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Sonntag, 8. März 2015

„Weg zu Japan“ von Hisako Matsubara

Mit „Weg zu Japan“ versucht Hisako Matsubara einen Einblick in die japanische Mentalität und ins japanische Denken zu geben. Die Autorin steigt ein mit der Bambusweisheit, die den Japanern oft schon den Vorwurf der Verlogenheit eingebracht haben mag:

„Biegsam sein und sich unter dem Ansturm einer Gefahr neigen, ist eine alte Weisheit. Sie ist aus der Erfahrung mit der Natur erwachsen. Sie ist japanische Volksweisheit. Sie ist ein Stück Volksschläue. Was nützt es, wenn man trotzig aufrecht steht und dann bricht? Viel besser ist es, biegsam zu sein und seine Stärke für die Zeit nach dem Sturm zu bewahren. Das ist die Bambusweisheit.“ (S. 12f.)

Europäer reagieren in zwischenmenschlichen Konflikten mit Aggression, während Japaner mit Sanftheit reagieren. So wirken die Kommunikationsmechanismen wie die von Hund und Katze – Missverständnisse sind vorprogrammiert.

Hisako Matsubara versteht es darüber hinaus, wesentliche Geschehnisse in Japans Geschichte spannend nachzuerzählen: Sie beginnt mit den Großen Wirren, als im 16. Jahrhundert der Ashikaga-Clan in Erbstreitigkeiten lag, und denen Oda Nobunaga ein Ende setzte. Hisako Matsubara porträtiert den großen Feldherrn sehr anschaulich: Um seine politischen Gegner zu täuschen, gab er sich

„als der verrückteste aller Daimyo, dumm und harmlos, als ein Pferdenarr, der ständig in seinem Gebiet herumritt, Nüsse kaute und Obstkerne spuckte.“ (S. 57)

Dank des unter Nobunaga entstehenden Leistungsprinzips konnte Toyotomi Hideyoshi zum nächsten großen Herrscher in Japan aufsteigen. Als Bauerssohn begann er seine Karriere als Nobunagas Schuhknecht und wurde schließlich Kampaku, der Regent Japans.

Über einen dritten großen Mann der japanischen Geschichte, Ieyasu Tokugawa, der das Geschlecht der Tokugawa-Shogune begründete, weiß Hisako Matsubara ebenfalls viel zu berichten, z.B.

„Er nahm sich viele Nebenfrauen, legte aber wenig Wert auf deren Abstammung, Bildung oder Schönheit. Ihm war es wichtiger, dass sie ihm viele Söhne gebaren. Weil man bei einer unverheirateten Frau nie ganz sicher sein kann, ob sie Kinder haben wird, nahm er am liebsten junge Witwen, die schon geboren hatten.“ (S. 144)

Zentralen Stellenwert haben in „Weg zu Japan“ vor allem die Entwicklungen, die die christlichen Missionare in Japan heraufbeschwörten. Heutzutage ist (hoffentlich) jedem bekannt, dass die Missionare nicht nur den Glauben verbreiten, sondern vor allem Machtinteressen wahren wollten. Hisako Matsubara zeigt diesbegzüglich einige interessante historische Fakten auf, wie z.B. dass für die ersten Märtyrer eigentlich ein weniger schmerzhafter Tod angedacht war, die Wahl auf die Kreuzigung aber auf Initiative der Jesuiten fiel. Schließlich sollte mit dem Tod der Hingerichteten ein langfristiges Zeichen für die Leidensfähigkeit der Kirishitan gesetzt werden. Bisher unbekannt war mir auch, dass die Portugiesen japanische Kinder zu tausenden als Sklaven nach Europa schafften – leider überlebten die wenigsten die Überfahrt. Geradezu grotesk liest sich, dass zeitweilig eine Art von Märtyrertourismus einsetzte: Immer mehr katholische Mönche setzten nach Japan über, nur um doch bitte hingerichtet zu werden und den Märtyrertod sterben zu dürfen. Kein Wunder, dass die Weißen den Japanern nicht geheuer waren – und schließlich der Weg in die Isolation eingeschlagen wurde.

