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Donnerstag, 29. Dezember 2022

„Zeremonie des Lebens“ von Sayaka Murata

In diesem (verlinkten) Interview gibt die Autorin Sayaka Murata an, dass sie besonderes Interesse an sich wandelnden oder völlig konträren Moralvorstellungen hat. Sie nimmt auch direkt Bezug auf Erzählungen, die in „Zeremonie des Lebens“ erschienen sind. Und tatsächlich: Der Leser wird in dem Band z.B. konfrontiert mit einem Japan, in dem sich die Bestattungsrituale völlig geändert haben. Was für den „normalen“ Werteradar völlig pietätlos erscheint, wir vor dem Hintergrund einer schrumpfenden Bevölkerung zur neuen Normalität: Ein Verstorbener wird nicht etwa begraben oder eingeäschert, er wird zu einem schmackhaften Menü verkocht, an dem sich die Trauernden laben und stärken sollen. So richtig traurig sollen die Gäste dieses wörtlich zu nehmenden Leichenschmauses auch gar nicht sein. Sie sollen hier Partner für den Geschlechtsverkehr finden und sich fortpflanzen. Und so ist auch nichts Absonderliches daran, wenn sexuelle Praktiken in aller Öffentlichkeit ausgeübt werden – die Sexualpartner dienen ja gerade dem gesellschaftlichen Wohl, Nachwuchs zu zeugen.

Insbesondere die Themen des Todes und dem Umgang mit Leichen scheinen es Sayaka Murata angetan zu haben. Aber wer „Das Seidenraupenzimmer“ gelesen hat, dem dürfte ja ohnehin bekannt sein, dass die Autorin nicht unbedingt die leckersten Dinge thematisiert. So beschreibt die Autorin in „Ein herrliches Material“ eine Welt, in der menschliche Leichen als Ressourcen für Alltagsgegenstände verwendet werden.

Ein weiteres Thema ist unter anderem die Ernährung: Extreme Ernährungsverhalten treffen in „Mein wunderbarer Esstisch“ aufeinander, während in „Die essbare Stadt“ die Pflanzen der Großstadt vertilgt werden.

Jede der Geschichten öffnet den Blick in eine irgendwie verquere Welt, die den Leser aber immer fesselt. Sei es durch Ekel, Absurdität oder Eigentümlichkeit des Protagonisten. Das Thema der Wertvorstellungen bringt die Autorin selbst plakativ zur Sprache:

„Alle reden von gesundem Menschenverstand, Instinkt, Ethik und all diesen Dingen, als wären sie in Stein gemeißelt. Aber in Wahrheit verändern sie sich ständig und das nicht erst seit gestern […].“
(S. 105)

Sayaka Muratas Werke sind immer wieder ein Highlight. Und auch wenn ich Erzählungen nicht ganz so gern mag wie Romane, ist „Zeremonie des Lebens“ ein großer Lesetipp, den man nicht verpassen sollte.

Bibliographische Angaben:

Murata, Sayaka: „Zeremonie des Lebens“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Aufbau Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-351-03931-8

Sonntag, 27. September 2020

„Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata

Die Neuveröffentlichung „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata nimmt das Thema ihres Romans „Die Ladenhüterin“ wieder auf: Wie steht es um Außenseiter, die sich nicht in die gesellschaftliche Vorgabe „Heiraten und Familiengründung“ fügen? Diesmal geht die Autorin aber zunächst einmal zurück in die Kindheit der Protagonistin Natsuki und beleuchtet, was sie überhaupt zur Außenseiterin gemacht hat. In Natsukis Fall: ein Elternhaus, in dem sie nicht geliebt wird, und ein Lehrer, der sie missbraucht. Die Flucht in die Fantasie scheint alternativlos – Natsuki glaubt, ein Magical Girl zu sein und hat in einem Stofftier einen imaginären Beschützer gefunden. 

Natsukis Feind ist „die Fabrik“, genauer gesagt: die Menschenfabrik – denn die Produktion von neuen Menschen, die Reproduktion, ist das oberste Ziel der Gesellschaft. Natsukis Menschsein wird zur Funktion eines Werkzeugs degradiert – sie soll sich für die Produktion von Menschen, also dem Gebären von Nachkommen einsetzten. 

In ihrem Cousin Yu findet Natsuki einen Gleichgesinnten, den sie jedoch nur einmal im Jahr zum Ahnenfest treffen kann. Sie schwören sich gegenseitig aufs Überleben und Durchhalten ein – bis sie sich ein Jahr später erst wiedersehen können. Doch schließlich werden die beiden nach einem Familienskandal getrennt und erst recht an die Kandare genommen. 

Erst Jahre später treffen sich Natsuki und Yu wieder. Zwischenzeitlich ist Natsuki eine Scheinehe mit Tomoobi eingegangen, der ebenfalls von seiner Familie gegängelt wird. Ob die drei Außenseiter sich gemeinsam dem Zugriff der Fabrik entziehen können?

Gegen „Das Seidenraupenzimmer“ kommt einem „Die Ladenhüterin“ ziemlich harmlos vor. Die schreckliche Stimmung in Natsukis Familie schlägt aufs Gemüt, die Missbrauchsszenen will man lieber nicht gelesen haben. Und das große Finale ist geradezu grotesk, aber gelungen.

Bibliographische Angaben:
Murata, Sayaka: „Das Seidenraupenzimmer“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Aufbau Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3351037932

Dienstag, 2. Januar 2018

"Infinity Net - Meine Autobiografie" von Yayoi Kusama

Ich muss zugeben, dass bisher Takashi Murakami der einzige mir bekannte zeitgenössische japanische Künstler war.  Nach der Lektüre von "Infinity Net" ist das nun Gott sei Dank anders. In ihrer Autobiografie lernt man die Künstlerin Yayoi Kusama kennen, die wahrlich ein sehr turbulentes Leben geführt hat. Aufgewachsen in Matsumoto und mit dem festen Willen ausgestattet, Künstlerin zu werden, bietet sie ihrer Mutter Paroli, die sie am liebsten verheiratet und als gute Ehefrau gesehen hätte.

