In Haruki Murakamis „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ begegnen wir wieder einmal einem namenlosen Ich-Erzähler. Es ist weniger die Persönlichkeit als vielmehr die Profession, die zunächst in den Mittelpunkt gerückt wird: Er ist ein Kalkulator, der Daten für das „System“ verschlüsselt, um sie vor Datendieben in Form von den Semioten zu schützen. Im Job funktioniert der Kalkulator, sein Privatleben liegt dagegen brach: Die Ehe kaputt, keine Freunde…
Eines Tages bekommt der Ich-Erzähler einen ominösen Auftrag: Ein verquerer Alter ruft ihn zu sich in sein unterirdisches Labor und weist ihn an, Daten mit einer streng geheimen und eigentlich zwischenzeitlich verbotenen Methode zu kodieren. Das Ende der Welt sei von den Fähigkeiten und der Professionalität des Kalkulators abhängig. Neben den Datendieben sollen auch die Schwärzlinge, die im Untergrund leben und Menschen fressen, hinter den verschlüsselten Informationen her sein. Es handle sich dabei um äußerst sensible Forschungsergebnisse: Der Alte mag herausgefunden haben, wie man die Gedanken von Menschen und Tieren aus dem jeweiligen Schädel herauslesen kann. Nicht auszudenken, dass Folter durch Enthauptungen ersetzt werden könnte, um an geheime Informationen zu kommen.
Und tatsächlich statten einige illustre Gestalten dem Kalkulator einen Besuch ab; unter anderem, um einen Schädel, den der Alte dem Kalkulator geschenkt hat und der sich als der eines Einhorns herausstellt, zu stehlen. Doch auch die dicke Enkelin des Alten wird vorstellig: Ihr Großvater scheint in den unterirdischen Katakomben, in denen sich sein Labor befindet, verschwunden zu sein. Ob die Schwärzlinge, die zwischenzeitlich gemeinsame Sache mit den Semioten machen, ihn entführt haben? Der Kalkulator soll dem Mädchen helfen, ihn ausfindig zu machen.
Zu diesem Erzählstrang namens „Hard-boiled Wonderland“, der sich wie ein Science-Fiction liest und in einem lakonisch-sarkastischen Tonfall gehalten ist, gesellt sich ein zweiter, märchenhafter mit „Das Ende der Welt“. Ein wiederum namenloser Ich-Erzähler tritt in eine ihm unbekannte Stadt ein. Doch dafür muss er erst einmal Abschied von seinem Schatten nehmen. Ein Wächter nimmt ihm den Schatten ab und will sich fortan um diesen kümmern. Dem Ich-Erzähler wird die Funktion des Traumlesers zugewiesen. Als solcher soll er künftig in der Bibliothek der Stadt Träume aus Einhornschädeln lesen.
Kaum ein anderer Haruki Murakami-Roman ist so offensichtlich von den Motiven der Grenzgänge und der Parallelität unterschiedlicher Realitätsebenen geprägt wie „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Die Spiegelungen von einer Welt in die andere sind leicht zu identifizieren und machen einen Teil des Reizes von „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ aus. Nach „Kafka am Strand“ ist „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ mein zweitliebster Haruki Murakami-Roman. Er sei jedem ans Herz gelegt, der sich auf ein Gedankenexperiment einlassen mag: Schlummert nicht in jedem einzelnen Menschen eine eigene Realität, die nur ihm zugänglich ist? Ist nicht ohnehin unsere Wahrnehmung so partiell, dass wir nur immer Teilbereiche der externen Welt erfassen können? Und wie beeinflussen oder gar bedingen sich das Innen und das Außen?
Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Ortmanns, Annelie), btb, München 2007, ISBN 978-3-442-73627-0
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Freitag, 25. April 2014
Sonntag, 11. August 2013
„Kafka am Strand“ von Haruki Murakami
Das Schöne an diesem Blog ist, dass ich einen Grund habe, meine Haruki Murakami-Bücher nochmals zu lesen, um sie zu rezensieren. „Kafka am Strand“ war mein erster Haruki Murakami und auch mein Einstieg in die japanische Literatur überhaupt. Ich war bei der zweiten Lektüre gespannt, ob sich dieselbe Faszination wie beim ersten Mal erneut auslösen würde. Und ja, für „Kafka am Strand“ kann ich immer noch nur die lobendsten Worte finden. Der Roman ist und bleibt einfach mein liebster Haruki Murakami. Die Protagonisten gehen einem zu Herzen, die Handlung ist phantastisch ohne ins Fantasy-Genre abzudriften und bietet Platz für eigenen Interpretationsspielraum. Eine glasklare Lösung darf der Leser freilich nicht erwarten. Denn „Kafka am Strand“ steckt voller Grenzgänge, die sich nicht einfach auflösen lassen: Grenzgänge zwischen Erinnerungen und Gegenwart, Leben und Tod, Innen und Außen, zwischen Realitätsebenen, Geschlechtergrenzen, verschiedenen Seiten des Ichs, Zeiten…
Im Zentrum der Geschehnisse steht der Teenager Kafka Tamura, der von Zuhause ausreißt. Zuhause ist in Tokio bei seinem alleinerziehenden Vater, einem berühmten Bildhauer. Dieser hat Kafka eine düstere Prophezeiung gemacht – Kafka nimmt lieber Reißaus, bevor ihn sein Vater zu etwas machen kann, das er nicht sein möchte. Ohne im Vorfeld zu wissen, wohin er gehen soll, landet Kafka an einem Ort, den er zwar nicht aktiv gesucht hat, der ihm aber das Gefühl gibt, hier richtig zu sein. Es ist eine privat betriebene Bibliothek, in der Oshima und Saeki arbeiten. Oshima ist weder Mann noch Frau, Saeki lebt in ihren Erinnerungen und ist nur körperlich anwesend; gedanklich ist sie in der Vergangenheit bei ihrem verstorbenen Liebsten. Mit Saeki glaubt Kafka seine verschwundene Mutter getroffen zu haben.
In einer zweiten Erzählebene begegnet man dem 60-jährigen Nakata, der als Junge sein Gedächtnis verloren hat – ebenso wie die Dichte seines Schattens. Zwar ist Nakata nicht mehr fähig, zu lesen und sich außerhalb seines Viertels zu Recht zu finden, dafür kann er aber mit Katzen sprechen. Seine Sozialhilfe bessert er damit auf, verschwundene Katzen aufzuspüren. Doch eines Tages kreuzt ein Katzenmörder namens Johnny Walker seinen Weg – und drängt Nakata zu Dingen, die er unter normalen Umständen nie tun würde. Als Folge muss Nakata aus Tokio verschwinden, lässt Sardinen, Makrelen und Blutegel regnen und findet unversehens einen getreuen Helfer in dem Fernfahrer Hoshino. Als Ziel kristallisiert sich die Bibliothek heraus, in der sich Kafka gerade aufhält. Ein Kreis scheint sich zu schließen – denn auch Saeki hat nur einen halb so dichten Schatten wie andere Menschen.
Typisch Haruki Murakami werden auch philosophisch angehauchte Gespräche geführt; primär zwischen Oshima, der guten Seele der Bibliothek, und Kafka, wie z.B.
So wird Oshima zum Berater von Kafka, der sich in einer multiplen Krise befindet: Er verliebt sich zum ersten Mal unglücklich, wird eines Mordes verdächtigt, hat einen Gedächtnisaussetzer und weiß bald nicht mehr, wohin mit sich selbst. Die Dialoge zwischen Oshima und Kafka tragen die Handlung zwar nur bedingt weiter, sind aber dennoch unverzichtbar für den Charme, der „Kafka am Strand“ ausmacht. Ein bisschen verdutzt war ich trotzdem auf Seite 391, als ich auf das Tschechow Zitat „Wenn man im 1. Akt eine Pistole auf die Bühne bringt, muss sie im letzten Akt abgefeuert werden“ gestoßen bin. Dies hat der Autor auch in dem letzten Roman „1Q84“ als Aufhänger für eine Diskussion unter den Charakteren genutzt. Ging dem großen Haruki Murakami denn in „1Q84“ der Stoff für tiefschürfende Dialoge aus?