Ein bisschen nervig wirkt das Buch jedoch an den Stellen, an denen Hisako Matsubara immer wieder darauf insistiert, dass Japan nicht so „rückständig“ war, wie es von Europa oft betrachtet wurde. Z.B. hatte Tokio bereits Mitte des 18. Jahrhunderts circa 1,5 Mio. Einwohner, während die europäischen Hauptstädte noch sehr viel kleiner waren. Ich hoffe auch an dieser Stelle, dass man heutzutage niemandem mehr erklären muss, dass Europa nicht der Nabel der Welt ist (naja... einige wirre Geister natürlich ausgenommen...). Sicherlich ist seit den 80er Jahren, als „Weg zu Japan“ erschien, einige Zeit vergangen und ich kann es mir eigentlich nicht erlauben, zu beurteilen, ob Hisako Matsubaras Aufklärungsarbeit damals noch nötig war. Aber aus heutiger Sicht wirkt die oftmalige Rechtfertigungshaltung der Autorin etwas anstrengend.

Nichtsdestotrotz: „Weg nach Japan“ bietet viel Hintergrundwissen zur japanischen Geschichte – insbesondere auch aus religiöser und wirtschaftlicher Sicht. Dabei ist das Werk anschaulich und kurzweilig verfasst, dass es zum großen Teil Spaß macht, sich mit den Fakten zu beschäftigen.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Weg zu Japan“, Albrecht Knaus, Hamburg 1983, ISBN 3-8135-0560-X

Donnerstag, 19. Juni 2014

„Himmelszeichen“ von Hisako Matsubara

Wir schreiben das Jahr 1612 und befinden uns auf der Shimabara-Halbinsel. Der zum Christentum konvertierte Daimyo Harunobo, auch als Don Protasio bekannt, ist wegen Hochverrats hingerichtet worden. Die portugiesischen Pater sind besorgt – wer wird als Daimyo auf Don Protasio folgen? Wird es sein christlich geprägter Sohn Don Joao sein, oder der zweitgeborene Sohn Yoshitomo, der den Einzug der alten Götter auf der Shimabara-Halbinsel protegiert?

Die Autorin Hisako Matsubara baut auf der Basis von historischen Fakten einen imaginierten Roman auf, in dessen Zentrum die junge Mika steht. Als Tochter von Don Protasio ist sie mit Leib und Seele Christin. Sie ist schockiert von der Nachricht der Hinrichtung des geliebten Vaters, kann den Vorwürfen des Hochverrats keinen Glauben schenken. Doch Mika werden bald die Augen geöffnet: Bringen die portugiesischen Patern wirklich den einzig wahren Glauben und die Nächstenliebe nach Japan? Oder sind ihre Beweggründe nicht doch mehr irdischer Natur – geht es den Glaubensvertretern nicht nur um Macht und Einfluss? Als der Niederländer Hendrik gefangen genommen wird, muss sich Mika der bitteren Realität stellen und ihren tief verwurzelten Glauben in Frage stellen.

Hochwürden Ferreira ist derweil dabei, im Hintergrund die Strippen zu ziehen: Er muss Don Joaos Macht stärken, nachdem der Shogun Yoshitomo zum Daimyo ernannt hat. Er wiegelt die christlichen Handwerker auf, keinesfalls bei der Wiedererrichtung der buddhistischen Tempel zu helfen, die Yoshitomo veranlasst hat. Und er hat dafür Sorge zu tragen, den christlichen Glauben so tief in den Herzen der Gläubigen zu verankern, dass sie sich keinesfalls von Deus lossagen werden, egal welche Widrigkeiten ihnen drohen sollten.

Hisako Matsubaras „Himmelszeichen“ erzählt nicht von tapferen christlichen Märtyrern, sondern zeichnet ein Bild, das der Realität der Missionierung wohl sehr nahe kommt: Den Patern geht es um Macht, den japanischen Machthabern um lukrative Handelsbeziehungen zu den christlichen Europäern. Die Gläubigen werden zum Mittel zum Zweck.

