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Samstag, 19. April 2014

„Eine persönliche Erfahrung“ von Kenzaburo Oe

Im Sommer 1961 wird Birds Sohn geboren. Doch der werdende 27-jährige Vater freut sich vorab nicht wirklich auf den Nachwuchs. Afrika, das Ziel seiner Reisesehnsüchte, wird er so wohl nie betreten. Sein Leben wird sich zukünftig wohl in gutbürgerlichen Bahnen zu bewegen.

Doch als Bird den Anruf aus dem Krankenhaus erhält, sein Kind sei geboren, aber alles andere als gesund, scheint sich sowohl die Afrikareise als auch das gutbürgerliche, harmonische Familienleben zu zerschlagen. Sein Sohn ist mit einer Geschwulst am Kopf geboren; die Ärzte geben ihm nur noch wenige Tage zu leben. Birds Frau wird weis gemacht, das Kind werde wegen einer anderen Gesundheitsbeeinträchtigung dringend in eine Spezialklinik verlegt. Sie soll das Baby, das aussieht, als würde ein zweiter Kopf aus dem eigentlichen wachsen, möglichst gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Für Bird ist das Neugeborene ohnehin schon nichts anderes als ein Monster.

Bird lässt seinen Sohn zum Sterben in der Spezialklinik und flüchtet sich zu seiner Freundin Himiko, die er noch aus seinen Studentenzeiten kennt. Himiko lebt seit dem Selbstmord ihres Ehemanns ein unkonventionelles Leben: Unter Tags verlässt sie kaum das Haus, abends braust sie mit ihrem Sportwagen durch die Stadt und lässt sich mit allerlei Männern ein. Bei ihr findet Bird eine Höhle, in der er seine Wunden lecken kann. Hier lässt er sich volllaufen und hat Sex mit Himiko, während er auf den Anruf der Klinik wartet, dass sein Kind endlich stirbt. Doch das Baby denkt gar nicht daran, das Zeitliche zu segnen. Es wird sogar von Tag zu Tag kräftiger. So bittet Bird den behandelnden Arzt bald darauf, die Nahrungszufuhr zu reduzieren und den Sohn verhungern zu lassen. Als ein Spezialist den Kleinen operieren will, nimmt Bird das Baby zu sich, um es von einem zwielichtigen Arzt um die Ecke zu bringen zu lassen.

Doch die Entscheidung nagt an Bird. Soll er sich den Tod des behinderten Kindes zu Schulden kommen lassen, seine Ehefrau dadurch verlieren, aber dadurch frei für eine Afrikareise mit Himiko werden? Bird neigt zum Selbstbetrug, ringt aber mit sich, um den richtigen Weg doch noch zu finden.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Eine persönliche Erfahrung“ ein schwüles, beklemmendes Sommerszenario, das auf eigenen Erlebnissen beruht: Im Jahr 1963 kam Kenzaburo Oes Sohn Hikari mit einer Behinderung zur Welt. Hikari Oes Existenz beeinflusste fortan seinen Vater in seinem literarischen Schaffen.

So ganz anfreunden kann man sich als Leser allerdings nicht mit dem Protagonisten Bird. Er wirkt komplett passiv hinsichtlich seiner persönlichen Angelegenheiten, zeigt dafür aber Engagement, wenn es um die Zukunft irgendeines Bekannten geht. Nervig werden mit der Zeit auch die ständigen Metaphern und Vergleiche, die teilweise extrem abgehoben wirken und dadurch nicht zur Situation passen wollen. So wird der doppelköpfige Sohn mehrfach mit dem unter einer Kopfverletzung leidenden Apollinaire verglichen. Oder die Schwiegermutter wird wie folgt beschrieben:

„Die Schwiegermutter saß unbewegt wie zuvor, als hätte der melancholischste Bauchredner dieses Erdkreises gesprochen.“ (S. 34)

Noch ein bisschen abstruser wird es dann an anderer Stelle: Birds seit der Geburt des Sohnes plötzlich aufsteigende Abneigung gegen Sex mit Frauen wird genauso schnell wieder durch Analsex mit Himiko geheilt. Ohnehin ist die Darstellung von Sexszenen nicht gerade die Stärke von Kenzaburo Oe.

