an der Bahnlinie verscharrt wurde. Dies alles schreibt der Protagonist in einem Brief an seine erste Liebe nieder.
Hiroshi Onuma (auch: Tan Onuma) schreibt über das „Wasser“, das plötzlich wieder in dem Viertel des Protagonisten zu fließen beginnt, als ein ausgetrockneter Kanal wieder geflutet wird. Er erinnert sich an Begegnungen am Fluss während seiner Jugend und entdeckt Neues am Flusslauf.
Keizo Hino entführt mit „Schwarzer Engel“ in eine Zukunftsvision, in der Phonoimages hergestellt werden können, die über elektromagnetische Wellen direkt ins Gehirn geschickt werden können. Wie auch in Keizo Hinos Roman „Die Trauminsel“ spielt die Handlung primär auf dem Neuland, das an der Küste von Tokio gewonnen wird. Und auch hat eine Femme Fatale ihren Auftritt, die den Protagonisten nicht nur mit ihrem künstlerischen Schaffen in den Bann zieht.
Michiko Ikeda zeichnet „Spuren wirrer Wege“ innerhalb des Barackenviertels Sanya. Die Protagonistin engagiert sich für die Rechte der Arbeiter und begegnet in Sanya den unterschiedlichsten Charakteren: Dem alten Pfarrer Kobayashi, in dessen Haus regelmäßige Versammlungen stattfinden; Universitätsprofessoren, die sich in Trainingsanzüge werfen, um in der Arbeiterstadt nicht aufzufallen und Ex-Studenten, die lieber auf dem Bau schuften, anstatt weiter auf die Universität zu gehen.
Ken Kaikos „Das Meer in der Hand“ ist die tragische Erzählung über den einsamen Professor Takada, den der Ich-Erzähler in einer Bar kennen lernt.
In Tomoko Yoshidas „Verführerischer Adlerfarn“ wird es fantastisch: Beim Sammeln von Adlerfarn begegnet die Protagonistin einer kauzigen Alten, die sie auffordert, ihr zu folgen. Die beiden Treffen auf eine Gruppe seltsamer Wallfahrer, die der Protagonistin nicht so fremd sind, wie es zunächst den Anschein hat.
Shohei Ookas Essay „Schnee in Santa Fe“ handelt von seiner Reise durch die USA, die ihn zu Frieda Lawrence, der Witwe von D. H. Lawrence, führt.
Kobo Abes „Hand“ ist bizarr: Die Hand, das ist der Tierpfleger einer Brieftaube, die im Krieg einen Orden erhalten hat. Doch was nützen tierische Helden nach dem Krieg – die Taube wird in Bares umgetauscht. Die Taube wird der Hand noch mehrmals begegnen. Das letzte Mal wird sich das wehrlose Tier in etwas Gefährliches verwandelt haben.
Shun Medorumas Erzählung „Wassertropfen“ wurde 1997 mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Sie erzählt von Tokusho, dessen Bein plötzlich dick anschwillt und er daraufhin in einen Koma-ähnlichen Zustand fällt. Da seine Frau nichts von Krankenhäusern hält und ohnehin keine befriedigende Diagnose gestellt werden kann, wird Tokusho, aus dessen Fuß Wasser austritt, zu Hause gepflegt. Während Tokusho in seinen Wahnträumen seine Vergangenheit als Soldat im zweiten Weltkrieg aufarbeitet, entdeckt sein nichtsnutziger Vetter Seiyu eine interessante Eigenschaft des Wassers kennen, das aus Tokushos Fuß tropft.