Jedoch wirkt „Himmelszeichen“ dadurch, dass die junge Mika in den Mittelpunkt der Handlung gestellt wird, oft eher wie ein Jugendroman. Weniger Mika und mehr Ferreira und Intrige hätten den Roman spannender gemacht.

Hisako Matsubara, die Tochter eines hohen Shinto-Priesters in Kioto, stellt „Himmelszeichen“ einen von dessen Tagebucheinträgen voran:

„Viele Wege führen zum Gipfel
Über alle breitet der Mond sein Licht
Durch die Zweige und über den Felsenspitzen
Sieht man von überall die gleichen Gestirne“
(S. 6)

Und so liest sich dann auch der Roman; als ein Plädoyer für ein friedliches Nebenher von Religionen ohne Absolutheitsanspruch.

Bibliographischen Angaben:
Matsubara, Hisako: „Himmelszeichen“, Knaus, München 1998, ISBN 3-8135-0089-6

Montag, 10. März 2014

„Glückspforte“ von Hisako Matsubara

„Wenn die grauen Nebel steigen und die Glücksgeister es für richtig befinden, die Glückspforte zu schließen, dann sei es an der Zeit, hatte der Oyabun gesagt, die Schuhe auszuziehen und sich still in eine Ecke zu verkriechen. Er meinte, es käme auf die Dauer nichts Gutes dabei heraus, wenn man sich dem Beschluss der Glücksgeister widersetze. Nur Falten im Gesicht handle man sich ein und einen Steinmagen, der nichts mehr verdauen könne.“ (S. 5)

So hat es der Oyabun, der Yakuza-Pate, Uba prophezeit. Uba hatte in jungen Jahren bereits die Chance, durch die geöffnete Glückspforte zu schreiten: Damals kehrte sie aus Europa zurück und wurde als beste japanische Europakennerin hoch gehandelt. Ein Buch über ihre Erfahrungen wurde zum Bestseller. Doch zwischenzeitlich hat das Glück Uba verlassen: Sie ist in die Jahre gekommen; in Japan tummeln sich jüngere Frauen, die sich medienwirksamer als Europaexpertinnen vermarkten. Zudem sind ihr Vater (ein ehemals einflussreicher, doch schließlich gescheiterter Politiker) als auch der Oyabun, der seine schützende Hand stets über Uba hielt, verstorben. Nun liegt Uba auf der Lauer, um die Glückspforte notfalls mit Gewalt aufzustoßen.

Sie wittert ihre Gelegenheit, als Maxill mit seiner Frau Rosalie in Tokio weilt. Maxill, ein ehemaliger Diplomat und nun in leitender Funktion bei der Deutschen Welle, verehrt alles Japanische – und somit auch die „Dame“ Uba. Der frühere Ruhm Ubas ist Maxill noch präsent und so verwundert es ihn gar nicht, dass sich Uba nach wie vor als angesehene und gefragte Publizistin ausgibt. Die Geschichte einer geschickt eingefädelten Hochstapelei nimmt so ihren Anfang.

Uba kommt nach einem nur taktischen Zögern Maxills Aufforderung nach, in Deutschland für die Deutsche Welle tätig zu werden. Sie nistet sich im Haus von Maxill und Rosalie zusammen mit ihrem räudigen Hund Piccolo ein und stört gehörig den Haus- und Ehefrieden des Paares.

Maxill ist geblendet von Ubas Lügenmärchen: Unter anderem sei sie in diplomatischer Mission in Deutschland, um einen Tenno-Besuch vorzubereiten. In dieser Funktion würde sie angeblich sogar den Bundespräsidenten konsultieren. Maxill wittert das Bundesverdienstkreuz und macht sich überall für Uba stark, um seinem Ziel näher zu kommen. Einwände und Bedenken seitens Rosalie, seiner Freunde und Mitarbeiter wischt er hinweg mit der Begründung, dass er als größter Japankenner als einziger befähigt ist, Uba die ihr angemessene Wertschätzung Teil werden zu lassen. Und Uba ihrerseits verbreitet über die japanischen Medien allerhand hochtrabenden Unsinn über ihre Aufgabe in Deutschland. Die Rechnung scheint für sie aufzugehen…

