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Samstag, 9. Januar 2016

„Ein Frontschwein“ von Katai Tayama

Markus Rösken, der für die Übersetzung und Veröffentlichung von „Ein Frontschwein“ verantwortlich zeichnet, gibt auf Amazon an, mit seinen Übersetzungsarbeiten Werke von Autoren zugänglich machen zu wollen, die bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden sind. Nun hat er sich leider für die erste Übersetzungsarbeit ausgerechnet eine Erzählung vorgenommen, die in der Anthologie „Träume aus zehn Nächten“ des Aufbau-Verlags bereits vor 40 Jahren veröffentlicht wurde. Ein bisschen leid tut mir das für den beflissenen Übersetzer. Aber schließlich ist es nicht gerade unaufwendig, sich über einzelne Erzählungen in den verschiedensten Sammelbänden einen Überblick zu verschaffen. Es bleibt aber zu hoffen, dass das nächste Werk, dem er sich annimmt, wirklich eine bisher durch die Sprachbarriere verschlossene Tür für deutsche Leser aufstößt.

Denn man sieht an „Ein Frontschwein“, dass der Übersetzer das Werk in einen Sinnzusammenhang stellen möchte: Nicht nur eine Kurzbiographie des Autors ist der Erzählung vorangestellt, sondern auch eine Einordnung der Bedeutung des Werks. So ist Katai Tayamas „Ein Frontschwein“ eine der wenigen literarischen Aufarbeitungen des Russisch-Japanischen Kriegs, die von einem Zeitzeugen, der den Krieg vor Ort erlebte, verfasst wurden. Markus Rösken schreibt zwar, Katai Tayama sei Soldat im Krieg gewesen, während man auf Wikipedia liest, er sei als Zeitungskorrespondent in der Mandschurei tätig gewesen. Wie dem auch sei…

Katai Tayama beschreibt aus der Sicht eines einfachen Soldaten (im Soldatenjargon ein sogenanntes „Frontschwein“) einen Tag nahe der Front von Liaoyang. Er ist an Beriberi erkrankt, hat die katastrophalen Zustände auf der improvisierten Krankenstation nicht mehr ertragen können und versucht gerade, auf eigene Faust zu seiner Einheit zurückzukehren. Das beweist sich jedoch bald als ein Fehler: Der Soldat ist noch bei weitem nicht gesundet. Wie im Fieberwahn hat er Visionen aus seiner angenehmen Vergangenheit in Japan, während er der völligen Erschöpfung nahe immer weiter stapft. Auch die tragischen Erlebnisse von der Front kommen ihm in den Kopf. Halt scheint er jedoch vor allem in der Erinnerung an seine Frau und an seine Kindheit zu finden. Als das bemitleidenswerte Frontschwein endlich einen Armeestützpunkt erreicht, kann der Soldat nur noch auf die Hilfe eines Arztes hoffen…

Interessant fand ich an „Das Frontschwein“ vor allem, dass die Erzählung unverhohlen Kritik am Soldatenleben äußert:

„Plötzlich dachte er, dass es nichts Grausameres gab, als die Unfreiheit des Soldatenlebens. Seltsamerweise kamen ihm jetzt überhaupt nicht mehr die Parolen von damals wie ‚Gegen ein gewöhnliches Leben!’ oder ‚Opferbereitschaft’ in den Sinn, sondern lediglich Angst brodelte in ihm.“ (Position 184f.)

Kurz schießt dem Soldaten gar die Idee des Desertierens durch den Kopf – doch dann wäre eine Rückkehr nach Japan unmöglich, da das dem sozialen Tod gleichkommen würde. So fügt er sich doch ins Unvermeidliche.

