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Dienstag, 9. April 2024

„Idol in Flammen“ von Rin Usami

Was bin ich froh, dass ich kein Teenager mehr bin. Eigentlich wünscht man sich ja gern zurück in die „gute, alte Zeit“, aber nach der Lektüre von Rin Usamis „Idol in Flammen“ wird einem wieder bewusst, wie sehr man die Zeit doch verklärt. Wahrscheinlich findet sich jeder ein bisschen in Rin Usamis Protagonistin Akari wider. Schule ist doof, Eltern sind doof, der eigene Körper ist doof und so richtig wohl fühlt man sich nur in einer Gruppe Gleichgesinnter.

Akari ist Fan der J-Pop-Band „Mazamaza“ und insbesondere von dem Sänger Masaki. Masaki wird zu Akaris Rückgrat. Sie bloggt über ihn, schuftet in einer Kneipe, um sich Merchandising-Kram und Konzerttickets leisten zu können, richtet ihr Zimmer in blau ein, weil Blau Masakis Lieblingsfarbe ist. 

Akari erfreut allein die abgöttische Schwärmerei – eine echte Beziehung mit Masaki braucht sie nicht. Sie flüchtet vor der Realität und bezahlt dafür nicht nur mit dem Lohn, den sie durch ihren Nebenjob verdient.

Rin Usamis Erzählstil ist reduziert. Auch wenn sich Akari der Schwärmerei hingibt, wird die Sprache nicht blumig. Gute 120 Seiten zählt der Kurzroman, dessen Lektüre sicherlich keinen Spaß macht. Der Schwermut Akaris springt auf den Leser über. Und irgendwie macht „Idol in Flammen“ auch wütend. Den jugendlichen Fans wird mit abstrusen Produkten und Wahlaktionen, wer das beliebteste Bandmitglied ist, das Geld aus der Tasche gezogen. Die Band ist ein Produkt, das bis zum Exzess konsumiert werden soll. Akari ist wie ein Junkie süchtig nach dem Produkt – und die Erwachsenen stehen hilflos daneben und wissen der Süchtigen nicht zu helfen.

Verstärkt wird die Sucht noch durch Social Media. Lifestreams suggerieren Zugänglichkeit, Shitstorms fordern die Fans in ihrer Treue heraus. Teenager-Sein war früher wahrscheinlich doch ein bisschen einfacher…

Bibliographische Angaben:
Usami, Rin: „Idol in Flammen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023, 978-3462003024

Samstag, 6. April 2024

„Superhits der Showa-Ära“ von Ryu Murakami

Ein Vergleich zwischen den beiden Murakamis drängt sich ja gern auf. Also versuche ich es mal mit dem hier: Wenn Haruki Murakami die Beatles ist, dann sag ich wohlgemerkt nicht, dass Ryu Murakami für die Rolling Stones steht. Das ist für „Superhits der Showa-Ära“ noch zu harmlos. Der Roman ist Black Sabbath, in dem Moment als Ozzy Osbourne einer Fledermaus den Kopf abbeißt.

Ryu Murakami gibt im Nachwort an, dass er den Roman in einer Schaffenskrise kreiert und sich beim Schreiben herrlich amüsiert hat. Der Autor zieht zwei Personenkreise, die gelangweilt in Stagnation verharren, heran. Da sind die sechs jungen Kerle, die sich in Nobues Bude treffen und erst dann ein bisschen Leben beim Spannen in sich verspüren, als sie die attraktive Nachbarin von Gegenüber beim Ausziehen beobachten können.

Und da sind die sechs Frauen Ende 30, die alle Midori heißen und inzwischen ohne Partner leben. Sie haben sich eigentlich nichts zu sagen, hören sich auch nicht zu und scheinen außer dem Namen und einer Passion für Karaoke nichts gemeinsam zu haben.

Als Sugioka aus der Männergruppe eine der Midoris tötet, geht es für die Frauen nur noch um Rache. Und man glaubt es kaum: Einmal aus der Langeweile ausgebrochen, leben die Frauen auf – und ein Kampf zwischen durchgeknallten Jungspunden und „alten“ Tanten beginnt.

Ein Eisenwarenhändler, der den jungen Männern eine illegale Waffe verkauft, orakelt:

„Es heißt doch immer, was übrig bleibt, wenn die Menschheit zu Grunde geht, wären die Schaben. Des stimmt nicht. Es sind die Tanten.“ (S. 72)

Wer weiß, ob der Mann Recht hat? Wer kann sich in dem Kampf Mann gegen Frau, jung gegen alt am besten behaupten?

Auf den hinteren Seiten taucht gar kurz ein Filmregisseur (Ryu Murakamis Alter Ego?) auf und gibt sein Konzept von „Tanten“ wider:

„Kompliziert ausgedrückt, sind Tanten Lebewesen, die aufgehört haben, sich weiterzuentwickeln. Nicht nur junge Frauen, sondern auch junge Männer, Männer im mittleren Alter und sogar Kinder werden augenblicklich zur Tante, wenn sie den Willen verlieren, sich weiterzuentwickeln.“ (S. 185 f.)

Natürlich ist „Superhits der Showa-Ära“ irre übertrieben - wie man es auch von anderen Romane Ryu Murakamis kennt. Aber genau das macht den Lesespaß aus. Die jungen Kerle sind total durchgeknallt, die Midoris so austauschbar wie ihr Vorname, zusätzliche Akteure wie nicht von dieser Welt. Wie kann man Kritik an einer in Stagnation verharrenden Gesellschaft besser verpacken?

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „Superhits der Showa-Ära“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Leupert, Jan Magnus), Septime, Wien 2024, ISBN 978-3-99120-034-5

Samstag, 2. April 2022

"Butter" von Asako Yuzuki

Die Lektüre von Asako Yuzukis "Butter" ist denkbar ungeeignet, um sich parallel um die Bikinifigur 2022 zu bemühen. Denn der Titel ist Programm: Es geht um Butter - um Butterknappheit, Butterherstellung und vor allem: viele, viele Gerichte mit der Zutat Butter, in Zusammenhang mit einer mutmaßlichen Mörderin. Wer kann bei solch Schilderungen ernsthaft ans Abnehmen denken:

"Die geschlagene Butter schmolz in goldfarbenen trägen Kaskaden in das Gittermuster der gebräunten Waffel, bis die einzelnen Kästchen bis zum Rand gefüllt waren." (S. 230)


Butter ist die Lieblingszutat von Manako. Sie sitzt wegen Mordes an drei Verehrern gerade im Gefängnis ein und ist alles andere als eine Kostverächterin. Die Journalistin Rika wittert perfektes Futter für einen Artikel, sollte es ihr gelingen, Manako für ein Interview zu gewinnen. Dieses Unterfangen soll kein Leichtes werden, denn Manako hat ihre Bedingungen. Reiko wird wie bei einer Schnitzeljagd diverse kulinarische und körperliche Aufgaben erledigen müssen, in deren Zuge sie dank der kalorienhaltigen Butter zunimmt. Das erfreut wiederum ihren Freund und Kollegen gar nicht. Denn Übergewichtigkeit wird nicht nur von ihm mit Disziplinlosigkeit und Unattrakivität assoziiert.

Rika und ihre beste Freundin Reiko geraten immer weiter in die Fänge von Manako, die sich einerseits nicht allzu viele Gedanken über gesellschaftliche Konventionen zu machen scheint und daher auf gewisse Weise beneidenswert ist. Andererseits scheint der Freigeist aber auch sehr heimtückische Absichten zu hegen.

Langsam wie ein Schmorgericht brodelt "Butter" dem Höhepunkt entgegen. Gegen Ende hin wirkt "Butter" glatt ein bisschen wie ein Werk von Banana Yoshimoto, als es mehr um Gemeinschaft und Freundschaft geht. Die Zutaten neben Butter und Mord sind auch Themen wie Vereinsamung, die Fragen, ob Familiengründung oder die Traumfigur glücklich machen.

Aus deutscher Perspektive ist der Schlankheitswahn geradezu hanebüchen: Rika fühlt sich mit 1,66 Metern Größe und 55 kg Gewicht tatsächlich fett. Und der Einwurf ihrer Freundin, dass sie mit dieser Körpergröße gern auch 60 kg wiegen dürfte, entspricht nicht der gesellschaftlichen Erwartungshaltung, dass Frauen gefälligst Size Zero haben sollen.

Was natürlich noch ein herrlicher Abschluss mit Augenzwinkern gewesen wäre: das sagenhafte Rezept des Boeuf Bourguignons, dem in "Butter" eine besondere Bedeutung zukommt. Das hätte ich mir zum Abschluss der Lektüre doch sehr gerne nachgekocht. :-)

Bibliographische Angaben:
Yuzuki, Asako: "Butter" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Blumenbar, Berlin 2022, ISBN 978-3-351-05098-6

Sonntag, 27. September 2020

„Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata

Die Neuveröffentlichung „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata nimmt das Thema ihres Romans „Die Ladenhüterin“ wieder auf: Wie steht es um Außenseiter, die sich nicht in die gesellschaftliche Vorgabe „Heiraten und Familiengründung“ fügen? Diesmal geht die Autorin aber zunächst einmal zurück in die Kindheit der Protagonistin Natsuki und beleuchtet, was sie überhaupt zur Außenseiterin gemacht hat. In Natsukis Fall: ein Elternhaus, in dem sie nicht geliebt wird, und ein Lehrer, der sie missbraucht. Die Flucht in die Fantasie scheint alternativlos – Natsuki glaubt, ein Magical Girl zu sein und hat in einem Stofftier einen imaginären Beschützer gefunden. 