Hisako Matsubaras „Glückspforte“ ist ein kurzweiliger Roman über den schnöden Schein. So fruchtet Ubas Hochstapelstrategie vor allem bei ihrem japanischen Publikum. In Deutschland kann sie dagegen primär den von seinen eigenen Japankenntnissen geblendeten Maxill hinters Licht führen. Einige Längen hat der Roman durch die eingehenden Beschreibungen von Rosalies Alltag. „Glückspforte“ hätte vielleicht rasanter ausfallen können, wäre der Platz stattdessen für weitere Uba-Manöver genutzt worden.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Glückspforte“, Albrecht Knaus Verlag, Hamburg 1980, ISBN 3-8135-0563-4

Sonntag, 23. Juni 2013

„Blick aus Mandelaugen“ von Hisako Matsubara

Einen „Blick aus Mandelaugen“ skizzierte Hisako Matsubara in ihrer Kolumne in der Zeit in den 70er Jahren. Versammelt sind einige davon im gleichnamigen Bändchen. Und obwohl seit den 70ern nun doch einiges an Zeit vergangen ist, ist der „Blick aus Mandelaugen“ sicherlich immer noch aktuell – Mentalitäten ändern sich noch nicht einmal nach Jahrzehnten.

„Blick aus Mandelaugen“ präsentiert in amüsiert-ironischem Ton japanische und deutsche/europäische Eigenheiten, zeigt aber auch die Diskriminierung auf, die Ausländer erfahren. Und natürlich karikiert sie den westlichen Superioritätsanspruch. Wer kann denn schon entscheiden, was „zivilisierter“ ist: das Essen mit Messer und Gabel oder das mit Stäbchen?

Darüber hinaus enthält „Blick aus Mandelaugen“ interessante Hintergrundinfos zur japanischen Gesellschaft. So zeigt Hisako Matsubara auf, dass das Leben in Japan größtenteils berührungslos abläuft. Zur Begrüßung verbeugt man sich und schüttelt sich nicht die Hände. Umarmungen sind sowieso nicht angebracht. Und selbst das Küssen ist eine westliche Erfindung.

Sie beleuchtet auch die Konflikt-vermeidende Kommunikation in Japan. Denn während wir Europäer Sachverhalte gerne offen ausdiskutieren, das Recht-haben-wollen gar als Sport betreiben, sind Japaner bemüht, versöhnlich zu bleiben, dem Kommunikationspartner ein gutes Gefühl zu geben. Was allerdings nicht aus Gründen der Höflichkeit und Bescheidenheit passiert. Ebensowenig bescheiden sind die verschleiernden Floskeln in der Kommunikation – man will nur nicht allzu offensichtlich prahlen.

Eine interessante These stellt Hisako Matsubara auf, wenn sie den starken Karrierewillen der Japaner mit Shinto in Bezug setzt. Denn die Diesseits-orientierte Religion besagt, dass man nach dem Tod nur in der Erinnerung der Lebenden weiterleben kann. Daher muss man eine prächtige Karriere hinlegen, um noch möglichst lange nach dem Ableben als ein Prachtbursche gelten zu können.

Besonders schön fand ich die Passagen, in denen Hisako Matsubara auf ihren Vater, den obersten Shinto-Priester von Kioto eingeht. So z.B. die Szene als der Vater auf die Nachricht, dass Hisako Matsubara zum Christentum konvertiert, milde meint, dass jeder seinen eigenen Weg finden müsse. Die Autorin zitiert ihren Vater mit einem schönen Gedicht zum Thema Religionsfreiheit, über das er sich mit Papst Johannes XXIII vor dem zweiten Vatikanischen Konzil unterhalten hat:

„viele wege führen zum gipfel
über alle breitet der mond sein licht
durch die zweige und über die felsenspitzen
sieht man von überall die gleichen gestirne“
(S. 185)

