Siegfried Schaarschmidts „Das große Japan Lesebuch“ kann man jedem Einsteiger in die japanische Literatur mit bestem Gewissen empfehlen. Der Band aus den 90ern enthält freilich keine Werke von Autoren wie Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto. Dafür werden aber einzelne Erzählungen von den Literaturnobelpreisträgern Kenzaburo Oe und Yasunari Kawabata vorgestellt. Darüber hinaus dürfen natürlich Größen wie Ryunosuke Akutagawa, Junichirio Tanizaki, Yasushi Inoue, Kobo Abe, Osamu Dazai und Yukio Mishima nicht fehlen.
„Das große Japan Lesebuch“ startet mit Junichiro Tanizakis vielleicht bekanntester Erzählung, nämlich mit „Die Tätowierung“: Im mittelalterlichen Japan machen Tätowierer als Künstler von sich reden. Ein besonders exzentrischer ist Seikichi. Sadistisch verlangt erfreut er sich an den Schmerzen, mit denen er beim Tätowieren seine Kunden quält. Seikichi ist ein Getriebener: Er ist auf der Suche nach dem perfekten Frauenkörper, den er mit seinen Tätowierungen zieren möchte. Eines Tages erblickt er diese wunderbare Frau, verliert sie jedoch wieder aus den Augen. Ob er dennoch an sein Ziel gelangt?
„Der Chrysanthemenball“ ist die Festivität, die die Protagonistin von Ryunosuke Akutagawas Erzählung besucht. Akiko besucht in Begleitung ihres Vaters zum ersten Mal einen Ball im europäischen Stil. Die Schönheit blendet die Besucher und fasziniert insbesondere einen französischen Militär der besonderen Art.
Naoya Shigas „Kuniko“ war der Auslöser für Shigas Ehefrau, nie wieder eines der Werke ihres Mannes zu lesen. Denn nachdem Naoya Shiga fremd gegangen war, verarbeitete er diese Erfahrung in der Erzählung „Kuniko“. Die Figur der Kuniko ist die Ehefrau eines untreuen Ehemanns. Sie begeht – ganz im Gegensatz zu Naoya Shigas Ehefrau – Selbstmord, da sie mit der Situation nicht zurecht kommt. Der Ich-Erzähler beschreibt Kunikos Weg in den Tod aus Sicht des treulosen Gatten.
Auch Ineko Sata legte ihre eigenen Erfahrungen in die Erzählung „Aus der Bonbonfabrik“: Die Autorin, die selbst schon früh in einer Bonbonfabrik arbeiten musste, zeigt anhand des Schicksals der Schülerin und alsbald Arbeiterin Hiroko die ausbeuterischen Züge der Kinderarbeit auf.
„Der Salamander“ ist der Protagonist in Masuji Ibuses Werk aus dem Jahr 1923: Wie mag vor diesem zeitlichen Hintergrund ein faschistisch anmutender Salamander zu deuten sein, der durch seinen plötzlichen Körperwuchs nicht mehr aus einer Höhle herauskommt und einen Frosch als seinen zwangsrekrutierten Gesellschafter dort mit einsperrt?
„Von Vögeln und Tieren“ erzählt Yasunari Kawabatas Protagonist. Die 1933 publizierte Erzählung enthält sich jeglicher politischer Botschaft. Stattdessen wird das Leben eines alleinstehenden Mannes geschildert, der zu Tieren einen bessern Zugang hat als zu den ihn umgebenden Menschen.
„Von Frauen“ wird dagegen in Osamu Dazais Erzählung gesprochen. 1936 sitzt der Ich-Erzähler am Tage einer Offiziersrevolte zusammen. In Unkenntnis des versuchten Umsturzes ergehen sich die beiden in Phantasien um Frauengestalten. Doch was wird hier imaginiert und was entstammt dem eigenen Erfahrungsschatz?
„Geliebtes Gesicht“ von Kafu Nagai entführt in das Tokio der 30er Jahre. Da ist ein Taxifahrer, der in einer heißen Sommernacht von der Liebe seines Lebens berichtet. Und von einer Revue-Tänzerin, die der verstorbenen Ehefrau fast bis aufs Haar gleicht.