Bibliographische Angaben:
Tayama, Katai: „Ein Frontschwein“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Rösken, Markus), Kindle Edition, 2015

Montag, 9. März 2015

„Pflaumenblüten in der Nacht“ von Masuji Ibuse

Den in verschiedenen Anthologien verteilten Erzählungen von Masuji Ibuse konnte ich bisher – leider – nicht allzu viel abgewinnen. Mit „Pflaumenblüten in der Nacht“ hat sich meine Wertschätzung für die Erzählungen des Autors jedoch um einiges erhöht. Erst nach der Lektüre des Bandes ist mir spät, aber immerhin, die Qualität der Erzählkunst des Literaten bewusst geworden. In den vorliegenden Erzählungen werden Stimmungen geschaffen, die den Leser regelrecht in die Handlungen einsaugen, die nicht selten in einem amüsiert-ironischen Ton dargelegt werden und hie und da Sozialkritik enthalten.

Der Band beginnt mit „Der Salamander“, einer Erzählung, die laut des Nachworts von Jürgen Berndt in viele Schulbücher aufgenommen wurde. Jürgen Berndt zitiert Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“:

„Als ich ‚Der Salamander’ las [, …] wurde ich so aufgeregt, dass ich nicht mehr stillsitzen konnte.“ (S. 235)

Die 1923 entstandene Erzählung handelt von einem Salamander, dessen Kopfumfang zu groß geworden ist, um aus seiner Höhle herausschlüpfen zu können. Er sitzt im wahrsten Sinne des Wortes fest. Der Salamander schwankt zwischen Wut und Resignation. Als sich ein Frosch in seine Höhle verirrt, verwehrt er ihm kurzer Hand die Rückkehr in die Freiheit. Vor dem Hintergrund der staatlichen Unterdrückung der Arbeiterbewegung und der damit einhergehenden Stimmung in Japan, lässt sich Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“ einordnen.

In der autobiographisch angehauchten Kurzgeschichte „Der Karpfen“ bekommt der Ich-Erzähler einen Karpfen geschenkt. Er verspricht seinem Kumpan, der ihm dieses Geschenk macht, den Karpfen nicht zu töten. Und so kümmert sich der Ich-Erzähler um den Karpfen, selbst als sein Freund gestorben ist.

Die Erzählung „Pflaumenblüten in der Nacht“ schlägt eine Tonalität an, die man Osamu Dazai zugeschreiben könnte. Der Ich-Erzähler ist ein Boheme; natürlich immer knapp bei Kasse und recht unvernünftig, was seine Ausgaben betrifft. Eines Abends trifft er auf einen Kerl, der sich gerade geprügelt hat. Der blutende Tunichtgut hat Angst um seinen Job und versucht den Ich-Erzähler zu überzeugen, bei der Polizei eine Falschaussage zu machen, um seinem Arbeitgeber glaubhaft zu versichern, er sei Opfer widriger Umstände geworden. Doch der Ich-Erzähler überzeugt ihn, dem Vorgesetzten eine Ausrede aufzutischen. Als Dank erhält er 10 Yen, die er aber zurückgeben will. Doch wie es so kommt: Die 10 Yen sind schneller verbraucht als gedacht. Und so lebt der Ich-Erzähler in permanenter Angst, der Prügelknabe könnte nun ihn verprügeln kommen.

„Sawan auf dem Dach“ ist eine wehmütige Geschichte über eine Wildgans, deren gestutzte Federn sie am Fliegen hindern. Wie eine Katze wird sie vom Ich-Erzähler gehalten. Doch sobald andere freie Wildgänse in Sawans Nähe kommen, beginnt Sawan herzergreifend zu klagen.

„Zu Hause bei Herrn Tange“, „Die Pilgerherberge“, „Heute keine Sprechstunde“ und „Opa Stiertiger“ wirken dagegen eher wie Milieustudien. Herr Tange lebt auf dem Land und hat einen gar unnützen Diener, der ihm als Kind regelrecht zugelaufen kam.

„Die Pilgerherberge“ hat sich über die Jahre zu einem Asyl entwickelt: Mädchen werden hier gerne ausgesetzt und wachsen in der Herberge ohne Eltern auf.