Nach alldem, was ich bisher in Hisako Matsubaras Büchern über den Guji gelesen habe, bin ich ein Fan des Herrn geworden. Falls sie jemals ihre Erinnerungen an den Vater in einem Buch versammeln sollte, bin ich auf jeden Fall einer der ersten Käufer.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Blick aus Mandelaugen“, Albrecht Knaus, Hamburg 1980, ISBN 3-8135-2146-X

Freitag, 3. Mai 2013

„Hisako Matsubaras kleine Weltausstellung“ von Hisako Matsubara

„Hisako Matsubaras kleine Weltausstellung“ beginnt mit einer liebevollen Hommage an die Bewohner von Osaka. Statt mit „kon nichi wa“ begrüßen sich die umtriebigen Osakaner „moukari makka“; mit einem „na, heute schon was verdient“? Ein bisschen schade finden sie es jedoch, wenn man ihnen den Handel zu einfach macht. Sie winden sich zwar geziert, wenn der Geschäftspartner handeln will, aber im Grunde genommen macht ihnen der Verkauf dann gleich noch mehr Spaß. Der Verdienst wird dann auch möglichst gleich in ein gutes Essen investiert.

Manche der kurzen Kapitelchen in „Hisako Matsubaras kleine Weltausstellung“ erinnern ein bisschen an Texte von Yoko Tawada, wenn die Autorin ihren amüsierten Blick unter anderem auf die Deutschen und Europa richtet. So landet die Studentin Yuki ausgerechnet zur Weiberfastnacht in Köln und muss sich unfreiwillig dem Gefasel eines Taxifahrers aussetzen. Insbesondere ihre Begegnungen mit den deutschen Männern sind frech und sorgen für ein Grinsen beim Lesen.

Doch auch Episoden in Japan werden geschildert: Der deutsche Michel auf der Weltausstellung von Osaka wird von der Autorin bloßgestellt. Junge Japanerinnen begeben sich mit deutschen Touristen in ein Traditionslokal – und schämen sich ob der Manieren ihrer Begleiter. Ein deutscher Redakteur macht seine erste Erfahrung im Umgang mit einer Geisha. Und ein studentischer Schuhbewacher hat’s im Umgang mit ausländischen Gästen faustdick hinter den Ohren.

Mit 130 Seiten im Kleinformat ist „Hisako Matsubaras kleine Weltausstellung“ zwar schnell ausgelesen, aber jede Seite für sich ist ein amüsanter Lesegenuss.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Hisako Matsubaras kleine Weltausstellung – Ein literarischer Pavillon“, R. Piper, München 1970, ISBN 3-492-018351

Montag, 18. Februar 2013

„Karpfentanz“ von Hisako Matsubara

Der Karpfen – ein Symbol für Zielstrebigkeit. Wenn es nach Ryos Mutter geht, dann soll der 26-Jährige ein richtig dicker Fisch im Bankenwesen werden. Dummerweise stagniert seine Karriere aber gerade. Als Absolvent einer Elite-Universität muss er sich im Außendienst hochbuckeln. Er soll Privatpersonen davon überzeugen, ihr Geld bei der Gowa-Bank anzulegen. Doch Ryo fehlt es an Selbstbewusstsein, Souveränität und Leutseligkeit, um sein hohes Soll zu erfüllen. Sein Kollege Kenzo hilft ihm gegen entsprechende Entlohnung oft genug aus der Patsche. Die Zielvorgaben der Gowa-Bank sind unerbittlich, werden immer höher angesetzt und treiben die Angestellten gar zum Selbstmordversuch.

Wäre es nach Ryos Vater gegangen, dem Guji, dem höchsten Shinto-Priester von Kioto, so hätte er Ryo von Kindheit an eine andere Erziehung angedeihen lassen, die seinem zurückhaltenden Charakter Rechnung getragen hätte. Doch Ryos ehrgeizige Mutter, die einer Samurai-Familie entstammt, wollte  Ryo partout zu einem Angehörigen der Elite trimmen: Elite-Kindergarten, Elite-Schule, Elite-Universität. Und Elite-Job?