Natsukis Feind ist „die Fabrik“, genauer gesagt: die Menschenfabrik – denn die Produktion von neuen Menschen, die Reproduktion, ist das oberste Ziel der Gesellschaft. Natsukis Menschsein wird zur Funktion eines Werkzeugs degradiert – sie soll sich für die Produktion von Menschen, also dem Gebären von Nachkommen einsetzten. 

In ihrem Cousin Yu findet Natsuki einen Gleichgesinnten, den sie jedoch nur einmal im Jahr zum Ahnenfest treffen kann. Sie schwören sich gegenseitig aufs Überleben und Durchhalten ein – bis sie sich ein Jahr später erst wiedersehen können. Doch schließlich werden die beiden nach einem Familienskandal getrennt und erst recht an die Kandare genommen. 

Erst Jahre später treffen sich Natsuki und Yu wieder. Zwischenzeitlich ist Natsuki eine Scheinehe mit Tomoobi eingegangen, der ebenfalls von seiner Familie gegängelt wird. Ob die drei Außenseiter sich gemeinsam dem Zugriff der Fabrik entziehen können?

Gegen „Das Seidenraupenzimmer“ kommt einem „Die Ladenhüterin“ ziemlich harmlos vor. Die schreckliche Stimmung in Natsukis Familie schlägt aufs Gemüt, die Missbrauchsszenen will man lieber nicht gelesen haben. Und das große Finale ist geradezu grotesk, aber gelungen.

Bibliographische Angaben:
Murata, Sayaka: „Das Seidenraupenzimmer“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Aufbau Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3351037932

Samstag, 30. März 2019

„In Liebe, Dein Vaterland“ von Ryu Murakami

Es ist ein ausländischer Film, den ausgewählte Nordkoreaner zu sehen bekommen, als sie überraschend abkommandiert werden: Während des zweiten Weltkriegs wird ein Spezialkommando der Nazis, getarnt als jüdische Flüchtlinge, nach New York entsendet. Sie besetzten Manhattan unter dem Vorwand, eine deutsche Exilregierung zu bilden. Um sich offiziell aus der Schusslinie zu bringen, bezeichnet Hitler die Exilanten als Abtrünnige, die gerne exekutiert werden dürfen. Zwischenzeitlich bringen die Nazis Manhattan unter ihre Gewalt, um von dort Anschläge auf US-amerikanische Politiker verüben zu können.

Der Film wird für Nordkorea zur Vorlage für die Operation „In Liebe, Dein Vaterland“. Ein Sonderkommando von wenigen, handverlesenen Elitesoldaten wird, als südkoreanische Touristen getarnt, nach Fukuoka geschleust. Sie sollen während eines Baseballspiels die Zuschauer im Fukuoka-Dome als Geiseln nehmen. Während der Geiselnahme sollen 500 weitere nordkoreanische Soldaten nach Fukuoka gebracht werden, um als Vorhut einer größeren Landung von Soldaten den Weg zu ebnen.

Der Zeitpunkt für die Invasion ist perfekt gewählt: Japan ist wirtschaftlich, politisch und militärisch geschwächt. Auf den einstig so starken Bündnispartner USA lässt sich nicht mehr bauen. Die japanische Regierung reagiert nur zaghaft auf die zu allem entschlossenen Nordkoreaner.

Während also zunächst alles für die nordkoreanischen Invasoren nach Plan läuft, gärt etwas in einem Lagerhauskomplex am Rande Fukuokas. Hier hausen von der Gesellschaft ausgestoßene Jugendliche mit ihrem Mentor Iwagaki: Waffennarren, Satanisten, Brandstifter, Mörder… Zwar haben die Jungs wenig Lust, die japanische Gesellschaft zu schützen, aber noch weniger darauf, ihr Land von den Nordkoreanern besetzen zu lassen. Die eigenen Talente sollen genutzt werden, die koreanischen Kampfmaschinen zu schlagen.

Ryu Murakamis Roman „In Liebe, Dein Vaterland“, der 2005 in Japan erschien, ist wie „Coin Locker Babies“ natürlich recht überzeichnet. Aber unrealistisch von der Ausgangslage? Tatsächlich hat sich seit dem Erscheinungstermin einiges getan in der Welt: Die Abenomics stehen im Verdacht zu einem Abegeddon zu eskalieren. Unter der neuen republikanischen Regierung der USA (in „In Liebe, Dein Vaterland“ ist es allerdings eine demokratische) entwickelt sich eine Bromance zwischen Trump und Kim Jong-un. Japan muss sich immer wieder um den Bündnispartner USA bemühen. Insofern ist „In Liebe, Dein Vaterland“ ein höchst aktueller Roman, obwohl er schon fast 15 Jahre auf dem Buckel hat.

Das Werk, das mit seinen zwei Bänden fast tausend Seiten umfasst, zieht den Leser schnell in seinen Bann. Der Autor entwirft ein gewaltig furioses und gewalttätiges Szenario, dessen Geschehnisse von diversen Perspektiven beleuchtet werden. So weiß man als Leser fast nicht mehr, auf welcher Seite man denn stehen soll, da in Ryu Murakamis Roman die Dichotomie „gut/böse“ nicht gilt: Da sind die Nordkoreaner, die unter schrecklichen Lebensbedingungen aufgewachsen sind und eine furchtbare militärische Ausbildung durchlaufen mussten, die die  Folterung eines jeden Soldaten beinhaltet. Natürlich sympathisiert man dann auch mit den Invasoren, die in Japan viel bessere Lebensbedingungen vorfinden. Da sind die normalen Bürger Fukuokas, die um des lieben Frieden willens mit den Nordkoreanern kooperieren, um ihr alltägliches Leben in groben Zügen weiterführen zu können. Und da sind die geschundenen Seelen der Jugendlichen, deren Herzen auf Zerstörung drängen.

Zum Höhepunkt der Handlung hin wird die Spannung fast schon unerträglich und spätestens dann fiebert man mit den jugendlichen Outlaws in ihrem fast aussichtslosen Kampf mit. Episches Entertainment mit Gesellschaftskritik – eine große Leseempfehlung für das Jahr 2019!

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „In Liebe, Dein Vaterland – I: Die Invasion“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime Verlag, Wien 2018, ISBN 978-3-902711-76-2
Murakami, Ryu: „In Liebe, Dein Vaterland – II: Der Untergang“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime Verlag, Wien 2019, ISBN 978-3-902711-80-9

Mittwoch, 3. Oktober 2018

"Die Ladenhüterin" von Sayaka Murata

Sayaka Muratas Protagonistin Keiko ist in zweifacher Hinsicht eine Ladenhüterin: Einerseits im wörtlichen (sie arbeitet in einem kleinen Supermarkt), andererseits im übertragen Sinn (mit ihren 36 Jahren ist sie immer noch Single und gilt im Freundes- und Familienkreis als schwer vermittelbar).

Bereits in Keikos Kindheit hat sich abgezeichnet, dass ihre Gedankenwelt einer anderen Logik unterliegt als der ihrer Mitmenschen. Als ein von negativer Resonanz gebranntes Kind hat sie sich zurückgezogen, um nicht weiter aufzufallen. Erst in ihrer zunächst als Studienjob gedachten Tätigkeit in einem kleinen Supermarkt (in Japan Konbini genannt) wird ihr ein Raum eröffnet, der für sie wie eine Erlösung wirkt: Im Konbini herrschen ganz klare, ersichtliche Regeln, die sie von Reflektion entbinden. Dadurch läuft sie nicht in Gefahr, sich seltsam zu verhalten und wird also als zugehörig und "normal" wahrgenommen. Daher spricht Keiko auch davon, dass sie im Konbini eigentlich erst richtig geboren wurde.

Doch die Vertreibung aus dem Paradies droht, als der Taugenichts Shiraha im Supermarkt zu arbeiten beginnt. Die Außenseiter tun sich schließlich zusammen, um der Welt vorzugaukeln, sie seien ein Liebespaar. Angeblich gehört es sich ja doch für normale Leute in einer Beziehung zu sein. Und Normalität ist wiederum anzustreben, um nicht negativ aufzufallen.

"Die Ladenhüterin" entwickelt durch Keikos Sichtweise auf die Welt eine überraschende Perspektive darauf, was wir Normalität nennen. Man muss wahrlich schmunzeln, wenn man lesen darf, dass Keikos Verwandten eine unglückliche Keiko in einer schrecklichen Beziehung lieber ist als eine glückliche, asexuelle Supermarktmitarbeiterin. Letzteres ist halt nicht normal – insbesondere wenn man mit einem Uni-Abschluss doch auch als Office-Lady in einem besseren Angestelltenverhältnis arbeiten könnte…

Vielleicht lässt sich die Moral der Geschichte ganz gut so festhalten: Jeder soll nach seiner Façon selig werden. Und manchmal ist ein kleiner Reminder, dass die angeblich unumstößliche Normalität nichts weiter als ein kontingentes Schema ist, eine feine Sache – insbesondere wenn er sich so herrlich absurd liest wie Sayaka Muratas „Die Ladenhüterin“.

Bibliographische Angaben:
Murata, Sayaka: "Die Ladenhüterin" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Aufbau, Berlin 2018, ISBN 978-3-351-03703-1

Dienstag, 25. September 2018

„Kein schönerer Ort“ von Manichi Yoshimura

Manichi Yoshimuras „Kein schönerer Ort“ beginnt recht harmlos: Die 5.-Klässlerin Kyoko wird von ihrer Mutter zusammengestaucht, weil sie versonnen in den Garten gestarrt hat und mit einer Blume redet. Man könnte sich denken, es geht um eine typische Teenagerstory, die sich um Widerstand gegen die Eltern und Wunsch nach Akzeptanz durch Gleichaltrige dreht. Wären da nicht die zunächst noch klitzekleinen Einwürfe, die einen beim Lesen stutzig machen: Warum glaubt Kyokos Mutter denn beispielsweise, dass die Nachbarn sie durch ein verstecktes Loch im Gartenzaun beobachten? Und warum darf Kyoko in ihrem Selbstlernheft nicht über Lebewesen schreiben?