„Heute keine Sprechstunde“ ist die längste Erzählung des Bandes. Hier wird das Leben und Wirken eines Frauenarztes im Tokio der Nachkriegszeit illustriert. Da gibt es einerseits die hochgestellten Damen, die sich vom Arzt hofieren lassen, andererseits die Patienten, die für die Behandlungskosten nicht aufkommen können. Da büchst schon mal der eine oder andere Kranke aus, um die Zahlung zu prellen. Und wenn’s ganz blöd läuft, stirbt ein Patient lieber, als sich behandeln zu lassen.

„Opa Stiertiger“ ist ein Auslaufmodell, wenn auch ein besonders erfolgreiches: Für seine Zuchtbullen wird er mehrfach ausgezeichnet, geht aber trotz seines hohen Alters weiter mit seinen drei Bullen auf Tour durch die Dörfer, um für die Besamung von Kühen Geld zu verdienen.

Besonders im Kopf hängen bleibt die Erzählung „Ehrerbietung aus der Ferne“: Yuichi ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, seit er eine Kriegsverletzung erlitten hat. Selbst als der Krieg zu Ende ist, glaubt er sich als General an der Front. So drangsaliert er die jungen Männer seines Dorfes, sobald er wieder einen Anfall hat und der Meinung ist, ein Angriff stehe kurz bevor. Erst als einer seiner Untergebenen einem Dorfbewohner die Geschichte von Yukichis Verletzung verrät, wird bekannt, weswegen sich der Kerl so am Kopf gestoßen hat, dass er von seiner Mutter eingesperrt wird, sobald er einen Anfall bekommt.

„Der Autobus“ lässt das alte Militärregime in Form eines diktatorischen Busfahrers und die neue Generation von jungen Nonkonformisten in Form eines frischgebackenen Ehepaars aufeinandertreffen. Da wird sich der eine oder andere eine blutige Nase holen…

Zurück ins 17. Jahrhundert geht es in „Yosaku der Siedler“. Zum Zweck der Urbarmachung der Senyo-Heide versucht die Regierung Siedlern das unfruchtbare Land schmackhaft zu machen. Es kommt, wie’s kommen muss: Allerlei Gschwerl lässt sich nieder und so ist’s kein Wunder, dass das heilige Steingrab in der Gegend für ganz profane Dinge herhalten muss: Hier lagern die Bauern ihre Vorräte und der eine oder andere Siedler trifft sich dort zum karteln. Diese Blasphemie muss von den Autoritäten geahndet werden – und so kommt Yosaku auf den Schirm der Polizei.

„Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ nimmt den Leser mit auf die Iojima, auf der die letzten Tages des Pazifikkriegs angebrochen sind. Okuyama ist Teil der Besatzung eines Nachschubfrachters und schildert in der Rückschau die letzte Begegnung mit einem dem Tode geweihten Oberst.

Bibliographische Angaben:
Ibuse, Masuji: „Pflaumenblüten in der Nacht“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bernd, Jürgen), Insel, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-458-16705-6

Sonntag, 8. März 2015

„Weg zu Japan“ von Hisako Matsubara

Mit „Weg zu Japan“ versucht Hisako Matsubara einen Einblick in die japanische Mentalität und ins japanische Denken zu geben. Die Autorin steigt ein mit der Bambusweisheit, die den Japanern oft schon den Vorwurf der Verlogenheit eingebracht haben mag:

„Biegsam sein und sich unter dem Ansturm einer Gefahr neigen, ist eine alte Weisheit. Sie ist aus der Erfahrung mit der Natur erwachsen. Sie ist japanische Volksweisheit. Sie ist ein Stück Volksschläue. Was nützt es, wenn man trotzig aufrecht steht und dann bricht? Viel besser ist es, biegsam zu sein und seine Stärke für die Zeit nach dem Sturm zu bewahren. Das ist die Bambusweisheit.“ (S. 12f.)

Europäer reagieren in zwischenmenschlichen Konflikten mit Aggression, während Japaner mit Sanftheit reagieren. So wirken die Kommunikationsmechanismen wie die von Hund und Katze – Missverständnisse sind vorprogrammiert.