Dummerweise scheint sich der junge Mann auch noch ernsthaft zu verlieben – ausgerechnet in die völlig unstandesgemäße Tochter eines Busfahrers. Erschwerend kommt hinzu, dass die Tochter Saya sich in Europa mit einem Gaijin, einem Nicht-Japaner, verheiratet hat. In der feinen Gesellschaft von Kioto ist das ein Skandal. Ryos Marktwert in der arrangierten Ehevermittlung sinkt daher auf einen sensationellen Tiefststand. Und dabei hatte Ryos Mutter doch so sehr auf eine Schwiegertochter aus gutem Hause gehofft, die Ryo zu guten Beziehungen verhelfen könnte.

Hisako Matsubara setzt ihre Familiengeschichte, die sie mit „Abendkranich“ begonnen hat, mit „Karpfentanz“ fort. Zwischenzeitlich sind 20 Jahre vergangen und Saya, der Protagonistin aus „Abendkranich“, ist ins Ausland gegangen. Im Zentrum von „Karpfentanz“ steht nun ihr Bruder Ryo. Hisako Matsubara hält mit ihrer Kritik an der japanischen Gesellschaft der 60er Jahre nicht zurück: Es gilt zwar als chic, einen Gaijin aus Europa oder den USA zu kennen – aber ehelichen soll man solch einen Barbaren bitte bloß nicht. Durch solch eine Untat gerät eine ganze Familie in Verruf. Die Angestellten der Banken werden völlig unter Druck gesetzt und regelrecht einer Gehirnwäsche unterzogen. Wer braucht denn Freizeit, wenn es darum geht, sich für den Arbeitgeber aufzureiben? Schließlich zählt in der japanischen Gesellschaft nur die Karriere. Und wer will schon als Versager gelten?

Zwar fehlt „Karpfentanz“ aufgrund der Thematik die Leichtigkeit von „Abendkranich“. Trotzdem hat die Lektüre Spaß gemacht – insbesondere da sie ein Wiedersehen mit dem großartigen Guji ermöglicht. Ein weiser Mann, der Sätze wie

„Wenn man der Natur zuviel Gewalt antut, führt es zu Verwerfungen der Seele.“ (S. 113)

von sich gibt – sich aber leider nicht gegen seine überambitionierte Frau durchsetzen kann. Er ahnt, dass Ryo unter den gegebenen Umständen sich bald zu etwas ganz Unglaublichem hinreißen lassen wird. Er wird Recht behalten…

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Karpfentanz“, Albrecht Knaus, München 1994, ISBN 3-8135-6084-8

Montag, 24. Dezember 2012

„Brückenbogen“ von Hisako Matsubara

Yumi ist eine Hibakusha, eine Überlebende der Atombombenexplosion über Hiroshima. Doch das soll bloß keiner wissen – denn im Nachkriegsjapan werden Hibakusha diskriminiert. Yumis Vater hatte rechtzeitig reagiert und Yumis Aufenthalt in Hiroshima geheim gehalten. Und so erscheint sie zumindest nach außen wie eine ganz normale Studentin, die jedoch in ständiger Angst vor dem Ausbruch von Leukämie lebt.

Yumi setzt alles daran, in den USA ein Stipendium zu erhalten. Ihr Engagement wird belohnt und sie darf für ein bis zwei Jahre an eine Universität in Pennsylvania. Als sie über San Francisco in die USA einreist, lernt sie den Theaterregisseur Julian kennen, der sich in die exotische und direkte Yumi verliebt. Obwohl Julian versucht, sie davon zu überzeugen, mit ihm in San Francisco zu bleiben, geht sie nach Pennsylvania, um Theaterwissenschaften zu studieren und selbst Kurse über japanisches Theater zu geben. An ihrer Universität ist sie sowohl bei ihren Kommilitonen als auch bei den Professoren in kürzester Zeit sehr beliebt. Doch leider trüben ihre japanischen Landsleute die Stimmung: In den japanischen Akademikerkreisen gelten starre Regeln und Hierarchien. Yumi soll sich in diese Strukturen fügen oder soll die Strafe für ihren Ungehorsam spüren lernen.