Nach ersten künstlerischen Erfolgen in Japan geht sie sogar allein in die USA und nimmt ein entbehrungsreiches Leben auf sich, um in New York den Durchbruch zu schaffen. Zunächst tut sie sich noch schwer mit ihren "Infinity Nets" - Gemälden mit sich stetig wiederholenden netzartigen Mustern. Denn aktuell sind Action Paintings populär in der Kunstszene. Doch tatsächlich gelingt es ihr, zur gefeierten Avantgarde-Künstlerin aufzusteigen. In ihrer psychosomatischen Kunst verarbeitet sie ihre Angst vor Sexualität, indem sie Objekte über und über mit Penisskulpturen bestückt. Mit Nackt-Performances inklusive Live-Sex eckt sie nicht nur mit der Polizei an. In Japan wird sie gar als Schande für die Nation bezeichnet; ihre Familie bricht mir ihr. Dafür lieben die Hippies Yayoi Kusama. Denn freien Sex sieht die Künstlerin als friedliche Revolution:

"Bei den sexuellen Freuden gibt es keinen Unterschied zwischen Schwarz, Weiß und Gelb. Warum sollten Menschen, die Lust miteinander teilen, in den Krieg ziehen und andere töten? Durch freien Sex lässt sich die Mauer zwischen mir und den anderen einreißen." (S. 220 ff.)

Ein eigentlich nur für kurze Zeit angedachter Aufenthalt in Japan wird eine Rückkehr für immer: Die Künstlerin lässt sich in eine psychiatrische Klinik in Tokio einweisen; arbeitet aber immer noch täglich an ihren Kunstwerken. Genie und Wahnsinn liegen nun mal nah beieinander...

Yayoi Kusamas Autoiograpfie gibt einen guten Überblick über ihre Kunst und öffnet den Blick auf die Privatperson der Künstlerin. Viele Fotos (einige davon in Farbe) ergänzen die Texte. Dennoch hätte ich mir glatt noch mehr Details z.B. über die Gefühlslagen der Künstlerin erhofft. Die Person Yayoi Kusama bleibt für mich immer noch etwas eigentümlich blutleer und kaum fassbar.

Die sicherlich aufregende Zeit in New York inklusive des Hippie-Feelings hätte wahrscheinlich noch diverse Anekdoten geliefert, um viele Seiten und die Autobiografie mit noch mehr Leben zu füllen. Aber wahrscheinlich wäre Yayoi Kusama dann mit ihrer Autobiografie nie zu Ende gekommen... Bleibt zu hoffen, dass vielleicht einer ihrer Romane ins Deutsche übersetzt wird. Da soll es ja unter anderem um die turbulente New Yorker Zeit gehen.

Bibliographische Angaben:
Kusama, Yayoi: "Infinity Net - Meine Autobiografie" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2017, ISBN 978-3-905799-40-8

Montag, 6. April 2015

„Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ von Junichiro Tanizaki

Sexuelle Obsessionen sind ein typisches Junichiro Tanizaki-Thema – so auch in „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“: Der 12-jährige Hoshimaru, der später als Daimyo Terukatsu bekannt werden soll, erhält während der Belagerung der Burg von Ojikayama eine besonders pikante sexuelle Prägung. Hoshimaru weilt als Geisel auf der Burg des Tsukuma-Clans, als der Feldherr Danjo die Festung angreift. Die Feinde setzen den Tsukumas arg zu; es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Burg fällt. Hoshimarus Aufpasser muss in den Kriegswirren seine erzieherischen Aufgaben schleifen lassen. Und so entfleucht Hoshimaru des Nächtens ins Zeughaus, wo einige adlige Damen einer sonderbaren Tätigkeit nachgehen: Sie säubern und frisieren die abgeschlagenen Köpfe von feindlichen Soldaten, die am nächsten Tag inspiziert werden sollen.

Für Hoshimaru wird dies zu einem sexuellen Erweckungserlebnis: Er beobachtet ein junges Mädchen dabei, wie sie mit sadistischem Lächeln die Schädel frisiert. Insbesondere als sie einen Kopf ohne Nase herrichtet, ist Hoshimaru dem Blick des Mädchens und dem Kopf-Fetisch verfallen. Als Krönung seiner sexuellen Wünsche imaginiert er, wie sein eigener abgeschlagener Kopf von ihr bearbeitet wird.

Mehrere Nächte beobachtet er die Damen beim Umgang mit den Köpfen. Doch ein Kopf ohne Nase soll nicht mehr dabei sein. Hoshimaru verfällt daher auf einen tollkühnen Plan: Er will selbst dafür Sorge tragen, dass ein nasenloser Kopf als Kriegstrophäe den Frauen vorgelegt wird.

So schleicht er sich eines Nachts aus der Burg von Ojikayama direkt ins lax bewachte Feindeslager, wo man dem Sieg schon sicher ist. Wie es der Teufel will, liegt ausgerechnet der Oberbefehlshaber Danjo friedlich schlummernd als ein perfektes Opfer in seinem Zelt. Zudem hat der Adelige, der auf Hoshimaru eher wie ein Schwächling als ein wagemutiger Feldherr wirkt, eine besonders elegante Nase im Gesicht stehen. Hoshimaru wird ihm nicht nur das Leben, sondern auch die Nase nehmen.

Im Zuge der Verwirrungen, die der plötzliche Tod des Oberbefehlshabers auslöst, werden die Angriffe auf die Burg von Ojikayama abgebrochen. Nur Hoshimaru kann auf Seiten der Belagerten erahnen, weswegen die Truppen abziehen. Doch soll Jahre später die Verheiratung des neuen Burgherren von Ojikayama mit Danjos Tochter Kikyo Ereignisse heraufbeschwören, die wiederum mit verlorenen Nasen und Kawachinosukes (wie Hoshimaru nach der Mannbarkeits-Zeremonie heißt) Kopffetisch zu tun haben.

Junichiro Tanizaki gibt seinem Kurzroman „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ durch fiktive Quellenangaben einen pseudo-realen Anstrich. Durch den ironischen Ton wird den durchaus blutigen Handlungen der Ernst genommen. Trotzdem ist das Werk nichts für allzu schwache Nerven. Denn „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ ist der Tanizaki-Roman mit der Schilderung der sicherlich abnormsten sexuellen Neigung. Durch die Ansiedlung im Samurai-Milieu enthält er aber auch Spannungselemente, die anderen Tanizaki-Werken fehlen.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bohaczek, Josef), Insel, Frankfurt/Leipzig 1994, ISBN 3-458-16646-7

Freitag, 18. April 2014

„Riskante Begierden“ von Taeko Kono

Der zweite Weltkrieg tobt weltweit. Das Kriegsgeschehen verlagert sich mehr und mehr auf die japanische Hauptinsel und fordert täglich Opfer unter den Soldaten und Zivilisten. Doch das Ehepaar Otaka interessiert sich trotz der apokalyptischen Zustände primär für das eigene Sexualleben. Der Ehemann Masataka Otaka, der die viel jüngere Hinako Sagara geheiratet hat, ist masochistisch veranlagt und leitet seine Frau an, ihn mit immer strengeren Züchtigungen zu bestrafen.