Hisako Matsubara versteht es darüber hinaus, wesentliche Geschehnisse in Japans Geschichte spannend nachzuerzählen: Sie beginnt mit den Großen Wirren, als im 16. Jahrhundert der Ashikaga-Clan in Erbstreitigkeiten lag, und denen Oda Nobunaga ein Ende setzte. Hisako Matsubara porträtiert den großen Feldherrn sehr anschaulich: Um seine politischen Gegner zu täuschen, gab er sich

„als der verrückteste aller Daimyo, dumm und harmlos, als ein Pferdenarr, der ständig in seinem Gebiet herumritt, Nüsse kaute und Obstkerne spuckte.“ (S. 57)

Dank des unter Nobunaga entstehenden Leistungsprinzips konnte Toyotomi Hideyoshi zum nächsten großen Herrscher in Japan aufsteigen. Als Bauerssohn begann er seine Karriere als Nobunagas Schuhknecht und wurde schließlich Kampaku, der Regent Japans.

Über einen dritten großen Mann der japanischen Geschichte, Ieyasu Tokugawa, der das Geschlecht der Tokugawa-Shogune begründete, weiß Hisako Matsubara ebenfalls viel zu berichten, z.B.

„Er nahm sich viele Nebenfrauen, legte aber wenig Wert auf deren Abstammung, Bildung oder Schönheit. Ihm war es wichtiger, dass sie ihm viele Söhne gebaren. Weil man bei einer unverheirateten Frau nie ganz sicher sein kann, ob sie Kinder haben wird, nahm er am liebsten junge Witwen, die schon geboren hatten.“ (S. 144)

Zentralen Stellenwert haben in „Weg zu Japan“ vor allem die Entwicklungen, die die christlichen Missionare in Japan heraufbeschwörten. Heutzutage ist (hoffentlich) jedem bekannt, dass die Missionare nicht nur den Glauben verbreiten, sondern vor allem Machtinteressen wahren wollten. Hisako Matsubara zeigt diesbegzüglich einige interessante historische Fakten auf, wie z.B. dass für die ersten Märtyrer eigentlich ein weniger schmerzhafter Tod angedacht war, die Wahl auf die Kreuzigung aber auf Initiative der Jesuiten fiel. Schließlich sollte mit dem Tod der Hingerichteten ein langfristiges Zeichen für die Leidensfähigkeit der Kirishitan gesetzt werden. Bisher unbekannt war mir auch, dass die Portugiesen japanische Kinder zu tausenden als Sklaven nach Europa schafften – leider überlebten die wenigsten die Überfahrt. Geradezu grotesk liest sich, dass zeitweilig eine Art von Märtyrertourismus einsetzte: Immer mehr katholische Mönche setzten nach Japan über, nur um doch bitte hingerichtet zu werden und den Märtyrertod sterben zu dürfen. Kein Wunder, dass die Weißen den Japanern nicht geheuer waren – und schließlich der Weg in die Isolation eingeschlagen wurde.

Ein bisschen nervig wirkt das Buch jedoch an den Stellen, an denen Hisako Matsubara immer wieder darauf insistiert, dass Japan nicht so „rückständig“ war, wie es von Europa oft betrachtet wurde. Z.B. hatte Tokio bereits Mitte des 18. Jahrhunderts circa 1,5 Mio. Einwohner, während die europäischen Hauptstädte noch sehr viel kleiner waren. Ich hoffe auch an dieser Stelle, dass man heutzutage niemandem mehr erklären muss, dass Europa nicht der Nabel der Welt ist (naja... einige wirre Geister natürlich ausgenommen...). Sicherlich ist seit den 80er Jahren, als „Weg zu Japan“ erschien, einige Zeit vergangen und ich kann es mir eigentlich nicht erlauben, zu beurteilen, ob Hisako Matsubaras Aufklärungsarbeit damals noch nötig war. Aber aus heutiger Sicht wirkt die oftmalige Rechtfertigungshaltung der Autorin etwas anstrengend.