In „Brückenbogen“ lässt Hisako Matsubara viele gesellschaftskritische Themen anklingen: Die Diskriminierung der Hibakusha; die rigide Informationspolitik der Amerikaner, die in Japan keine Berichterstattung über die Folgen des Atombombenwurfs erlauben und somit den wildesten Gerüchten Vorschub leisten; die Internierung japanischstämmiger Amerikaner während des zweiten Weltkriegs in den USA; die Falschheit der weißen Christen, die Nächstenliebe predigen, aber ihre afroamerikanischen Mitbürger diskriminieren; die so genannten Elitejapaner, die duckmäuserisch agieren, sobald sie ihre Karrierechancen in Gefahr sehen…

Doch leider klingen viele der Themen eben nur an. Zum großen Teil wirkt „Brückenbogen“ eher wie ein leicht lesbarer Teenie-Roman über eine Austauschschülerin. Ständig lernt sie neue Leute kennen und ist schwupsdiwups überall total beliebt. Aus der Fülle des sich ständig erweiternden Personenkreises resultiert, dass die Charaktere (außer Yumi selbst) kaum Tiefe gewinnen. Auch bleibt relativ offen, warum sich Yumi in Julian verliebt.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Brückenbogen“, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1989, ISBN 3-404-11376-4

Dienstag, 17. April 2012

„Brokatrausch“ von Hisako Matsubara

Hisako Matsubaras „Brokatrausch“ ist in den 10er/20er Jahren des vorigen Jahrhunderts angesiedelt und setzt ein, als der Vater der Familie Hayato beschließt, seinen Adoptiv- und Schwiegersohn Nagayuki in die USA zu schicken. Nagayuki wurde in Ermangelung eines eigenen Sohnes adoptiert und mit der Tochter der Hauses Tomiko verheiratet. Nach Abschluss seines Jura-Studiums als Jahrgangsbester an einer renommierten Universität von Tokio stehen Nagayuki alle japanischen Unternehmen offen, die ihn nach Einarbeitung gerne ebenfalls in die USA schicken würden. Doch der Hayato-Vater ist ein Patriarch des alten Stils: Er stammt aus einer alten Samurai-Familie und fällt alle Entscheidungen alleine, duldet keinen Widerspruch. So bricht Nagayuki allein und ohne die Unterstützung durch eine japanische Firma in die USA auf, weil dort angeblich das Geld auf der Straße liegt. Der Hayato-Vater erwartet, dass er innerhalb eines Jahres schwerreich und in Brokat gekleidet zurückkehrt. Seine schwangere Tochter Tomiko, so bestimmt der Hayato-Vater, hat in Japan zu bleiben.

Doch alles entwickelt sich anders als geplant: Der Hayato-Vater verspekuliert sich und verliert fast sein gesamtes Vermögen. Wo bleiben in dieser Notlage nur die vielen Dollars, die Nagayuki bestimmt schon längst verdient haben muss...

Im Vergleich zu Hisako Matsubaras „Abendkranich“ weiß „Brokatrausch“ nicht so recht mitzureißen. Das mag auch vor allem an den Protagonisten liegen: Ein selbstgerechter, aber in der modernisierten Gesellschaft weltfremder Vater, ein allzu höriger Schwiegersohn und eine Tochter, die wie gelähmt als Zuschauerin wirkt. Insbesondere die Handlungen des Vaters machen beim Lesen fast schon ein bisschen aggressiv: Da verjubelt er mal so eben seinen ganzen Besitz und glaubt immer noch, immerzu Recht zu haben…

„Brokatrausch“ ist sicherlich für ein westliches Publikum geschrieben: Sehr detailliert wird auf einzelne Bräuche und Alltagshandlungen eingegangen, die einem in unseren Breitengraden gemeinhin unbekannt sind, was den Roman dennoch wertvoll macht.

Dienstag, 1. November 2011

„Abendkranich“ von Hisako Matsubara

Hisako Matsubaras semiautobiographischer Roman „Abendkranich“ setzt am Vortag der japanischen Kapitulation ein. Die Seidenweber von Kyoto wundern sich, dass sie sich am nächsten Tag versammeln sollen, da der Tenno eine Ansprache über das Radio halten wird.