Ein besonders bekanntes Werk von Ango Sakaguchi ist mit „Unter der vollen Blüte im Kirschbaumwald“ in „Das große Japan Lesebuch“ enthalten. In der Groteske aus dem Jahr 1947 werden Machtverhältnisse umgedreht: Ein Bergbandit entführt eine bildhübsche Frau, nachdem er ihren Begleiter kaltblütig ermordet hat. Doch die Dame weiß ihn, der ihr hemmungslos verfallen ist, perfekt zu manipulieren. Der Bandit tanzt bald nach ihrer Pfeife. Freilich wird es der Schönen in den Bergen bald zu fade – in die Hauptstadt soll er mit ihr ziehen. Dort wird er als Tölpel verspottet, doch des Nächtens zieht er aus, um auf Befehl seiner Gebieterin, Menschen zu enthaupten und ihr die Köpfe darzubringen. Nichts findet die Dame erquickender, als mit den verwesenden Schädeln zu spielen und allerlei Rollenspielchen aufzuführen. Doch der Bandit hält es alsbald nicht mehr in der Stadt aus; es zieht in zurück in die Berge. Ausgerechnet das Symbol des Japanischsten schlechthin, nämlich die Kirschblüte, soll zum Verhängnis werden.
Zwei kurze Erzählungen von Kobo Abe hat Siegfried Schaarschmidt mit „Der rote Kokon“ und „Hochwasser“ in den Band aufgenommen. In „Der rote Kokon“ wird Heimatlosigkeit und Verlorensein thematisiert. Die Erzählung nimmt eine kafkaeske Wendung. Dagegen wirkt „Hochwasser“ eher wie ein Science Fiction: Vornehmlich Arbeiter verwandeln sich in Wasser – droht eine Sintflut?
Shotaro Yasuokas „Das Kaninchensyndrom“ ist in den Nachkriegsjahren angesiedelt. Der Ich-Erzähler kuriert sich im Haus seiner Eltern aus. Der Vater, ein ehemaliger Militär, ist nun arbeitslos und ist auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Da setzt ihm jemand den Floh ins Ohr, er solle sich doch Kaninchen halten – die Angorawolle würde sich bestens verkaufen lassen. Und so nehmen die Kaninchen bald das Wohnhaus in Beschlag – und auch die Bewohner gleichen den Kaninchen immer mehr.
Morio Kitas kindliche Protagonistin betrachtet „Geflügelte Ameisen am Hang“. Das Mädchen hat ihre Mutter begleitet; zusammen sitzen sie mit einem ihr fremden Mann in einem ihr fremden Garten. Schritt für Schritt entspannt sich für den Leser in Dialogen zwischen der Mutter und dem Mann das Beziehungsgeflecht zwischen den Personen.
Mit „Der Fang“ von Kenzaburo Oe ist im vorliegenden Erzählband ein weiteres sehr bekanntes Werk der japanischen Literatur enthalten: Amerikanische Flugzeuge beginnen während des zweiten Weltkriegs in den japanischen Luftraum einzudringen. Als eines davon in der Nähe eines Dorfes abstürzt, kann ein afroamerikanischer Soldat lebend gefangen werden. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Jungen erzählt, für den „Der Fang“ eine Sensation darstellt. Der Soldat wird erst einmal provisorisch im Keller des Speichers eingesperrt, in dem der Junge mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder haust. Bald soll er ihm sogar mit schlotternden Knien das Essen bringen. Noch haben alle Dorfbewohner Angst vor dem Soldaten, doch nach kurzer Zeit wird er eher wie ein Haustier empfunden. Wenn die Behörden ihn doch nur nicht in die Finger bekommen wollten… In Kenzaburo Oes wird nicht nur die Geschichte einer Annäherung während eines drückenden Sommers erzählt, sondern auch die Entwicklung eines Kindes hin zum Erwachsenen dargestellt.
Auf „Die Brückenprobe“ begeben sich einige Damen in Yukio Mishimas Erzählung. Denn bei Vollmond gilt es, sieben Brücken schweigend zu überqueren, damit ein besonderer Wunsch in Erfüllung geht. Zwei Geishas, eine Wirtstochter und deren Dienstmagd stellen sich der Herausforderung, die sich als nicht allzu einfach gestaltet. Dabei mag der Leser mehr von den „geheimen“ Wünschen der Frauen erfahren.
Harumi Setouchi erzählt in „Einmal hat Makiko gestohlen“ von einer jungen Frau, die ihren Ehemann und ihr Kind wegen einer Affäre aufgibt. Damit nimmt sie ein Thema auf, das stark autobiografisch geprägt ist. Makiko selbst scheint recht unbedarft und nimmt die Dinge wie sie kommen. Ihr Mann setzt sie ohne Hab und Gut vor die Tür; ihr neuer Geliebter will alsbald nichts mehr von ihr wissen. So schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch. Wenn nicht ein Bekannter ihr den Floh ins Ohr setzen würde, sie solle sich doch zumindest ihre Lebensmittelkarte und ihre Kleidung zurückholen.