Mehr und mehr verdichten sich die Anzeichen: In Umizuka, Kyokos Heimatstadt, ist irgendetwas ganz, ganz faul. Von einem Wiederaufbau nach einer Evakuierung ist die Rede. Und trotzdem soll es sich in Umizuka besonders gut und gesund leben lassen. Komisch, dass Kyokos Mitschüler trotzdem von heute auf morgen sterben. Kyoko ist zwar eine schlechte Schülerin, hat aber eine ausgeprägte Beobachtungsgabe. Wenn ihr das mal bloß nicht zum Verhängnis wird.

„Kein schönerer Ort“ ist – wie man unschwer herauslesen kann – nach 3/11 entstanden. Der Kurzroman liest sich wunderbar leicht dank Perspektive einer 5.-Klässlerin. Die Thematik wirkt dagegen umso bedrückender. Denn: Umizuka könnte prinzipiell überall sein oder sich überall wiederholen. Zu der Strahlung gesellen sich dann noch weitere Probleme: Um weiter machen zu können, müssen alle Bewohner die Gefahr und die Gesundheitsrisiken ausblenden. Ausnahmslos alle müssen mitmachen. Wer Bedenken äußert, wird selbst zur Gefahr, die ausgelöscht werden muss.

„Kein schönerer Ort“ zeigt, dass Literatur zu den Gefahren von Radioaktivität nicht schwer daher kommen muss. Leichtfüßig wie die junge Kyoko kommt er daher und dann zeigt er doch knallhart auf, wie verletzlich die Gesellschaft ist. Ein dünnes Buch mit einer Botschaft, die es in sich hat!

Bibliographische Angaben:
Yoshimura, Manichi: „Kein schönerer Ort“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Stalph, Jürgen), Cass, Löhne 2018, ISBN 978-3-944751-19-1

Mittwoch, 11. Januar 2017

„Von Beruf Schriftsteller“ von Haruki Murakami

Mit „Von Beruf Schriftsteller“ gewährt Haruki Murakami seinen Fans einen mehr als interessanten Einblick in seine Schreibwerkstatt. Darüber hinaus erfährt der Leser auch mehr über die Person des Haruki Murakami; wie der Autor denn generell so tickt:

„Man unterteilt Menschen ja manchmal in Hunde- und Katzentypen. Ich halte mich vornehmlich für einen Katzencharakter. Sobald mir jemand sagt, ich solle nach links gehen, gehe ich nach rechts und umgekehrt. Mitunter schäme ich mich etwas dafür, aber es ist im Guten wie im Schlechten meine Natur.“ (S. 154)

Aber zurück zum Thema Literatur à la Haruki Murakami. Wer sich schon etwas mit dem Autor beschäftigt hat, der weiß, dass ihm die Idee, einen Roman zu schreiben, mehr oder weniger spontan während eines Baseballspiels im Jahre 1978 kam. Daraufhin entstanden seine „Küchentisch-Romane“ „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“, die er am Feierabend, nach Schließung seiner Jazz-Bar, am heimischen Küchentisch schrieb. Für Haruki Murakami bedeutet dies, schriftstellerisch tätig zu sein:

„Ein Schriftsteller erzählt Geschichten. Das ist die Basis. Und Geschichten zu erzählen bedeutet mit anderen Worten, in die unteren Schichten des Bewusstseins vorzudringen. Auf den Grund der Dunkelheit des Herzens. Je größer die Geschichte ist, die ein Autor erzählen will, desto tiefer muss er hinabsteigen. Es ist nichts anderes, als wenn man ein großes Gebäude bauen will und für das Fundament einen sehr tiefen Keller ausheben muss. Und je dichter er die Geschichte erzählen will, desto massiver und beklemmender wird die Dunkelheit in diesem Keller.“ (S. 135)

Da muss man doch direkt an die Handlung von „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ denken oder das Motiv des Brunnens z.B. in „Mister Aufziehvogel“.

Laut Haruki Murakami zeichnet einen langfristig erfolgreichen Autor vor allem seine Beharrlichkeit aus. Ein schriftstellerisches Talent kann direkt an der Oberfläche liegen oder tief vergraben – und wie bei Haruki Murakami selbst erst durch eine plötzliche Eingebung zu Tage treten. Zudem muss ein Schriftsteller Material sammeln, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen, um sich ein inneres Archiv anzulegen:

„Die Welt mag langweilig wirken, doch in Wirklichkeit wimmelt es auf ihr von magischen, geheimnisvollen Rohdiamanten, die darauf warten, geschliffen zu werden. Schriftsteller sind Menschen, die einen besonderen Blick dafür haben, sie zu finden. Und das Wunderbare ist, sie sind kostenlos. Man braucht nur scharfe Augen, dann hat man die freie Wahl und kann so viele von diesen Kostbarkeiten aufsammeln, wie man nur will.“ (S. 100)

Geht es ans konkrete Schreiben, so zieht Haruki Murakami Parallelen zum Jazz: Der Rhythmik des Werks kommt besondere Bedeutung zu. Zudem sind außergewöhnliche Charaktere unentbehrlich. Der Autor muss sich für die einzelnen Etappen genügend Zeit nehmen – für die Vorbereitung, das Schreiben und vor allem die Überarbeitung. Zudem aber auch Zeit, um körperlich fit zu bleiben (dazu lohnt sich sicherlich auch die Lektüre von „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“).

Ein bisschen fühlt man sich auch an Niklas Luhmanns Systemtheorie erinnert, wenn Haruki Murakami schreibt:

„Schöpfer der Figuren ist natürlich der Autor, aber wirklich lebendige Figuren trennen sich an einem gewissen Punkt von ihrem Autor und beginnen eigenständig zu agieren.“ (S. 179)

So komponiert sich der Roman quasi selbst, der Autor formuliert nur noch die Handlung aus. Haruki Murakami bringt als Beispiel, dass „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ursprünglich gar nicht als Roman angedacht war. Doch die Figur der Sara Kimoto habe den Impuls gegeben, dass die Handlung weiter geführt werden müsse. Oder aber auch, dass Aomame in „1Q84“ den Autor quasi beim Schreiben permanent angetrieben habe.

Wie eingangs schon erwähnt: Für Fans bietet „Von Beruf Schriftsteller“ die einmalige Gelegenheit, Haruki Murakami quasi über die Schulter zu schauen. Wer dessen Werke allerdings nicht kennt oder sich ausführliche Tipps im Sinne von Schreibanleitungen verspricht, der sollte lieber zu einem anderen Buch greifen.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Von Beruf Schriftsteller“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2016, ISBN 978-3-8321-9843-5

Samstag, 24. September 2016

„Der Bergmann“ von Soseki Natsume

Vor 100 Jahren starb Soseki – anlässlich dieses hundertsten Todestages veröffentlicht der Bebra Verlag den Roman „Der Bergmann“. Auch wenn der Ich-Erzähler im Werk an diversen Stellen immer wieder darauf hinweist, dass sein literarischer Erguss gar kein Roman sein kann, so kann dennoch vermutet werden, dass dies eher als eine kritische Spitze gegen den in der Meiji-Zeit idealisierten Ich-Roman zu verstehen ist.

Auch der Titel führt ein bisschen in die Irre. Denn in dem Roman geht es im Kern keinesfalls um das harte Leben eines Bergmanns. Vielmehr ist da ein 19-jähriges, verwöhntes Bürschlein aus Tokio, das aufgrund von unglückseligen Liebesbeziehungen von zu Hause ausbüchst. Eigentlich will er Selbstmord begehen, aber im entscheidenden Moment macht er doch immer wieder einen Rückzieher. Daher will er sich zumindest an einen möglichst abgeschiedenen Ort begeben, um im Dunkeln dahin zu darben.

Doch kaum ein paar Stündchen unterwegs, trifft er auf Chozo, der als Schlepper fürs Bergwerk fungiert. Im Ich-Erzähler findet Chozo ein williges Opfer für seinen Anheuerungsversuch: Wo, wenn nicht im Bergwerk, ist der Tod so nahe und das Dunkel so undurchdringlich? Ohne viel nachzudenken willigt der Ich-Erzähler ein – Chozo verfrachtet ihn schließlich mit zwei weiteren angeworbenen jungen Männern direkt ins Bergwerk.

Für den Ich-Erzähler brechen harte Tage an: Als verwöhntes Söhnchen aus Tokio zieht er den Spott der abgehärteten Bergmänner auf sich. Die Bettwanzen verhindern das gemütliche Einschlafen. Zu Essen gibt es nur billigen Reis, der wie Mörtel schmeckt. Und dann ist da natürlich auch noch das Bergwerk, in dem unter widrigsten Bedingungen härteste Arbeit verrichtet werden muss.

Einerseits fließen diverse psychologische Betrachtungen in den Roman mit ein, wie z.B. ob es einen festen Charakter einer Person gibt. Andererseits entbehren die Schilderungen auch nicht einer gewissen Komik, die dem Leser ein Grinsen ins Gesicht zaubern.