Taeko Konos Roman „Riskante Begierden“ wird aus der Sicht der jungen Ehefrau Hinako geschildert und setzt mit diesen beiden Sätzen ein:

„Hinako heiratete Otaka Masataka im Frühling 1941. Damit nahm eine sonderbare Ehe ihren Anfang, auf die sie nicht im geringsten gefasst war.“ (S. 7)

Doch bevor dem Leser die bizarre Ehe vorgeführt wird, wird er zunächst über diverse Familienverflechtungen und Eigenarten der Personen aufgeklärt, darf der Anbandelung von Hinako und Masataka beiwohnen und erlebt in deren Hochzeitsnacht mit, dass die traditionelle Rollenverteilung umgedreht wird: Die starke, befehlende Kraft soll Hinako spielen, Masataka will sich ihr unterordnen. Freilich klappt das Liebesspiel mit der jungfräulichen Hinako noch nicht reibungslos, aber das soll sich von Mal zu Mal ändern.

Mit „Riskante Begierden“ liegt jedoch kein expliziter SM-Roman vor. Dafür werden die wenigen Sex-Szenen zu spärlich auf den über 300 Seiten verteilt. Viel mehr Raum wird dem alltäglichen Leben und der Familiengeschichte eingeräumt. So wird ein großer Gegensatz zwischen den Otakas und Sagaras deutlich: Die liebevolle, geordnete Otaka-Familie steht einer chaotischen Sagara-Familiengeschichte mit cholerischem Familienoberhaupt gegenüber. Eine Parallelität findet sich dagegen in Hinakos Liebesleben: Die beiden Männer in ihrem Leben sind beide vom Todeswunsch beseelt.

In der Kritik wurde „Riskante Begierden“ unter anderem als subtiles Meisterwerk der Autorin gepriesen, als der Roman 1990 in Japan erschien. Diese Subtilität mag für japanische Leser sicherlich vorhanden sein (z.B. in dem komplizierten Geflecht von Höflichkeitsregeln in der Anrede), wirkte aber auch mich so glatt gar nicht. Natürlich entdeckt man eine Entwicklung im Charakter der Hinako, doch im Grunde blieb sie für mich eine naives Mädchen aus gutem Haus, das sich auf ein Spiel mit ihrem Ehemann einlässt. Gut behütet macht sie sich nur wenige Gedanken, die über ihr Eheleben hinausgehen. Doch selbst bezüglich des Schicksals ihres Mannes erscheint sie regelrecht indifferent. So bleibt sie als Protagonistin unzugänglich, ihre Motive bleiben im Unklaren und ihre Gedankengänge beginnen immer mehr zu nerven. Sie wirkt weltfremd und scheint sich keinerlei Vorstellungen von der Zukunft oder von den Konsequenzen ihres Handelns zu machen.

„Riskante Begierden“ reicht für mich nicht ansatzweise an Taeko Konos Erzählband „Knabenjagd“ heran, der wirklich unter die Haut geht. „Riskante Begierden“ langweilt dagegen.

Bibliographische Angaben:   
Kono, Taeko: „Riskante Begierden“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine & Hayasaki, Yukari), Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-518-39897-0

Dienstag, 13. August 2013

„Das Mädchen Tsunako“ von Seiichi Funabashi

Seiichi Funabashis „Das Mädchen Tsunako“ hat mich ehrlich gesagt etwas ratlos zurückgelassen. Was wollte der Autor mit seinem Werk denn aussagen? Die Handlung ist relativ schnell umrissen: Die neunjährige Tsunako ist vernarrt in ihre hübsche Tante Iseko. Und diese wiederum ist unglücklich verliebt in den Geschäftsmann Izuminaka. Obwohl er Iseko die Heirat versprochen hat, ehelicht er eine ehemalige Geisha, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Trotzdem führt Iseko die unglückliche Liaison fort, bis sie in einem Badeort Selbstmord begeht.

Jahre später ist Tsunako, die ihrer Tante sehr ähnlich sieht, zur jungen Frau gereift und wird nun selbst zum Objekt der Begierde für Izuminaka. Zunächst scheint es so, als ob Tsunako ihm den Tod der Lieblingstante übel nimmt, doch schließlich ist sie Wachs in seinen Händen. Sehr zum Ärgernis ihrer Eltern und Izuminakas Ehefrau.

Wenn man so möchte, zeigt Seiichi Funabashi hier den Zusammenprall von Moral und sexuellen Begierden. Doch als Hauptbotschaft des Romans aus den 60er Jahren erscheint mir dies zu implizit eingeflochten in die Handlung. Ohnehin werden einem die Motivationen von Tsunako nicht wirklich klar: Erst will sie sich an Izuminaka für Isekos Tod rächen, dann ist sie so von seiner „Würde“ angetan, freut sich, der „Wolllust“ mit Izuminaka zu frönen, verspricht den Eltern Gehorsam, nur um dem Versprechen im nächsten Moment zuwider zu handeln… Ohnehin mag man dem Autor, der die Handlung primär aus Tsunakos Sicht voran treibt, unterstellen, sich einer sehr platten Sicht der weiblichen Perspektive zu bedienen. Für ihn scheint auf der Hand zu liegen, dass die Frau die passive und der Mann die aktive Rolle in einer Beziehung inne haben und dass Frauen ganz grundsätzlich dazu neigen, permanent ihre Meinung zu ändern. Letzteres spiegelt sich tatsächlich in dem Verhalten von Tsunako wieder. Andererseits ist dies freilich ein top Argument für den Autor, Tsunakos Gedankengänge nicht nachvollziehbar darstellen zu müssen. Letzteres ist sicherlich eine gemeine Unterstellung meinerseits, aber aus heutiger Sicht wirken solche geschlechterspezifischen Allgemeinplätze nun mal antiquiert.