„Das Duell“ von Takeshi Kaiko handelt von einem Tagesausflug eines älteren und eines jüngeren Mannes. Sie wollen dem Kampf eines Mungos gegen eine Habu-Schlange beiwohnen. Dabei werden parallelen zum Schwertkampf des Ganryu gezogen.
Kenji Nakagami schickt seinen Protagonisten in „Der Bergasket“ ins Gebirge. Er ist ein eher grobschlächtiger Kerl mit cholerischen Anwandlungen. Um seine Ehe zu retten, begibt er sich wie ein Pilger ist Gebirge und macht dort metaphysische Erfahrungen, die wie ein Fieberwahn wirken. Erlebt er hier eine Katharsis?
In Makoto Odas „Der Kommandeur“ erinnert sich der Ich-Erzähler, dass er als Kind einmal eine scharfe, vorwurfsvolle Stimme gehört haben mag, die seinem Vater Fehlverhalten im Krieg vorgeworfen hat. Auf der Beerdigung seines Vaters macht er die Entdeckung, dass dies die Stimme von Namba war, der als „General des Teufels“ bezeichnet wurde. So sehr Namba während des Kriegs für militärischen Drill sorgte, so sehr versagt er aber bei der Erziehung seines Sohnes, der in Opposition zur Gesellschaft geht.
Mitsuharu Inoue begleitet in „Die Nacht davor“ eine werdende Mutter durch eine Geburt – einen Tag vor dem Atombombenabwurf über Nagasaki. Während der Leser bereits das Unheil ahnt, was über die Menschen von Nagasaki bald hereinbrechen wird, sind diese noch ganz im Alltag verhaftet. Obwohl in „Die Nacht davor“ nicht sonderlich viel geschieht, wirkt die Erzählung wie ein Schauer – denn die handelnden Charaktere werden nicht mehr allzu lange zu leben haben, bis eine atomare Katastrophe sie verschlingt.
„Ein Brief aus der Wüste“ wird von Yasushi Inoues Protagonisten geschrieben. Er hat sich auf eine Reise durch die Wüste Takla Makan begeben. Als ein Soldat ihm anbietet, seine Briefe mitzunehmen, geht er in sich und fragt sich, wem er bloß einen Brief schreiben solle. Da fällt ihm nur sein verstorbener Jugendfreund ein. Er beginnt mit dem Schreiben eines Briefs an einen Verstorbenen und reflektiert dabei den Einfluss, den dieser auf ihn hatte.
Einige der Erzählungen in „Das große Japan Lesebuch“ finden sich auf in Siegfried Schaarschmidts Band „Ein Brief aus der Wüste“, der im Ostasien-Verlag herauskam. „Das große Japan Lesebuch“ bietet jedoch mehr Erzählungen und damit einen weit besseren Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur.
Bibliographische Angaben:
Schaarschmidt, Siegfried (Hrsg.): „Das große Japan Lesebuch“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Iwabuchi, Tatsuji/Schaarschmidt, Siegfried/Schmidt, Elisabeth), Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-09886-6
Posts mit dem Label Makoto Oda werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Makoto Oda werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Donnerstag, 24. April 2014
„Das große Japan Lesebuch“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt
Labels:
Ango Sakaguchi,
Ineko Sata,
Kenji Nakagami,
Kobo Abe,
Makoto Oda,
Masuji Ibuse,
Mitsuharu Inoue,
Morio Kita,
Naoya Shiga,
Osamu Dazai,
Rezensionen,
Ryunosuke Akutagawa,
Takeshi Kaiko,
Yasushi Inoue,
Yukio Mishima
Sonntag, 3. März 2013
„Seit jenem Tag“ herausgegeben von Narihiko Ito, Siegfried Schaarschmidt & Wolfgang Schamoni
„Gegen Abend
hocken am Flussufer
Menschen mit aufgequollenen Gesichtern
schwach ganz schwach atmend
zu ihren Füßen
aus dem Wasser ragend
der Kopf eines Kindes
das Gesicht entstellt
in den schmalen Augen
der Widerschein der sinkenden Sonne
still
und grausam
keine Hilfe gewährend“
(Tamiki Hara: „Gegen Abend“, S. 119)
„Seit jenem Abend“ versammelt erschütternde Zeugnisse der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki: Dokumentarische Berichte, Gedichte und Prosa der Autoren Sankichi Toge, Yoko Ota, Tamiki Hara, Shinoe Shoda, Sadako Kurihara, Mitsuko Yoshioka, Toshiko Machida, Mitsuharu Inoue, Chihoko Koura, Makoto Oda, Yuriko Taki und Azuma Konda.