Sicherlich ist die Thematik von „Eine persönliche Erfahrung“ die Lektüre wert – nur mag dem einen die Ausführung durch Kenzaburo Oe mehr liegen als dem anderen…

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Eine persönliche Erfahrung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39249-2

Sonntag, 28. April 2013

„Zufluchtsort“ von Yoshikichi Furui

Eine kleine Einzimmerwohnung wird für Sae und Iwasaki zum „Zufluchtsort“. Die Protagonisten aus „Der Heilige“ treffen sich zwei Jahre nach ihrer Trennung auf dem Land in Tokio wieder. Zwischenzeitlich hat Sae ein Kind abgetrieben, das von Iwasaki gezeugt wurde. Sie entwickelt bereits manische Tendenzen: Ihre Wohnung putzt sie nach der Abtreibung blitzeblank, hat kaum soziale Kontakte außerhalb ihres Arbeitsplatzes.

Erst nach zwei Jahren meldet Sae sich bei Iwasaki – und wird bald erneut schwanger von ihm. Sie ist zerrissen, ob sie eine erneute Abtreibung vornehmen lassen soll oder mit Iwasaki eine Familie gründen soll. Nach einigem Ringen entscheidet sie sich für letztere Variante. Iwasaki gibt seine eigene Wohnung auf, zieht zu Sae und heiratet sie. Während Sae ohnehin keine Eltern mehr hat, stehen Iwasakis Eltern der Ehe kritisch gegenüber. Sie sollen Recht behalten: Sae verhält sich immer irrationaler, leidet unter Verfolgungswahn. Iwasaki gibt schließlich seine Arbeit auf, um sich ganz um Sae und die gemeinsame Tochter Sachiko zu kümmern. In Sae flammt immer wieder Hass auf, der auf die Außenwelt gerichtet zu sein scheint. Dies zieht körperliche Auseinandersetzungen nach sich, in der sich Sae und Iwasaki gegenseitig Blessuren zufügen. Auch ein hinzu gezogener Arzt kann das irrsinnige Eheleben nicht verbessern. Schließlich beginnt auch Iwasaki, sich irrational zu verhalten.

Ich gebe zu, dass ich mich durch Yoshikichi Furuis „Zufluchtsort“ eher durchgequält habe. Die Handlungen der verrückten Sae ziehen sich zäh hin und man fragt sich immer öfter, was Iwasaki eigentlich in dieser Ehe hält, warum er diese überhaupt eingegangen ist. Liebe scheint die Eheleute jedenfalls noch nie wirklich verbunden zu haben. Und auch das gemeinsame Kind erscheint nicht wie ein Bindeglied. Iwasaki gibt sich vielmehr ganz in die Situation und bleibt primär passiv mit einer Tendenz zum Masochismus. Der bisher so starken Sae nimmt man den plötzlichen Kontrollverlust irgendwie nicht so ganz ab.

„Zufluchtsort“ ist nach „Der Heilige“ der zweite Teil einer Trilogie. Der dritte Teil „Die Eltern“ ist derzeit noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Bibliographische Angaben:
Furui, Yoshikichi: „Zufluchtsort“ (Übersetzung aus dem Japanischen: May, Ekkehard), Bebra, Berlin 1996, ISBN 3-86124-280-X

Sonntag, 7. April 2013

„Die letzten Kilometer eines Traums“ von Hiroshi Sunada

David gegen Goliath, Taxifahrer gegen Automobilkonzern. Das sind die wesentlichen Zutaten von Hiroshi Sunadas „Die letzten Kilometer eines Traums“; einem Roman, der in Japan für ein jugendliches Publikum erschien, sich aber in der Kompass-Reihe des Verlags Neues Leben an Erwachsene richtet.

Der 25-jährige Taxifahrer Takeuchi hat den Traum, seine Schwester vom Land nach Tokio holen zu können, um ihr eine Ausbildung als Kosmetikerin zu ermöglichen. Dafür knausert er bei seinen täglichen Ausgaben und hat bereits ein nettes Sümmchen angespart. Doch als ihm der kleine Mamoru mit dem Fahrrad vors Taxi fährt, ändert sich Takeuchis Leben schlagartig. Denn die Lenkung des Taxis blockiert und Takeuchi fährt Mamoru an; verletzt ihn lebensgefährlich. Während der Autohersteller den Mangel des Fahrzeugs vehement abstreitet, bleiben Mamorus Eltern auf den Kosten für die Intensivpflege des Sohnes sitzen. Schlimmer noch – wird Mamoru jemals wieder aus seinem Koma erwachen, wenn er nicht die allerbeste Betreuung erhält?