Der Originaltitel von „Das Mädchen Tsunako“ lautet „Eine Frau aus der Ferne“. Dies mag implizieren, dass Iseko als Bezugsperson immer weiter in die Ferne rückt und nicht weiter das Schicksal von Tsunako und Izuminaka beeinflusst. Dass Iseko kurz vor ihrem Tod das Tagebuch der unangepasst lebenden Hofdame Murasaki Shikibu gelesen hat, kann auch darauf hinweisen, dass aus der Ferne der Zeit Moral weniger wichtig erscheint als die wahre Liebe. Doch trotzdem werde ich nicht schlau aus dem Roman: Ist Seiichi Funabashi ein Verfechter der freien Liebe? Pfeift er auf Moralvorstellungen und die konfuzianische Pietät? Will er zeigen, dass eine jüngere Frauengeneration weniger verletzlich ist als ältere Generationen? Oder dass kein Kraut gegen die Liebe gewachsen ist?

Bibliographische Angaben:
Funabashi, Seiichi: „Das Mädchen Tsunako“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar), Horst Erdmann, Tübingen/Basel 1967

Sonntag, 24. März 2013

„Anatahan – Insel der Unseligen“ von Michiro Maruyama

Heute habe ich mal ganz tief in der Bücherkiste gewühlt: „Anatahan – Insel der Unseligen“ von Michiro Maruyama aus dem Jahr 1954 ist – soweit ich weiß – bisher die einzige deutsche Übersetzung eines Berichts eines japanischen Holdouts. Holdouts waren versprengte Soldaten(-grüppchen), die auf den Inseln des Pazifikraums noch nach der japanischen Kapitulation aushielten, da sie die Nachricht über den beendeten Krieg als perfide gegnerische Propaganda erachteten und sich an den Befehl, bis zum letzten Mann zu kämpfen, halten wollten. Als letzter Holdout gilt Teruo Nakamura, der sich erst Ende 1974 und damit knapp 30 Jahre (!) nach der Kapitulation auf der indonesischen Insel Morotai ergab.

Aber zurück auf Anatahan, eine Marianeninsel 120 Kilometer nördlich von Saipan. Im Jahr 1944 werden drei Versorgungsschiffe der japanischen Armee durch amerikanische Flugzeuge bombardiert. Die Besatzungen retten sich auf die Insel Anatahan, die von Einheimischen und zwei Japanern bewohnt wird. Diese zwei Japaner sind ein Quasi-Ehepaar: Keiko hat ihren Mann verlassen, um mit dem Plantagenverwalter Kusakabe auf Anatahan zu leben. Während sich die einheimischen Frauen vor den Japanern verstecken, entwickelt sich Keiko zu einer Gottesanbeterin. Die Femme Fatale ist das Objekt der Begierde aller 31 männlichen Japaner auf der Insel. Da die militärische Disziplin recht schnell untergraben ist, werden bald tödliche Kämpfe um Keiko ausgefochten.

Michiro Maruyama erzählt die wahre Geschichte um die „Bienenkönigin“ Keiko, die in Realität Kazuko Higa hieß. Michiro Maruyama war Shamisenlehrer, bevor er eingezogen wurde. Zusammen mit seinen Kameraden lebte er sieben Jahre auf Anatahan, bevor sich die Soldaten im Jahr 1951 ergaben. Nicht alle von ihnen konnten nach Japan zurückkehren – ein Drittel war im Lauf der Zeit umgekommen; insbesondere während Streitigkeiten um/mit Keiko. 1953 verfilmte Josef von Sternberg die Geschichte der Holdouts von Anatahan, indem er sich unter anderem auf Michiro Maruyamas Buch stützte.

Freilich ist der Erlebnisbericht von Michiro Maruyama nicht die große Literatur. Soll sie aber sicherlich auch nicht sein. Trotzdem ist „Anatahan – Insel der Unseligen“ enorm spannend, insbesondere da sich diese Story wirklich ereignet hat. Keiko wird zum Todesengel für die Männer, die sie begehrt. Diese können nicht mit ihr, aber auch nicht ohne sie leben, während Keiko die Fesseln der Konventionen auf Anatahan abwirft und ihre Triebe völlig ausleben kann. Die Autorin Natsuo Kirino verarbeitete diesen Stoff für ihren Roman Tokyo-jima, den sie 2008 veröffentlichte.

Wer neugierig geworden ist, der findet auf Tanken.com Zusatzinfos zum Anatahan-Vorfall und Bilder von Kazuko Higa (der originalen Keiko) und der Holdouts - im japanischen Original und in der Google-Übersetzung. 

Bibliographische Angaben:
Maruyama, Michiro: „Anatahan - Insel der Unglückseligen“, Lothar Blanvalet Verlag, Berlin 1954

Sonntag, 13. Januar 2013

„Verwandte des Lebens“ von Kenzaburo Oe

„Verwandte des Lebens“ oder im Spanischen „parientes de la vida“, das sind die traurigen Erlebnisse, die das Leben mit sich bringt. Die Hauptperson in Kenzaburo Oes Roman ist Marie Kuraki, der das Leben viel zu viele dieser traurigen Geschehnisse bereitet. Aus der Sicht des Ich-Erzählers K., seines Zeichens Autor und Vater des behinderten Hikari (sprich: Kenzaburo Oe selbst), wird die Lebensgeschichte von Marie rekapituliert.

Marie ist Mutter von zwei Söhnen. Der ältere der beiden, Musan, ist wie Hikari geistig behindert. Marie verlässt schließlich ihren Mann und ihren jüngeren Sohn Michio, um sich zusammen mit ihrer Mutter ausschließlich um Musan zu kümmern. Doch als Michio einen schweren Unfall erleidet und künftig an den Rollstuhl gefesselt ist, tun sich die Elternteile mit den beiden behinderten Kindern wieder zusammen. Diese Entscheidung hat fatale Folgen: Der lebensmüde Michio überredet Musan, zusammen mit ihm ans Meer zu fahren und sich dort in den Tod zu stürzen.

Die Eltern trifft der gemeinsame Selbstmord der Söhne hart: Marie trennt sich von ihrem Ehemann, vegetiert tageweise in ihrer Wohnung. Durch Unterstützung aus ihrem Umfeld lenkt sie sich mit der Organisation eines Theatergastspiels ab. Doch schließlich zieht es sie in eine christliche Sekte, die von „Väterchen Tutor“ geleitet wird. Mit dieser Sekte geht sie schließlich in die USA, von dort in eine Kommune nach Mexiko, wo sie unheilbar an Krebs erkrankt. Währenddessen säuft sich ihr in Japan zurückgelassener Ehemann zu Tode.

