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Dienstag, 17. Juni 2014

„Operation Heimkehr“ von Masanori Nakamura

Masanori Nakamuras „Operation Heimkehr“ ist ein recht ungewöhnlicher Roman für einen japanischen Autor: Die Handlung spielt sich in Deutschland ab, kein einziger Charakter ist von japanischer Nationalität und wären da nicht zwei Passagen, die auf Kirschblüten bzw. Karpfenhaut verweisen würden, hätte man nicht einmal das leiseste Indiz dafür, dass es sich bei dem Autor um einen Japaner handelt.

Der mit dem Naoki-Preis ausgezeichnete Roman „Operation Heimkehr“ ist ein Polit-Thriller, der in den 80er Jahren und damit im Kalten Krieg angesiedelt ist. An der Grenze von West- und Ostdeutschland treffen die Staaten der Nato und des Warschauer Pakts aufeinander. Genau in dieser mehr als sensiblen Grenzzone wächst sich die nächtliche Irrfahrt eines westdeutschen Studenten zu einem Zwischenfall aus: Hans Joachim Hirschmeier nimmt eine falsche Kurve auf westdeutschem Gebiet und stoppt seinen Porsche erst knapp vor einem Grenzturm der DDR. Als ein ostdeutscher Grenzsoldat auf den Porsche feuert, schießt Hirschmeier mit einem Jagdgewehr in die Dunkelheit zurück. Ein Schuss, der verheerende Folgen zu haben scheint: Der Grenzturm explodiert regelrecht; einige Grenzsoldaten kommen zu Tode.

Auf ostdeutscher Seite nutzt ein Oberleutnant die Verwirrung vor Ort, um auf westdeutsches Gebiet zu gelangen. Er hat einen geheimen Auftrag, den er keinesfalls von dem Unglück im Grenzgebiet gefährden lassen kann. Doch natürlich ruft die Explosion noch weitere Geheimnisträger auf den Plan: Der BND beginnt zu ermitteln, das US-Generalkonsulat in Hamburg ist alarmiert und auch die Engländer stellen ihre Vermutungen an. Als ein öffentliches Statement der DDR-Regierung wegen der Grenzverletzung durch den westdeutschen Studenten ausbleibt, verdichtet sich das Misstrauen gegen den Osten. Gehen an der Grenze derzeit ungewöhnliche Dinge vor sich? Steht etwa sogar ein Angriff des Warschauer Paktes direkt bevor?

Die erste Hälfte von Masanori Nakamuras „Operation Heimkehr“ liest sich flüssig und spannend. Aus verschiedensten Blickwinkeln wird die Geschichte erzählt; der Leser kann mitfiebern und sich seinen eigenen Reim auf die Geschehnisse machen. Doch leider zeigt sich nur allzu bald, dass die Handlung sehr oft auf Zufälligkeiten beruht, was immer negativer aufstößt. Auch der große, finale Showdown löst sich meiner Meinung zu schnell, fast schon abrupt auf. Hier hätte man den Spannungsbogen durchaus länger ziehen können.

Trotz alledem: „Operation Heimkehr“ ist ein sehr außergewöhnlicher, japanischer Roman, der sicherlich enorm viel Recherchearbeit des mehrere Jahre in Deutschland lebenden Autors Masanori Nakamura erfordert hat.

Bibliographische Angaben:
Nakamura, Masanori: „Operation Heimkehr“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hirner, Andrea), Droemer Knaur, München 1982, ISBN 3-426-19056-7

Samstag, 14. April 2012

„Wiedergeburt am Ganges“ von Shusaku Endo

„Wiedergeburt am Ganges“ ist Shusaku Endos letzter Roman vor seinem Tod im Jahr 1996. Der Leser begegnet verschiedenen Charakteren, die alle in einer Reisegruppe an den Ganges zusammentreffen: Da ist Isobe, der seine Ehefrau durch Krebs verloren hat. Isobe merkt erst nach dem Tod seiner Frau, wie viel sie ihm doch bedeutet hat, und bereut, dass er so gar nicht zärtlich und liebevoll zu ihr war. Im Delirium bat sie, die an Wiedergeburt glaubte, ihren Ehemann, sie in ihrer Reinkarnation zu suchen.

Mitsuko ist eine harte Frau: Sie glaubt nicht, dass sie zu lieben fähig ist. Für die meisten ihrer Mitmenschen hat sie nur Spott übrig – insbesondere für ihren katholischen Ex-Kommilitonen Otsu, dessen Glauben sie überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Numata fühlt seit seiner Kindheit eine starke Verbundenheit zu Tieren. Als er eine schwere Lungenoperation vor sich hat, ist es ein Beo, der ihm Kraft gibt. Fast scheint es, als hätte der Beo sein Leben für Numatas gegeben.