Sankichi Toge, der sich während seiner Suche nach Verwandten und Bekannten einer großen Dosis der Sekundärstrahlung aussetzte und 1953 starb, verfasste mit seinen „Erinnerungsnotizen“ ein Tagebuch des Grauens aus den Notlagern, in denen Verletzte notdürftig behandelt wurden.
Tamiki Hara schrieb kurz nach dem Atombombenabwurf seine „Aufzeichnungen aus den Tagen, als wir Atombombenopfern wurden“, wie am 06. August 1945 urplötzlich das Chaos über Hiroshima hereinbrach. Seine Erzählung „Sommerblumen“ gilt als ein Hauptwerk der Atombombenliteratur: Der Ich-Erzähler ist zum Zeitpunkt des Abwurfs auf der Toilette, als ihn ein Schlag am Kopf trifft. Doch zum Glück stürzt das stabile Haus nicht wie die Gebäude in der Nachbarschaft ein. Feuer bricht aus und der Ich-Erzähler bricht mit seiner Familie zum Fluss auf, wo sich bereits viele Flüchtlinge versammelt haben. Hier sterben die Menschen wie die Fliegen. Die Körper dunsen auf, das Gesichter verformen sich zu einer undefinierbaren Masse. Durch die Nacht gellen die Todesschreie…
Ebenfalls gleich nach dem Atombombenabwurf verfasste Yoko Ota „Ein Licht wie auf dem Meeresgrund“; einen Erlebnisbericht, der am 30. August 1945 in der Asahi Shimbun erschien, noch bevor die US-amerikanische Zensur des „press code“ die Veröffentlichung von Atombombenliteratur verhindern konnte. Auch Yoko Ota hatte den Morgen zu Hause verbracht und musste sich erst einmal durch das zerstörte Gebäude nach draußen kämpfen, um im Anschluss vor den ausbrechenden Feuern zu fliehen. Drei Tage verbringt sie mit anderen Flüchtlingen am Unterlauf des Otagawa und erlebt das Sterben um sich.
1952 ließ sich Yoko Ota in eine psychiatrische Klinik einweisen. Die Erzählung „Ein halber Mensch“ basiert auf diesem Aufenthalt: Atsuko, eine bekannte Atombombenliteratin, ist seit dem Atombombenabwurf, dessen Opfer sie geworden war, zerrissen, nur noch ein halber Mensch. Sie hat Angst, wie Tamiki Hara zu enden, der sich aufgrund der weltpolitischen Entwicklungen und der Gefahr eines erneuten Einsatzes der Atombombe das Leben nahm. Deswegen unterzieht sie sich einer Schlaftherapie in der Hoffnung, ihre schrecklichen Erlebnisse vergessen zu können.
Inoue Mitsuharu ist mit zwei Erzählungen in „Seit jenem Tag“ vertreten. „Die Mädchen aus dem ‚Haus der Hände’“ sind Waisenmädchen aus Nagasaki, die nach dem Atombombenabwurf in dem „Haus der Hände“ untergebracht wurden. In dieser christlichen Institution helfen sie beim Töpfern. Als einige der aufgewachsenen Waisenmädchen schließlich heiraten, zeigen sich die Folgen des Atombombenabwurfs: Es scheint ihnen nicht vergönnt zu sein, gesunde Kinder zu gebären. Doch nicht nur das macht sie zu Außenseitern: Im Dorf des „Haus der Hände“ leben ausschließlich „verborgene Christen“, die seit dem Verbot des Christentums im 16. Jahrhundert im Geheimen ihren mit buddhistischen Elementen angereicherten christlichen Glauben pflegten.
In „Die Nacht davor“ lässt Mitsuharu Inoue die Normalität in der Nacht vor dem Atombombenabwurf Revue passieren: Eine junge Frau liegt in den Wehen, ihre Schwester heiratet. Dem Leser schaudert bei dem Gedanken, dass diese Normalität am nächsten Morgen abrupt zerbrechen wird.