K. ist immer wieder Anlaufstelle von Marie. Er erhält sowohl von ihr als auch von ihrem Ehemann Briefe, er besucht sie, sie besucht ihn. Es ist ein loser Kontakt, aber K. ist immer in etwa auf dem Laufenden, wie es Marie geht. Beide sind sehr belesen und philosophieren über die Aussagen von Literaten, insbesondere von Flannery O’Connor. Doch auch darüber hinaus ist „Verwandte des Lebens“ gespickt mit Zitaten von und Diskussionen über die Aussagen von Literaten: Yeats, Fitzgerald, Dante, Balzac – um nur einige zu nennen. Balzacs „Der Landpfarrer“ steht Pate für Maries weitere Entwicklung. Genauso wie Balzacs Protagonistin Véronique wird auch Marie das Büßerhemd anlegen und sich für ihre Mitmenschen aufopfern, um im Tod  die Erlösung zu finden.

Der Lebensweg von Marie ist gepflastert mit philosophischen und metaphysischen Gedankengängen. Insbesondere Maries esoterische Sektenerfahrungen lesen sich enorm zäh. Auch erschließt sich einem nicht, wie Marie aus diesem Glauben tatsächlich Kraft schöpfen kann – dies scheint sie eher zu tun, wenn sie sich hemmungslosem Sex hingeben kann. Interessant für mich war dagegen vor allem die Diskussion über Verstehbarkeit und Spürbarkeit. Denn spürbar ist der Tod ihrer Kinder auf unangenehmste Weise; wohingegen der Tod wohl nie zu verstehen sein wird.

So ganz schlüssig bin ich mir nicht geworden, was ich von „Verwandte des Lebens“ halten soll. Das Geplapper über Literaturaussagen hat mich weniger gestört als beispielsweise in „Therapiestation“, wo diese Diskussionen einfach nicht zu den Protagonisten gepasst haben. Dennoch bleibt einem die Marie Kuraki ein Rätsel, insbesondere was ihre Auffassung vom Glauben als auch ihre Beziehung zu K. betrifft. Ist nicht immer eine latente, manchmal auch offensive Anmache K. gegenüber zu spüren, obwohl sie mit K.s Ehefrau befreundet ist?

Und was ist die Moral der Geschichte? Traurigkeit ist eine „Verwandte des Lebens“? Und Marie bleibt nichts anderes übrig, als sich zeitlebens zu verausgaben, um die Kluft zwischen Spürbarem und Verstehbarem mit dem Büßerhemd der Arbeit zu überdecken, sich einfach nur abzulenken?

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Verwandte des Lebens“, Bebra, Berlin 1994, ISBN 3-86124-184-6

Mittwoch, 2. Januar 2013

„Jadeschwert und Pflaumenblüte“ von Alison Fell

Laut des Vorworts eines gewissen Geoffrey Montague-Pollock geht „Jadeschwert und Pflaumenblüte“ auf fragmentarische, japanische Texte aus dem zehnten oder elften Jahrhundert zurück, die von der Hofdame Onogoro handeln. Es wird gar das „Harvard Journal of Asiatic Studies“ zitiert, das im Jahr 1963 angeblich die Autorenschaft der Texte untersucht hatte. Und dann wird noch einem Professor Arye Blower gedankt, der mit seiner Mitarbeiterin Alison Fell die Texte anscheinend übersetzt hat.

Recherchiert man dann etwas weiter, stößt man zumeist auf englischsprachige Artikel, die richtig stellen: „Jadeschwert und Pflaumenblüte“ entstammt wohl primär der Fantasie von Alison Fell. Man lerne daraus: Glaube nie einem Vorwort.

Eigentlich gehört eine Rezension über diesen kleinen Schundroman also nicht auf diesen Blog. Da ich bei meinen Internetrecherchen aber primär auf englischsprachige Quellen (z.B. in der New York Times oder Boston Phoenix) gestoßen bin, die den Sachverhalt berichtigen, gibt es jetzt auch hier einen kleinen Blog-Post auf Deutsch.

Die Dichterin Onogoro ist Hofdame in Kioto und hat sich als Gönner einen General zum Geliebten auserkoren. Der Sex mit ihm befriedigt die Hofdame jedoch keineswegs. Daher engagiert sie den blinden Stallburschen Oyu, der ihr während des Liebesspiels anregende Geschichten einflüstern soll. Damit der General Oyu nicht bemerkt, ist er hinter einem Wandschirm verborgen. Doch nur Onogoro kann seine Stimme vernehmen.

Der General wiederum steht im Mittelpunkt einer Intrige eines Prinzen. Und auf Onogoros Körper entstehen wie von selbst Schriftzüge von Gedichten, die der eifersüchtige General einem Widersacher zuschreibt. In diese ganze Szenerie aus Missgunst und Eifersucht werden „erotische“ Geschichten eingebettet, die aber eher brutal und bizarr sind und zudem eine Prise Sodomie enthalten.

Auf Alison Fells Irrtümer hinsichtlich historischer Authentizität weist Edmund White in oben verklinktem Artikel in der New York Times bereits ausführlich hin. Etwas irritierend ist die Vorgehensweise des Rowohlt-Verlags, die Fehlinformationen der englischen Ausgabe so unkommentiert zu lassen. Zwar steht in „Zu diesem Buch“, der Roman sei „verschmitzt verkleidet als Kopfkissenbuch“, aber gleich auf der gegenüberliegenden Seite wird die Historizität des Romans impliziert: Er sei nur „herausgegeben von Alison Fell“ und „Unter Hinzuziehung der englischen Übersetzung von Arye Blower“, der später als ausgewiesener Japanologe vorgestellt wird, entstanden.

Bibliographische Angaben:
Fell, Alison: „Jadeschwert und Pflaumenblüte“, Rowohlt, Reinbek 1995, ISBN 3-499-13918-9

Montag, 10. Dezember 2012

„Mein Körper weiß alles“ von Banana Yoshimoto

Banana Yoshimotos Erzählband „Mein Körper weiß alles“ ist für mich eher eine Liebe auf den zweiten Blick: Direkt nach der Veröffentlichung habe ich das Buch verschlungen und war wenig beeindruckt. Bei der zweiten Lektüre für die Rezension habe ich mir Zeit gelassen und fand die Erzählungen weitaus bezaubernder. Freilich sind immer noch Erzählungen darunter, mit denen ich nicht so richtig warm werde. Doch nun ist auch bei „Mein Körper weiß alles“ der Banana Yoshimoto-Funke übergesprungen, der beim erstmaligen Lesen kein bisschen geglimmt hat. Man lernt halt nie aus: Für Banana Yoshimotos Erzählungen muss man sich wohl einfach mehr Zeit nehmen.

