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Samstag, 6. April 2024

„Superhits der Showa-Ära“ von Ryu Murakami

Ein Vergleich zwischen den beiden Murakamis drängt sich ja gern auf. Also versuche ich es mal mit dem hier: Wenn Haruki Murakami die Beatles ist, dann sag ich wohlgemerkt nicht, dass Ryu Murakami für die Rolling Stones steht. Das ist für „Superhits der Showa-Ära“ noch zu harmlos. Der Roman ist Black Sabbath, in dem Moment als Ozzy Osbourne einer Fledermaus den Kopf abbeißt.

Ryu Murakami gibt im Nachwort an, dass er den Roman in einer Schaffenskrise kreiert und sich beim Schreiben herrlich amüsiert hat. Der Autor zieht zwei Personenkreise, die gelangweilt in Stagnation verharren, heran. Da sind die sechs jungen Kerle, die sich in Nobues Bude treffen und erst dann ein bisschen Leben beim Spannen in sich verspüren, als sie die attraktive Nachbarin von Gegenüber beim Ausziehen beobachten können.

Und da sind die sechs Frauen Ende 30, die alle Midori heißen und inzwischen ohne Partner leben. Sie haben sich eigentlich nichts zu sagen, hören sich auch nicht zu und scheinen außer dem Namen und einer Passion für Karaoke nichts gemeinsam zu haben.

Als Sugioka aus der Männergruppe eine der Midoris tötet, geht es für die Frauen nur noch um Rache. Und man glaubt es kaum: Einmal aus der Langeweile ausgebrochen, leben die Frauen auf – und ein Kampf zwischen durchgeknallten Jungspunden und „alten“ Tanten beginnt.

Ein Eisenwarenhändler, der den jungen Männern eine illegale Waffe verkauft, orakelt:

„Es heißt doch immer, was übrig bleibt, wenn die Menschheit zu Grunde geht, wären die Schaben. Des stimmt nicht. Es sind die Tanten.“ (S. 72)

Wer weiß, ob der Mann Recht hat? Wer kann sich in dem Kampf Mann gegen Frau, jung gegen alt am besten behaupten?

Auf den hinteren Seiten taucht gar kurz ein Filmregisseur (Ryu Murakamis Alter Ego?) auf und gibt sein Konzept von „Tanten“ wider:

„Kompliziert ausgedrückt, sind Tanten Lebewesen, die aufgehört haben, sich weiterzuentwickeln. Nicht nur junge Frauen, sondern auch junge Männer, Männer im mittleren Alter und sogar Kinder werden augenblicklich zur Tante, wenn sie den Willen verlieren, sich weiterzuentwickeln.“ (S. 185 f.)

Natürlich ist „Superhits der Showa-Ära“ irre übertrieben - wie man es auch von anderen Romane Ryu Murakamis kennt. Aber genau das macht den Lesespaß aus. Die jungen Kerle sind total durchgeknallt, die Midoris so austauschbar wie ihr Vorname, zusätzliche Akteure wie nicht von dieser Welt. Wie kann man Kritik an einer in Stagnation verharrenden Gesellschaft besser verpacken?

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „Superhits der Showa-Ära“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Leupert, Jan Magnus), Septime, Wien 2024, ISBN 978-3-99120-034-5

Samstag, 30. März 2019

„In Liebe, Dein Vaterland“ von Ryu Murakami

Es ist ein ausländischer Film, den ausgewählte Nordkoreaner zu sehen bekommen, als sie überraschend abkommandiert werden: Während des zweiten Weltkriegs wird ein Spezialkommando der Nazis, getarnt als jüdische Flüchtlinge, nach New York entsendet. Sie besetzten Manhattan unter dem Vorwand, eine deutsche Exilregierung zu bilden. Um sich offiziell aus der Schusslinie zu bringen, bezeichnet Hitler die Exilanten als Abtrünnige, die gerne exekutiert werden dürfen. Zwischenzeitlich bringen die Nazis Manhattan unter ihre Gewalt, um von dort Anschläge auf US-amerikanische Politiker verüben zu können.

Der Film wird für Nordkorea zur Vorlage für die Operation „In Liebe, Dein Vaterland“. Ein Sonderkommando von wenigen, handverlesenen Elitesoldaten wird, als südkoreanische Touristen getarnt, nach Fukuoka geschleust. Sie sollen während eines Baseballspiels die Zuschauer im Fukuoka-Dome als Geiseln nehmen. Während der Geiselnahme sollen 500 weitere nordkoreanische Soldaten nach Fukuoka gebracht werden, um als Vorhut einer größeren Landung von Soldaten den Weg zu ebnen.