Chihoko Koura beschreibt in „Erosion“, wie sie als Atombombenopfer die jährliche Gedenkfeier in Hiroshima erlebt. Als Hibakusha fühlt sie sich isoliert in der Menge der Menschen, die den Abwurf nicht selbst erlebt haben.
„You American!“ ist ein Kapitel aus Makoto Odas Roman „Hiroshima“ und beschreibt das Schicksal eines amerikanischen Kriegsgefangenen, der zur Zeit das Atombombenabwurfs in Hiroshima inhaftiert ist.
An manchen Stellen hat mir „Seit jenem Tag“ die Tränen in die Augen getrieben. Das Ausmaß der Atombombenabwürfe bleibt abstrakt, wenn man von soundsoviel hunderttausend Toten und Verletzten spricht. Doch erst die faktischen Erlebnisse von Einzelnen führen einem das Grauen vor Augen. Und das sicherlich nur in Ansätzen, die aber schon völlig ausreichen, einem Schauer über den Körper zu jagen.
Bibliographische Angaben:
Ito, Narihiko/Schaarschmidt, Siegfried/Schamoni, Wolfgang (Hrsg.): „Seit jenem Tag“, Fischer, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-596-25862-6
Labels:
Atombombe,
Azuma Konda,
Chihoku Koura,
Hibakusha,
Makoto Oda,
Mitsuharu Inoue,
Rezensionen,
Sadako Kurhiara,
Sankichi Toge,
Seit jenem Tag,
Shinoe Shoda,
Tamiki Hara,
Yoko Ota,
Yuriko Taki
Sonntag, 4. November 2012
„Gyokusai“ von Makoto Oda
„Ein trefflicher Mann sollte besser ein zerspringender Edelstein werden, als sich einem gewöhnlichen Dachziegel gleichzumachen, nur weil dieser unversehrt bleibt.“
(Nachwort von Michaela Manke, S. 134 in Bezug auf die „Geschichte des Nördlichen Qi“ von Li Baiyao, 7. Jahrhundert)
Der Begriff „Gyokusai“ steht im Japanischen für den zerspringenden Edelstein – und während den letzten Zügen des Pazifikkriegs für den sicherlich fraglichen Heldentod von japanischen Soldaten, die gegen die übermächtigen US-amerikanischen Gegner anrannten. In Kriegsgefangenschaft zu geraten stand nicht zu Debatte – eher sollten sich die Soldaten mit einer Handgranate selbst töten, bevor sie sich dem Gegner schmachvoll ergeben. Neben der unbedingten Gehorsam laut der Konfuzianischen Ethik, dem Verbot des Sich-Ergebens laut dem Militärhandbuch tat der Staatshintoismus sein Übriges: In einem Totenkult wurden gefallenen Soldaten seit 1879 im Yaskukuni-Schrein verehrt.
Makoto Oda versetzt den Leser mit „Gyokusai“ direkt in die grausame Zeit des Pazifikkriegs. Gruppenführer Nakamura wird mit den ihm unterstellten Soldaten auf eine kleine Pazifikinsel, die Leyte vorgelagert ist, versetzt. Die Weisung lautet: „Mit dem eigenen Leib ein Wellenbrecher im Pazifik!“ Die Aussichtslosigkeit der Lage geht aus der Losung bereits hervor – der US-amerikanischen Übermacht kann man nur noch den bloßen Körper entgegen werfen.
Nakamura und seine Gruppe rüsten sich für den Angriff der Amerikaner und bauen Inselhöhlen aus, um sie als Rückzugsmöglichkeiten zu nutzen. Doch eigentlich wollen sie nicht bauen, sondern kämpfen. Als die ersten feindlichen Truppen landen, zeigt sich bereits deren Übermacht – den Japanern bleibt nur ein Partisanenkrieg zur Verteidigung der Insel. Doch gegen die gut ausgerüstete amerikanische Armee können die Japaner nur veraltete Gewehre einsetzen. Und die Kugeln werden mit der Zeit knapp. Von Angriff zu Angriff dezimiert sich die Gruppe, die Nakamura um sich schart. Die Amerikaner gehen zum Gegenangriff über und räuchern die Japaner in den Höhlen aus, lassen sie dort bei lebendigem Leib verbrennen.
Der Gedanke an einen japanischen Sieg ist den Soldaten bereits längst abhanden gekommen. Doch ergeben können sie sich nicht – sie wollen im Kampf ehrenvoll sterben. Selbst Flugblätter der Amerikaner können kein Umdenken bewirken.