Nichtsdestotrotz: „Weg nach Japan“ bietet viel Hintergrundwissen zur japanischen Geschichte – insbesondere auch aus religiöser und wirtschaftlicher Sicht. Dabei ist das Werk anschaulich und kurzweilig verfasst, dass es zum großen Teil Spaß macht, sich mit den Fakten zu beschäftigen.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Weg zu Japan“, Albrecht Knaus, Hamburg 1983, ISBN 3-8135-0560-X

Montag, 29. Dezember 2014

„Extinction“ von Kazuaki Takano

Nun ist Kazuaki Takanos über 550 Seiten starker Roman „Extinction“ doch noch Ende Dezember 2014 statt wie angekündigt Anfang Januar 2015 erschienen. Der Wälzer hat es nicht nur in Bezug auf das hohe Seitenvolumen in sich: Kazuaki Takano schildert ein Szenario, das im Jahr 2005 angesiedelt ist. Der US-amerikanische Präsident Burns genehmigt eine schmutzige Mission in den Kongo, für die eine private Sicherheitsfirma beauftragt wird. Das Ziel der vier ausgewählten Söldner soll die Ausrottung eines Pygmäenstamms sein, der angeblich ein zu 100% tödliches Virus in sich trägt. Doch bald wird den Elitekämpfern klar, dass der angebliche Schutz der Weltbevölkerung vor dem Virus nur ein vorgeschobener Grund für ihre Mission ist. Das eigentliche Ziel ist ein Lebewesen, das unter den Pygmäen weilt. Mitten in den kongolesischen Kriegswirren gilt es bald, nicht nur die eigene Haut zu retten.

Fernab von Afrika hat der Promotionsstudent Kento ganz andere Probleme: Sein Vater ist überraschend gestorben. Kurz nach dessen Tod erhält der junge Mann eine mysteriöse Mail – Absender: der verstorbene Vater. So erhält Kento Anweisungen, was zu tun sein, wenn der Vater plötzlich verschwunden sei. Kento hat ein weißes und ein schwarzes Laptop in seinen Besitz zu bringen und sich in ein verlassenes Wohnhaus zu begeben. Sein Ziel soll die Entwicklung eines Medikaments gegen eine unheilbare Krankheit innerhalb von nur einem Monat sein – ein schier unmögliches Unterfangen. Darüber hinaus bedrängt ihn eine unbekannte Frau, ihr den schwarzen Laptop zu übergeben. Und bald hat Kento auch noch die Polizei auf dem Hals. Auch wenn es zunächst so wirkt, als würde Kento unabhängig von den Kämpfen im Kongo vor sich hinarbeiten, tritt bald eine Vernetzung der Geschehnisse zu Tage.

Die Handlung von Kazuaki Takanos „Extinction“ schwenkt hin und her zwischen Kento in Japan, Afrika mit der zentralen Figur des Söldners Yeager und den USA, wo sich der Analyst Rubens mit dem CIA, dem Präsidenten und eigenen Skrupeln herumschläg. Obwohl der Autor in einem Interview mit Publishers Weekly angibt, die Figur des Präsidenten Burns sei nicht an George Bush jr. angelehnt, so mag man dies kaum glauben. Zu nah wirkt die Namenswahl; auch die Persönlichkeit mit starkem Vaterkomplex, Alkoholproblemen und der Wandel zum geläuterten Christen weisen starke Parallelen zum realen US-Präsidenten der Zeit auf. Auch wenn der Roman zeitlich vor zehn Jahren angesiedelt ist, so sind die Themen immer noch aktuell: Komplettüberwachung durch die NSA, Folterlager der USA, Kriege um Rohstoffe, tödliche Viren in Afrika, Kindersoldaten, Angst vor dem Fremden…

An manchen Stellen erscheint einem die Handlung zwar recht unplausibel (wenn sich Kento bspw. mit einfachen Polizisten herumschlagen muss, während er doch von einer omnipotenten Macht protegiert wird, die mal so eben ein erfolgreiches Attentat auf den US-amerikanischen Vize-Präsident realisieren kann und die Schuld der chinesischen Regierung in die Schuhe schiebt), aber davon abgesehen entfaltet sich in Kazuaki Takanos „Extinction“ ein Szenario, das einen vor Spannung eine Lesenachtschicht einlegen lässt. Während der Handlungsstrang in Afrika aufrüttelt, indem die Grausamkeit des Menschen gegenüber seinen eigenen Artgenossen dargestellt wird, präsentiert die japanische Perspektive jedoch Einblicke in die medizinisch-pharmakologische Forschung, die sicherlich nicht für jedermann interessant sein dürften.