Der Zeitpunkt für die Invasion ist perfekt gewählt: Japan ist wirtschaftlich, politisch und militärisch geschwächt. Auf den einstig so starken Bündnispartner USA lässt sich nicht mehr bauen. Die japanische Regierung reagiert nur zaghaft auf die zu allem entschlossenen Nordkoreaner.

Während also zunächst alles für die nordkoreanischen Invasoren nach Plan läuft, gärt etwas in einem Lagerhauskomplex am Rande Fukuokas. Hier hausen von der Gesellschaft ausgestoßene Jugendliche mit ihrem Mentor Iwagaki: Waffennarren, Satanisten, Brandstifter, Mörder… Zwar haben die Jungs wenig Lust, die japanische Gesellschaft zu schützen, aber noch weniger darauf, ihr Land von den Nordkoreanern besetzen zu lassen. Die eigenen Talente sollen genutzt werden, die koreanischen Kampfmaschinen zu schlagen.

Ryu Murakamis Roman „In Liebe, Dein Vaterland“, der 2005 in Japan erschien, ist wie „Coin Locker Babies“ natürlich recht überzeichnet. Aber unrealistisch von der Ausgangslage? Tatsächlich hat sich seit dem Erscheinungstermin einiges getan in der Welt: Die Abenomics stehen im Verdacht zu einem Abegeddon zu eskalieren. Unter der neuen republikanischen Regierung der USA (in „In Liebe, Dein Vaterland“ ist es allerdings eine demokratische) entwickelt sich eine Bromance zwischen Trump und Kim Jong-un. Japan muss sich immer wieder um den Bündnispartner USA bemühen. Insofern ist „In Liebe, Dein Vaterland“ ein höchst aktueller Roman, obwohl er schon fast 15 Jahre auf dem Buckel hat.

Das Werk, das mit seinen zwei Bänden fast tausend Seiten umfasst, zieht den Leser schnell in seinen Bann. Der Autor entwirft ein gewaltig furioses und gewalttätiges Szenario, dessen Geschehnisse von diversen Perspektiven beleuchtet werden. So weiß man als Leser fast nicht mehr, auf welcher Seite man denn stehen soll, da in Ryu Murakamis Roman die Dichotomie „gut/böse“ nicht gilt: Da sind die Nordkoreaner, die unter schrecklichen Lebensbedingungen aufgewachsen sind und eine furchtbare militärische Ausbildung durchlaufen mussten, die die  Folterung eines jeden Soldaten beinhaltet. Natürlich sympathisiert man dann auch mit den Invasoren, die in Japan viel bessere Lebensbedingungen vorfinden. Da sind die normalen Bürger Fukuokas, die um des lieben Frieden willens mit den Nordkoreanern kooperieren, um ihr alltägliches Leben in groben Zügen weiterführen zu können. Und da sind die geschundenen Seelen der Jugendlichen, deren Herzen auf Zerstörung drängen.

Zum Höhepunkt der Handlung hin wird die Spannung fast schon unerträglich und spätestens dann fiebert man mit den jugendlichen Outlaws in ihrem fast aussichtslosen Kampf mit. Episches Entertainment mit Gesellschaftskritik – eine große Leseempfehlung für das Jahr 2019!

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „In Liebe, Dein Vaterland – I: Die Invasion“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime Verlag, Wien 2018, ISBN 978-3-902711-76-2
Murakami, Ryu: „In Liebe, Dein Vaterland – II: Der Untergang“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime Verlag, Wien 2019, ISBN 978-3-902711-80-9

Dienstag, 4. August 2015

„Coin Locker Babys“ von Ryu Murakami

Hashis und Kikus Start ins Leben ist mehr als hart – ein Wunder, dass die beiden Protagonisten aus Ryu Murakamis „Coin Locker Babys“ überhaupt überleben. Denn ihre Mütter deponieren sie jeweils mehr tot als lebendig in Schließfächern, um den missliebigen Nachwuchs loszuwerden. Unglaubliches Glück und Überlebenswille bescheren Hashi und Kiku eine zweite Geburt – statt aus einer Gebärmutter aus einem brütendheißen Schließfach.