Trotz aller Grausamkeit beschreibt Makoto Oda die Geschehnisse distanziert. Die Soldaten erscheinen nicht verzweifelt, sondern haben auf ihre Art bereits mit dem Leben abgeschlossen, resigniert. Damit geht die Tonalität kongruent.
Interessant an „Gyokusai“ ist zudem die Thematisierung der Diskriminierung von Koreanern: Nakamura wird der koreanische Unterfeldwebel Kon zur Seite gestellt. Im Heimatland Korea ist ihm seine Muttersprache verwehrt, er muss japanisch sprechen, soll sich als Japaner fühlen. Doch die Japaner sehen ihn nicht als Japaner, obwohl er Seite an Seite mit ihnen kämpft. Und auch eine japanische Prostituierte weiß von Koreanerinnen zu berichten, die als Trostfrauen zwangsrekrutiert wurden.
Im Nachwort geht Michaela Manke darauf ein, ob das Phänomen des Gyokusai denn ein ausschließlich japanisches sei. Denn schließlich gab es auch während des zweiten Weltkriegs in Deutschland den Begriff des Heldentods. Ist es nicht vielmehr so, dass der Wahnsinn des Kriegs Menschen ganz unabhängig von der Nationalität in den Tod treibt? Auch Nakamura und Kon sind im Grunde ganz normale Menschen – in einer ganz anormalen Situation…
Bibliographische Angaben:
Oda, Makoto: „Gyokusai“, Schiler, Berlin/Tübingen 2010, ISBN 978-3-89930-324-7
Labels:
40er,
Diskriminierung,
Gewalt,
Makoto Oda,
Militär,
Pazifikkrieg,
Rezensionen,
Tod
Samstag, 3. November 2012
Makoto Oda
Makoto Oda wurde 1932 in Osaka geboren. Ohne Wissen seiner Eltern meldete er sich 13-jährig bei der Luftwaffe zur Ausbildung zum Kamikaze-Flieger, kam aber dank des Kriegsendes nicht mehr zum Einsatz. Beeinflusst durch seine eigenen Kriegserlebnisse in Japan und den Koreakrieg begann Makoto Oda Anfang der 50er Jahre zu schreiben und veröffentlichte sein erstes Werk.
Der Autor studierte griechische Philosophie und Literatur und ging 1958 mit einem Fulbright-Stipendium in die USA, um in Harvard weiter zu studieren. Sein 1961 veröffentlichter Roman, der seine Reisen durch die USA und Europa bei einem täglichen Budget von einem Dollar beschreibt, wurde ein Bestseller. Er veröffentlichte unzählige Essays, insgesamt mehr als 100 Bücher einschließlich um die 30 Romane.
Zusammen mit Shunsuke Tsurumi und Takeshi Kaiko begründete er die Anti-Vietnamkriegsbewegung Beheiren. Als 2004 eine Verfassungsänderungen diskutiert wurde, gründete er unter anderem zusammen mit Kenzaburo Oe und Shuichi Kato den „Verein für den Verfassungsartikel 9“, der den Verzicht Japans auf das Recht auf Krieg regelte.
2007 starb Makoto Oda an Magenkrebs.
Interessante Links:
Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:
Der Autor studierte griechische Philosophie und Literatur und ging 1958 mit einem Fulbright-Stipendium in die USA, um in Harvard weiter zu studieren. Sein 1961 veröffentlichter Roman, der seine Reisen durch die USA und Europa bei einem täglichen Budget von einem Dollar beschreibt, wurde ein Bestseller. Er veröffentlichte unzählige Essays, insgesamt mehr als 100 Bücher einschließlich um die 30 Romane.
Zusammen mit Shunsuke Tsurumi und Takeshi Kaiko begründete er die Anti-Vietnamkriegsbewegung Beheiren. Als 2004 eine Verfassungsänderungen diskutiert wurde, gründete er unter anderem zusammen mit Kenzaburo Oe und Shuichi Kato den „Verein für den Verfassungsartikel 9“, der den Verzicht Japans auf das Recht auf Krieg regelte.
2007 starb Makoto Oda an Magenkrebs.