Der Ex-Soldat Kiguchi will verreisen, um für seine verstorbenen Kameraden in Indien, dem Ursprungsland des Buddhismus, eine Messe lesen zu lassen. Insbesondere für Tsukada, der ihm in Birma das Leben rettete, aber zurück in Japan nicht mit den Erinnerungen an den Krieg leben konnte und sich zu Tode soff.

Der Ganges ist der ideale Ort für Mitsuko, Isobe, Numata und Kiguchi, sich ihren Problemen, Weltsichten und Einstellungen zu stellen. In Indien begegnet Mitsuko aber auch Otsu wieder, der nicht katholischer Priester werden konnte und sich nun sterbender Pilger annimmt. In Dialogen und Briefen zwischen Mitsuko und Otsu äußert sich Shusaku Endos Kritik an der westlichen, insbesondere europäischen Interpretation des Christentums: Gut und Böse werden als zwei absolut getrennte Dinge erachtet. Otsu hingegen sieht sie als zwei Seiten einer Medaille. Im Guten liegt immer ein Keim des Bösen, auch das Böse trägt das Gute in sich. Zudem vertritt Otsu eine pantheistische Einstellung, in der seine europäischen Glaubensbrüder Häresie sehen. Ein katholisches Priesteramt bleibt ihm dadurch verwehrt. Daher findet sich Otsu in Indien wieder und nimmt wie Jesus selbst das Leid der Ärmsten der Armen auf sich.

Doch Shusaku Endo übt auch Kritik an seinem Heimatland: So werden beispielsweise Todkranke noch mit unnützen Therapien behandelt, obwohl diese Leiden und kaum verlängerte Lebenserwartung mit sich bringen. Und die traumatisierten Soldaten des zweiten Weltkriegs werden mit ihren Nöten allein gelassen.

Bei all den ernsten Themen in „Wiedergeburt am Ganges“ ist der Roman jedoch keineswegs deprimierend. Am Ganges finden die Protagonisten jeder auf seine Weise Trost. Obwohl sie nicht hinduistischen Glaubens sind, übt der heilige Fluss auch auf sie eine (quasi-)religiöse Anziehung aus. „Wiedergeburt am Ganges“ ist auch kein Lobgesang auf Religionen: Die Urlauber erleben religiösen Konflikte hautnah, sind sie doch im Land, als Indira Gandhi von Sikhs ermordet wird.

Wer „Der wunderbare Träumer“ von Shusaku Endo gelesen hat, darf sich zudem auf ein kleines Wiedersehen freuen: Gaston, der pferdegesichtige, französische Grobmotoriker, spielt erneut einen rettenden Engel.

Freitag, 22. April 2011

„Kristall Kids“ von Yasuo Tanaka

„Kristall Kids“ ist ein recht ungewöhnlicher Roman. Denn eigentlich kommt er ohne einen wirklich relevanten Handlungsbogen, ohne Höhepunkte aus. Er ist vielmehr wie eine Dokumentation des Lebens einer Studentin in Tokio zu Beginn der 80er Jahre, eine Beschreibung des damaligen Lifestyles. Das war auch das erklärte Ziel des Autors Yasuo Tanaka, der die japanische Literatur als zu abgehoben erachtete: Der Jugend eine Stimme geben und eine Momentaufnahme erstellen.

Daher begleitet der Leser die Studentin Yuri bei ihrem Alltag: Wie sie die Uni schwänzt, sich mit Freundinnen trifft, Shoppen geht, eine Affäre in einem Love Hotel hat, dennoch glücklich mit ihrem Freund ist, sich als Model etwas dazuverdient, durch Kneipen zieht.

Yasuo Tanaka hat dieser Generation von Großstadtjugendlichen in den 80er Jahren auch in der Realität ein Etikett aufgeklebt – die „Kristall Kids“. Yuris Liebhaber Masataka versteht darunter:

„Kristall, meinst du… ja, wir überlegen nicht groß wie die Nachwuchsphilosophen: Jugend, was ist das? Liebe, was ist das? Wir lesen auch nicht besonders viel und begeistern uns nicht wie die Verrückten für eine Sache, hab ich recht? Aber wir haben weder Stroh im Kopf, noch sind wir benebelt. Wir sind nicht unnahbar, aber den Leuten auf der Pelle hängen wir schon gar nicht. Und so einfältig, die Meinungen anderer unbesehen zu schlucken, sind wir auch nicht.“ (S.101)

Was ebenso an den „Kristall Kids“ auffällt, ist ein extremes Konsumverhalten und eine enorme Begeisterung für westliche Produkte und Eigenarten. Und dennoch entkommen sie der japanischen Tradition nie ganz. Die Studentinnen streben doch insgeheim nach einem Leben als Ehefrau, auch wenn sie noch so sehr jedwede traditionelle Lebensweise vordergründig als lächerlich erachten.

