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Donnerstag, 26. März 2015

„Erkundungen – 19 japanische Erzähler“ herausgegeben von Marianne Bretschneider & Heinz Haase

19 Erzählungen und Kurzgeschichten japanischer Autoren haben Marianne Bretschneider und Heinz Haase in ihren „Erkundungen“ versammelt. Es scheint, als ob ein großes Augenmerk darauf gelegt worden zu sein, besonders viele weibliche Schriftstellerinnen vorzustellen. Werke von elf Autorinnen und acht Autoren lassen sich in der Anthologie finden.

Wie der Titel schon impliziert – in Fumiko Enchis „Ahorn im Winter“ geht es um das Altern. Die Schauspielerin Yoko ist genauso wie ihr langjähriger Bühnenkollege Fujiki in die Jahre gekommen. Früher hatten die beiden verliebte Paare gemimt. Yoko kommen nun die Rollen der Mütter erwachsener Töchter zu. Fujiki kann sich immer noch als Liebhaber auf den Bühnen präsentieren. Auch im realen Leben sind die Voraussetzungen für das jeweilige Liebesleben der beiden aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit sehr unterschiedlich.

Autobiographisch wird es in Chiyo Unos „Glück“: Zunächst glaubt sich der Leser mit einer fiktiven Protagonistin namens Kazue konfrontiert. Doch nach und nach tun sich immer mehr Parallelen zum eher sprunghaften Leben der Autorin auf: Die vielen Ehen, die vielen Häuser, die Nonchalance, alles sofort hinter sich zu lassen, nichts und niemandem nachzutrauern und sich dabei ein bisschen selbst zu betrügen, alles als natürlich hinzunehmen und dabei Glück zu empfinden.

Ziemlich verzwickt ist die Beziehung der über 50-jährigen Schwestern Tomoko und Takako in Taeko Tomiokas „Heirat“. Die beiden Damen leben nun schon seit Jahrzehnten zusammen in einem Haus, das immer baufälliger wird. Tomoko verfällt plötzlich auf die Idee, doch noch zu heiraten; lieber jetzt als gleich möchte sie endlich die familiären Bande hinter sich lassen und ganz schnell eine Ehe über eine Heiratsvermittlerin eingehen. Takako dagegen wurde vor Jahren von ihrem Ehemann verlassen und wollte sich bisher nicht scheiden lassen. Tomokos Entschluss lässt sie ins Wanken bringen und beschwört Erinnerungen an ihre eigene, ziemlich seltsame Eheanbahnung herauf.

In „Ein unterhaltsamer Spaziergang“ von Takao Nakatani wandern die älteren Herren Fukami und Kono mit dem jüngeren Nishida zu einem Tempel. Dabei unterhalten sie sich über ihre Einstellung zu Tod, Religion und über ihren gemeinsamen Bekannten, den verstorbenen Yasuda. Die Erzählung hätte wohl am ehesten ein, zwei Anmerkungen seitens der Herausgeber verdient, weil man sich nicht so wirklich einen Reim darauf machen kann, ob die Figuren sich an existierende Personen anlehnen und wenn ja, welche konkrete Personen hinter den Charakteren stecken.

Der ehemalige Fernsehproduzent Akira Abe siedelt seine Erzählung „Freunde“ in seinem vertrauten Milieu an: Der Ich-Erzähler, Urashima und Hatori sind alle drei für einen Fernsehsender tätig und haben sich im Laufe der Jahre angefreundet. Hatori wird jedoch immer merkwürdiger und lässt sich immer öfter in eine Klinik einweisen. Während Hatori sich kuriert, begeht ein junger Kollege Selbstmord. Die Anteilnahme der Kollegen empfindet der Ich-Erzähler als Hohn:

„Meiner Meinung nach empfanden sie absolut nichts von der vorgetäuschten Anteilnahme; das war bloß Mache. Erstarrt man vor Leid, wenn ein Kollege stirbt? Lähmt einen der Tod eines anderen? Nein, denn man ist ja nicht schuld. Der Tote ist es, der alle anderen verhöhnt.“ (S. 94)

Die Grenzen verschwimmen in „Platonische Liebe“ von Mieko Kanai: Die Ich-Erzählerin, eine erfolgreiche Schriftstellerin, wird gewissermaßen gestalkt. Nach jeder Veröffentlichung erhält sie einen Brief mit unbekanntem Absender. Der Schreiber wirft ihr vor, sie hätte seine Werke plagiert. Der originäre Autor wäre er. Mitten in einer Schreibblockade rückt der Unbekannte näher und schon bald weiß die Ich-Erzählerin nicht mehr, ob sie oder der Fremde der wahre Autor ihrer Erzählungen ist. Damit beschreibt Mieko Kanai ein für sie typisches Thema.

„Sonnenlicht“  von Nobuo Kojima gibt Einblick in die Nachbarschaftsbeziehungen des Ich-Erzählers. In Briefform wendet er sich an Frau I., deren Ehemann, ein Dichter, vor einer Weile verstorben ist. Verschiedene Gedankenfetzen und Erinnerungen an Begegnungen mit Frau und Herrn I. werden hier aneinander gereiht. Auch hier wäre der eine oder andere Kommentar durch die Herausgeber grandios gewesen, um der Erzählung in Briefform mehr Verständnis abgewinnen zu können.

„Kiriko“ ist Minako Obas Protagonistin. Auf dem Heimweg begegnet sie Keiichiro und erzählt ihm von ihren Schuldgefühlen gegenüber ihrer verstorbenen Mutter. Denn Tragisches hat sich an den Klippen des Ortes zugetragen. Mit dem gemeinsamen Spaziergang mit Keiichiro kann Kiriko vielleicht eine Sache zu Ende führen, die ihrer Mutter zu Lebzeiten nicht gelungen war.

„Zur Berghütte“ von Kyoji Kobayashi sticht durch den unkonventionellen Erzählstil heraus. Verschachtelt und wiederholend werden Eindrücke und Gedanken eingestreut, die trotz alledem ein Ganzes bilden. Der Protagonist wacht nach einer versoffenen Nacht auf und begibt sich verkatert zu einer Berghütte. In diesen Rahmen werden Songtexte, Gebrauchsanweisungen, Dialoge dritter, aufgeschnappte Geschichten kurz angerissen und später erneut aufgenommen. Die fünf Passagen von „Zur Berghütte“ waren interessant zu lesen – danach war’s dann aber auch wieder gut.