Die folgenden vier Erzählungen und Kurzgeschichten „Der Ausritt“, „Das Meer und das Abendrot“, „Die Rose“ und „Die Geschichte vom Mandala“ von Yukio Mishima wirken nach Shun Medorumas „Wassertropfen“ ein bisschen farblos: In „Der Ausritt“ möchte eine gut situierte Dame die junge Frau unter die Lupe nehmen, die ihren Sohn verführt hat, und trifft dabei auf einen ehemaligen und in die Jahre gekommenen Verehrer. „Das Meer und das Abendrot“ betrachtet der Tempeldiener Anri, während er von seinem Schicksal erzählt, das im mittelalterlichen Frankreich als Schafhirte begann: Der Junge Anri hatte eine göttliche Erscheinung und führt die Kinder der Cevennen nach Marseille, um von dort aus Jerusalem zu erobern. Doch anstatt einen Sieg zu erringen, ereilt die Kinder ein anderes Schicksal. „Die Rose“ hat den Tod von Rainer Maria Rilke zum Thema. „Die Geschichte vom Mandala“ erinnert an ein orientalisches Märchen: Der König wünscht von seinen Untertanen die Anfertigung eines Mandalas zu Ehren seines Geburtstages.
Yasunari Kawabatas „Am Abend der Tanzaufführung“ ist eine Kurzgeschichte über Schicksale, die sich streifen und wieder auseinanderdriften.
„Kreta Kano“, die Figur, die Haruki Murakami-Fans bereits aus „Mister Aufziehvogel“ kennen, stellt sich ebenfalls in einer Kurzgeschichte vor und erzählt von ihrem harten Los, permanent zum Vergewaltigungsopfer zu werden, weswegen sie sich in die Abgeschiedenheit zu ihrer Schwester Malta Kano begibt.
„Früher oder später“ kommt der Tod auf die über 80-jährige Autorin Ineko Sata zu. Sie reflektiert in ihrem Essay nicht nur über das Sterben, sondern auch über die Lebenswege kürzlich verstorbener Freunde, den letzten Besuch bei einer der wenigen gleichaltrigen Bekannten und ihr eigenes Verhalten, das sich mit dem Näherrücken des Todes ändert.
Shumon Miura macht sich Gedanken über „Kinder und Enkel“, über Vererbung und Genetik, über die Pflege von bettlägerigen, Alzheimer-kranken Verwandten.
Der Science Fiction Autor Yasutaka Tsutsui entführt in eine verstörende Zukunft: „Der Stamm der Menschenfresser“ hat ein eigenes Territorium, in das sich der Protagonist dummerweise verirrt. Er gerät in die Falle eines Menschfressers und wird als dessen Reiseproviant mit in die Hauptstadt genommen. Da hilft auch kein Jammern und kein Flehen.
Ryunosuke Akutagawas „Tod eines Christen“ kommt wie eine katholische Märtyrer-Geschichte daher: Der schöne Waisenjunge Lorenzo wird aus der christlichen Gemeinschaft unschuldig verstoßen und muss sich fortan alleine durchs Leben schlagen.
Katai Tayamas Protagonist ist „Krank nach jungen Frauen“ – wenn ihm dies bloß nicht zum Verhängnis wird…
Skurril ist Juro Karas „Gogols Tochter“: Taguchi nimmt sich einem Fundstück, einer 50cm großen Puppe an. Diese Puppen haben einerseits reißenden Absatz bei Männern, die sie als Geliebte hegen und pflegen, aber auch genügend Feinde. Alle Anwohner sind aufgefordert, ihre Sexpuppen demnächst in einer gemeinschaftlichen Aktion zu verbrennen. Der Spielesoftware-Entwickler Taguchi nimmt dies zum Anlass, ein Konzept für ein fantastisches Rollenspiel zu schreiben. Doch seine Visionen drängen in die Realität.
Masahiko Shimadas „Der Delphin in der Wüste“ bildet einen fulminanten Abschluss des Erzählbandes: Augenzwinkernd erzählt ein gefallener Engel von seinen Erfahrungen im modernen Tokio.
„Verführerischer Adlerfarn“ ist ein toll illustriertes Buch mit Liebe zum Detail. Nur schade, dass nicht noch etwas mehr Zeit in die Fußnoten investiert wurde. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen tut sich der Leser manchmal etwas schwer (z.B. bei Ineko Satas Essay, da die beschriebenen Personen wohl nur Japanologen bekannt sein dürften). Insgesamt jedoch bietet „Verführerischer Adlerfarn“ eine wunderbare Sammlung der verschiedenen Spektren japanischer Literatur.