Besonders herzlich empfand ich „Der grüne Daumen“: Durch den Tod der Großmutter überdenkt die Ich-Erzählerin, die in einer Bar arbeitet, ihre Lebensziele. Sie merkt, sie hat den grünen Daumen der Großmutter geerbt und setzt sich zum Ziel, einen Blumenladen zu eröffnen. Die Pflanzen werden es ihr danken.

Oder auch „Papas Spezialität“: In einer Berghütte möchte sich die Ich-Erzählerin regenerieren. Nachdem ihr Freund eine Kollegin geschwängert hat, kündigt sie und versucht sich abseits der Urbanität über ihre Gefühle klar zu werden.

„Mumie“ ist dagegen eine eher untypische Banana Yoshimoto-Erzählung. Hätte man mir weisgemacht, sie stamme aus der Feder von Yoko Ogawa, so hätte ich das sicherlich geglaubt: Denn es geht ein bisschen gruslig zu, wenn die Ich-Erzählerin von einem knochigen Archäologie-Studenten abgeschleppt wird. Er will sie weder gehen noch mit ihren Eltern telefonieren lassen. Stattdessen haben die beiden tagelang Sex, die Ich-Erzählerin gibt sich ihm völlig hin. Schließlich zeigt der Student ihr seine selbst mumifizierte Katze – als er im Anschluss auf ihren Bauch blickt, schwant ihr, dass er mit dem Gedanken spielt, auch sie zu mumifizieren.

Zehn weitere Banana Yoshimoto-Erzählungen enthält „Mein Körper weiß alles“, von denen für mich „Blumen und Sturm“ die schwächste war. Nicht immer gehen einem die Protagonisten der wenige Seiten umfassenden Erzählungen gleich so zu Herzen wie in Banana Yoshimotos Romanen. Doch die Autorin bedient thematisch alle Erwartungen der Leser: Der Umgang mit dem Tod geliebter Menschen, Trennungen, tragische Liebesgeschichten mit verheirateten Männern, unkonventionelle Familienkonstellationen und Erinnerungen sind die bekannten Banana Yoshimoto-Zutaten, die auch in „Mein Körper weiß alles“ zum Zuge kommen.

Bibliographische Angaben:
Yoshimoto, Banana: „Mein Körper weiß alles“, Diogenes, Zürich 2010, ISBN 978-3-257-06751-4

Samstag, 10. November 2012

„Der Schlüssel“ von Junichiro Tanizaki

„Der Schlüssel“ für das Schränkchen, in dem der Professor sein Tagebuch verwahrt, liegt eines Tages wie als eine Aufforderung an des Professors Ehefrau auf dem Schreibtisch. Die Ehefrau Ikuko soll im Tagebuch lesen, denn hier zeichnet der Professor Pikantes auf: Das sexuelle Eheleben der beiden ist alles andere als erfüllt und so schreibt der Professor in seinem Tagebuch von seinen Wünschen, Fantasien und seinen Mitteln, mit denen er seine Begierde stillen kann.

In „Der Schlüssel“ versammeln sich allerhand Fetische: Der Professor liebt es, die Füße seiner Ehefrau zu liebkosen, ihren nackten Körper bis ins letzte Detail zu betrachten, sie in diverse Positionen zu bringen und dann zu fotografieren. Da Ikuko konservativ eingestellt ist und seinen sexuellen Wünschen nicht freiwillig nachkommen will, muss sich der Professor eine List ausdenken, um auf seine Kosten zu kommen: Regelmäßig hält er seine Ehefrau zu ausgiebigem Alkoholkonsum an. Betrunken und wehrlos kann er mit ihr tun und lassen, was er will.

Doch der Professor will mehr als er kann: Er muss sich bereits Hormonspritzen setzen lassen, um sexuell aktiv sein zu können. Und er bedient sich noch eines anderen Aphrodisiakums – der Eifersucht. Der junge Kimura war eigentlich als Bräutigam für die gemeinsame Tochter ausersehen. Doch Kimura und Ikuko fühlen sich weit mehr angezogen. Der Professor missbilligt dies nicht, er berauscht sich sogar an dem Gefühl der Eifersucht.

In Tagebuchaufzeichnungen hält der Professor die Geschehnisse fest. Doch auch Ikuko beginnt, ein Tagebuch zu führen. Ob die beiden heimlich die Tagebücher des anderen lesen und so ihre Handlungen und Niederschriften taktisch ausrichten?

Die wahre Abgründigkeit von Junichiro Tanizakis Roman tritt erst gegen Ende vollkommen zu Tage. Wie in anderen Tanizaki-Werken ist der Protagonist seiner Angebeteten bis zur masochistischen Selbstaufgabe vollkommen verfallen. Die dunkle Seite der Sexualität zieht den Leser auch Jahre nach der Veröffentlichung in den Bann, auch wenn der eigentliche Akt nur andeutungsweise geschildert wird.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Der Schlüssel“, Rowohlt, Reinbek 1961

Freitag, 31. August 2012

„Vita sexualis“ von Ogai Mori

Professor Kanai, Ogai Moris Alter Ego, zeichnet in „Vita sexualis“ mit nüchterner Sprache seine sexuelle Entwicklung auf. Diese startet im Alter von sechs Jahren: Als der kleine Kanai unversehens ins Haus der Tante Ohara stürmt, überrascht er die Tante, wie sie mit einem jugendlichen Mädchen ein geheimnisvolles Buch betrachtet. Die dargestellten Körperteile kann der Junge nicht recht zuordnen.

Mit sieben muss sich Kanai sexuell anzügliche Sprüche über seine Eltern anhören. Mit zehn findet er im Speicher seines Elternhauses ein Buch derselben Art, wie es damals die Tante Ohara durchgeblättert hatte. Dadurch inspiriert zu anatomischen Studien versucht er, der Tochter von Dienstboten unter den Kimono zu spannen.