Yasushi Inoue bezieht sich mit „Im Schatten des Berges Bandai“ auf ein wahres Ereignis: Im Jahr 1888 brach der Ko-Bandai Vulkan aus. Yasushi Inoue schickt seinen Protagonisten, einen Landschätzer, in das Gebiet des Vulkans. Bereits als er und seine Mitarbeiter einen Pass überqueren, orakelt eine verrückte Alte nichts Gutes. Vor Ort kommt es zu mehreren Erdstößen, doch zur Flucht können sich die Menschen im Gegensatz zu den Tieren nicht aufraffen. Das Unheil ist vorprogrammiert…

In Taeko Konos „Der Eisenfisch“ steckt ebenfalls ein historischer Kern: Als menschliche Torpedos wurden junge Männer im zweiten Weltkrieg als Kamikaze im U-Booten eingesetzt. So auch der Ehemann der Witwe, die sich nach Jahrzehnten zum „Heiligtum“ begibt, wo ihr Mann als Held verehrt wird. Die Beschreibungen der Witwe konterkarieren die Heldenverehrung. Bei ihr reißen alte Wunden auf, als sie einen beborgenen derartigen Eisenfisch zu Gesicht bekommt.

Takako Takahashis Ich-Erzählerin sitzt in einem Shinkansen und gibt sich Gedanken an den Prototyp des Mannes hin, der sie Zeit ihres Lebens immer wieder „In Versuchung“ geführt hat.

Rie Yoshiyukis „Im Brunnen die Sterne“ entstammt einem gleichnamigen Band mit Kurzgeschichten, den die Autorin dem Thema seelische Grausamkeit und den traumatisierenden Folgen gewidmet hat. Shoko ist die ältere von zwei Zwillingsschwestern. Während Shoko eher passiv ist, wirkt ihre jüngere Schwester eher wie ein spitzbübischer Junge. In ihren 20ern heiratet Shoko nach einem Omiai ohne jemals vorher verliebt gewesen zu sein. Ihre Schwester hingegen hat sich ausgetobt und findet mit ihrem Ehemann schließlich ein passendes Gegenstück. Die Schwester begleitet ihren Ehemann ins Ausland und bekommt daher kaum mit, wie Shoko von ihrer neuen Familie an der kurzen Leine gehalten wird und langsam zerbricht.

Ebenfalls um eine unglückliche Ehe geht es in „Ein Wiedersehen“ von Ayoko Sono: Kazuhiko erinnert sich, wie er sich nach einer unangenehm gewordenen Affäre in die Ehe mit seiner Frau Haruko geflüchtet hat. Haruko ist weder ansehnlich, noch lässt es sich mit ihr gut unterhalten. Ein kleines Vermögen, das Haruko mit in die Ehe bringt, ist das einzige, was für die Gattin spricht. Nach 19 Ehejahren stirbt Haruko an einem Krebsleiden. Kazuhiko, der sich oftmals mit Geliebten vergnügt hat, findet seine Gattin auf spezielle Weise im Diesseits wieder.

„Vorübergehende Unruhe“ von Yoshiko Shibaki ist ein Paradestück, wie sich Familienmitglieder über Geldthematiken verstreiten bzw. anbiedern können: Takako wird überraschend von einem Immobilienmakler aufgesucht, der ihr und ihrer Mutter einen stattlichen Betrag für ein Grundstück offeriert, das über den Tod von Takakos Vater in Vergessenheit geraten ist. Takakos Geschwister, die sich bisher kaum mehr für ihre Verwandten interessiert haben, wittern Geld und unterbreiten ungefragt ihre eigenen Vorstellungen.

„Die schweigenden Händler“ in Yuko Tsushimas Erzählung stehen sinnbildlich für Tiere, die Kindern als Vaterersatz dienen. Yuko Tsushima, selbst eine alleinerziehende Mutter, greift damit eine für sie typische Thematik auf. Die Ich-Erzählerin beginnt mit Erinnerungen an ihre Kindheit ohne Vater am Rikugien-Park; später zieht sie selbst als alleinerziehende Mutter erneut in die Nähe des Parks.

„Unterwegs mit Maya“ ist Toshio Shimaos Ich-Erzähler, der zusammen mit seiner kleinen Tochter Maya in die Stadt K. gekommen ist. Primär hat er Geschäftliches zu erledigen, doch er nutzt den Aufenthalt dazu, sich selbst gastroenterologisch und seine Tochter neurologisch untersuchen zu lassen. Maya tut sich schwer, mit ihrer Außenwelt zu kommunizieren und so hält der Aufenthalt in K. einige Qualen für sie bereit.

„Alte Freunde“ von Shusaku Endo erscheint wie ein sehr autobiographisches Werk: Der Ich-Erzähler ist gerade von einem Auslandsaufenthalt nach Japan zurückgekehrt, als er den Anruf eines alten Freunds aus Jugendtagen, der nun katholischer Priester ist, erhält. So wird der Wunsch an ihn herangetragen, doch bitte am Jahrestag seiner Priesterweihe mit anderen ehemaligen Kumpanen zusammen zu kommen.

Der Autor Takeshi Kaiko war ein Weltenbummler und so verwundert nicht, dass sich auch sein Ich-Erzähler in „Die zerriebene Kugel“ im Ausland herumtreibt. Eines Tages im Jahr 1966 wacht er in irgendeiner Hauptstadt auf und beschließt, dass es Zeit ist, nach Japan zurückzukehren. Die Flugroute führt ihn jedoch zuerst nach Hongkong und zu seinem alten Bekannten Zhang, mit dem er philosophische Gespräche führt. Während die beiden Männer sich über Abstraktes unterhalten, geschieht in der Welt der Literatur etwas ganz Konkretes: Der chinesische Autor Lao She wird tot aufgefunden. Ob er zu Tode geprügelt wurde oder Selbstmord beging ist bis heute nicht aufgeklärt.

„Erkundungen – 19 japanische Erzähler“ enthält zwar viele Erzählungen, jedoch wäre es mir lieber gewesen, wenn statt dieser Fülle etwas mehr Wert auf ergänzende Erklärungen gelegt worden wäre. Wenn man sich nicht ohnehin schon etwas mit den Autoren und Autorinnen beschäftigt hat, dann fehlen teilweise wichtige Hintergrundinformationen, die für die Deutung der Erzählungen nicht unwesentlich sind.

Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne & Haase, Heinz (Hrsg.): „Erkundungen – 19 japanische Erzähler“ (Übersetzung aus dem Japanischen bzw. Englischen: Haase, Heinz/Ito-Pokorny, Friedl/Naito, Michio/Pfeiffer, Sigrid/Rau, Edith/Rönsch, Rainer/Schlecht, Wolfgang E./Simon, Andreas/Stalph, Jürgen/Uhl, Christian und Yoshida-Krafft, Barbara), Volk & Welt, Berlin 1989, ISBN 3-353-00581-1

Mittwoch, 24. September 2014

„Japan erzählt“ herausgegeben von Margarete Donath

Einen schönen Überblick über die japanische Literatur bietet der Band „Japan erzählt“, der von Margarete Donath herausgegeben wurde – insbesondere durch das Nachwort der Herausgeberin, das erklärt, warum welche Autoren ausgewählt wurden.

Ryunosuke Akutagawas „Der Faden der Spinne“ macht den Anfang in „Japan erzählt“. Der Autor stellt ein Bindeglied zu vielen anderen in dem Band vertreten Schriftstellern her, haben diese doch schließlich den Akutagawa-Literaturpreis erhalten oder wurden dafür nominiert. Ryunosuke Akutagawas Erzählung entführt in die buddhistische Hölle. Hier quält sich der Räuber Kandata im Blutteich. Buddha im Paradies erinnert sich an eine gute Tat des Räubers und schickt ihm den sprichwörtlichen seidenen Faden. Ist dies die Rettung Kandatas oder wird der Räuber die gebotene Chance nicht nutzen?

Junichiro Tanizaki ist mit seiner ersten Erzählung „Tätowierung“ vertreten, die dem Autor zu großer Bekanntheit verholfen hatte und die schließlich auch verfilmt wurde. Sadomasochismus und eine Femme fatale sind die Themen des Debütwerks: Der Tätowiermeister Seikichi pflegt seine Kundschaft mit seiner Nadel besonders gern zu quälen und ergötzt sich an dem Leid der Gepeinigten. Sein großer Wunsch ist es, die perfekte Frau mit einer Tätowierung zu schmücken. Durch Zufall soll diese in seine Wohnung gelangen. Es zeigt sich, dass die jugendliche Maid selbst für sadistische Anwandlungen zu haben ist. Seikichis Tätowierung lässt ihr ihre wahre Bestimmung bewusst werden.

Naoya Shiga stellt in „Die Verbrechen des Han“ die Frage nach Schuld und Unschuld: Der Zirkusartist Han hat vor versammeltem Publikum seine Ehefrau und Show-Partnerin beim Messerwerfen getötet. War es ein tragischer Unfall oder hat Han absichtlich auf den Körper seiner Frau gezielt? Schließlich lagen Han und seine Gemahlin schon lange im Streit. Doch selbst Han ist sich über seine bewussten und unbewussten Handlungen nicht im Klaren.

Yasushi Inoues „Ein Brief aus der Wüste“ ist an einen längst verstorbenen Freund des Ich-Erzählers gerichtet. Der Ich-Erzähler befindet sich fernab der Zivilisation in der Wüste Takla Makan. Als ihm ein Soldat anbietet, die Post nach Japan mitzunehmen, damit sie schneller ihr Ziel erreicht, kommt er ins Grübeln: Wem soll er denn bitte bloß einen Brief schreiben? Da kommt ihm sein verstorbener Jugendfreund ins Gedächtnis, der in ihm einst mit dem Gedicht

„Hart
klirren die Kieselsteine.
Es ist Herbst.“ (S. 38)

das Interesse an der Literatur geweckt hatte.

Mit „Der Bergasket“ nimmt Kenji Nakagami den Leser mit auf eine surrealistische Pilgerreise. Der Protagonist erlegt sich die Bergwanderung als Buße auf – hat er doch oftmals seine Frau geprügelt, die sich am liebsten von ihm trennen würde. Wie in einem Fieberwahn wird er Zeuge von metaphysischen Erfahrungen, die ihm hoffentlich zur Besserung verhelfen.

Tagelang fällt schon „Regen“ in Shotaro Yasuokas Erzählung. Der Ich-Erzähler hat das Wetter, das ihm in Mark und Bein kriecht, langsam satt. Das Geld ist fast zu Ende und so kauft er sich ein Hackebeil, um einen Einbruch zu begehen. Doch was er auch anstellt, um ein Verbrechen zu begehen – so richtig mag es nicht gelingen.

Yukio Mishima erzählt in „Rosinenbrot“ von dem Nihilisten Jack, der sich auf eine Party von Gleichgesinnten begibt, die sich an einem abgeschiedenen Strand tummeln. Es geht gar ekstatisch zu: Kongas werden geschlagen, archaische Tänze werden vollführt und ein lebendes Huhn wird der Tollheit geopfert. Zwar sind sich die versammelten Herrschaften einig, dass „die Welt ohne Sinn und alle Menschen minderwertig seien“ (S. 76), dennoch wird Jack als ein „durchsichtiger Kristall“ (S. 70) beschrieben und sieht die „Heiligung im Schmerz“ (S. 79). Soviel zu Minderwertigkeit und genereller Sinnlosigkeit – und Kohärenz in der Erzählung. Der zweite Teil der Erzählung findet in Jacks Wohnung statt: Jack liest Lautréamonts „Die Gesänge des Maldoror“, macht sich dann aber auf die ganz profane Suche nach Essbaren in seinem leeren Kühlschrank. Es findet sich ein Stück von Ameisen befallenem Rosinenbrot, das er noch kaut, als sein Kumpel Gogi in Jacks Bude aufkreuzt, um sich mit seiner neuen Freundin ein Stelldichein zu geben.