Die Kapitulation lässt die Weber ratlos zurück: Waren sie nicht bis vor kurzem dazu aufgerufen, mit Bambusspeeren bis zum letzten Mann zu kämpfen? Die Weberin, deren Sohn als Kamikaze gestorben ist, verfällt gar dem Wahnsinn.

Der zweite Handlungsstrang wird von der Familie des Guji, des obersten Shintopriesters, gezeichnet. Saya, des Gujis älteste Tochter, erlebt die Veränderungen, die nach der japanischen Stunde Null eintreten, hautnah mit: In der Schule wird nicht mehr Gehorsam gegenüber dem Staat und den Eltern gepredigt, sondern der Freiheitsgedanken hochgehalten. Koreaner unterliegen nicht mehr offenem Spott, da sie bei der amerikanischen Besatzungsmacht als endlich befreites Volk gelten, an dem die begangene Diskriminierung wieder gut zu machen ist. Das Christentum wird als prioritäre Religion propagiert, da es die Religion des siegreichen Westens ist.

Doch auch die Weber machen ihre Erfahrungen und müssen sich neuen Herausforderungen und Fragen stellen: Was ist Kaugummi nur für Teufelszeug – verklebt die Tatami und lässt sich einfach nicht mehr entfernen! Soll die eigene Tochter für die Besatzungsmacht, die ehemaligen Feinde, arbeiten? Und wenn Christus Jude war, warum haben die Nazis, die doch Christen sind, Juden vergast?

„Abendkranich“ begleitet die Weber und die Familie des Guji nicht nur über die ersten Monate nach der Kapitulation, sondern gibt auch Einblick in die japanische Kultur: Die Eheprobleme, die der Guji mit seiner Frau hat, die sich die starren Regeln der Samurai-Kultur einverleibt hat. Das unterwürfige Verhalten, das von den Mädchen erwartet wird, während sich die Jungen wie kleine Prinzen verhalten dürfen. Die Glaubensauffassung, die hinter Shinto steckt. Und die Voraussagen des I-Ging. Das alles und noch viel mehr versteckt sich hinter dem amüsant-tragischen Roman „Abendkranich“, der Zeit- und Kulturgeschichte Japans einfühlsam in eine herzerwärmende Geschichte gießt.

Montag, 31. Oktober 2011

Hisako Matsubara

Hisako Matsubara wurde 1935 als Tochter des obersten Shinto-Priesters von Kyoto geboren. Nach dem Abitur schlug sie eine akademische Laufbahn ein: Sie studierte an der International Christian University in Tokio Vergleichende Religions- und Literaturwissenschaft und erwarb den Bachelor of Arts. Anschließend ging sie in die USA an die Pennsylvania State University, wo sie mit dem Master of Arts abschloss. Nach Studienaufenthalten in Zürich, Marburg und Göttingen promovierte sie 1970 in Philosophie an der Ruhr Universität Bochum mit ihrer Arbeit „Diesseitigkeit und Transzendenz“.

Sie ließ sich in Köln nieder und verdingte sich als Journalistin und Übersetzerin. Die Beschäftigung mit Heinrich Heine weckte Hisako Matsubaras Interesse an der deutschen Literatur. 1969 übersetzte sie die japanische Sage „Die Geschichte vom Bambussammler und dem Mädchen Kaguya“ ins Deutsche, ihre Schwester Naoko Matsubara erstellte die Illustrationen für das Buch. Ihre wöchentliche Kolumne für Die Zeit wurde als „Blick aus Mandelaugen“ als Buch publiziert. In den 70er und 80er Jahren veröffentlichte sie mehrere Romane, die sie auf Deutsch geschrieben hatte.

Hisako Mitsubara ging Mitte der 80er Jahre zurück in die USA und lebt derzeit in Los Altos.

Interessante Links:

Hier rezensiert:

Auf Deutsch verfasste/ins Deutsche übersetzte Werke:
  • Die Geschichte vom Bambussammler und dem Mädchen Kaguya - Taketori Monogatari
  • Raumschiff Japan. Realität und Provokation