Als er auf eine Privatschule kommt, wird er als „Knabe“ zum Objekt der Begierde für einen älteren Schüler. Er entgeht nur knapp einer homosexuellen Vergewaltigung. Mit 13 Jahren zieht Kanai ins Schülerwohnheim. Die Jungen dort teilen sich auf in Fans der illustrierten Bücher und den „Rauhbeinen“, die handschriftliche Heftchen, die die Knabenliebe thematisieren, konsumieren. Kanai wird zum beliebten Opfer der Rauhbeine.

Mit 15 ist Kanais Sexualität noch nicht erwacht, dennoch stromert er mit Freunden durchs Rotlichtviertel Yoshiwara. Mit 17 vernarrt er sich in ein Mädchen und mit 20 soll der heiratsfähige Kanai vermittelt werden. Schließlich besucht er das erste Mal eine Prostituierte.

„Vita sexualis“ erschien 1909 – und wurde kurz darauf wegen moralischer Verwerflichkeit verboten. Als hätte Mori Ogai dies vorhergesehen, schreibt er über seinen Protagonisten Kanai, der seine eigene Niederschrift rekapituliert:

„Und da er nun zu Ende gelesen hatte, fragte er sich, ob er dies der Öffentlichkeit vorlegen könne. Das war ein heikles Problem. Es handelte sich um Dinge, die jeder tat, über die aber niemand sprach. In der von Prüderie beherrschten Welt der Gebildeten, und weil er selber ihr angehörte, wäre das schwierig geworden.“ (S. 131)

Mori Ogai prangert mit „Vita sexualis“ jedoch nicht nur Prüderie an. Er wendet sich auch explizit gegen den Naturalismus, der die Sexualität als primären menschlichen Antrieb definiert. Kanai hinterfragt die These und begibt sich auf eine protokollarische, möglichst objektive Zeitreise seiner eigenen sexuellen Entwicklung.

Bibliographische Angaben:
Mori, Ogai: „Vita sexualis“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-01813-2

Sonntag, 1. Juli 2012

„Nächte mit Spoon“ von Amy Yamada

Die Nachtclub-Sängerin Kim lernt den in Japan stationierten GI Spoon kennen und vernarrt sich hemmungslos in den Afroamerikaner aus Harlem. Es dauert nicht lange, dass er seinen Militärdienst hinschmeißt, und zu Kim zieht. Es beginnt eine gemeinsame Zeit von Drogenkonsum, Gewalt und Sex. Dass Spoon wegen seiner Fahnenflucht eine saftige Strafe droht, schwebt wie ein Damoklesschwert über der eigenartigen Beziehung der beiden. Und dann gibt es auch noch Probleme mit Kims Vertrauten Maria, die sich an Spoon ranmacht.

Die Handlung von Amy Yamadas „Nächte mit Spoon“ ist nicht sehr ergiebig. Aber mit 110 Seiten in übergroßer Schrift kann das Büchlein auch nicht viel hergeben. Kim schwadroniert fast unaufhörlich über ihre Beziehung zu Spoon, aber so richtig klar wird dem Leser die Konstellation nicht. Kim kann nicht ohne Spoon leben, doch scheint sie ihn noch nicht einmal ernst zu nehmen, hat Mitleid mit ihm. Sie liebt ihn und liebt ihn dann doch wieder nicht. Oder war am Ende doch alles nur ganz platt und ausschließlich sexuelle Anziehung?

Amy Yamada wurde nach der Veröffentlichung von „Nächte mit Spoon“ vorgeworfen, rassistische Stereotypen zu bedienen und den Afroamerikaner Spoon zu marginalisieren. Freilich lobt sie seine Potenz und seinen unrein wirkenden Körpergeruch, der sie animalisch anzieht. Doch andererseits findet sie in ihm auch einen zerbrechlich wirkenden Kern.

Die Charaktere und deren Motivationen wirken recht schwammig und lassen es kaum zu, dass man sich mit den Protagonisten identifiziert oder ihre Handlungen und Gefühle nachvollziehen kann. Fast wirkt „Nächte mit Spoon“ als wollte die Autorin primär nur schockieren. Wenn man neben Amy Yamadas Büchlein Ryu Murakamis Drogenexzess „Blaue Linien auf transparenter Haut“ legt, dann verblasst aber selbst das Schockelement. Und zwar ganz, ganz schnell.

Bibliographische Angaben:
Yamada, Amy: „Nächte mit Spoon“, Ammann, Zürich 2008, ISBN 978-3-250-60116-6

Mittwoch, 9. Mai 2012

„Sommerliebe“ von Yoko Mori

Uiuiui, dass sich hinter dem Kurzroman mit dem schmachtvollen Namen „Sommerliebe“ solch ein Kaliber verbirgt, das hätte ich nicht gedacht. Wahrlich Sex in the City – nur in Tokio statt in New York: Die 35-jährige Yoko bewegt sich aufgrund ihrer Ehe mit dem Engländer Paul in internationalen Kreisen. Trotz des gemeinsamen Kindes geht sie mit Übersetzungen einer Arbeit nach und treibt sich auch gerne allein in Bars herum. Mitte 30 möchte Yoko noch die verbliebene Zeit auskosten, bis sie nicht mehr attraktiv für Männer ist. Zudem lebt sie in ihrer Ehe mehr neben dem Mann her und in sexueller Hinsicht kommt sie mit ihm ohnehin nicht auf ihre Kosten. Im Sommer kann sie Männern nicht widerstehen. Während sie letzten Sommer eine heiße, aber freundschaftliche Affäre mit einem Freund ihres Mannes hatte, lernt sie diesen Sommer den Amerikaner Lane kennen. Yoko gibt vor, noch ledig zu sein und stürzt sich in ein Abenteuer, das ihr den besten Orgasmus ihres Daseins beschert. Lane verkörpert einen anziehenden Charakter: Von außen cool und innen zerbrechlich. Dass diese Affäre kein Happy End haben wird, ist voraussehbar.

Mit erstaunlicher Offenheit geht Yoko Mori in dem bereits in den 70er Jahren erschienen Roman mit Sexualität um: Außereheliche Affären, Homosexualität, Outdoor-Sex, Oralsex, Verbalsex – mit „Sommerliebe“ wird ein ganzes Spektrum an sexuellen Spielarten illustriert. Und natürlich sind einige schmachtvolle Stellen für die weiblichen Leser enthalten, wenn der attraktive Lane geschildert wird, den wohl keine von der Bettkante stoßen würde.