Die „Erdbeeren“, die der Mann der Autovertreterin Mieko Mizawa als Snack reichen mag, führen zu einer ungewöhnlichen und intimen Unterhaltung: Mieko muss die Erdbeeren ablehnen, denn die kleinen Kernchen würden unangenehm unter ihr Gebiss rutschen. Sie kommt in Erklärungsnot, als der Mann nachfragt, warum eine so junge Frau bereits keine Zähne mehr im Unterkiefer hat. Da erzählt sie von ihrem Ehemann und einer Freundin, beides Gebissträger, und dem Wunsch, den beiden nachzueifern. Junnosuke Yoshiyukis Erzählung ist geprägt von einer subtilen Erotik von Geheimnissen, Erdbeeren und roten Lippen.

Fumiko Enchi beschreibt in „Ahorn im Winter“ eine Frau im Herbst ihrer Jahre. Yoko ist ihr Name und als TV-Schauspielerin probt sie gerade ihre Rolle als alternde Frau, deren Tochter mit einem älteren Mann liiert ist. Das Bild eines Liebespaares mit großem Altersunterschied zieht sich als großes Thema durch die Erzählung. Während die Konstellation älterer Mann und jüngere Frau gesellschaftsfähig ist, ist die umgekehrte Variante verpönt bis unmöglich. Fumiko Enchi lässt dieses Beziehungsparadox unkommentiert stehen, weswegen die Erzählung erst im Nachklang zu sacken beginnt.

Die Autorin Ineko Sata, die der proletarischen Literaturbewegung angehörte, thematisiert in „Ihr eigenes Herz“ das Phänomen des O-miais: Fumiko soll verheiratet werden, hat aber wenig Lust auf eine arrangierte Hochzeit. Sie ist zwar eine gehorsame Tochter und geht auch brav auf die Treffen mit den Ehekandidaten, ihr ist jedoch das Gefühl zuwider, wie eine Ware taxiert zu werden. Ihre jüngere Schwester hat dagegen eine Liebesheirat durchgesetzt und damit gegen die Konventionen vor der älteren Schwester geheiratet. Auch ist ihr Umgang mit dem Ehemann weit weniger als üblich von patriarchalischen Werten gekennzeichnet.

Sawako Ariyoshi entführt den Leser in die kleine Bar „Laternchen“, die sich in einer Seitenstraße der Ginza befindet. Hier geht es relativ gemütlich zu: Die Räumlichkeiten sind so klein, dass die Bar mit nur wenigen Besuchern voll wirkt und die Mama gibt den Männern gleich das Gefühl, Stammgäste zu sein. Das Erfolgsrezept des „Laternchen“ lautet:

„In einer Bar, wo die Besitzerin kein guter Mensch ist, finden sich auch keine Gäste ein, denn Trinker sind unbestechlich.“ (S. 143)

Zwei Mädchen unterstützen die Mama, doch aus tragischen Gründen ist eine der Barmädchenstellen gerade vakant. Aus Gutmütigkeit nimmt die Mama die hypersensible Shizu bei sich auf. Ob ihr der Job im Laternchen gut tut?

Minako Oba lässt ihre Ich-Erzählerin in „Blauer Fuchs“ recht unkonventionell aus dem klassischen Rollenmuster fallen: Die konfuzianische Pietät gegenüber ihrem Vater ist ihr recht schnurz. Sie lebt mit ihrem Partner zusammen, den sie Grille nennt, geht aber mit dem blauen Fuchs eine Affäre ein, der ihr vor Jahren einen Heiratsantrag gemacht hat.

Mieko Kanais Erzählung „Platonische Liebe“, die dem gleichnamigen Erzählband entnommen ist, der 1979 mit dem Izumi-Kyoka-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, greift ein typisches Thema der Schriftstellerin auf: Das Selbstverständnis der Ich-Erzählerin, die Autorin ist, wird durch eine unbekannte Frau bedroht, die sich brieflich nach jeder Veröffentlichung der Protagonistin meldet und behauptet, die eigentliche Verfasserin der schriftstellerischen Werke zu sein. Die Ich-Erzählerin beginnt bald selbst an sich zu zweifeln. Ist sie wirklich eine Autorin oder nur eine Plagiatorin?

Auch das Sujet von Yuko Tsushimas „Heimlicher Handel“ ist ein recht typisches: Eine alleinerziehende Mutter sinniert über die Funktion von Tieren für Kinder, die ohne Vater aufwachsen. Sind sie vielleicht sogar ein Vaterersatz?

Taeko Konos „Der Eisenfisch“ erzählt die traurige Geschichte einer Kriegswitwe. Kaum verheiratet wurde ihr Ehemann eingezogen – er sollte als maritimer Kamikaze in einem bemannten Torpedo sterben. Erst Jahrzehnte später stellt sich die Witwe der Vergangenheit, als sie zum Yasukuni-Schrein aufbricht, in dem ihr Mann angeblich als Gott verehrt wird. Es werden alte Wunden aufbrechen, als sie einen der tödlichen „Eisenfische“ in Realität sehen wird.

In Masuji Ibuses „Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ reflektiert Okuyama seine Erinnerungen an den Pazifik-Krieg. In seiner Funktion in einer Transporteinheit traf er auf Oberst Nishi, der kurze Zeit später sterben sollte. Über das Lied „Alte Kameraden“ hat Okuyama damals in bitterer Notlage gesprochen – in der Jetzt-Zeit wird dieses Lied für unlautere Zwecke missbraucht.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Stolz der Toten“ ein Stimmungsbild der Studenten der ausgehenden 50er Jahre: Es ist ein Leben der Hoffnungslosigkeit; die Studenten funktionieren einfach. Ein erneuter Krieg wird vielleicht alles endgültig in den Abgrund reißen. Als Metapher für die Sinnlosigkeit lässt Kenzaburo Oe seinen studentischen Protagonisten eine recht grauslige Aushilfstätigkeit verrichten: Er soll helfen, konservierte Leichen von einem Aufbewahrungsbecken in ein anderes umzulagern. Doch wie es sich zeigen soll, wird diese Mühe völlig umsonst sein.

„Japan erzählt“ aus den 90ern enthält drei für diesen Band neu übersetzte Erzählungen; vier wurden aus dem gleichnamigen Buch aus den 60ern entnommen. Die restlichen zehn Erzählungen stammen aus anderen Anthologien. Daher trifft man in „Japan erzählt“ auf viele bereits bekannte Werke, wenn man sich schon etwas mit japanischer Literatur auseinandergesetzt hat. Dennoch ist die Mischung sehr gelungen, auch wenn man die eine oder andere Erzählung in diversen anderen Anthologien ebenfalls findet und gegebenenfalls schon dort gelesen hat.