In Takeuchi reift ein Plan, wie er Mamorus Pflege auf kriminellem Wege von dem Automobilkonzern finanziert bekommt.

Der einfach geschriebene Roman wettert gegen das zunehmende Automobilaufkommen, die damit verbundene Umweltverschmutzung und vermehrte Unfälle mit Todesfolge. Mit der Figur eines vietnamesischen Arzts führt Hiroshi Sunada auch Amerika-Kritik in sein Werk ein: Der junge Arzt, der in Japan praktiziert, weigert sich, die bemannte Apollo-Landung auf dem Mond im Jahr 1969 live zu verfolgen, während seine Landsleute in der Heimat von US-Amerikanern getötet werden. Seit er an einer Friedensdemonstration teilgenommen hat, hat er einen Aktenvermerk bei der japanischen Polizei. Der Wert des Romans liegt daher wohl weniger in einer spannenden Handlung, sondern vielmehr in einer Zeitskizze, die die Schaffung von Neuland, Wirtschaftswachstum, Wiederaufrüstung, Landflucht, den Vietnam-Krieg und die Mondlandung umfasst.

Bibliographische Angaben:
Sunada, Hiroshi: „Die letzten Kilometer eines Traums“ (Übersetzung: Simon, Andreas), Verlag Neues Leben, Berlin 1987

Montag, 18. Februar 2013

„Karpfentanz“ von Hisako Matsubara

Der Karpfen – ein Symbol für Zielstrebigkeit. Wenn es nach Ryos Mutter geht, dann soll der 26-Jährige ein richtig dicker Fisch im Bankenwesen werden. Dummerweise stagniert seine Karriere aber gerade. Als Absolvent einer Elite-Universität muss er sich im Außendienst hochbuckeln. Er soll Privatpersonen davon überzeugen, ihr Geld bei der Gowa-Bank anzulegen. Doch Ryo fehlt es an Selbstbewusstsein, Souveränität und Leutseligkeit, um sein hohes Soll zu erfüllen. Sein Kollege Kenzo hilft ihm gegen entsprechende Entlohnung oft genug aus der Patsche. Die Zielvorgaben der Gowa-Bank sind unerbittlich, werden immer höher angesetzt und treiben die Angestellten gar zum Selbstmordversuch.

Wäre es nach Ryos Vater gegangen, dem Guji, dem höchsten Shinto-Priester von Kioto, so hätte er Ryo von Kindheit an eine andere Erziehung angedeihen lassen, die seinem zurückhaltenden Charakter Rechnung getragen hätte. Doch Ryos ehrgeizige Mutter, die einer Samurai-Familie entstammt, wollte  Ryo partout zu einem Angehörigen der Elite trimmen: Elite-Kindergarten, Elite-Schule, Elite-Universität. Und Elite-Job?

Dummerweise scheint sich der junge Mann auch noch ernsthaft zu verlieben – ausgerechnet in die völlig unstandesgemäße Tochter eines Busfahrers. Erschwerend kommt hinzu, dass die Tochter Saya sich in Europa mit einem Gaijin, einem Nicht-Japaner, verheiratet hat. In der feinen Gesellschaft von Kioto ist das ein Skandal. Ryos Marktwert in der arrangierten Ehevermittlung sinkt daher auf einen sensationellen Tiefststand. Und dabei hatte Ryos Mutter doch so sehr auf eine Schwiegertochter aus gutem Hause gehofft, die Ryo zu guten Beziehungen verhelfen könnte.

Hisako Matsubara setzt ihre Familiengeschichte, die sie mit „Abendkranich“ begonnen hat, mit „Karpfentanz“ fort. Zwischenzeitlich sind 20 Jahre vergangen und Saya, der Protagonistin aus „Abendkranich“, ist ins Ausland gegangen. Im Zentrum von „Karpfentanz“ steht nun ihr Bruder Ryo. Hisako Matsubara hält mit ihrer Kritik an der japanischen Gesellschaft der 60er Jahre nicht zurück: Es gilt zwar als chic, einen Gaijin aus Europa oder den USA zu kennen – aber ehelichen soll man solch einen Barbaren bitte bloß nicht. Durch solch eine Untat gerät eine ganze Familie in Verruf. Die Angestellten der Banken werden völlig unter Druck gesetzt und regelrecht einer Gehirnwäsche unterzogen. Wer braucht denn Freizeit, wenn es darum geht, sich für den Arbeitgeber aufzureiben? Schließlich zählt in der japanischen Gesellschaft nur die Karriere. Und wer will schon als Versager gelten?