„Kafka am Strand“ kann gut und gerne als Märchen für Erwachsene durchgehen. Und die Moral von der Geschicht? Vielleicht diese hier:
Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Kafka am Strand“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), btb, München 2006, ISBN 978-3-442-73323-1
Im Zentrum der Geschehnisse steht der Teenager Kafka Tamura, der von Zuhause ausreißt. Zuhause ist in Tokio bei seinem alleinerziehenden Vater, einem berühmten Bildhauer. Dieser hat Kafka eine düstere Prophezeiung gemacht – Kafka nimmt lieber Reißaus, bevor ihn sein Vater zu etwas machen kann, das er nicht sein möchte. Ohne im Vorfeld zu wissen, wohin er gehen soll, landet Kafka an einem Ort, den er zwar nicht aktiv gesucht hat, der ihm aber das Gefühl gibt, hier richtig zu sein. Es ist eine privat betriebene Bibliothek, in der Oshima und Saeki arbeiten. Oshima ist weder Mann noch Frau, Saeki lebt in ihren Erinnerungen und ist nur körperlich anwesend; gedanklich ist sie in der Vergangenheit bei ihrem verstorbenen Liebsten. Mit Saeki glaubt Kafka seine verschwundene Mutter getroffen zu haben.
In einer zweiten Erzählebene begegnet man dem 60-jährigen Nakata, der als Junge sein Gedächtnis verloren hat – ebenso wie die Dichte seines Schattens. Zwar ist Nakata nicht mehr fähig, zu lesen und sich außerhalb seines Viertels zu Recht zu finden, dafür kann er aber mit Katzen sprechen. Seine Sozialhilfe bessert er damit auf, verschwundene Katzen aufzuspüren. Doch eines Tages kreuzt ein Katzenmörder namens Johnny Walker seinen Weg – und drängt Nakata zu Dingen, die er unter normalen Umständen nie tun würde. Als Folge muss Nakata aus Tokio verschwinden, lässt Sardinen, Makrelen und Blutegel regnen und findet unversehens einen getreuen Helfer in dem Fernfahrer Hoshino. Als Ziel kristallisiert sich die Bibliothek heraus, in der sich Kafka gerade aufhält. Ein Kreis scheint sich zu schließen – denn auch Saeki hat nur einen halb so dichten Schatten wie andere Menschen.
Typisch Haruki Murakami werden auch philosophisch angehauchte Gespräche geführt; primär zwischen Oshima, der guten Seele der Bibliothek, und Kafka, wie z.B.
„Je dringender man etwas sucht, desto weniger findet man es. Aber wenn man einer Sache entkommen will, stößt man wie von selbst auf sie.“ (S. 215)
So wird Oshima zum Berater von Kafka, der sich in einer multiplen Krise befindet: Er verliebt sich zum ersten Mal unglücklich, wird eines Mordes verdächtigt, hat einen Gedächtnisaussetzer und weiß bald nicht mehr, wohin mit sich selbst. Die Dialoge zwischen Oshima und Kafka tragen die Handlung zwar nur bedingt weiter, sind aber dennoch unverzichtbar für den Charme, der „Kafka am Strand“ ausmacht. Ein bisschen verdutzt war ich trotzdem auf Seite 391, als ich auf das Tschechow Zitat „Wenn man im 1. Akt eine Pistole auf die Bühne bringt, muss sie im letzten Akt abgefeuert werden“ gestoßen bin. Dies hat der Autor auch in dem letzten Roman „1Q84“ als Aufhänger für eine Diskussion unter den Charakteren genutzt. Ging dem großen Haruki Murakami denn in „1Q84“ der Stoff für tiefschürfende Dialoge aus?