Neben „Sommerliebe“ enthält der Band auch die kurzen Erzählungen „Bloody Mary“, „Die Freundinnen“ und „Sturzregen“, die jeweils amüsante Episoden allein stehender Frauen in Tokio illustrieren: Da geht es um heiße Aufrisse in einer Bar, vorgeschützte Keuschheit beim Omiai, Lebenswege, die sich in unerwünschte Richtungen drehen, und plötzlich aufkeimendes sexuelles Verlangen – jeweils mit einem Augenzwinkern versehen.

Leider wird der Klappentext dem Buch überhaupt nicht gerecht. In „Sommerliebe“ und den Erzählungen geht es weit rasanter und frecher zu. Sicherlich wird aber eine weibliche Leserschaft mehr Freude an den Texten haben.

Samstag, 22. Oktober 2011

„Japanische Freuden“ von Akiyuki Nosaka

Japan in den 60ern: Subuyan macht Karriere als Pornograph. Begonnen hat er mit dem Verkauf von einzelnen Fotografien. Nun nimmt er mit seinem Kumpan Banteki heimlich Tonaufnahmen von kopulierenden Paaren auf. Und bald steigt er ins Filmgeschäft ein; zuerst als Händler, dann als Produzent. Der umtriebige Subuyan betätigt sich nebenzu noch als Zuhälter, Lehrer im U-Bahn-Grabschen und als Organisator von Orgien. Dummerweise ist gerade ihm ein ganz unsexuelles Schicksal beschieden: Nachdem er sich in seine minderjährige Stieftochter verliebt hat, scheint er impotent geworden zu sein. Ob da eine Sexpuppe – die neueste Erfindung aus den USA – Abhilfe schaffen kann? Und als hätte er nicht schon genug Probleme, kommt ihm dann auch noch die Polizei auf die Schliche…

Auf seinem Weg durchs Pornogeschäft vergrößert sich Subuyans Gefolgschaft: Hack, erfolgloser Schriftsteller altmodischer erotischer Literatur, wird als Drehbuchschreiber engagiert. Paul, der als Laiendarsteller in Pornos seines Ex-Chefs mitgewirkt hat, reißt zusammen mit Kabo Frauen für Subuyans Orgien auf. Und irgendwie haben sie alle ihre sexuelle Störung: Hack schreibt in Erinnerung an seine frigide Mutter und holt sich dabei einen runter. Kabo kann mit Frauen nichts anfangen, sobald sie kein unschuldiges Gesicht mehr ziehen. Und Banteki will mit seinen Pornofilmen Kunst machen.

„Japanische Freuden“ von Akiyuki Nosaka ist nicht nur in punkto Sex unkonventionell – insbesondere wenn man bedenkt, dass der Roman bereits in den 60er Jahren veröffentlicht wurde und sicherlich große Aufmerksamkeit erregte. Auch mit dem Tod wird durchaus pietätlos umgegangen: Als Subuyans Frau stirbt, wird zur Totenwache ein Pornofilm gezeigt – was wäre für die Frau eines Pornographens denn passender? Und der arme Hack, der bei der Selbstbefriedigung einen Herzinfarkt hatte, wird in Ermangelung eines Sarges in eine Teekiste gesteckt, auf deren Deckel zum Andenken an den leidenschaftlichen Mah-Jongg-Spieler Hack die ganze Nacht durchgespielt wird.

Japanische Freuden“ ist ein kleines, literarisches Feuerwerk an Facettenreichtum: Es ist bitterböse (eine kleine Vergewaltigung ist gut für jede Orgie), bizarr (Inzest mit zurückgebliebenen Angehörigen), Slapstick (armer, impotenter Subuyan) und zu Herzen gehend (Subuyans liebevolles Verhalten seiner im Sterben liegenden Frau gegenüber).

Samstag, 3. September 2011

„Mandala der Lüste“ von Kenji Nakagami

Zugegeben: Der Titel „Mandala der Lüste“ klingt sehr nach Softporno. Zwar sind Sex-Szenen in Kenji Nakagamis Roman durchaus vorhanden, aber sie sind eher deftig als soft (gleichgeschlechtlich, blutig und gefesselt). Der japanische Originaltitel würde ins Deutsche übersetzt „Ekstasen aus tausend Jahren“ lauten. Doch auch dies scheint mir ein bisschen zu kurz gegriffen, da die alte Hebamme O-Ryu aus dem Leben von sechs Männern der Nakatomo-Sippe erzählt. Freilich gehört dazu auch deren Sexualität – aber eben nicht nur.

Die Nakamotos leben wie O-Ryu im Kiez, im Buraku, im Ghetto von Shingu. Glaubt man den Gerüchten, so fließt in ihren Adern verrottetes Adelsblut. Sie sind faul, neigen zu Gewalttaten und sind aufgrund ihres guten Aussehens bei den Frauen mehr als beliebt. Da gibt es zum einen den besonders schönen Hanzo, der sowohl Frauen als auch Männer betört. Myoshi, der sich Pervitin spritzt, wird durch den Drogenkonsum bald blind. Fumihiko sieht schon als Kind Tengu-Kobolde – hat er sich mit der Auswahl seiner Geliebten vielleicht sogar einen ins Haus geholt? Yasu der Orientale will nach Südamerika auswandern und macht sich dabei gehörig Feinde. Shinichiro ist der geschickteste Einbrecher, der durch seine Weibergeschichten aber enttarnt wird. Und dann gibt es noch Tatsuo, der in einem jungen Ainu einen Verbündeten findet. Leider teilen alle männlichen Nakamotos, wie die alte O-Ryu weiß, jedoch das Schicksal des allzu frühen Todes.

Kenji Nakagami zeichnet ein aufregendes Bild des Burakus, das unter anderem von Ganoven, Tagelöhnern und Prostituierten bevölkert ist. Denn den Ausgestoßenen ist ein enormes Selbstbewusstsein gegeben; ein Stolz, zu tun und zu lassen zu können, was man will. Der Schreibstil wirkt etwas altbacken, was jedoch hervorragend zur Erzählerin, der alten O-Ryu, passt. Als diese im Sterben liegt, setzt die Modernisierung im Japan der Nachkriegsjahre ein; die tausend Jahre vormoderne Buraku-Geschichte, die O-Ryu in ihrem Gedächtnis eingespeichert hatte, neigen sich damit dem Ende zu.