Zwar fehlt „Karpfentanz“ aufgrund der Thematik die Leichtigkeit von „Abendkranich“. Trotzdem hat die Lektüre Spaß gemacht – insbesondere da sie ein Wiedersehen mit dem großartigen Guji ermöglicht. Ein weiser Mann, der Sätze wie

„Wenn man der Natur zuviel Gewalt antut, führt es zu Verwerfungen der Seele.“ (S. 113)

von sich gibt – sich aber leider nicht gegen seine überambitionierte Frau durchsetzen kann. Er ahnt, dass Ryo unter den gegebenen Umständen sich bald zu etwas ganz Unglaublichem hinreißen lassen wird. Er wird Recht behalten…

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Karpfentanz“, Albrecht Knaus, München 1994, ISBN 3-8135-6084-8

Dienstag, 23. Oktober 2012

„Der Tag der Auferstehung“ von Sakyo Komatsu

Der Titel von Sakyo Komatsus apokalyptischem Roman impliziert bereits einen Hoffnungsschimmer: „Der Tag der Auferstehung“ wird kommen. Doch zunächst wird die Menschheit fast ausgerottet. Der kalte Krieg hat seinen Zenith fast überschritten, Abrüstungsverhandlungen über die Atomwaffen sollen bald geführt werden. Dennoch forschen Wissenschaftler an gefährlichen biologischen Waffen. Ein gefährliches Virus wird aus einem geheimen, englischen Forschungslabor entwendet. Beim Transport wird die Katastrophe heraufbeschwört: Das Flugzeug, mit dem das Virus außer Landes geschafft werden soll, stürzt ab – der Kampfstoff wird freigesetzt und wütet ungebremst auf der ganzen Welt.

Im Labor, in dem das Virus hergestellt wurde, ist nicht aufgefallen, dass die Probe entwendet wurde. Keiner kann den Zusammenhang zwischen der gefährlichen Grippe, die weltweit grassiert, und dem biologischen Kampfstoff herstellen.

Eine kleine Gruppe Forscher hält sich zeitgleich in der Antarktis auf. Dank der niedrigen Temperaturen dringt das Virus nicht bis die Kältezone vor. Den Forschern bleibt nichts anderes übrig, als aus der Ferne das Massensterben zu beobachten. Doch auch sie sind in Gefahr: Die Atomwaffen der USA und der Sowjetunion sind noch immer scharf.

Sakyo Komatsus Roman ist für unsereiner freilich kein futuristischer Science Fiction mehr. Das 1964 in Japan erschienene Werk spielt Ende der 60er und zieht sich in die 70er hinein. Wissenschaftlich fundiert liefert Sakyo Komatsu Hintergrundinfos aus der Biologie und Virologie, die stellenweise jedoch ein bisschen zäh wirken. Obwohl bereits durch den Prolog klar ist, dass die Menschheit bis auf die Antarktis-Gruppe untergehen wird, ist der Roman spannend bis zur letzten Seite.

Bibliographische Angaben:
Komatsu, Sakyo: „Der Tag der Auferstehung“, Heyne, München 1987, ISBN 3-453-00961-4

Montag, 13. August 2012

„Finsternis eines Sommers“ von Takeshi Kaiko

In Europa treffen er und sie, ein ehemaliges Pärchen, wieder aufeinander. Sie, die sich als Waise bezeichnet und als Frau in Japan keine berufliche Perspektive im Wissenschaftsbetrieb hatte, war nach Europa gegangen und hat nach Jahren der Entbehrung die Chance erhalten, zu promovieren. Zwischenzeitlich hasst sie alles, was mit Japan zu tun hat – ihn selbstverständlich ausgenommen. Doch er ist gefangen in unglaublicher Lethargie. Deswegen bestehen die ersten hundert Seiten in Takeshi Kaikos Roman „Finsternis eines Sommers“ vor allem aus Beschreibungen von Schlafen, Sex und Essen. Erst danach wird offenbar, warum auch er mindestens so verloren ist wie sie.