Ungewöhnlich ist dahingegen die Struktur des Buches: Auf der recht Seite läuft jeweils der Fließtext, während die linke Seite gespickt ist mit Fußnoten. Hier werden die damals aktuellen Musiker, Trends, Läden und Bars ausgiebig kommentiert, manchmal ironisch, manchmal faktisch.

Dem Roman nachgestellt sind unter anderem Interviews mit den Übersetzerinnen, die damals als Studentinnen im vierten Semester der Japanologie in den Semesterferien die „Kristall Kids“ ins Deutsche übersetzt haben. Das macht das Buch gleich um einiges liebenswürdiger und zeigt auf, wie viel Herzblut in einer Übersetzung stecken kann.

Donnerstag, 21. April 2011

Yasuo Tanaka

Yasuo Tanaka (geboren 1956 in Tokio) wuchs auf dem Land auf und kehrte zum Jura-Studium nach Tokio zurück. Seinen ersten Roman „Kristall Kids“ über das Jugendgefühl der beginnenden 80er Jahre schrieb er innerhalb von nur drei Wochen. 1981 erhielt er dafür einen Nachwuchsliteraturpreis. „Kristall Kids“ verkaufte sich mehr als eine Million Mal und löste einen „Kristall-Boom“ aus, der in der Verfilmung des Buches mündete. Quasi über Nacht wurde Yasuo Tanaka berühmt.

Yasuo Tanakas weitere Romane behandeln wie „Kristall Kids“ die Themen Jugend und Konsum, jeweils aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin.

Im Jahr 2000 begann Yasuo Tanakas politische Karriere mit seiner Ernennung zum Gouverneur der Präfektur Nagano.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

Sonntag, 17. April 2011

„Tokio Girl“ von Rika Yokomori

Saya lebt in den 80er Jahren während der japanischen „Bubble Economy“. Sie hat das Abitur gerade hinter sich gebracht und beginnt auf Drängen ihrer alleinstehenden Mutter ein Literaturstudium an einer Frauenuniversität. Die Mutter möchte für ihre Tochter eine bestmögliche Ausbildung und sieht Literatur als ein sehr renommiertes Studium an. Saya hingegen fügt sich nur deswegen, weil sie selbst nicht so recht weiß, was sie will. Hauptsache, sie kann sich selbst erst einmal in der Lebensphase Studium verorten und muss nicht weiter nachdenken. Nebenzu arbeitet sie als Hostess, um sich ihren Lebensstil leisten zu können. Der Job ödet sie an, jedoch prostituiert sie sich oft für Geld; liegt dabei aber nur da „wie ein toter Thunfisch“. Alles ändert sich, als der erfahrene Herr Hotta, dem Saya den Kosenamen Bogey gibt, in ihr Leben tritt. Für Saya wird er Vaterersatz und Liebhaber in einem.

Bogey macht halb legale, halb illegale Börsengeschäfte und schwimmt in Geld. Saya studiert zwar weiter, widmet sich aber Bogeys Haushalt wie eine Ehefrau und lässt sich von ihm mit Designerkleidung ausstatten. Als die Börsengeschäfte auffliegen, folgt der Abstieg…

„Tokio Girl“ von Rika Yokomori gibt Einblick in ein sehr oberflächliches, naives Leben in den 80ern, das Konsum als das oberste Ziel erhebt. Daher bleibt die Person Saya auch irgendwie unzugänglich. Sie langweilt sich permanent – und der Leser langweilt sich mit. Selbst als Bogey sie zu einer Abtreibung zwingt, bleibt sie seltsam teilnahmslos. Das Buch entbehrt über ganze Strecken eine relevante Handlung und Tiefgang. Warum Saya mit Bogey zusammen ist und ihn schließlich sogar heiratet, wird nicht klar. Und nach manchen Passagen kann man nur verwundert den Kopf schütteln:

„‚Okay’, konterte er, ‚Zeit für die erste Partie und für den ersten Fick!’ Es waren besinnliche Tage.“ (S. 113)

Trotzdem gelingt es dem Buch, eindrückliche Kritik an der Rolle der Frau in der japanischen Gesellschaft zu üben. Insofern lässt sich Sayas Orientierungslosigkeit doch zumindest etwas nachvollziehen. Denn ein Studium bedeutet für Frauen nicht primär, sich auf ein erfolgreiches Arbeitsleben vorzubereiten. Es ist ein Statusmerkmal, um einen guten Ehemann und Versorger aus einer höheren Gesellschaftsschicht zu bekommen. Die Frauen, die nach dem Studium dennoch an Karriere denken, werden herbe enttäuscht: Sie werden zukünftig den gleichermaßen ausgebildeten Männern im Unternehmen den Tee kochen und mit einem Hungerlohn abgespeist.