Der Übersetzer Franz Hintereder-Emde bettet in seinem Nachwort den Roman in den historischen Kontext ein (alternativ für Interessierte gibt es hier einen Text des Übersetzers als PDF): Etwa ein gutes, halbes Jahr vor der Veröffentlichung des Fortsetzungsromans in der Zeitung Asahi fanden der Kupfermine von Ashio Unruhen statt. Die Arbeiter protestierten gegen die Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein Zeitzeuge suchte Soseki auf, um Informationen für eine Geschichte zu den Unruhen und dem Leben als Bergmann zu verkaufen.

Eigentlich war für die Asahi der Roman „Frühling“ von Toson Shimazaki vorgesehen gewesen. Doch der Autor konnte nicht pünktlich liefern. Bei der Asahi musste die Literaturseite daher schleunigst anderweitig gefüllt werden. Soseki, der damals erst kurz bei der Asahi arbeitete, sprang ein und kreierte 96 Kapitel(chen) von „Der Bergmann“.

Sozialkritik klingt in dem Roman durchaus an, doch scheint das Werk für Soseki vor allem eine stilistische Spielwiese gewesen zu sein. Auch wenn aus der Ich-Perspektive geschrieben wird, so ist „Der Bergmann“ eben kein Ich-Roman im typischen Sinne.

Die humoristischen Betrachtungen, die psychologischen Reflexionen, die Coming-of-Age-Story und die Beschreibungen des Lebens der Bergmänner ergeben einen äußerst facettenreichen Roman, der leider viel zu schnell ausgelesen ist.

Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Der Bergmann“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Franz Hintereder-Emde), Bebra, Berlin 2016, ISBN 978-3-86124-920-7

Mittwoch, 5. August 2015

„Ich der Kater“ von Soseki Natsume

„Für den Menschen ist nur eine einzige Definition denkbar: Menschen sind Wesen, die wahre Meister im Erfinden überflüssiger Dinge sind, unter denen sie dann leiden.“ (S. 472)

So lautet die Einsicht des namenlosen Katers in Soseki Natsumes „Ich der Kater“. In elf Kapiteln lässt der Autor den Kater über das Leben in dem Haushalt des Professor Schneutz, dem Alter-Egos Sosekis, berichten. Da bekommt Schneutz ebenso sein Fett weg wie seine Kinder, seine Ehefrau als auch seine kauzigen Kumpane und die geldigen Nachbarn.

Das Werk wirkt wie ein Experiment mit verschiedenen Stilen: Da bricht der Kater z.B. auf, um Beobachtungen im Badehaus anzustellen oder die verfeindeten Nachbarn auszuspähen. Dann wieder werden Dialoge, die auch schnell mal in ausschweifende Monologe übergehen, präsentiert. Dann wiederum gibt es Gedichte, Briefe, Zitate…

Doch immer bleibt der Kater den Menschen um mindestens eine Nasenlänge voraus. Denn er kennt durch sein umtriebiges Wesen weit mehr Hintergründe zu den Geschehnissen und reflektiert vom felinen Standpunkt aus die menschlichen Eigenschaften, die so manches Problem verursachen. So zieht der Kater beispielsweise Professor Schneutzens Gelehrsamkeit ins Lächerliche:

„Nun geben sich Menschen aber nicht damit zufrieden, etwas nicht zu verstehen, und deshalb exekutieren sie unverständliche Texte mittels einer Exegese, was ihnen erlaubt zumindest eine wissende Miene aufzusetzen. Schon immer bereitete es große Freude, unverständliche Dinge zu verehren und zu denken, man hätte sie verstanden.“ (S. 424 f.)

Ohnehin gelingt es Soseki, allerlei humorvolle Kommentare einzuflechten, sogar über den Autor selbst:

„Unlängst hat ein Freund von mir, ein gewisser Soseki, eine Kurzgeschichte mit dem Titel Ichiya geschrieben, der Text ist aber derart nebulös, dass niemand in ihm einen Zusammenhang erkennen kann, und als ich ihn jüngst traf, fragte ich ihn ausführlich nach dem eigentlichen Sinn der Kurzgeschichte, er wies mich jedoch kalt mit der Bemerkung ab, er selbst hätte auch nicht die leiseste Ahnung.“ (S. 290)

Doch damit nicht genug: Auch gesellschaftlich besonders gravierende Veränderungen wie die Modernisierung werden thematisiert:

„Die Zivilisation des Abendlandes mag von Tatendrang und Fortschrittlichkeit durchdrungen sein, letztlich aber bringt sie nur Menschen hervor, die ihrer Lebtag unzufrieden sind.“ (S. 399)

Insbesondere die schrulligen, überzeichneten Charaktere des „Clubs der Müßiggänger“, wie der Kater Schneutzens Kumpane, die in dessen Haus ein und aus gehen, bezeichnet, sorgen beim Lesen für einiges Amüsement. Gerade Wirrhaus, der für seine hanebüchenen Lügengeschichten bekannt ist, sorgt für Trubel.

Dank des Nachworts von Otto Putz werden einige Wortspiele, die in der deutschen Übersetzung nicht wiedergegeben werden können, illustriert. So werden die beiden ersten Sätze des Werks „Wagahei wa neko de aru. Namae wa mada nai.“ mit „Gestatten, ich bin ein Kater! Unbenamst bislang.“ übersetzt. Doch für das pompöse Personalpronomen wagahei, das bei Adeligen in Gebrauch war, findet im Deutschen kein Äquivalent – und es passt auch so gar nicht zu einem tapsigen Kater, der es noch nicht einmal zu einem Namen gebracht hat.

Über 600 Seiten zählt Soseki Natsumes „Ich der Kater“. Ich kann nur empfehlen, die Kapitel nicht allzu sehr zu verschlingen. In Einzeldosen lässt sich der Humor sicherlich besser genießen, insbesondere da keine stringent komponierte Handlung vorhanden ist und die Einzelkapitel gut für sich alleine stehen können.

Bibliographische Angaben:
Natsume, Soeseki: „Ich der Kater“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Putz, Otto), Insel, Frankfurt am Main & Leipzig 2001, ISBN 3-458-34467-5

Montag, 1. Dezember 2014

„Freiwillige Selbsthinrichtung“ von Masahiko Shimada

Seit das Cover von Masahiko Shimadas „Freiwillige Selbsthinrichtung“ im Frühling dieses Jahres feststand, habe ich auf die Veröffentlichung hingefiebert. Jetzt ist es endlich soweit: Der erste ins deutsche übersetzte Roman von dem unkonventionellen Autor Masahiko Shimada ist publiziert – wenn auch der Titel auf den ersten Blick nicht sonderlich Lust aufs Lesen macht. Doch die initiale Assoziation täuscht gewaltig: Der Roman könnte gar nicht weiter weg von depressiven, Selbstmord-geschwängerten Gedankengängen angesiedelt sein, sondern wirkt passagenweise eher wie Slapstick auf Speed.

Masahiko Shimada führt den Protagonisten zunächst als den namenlosen „Mann auf Reisen“ ein; erst später gibt er ihm den Namen Yoshio Kita. Insofern ist Yoshio Kita ein jedermann, der Name ist nicht mehr als ein Platzhalter. Masahiko Shimada spricht in seinem kurzen Nachwort an, dass wahrscheinlich schon jeder – sei es noch so kurz und sei es noch so vage – mit dem Gedanken an Selbstmord gespielt hat. Doch sein Protagonist Kita wird konkret und setzt sich im wahrsten Sinne des Wortes eine Deadline: In einer Woche, am kommenden Freitag, will er aus freiem Entschluss das Zeitliche segnen. In dieser Woche will Kita, der eigentlich gar nicht so genau weiß, wie er sich amüsieren soll, nochmal ordentlich einen drauf machen. Am Grab seines Vaters hat er bereits Abschied genommen, seine verwitwete, allein lebende Mutter möchte er noch ein letztes Mal sehen, aber ansonsten hat er noch keinerlei Pläne für seine letzten Tage geschmiedet.

Eine zufällige Begegnung zieht Kita in einen Strudel von Fremdbestimmtheit, Weibergeschichten, Versicherungsbetrug, Organhandel und Rauschzuständen: Nachdem Kita vom Grab seines Vaters in Dazaifu nach Tokio zurückgekehrt ist, teilt er sich ein Taxi mit dem zwielichtigen Yashiro, der sich zwar als Filmproduzent ausgibt, seine Finger aber in allerhand dunklen Machenschaften hat. Yashiro hat wie ein Bluthund einen Sinn dafür, wie er Kitas selbstmörderische Absichten für sich nutzbar machen kann und nimmt die Fährte auf. Zunächst vermittelt er Kita den Kontakt zu einem Porno-Sternchen und deren Clique. So lernt Kita unter anderem auch Zombie alias Izumi kennen, die als „unsterbliche“ Todeskandidatin in ihrem Freundeskreis bekannt ist. Niemand hat so viele fehlgeschlagene Selbstmordversuche auf dem Buckel wie sie. Mit Zombie und der Pornodarstellerin Mitsuyo begibt sich Kita in ein Onsen und plant mit den beiden seine nächsten Schritte. Was möchte er die letzten Tage seines Lebens noch erleben? Seine Ex-Freundin wiedersehen? Mit dem Starlet, das er anhimmelt, verkehren? Yashiro als Strippenzieher im Hintergrund macht einiges möglich – inklusive einer Erhöhung von Kitas knapper werdendem Budgets durch den Vorabverkauf von Kitas Organen. Doch Kita durchschaut sehr wohl, dass Yashiro ihn fernsteuert und ihm die Freiheit nimmt, seine letzten Tage nach freiem Gusto zu verleben. Zusammen mit dem Starlet verschwindet er; gemeinsam fingieren sie eine Entführung und werden so schnell zu Gejagten.