Falls der C. Bertelsmann-Verlag eine zweite Auflage andenkt, dann wäre bestimmt auch noch eine kleine Überarbeitung durchs Lektorat anzuraten. Nicht nur orthographische, sondern leider auch inhaltliche Fehler haben sich in Kazuaki Takanos „Extinction“ eingeschlichen, die man bei der Gelegenheit glatt zurren sollte.

Bibliographische Angaben:
Kazuaki Takano: „Extinction“ (Übersetzung aus dem Englischen: Schmidt, Rainer), C. Bertelsmann, München 2015, ISBN 978-3-570-10185-8

Samstag, 1. Februar 2014

„Die Kirschblütenreise“ von Miki Sakamoto

„Jeder trät ein Buch im Herzen“ (S. 345) sagte einst Miki Sakamotos Großmutter Nao. „Die Kirschblütenreise“ ist nun vielleicht nicht Naos Herzensbuch, aber ein historischer Roman, der die Familienbiographie skizziert oder imaginiert und ein großes Gewicht auf den Kontext legt. Nao wird im Jahr 1895 geboren. Neue Zeiten sind in Japan angebrochen: Unter dem Label „Modernisierung“ muss das Althergebrachte langsam dem Neuen weichen. Yoshi, Naos Mutter, ist sehr dem alten Samurai-Geist verbunden, während ihr Ehemann Naotaro fortschrittsgläubig ist. Über einen weiten Teil des Buches hinweg, sind Yoshi und Naotaro die Protagonisten des Romans, anhand deren Erlebnisse und Gespräche zeitgeschichtliche und soziokulturelle Hintergründe beleuchtet werden: So lastet auf Yoshi und später auch auf Nao der Druck, einen Sohn und männlichen Stammhalter zu gebären. Yoshi glaubt an die Rechtmäßigkeit der Ständegesellschaft und hat keinen Blick für die Not der armen Gesellschaftsschichten. Naotaro reist nach dem Krieg gegen China in die besetzten chinesischen Gebiete und erlebt den Hass der Bevölkerung auf die Besatzer am eigenen Leib. Als Nao schließlich mit Eiichi verheiratet werden soll, wird der Leser mit ins No-Theater zum ersten Kennenlernen des baldigen Ehepaares mitgenommen und erfährt mehr über diesen traditionellen Teil der japanischen Hochkultur und seine Abgrenzung zum unterhaltsamen Kabuki.

So verflicht Miki Sakamoto die Geschichte ihrer Familie immer wieder mit Informationen zur japanischen Gesellschaft, Kultur und Geschichte. Seien es Geishas, Ikebana, Teezeremonie, Kalligraphie, Kriege, Entbehrungen während des zweiten Weltkriegs, Kamikaze-Flieger, die Atombombe, die Nachkriegszeit. Ein bisschen anstrengend wird dies vor allem gegen Ende des Buches, wenn durch die Einführung von neuen Figuren immer weitere Facetten in den Roman hineingedrängt werden – insbesondere die Geschichte des Paul Takashi Nagai, der hier als Freund von Naos Schwiegersohn präsentiert wird.