Im katholischen Kinderheim treffen Hashi und Kiku aufeinander und werden beste Freunde, später sogar Brüder als sie von derselben Familie adoptiert werden. Doch an Normalität ist bei dem Geburtstrauma nicht zu denken. Die Mutter ein Schließfach, der Papa der Herr im Himmel – noch während ihrer Zeit im Waisenhaus werden Hashi und Kiku durch Hypnose therapiert. Als sie schließlich adoptiert werden und auf eine abgelegene Insel ziehen, scheint ein idyllisches Familienleben zum Greifen nach – wenn da nicht eine erneute Hypnose alte Wunden aufreißen würde…

Allzu viel mehr sollte man glatt nicht von der Handlung von Ryu Murakamis „Coin Locker Babys“ verraten. Das Werk, das vielleicht ganz gut als Coming-of-Age-Endzeitroman beschrieben werden könnte, zeichnet sich durch mehrere Höhepunkte aus. Gerade als man denkt, jetzt sollte sich die Geschichte dem Ende nähern, holt Ryu Murakami neu aus, bringt neue Charaktere, neue Ziele und neue Probleme ins Spiel. Das ist zwar ein bisschen irritierend, tut dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch, wenn man sich darauf einlässt, sich wieder in komplett neues Setting einzufühlen. Recht atmosphärisch lassen sich die Beschreibungen der Szenerien an ohne dabei zu langweilen.

Der Klappentext zu „Coin Locker Babys“ führt allerdings ein bisschen in die Irre: Hashi und Kiku verlassen zwar tatsächlich die heimatliche Insel und streben nach Tokio. Doch keineswegs deshalb, weil sie ihre Mütter aufspüren und töten möchten. Der sanfte, verletzliche Hashi möchte die Welt der Töne erforschen und Sänger werden. Daher geht er in die Hauptstadt, um hier die erstrebte Karriere einzuschlagen. Der maskuline Kiku kommt ihn schließlich suchen. Im Giftghetto, wo sich Verbrecher, Taugenichtse und Wahnsinnige versammeln, treffen die beiden wieder aufeinander, um aber schließlich auf die je eigene Weise ihre Bestimmung zu finden.

Einzig und allein: Ich bin mit dem recht spröden Charakter des Kiku nicht so recht warm geworden. Mag er noch so sehr aussehen, wie ein junger Gott, wenn er weißgekleidet und braungebrannt auf einem Motorrad dahindüst. Hashi dagegen wirkt selbst im Wahn noch irgendwie liebenswert.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „Coin Locker Babys“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime, Wien 2015, ISBN 978-3-902711-35-9

Samstag, 4. Mai 2013

„Das Casting“ von Ryu Murakami

Es hat mich ungemeint gefreut, dass mit „Das Casting“ endlich wieder ein Ryu Murakami-Roman ins Deutsche übersetzt wurde. Das Werk hält, was man sich vom Autor verspricht:

Aoyama ist Anfang 40, ein etablierter Videofilmproduzent, Vater eines Teenagers und seit einigen Jahren Witwer. Den überraschenden Tod seiner Frau Ryoko hat er zwischenzeitlich endlich überwunden. Es wäre nun durchaus für ihn an der Zeit, sich nach einer neuen Partnerin umzusehen. Doch auf ein klassisches Omiai hat Aoyama wirklich keine Lust. Seine Kontakte zur Filmszene gebären eine Schnapsidee: Wieso sollte man denn nicht ein Casting veranstalten, um zwar vordergründig eine Schauspielerin zu suchen, aber im Grunde genommen nach einer perfekten Heiratskandidatin für Aoyama Ausschau zu halten?

Für Aoyama kristallisiert sich sehr zügig eine Favoritin unter den Bewerberinnen heraus. Es ist die 24-jährige Schönheit Asami, in die sich Aoyama vom Fleck weg verliebt. Aoyama ist noch etwas unbeholfen mit seinen Flirtversuchen, doch es gelingt ihm offensichtlich, schrittweise Asamis Herz für ihn zu erwärmen. Schließlich gesteht sie ihm gar ihre traurige Vergangenheit: Als ungeliebtes Kind wuchs sie auf und musste extreme körperliche und seelische Züchtigungen durchleben. Aoyama glaubt ihr, dass dieses Trauma für Asami nun ausgestanden ist und der Vergangenheit angehört.

Die Warnungen seiner Bekannten schlägt Aoyama in den Wind. Auf andere wirkt Asami eher undurchsichtig und gefährlich, während Aoyama für Asami schon voll und ganz Feuer gefangen hat. Der Leser kann nur hoffen und bangen, dass sich die Befürchtungen von Aoyamas Bekannten nicht bewahrheiten.