Auch wenn „Freiwillige Selbsthinrichtung“ kein purer Road-Trip ist, so trifft Kita doch „on the road“ allerhand Menschen, die ihre eigene Meinung und ihre eigenen Geschichten zum Thema Selbstmord haben. Da ist zum Beispiel Zombie, die mehr oder minder aufgrund von Nichtigkeiten Selbstmordversuche begeht und dabei Gott sei Dank immer wieder scheitert. Da ist das Starlet, das durch eine Marketing-Maschinerie gepresst wird, ihren Trost in der Bibel findet und daher Selbstmorde aus religiösen Gründen ablehnt. Da ist der Vater eines Chirurgen, der sich für einen langsamen Selbstmord entschieden hat, indem er sich zu Tode frisst. Da ist das alte Pärchen, das sein Haus verkauft hat, und ziellos durch Japan zieht, um den „Tod am Wegesrand“ zu finden. Masahiko Shimada schreibt in seinem Nachwort zu „Freiwillige Selbsthinrichtung“:

„Jugendlichen, die den Selbstmord mythifizieren […], wollte ich zeigen, Selbstmord ist nur lächerlich, also lasst es!“ (S. 242)

Und tatsächlich beschreibt der Autor Kitas Selbstmordgedanken und die Zeit bis zur Deadline als spaßiges, aber auch spannungsgeladenes Treiben. Doch er zeigt auch auf, dass der Selbstmord in erster Linie grausam, schmerzhaft und sinnlos ist. „Freiwillige Selbsthinrichtung“ wurde laut des Nachworts von Thomas Hackner durch die Erzählung „Leben zu verkaufen“ von Yukio Mishima, dem obersten literarischen Verklärer des Selbstmords, inspiriert. Jedoch verschreibt sich Masahiko Shimada einer Gegenposition zu Mishima.

Auch wenn Selbstmord das zentrale Thema von „Freiwillige Selbsthinrichtung“ ausmacht, streift Masahiko Shimada diverse andere gesellschaftliche Schieflagen: Junge Frauen machen ihren Körper zu Kapital, mit Organen wird Handel getrieben, senile Menschen werden sich selbst und ihrer eigenen Welt überlassen, Nicht-Essen oder Überfressen werden zum Ventil…

So schreibt Masahiko Shimada einen gesellschaftskritischen Roman, der an keiner Stelle langweilig oder dröge ist. Der Autor legt den Finger in so manche Wunde der postmodernen Gesellschaft – jedoch immer in ironischer, manchmal amüsanter Art und Weise. Wer hätte gedacht, dass ein Buch, das dem Selbstmord gewidmet ist, tatsächlich Spaß beim Lesen machen kann. Insofern hat Masahiko Shimada eine Punktlandung hingelegt und seinen eigenen Anspruch bezüglich der Entmystifizierung des Selbstmordkultes voll erfüllt: „Selbstmord ist lächerlich, also lasst es!“ (S. 242)

Bibliographische Angaben:
Shimada, Masahiko: „Freiwillige Selbsthinrichtung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hackner, Thomas), Abera, Hamburg 2014, ISBN 978-3-939876-15-1

Sonntag, 30. November 2014

„Trauriges Spielzeug“ von Takuboku Ishikawa

Das Tanka ist in seiner Funktion für Takuboku Ishikawa ein „Trauriges Spielzeug“. Der Autor verzweifelt an der Gesellschaft, er erlebt sich als ein

„Opfer des heutigen Familiensystems, Klassensystems, Kapitalsystems, des Systems der Käuflichkeit des Wissens“ (S. 102).

Wenn er könnte, so hat der Leser das Gefühl, würde er sämtliche soziale Regeln hinwegfegen und nach Gutdünken handeln. Doch im Einflussbereich von Takuboku Ishikawa befindet sich lediglich das Tanka. Das Tanka, das bisher in eine Zeile geschrieben wurde und exakt 31 Silben umfasste, kann der Autor revolutionieren. Wieso soll das Gedicht nicht in zwei oder drei Zeilen gesetzt werden? Und warum sollte man sich auf 31 Silben beschränken, wenn das auszudrückende Gefühl noch ein paar mehr Silben bedarf? Und warum nicht in der Alltagssprache schreiben? Nichtsdestotrotz wirft alles Experimentieren mit dem Tanka doch einen Schatten zurück: Ein „Trauriges Spielzeug“ ist das Tanka im Vergleich mit der Unfähigkeit des Autors, an den gesellschaftlichen Maßstäben zu rütteln.

Der Band „Trauriges Spielzeug“ enthält Tagebuchaufzeichnungen, Tanka und Shi (Gedichte nicht-japanischer Art). Insbesondere die Tagebucheinträge, die Takuboku Ishikawa in lateinischer Schrift verfasste, damit sie seine Ehefrau nicht entziffern konnte, geben einen intensiven Einblick in die Gefühlswelt des Autors:

„Ah die Literatur ist mein Feind. Und meine Philosophie ist nichts weiter als der Spott über mich selbst! Ich wünsche mir viele Dinge, aber ist es tatsächlich nicht einfach nur eine Sache? – Geld!“ (S. 22)

Das mangelnde Geld steht zwischen einer Wiedervereinigung mit seiner Familie, als Takuboku Ishikawa allein in Tokio weilt. Einerseits sehnt er sich nach seinen Angehörigen, andererseits scheinen ihn die familiären Verpflichtungen zu erdrücken. Er sieht sich als Individualisten, der sozialem Umgang keine positiven Anreize abringen kann, sondern dies als Zeitverschwendung ansieht. Takuboku Ishikawa formuliert seine Lebensmaxime wie folgt:

„Werde nicht von den Menschen geliebt! Empfange keine Wohltaten! Versprich nichts! Tu nichts, wofür du andere um Erlaubnis bitten musst! Rede auf keinen Fall zu anderen über dich selbst! Trage immer eine Maske! Sei bereit, jederzeit zu kämpfen! – jederzeit dem anderen auf den Kopf zu schlagen! Wenn du mit jemandem Freundschaft schließt: vergiss nicht, dass du irgendwann bestimmt mit ihm brechen wirst!“ (S. 45)

Freilich zeigen die Texte auch, dass Takuboku Ishikawas Leben und seine Lebensphilosophie allein aus finanziellen Gründen auseinander klaffen mussten.

Die Tanka in „Trauriges Spielzeug“ zeugen von aktuellen Ereignissen wie Takuboku Ishikawas Krankenhausaufenthalten oder der einsetzenden Sozialistenverfolgung. Doch auch die Sehnsucht nach dem Landleben, nach der Heimat wird thematisiert. Überhaupt steht Takuboku Ishikawa dem Stadtleben kritisch gegenüber: Das hektische Treiben in der Stadt schärft zwar die Sinne der Bewohner, doch die Moralität sinkt. Und natürlich liegen gesellschaftskritische Tanka vor wie z.B.

„jedem Menschen
sitzt im Herzen
ein Gefangener
jämmerlich
stöhnend“
(S. 77)

oder

„Kopf mein Kopf
denkst du
auch dieses Jahr
lauter Dinge
undurchführbar
in dieser Gesellschaft“
(S. 105)

Wolfgang Schamoni merkt im Nachwort zu „Trauriges Spielzeug“ an, dass die auch noch heute andauernde Faszination von Takuboku Ishikawa unter anderem darin begründet sein mag, dass der Autor einem romantischen Dichterbild entspricht. Der geniale, arme, zu Lebzeiten wenig bekannte Takuboku Ishikawa erkrankte und starb bereits im Alter von 26 Jahren.

Obwohl die Texte im japanischen Original schon vor mehr als 100 Jahren entstanden, sind die Themen immer noch höchst aktuell – insbesondere der Gegensatz von Individuum und Gesellschaft wird ein Motiv mit ewiger Gültigkeit bleiben. So fasziniert das Werk von Takuboku Ishikawa immer noch und lässt bei vielen Fragestellungen inne halten: Was hat sich in 100 Jahren zum Besseren gewandt, welche Phänomene haben sich eher verschärft? Damit lässt sich „Trauriges Spielzeug“ als Kritik auch an der heutigen Gesellschaft lesen.

Bibliographische Angaben:
Ishikawa, Takuboku: „Trauriges Spielzeug“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schamoni, Wolfgang), Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 1994, ISBN 3-458-16604-1

Sonntag, 31. August 2014

„Stille Berge“ von Sunao Tokunaga

„August 1945… Wie auf ein Kommando hören im Bezirk Nagano die Schornsteine der zahlreichen Werke und Fabriken rund um den Suwasee zu rauchen auf. Der Krieg ist aus – Japan hat kapituliert.“ (S. 5)

Dies ist die Ausgangslage in Sunao Tokunagas „Stille Berge“. Die jungen Arbeiterinnen versuchen verzweifelt, möglichst schnell nach Hause zu kommen – es gehen Gerüchte um, dass die amerikanischen Besatzer die Frauen vergewaltigen werden. Die Großgrundbesitzer der Familie Torisawa haben Angst um die Zukunft, soll doch eine Bodenreform kommen. Unter den Kleinbauern herrschen Zwistigkeiten: Heimkehrer fordern ihr Pachtland zurück – doch wovon sollen die Familien leben, die kein Land zu bestellen haben? Die Leitung der Tokio-Electro-Company versteckt noch schnell Armeebestände auf dem Land der Familie Torisawa.

In den ersten Kapiteln stellt Sunao Tokunaga eine Flut von Personen und Problemlagen vor. Einige der Charaktere sollen in „Stille Berge“ nur einen Auftritt erhalten, andere werden bis zum Ende in Aktion treten. Daher ist der Einstieg in den Roman eher etwas anstrengend, da auch kein Personenregister enthalten ist. Doch schließlich grenzen sich die Hauptakteure auf ca. ein gutes halbes Dutzend Charaktere ein.