Taka Isawa erzählt mit „Das Restaurant Applaus“ vom tragischen Schicksal zweier gescheiterter Boxer. Beide bezahlen den Traum einer Boxerkarriere mit ihrer Gesundheit. Während Saburi noch mit zwei gebrochenen Fingern davon kommt, muss sein einstiger Widersacher Yagami mit weit größeren Schäden leben.
Der „Lebensabend eines Kindes“ von Eimi Yamada (auch: Amy Yamada) beginnt mit einem Hundebiss. Denn die gebissene 10-Jährige ist sich sicher: Der Hund hatte Tollwood und ihr bleiben nicht mehr viele Tage zu leben. Zunächst unbemerkt von den Erwachsenen, verlebt das Mädchen einen schrulligen, vermeintlichen Lebensabend.
Der koreanisch-stämmige Kakuei Kin erzählt in „Die Trauer der Erde“ in Briefform die Lebensgeschichte seines Protagonisten Jinichi. Sowohl Jinichis Großvater als auch sein Vater waren bzw. sind brutale Choleriker. Die Opfer der Gewalt sind die Ehefrauen. Jinichis Großmutter, die zusammen mit dem Großvater aus Korea nach Japan kam, beging Selbstmord, indem sie sich vor einen Zug warf. Zu Jinichis Bestürzung existiert weder ein Foto der Großmutter, noch ein Grab, da ihre Leiche irgendwo an der Bahnlinie verscharrt wurde. Dies alles schreibt der Protagonist in einem Brief an seine erste Liebe nieder.
Hiroshi Onuma (auch: Tan Onuma) schreibt über das „Wasser“, das plötzlich wieder in dem Viertel des Protagonisten zu fließen beginnt, als ein ausgetrockneter Kanal wieder geflutet wird. Er erinnert sich an Begegnungen am Fluss während seiner Jugend und entdeckt Neues am Flusslauf.
Keizo Hino entführt mit „Schwarzer Engel“ in eine Zukunftsvision, in der Phonoimages hergestellt werden können, die über elektromagnetische Wellen direkt ins Gehirn geschickt werden können. Wie auch in Keizo Hinos Roman „Die Trauminsel“ spielt die Handlung primär auf dem Neuland, das an der Küste von Tokio gewonnen wird. Und auch hat eine Femme Fatale ihren Auftritt, die den Protagonisten nicht nur mit ihrem künstlerischen Schaffen in den Bann zieht.
Michiko Ikeda zeichnet „Spuren wirrer Wege“ innerhalb des Barackenviertels Sanya. Die Protagonistin engagiert sich für die Rechte der Arbeiter und begegnet in Sanya den unterschiedlichsten Charakteren: Dem alten Pfarrer Kobayashi, in dessen Haus regelmäßige Versammlungen stattfinden; Universitätsprofessoren, die sich in Trainingsanzüge werfen, um in der Arbeiterstadt nicht aufzufallen und Ex-Studenten, die lieber auf dem Bau schuften, anstatt weiter auf die Universität zu gehen.
Ken Kaikos „Das Meer in der Hand“ ist die tragische Erzählung über den einsamen Professor Takada, den der Ich-Erzähler in einer Bar kennen lernt.
In Tomoko Yoshidas „Verführerischer Adlerfarn“ wird es fantastisch: Beim Sammeln von Adlerfarn begegnet die Protagonistin einer kauzigen Alten, die sie auffordert, ihr zu folgen. Die beiden Treffen auf eine Gruppe seltsamer Wallfahrer, die der Protagonistin nicht so fremd sind, wie es zunächst den Anschein hat.
Shohei Ookas Essay „Schnee in Santa Fe“ handelt von seiner Reise durch die USA, die ihn zu Frieda Lawrence, der Witwe von D. H. Lawrence, führt.
Kobo Abes „Hand“ ist bizarr: Die Hand, das ist der Tierpfleger einer Brieftaube, die im Krieg einen Orden erhalten hat. Doch was nützen tierische Helden nach dem Krieg – die Taube wird in Bares umgetauscht. Die Taube wird der Hand noch mehrmals begegnen. Das letzte Mal wird sich das wehrlose Tier in etwas Gefährliches verwandelt haben.