„Kafka am Strand“ kann gut und gerne als Märchen für Erwachsene durchgehen. Und die Moral von der Geschicht? Vielleicht diese hier:
„Es klingt platt, aber was geschehen wird, weiß man erst, wenn es wirklich geschehen ist. Mitunter sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen.“ (S. 475)
Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Kafka am Strand“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), btb, München 2006, ISBN 978-3-442-73323-1
Freitag, 28. Oktober 2011
„1Q84“ von Haruki Murakami
Die Fitnesstrainerin Aomame geht einem gefährlichen Zweitjob nach: Sie ist Profi-Killerin und gerade auf dem Weg, einen Mann ins Jenseits zu befördern, als sie unversehens vom Jahr 1984 ins Jahr 1Q84 transportiert wird. Die Welt in dieser anderen Realitätsebene ähnelt der gewohnten sehr stark – doch am Himmel stehen zwei Monde und die illustre Sekte der Vorreiter treibt ihr Unwesen. Aomame wird beauftragt, dem gefährlichen und gut abgeschirmten Sektenführer das Leben zu nehmen.
Der zweite Erzählstrang wird aus der Sicht von Tengo erzählt, der den Auftrag erhält, als Ghostwriter den Erstlingsroman von Fukaeri zu überarbeiten. Fukaeri ist aus der Gemeinschaft der Vorreiter ausgebrochen und schreibt mit „Die Puppe aus Luft“ einen fantastischen Roman über zwergenhafte Gestalten namens „Little People“. Die Veröffentlichung des Romans wird wirtschaftlich zu einem großen Erfolg, doch reagieren die Vorreiter äußerst empfindlich. Sie setzen Ushikawa, einen unangenehmen Privatdetektiv auf Tengo an. Der Verleger der „Puppe aus Luft“ verschwindet spurlos und Fukaeri hält sich versteckt.
Knapp 1.600 Seiten umfassen die drei Bücher von „1Q84“, die in zwei Bänden veröffentlicht sind. Im dritten Buch erhält Ushikawa einen eigenen, dritten Erzählstrang. Ushikawa, der als Figur bereits in Haruki Murakamis Roman „Mister Aufziehvogel“ einen Auftritt hatte, verfolgt Aomame und heftet sich deshalb an Tengos Fersen, da er die äußerst private, romantische Verbindung der beiden aufdeckt.
Gemessen an der hohen Seitenzahl geschieht in „1Q84“ nicht allzu viel. Was in den ersten beiden Büchern nicht viel ausmacht, da jeder Exkurs interessant und typisch Murakami ist. Etwas zäh beginnt jedoch das dritte Buch mit einer Rekapitulation der vergangenen Geschehnisse und den vorerst redundanten Informationen, die Ushikawa in Erfahrung bringt. Zudem besteht das dritte Buch vor allem aus Warten: Tengo wartet am Krankenbett seines komatösen Vaters auf eine Änderung des Zustands des Patienten. Aomame wartet darauf, Tengo endlich wieder zu sehen. Und Ushikawa wartet in seinem Versteck, dass ihm Aomame in die Falle geht. Natürlich gibt es auch genügend spannende Momente, doch insgesamt zieht sich das dritte Buch doch sehr.
Und auch auf die Gefahr hin, für spitzfindig erklärt zu werden: Der sonst so genaue Haruki Murakami, der im dritten Buch sogar so weit geht, die Wirkungsweise eines Schwangerschaftstests zu erklären, begeht den Recherchefehler, die unbefleckte Empfängnis als Schwangerschaft ohne Geschlechtsverkehr zu halten. Unbefleckt ist die Empfängnis nicht aus Keuschheit, sondern weil die werdende Mutter selbst ohne Erbsünde geboren ist.