Interessante Links:
- Offizielle Homepage von Makoto Oda (leider nur auf japanisch)
- Japan Focus: Oda Makoto, Beheiren and 14 August 1945: Humanitarian wrath against indiscriminate bombing
Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:
Dienstag, 1. Mai 2012
„Ein Brief aus der Wüste“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt
Neben Gedichten von Hiroshi Kawasaki und Makoto Ooka finden sich in dem von Siegfried Schaarschmidt herausgegebenen Band „Ein Brief aus der Wüste“ sechs Erzählungen namhafter japanischer Autoren. Abgerundet wird dies durch Kurzbiographien der vorgestellten Schriftsteller und einem 30-seitigen Nachwort des Herausgebers zur modernen japanischen Literatur (freilich ist dieses nicht aktuell bis zu den heutigen, populären Autoren, da der Band bereits in den 80er Jahren veröffentlicht wurde).
„Ein Brief aus der Wüste“ ist das Sujet von Yasushi Inoues kurzer Erzählung aus dem Jahr 1983: Den Protagonisten hat es in ein Örtchen irgendwo in der Wüste von Takla Makan verschlagen. Nachdem ihm ein Soldat angeboten hat, seine Briefe mitzunehmen, damit sie baldmöglichst in Japan ankommen, beginnt der Ich-Erzähler mit dem Schreiben. Doch den Brief braucht er nicht abzuschicken. Der Adressat ist H. F., ein verstorbener Jugendfreund, der dem Protagonisten mit einem Gedicht die Lust am Schreiben näher brachte.
Shinchiro Nakamuras Erzählung „Ferne Musik“ behandelt eine geradezu metaphysische Erfahrung eines Tempelbesuchs: Ein alter Mann erinnert sich unwillkürlich daran, diesen Tempel bereits als Kind aufgesucht zu haben. Seine Erinnerungen überlagern sich mit der Gegenwart, werden ergänzt durch halluzinatorische Wahrnehmungen.
„Das Kaninchensyndrom“ erfasst eine Familie in der Nachkriegszeit. Shotaro Yasuoka erzählt hier die amüsante Geschichte, wie der Familienvater mit dem Verkauf von Angorawolle sein Einkommen verbessern will. Die zu diesem Zweck im Haus gehaltenen Angorakaninchen stellen den Haushalt gehörig auf den Kopf. Und der Familienvater wird den Kaninchen immer ähnlicher…
„Der Kirschbaum“ ist der Auslöser in Otohiko Kagas Erzählung, dass sich der Protagonist an einen verstorbenen Jugendfreund erinnert. Der Ich-Erzähler treibt sich im Stadtviertel, in dem er aufgewachsen ist, herum. Die alten Häuser haben bereits fast alle modernen Gebäuden weichen müssen. Doch ein Kirschbaum sieht so aus wie der, der auf dem Grundstück der Eltern seines Freundes stand. Dies ist der Anlass für den Protagonisten über die Kindheitsjahre nachzusinnen.
Unter Hiroshi Kawasakis Gedichten ist „Der Hilfsarbeiterausweis“ vielleicht das eindrücklichste: Wie man vom Beinahe-Kamikaze-Flieger zum Hilfsarbeiter auf einem US-amerikanischen Flugzeugträger wird.
Von Makoto Ooka sind vier Gedichte vertreten. Das längste unter ihnen namens „So sag’ doch was, ich bitte dich!“ thematisiert die Katastrophe der Atombombenabwürfe über Japan.
„Der Kommandeur“ von Makoto Oda ist die Geschichte dreier Generationen: Yamana hat sich während des zweiten Weltkriegs unter seinen Untergebenen den Ruf erarbeitet, ein Korporal des Teufels zu sein. Namba, dessen Vater Yamanas Kommandeur war, versucht einem rätselhaften Vorfall in seiner Kindheit auf die Spur zu kommen. Und dann ist da noch Yamanas Sohn, der von Namba an der Schule unterrichtet wird und sich während der Studentenunruhen der 60er Jahre gegen alle Autoritäten auflehnt.
Kenji Nakagamis „Der Bergasket“ handelt von der recht wunderlichen, von übersinnlichen Phänomenen begleiteten Wanderung des cholerischen Protagonisten zwischen zwei Dörfern. Ob er hier Läuterung erfahren wird?
Bemerkenswert an „Ein Brief aus der Wüste“ ist das Nachwort mit vielen interessanten Hintergrundinformationen zur japanischen Literatur ab ca. 1900. Ein bisschen irritiert jedoch die Biographie von Kenji Nakagami: Da wird verklausuliert und euphemistisch von einer „der ältesten ausgewiesenen Kultur“ und einer „’Sonderwelt’ innerhalb der allgemein japanischen“ (jeweils S. 126) gesprochen – und das Kind namens Burakumin, einer Diskriminierung ausgesetzter Minderheit, nicht beim Namen genannt.