Shun Medorumas Erzählung „Wassertropfen“ wurde 1997 mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Sie erzählt von Tokusho, dessen Bein plötzlich dick anschwillt und er daraufhin in einen Koma-ähnlichen Zustand fällt. Da seine Frau nichts von Krankenhäusern hält und ohnehin keine befriedigende Diagnose gestellt werden kann, wird Tokusho, aus dessen Fuß Wasser austritt, zu Hause gepflegt. Während Tokusho in seinen Wahnträumen seine Vergangenheit als Soldat im zweiten Weltkrieg aufarbeitet, entdeckt sein nichtsnutziger Vetter Seiyu eine interessante Eigenschaft des Wassers kennen, das aus Tokushos Fuß tropft.
Die folgenden vier Erzählungen und Kurzgeschichten „Der Ausritt“, „Das Meer und das Abendrot“, „Die Rose“ und „Die Geschichte vom Mandala“ von Yukio Mishima wirken nach Shun Medorumas „Wassertropfen“ ein bisschen farblos: In „Der Ausritt“ möchte eine gut situierte Dame die junge Frau unter die Lupe nehmen, die ihren Sohn verführt hat, und trifft dabei auf einen ehemaligen und in die Jahre gekommenen Verehrer. „Das Meer und das Abendrot“ betrachtet der Tempeldiener Anri, während er von seinem Schicksal erzählt, das im mittelalterlichen Frankreich als Schafhirte begann: Der Junge Anri hatte eine göttliche Erscheinung und führt die Kinder der Cevennen nach Marseille, um von dort aus Jerusalem zu erobern. Doch anstatt einen Sieg zu erringen, ereilt die Kinder ein anderes Schicksal. „Die Rose“ hat den Tod von Rainer Maria Rilke zum Thema. „Die Geschichte vom Mandala“ erinnert an ein orientalisches Märchen: Der König wünscht von seinen Untertanen die Anfertigung eines Mandalas zu Ehren seines Geburtstages.
Yasunari Kawabatas „Am Abend der Tanzaufführung“ ist eine Kurzgeschichte über Schicksale, die sich streifen und wieder auseinanderdriften.
„Kreta Kano“, die Figur, die Haruki Murakami-Fans bereits aus „Mister Aufziehvogel“ kennen, stellt sich ebenfalls in einer Kurzgeschichte vor und erzählt von ihrem harten Los, permanent zum Vergewaltigungsopfer zu werden, weswegen sie sich in die Abgeschiedenheit zu ihrer Schwester Malta Kano begibt.
„Früher oder später“ kommt der Tod auf die über 80-jährige Autorin Ineko Sata zu. Sie reflektiert in ihrem Essay nicht nur über das Sterben, sondern auch über die Lebenswege kürzlich verstorbener Freunde, den letzten Besuch bei einer der wenigen gleichaltrigen Bekannten und ihr eigenes Verhalten, das sich mit dem Näherrücken des Todes ändert.
Shumon Miura macht sich Gedanken über „Kinder und Enkel“, über Vererbung und Genetik, über die Pflege von bettlägerigen, Alzheimer-kranken Verwandten.
Der Science Fiction Autor Yasutaka Tsutsui entführt in eine verstörende Zukunft: „Der Stamm der Menschenfresser“ hat ein eigenes Territorium, in das sich der Protagonist dummerweise verirrt. Er gerät in die Falle eines Menschfressers und wird als dessen Reiseproviant mit in die Hauptstadt genommen. Da hilft auch kein Jammern und kein Flehen.
Ryunosuke Akutagawas „Tod eines Christen“ kommt wie eine katholische Märtyrer-Geschichte daher: Der schöne Waisenjunge Lorenzo wird aus der christlichen Gemeinschaft unschuldig verstoßen und muss sich fortan alleine durchs Leben schlagen.