Während „Das Casting“ noch recht gemütlich beginnt, werden die letzten Seiten mehr als spannend. Wer die bereits erschienenen Ryu Murakami-Romane kennt, der weiß, dass darin gerne mal ein Psychopath austickt. Diese Erwartungshaltung wird von „Das Casting“ freilich nicht enttäuscht. Ein bisschen fehl leitet jedoch das Cover: Wer eine Schulmädchen-Szene erwartet, dessen Vorstellungen werden sicherlich nicht erfüllt.

Gestört haben mich jedoch die wenigen Sätze, mit denen Asamis Verhalten aus deren Motiven erklärt wird. Dieser Perspektivwechsel kommt etwas arg abrupt und ist eigentlich auch unnötig, da der aufmerksame Leser Asamis Haltung ohnehin erahnen kann.

Da ich selbst kein Japanisch kann, kann ich die deutsche Übersetzung natürlich nicht mit dem Original vergleichen. Jedoch scheinen so manche Stellen in „Das Casting“ noch eine kleine Überarbeitung nötig zu haben. Einige kleine, ausgewählte Beispiele:

„dass die Begegnung zwischen ihnen ein Schicksalsschlag war…“ (S. 66):
Der Begriff „Schicksalsschlag“ ist negativ konnotiert, während der verliebte Protagonist in diesem Fall bestimmt einen „Wink des Schicksals“ oder eine „schicksalhafte Begegnung“ meint. Dass ein Schicksalsschlag folgen mag, ist zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch nicht abzusehen.

„weil du sterblich in sie verliebt bist“ (S. 130):
Wenn ich mich nicht täusche, dann ist man doch unsterblich in jemanden verliebt und nicht sterblich.

„hatte er oft und oft angerufen“ (S. 162):
Damit ist wohl eher „wieder und wieder“ gemeint.

Daran sollte man sich sicherlich nicht allzu sehr stören. Aber vielleicht mag der Verlag für eine eventuelle zweite Auflage ja nochmals den Korrekturstift ansetzen.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „Das Casting“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Federmair, Leopold & Yajin, Motoko), Septime, Wien 2013, ISBN 978-3-902711-15-1

Donnerstag, 1. September 2011

„69“ von Ryu Murakami

„69“ ist ein herrlich komischer, Kulturen und Generationen übergreifender Roman über das Erwachsenwerden, der so gar nichts mit den anderen, brutaleren Romanen von Ryu Murakami gemein hat.

Wir schreiben das Jahr 1969, die Studenten weltweit üben Protest gegen den Vietnam-Krieg, philosophieren über Marx und kosten das Leben aus vollen Zügen – nur in Kens Heimatstadt, einem kleinen Kaff an der japanischen Küste aus dem die Jets der amerikanischen Besatzer aufsteigen, herrscht alles andere als revolutionärer Geist. Im Grunde genommen gibt es hier nur eines: Gähnende Langeweile. Ken ist ein Angeber mit gefährlichem Halbwissen, der sich vor seinen Mitschülern und vor allem Mitschülerinnen mit seinem pseudo-weltmännischen, pseudo-kommunistischen Geschwätz erfolgreich produziert. Wie sollte er auch ansonsten Eindruck vor den Mädels schinden, wenn er sich nicht als Revoluzzer gegen das kriegstreiberische System darstellen kann? Um ein Zeichen zu setzen, planen er und seine Kumpane die Verbarrikadierung der Schule – selbstverständlich nicht aus politischen Gründen, sondern um die Angebetete endlich ins Bett zu bekommen. Und bevor die Langeweile wieder die Oberhand gewinnt, müssen Ken und seine Kumpane nun auch noch das "Morgenlatten-Festival" organisieren. Doch nicht alle männlichen Teenager sind von dem Vorhaben begeistert, sind Ken & Co. doch gerade dabei, die heißesten Partien abzustauben.