Da ist Araki, der Obermeister der Dreherei im Werk der Tokio-Electro-Company am Suwasee, dessen Bruder als bekennender Kommunist inhaftiert und im Gefängnis gestorben war. Araki wird sich bald für die Gründung einer Gewerkschaft einsetzen.

Ikenobe ist ein einfacher Arbeiter, der unter anderem durch Araki mit der kommunistischen Ideologie in Berührung kommt. Ren Torisawa, Tochter des Großgrundbesitzers, die während des Krieges bei der Tokio-Electro-Company arbeitet, verliebt sich in ihn – Konflikte aufgrund der unterschiedlichen Abstammung sind vorprogrammiert.

Der heimkehrende Oberleutnant Komatsu ist ein entfernter Verwandter von Ren, die er sicherlich nur allzu gern sein Eigen nennen würde. Auch er arbeitet bald bei der Tokio-Electro-Company. Gemeinsam mit Direktor Sagara steht er an vordersten Front gegen die Bestrebungen der Arbeiterschaft um eine Gewerkschaft und bessere Arbeitsbedingungen.

Auch Furukawa kehrt von der Front heim. Er ist ein Freund Ikenobes und erhält seine Anstellung bei der Tokio-Electro-Company zurück, die er vor seiner Verpflichtung bei der Armee inne hatte. Furukawa ist besonders desillusioniert: Er hat die Schrecken des Kriegs hautnah miterlebt. Seine Mutter ist unter dem Bombenhagel über Tokio verbrannt. Sein Geld versäuft er am liebsten. Noch ist er dem Kaiser treu ergeben, doch als er erkennt, dass auch der Kaiser nur ein Mensch ist, findet er einen neuen Halt im Kommunismus.

Hatsue ist Zimmerälteste im Frauenwohnheim der Tokio-Electro-Company. Auch die Frauen beginnen sich nach Kriegsende für den Kommunismus zu interessieren. Die patriarchalischen Strukturen werden in Frage gestellt und die stillen Arbeitsbienen werden aktiv und entdecken eine bisher nie gekannte Ungezwungenheit.

Sunao Tokunaga schildert in „Stille Berge“ den Kampf der Belegschaft für die Gründung einer Gewerkschaft und den Weg dreier junger Männer, bis sie sich für den Eintritt in die Kommunistische Partei entscheiden. Insbesondere letzteres wird enorm ideologisch aufgeladen und wirkt eher wie eine Konvertierung in eine Sekte. Kleines Beispiel gefällig?

„In der ganzen Welt führen die Proletarier einen unablässigen Kampf, und ihr Vortrupp ist überall die Kommunistische Partei. Könnte man doch Kommunist werden, dachte Furukawa, und Schulter an Schulter mit ihnen schreiten! Ja, dafür würde er mit Freuden sein Leben hingeben.“ (S. 391)

Sunao Tokunagas „Stille Berge“ krankt etwas daran, dass der Autor gar so viel Handlung in ein Buch presst. Allein der heimkehrende Furukwawa mit seinen Kriegstraumata, Suff-Erfahrungen und der Abwendung vom Kaisertum hätte genug Stoff für einen eigenen Roman hergegeben. Auch die verzogene, reiche Ren, die sich für den Kommunismus zu interessieren beginnt, sich verliebt, vergewaltigt wird und bisher nicht gekannte Demütigungen hinnehmen muss, hätte noch viel eingehender und gerade hinsichtlich ihres Traumas nach der Vergewaltigung besser beschrieben werden können.

Zwar ist „Stille Berge“ durchaus unter einem zeitgeschichtlichen Aspekt sehr interessant, jedoch wirkt mir das Ende dann doch zu propagandistisch-heroisch und lässt viele Fragen offen. Diesem Umstand ist es jedoch sicherlich zu verdanken, dass das Werk überhaupt ins Deutsche übersetzt und in den 50er Jahren im ostdeutschen Berlin veröffentlicht wurde.

Bibliographischen Angaben:
Tokunaga, Sunao: „Stille Berge“, Volk und Welt, Berlin 1954

Sonntag, 27. Juli 2014

„Fünf Geschichten von liebenden Frauen“ von Saikaku Ihara

Saikaku Ihara (in diesem Bändchen „Ibara“ geschrieben) erzählt „Fünf Geschichten von liebenden Frauen“, vier davon enden tragisch, eine darf ein Happy End bekommen.

In „Die Geschichte von Seijuro aus Himeji“ wird von Seijuro berichtet, der als Sohn wohlhabender Eltern mit Geld um sich schmeißt und sich diverse Lustbarkeiten gönnt. Als er zu sehr über die Stränge schlägt und verstoßen wird, findet er eine Anstellung bei einem Händler. Seijuros Aussehen becirct nicht nur die weiblichen Angestellten des Händlers, sondern auch dessen Tochter Onatsu. Doch erst durch eine List Seijuros finden die beiden zusammen.

„Die Geschichte vom verliebten Böttcher“ erzählt von einem Böttcher, der sich durch Vermittlung einer raffinierten Alten die Liebe der hübschen Osen zu sichern weiß. Auf einer Wallfahrt will sich das Paar verbinden. Was die Alte so geschickt eingefädelt hat, wird von einem weiteren Verehrer Osens durcheinander gebracht.

Eigentlich wollte sich Osan in „Die Geschichte vom Kalendermacher“ nur einen derben Scherz mit Moemon, der mit ihrer Zofe Rin ein Stelldichein arrangiert hatte, erlauben. Anstelle von Rin hatte sie geplant, auf den Mann zu warten und ihn zu erschrecken. Sie fällt jedoch in tiefen Schlaf und bemerkt nicht, wie sich Moemon an ihr vergeht. Es bleibt den beiden nur die Flucht. Gibt es einen anderen Ausweg als den doppelten Liebesselbstmord?

Zwei junge Liebende treffen sich in „Die Geschichte vom Krauthändlermädchen, das Liebesgräser bindet“, nachdem ein Feuer in Hongo gewütet hat und viele Menschen obdachlos geworden sind. Oshichi wird jedoch von ihrer Mutter abgeschirmt und verzehrt sich unsäglich nach ihrem Kichisaburo. Sie wird bald zu extremen Mitteln greifen, um ein Wiedersehen zu forcieren.

Die „Geschichte von Gengobei auf dem Liebesberg“ erzählt von Gengobei, der sich ganz der Knabenliebe verschrieben hat. Als sein Geliebter verstirbt, will er Mönch werden; als ein weiterer Geliebter tot aufgefunden wird, wird Genogbei zum Einsiedler. Doch Gengobeis glühende Verehrerin Oman bricht als junger Mann verkleidet auf, Gengobei zu verführen. Findet Gengobei etwa mit Oman das Glück, das ihm bisher verwehrt war?

Ihara Saikakus „Fünf Geschichten von liebenden Frauen“, was im Jahr 1686 erschien, enthält viele moralische Aussprüche wie z.B.

„Nichts ist erbärmlicher, nichts eitler denn der Mensch!“ (S. 122)

Damit übt der Autor Gesellschaftskritik an der Genuss- und Verschwendungssucht seiner Zeit. Als Sittengemälde wirkt das Bändchen wie ein Fenster zum Bürgertum des 17. Jahrhunderts, entbehrt aber auch nicht eine gewisse Komik.

Bibliographische Angaben:
Ihara, Saikaku: „Fünf Geschichten von liebenden Frauen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Donat, Walter), Wilhelm Heyne Verlag, München 1978, ISBN 3-453-42050-0

Donnerstag, 1. Mai 2014

„Sanshiros Wege“ von Soseki Natsume

„Es war, als ob er mitten im Kriegsgetümmel zwischen zwei Heeren eingeschlafen wäre und es verpasst hätte, sich dem Sieger anzuschließen.“ (S. 21)

So fühlt sich der Student Sanshiro, der in der Meiji-Zeit vom Land zum Studieren nach Tokio kommt. Alles geht irrsinnig hektisch vor sich, die Menschen hasten, die Straßenbahnen rumpeln und dazwischen steht der 23-jährige Kerl, der sich in der Großstadt wie ein Bauerntrampel vorkommt. Sanshiro erkennt, dass er sich im Spannungsfeld von drei Welten bewegt. Da ist die gemächliche, traditionsorientierte Heimat auf dem Land, dann die moderne, schnelllebige, laute Großstadt und schließlich die Wissenschaftswelt, die ihren eigenen Regeln unterliegt und ein eigenes System bildet (Luhmann lässt grüßen).

Sanshiro tut sich schwer, sich einzuleben und Anschluss zu finden. Durch seinen Studienkumpan Yojiro und einen Vertrauten seiner Familie findet er jedoch langsam Zugang zur Frauenwelt und zu Akademikern. Jedoch lebt er in ständiger Angst, etwas Falsches zu sagen und hält sich in seinen Äußerungen zurück. Denn wie eine zufällige Bekannte als auch seine Mutter erkannt haben: Sanshiro ist tendenziell eher ein Feigling.

Nichtsdestotrotz unternimmt er sachte Annäherungsversuche an Mineko, die eine moderne, junge Frau, wenn nicht gar eine Femme Fatale ist, die sich sehr wohl ihrer Wirkung auf die Männerwelt bewusst ist und diese zu manipulieren weiß. Primär mit dem Oberschullehrer und weisen Ratgeber Professor Hirota nimmt Sanshiro an philosophisch angehauchten Gesprächen teil. Hinter Hirota, der wie Sanshiros Mentor wirkt, vermutet man als Leser den Autor Soseki Natsume selbst.