Katai Tayamas Protagonist ist „Krank nach jungen Frauen“ – wenn ihm dies bloß nicht zum Verhängnis wird…
Skurril ist Juro Karas „Gogols Tochter“: Taguchi nimmt sich einem Fundstück, einer 50cm großen Puppe an. Diese Puppen haben einerseits reißenden Absatz bei Männern, die sie als Geliebte hegen und pflegen, aber auch genügend Feinde. Alle Anwohner sind aufgefordert, ihre Sexpuppen demnächst in einer gemeinschaftlichen Aktion zu verbrennen. Der Spielesoftware-Entwickler Taguchi nimmt dies zum Anlass, ein Konzept für ein fantastisches Rollenspiel zu schreiben. Doch seine Visionen drängen in die Realität.
Masahiko Shimadas „Der Delphin in der Wüste“ bildet einen fulminanten Abschluss des Erzählbandes: Augenzwinkernd erzählt ein gefallener Engel von seinen Erfahrungen im modernen Tokio.
„Verführerischer Adlerfarn“ ist ein toll illustriertes Buch mit Liebe zum Detail. Nur schade, dass nicht noch etwas mehr Zeit in die Fußnoten investiert wurde. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen tut sich der Leser manchmal etwas schwer (z.B. bei Ineko Satas Essay, da die beschriebenen Personen wohl nur Japanologen bekannt sein dürften). Insgesamt jedoch bietet „Verführerischer Adlerfarn“ eine wunderbare Sammlung der verschiedenen Spektren japanischer Literatur.
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Sonntag, 4. Dezember 2011
„Die schlafenden Schönen“ von Yasunari Kawabata
Eguchi geht auf die Siebzig zu, als er in den Kreis der Besucher eines speziellen Etablissements eingeführt wird: Im Haus der schlafenden Schönen warten auf die alten Männer junge Frauen und Mädchen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren, die eigens für den Herrenbesuch mittels starker Schlafmittel in Tiefschlaf versetzt werden. Die Greise, die ihre Potenz schon so gut wie verloren haben, finden ihr Vergnügen darin, neben den jungen Frauen einzuschlafen. Verkehr und Ausschweifungen sind ohnehin im Haus der schlafenden Schönen verboten. Dadurch, dass die Damen schlafen, bleibt den Greisen jegliche Scham erspart.
Fünf Mal besucht Eguchi das Etablissement und bekommt jeweils eine neue Bettgespielin zugewiesen. Er ergötzt sich nicht nur an dem Anblick der Frauen, sondern spielt mit ihrem Haar, schmiegt sich an sie, berührt ihre Lippen und insbesondere ihr Geruch erinnert ihn an seine ehemaligen Affären und Beziehungen, an seine Ehefrau, seine Töchter und seine Mutter. So lässt er sein Beziehungsleben Revue passieren, aber auch seine Freveltaten.
Eguchi kommt zu dem Schluss, warum das Haus der schlafenden Schönen bei den alten Männern so beliebt ist:
Doch nichts ist für die Ewigkeit – selbst das Haus der schlafenden Schönen nicht.
Yasunari Kawabatas „Die schlafenden Schönen“ ist ein langsamer, poetischer Roman mit wenig Handlung. Das Konzept des „Bei-Schlafs“ hat Banana Yoshimoto für die Erzählung „Dornröschenschlaf“ sicherlich von Yasnuari Kawabata übernommen und erzählt eine Geschichte aus der Sicht einer Beischläferin.
Fünf Mal besucht Eguchi das Etablissement und bekommt jeweils eine neue Bettgespielin zugewiesen. Er ergötzt sich nicht nur an dem Anblick der Frauen, sondern spielt mit ihrem Haar, schmiegt sich an sie, berührt ihre Lippen und insbesondere ihr Geruch erinnert ihn an seine ehemaligen Affären und Beziehungen, an seine Ehefrau, seine Töchter und seine Mutter. So lässt er sein Beziehungsleben Revue passieren, aber auch seine Freveltaten.
Eguchi kommt zu dem Schluss, warum das Haus der schlafenden Schönen bei den alten Männern so beliebt ist:
„So war es wohl nicht allein die Furcht vor dem nahen Tod, oder die Trauer, die Verzweiflung im Gedenken an eine verlorene Jugend, was aus der Tiefe ihrer Brust heraufschoss, wenn sie sich, die bloße Haut berührend, neben eine der ‚schlafenden Schönen’ niederlegten; vielmehr dürfte es zugleich die Reue über begangene Freveltaten gewesen sein oder das bei Erfolgreichen häufige Gefühl, dass sie ein unglückliches Familienleben führten.“ (S. 81)
Doch nichts ist für die Ewigkeit – selbst das Haus der schlafenden Schönen nicht.