Doch „Finsternis eines Sommers“ ist alles andere als ein tragischer Liebesroman. Schonungslos reflektiert er über sie:

„Das Erstaunen über das, was eine Frau in ihrer Einsamkeit innerhalb von zehn Jahren so alles zusammenbringt, ebbte ab, und was blieb, war der Blick auf eine Ödnis ohnegleichen.“ (S. 77)

Und auch sich selbst legt der männliche Protagonist unters Mikroskop:

„Ja, ich glaube fast, dass nichts besser zu mir passt als ein nächtlicher Zug voller Abfall und Lärm. Ein jeder hat die Energie verloren, das eigene Ich zu verdecken; alle sind nackt und bloß und starren sich mit Fisch- oder Froschaugen an, ohne sich zu schämen und den Blicken auszuweichen.“ (S. 120)

„Schwatzen ist Syphilis. Auch Selbstreflexion ist Syphilis. Für mich in meiner jetzigen Situation ist Friede Syphilis.“ (S. 223)

Wie der Titel des Romans bereits impliziert, lässt man sich auf sehr finstere Lektüre mit Takeshi Kaikos Werk ein. Auch kommt er streckenweise mit einer Handlung aus, die gegen Null geht. Der Reiz geht von den (selbst-)verletzenden Psychogrammen der Protagonisten aus und insbesondere davon, dass sich die beiden Japaner größtenteils in Deutschland aufhalten.

Bibliographische Angaben:
Kaiko, Takeshi: „Finsternis eines Sommers“, Edition Q, Berlin 1993, ISBN 3-86124-228-1

Sonntag, 10. Juni 2012

„Fremde Familie“ von Nobuo Kojima

Der weitaus autobiographische Roman „Fremde Familie“ von Nobuo Kojima setzt ein, als es in der Familie Miwa zur Gewohnheit geworden ist, dass der junge US-amerikanische Soldat George im Haushalt ein und aus geht. Der Hausherr Shunsuke steht den einstmaligen Kriegsgegnern positiv gegenüber, insbesondere da er selbst bereits einen Aufenthalt in den USA hinter sich hat. Doch Georges Anwesenheit untergräbt Shunsukes Autorität als Oberhaupt der Familie – insbesondere als Shunsuke durch die Haushälterin erfährt, dass seine Ehefrau Tokiko und George ein Techtelmechtel eingegangen sind.

Und so offenbart sich ein Blick hinter die zerrüttete Ehe von Shunsuke und Tokiko: Tokiko mangelt es an Respekt für ihren Ehemann, von dem sie ein klassisch männliches Verhalten erwünschen würde. Doch Shunsuke wirkt in ihren Augen wie ein Schwächling, der sich hinter seinen Übersetzungsarbeiten versteckt und so gar nicht resolut agiert.

Auf Tokikos Drängen soll die Familie einen Neubeginn in einem neuen Haus im westlichen Stil wagen. Doch Shunsukes Wunsch, im Wohnzimmer einen Sammlungspunkt für die Familienmitglieder zu schaffen, scheitert in dem weitläufigen Gebäude. Und als Tokiko Brustkrebs attestiert wird, kommt ohnehin alles anders als geplant.

„Fremde Familie“ liest schon allein wegen der Themen alles andere als leicht: Krebskrankheit, Selbstzweifel, Respektlosigkeit, Geschlechterrollen, die nicht erfüllt werden können und eine Selbstentblößung des Autors, die geradezu schmerzhaft ist. Doch auch Nobuo Kojimas Schreibstil trägt dazu bei, dass man beim Lesen schlecht vorwärts kommt. Sprecherrollen, die nicht eindeutig zugewiesen werden können, und abrupte Szenenwechsel lassen den Lesefluss immer wieder kurz stocken. Daher müht man sich als Leser mindestens genauso ab wie der arme Shunsuke, der Harmonie sucht und doch immer wieder zurückgeworfen wird.