Leider empfand ich das Ende von „1Q84“ ein bisschen zu lapidar, was trotz der rührenden Liebesgeschichte zwischen Aomame und Tengo ein etwas schales Licht auf das 1.600-seitige Werk wirft. Zudem noch eine kleine Unterstellung: Das Thema rund um die „Little People“ und die Sekte der Vorreiter erinnert doch etwas arg an „Wilde Schafsjagd“. Eine mystische Macht nimmt Besitz von einem Menschen, um eine schlagkräftige Geheimorganisation aufzubauen. Mein Lieblings-Murakami „Kafka am Strand“ wird jedenfalls von „1Q84“ nicht abgelöst...
Der zweite Erzählstrang wird aus der Sicht von Tengo erzählt, der den Auftrag erhält, als Ghostwriter den Erstlingsroman von Fukaeri zu überarbeiten. Fukaeri ist aus der Gemeinschaft der Vorreiter ausgebrochen und schreibt mit „Die Puppe aus Luft“ einen fantastischen Roman über zwergenhafte Gestalten namens „Little People“. Die Veröffentlichung des Romans wird wirtschaftlich zu einem großen Erfolg, doch reagieren die Vorreiter äußerst empfindlich. Sie setzen Ushikawa, einen unangenehmen Privatdetektiv auf Tengo an. Der Verleger der „Puppe aus Luft“ verschwindet spurlos und Fukaeri hält sich versteckt.
Knapp 1.600 Seiten umfassen die drei Bücher von „1Q84“, die in zwei Bänden veröffentlicht sind. Im dritten Buch erhält Ushikawa einen eigenen, dritten Erzählstrang. Ushikawa, der als Figur bereits in Haruki Murakamis Roman „Mister Aufziehvogel“ einen Auftritt hatte, verfolgt Aomame und heftet sich deshalb an Tengos Fersen, da er die äußerst private, romantische Verbindung der beiden aufdeckt.
Gemessen an der hohen Seitenzahl geschieht in „1Q84“ nicht allzu viel. Was in den ersten beiden Büchern nicht viel ausmacht, da jeder Exkurs interessant und typisch Murakami ist. Etwas zäh beginnt jedoch das dritte Buch mit einer Rekapitulation der vergangenen Geschehnisse und den vorerst redundanten Informationen, die Ushikawa in Erfahrung bringt. Zudem besteht das dritte Buch vor allem aus Warten: Tengo wartet am Krankenbett seines komatösen Vaters auf eine Änderung des Zustands des Patienten. Aomame wartet darauf, Tengo endlich wieder zu sehen. Und Ushikawa wartet in seinem Versteck, dass ihm Aomame in die Falle geht. Natürlich gibt es auch genügend spannende Momente, doch insgesamt zieht sich das dritte Buch doch sehr.
Und auch auf die Gefahr hin, für spitzfindig erklärt zu werden: Der sonst so genaue Haruki Murakami, der im dritten Buch sogar so weit geht, die Wirkungsweise eines Schwangerschaftstests zu erklären, begeht den Recherchefehler, die unbefleckte Empfängnis als Schwangerschaft ohne Geschlechtsverkehr zu halten. Unbefleckt ist die Empfängnis nicht aus Keuschheit, sondern weil die werdende Mutter selbst ohne Erbsünde geboren ist.
Leider empfand ich das Ende von „1Q84“ ein bisschen zu lapidar, was trotz der rührenden Liebesgeschichte zwischen Aomame und Tengo ein etwas schales Licht auf das 1.600-seitige Werk wirft. Zudem noch eine kleine Unterstellung: Das Thema rund um die „Little People“ und die Sekte der Vorreiter erinnert doch etwas arg an „Wilde Schafsjagd“. Eine mystische Macht nimmt Besitz von einem Menschen, um eine schlagkräftige Geheimorganisation aufzubauen. Mein Lieblings-Murakami „Kafka am Strand“ wird jedenfalls von „1Q84“ nicht abgelöst...