Bibliographische Angaben:
Donath, Margarete (Hrsg.): „Japan erzählt“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Berndt, Jürgen/Brasch, Heinz/Donath, Diana/Donath, Margarete/Gössmann, Hilaria/Hijiya-Kirschnereit, Irmela/Gelbrich, Ekkehard/Gelbrich, Itsuko/Schaarschmidt, Siegfried & Yoshida-Krafft, Barbara), Fischer, Frankfurt/Main 1991, ISBN 3-596-10162-X

Donnerstag, 23. Januar 2014

„Blüten im Wind“ herausgegeben von Barbara Yoshida-Krafft

17 Essays von 16 Autoren versammelt Barbara Yoshida-Krafft in dem Band „Blüten im Wind“. In ihrem Vorwort beschreibt die Herausgeberin die Funktion des japanischen Essays:

„Wenn der Essay Erinnerung wachruft – und er tut es häufig – gerinnt die Erinnerung des einen Autors zur Erinnerung aller. Der Essay [ist] also auch das Gedächtnis der Nation.“ (S. 19)

Die Essays erinnern an tagebuchartige Einträge oder beschreiben längst vergangene Situationen. Die Texte wirken wie frei erzählt, sollen sie doch einem echten, spontanen Gefühl entsprechen und nicht streng durchkomponiert erscheinen. So sind die japanischen Essays ein Tor zum Leben der Autoren, da sie sehr viele autobiographische Informationen enthalten.

So erzählt der 94-jährige Maler Seifu Tsuda in der „Plauderei eines Langlebigen“ über seinen Alltag: Wie er frühstückt, wie er die Zeitung, zu allererst die Todesanzeigen, liest und dabei stolz auf sein hohes Alter ist. Dass er Ringkämpfe liebt, komplizierte Bücher dagegen gar nicht. Auch auf das Malen kommt er zu sprechen: Die Natur bildlich abzubilden ist seine Leidenschaft. Der Methusalem beendet seinen Essay mit:

„Im Fallen noch bleibt die weiße Päonie schön.“ (S. 31)

Im hohen Alter von 98 Jahren sollte Seifu Tsuda schließlich selbst sterben.

Ebenfalls auf Blumen bezieht sich der Universitätsprofessor und Essayist Takaki Okubo in „Kosmeen im Parc de Bagatelle“. Mitten in Europa, im Pariser Parc de Bagatelle, findet sich Takaki Okubo ganz überraschend im japanischen Herbst wieder. Nachdem er die verschwenderische Blumenanpflanzung bewundert, steht er plötzlich vor Kosmeen, die für ihn Wehmut und Stille repräsentieren. Von den Blumen kommt der Autor auf das ausgeprägte Jahreszeitverständnis der Japaner zu sprechen.

Der Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata ist mit „Im Schein der Öllampe“ in „Blüten im Wind“ vertreten. Der Essay gewährt einen intimen Einblick in das Familienleben des Autors, als er zusammen mit seinem kranken Großvater lebte; dasselbe Thema, dem sich Yasunari Kawabata auch in der Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ gewidmet hat.

Über die „Leiden der Literatur“ schreibt Kazumi Takahashi. Wie der Titel impliziert, ist der Essay von einer sehr negativen Stimmung geprägt. So schreibt der Autor:

„Die Luft der Realität ist zu befleckt, mit allzuviel Lärm erfüllt, mit zu vielen Bedingungen erschwert, als dass auch nur ein schwacher Ausdruck der dunklen Seite des Herzens zustandekommen könnte.“ (S. 48)

Hier bezieht sich Kazumi Takahashi auf die Vorwürfe, die sich Kan Kikuchi nach dem Selbstmord seines Freundes Ryunosuke Akutagawa machte. Doch auch Kazumi Takahashi liebäugelt des nächtens hin und wieder mit dem Gedanken an den Freitod, während er sich tagsüber seinen Studenten als würdevollen Dozenten präsentiert. Kazumi Takahashi offenbart in dem sehr persönlichen Essay seine dunkle Seite und spricht davon, dass er innerlich verdorrt ist und er sein bisheriges Leben so nicht weiterleben kann. Er hadert mit der Anständigkeit und Rechtschaffenheit, die seinen Geist verderben.

In  „Mit 18 und mit 34 Jahren – zwei Porträts“ schreibt Yukio Mishima über zwei seiner Lebensphasen. Mit 18 schwebt der Tod wie ein Schreckensgespenst über Yukio Mishima und seinen Mitschülern – der zweite Weltkrieg tobt und die jungen Männer rechnen fest damit, ihr leben lassen zu müssen. So fügt sich Yukio Mishima auch dem Wunsch seines Vaters, Jura zu studieren. Er glaubt ohnehin, dass sein Leben nicht von allzu langer Dauer sein wird. Mit Leib und Seele ist Yukio Mishima bereits Literat: Er gibt zusammen mit anderen eine Literaturzeitschrift heraus, verschlingt Romane anderer Autoren, an denen er vor allem die Metaphern bewundert und liebt es, am Schreibtisch zu sitzen, um zu schreiben. Mit 34 wirkt die Selbstbeschreibung weniger schmeichelhaft, wenn auch selbstironisch: Der Autor ist recht selbstverliebt und hat die intellektuellen Vorlieben gegen Unterhaltungsfilme und Beef Steaks eingetauscht. Auch das Thema des Todes behandelt er in seinem Essay: Bevor ihn eine Krankheit dahinrafft, möchte er lieber von einem Gewehrschuss getötet werden. Bereit ist er nicht für den Tod, er räumt jedoch ein:

„Und doch ist der Todesgedanke die süßeste Mutter meiner Arbeit.“ (S. 58)

Shohei Ooka illustriert in „Erinnerung an Schnee“ nicht irgendwelche Gedanken an die weiße Pracht. Er geht auf seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Putschversuch vom 26. Februar 1936 ein, als Teile des Militärs die Macht an sich reißen wollten. Die Ruhe eines Schneetages wirkte an jenem verschneiten Februar doppelt dicht. Straßensperren legten den Verkehr still, die Menschen mussten teilweise ihre Wohnungen räumen. Kurz nach dem Coup d’Etat verließ Shohei Ooka Tokio Richtung Kamakura – die Hauptstadt war ihm verleidet…

Shohei Ooka begegnet dem Leser in Tsuneari Fukudas Essay „Teufel“ gleich nochmals. Dem schlafmittelabhängigen Fukuda entlockte Ooka so manches Geheimnis, nachdem Erster seine Medikamente eingenommen hatte. Ohne sich an die eigenen Enthüllungen erinnern zu können, harrt Fukuda den Veröffentlichungen von Ooka und hofft, nicht darin entblößt zu werden.