Samstag, 22. Oktober 2011

„Japanische Freuden“ von Akiyuki Nosaka

Japan in den 60ern: Subuyan macht Karriere als Pornograph. Begonnen hat er mit dem Verkauf von einzelnen Fotografien. Nun nimmt er mit seinem Kumpan Banteki heimlich Tonaufnahmen von kopulierenden Paaren auf. Und bald steigt er ins Filmgeschäft ein; zuerst als Händler, dann als Produzent. Der umtriebige Subuyan betätigt sich nebenzu noch als Zuhälter, Lehrer im U-Bahn-Grabschen und als Organisator von Orgien. Dummerweise ist gerade ihm ein ganz unsexuelles Schicksal beschieden: Nachdem er sich in seine minderjährige Stieftochter verliebt hat, scheint er impotent geworden zu sein. Ob da eine Sexpuppe – die neueste Erfindung aus den USA – Abhilfe schaffen kann? Und als hätte er nicht schon genug Probleme, kommt ihm dann auch noch die Polizei auf die Schliche…

Auf seinem Weg durchs Pornogeschäft vergrößert sich Subuyans Gefolgschaft: Hack, erfolgloser Schriftsteller altmodischer erotischer Literatur, wird als Drehbuchschreiber engagiert. Paul, der als Laiendarsteller in Pornos seines Ex-Chefs mitgewirkt hat, reißt zusammen mit Kabo Frauen für Subuyans Orgien auf. Und irgendwie haben sie alle ihre sexuelle Störung: Hack schreibt in Erinnerung an seine frigide Mutter und holt sich dabei einen runter. Kabo kann mit Frauen nichts anfangen, sobald sie kein unschuldiges Gesicht mehr ziehen. Und Banteki will mit seinen Pornofilmen Kunst machen.

„Japanische Freuden“ von Akiyuki Nosaka ist nicht nur in punkto Sex unkonventionell – insbesondere wenn man bedenkt, dass der Roman bereits in den 60er Jahren veröffentlicht wurde und sicherlich große Aufmerksamkeit erregte. Auch mit dem Tod wird durchaus pietätlos umgegangen: Als Subuyans Frau stirbt, wird zur Totenwache ein Pornofilm gezeigt – was wäre für die Frau eines Pornographens denn passender? Und der arme Hack, der bei der Selbstbefriedigung einen Herzinfarkt hatte, wird in Ermangelung eines Sarges in eine Teekiste gesteckt, auf deren Deckel zum Andenken an den leidenschaftlichen Mah-Jongg-Spieler Hack die ganze Nacht durchgespielt wird.

Japanische Freuden“ ist ein kleines, literarisches Feuerwerk an Facettenreichtum: Es ist bitterböse (eine kleine Vergewaltigung ist gut für jede Orgie), bizarr (Inzest mit zurückgebliebenen Angehörigen), Slapstick (armer, impotenter Subuyan) und zu Herzen gehend (Subuyans liebevolles Verhalten seiner im Sterben liegenden Frau gegenüber).

Donnerstag, 29. September 2011

„Vor meinen Augen… eine Wildnis…“ von Shuji Terayama

Tokio in den 60er Jahren: Kenji Niki, genannt Schere, und Shinji Shinjuku heuern im Boxclub des Einäugigen an. Die Motivationen dafür könnten nicht unterschiedlicher sein: Schere ist verzweifelt auf der Suche nach Heilung seines Sprachfehlers. Er stottert, schämt sich und kann so keine Beziehung zu den Menschen aufbauen. Dummerweise bekommt er auch noch ein Buch in die Hände, das die Behauptung aufstellt, dass 99% aller Menschen stottern – warum muss sich das restliche eine Prozent denn unbedingt um Schere tummeln?!? Der großspurige Shinji will ein Held und Siegertyp sei und fährt mit seiner Boxerkarriere im Gegensatz zu Schere recht gut.

Währenddessen ist Scheres einsamer Vater verzweifelt auf der Suche nach Gesprächspartnern. Dadurch wird das Selbstmord-Forschungsteam der Waseda-Universität auf ihn aufmerksam. Das Team findet einfach keinen Selbstmörder, der als Proband für die neu konstruierte Selbstmordmaschine herhalten kann. Wenn Scheres Vater nicht Selbstmord begehen will, so will das Forschungsteam ihn dazu bringen.