Mittwoch, 10. August 2011
„Sputnik Sweetheart“ von Haruki Murakami
Grenzgänge und ein männlicher Losertyp sind typische Haruki Murakami-Themen – so auch in „Sputnik Sweetheart“: Der Grundschullehrer K. ist in seine Studienfreundin Sumire verliebt. Diese ist jedoch nur an seiner Freundschaft interessiert, leidenschaftlich entbrannt ist sie vorerst nur für Literatur und das Schreiben. Auf ihr Äußeres und auf materiellen Besitz gibt sie nicht viel.
Eines Tages jedoch lernt die 22-jährige Sumire die ältere Miu kennen und verliebt sich Hals über Kopf. Auch Miu ist Sumire sympathisch; sie gibt der bisher wenig erfolgreichen Autorin eine Stelle als ihre Assistentin. Sumires Leben ändert sich gewaltig: Sie trägt fortan Make-up, tauscht ihre Schlabberklamotten gegen bürotaugliche Kleider, hört mit dem Rauchen auf und geht einem geregelten Lebensstil nach. Doch sie büßt dafür die Fähigkeit ein, zu schreiben.
Als Sumire und Miu nach einer geschäftlichen Europareise in Griechenland ausspannen wollen, geschieht es: Miu meldet sich bei K. – er soll baldmöglichst nach Griechenland kommen, denn Sumire ist spurlos verschwunden. Hat Sumire eine Tür geöffnet, die in eine andere Realität führt? Und hat nicht auch Miu ein Geheimnis um ein einschneidendes Erlebnis, weswegen sie sich nur noch wie ein halber Mensch fühlt und von einem auf den anderen Tag weißes Haar bekam?
Für K. ist der Verlust von Sumire eklatant: Da sie seine einzige Freundin war, fühlt er sich entsetzlich einsam. Er sinniert:
Auch K. verlässt damit die bisherige Realität und wird ein anderer. Zurück in Tokio kappt er schließlich auch noch einen weiteren wichtigen Sozialkontakt. Ob Sumire jemals wieder zurückkehren wird?
„Sputnik Sweetheart“ ist ein eher leises Haruki Murakami-Buch, das den Leser nicht so stark in die Geschichte hineinsaugt wie andere Werke des japanischen Kultautors. Dennoch wirft es grundlegende Fragen auf über Realitätsebenen und das „sich als ganz Erleben“ auf. Das Ende und die Deutung der Geschehnisse bleiben offen – und symbolisch.
Eines Tages jedoch lernt die 22-jährige Sumire die ältere Miu kennen und verliebt sich Hals über Kopf. Auch Miu ist Sumire sympathisch; sie gibt der bisher wenig erfolgreichen Autorin eine Stelle als ihre Assistentin. Sumires Leben ändert sich gewaltig: Sie trägt fortan Make-up, tauscht ihre Schlabberklamotten gegen bürotaugliche Kleider, hört mit dem Rauchen auf und geht einem geregelten Lebensstil nach. Doch sie büßt dafür die Fähigkeit ein, zu schreiben.
Als Sumire und Miu nach einer geschäftlichen Europareise in Griechenland ausspannen wollen, geschieht es: Miu meldet sich bei K. – er soll baldmöglichst nach Griechenland kommen, denn Sumire ist spurlos verschwunden. Hat Sumire eine Tür geöffnet, die in eine andere Realität führt? Und hat nicht auch Miu ein Geheimnis um ein einschneidendes Erlebnis, weswegen sie sich nur noch wie ein halber Mensch fühlt und von einem auf den anderen Tag weißes Haar bekam?
Für K. ist der Verlust von Sumire eklatant: Da sie seine einzige Freundin war, fühlt er sich entsetzlich einsam. Er sinniert:
„Warum müssen die Menschen so einsam sein? Wozu soll das gut sein? Stets sind wir auf der Suche nach der Nähe der anderen und dennoch sind wir so allein. Wozu? Dreht sich dieser Planet nur, um die Einsamkeit der Menschen zu nähren?“ (S. 191 f.)