Soseki Natsume lässt Sanshiro in leichtem und fast schon beiläufigem Ton ein Spannungsfeld zwischen Moderne und Tradition erleben. Geschlechterrollen werden in Frage gestellt und dann doch wieder nicht verworfen. Sanshiro selbst muss den Spagat zwischen dem Leben in der Großstadt und dem Leben in der Heimat schaffen, wenn er in den Ferien zu seiner Mutter zurückkehrt. Währenddessen scheint sich das akademische Leben schon globalisiert zu haben. Einen kleinen Seitenhieb versetzt Soseki Natsume auch dem Wissenschaftsbetrieb, in dem Intrigen gesponnen werden, um Karrieren zu fördern oder zu vernichten. Erst gegen Ende des Romans scheint Sanshiro die gesellschaftliche Situation kritisch zu hinterfragen: Sind die Menschen in der Moderne nicht alle verlorene Schafe? Hier mag man aber auch eine Chance für die weitere Entwicklung des Menschen Sanshiro sehen, der durch diese Erkenntnis an Ernsthaftigkeit gewinnt und sich so hoffentlich künftig in der Wissenschaft und dem Leben in der Großstadt besser behaupten kann.

„Sanshiros Wege“ ist der erste Teil einer Trilogie, dem „Und dann“ (in deutscher Übersetzung erschienen im Galrev, jedoch komplett vergriffen und entsprechend teuer in den Antiquariaten – sollte überhaupt ein Exemplar in den Handel kommen) und „Das Tempeltor“ (nicht in deutscher Übersetzung verfügbar) als Teil zwei und drei folgen und wohl einen weniger optimistischen Ton anschlagen als „Sanshiros Wege“.

Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Sanshiros Wege“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Langemann, Christoph), Bebra, Berlin 2009, ISBN 978-3-86124-908-5

Sonntag, 21. Juli 2013

„Yuhi“ von Yangji Lee

Drei Erzählungen finden sich in Yangji Lees Band „Yuhi“. Ein bisschen wirken die Werke der Zainichi-Koreanerin wie das Negativ zu Banana Yoshimotos literarischem Schaffen. Bei beiden werden unter anderem schwierige Familiensituationen, Patch-Working, der Tod von lieben Familienangehörigen, die Suche nach einem neuen Anfang thematisiert. Doch während Banana Yoshimoto die herzlichen, liebevollen Seiten ihrer Charaktere herausstellt und versöhnlich bleibt, ist Yangji Lee auf der anderen Seite der Skala zu verorten:

„Die Entfernung zwischen Menschen. Gerade weil man Mensch ist, weil man lebt, besteht diese unleugbare Distanz zwischen einander.“ (S. 95)

So bleiben die Protagonisten in Yangji Lees Erzählungen isoliert und wirken bis zu einem bestimmten Grad hart und unzugänglich. Obwohl der thematisch härterer Kost schwebt eine sprachliche Leichtigkeit über den Erzählungen, wie man sie auch von Banana Yoshimoto kennt.

Mit „Der Klageschmetterling“ beginnt der Erzählband. In der Protagonistin und Ich-Erzählerin vermeint man Yangji Lee selbst zu erkennen: Vor dem Scheidungskrieg der Eltern ist sie von zu Hause nach Kioto ausgerissen, um sich mit einem Job in einem Ryokan über Wasser zu halten. Schließlich kehrt sie doch wieder nach Hause zurück, nur um ihre Familie weiter im Seziersaal des Familiengerichts bloßlegen zu lassen. Doch es warten noch weitere Schicksalsschläge auf die Familie.

„Verehrter Bruder“ scheint wie aus der Perspektive einer jüngeren Schwester von Yangji Lee geschrieben zu sein. Tamiko spricht hier zu ihrem älteren, verstorbenen Bruder und berichtet über ihre Schwester Kazuko, die mit ihrer Identität als Koreanerin kämpft. Sie beteiligt sich an politischen Organisationen, nimmt dubiose Jobs an, um sich neben dem von den Geschwistern geschnorrten Geld Einkünfte zu sichern, säuft wie ein Loch und verschwindet tageweise spurlos.

„Yuhi“ ist die vielleicht ausgefeilteste Erzählung: Yuhi ist eine Zainichi-Koreanerin, die in Seoul Literaturwissenschaften studiert. Doch anders als viele Studentinnen lebt sie sehr zurückgezogen und wirkt besonders scheu. Sie zieht in ein Privatzimmer im Haus der Erzählerin und deren Tante. Hier scheint sie endlich eine Oase des Friedens zu finden. Doch sie bleibt unglücklich in Seoul. Mit dem Koreanischen kann sie sich nicht anfreunden, sie liest und schreibt weiterhin auf Japanisch. Das Koreanische scheint ihr gar physische Schmerzen zu bereiten. In Korea kann Yuhi nicht glücklich werden...

Yangji Lees Erzählungen zeigen die Zerrissenheit der Zainichi-Koreaner auf. Japanisch ist ihre „Muttersprache“, doch in Japan werden sie als Fremde erachtet. Korea ist ihnen selbst fremd und auch hier finden sie nicht die ersehnte Heimat. Sie stecken in einem unlösbaren Dilemma. Als Leser meint man zu erahnen, wie Yangji Lee sich diesem mit dem Schreiben näherte. Während das ältere Werk „Der Klageschmetterling“ noch aus der Perspektive der Autorin geschrieben zu sein scheint, verschiebt sich in „Verehrter Bruder“ der Blickwinkel auf den der Schwester und in „Yuhi“ ist die Erzählerin bereits eine zunächst Fremde.

„Yuhi“ ist eine schwermütige Lektüre, die einen ungeschonten Einblick in das Leben von Zainichi-Koreanern ermöglicht. Man erahnt den langjährigen Kampf, den Yangji Lee um ihre kulturelle Identität ausgefochten haben mag. Umso trauriger, dass man aufgrund ihres frühen Todes nie erfahren wird, ob ihr die Versöhnung mit ihrem Schicksal gelungen wäre.

Bibliographischen Angaben:

Lee, Yangji: „Yuhi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Nakamura-Methfessel, Verena), Abera Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-939876-01-4

Sonntag, 23. Juni 2013

„Blick aus Mandelaugen“ von Hisako Matsubara

Einen „Blick aus Mandelaugen“ skizzierte Hisako Matsubara in ihrer Kolumne in der Zeit in den 70er Jahren. Versammelt sind einige davon im gleichnamigen Bändchen. Und obwohl seit den 70ern nun doch einiges an Zeit vergangen ist, ist der „Blick aus Mandelaugen“ sicherlich immer noch aktuell – Mentalitäten ändern sich noch nicht einmal nach Jahrzehnten.

„Blick aus Mandelaugen“ präsentiert in amüsiert-ironischem Ton japanische und deutsche/europäische Eigenheiten, zeigt aber auch die Diskriminierung auf, die Ausländer erfahren. Und natürlich karikiert sie den westlichen Superioritätsanspruch. Wer kann denn schon entscheiden, was „zivilisierter“ ist: das Essen mit Messer und Gabel oder das mit Stäbchen?

Darüber hinaus enthält „Blick aus Mandelaugen“ interessante Hintergrundinfos zur japanischen Gesellschaft. So zeigt Hisako Matsubara auf, dass das Leben in Japan größtenteils berührungslos abläuft. Zur Begrüßung verbeugt man sich und schüttelt sich nicht die Hände. Umarmungen sind sowieso nicht angebracht. Und selbst das Küssen ist eine westliche Erfindung.

Sie beleuchtet auch die Konflikt-vermeidende Kommunikation in Japan. Denn während wir Europäer Sachverhalte gerne offen ausdiskutieren, das Recht-haben-wollen gar als Sport betreiben, sind Japaner bemüht, versöhnlich zu bleiben, dem Kommunikationspartner ein gutes Gefühl zu geben. Was allerdings nicht aus Gründen der Höflichkeit und Bescheidenheit passiert. Ebensowenig bescheiden sind die verschleiernden Floskeln in der Kommunikation – man will nur nicht allzu offensichtlich prahlen.

Eine interessante These stellt Hisako Matsubara auf, wenn sie den starken Karrierewillen der Japaner mit Shinto in Bezug setzt. Denn die Diesseits-orientierte Religion besagt, dass man nach dem Tod nur in der Erinnerung der Lebenden weiterleben kann. Daher muss man eine prächtige Karriere hinlegen, um noch möglichst lange nach dem Ableben als ein Prachtbursche gelten zu können.

Besonders schön fand ich die Passagen, in denen Hisako Matsubara auf ihren Vater, den obersten Shinto-Priester von Kioto eingeht. So z.B. die Szene als der Vater auf die Nachricht, dass Hisako Matsubara zum Christentum konvertiert, milde meint, dass jeder seinen eigenen Weg finden müsse. Die Autorin zitiert ihren Vater mit einem schönen Gedicht zum Thema Religionsfreiheit, über das er sich mit Papst Johannes XXIII vor dem zweiten Vatikanischen Konzil unterhalten hat:

„viele wege führen zum gipfel
über alle breitet der mond sein licht
durch die zweige und über die felsenspitzen
sieht man von überall die gleichen gestirne“
(S. 185)

Nach alldem, was ich bisher in Hisako Matsubaras Büchern über den Guji gelesen habe, bin ich ein Fan des Herrn geworden. Falls sie jemals ihre Erinnerungen an den Vater in einem Buch versammeln sollte, bin ich auf jeden Fall einer der ersten Käufer.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Blick aus Mandelaugen“, Albrecht Knaus, Hamburg 1980, ISBN 3-8135-2146-X

Montag, 13. Mai 2013

„Japanische Dreigroschenoper“ von Takeshi Kaiko

Auf 1,2 Millionen Quadratmetern erstreckt sich das Bergwerk Sugiyama – nur durch einen Abwasserkanal von Osakas Elendsviertel getrennt. Der ehemalige Sitz einer Waffenfabrik wird in den 50er Jahren zum Revier der Apachen, von organisierten und unorganisierten Kleinkriminellen, die im Elendsviertel hausen, Altmetalle aus dem Bergwerk ausbuddeln und sich bei Händlern versilbern lassen. Ständig verfolgt von der Polizei haben sie den Spitznamen Apachen bekommen: In kleinen Gruppen fallen sie im Bergwerk ein, sind besonders leichtfüßig und verständigen sich in einer unverständlichen Sprache (unter anderem auf Koreanisch) und gleichen so dem legendären Indianerstamm.