„Ein Brief aus der Wüste“ ist das Sujet von Yasushi Inoues kurzer Erzählung aus dem Jahr 1983: Den Protagonisten hat es in ein Örtchen irgendwo in der Wüste von Takla Makan verschlagen. Nachdem ihm ein Soldat angeboten hat, seine Briefe mitzunehmen, damit sie baldmöglichst in Japan ankommen, beginnt der Ich-Erzähler mit dem Schreiben. Doch den Brief braucht er nicht abzuschicken. Der Adressat ist H. F., ein verstorbener Jugendfreund, der dem Protagonisten mit einem Gedicht die Lust am Schreiben näher brachte.
Shinchiro Nakamuras Erzählung „Ferne Musik“ behandelt eine geradezu metaphysische Erfahrung eines Tempelbesuchs: Ein alter Mann erinnert sich unwillkürlich daran, diesen Tempel bereits als Kind aufgesucht zu haben. Seine Erinnerungen überlagern sich mit der Gegenwart, werden ergänzt durch halluzinatorische Wahrnehmungen.
„Das Kaninchensyndrom“ erfasst eine Familie in der Nachkriegszeit. Shotaro Yasuoka erzählt hier die amüsante Geschichte, wie der Familienvater mit dem Verkauf von Angorawolle sein Einkommen verbessern will. Die zu diesem Zweck im Haus gehaltenen Angorakaninchen stellen den Haushalt gehörig auf den Kopf. Und der Familienvater wird den Kaninchen immer ähnlicher…
„Der Kirschbaum“ ist der Auslöser in Otohiko Kagas Erzählung, dass sich der Protagonist an einen verstorbenen Jugendfreund erinnert. Der Ich-Erzähler treibt sich im Stadtviertel, in dem er aufgewachsen ist, herum. Die alten Häuser haben bereits fast alle modernen Gebäuden weichen müssen. Doch ein Kirschbaum sieht so aus wie der, der auf dem Grundstück der Eltern seines Freundes stand. Dies ist der Anlass für den Protagonisten über die Kindheitsjahre nachzusinnen.
Unter Hiroshi Kawasakis Gedichten ist „Der Hilfsarbeiterausweis“ vielleicht das eindrücklichste: Wie man vom Beinahe-Kamikaze-Flieger zum Hilfsarbeiter auf einem US-amerikanischen Flugzeugträger wird.
Von Makoto Ooka sind vier Gedichte vertreten. Das längste unter ihnen namens „So sag’ doch was, ich bitte dich!“ thematisiert die Katastrophe der Atombombenabwürfe über Japan.
„Der Kommandeur“ von Makoto Oda ist die Geschichte dreier Generationen: Yamana hat sich während des zweiten Weltkriegs unter seinen Untergebenen den Ruf erarbeitet, ein Korporal des Teufels zu sein. Namba, dessen Vater Yamanas Kommandeur war, versucht einem rätselhaften Vorfall in seiner Kindheit auf die Spur zu kommen. Und dann ist da noch Yamanas Sohn, der von Namba an der Schule unterrichtet wird und sich während der Studentenunruhen der 60er Jahre gegen alle Autoritäten auflehnt.
Kenji Nakagamis „Der Bergasket“ handelt von der recht wunderlichen, von übersinnlichen Phänomenen begleiteten Wanderung des cholerischen Protagonisten zwischen zwei Dörfern. Ob er hier Läuterung erfahren wird?
Bemerkenswert an „Ein Brief aus der Wüste“ ist das Nachwort mit vielen interessanten Hintergrundinformationen zur japanischen Literatur ab ca. 1900. Ein bisschen irritiert jedoch die Biographie von Kenji Nakagami: Da wird verklausuliert und euphemistisch von einer „der ältesten ausgewiesenen Kultur“ und einer „’Sonderwelt’ innerhalb der allgemein japanischen“ (jeweils S. 126) gesprochen – und das Kind namens Burakumin, einer Diskriminierung ausgesetzter Minderheit, nicht beim Namen genannt.
Labels:
Ein Brief aus der Wüste,
Erzählungen,
Gedichte,
Hiroshi Kawasaki,
Kenji Nakagami,
Makoto Oda,
Makoto Ooka,
Otohiko Kaga,
Rezensionen,
Shinchiro Nakamura,
Shotaro Yasuoka,
Yasushi Inoue
Abonnieren
Posts (Atom)