Über Musik handeln die Essays „Ein Ton“ von Toru Takemitsu und „Gesang der Rheintöchter – an einem Regentag“ von Hidekazu Yoshida. Der Komponist Toru Takemitsu philosophiert über den Ton und die Pause in der japanischen Musik und ihren Gegensatz zur westlichen. Auch der Musikkritiker Hidekazu Yoshida plaudert amüsant über westliche Musik. Da kommt insbesondere die deutsche Klassik nicht besonders gut weg: So beschwört Hidekazu Yoshida gern das Bild des Nebels in deutschen Wäldern und die Sehnsucht nach der Sonne des Südens, die er aus Brahms und Wagner heraushören will. Von Hidekazu Yoshida ist mit „Nakahara Chuya – ein Dichterporträt“ ein zweiter Essay in „Blüten im Wind“ enthalten. Als Student mietet sich Hidekazu Yoshida bei einem Professor ein, über den er den Dichter Chuya Nakahara kennenlernt. Er zieht zusammen mit dem Lyriker um die Häuser, übernachtet bei ihm und lässt sich von ihm Französisch beibringen. Anhand von eingeflochtenen Gedichten von Chuya Nakahara beschreibt er den Charakter des Dichters und weist insbesondere auch die Tragik um den Tod von Chuya Nakaharas Kind hin, der bereits seinen Schatten auf den baldigen Tod des Dichters selbst warf.

Chiyo Uno gesteht in „Der richtige Moment“, dass ihr im Alter von 40 Jahren die Erkenntnis kam, dass sie kein Talent hatte, bei den Lesern wahres Interesse für die Handlungen ihrer Werke zu wecken. Darüber hinaus gewährt die Autorin dem Leser einen Einblick in ihre ganz persönliche Schreibpraxis.

Minako Oba erzählt von ihren „Erinnerungen an die ‚Geschichte vom Prinzen Genji’“: So war nach dem Ende des zweiten Weltkriegs fast nur klassische Literatur zu bekommen und Minako Oba begann also als Teenager die „Geschichte vom Prinzen Genji“ zu lesen und zu lieben. Obwohl sich die Autorin mehr und mehr der europäischen Literatur zuwandte, blieb der höfische Roman doch stets ein Wegbegleiter, sogar bis in die USA.

Auch Takako Takahashi, die Ehefrau von Kazumi Takahashi, berichtet über den Schreibprozess, in dem sie besonderes Augenmerk auf  „Das Haus als Schauplatz der Erzählung“ legt. Bereits in der Entwurfphase stellt sich die Schriftstellerin genau vor, in welchen Räumlichkeiten die Handlung ablaufen wird. Ob dies wohl daran liegt, dass sie selbst in einem großen Haus aufgewachsen ist?

Der Druckgraphiker und Künstler Masuo Ikeda spricht in „Das Morgen gestalten“ von seinen anfänglichen Minderwertigkeitskomplexen, „nur“ ein Druckgraphiker zu sein, und präsentiert sein derzeitiges Selbstverständnis.

Mit Shuichi Katos „William Turner und England“ wird ein kunstgeschichtlicher Essay präsentiert. Der Autor hüpft von Constable zu Shakespeare, um dann bei Monet zu landen und mit Turner zu vergleichen.

Um Kunst und Antiquitäten geht es auch in Hideo Kobayashis „Echtes und Gefälschtes“. Mit amüsiertem und amüsierenden Blick werden die Sammelleidenschaft porträtiert und psychologische Effekte dargestellt, wenn sich eine Antiquität als Fälschung herausstellen sollte.

Ryoichi Ikushima schreibt in „Über No als empirisches Erlebnis“, dass sich für ihn im No der japanische Schönheitssinn am vollkommensten offenbart. Als Metapher für das Raffinement gelten ihm die weißen Tabi der No-Meister. Zudem geht Ryoichi Ikushima auf die Macht ein, die in den No-Masken inne zu wohnen scheint.

Ich gebe zu, dass Essays nicht gerade meine Lieblingslektüre sind. Jedoch gelingt es Barbara Yoshida-Krafft, den Leser für das Genre zu begeistern. Die Auswahl der Essays ist sehr gelungen, das Vorwort aufschlussreich und insbesondere die Anmerkungen zu den Autoren stellen die Werke nochmals in einen Sinnzusammenhang. Auf diesem Wege werden nicht nur einzelne Essays präsentiert, sondern die intimen Werke mit dem Werdegang der Autoren verknüpft. So kann sogar ich mich für Essays begeistern!

Bibliographische Angaben:
Yoshida-Krafft, Barbara (Hrsg.): „Blüten im Wind“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Edition Erdmann, Tübingen 1981, ISBN 3-88639-506-5

Donnerstag, 14. Juni 2012

„Träume fischen“ von Minako Oba

Minako Obas „Träume fischen“ ist ein etwas eigenwilliges Gespinst aus Vergangenheit, Gegenwart, Traum und Mythos. Die zentrale Figur ist Mayuko, die zusammen mit den Nachbarssöhnen Ton und Haku aufgewachsen ist. In Rückblenden erinnert sich Mayuko an Szenen aus der gemeinsamen Kindheit, in denen das Dreiergespann japanische Mythen nachspielt. Mayuko erhält freilich die Rolle der Prinzessin, die gerettet werden muss.

Obwohl man vermuten könnte, Mayuko würde einen der Nachbarssöhne ehelichen, kommt es anders: Die Männer erwählen sich ihre Ehefrauen (eine Schauspielerin bzw. eine Bardame) selbst, während Mayuko eine vernünftig wirkende, arrangierte Ehe eingeht. Haku zieht schließlich zusammen mit seiner Ehefrau in das Haus seiner Eltern, während Mayuko als einzige Tochter ohnehin zusammen mit dem Ehemann im Elternhaus wohnt. So werden beide wieder zu Nachbarn. Doch auch ihre jeweiligen Ehepartner finden zueinander: Nach einem Busunfall mit Todesfolge wird offenbar, dass Mayukos Ehemann und Hakus Ehefrau eine Affäre hatten. Einer Annäherung von Mayuko und Haku steht nun nichts mehr im Wege.