Ryu Murakami, der wegen der wegen einer Demonstration auf dem Dach seiner Oberschule tatsächlich von ebensolcher verwiesen wurde, schreibt mit „69“ seine eigene Geschichte und zeigt den Teenager Ken in sympathischer Weise um Coolness ringen, ohne einen Fremdschäm-Effekt hervorzurufen. Beste Leselaune ist mit "69" jedenfalls garantiert! Einzig und allein ein bisschen störend: Allzu oft ergeht sich der Protagonist in Übertreibungen, die er im nächsten Satz schon gleich mit einem "ganz so war's dann doch nicht" wieder relativiert. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Montag, 6. Juni 2011

„Blaue Linien auf transparenter Haut“ von Ryu Murakami

Gegen Ryu Murakamis „Blaue Linien auf transparenter Haut“ wirkt „Fear and Loathing in Las Vegas“ wie der Schulausflug von Fünftklässlern. Drogenexzesse, übelste Trips, Gruppensex, Crossdressing, Schlägereien und Selbstmordversuche sind die Zutaten für das literarische Debüt von Ryu Murakami, das in den 70er Jahren spielt. Teilweise wird der 141-seitige Roman so eklig, dass man am liebsten nicht weiter lesen würde. Kein Wunder, dass Ryu Murakami als das Enfant Terrible der japanischen Literaturszene gilt.

Die  Jugendlichen rund um den 19-jährigen Protagonisten Ryu sind desillusioniert: Okinawa ist Junkie, hängt so an der Nadel, dass er sich mit einem baldigen Drogentod abfindet. Die Mädchen der Clique würden sich für Geld an jeden GI der nahe gelegenen US-Militärbasis verkaufen. Kei lässt sich als Bondage-Modell ablichten. Yoshiyama schlägt seine Freundin krankenhausreif. Und Ryu lässt sich als Sexspielzeug missbrauchen. Ohnehin schläft jeder mit jedem. Hauptsache, man muss sich keine Spießigkeit vorwerfen lassen.

Wirkliche Freundschaft gibt es nicht zwischen den Teens. Jeder bleibt sich selbst der nächste. Dennoch klingen auch konservative Töne an: Eine feste Beziehung haben, eine Ausbildung machen, einen Lebenssinn außerhalb der permanenten Drogenparty finden sind Wünsche, die gegen Ende des Romans geäußert werden. Doch irgendwie mag man als Leser nicht daran glauben, dass die Jugendlichen noch die Kurve kriegen.

Wie „69“ hat „Blaue Linien auf transparenter Haut“ biographische Züge. Wie groß die Deckungsgleichheit des Protagonisten Ryu mit dem Autor Ryu Murakami lässt sich nur erahnen.

„Blaue Linien auf transparenter Haut“ verbreitet die drückende Stimmung eines schwülen Sommertags. Man erträgt die Handlung kaum, kann aber doch nicht aufhören, zu lesen. Für einen Ryu Murakami-Fan ist „Blaue Linien auf transparenter Haut“ ein Muss. Unter 18 Euro ist das vergriffene Büchlein derzeit jedoch nirgends zu bekommen.

Sonntag, 1. Mai 2011

„Piercing“ von Ryu Murakami

„Piercing“ von Ryu Murakami beginnt mit einer Szene, die unter die Haut geht: Masayuki, vor kurzem Vater geworden, steht mit einem Eispickel an der Wiege des Neugeborenen, berührt den Gesichtsflaum des Babys mit der Spitze des Pickels. Masayuki, der vor Jahren seine Ex-Freundin mit einem Eispickel verletzt hat, hat dabei nicht die Absicht, sein Kind zu töten. Er versucht sich selbst davon zu überzeugen, dass er nicht fähig ist, nochmals einen geliebten Menschen niederzustechen.

Masayuki, der als Kind von seiner Mutter misshandelt wurde, ist sich im Klaren: Er muss etwas tun, um das drohende Unheil abzuwenden. Um sein Kind vor sich selbst zu retten, heckt er einen Plan aus – jemand anderes soll durch den Eispickel sterben. Dazu mietet er sich unter falschem Namen in einem Hotel ein und bestellt eine Prostituierte aus einem SM-Club zu sich. Sein Plan scheint wasserdicht: Nachdem er sein Opfer gefesselt hat, möchte er es mit dem Eispickel erstechen.

Als Chiaki zu ihm geschickt wird, gerät der Plan aus dem Ruder: Chiaki, ebenfalls ein Missbrauchsopfer in Kindheitszeiten, wird selbst von den inneren Dämonen getrieben, die sie vielleicht sogar gefährlicher machen als Masayuki.