Yasunari Kawabatas „Die schlafenden Schönen“ ist ein langsamer, poetischer Roman mit wenig Handlung. Das Konzept des „Bei-Schlafs“ hat Banana Yoshimoto für die Erzählung „Dornröschenschlaf“ sicherlich von Yasnuari Kawabata übernommen und erzählt eine Geschichte aus der Sicht einer Beischläferin.
Samstag, 3. Dezember 2011
Yasunari Kawabata
Yasunari Kawabata wurde 1899 in Osaka geboren. Seine ersten Lebensjahre wurden überschattet von den Todesfällen der wichtigsten Angehörigen: Sein Vater starb, als er zwei Jahre alt war, seine Mutter, als er drei Jahre zählte und seine einzige Schwester, als Yasunari Kawabata neun war. Schließlich starben bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr auch seine Tante und seine Großeltern väterlicherseits. Nun kümmerte sich die Verwandtschaft mütterlicherseits um den Teenager.
An der kaiserlichen Universität von Tokio studierte Yasunari Kawabata Anglistik. Nach seinem Abschluss im Jahr 1824 arbeitete er als Reporter für Mainichi Shimbun, als Literaturkritiker und schließlich auch als Autor fiktionaler Literatur. Beeinflusst durch den Kubismus, Expressionismus und Dada sah sich Yasunari Kawabata als Literat, der sich dem „l’art pour l’art“ verpflichtete. Seinen Stil benannte er als Shinkankakuha, der sich als Gegenpol zur Arbeiter-/Proletarierliteratur verstand.
Mit seiner ersten Erzählung „Die Tänerzin von Izu“ erhielt Yasunari Kawabata 1926 erste Beachtung als Autor. 1968 erhielt er als erster japanischer Autor den Literaturnobelpreis. Yasunari Kawabata kombinierte traditionell japanische Literaturelemente mit modernen. Seine Themen umfassten Fremdheit, Einsamkeit, Liebe, Alter und Tod.
Zwei Jahre nach dem Suizid seines Freundes Yukio Mishima beging der Parkinson-kranke Yasunari Kawabata Selbstmord, indem er sich selbst vergaste.
Interessante Links:
Hier rezensiert:
Weitere ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen/Kurzgeschichten:
An der kaiserlichen Universität von Tokio studierte Yasunari Kawabata Anglistik. Nach seinem Abschluss im Jahr 1824 arbeitete er als Reporter für Mainichi Shimbun, als Literaturkritiker und schließlich auch als Autor fiktionaler Literatur. Beeinflusst durch den Kubismus, Expressionismus und Dada sah sich Yasunari Kawabata als Literat, der sich dem „l’art pour l’art“ verpflichtete. Seinen Stil benannte er als Shinkankakuha, der sich als Gegenpol zur Arbeiter-/Proletarierliteratur verstand.
Mit seiner ersten Erzählung „Die Tänerzin von Izu“ erhielt Yasunari Kawabata 1926 erste Beachtung als Autor. 1968 erhielt er als erster japanischer Autor den Literaturnobelpreis. Yasunari Kawabata kombinierte traditionell japanische Literaturelemente mit modernen. Seine Themen umfassten Fremdheit, Einsamkeit, Liebe, Alter und Tod.
Zwei Jahre nach dem Suizid seines Freundes Yukio Mishima beging der Parkinson-kranke Yasunari Kawabata Selbstmord, indem er sich selbst vergaste.
Interessante Links:
- Enotes: Biographie von Yasunari Kawabata
- Kirjasto: Biographie von Yasunari Kawabata
- Rede von Yasunari Kawabata anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises: Japan, the Beautiful and Myself
Hier rezensiert:
Weitere ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen/Kurzgeschichten:
- Die Tänzerin von Izu
- Handtellergeschichten
- Schönheit und Trauer
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