Auch K. verlässt damit die bisherige Realität und wird ein anderer. Zurück in Tokio kappt er schließlich auch noch einen weiteren wichtigen Sozialkontakt. Ob Sumire jemals wieder zurückkehren wird?
„Sputnik Sweetheart“ ist ein eher leises Haruki Murakami-Buch, das den Leser nicht so stark in die Geschichte hineinsaugt wie andere Werke des japanischen Kultautors. Dennoch wirft es grundlegende Fragen auf über Realitätsebenen und das „sich als ganz Erleben“ auf. Das Ende und die Deutung der Geschehnisse bleiben offen – und symbolisch.
Dienstag, 29. März 2011
„Aus dem Schattenreich“ von Hyakken Uchida
„Aus dem Schattenreich“ von Hyakken Uchida behandelt in 18 Erzählungen Grenzgänge zwischen Realität und einer Geister- bzw. Fantasiewelt. Dem Leser ist – genauso wenig wie dem männlichen Ich-Erzähler – klar, in welcher Welt sich der Protagonist gerade bewegt.
Oftmals ist der Ich-Erzähler auf einem Damm unterwegs, der in der japanischen Literatur das Reich der Toten symbolisiert. Und schon beginnt der Grenzgang. Die Stimmung der Erzählungen ist leicht bedrohlich bis unangenehm. Man möchte dem Protagonisten zurufen, vorsichtig zu sein, obwohl dieser ohnehin schon seine eigenen Bedenken äußert. Und dennoch begibt er sich in Situationen, in denen ihn eine Frau anspringt und würgt. In denen er sich ungewollt als Lehrling von unheimlichen Personen verdingt. In denen er seine Frau gezwungener Maßen einem Herzensdieb überlässt. In denen ein Bär als Jahrmarktsattraktion ein Blutbad anrichtet.
Lesenswert ist vor allem das Nachwort der Übersetzerin Lisette Gebhardt. Hier und in den Anmerkungen erfährt man einiges über den Symbolgehalt der Erzählungen, über Zauberfüchse, den Vorbehalten gegenüber Chinesen und europäischen Missionaren etc. Aber auch der Vergleich zwischen dem Autor und dem Protagonisten wird gewagt: Entspricht der Autor Hyakken Uchida dem passiven Ich-Erzähler, der nichts ablehnen kann und so in sein Unheil rutscht?
„Aus dem Schattenreich“ ist fantasievolle Literatur, die nicht unbedingt fantastisch ist, sondern eher eine bedrückende Stimmung hinterlässt.
Oftmals ist der Ich-Erzähler auf einem Damm unterwegs, der in der japanischen Literatur das Reich der Toten symbolisiert. Und schon beginnt der Grenzgang. Die Stimmung der Erzählungen ist leicht bedrohlich bis unangenehm. Man möchte dem Protagonisten zurufen, vorsichtig zu sein, obwohl dieser ohnehin schon seine eigenen Bedenken äußert. Und dennoch begibt er sich in Situationen, in denen ihn eine Frau anspringt und würgt. In denen er sich ungewollt als Lehrling von unheimlichen Personen verdingt. In denen er seine Frau gezwungener Maßen einem Herzensdieb überlässt. In denen ein Bär als Jahrmarktsattraktion ein Blutbad anrichtet.
Lesenswert ist vor allem das Nachwort der Übersetzerin Lisette Gebhardt. Hier und in den Anmerkungen erfährt man einiges über den Symbolgehalt der Erzählungen, über Zauberfüchse, den Vorbehalten gegenüber Chinesen und europäischen Missionaren etc. Aber auch der Vergleich zwischen dem Autor und dem Protagonisten wird gewagt: Entspricht der Autor Hyakken Uchida dem passiven Ich-Erzähler, der nichts ablehnen kann und so in sein Unheil rutscht?
„Aus dem Schattenreich“ ist fantasievolle Literatur, die nicht unbedingt fantastisch ist, sondern eher eine bedrückende Stimmung hinterlässt.
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