Der Landstreicher Fukusuke wird vom Bandenchef Kim rekrutiert. Im goldenen Zeitalter der Apachen ist jeder Helfer recht, denn es gibt genügend Altmetalle für alle, die „angelacht“, sprich: stibitzt, werden können. Eine anarchische Stimmung herrscht im Elendsviertel und dennoch kommt keiner zu kurz; für jeden wird eine bezahlte Aufgabe beim Metallklau gefunden. Fukusuke wird von Kim angelernt. Für seine Lehrstunden muss er jedoch in Tasche greifen. Bald ist Fukusuke ein festes Mitglied von Kims Bande und kommt hinter einige Tricks, wie der Bestechung der Wächter und dem besten Umgang mit der Polizei.

Doch je dreister die Apachen werden, desto größer ihr Ruhm, desto mehr Gesindel lässt sich bei ihnen nieder und desto größer fällt die Gegenwehr der Polizei aus. Ein immerwährendes Katz-und-Maus-Spiel startet und beginnt, die Apachen aufzureiben.

Als von einem Silberfund berichtet wird, versuchen die Apachen sich ein letztes Mal aufzubäumen und diesen Schatz in die Finger zu bekommen.

Takeshi Kaikos „Japanische Dreigroschenoper“ ist freilich an Bert Brechts „Dreigroschenoper“ angelehnt. So kritisiert auch Takeshi Kaiko die Bourgeoisie, die den Apachen keinen Spielraum zum Überleben lässt, sich hinter Bürokratie verschanzt und auf Rechtslagen pocht. Die Diskriminierung von Koreanern tut ihr übriges. Trotzdem ist die Lektüre des Buches eine Heidengaudi, wenn die verschrobenen Charaktere ausziehen, um die Polizei zum Narren zu halten, Pech und Schwefel nach einem Tauchgang im Abwasserkanal zu spucken und sich wie die Glücksritter jede Nacht aufs Neue Waren „anzulachen“. Die Dialoge im Gangsterjargon zeichnen ein lebendiges Bild vom Dasein im Elendsviertel.

Bibliographische Angaben:
Kaiko, Takeshi: „Japanische Dreigroschenoper“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Volk & Welt, Berlin 1967

Sonntag, 7. April 2013

„Die letzten Kilometer eines Traums“ von Hiroshi Sunada

David gegen Goliath, Taxifahrer gegen Automobilkonzern. Das sind die wesentlichen Zutaten von Hiroshi Sunadas „Die letzten Kilometer eines Traums“; einem Roman, der in Japan für ein jugendliches Publikum erschien, sich aber in der Kompass-Reihe des Verlags Neues Leben an Erwachsene richtet.

Der 25-jährige Taxifahrer Takeuchi hat den Traum, seine Schwester vom Land nach Tokio holen zu können, um ihr eine Ausbildung als Kosmetikerin zu ermöglichen. Dafür knausert er bei seinen täglichen Ausgaben und hat bereits ein nettes Sümmchen angespart. Doch als ihm der kleine Mamoru mit dem Fahrrad vors Taxi fährt, ändert sich Takeuchis Leben schlagartig. Denn die Lenkung des Taxis blockiert und Takeuchi fährt Mamoru an; verletzt ihn lebensgefährlich. Während der Autohersteller den Mangel des Fahrzeugs vehement abstreitet, bleiben Mamorus Eltern auf den Kosten für die Intensivpflege des Sohnes sitzen. Schlimmer noch – wird Mamoru jemals wieder aus seinem Koma erwachen, wenn er nicht die allerbeste Betreuung erhält?

In Takeuchi reift ein Plan, wie er Mamorus Pflege auf kriminellem Wege von dem Automobilkonzern finanziert bekommt.

Der einfach geschriebene Roman wettert gegen das zunehmende Automobilaufkommen, die damit verbundene Umweltverschmutzung und vermehrte Unfälle mit Todesfolge. Mit der Figur eines vietnamesischen Arzts führt Hiroshi Sunada auch Amerika-Kritik in sein Werk ein: Der junge Arzt, der in Japan praktiziert, weigert sich, die bemannte Apollo-Landung auf dem Mond im Jahr 1969 live zu verfolgen, während seine Landsleute in der Heimat von US-Amerikanern getötet werden. Seit er an einer Friedensdemonstration teilgenommen hat, hat er einen Aktenvermerk bei der japanischen Polizei. Der Wert des Romans liegt daher wohl weniger in einer spannenden Handlung, sondern vielmehr in einer Zeitskizze, die die Schaffung von Neuland, Wirtschaftswachstum, Wiederaufrüstung, Landflucht, den Vietnam-Krieg und die Mondlandung umfasst.

Bibliographische Angaben:
Sunada, Hiroshi: „Die letzten Kilometer eines Traums“ (Übersetzung: Simon, Andreas), Verlag Neues Leben, Berlin 1987

Montag, 18. Februar 2013

„Karpfentanz“ von Hisako Matsubara

Der Karpfen – ein Symbol für Zielstrebigkeit. Wenn es nach Ryos Mutter geht, dann soll der 26-Jährige ein richtig dicker Fisch im Bankenwesen werden. Dummerweise stagniert seine Karriere aber gerade. Als Absolvent einer Elite-Universität muss er sich im Außendienst hochbuckeln. Er soll Privatpersonen davon überzeugen, ihr Geld bei der Gowa-Bank anzulegen. Doch Ryo fehlt es an Selbstbewusstsein, Souveränität und Leutseligkeit, um sein hohes Soll zu erfüllen. Sein Kollege Kenzo hilft ihm gegen entsprechende Entlohnung oft genug aus der Patsche. Die Zielvorgaben der Gowa-Bank sind unerbittlich, werden immer höher angesetzt und treiben die Angestellten gar zum Selbstmordversuch.

Wäre es nach Ryos Vater gegangen, dem Guji, dem höchsten Shinto-Priester von Kioto, so hätte er Ryo von Kindheit an eine andere Erziehung angedeihen lassen, die seinem zurückhaltenden Charakter Rechnung getragen hätte. Doch Ryos ehrgeizige Mutter, die einer Samurai-Familie entstammt, wollte  Ryo partout zu einem Angehörigen der Elite trimmen: Elite-Kindergarten, Elite-Schule, Elite-Universität. Und Elite-Job?

Dummerweise scheint sich der junge Mann auch noch ernsthaft zu verlieben – ausgerechnet in die völlig unstandesgemäße Tochter eines Busfahrers. Erschwerend kommt hinzu, dass die Tochter Saya sich in Europa mit einem Gaijin, einem Nicht-Japaner, verheiratet hat. In der feinen Gesellschaft von Kioto ist das ein Skandal. Ryos Marktwert in der arrangierten Ehevermittlung sinkt daher auf einen sensationellen Tiefststand. Und dabei hatte Ryos Mutter doch so sehr auf eine Schwiegertochter aus gutem Hause gehofft, die Ryo zu guten Beziehungen verhelfen könnte.

Hisako Matsubara setzt ihre Familiengeschichte, die sie mit „Abendkranich“ begonnen hat, mit „Karpfentanz“ fort. Zwischenzeitlich sind 20 Jahre vergangen und Saya, der Protagonistin aus „Abendkranich“, ist ins Ausland gegangen. Im Zentrum von „Karpfentanz“ steht nun ihr Bruder Ryo. Hisako Matsubara hält mit ihrer Kritik an der japanischen Gesellschaft der 60er Jahre nicht zurück: Es gilt zwar als chic, einen Gaijin aus Europa oder den USA zu kennen – aber ehelichen soll man solch einen Barbaren bitte bloß nicht. Durch solch eine Untat gerät eine ganze Familie in Verruf. Die Angestellten der Banken werden völlig unter Druck gesetzt und regelrecht einer Gehirnwäsche unterzogen. Wer braucht denn Freizeit, wenn es darum geht, sich für den Arbeitgeber aufzureiben? Schließlich zählt in der japanischen Gesellschaft nur die Karriere. Und wer will schon als Versager gelten?

Zwar fehlt „Karpfentanz“ aufgrund der Thematik die Leichtigkeit von „Abendkranich“. Trotzdem hat die Lektüre Spaß gemacht – insbesondere da sie ein Wiedersehen mit dem großartigen Guji ermöglicht. Ein weiser Mann, der Sätze wie

„Wenn man der Natur zuviel Gewalt antut, führt es zu Verwerfungen der Seele.“ (S. 113)

von sich gibt – sich aber leider nicht gegen seine überambitionierte Frau durchsetzen kann. Er ahnt, dass Ryo unter den gegebenen Umständen sich bald zu etwas ganz Unglaublichem hinreißen lassen wird. Er wird Recht behalten…

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Karpfentanz“, Albrecht Knaus, München 1994, ISBN 3-8135-6084-8