In zweiter Generation wächst währenddessen Mayukos Tochter mit Hakus Sohn auf. Die beiden nehmen den direkten Weg und werden ein unzertrennliches Liebespaar.

Ohne wirklichen Höhepunkt verschränken sich die Rückblenden mit der Gegenwart, in die Mayukos Träume eingebunden werden. Noch nicht einmal der Tod der untreuen Ehepartner löst großmächtig negative Gefühle aus. Und auch Mayukos Haltung, was ihre (finanzielle) Unabhängigkeit betrifft, ist nicht so recht nachvollziehbar. Ich habe mir recht schwer getan mit „Träume fischen“, auch wenn die Autorin Hinweise im Klappentext zur Deutung gibt: Die Welt ist geprägt von Einsamkeit und Verlassenheit. Träume haben die Funktion, die Verflechtungen der Welt herzustellen. Deswegen gilt es für die Menschen, möglichst viele dieser Träume zu „fischen“.

Doch irgendwie hat man nicht den Eindruck, dass die Träumerin Mayuko ihre Einsamkeit so recht reduzieren kann...

Donnerstag, 19. April 2012

„Frauen in Japan“ herausgegeben von Barbara Yoshida-Krafft

„Frauen in Japan“ lässt zehn japanische Schriftstellerinnen zu Wort kommen, die mit ihren Erzählungen die (sich wandelnde) Frauenrolle in der japanischen Gesellschaft illustrieren.

Taeko Konos Erzählung „Knochenfleisch“ (auch in dem Volk und Welt-Band „Das verhasste Alter“ als „Fleischbröckchen“ erschienen) ist die skurrile Geschichte einer Trennung. Nachdem der Mann die Frau verlassen hat, verliert sie ihren Geschmackssinn. Während der Beziehung hatte sie noch so gerne mit ihrem damaligen Partner geschlemmt. Am liebsten würde sie nun alles verbrennen, das an den Mann erinnert: Seine zurückgelassenen Besitztümer, ihre Wohnung, ja gar sich selbst.

Fumiko Enchi beschreibt in „Das Ehepaar“ die Beziehung des in die Jahre gekommenen Ehepaars Tomimori: Der Ehemann Kaichi ist ein Relikt aus der Meiji-Zeit und hält an dem steifen und lieblos wirkenden Verhalten gegenüber seiner Ehefrau Ikuyo fest – selbst als sie krank wird.

Rie Yoshiyukis „Im Brunnen die Sterne“ zeichnet die Lebenswege zweier ungleicher Zwillingsschwestern: Die Jüngere heiratet aus Liebe und führt ein selbstständiges Leben. Die ältere Schwester Shoko lernt ihren Ehemann über ein Omiai kennen. Die Schwiegermutter zieht bald zu dem Ehepaar und ist die neue Herrin des Hauses. Shoko wird kurz gehalten, bevormundet und bald nicht mehr dieselbe…

Auch Tomoko und Takako aus Taeko Tomiokas „Heirat" sind Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Tomoko ist eine alte Jungfer, hat im Alter jedoch ein Omiai absolviert und sich entschlossen, doch noch zu heiraten. Takako hatte sich mit einem sehr viel jüngeren Mann verheiratet, der sie jedoch bald wieder verlassen hatte. Dennoch ist sie auf dem Papier immer noch verheiratet. Bricht nun die jahrzehntelange Allianz der Schwestern wegen einem Mann, den Tomoko nur über ein Omiai kennt, auseinander?

Ineko Sata thematisiert in „Ihr eigenes Herz“ ebenfalls ein Omiai. Doch Fumiko hat eigentlich so gar keine Lust auf eine arrangierte Ehe – sie fühlt sich wie eine Ware, die es beim Omiai besonders gut anzupreisen gilt. Auch die Eltern taktieren, ob nicht ein solventerer Ehemann für Fumiko aufzutreiben ist und versuchen, sie an einen anderen zu verkuppeln. Dagegen hat Fumikos Schwester ihren Mann im Studium kennen gelernt und hält nichts von unterwürfigem Verhalten ihrem Partner gegenüber.

Chiyo Unos „Glück“ enthält wie ihr autobiografischer Roman „Die Geschichte einer gewissen Frau“ einige Anhaltspunkte, dass es sich bei der Protagonistin Kazue um die die Autorin selbst handelt. Kazue ist eine glückliche Frau, vor allem deswegen, weil sie sich selbst dafür hält und nicht, weil ihr allzu viel Glück widerfährt. Sie lebt ein unkonventionelles, sogar sprunghaftes Leben, hat viele Partner und hat einen Hang dazu, sich – ebenso wie die Autorin – gerne bei größeren Veränderungen ein neues Haus zu bauen.

Fumiko Enchi ist mit „Ahorn im Winter“ gleich ein zweites Mal in „Frauen in Japan“ vertreten: Die Protagonistin Yoko ist eine Schauspielerin um die 50 Jahre. Eigentlich wollte sie den viel jüngeren Tachibana mit ihrer Nichte verkuppeln – doch wie’s der Teufel will verliebt sie sich selbst in ihn. Ihr etwa gleichaltriger Schauspielerkollege Fujiki hat’s als Mann da schon weit einfacher mit seiner neuen Flamme, die gerade einmal Mitte 20 ist.

„In Versuchung“ ist Takako Takahashis Ich-Erzählerin. Während diese im Shinkansen sitzt, lässt sie ihren Erinnerungen freien Lauf und reflektiert über diverse Männerbekanntschaften, die doch alle auf das Bild „jenes Mannes“ einzahlen.

Die drei Teile von Yuko Tsushimas „Unsere Väter“ werden je von den drei Schwestern einer vaterlosen Familie erzählt. Nach dem Tod der Großmutter ziehen sie zusammen mit der Mutter aus dem altmodischen Haus aus, um in einer Reihenhaussiedlung ihr neues Zuhause zu finden. Doch richtig glücklich werden sie dort nicht. Die Mutter wendet sich dem Christentum – und dem Pater näher zu.