Und dann gibt es noch den impotenten Taichi Miyaki, der bei lebenden Frauen versagt und nur im Kino in Gegenwart von fiktiven Leinwandcharakteren onanieren kann – und dabei ausgerechnet von Shinji Shinjuku beobachtet wird.

Die Suche nach wahrer Kommunikation ist den meisten Akteuren gemein: Schere sieht die Stadt als Wildnis, in der man keinen echten Gesprächspartner finden kann. Mit Scheres Vater will ohnehin niemand reden. Und Taichi Miyaki kommt zu der Erkenntnis, dass Sprache die Menschen nicht verbinden kann. Auch der zivilisierte Sex ist dazu nicht in der Lage. Nur Gewalt ist nicht-entfremdete Kommunikation. Daher beginnt er, seine Frau zu schlagen – und sieht endlich wieder Leben in deren Augen.

Allein Shinji ist ein Fortschrittsgläubiger: Er will immer Erster, immer ein Sieger sein. Denn nur die Sieger sind schön und heroisch.

Shuji Terayama nimmt mit „Vor meinen Augen… eine Wildnis…“ aber auch die normierte, erschlaffte Gesellschaft aufs Korn: Die Gehaltsempfänger sehen ihr träges Arbeitsleben als ein Provisorium, um Geld zu verdienen, und merken dabei nicht, dass das Provisorium zu ihrem eigentlichen Leben wird. Sex wird routiniert. Kleidung konfektioniert. Tanz einstudiert.

Shuji Terayama nutzt als Stilmittel die Collage: Schlagertexte, Gedichte, Dialekt und Sportjargon fügt er zusammen,

„weil ich glaube, dass in der ‚anderen Welt’, die ich wie durch eine Zaunlücke vom Gemeinplatz zusammengehäufter, alltäglicher Ereignisse aus gesehen habe, der Rückweg zu einem Ort verborgen ist, den wir gemeinsam besitzen, dessen Spur zur Kommunikation führt.“ (Nachwort, S. 240)

Donnerstag, 1. September 2011

„69“ von Ryu Murakami

„69“ ist ein herrlich komischer, Kulturen und Generationen übergreifender Roman über das Erwachsenwerden, der so gar nichts mit den anderen, brutaleren Romanen von Ryu Murakami gemein hat.

Wir schreiben das Jahr 1969, die Studenten weltweit üben Protest gegen den Vietnam-Krieg, philosophieren über Marx und kosten das Leben aus vollen Zügen – nur in Kens Heimatstadt, einem kleinen Kaff an der japanischen Küste aus dem die Jets der amerikanischen Besatzer aufsteigen, herrscht alles andere als revolutionärer Geist. Im Grunde genommen gibt es hier nur eines: Gähnende Langeweile. Ken ist ein Angeber mit gefährlichem Halbwissen, der sich vor seinen Mitschülern und vor allem Mitschülerinnen mit seinem pseudo-weltmännischen, pseudo-kommunistischen Geschwätz erfolgreich produziert. Wie sollte er auch ansonsten Eindruck vor den Mädels schinden, wenn er sich nicht als Revoluzzer gegen das kriegstreiberische System darstellen kann? Um ein Zeichen zu setzen, planen er und seine Kumpane die Verbarrikadierung der Schule – selbstverständlich nicht aus politischen Gründen, sondern um die Angebetete endlich ins Bett zu bekommen. Und bevor die Langeweile wieder die Oberhand gewinnt, müssen Ken und seine Kumpane nun auch noch das "Morgenlatten-Festival" organisieren. Doch nicht alle männlichen Teenager sind von dem Vorhaben begeistert, sind Ken & Co. doch gerade dabei, die heißesten Partien abzustauben.

Ryu Murakami, der wegen der wegen einer Demonstration auf dem Dach seiner Oberschule tatsächlich von ebensolcher verwiesen wurde, schreibt mit „69“ seine eigene Geschichte und zeigt den Teenager Ken in sympathischer Weise um Coolness ringen, ohne einen Fremdschäm-Effekt hervorzurufen. Beste Leselaune ist mit "69" jedenfalls garantiert! Einzig und allein ein bisschen störend: Allzu oft ergeht sich der Protagonist in Übertreibungen, die er im nächsten Satz schon gleich mit einem "ganz so war's dann doch nicht" wieder relativiert. Hier wäre weniger mehr gewesen.