Ryu Murakamis Buch ist sehr spannend; die Wendungen, die die Handlung vornimmt, sind überraschend. Denn insbesondere das Verhalten von Chiaki ist nicht vorhersehbar. Dennoch fehlt mir in dem Roman etwas der Zugang zu den Figuren. Die Idee, jemand anderes anstatt des eigenen Kindes zu töten, kommt Masayuki zu plötzlich. Z.B. fehlt auch eine Überlegung des Protagonisten: Ist ein solcher Mord eine Katharsis oder nur der Beginn eines Gewaltrausches, nachdem er Blut geleckt hat? Die Figur der Chiaki und deren Dämonen hätten zudem etwas mehr Beschreibung verdient. Wäre den inneren Qualen der Hauptfiguren mehr Beachtung geschenkt worden, wäre der Roman bestimmt noch eindringlicher.

Sonntag, 27. März 2011

„In der Misosuppe“ von Ryu Murakami

Ryu Murakami, das „enfant terrible“ der japanischen Literaturszene, hat mit „In der Misosuppe“ einen wahrlichen Schocker geschrieben: Kenji ist ein Fremdenführer der besonderen Art – er führt Touristen durch das Rotlichtviertel Tokios, begleitet sie zu Peep-Shows, in Anbandelbars und übergibt sie in die Hände von Prostituierten. Ein wunderbarer Job für einen 20-Jährigen – bis Frank, ein amerikanischer Tourist, sein Kunde für die drei letzten Tage des Jahres wird. Frank umgibt eine schaurige Aura, er scheint zwei Gesichter zu haben und Kenji bereut es bereits zu tiefst, ihm drei Nächte verpflichtet zu sein. Seine Bedenken sind nicht unbegründet: In der zweiten Nacht offenbart Frank seine Psyche in einer grausamen Bluttat, in der auch Kenji um sein Leben bangen muss.

Ich habe mich sehr lange davor gedrückt, „In der Misosuppe“ zu lesen. Die Rezensionen für das Buch sind eher durchwachsen und auf brutale Splatterszenen kann ich sehr gut verzichten. Dennoch war ich begeistert von dem Buch. Einerseits ist es sehr spannend geschrieben. Andererseits bildet die Geschichte um den Psychopathen Frank einen Rahmen, in dem Kenji in Reflektionen Ryu Murakamis Gesellschaftskritik ausdrückt: Japan ist eines der reichsten Länder der Welt – und dennoch sterben Menschen an Karoshi, dem Tod durch Überarbeitung. In anderen Ländern müssen sich die Schulmädchen aus einem Überlebenskampf heraus prostituieren, während japanische Schulmädchen freiwillig für eine Louis Vuitton-Handtasche auf den Strich gehen. Das Buch ist definitiv nichts für zart Besaitete. Dennoch mag ich es all jenen ans Herz legen, die sich nicht nur für traumhafte Banana Yoshimoto-Bücher begeistern, sondern sich von Ryu Murakami auch die dunklen Seiten der japanischen Gesellschaft aufzeigen lassen wollen.

Dienstag, 25. Januar 2011

Ryu Murakami

Ryu Murakami (Photocredit: Joi Ito,
Creative Commons-Lizenz)
Ryu Murakami – nicht zu verwechseln mit Haruki Murakami – wurde 1952 in Sasebo geboren. 1970 musste er aufgrund der Teilnahme an einer Demonstration auf dem Dach des Schulgebäudes die Schule verlassen. Diese Erfahrung diente Ryu Murakami später als Inspiration für den Roman „69“.

Noch während seines Studiums an der Musashino Kunsthochschule schrieb er seinen Roman „Blaue Linien auf transparenter Haut“, der 1976 mit dem Akutagawa-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Innerhalb von nur wenigen Monaten erreichte das Buch eine Auflage von 1,2 Millionen verkaufter Exemplare.

Um sich stärker dem Schreiben zu widmen, verließ er die Hochschule ohne Abschluss. Seine Bücher behandeln die Themen Identitätsfindung und Rebellion – insbesondere gegen die japanische Gesellschaft, die zu wenig Platz für Individualität lässt.

Zudem verdingt sich Ryu Murakami als Filmemacher. Am bekanntesten ist sein Film „Tokyo Decadence“ über eine Prostituierte, die sadomasochistische Wünsche bedient und sich unglücklich verliebt. 

Interessante Links:
  • Ryu Murakami im Interview mit dem Kyoto Journal: Ryu & Me
  • 2011 wird „In der Misosuppe“ von Wim Wenders verfilmt: Hier geht’s zur Projekt-Homepage
Hier rezensiert:

    Weitere ins Deutsche übersetze Romane:

    • Superhits der Showa-Ära