„Kiriko“ trifft in der gleichnamigen Erzählung von Minako Oba auf dem Heiweg den älteren Nachbarn Keiichiro. Es entspannt sich dabei ein Gespräch über das Patriarchat, unterschiedliche Beziehungen zwischen Ehepartnern und Eifersucht.

„Tanzender Ruß“ von Sawako Ariyoshi skizziert ein auf den Kopf gestelltes Familienleben in den 50er Jahren. Der Weltkrieg hat den Vater in seiner beruflichen Karriere so weit zurückgeworfen, dass er den Unterhalt für die vierköpfige Familie nicht mehr allein bestreiten kann. Die Tochter, die bereits 30 Jahre und unverheiratet ist, verdient mit ihrer Arbeit um einiges mehr als der Vater und bestreitet mit ihrem Gehalt einen Löwenanteil der anfallenden Kosten. Deswegen nimmt sie es sich auch heraus, Männerbekanntschaften nachts mit nach Hause zu bringen; meist in betrunkenem Zustand. Der Vater missbilligt dieses Verhalten in höchstem Maße, doch die Tochter begegnet ihm nur mit Verachtung.

„Frauen in Japan“ liefert ein breites Spektrum unterschiedlicher Frauenschicksale innerhalb der sich wandelnden japanischen Gesellschaft. Die Erzählungen variieren sehr stark im Vermögen, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen. Manche wirken mehr wie Assoziationsketten, andere haben Tagebuchcharakter und wiederum andere verfügen über einen kleinen, aber feinen Spannungsbogen.

Ergänzt werden die Erzählungen einerseits durch das sehr lesenswerte Vorwort von Barbara Yoshida-Krafft über die Geschichte der weiblichen Autorinnen in Japan von der Hofdamenliteratur bis hin zur Moderne. Zudem finden sich im Anhang interessante Biografien der Autorinnen auf je ein bis drei Seiten. „Frauen in Japan" ist übrigens eine Lizenzausgabe des Bandes „Das elfte Haus" vom Iudicium-Verlag mit selben Inhalt.

Sonntag, 25. September 2011

„Tanze, Schneck, tanz“ von Minako Oba

Mit „Tanze, Schneck, tanz“ erzählt Minako Oba Geschichten aus ihrem Familien- und Verwandtenkreis. Wie oft bei japanischen Büchern wurden die einzelnen Kapitel von „Tanze, Schneck, tanz“ zuerst als singuläre Folgen in einer Zeitschrift abgedruckt, bevor schließlich das Buch daraus entstand.

So erzählt Minako Oba von ihren Großmüttern, die bereits einem modernerem Frauentyp entsprachen. Von ihrer Mutter, die optisch einem „modern girl“ glich. Von den Großvätern und ihrem Vater, die ihren eigenen unkonventionellen Lebensstil pflegten. Von den Launen ihrer Tanten. Von dem Schicksal ihrer mittellosen Mitschülerinnen. Von ihrem Treffen mit Yasunari Kawabata.

In diesen persönlichen Erzählungen ist auch die japanische Geschichte eingebettet: Der Weltkrieg, die Modernisierung, das harte Leben der Pachtbauern. Doch alle Entwicklungen und Geschehnisse spiegeln sich nur im Mikrokosmos der Familie wider ohne einen großen geschichtlichen Erklärungszusammenhang zu liefern. Minako Oba erzählt dabei aus ihrer eigenen Perspektive auch über Ereignisse vor ihrer Geburt, auf die sie sich nur durch das Hörensagen bezieht.

„Tanze, Schneck, tanz“ ist damit ein sehr anschauliches Stück japanische Familiengeschichte mit lustigen Anekdoten über die Schrulligkeit der Verwandtschaft: Der Großvater beispielsweise kehrte von Ausritten ganz gerne erst dann zu Fuß zurück, wenn er den Gegenwert des Pferdes in einer Kneipe versoffen hatte.

Dennoch ist das Lesen etwas anstrengend: Minako Oba springt von Assoziation zu Assoziation und folgt damit der japanische Schreibtradition des Zuihitsu; des „dem Pinsel folgen“. Dadurch wird die Geschichte eines Verwandten nicht stringent erzählt. Die Autorin hüpft von der einen Anekdote über den Großvater zu einem Gedankengang über den Vater und dann wieder zurück zum Großvater. In einer europäischen Lesart ist „Tanze, Schneck, tanz“ dadurch etwas konfus geraten, was jedoch nicht den Lesegenuss schmälern sollte.

Dienstag, 20. September 2011

Minako Oba

Minako Oba (Jahrgang 1930) war schon als Kind eine Leseratte – selbst während der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg las sie. Durch die Nähe ihres Wohnorts zu Hiroshima wurde die Jugendliche Minako Oba als Hilfskraft in die von der Atombombe zerstörte Stadt geschickt. Nach dem Krieg studierte sie Anglistik an der Tsuda Frauenuniversität. T. S. Eliot inspirierte sie zu ersten eigenen Gedichten. Insbesondere William Faulkner, Ernest Hemingway und John Steinbeck zählten zu ihren Lieblingsautoren.

Nach ihrem Abschluss 1953 unterrichtete sie an mehreren weiterführenden Schulen. Krankheitsbedingt kehrte sie jedoch bald zu ihren Eltern nach Niigata zurück und widmete sich der Buchlektüre und dem Schreiben von Gedichten. 1955 heiratete sie Toshio Oba – unter der Bedingung, dass er ihr auch weiterhin das Schreiben erlauben würde.1959 zog die Familie Oba nach Alaska, da Toshio dorthin versetzt wurde. Diesem Umstand verdankte Minako Oba die Möglichkeit, zu reisen und sich an der Universität von Wisconsin fortzubilden. 1963 entstand schließlich ihre erste Kurzgeschichte.

1968 veröffentlichte die japanische Zeitschrift Gunza Minako Obas aus Alaska eingeschickte Kurzgeschichte „Die drei Krabben“, die den Akutagawa-Preis erhielt. Dies war der Startschuss für ihre weitere literarische Karriere. 1982 erhielt sie den Tanizaki-Preis

Minako Oba starb 2007 in Folge eines Infarkts, den sie 1996 erlitten hatte.

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