Für Leser, die sich bereits mit Japan befasst haben, ist Miki Sakamotos „Die Kirschblütenreise“ weder Fisch noch Fleisch. Denn die landesspezifischen Hintergründe sind zum Großteil sicherlich schon bekannt. Da hierauf jedoch ein großer Fokus liegt, leidet die imaginativ-belletristische Kraft des Romans. So werden beispielsweise nach Naos Verheiratung nur noch exemplarische Episoden aus verschiedenen Blickwinkeln aus verschiedenen Zeiten präsentiert, die untereinander keinen oder wenig Zusammenhang haben und nicht vermögen, die Entwicklung der Protagonisten im Verlauf darzustellen. Insbesondere die Protagonistin Nao bleibt einem fern; deren Eltern Yoshi und Naotaro bleiben viel prägnanter im Gedächtnis. Wer allerdings nach einem „Einsteiger-Buch“ sucht, der findet in „Die Kirschblütenreise“ sicherlich einen kurzweiligen Überblick über viele Japan-relevante Themen.

Miki Sakamoto hat den Roman auf Deutsch verfasst, wofür ihr der größte Respekt gebührt. Allerdings hätte das Lektorat des Nymphenburger Verlags noch ein bisschen nachpolieren können, da manche Wendungen im Deutschen so nicht üblich sind. Der Leser versteht sicherlich den Sinn, doch wird der Lesefluss etwas gestört. Nur ein Beispiel von mehreren:

„Die Nacht war mit einem blutigen Morgenrot in den Tag übergegangen.“ (S. 323)

Das Morgenrot hat sicherlich nicht geblutet. Auch hat es kein Massaker in der Dämmerung gegeben, sondern der Himmel färbte sich blutrot. Man möge mich einen Wortklauber nennen, aber nicht nur hier wäre das Lektorat gefragt gewesen.

Bibliographische Angaben:
Sakamoto, Miki: „Die Kirschblütenreise“, Nymphenburger, München 2011, ISBN 978-3-485-01338-3

Sonntag, 9. September 2012

„Die Banshu-Ebene“ von Yuriko Miyamoto

Der Band „Die Banshu-Ebene“ von Yuriko Miyamoto enthält neben der gleichnamigen autobiographischen Erzählung noch zwei weitere namens „Die Brust“ und „Fuchiso“.

„Die Brust“ aus dem Jahr 1935 war eines der letzen Werke der proletarischen Literaturbewegung, das noch veröffentlicht werden konnte. Wie Jürgen Berndt im Vorwort bereits beschreibt, wirkt diese Erzählung noch etwas ungeschliffen. Sie handelt von der jungen Hiroko, deren Ehemann Jukichi als politischer Gefangener einsitzt. Auch Hiroko betätigt sich für die Belange der Arbeiter. Sie arbeitet in einem Kindergarten der „Arbeiter-und-Bauern-Hilfe“ und setzt sich für Gewerkschaftler ein. Im Kindergarten taucht hin und wieder der zwielichtige Usui auf – hat Hiroko den richtigen Riecher, dass dieser Kerl nicht hinter der linken Bewegung steht?

In „Die Banshu-Ebene“ begegnen wir Hiroko wieder. Die Jahre sind ins Land gegangen und Hiroko, deren Ehemann noch immer inhaftiert ist, erlebt in der Evakuierung die Kapitulation Japans am 15. August 1945. In Rückblenden erfährt der Leser, wie es ihr und ihrem Ehemann zwischenzeitlich ergangen ist. Als sie Post von ihrer Schwiegermutter erhält, dass Hirokos Schwager als vermisst gilt, schlägt sich Hiroko in die Heimat ihres Ehemanns durch, um der alten Schwiegermutter beizustehen. Sie ist rechtzeitig zur Stelle, als eine Überschwemmung das Haus der Schwiegermutter heimsucht. Als sie erfährt, dass am 10. Oktober 1945 die politischen Häftlinge entlassen werden, hält Hiroko nichts mehr: Sie muss nach Tokio, denn sie ist sich sicher, dass ihr Jukichi sie dort suchen wird. Aufgrund von Überschwemmungen und Kriegsschäden sind die Bahnstrecken kaum befahrbar. Doch irgendwie muss es Hiroko nach Tokio schaffen – immerhin war ihr Ehemann zwölf lange Jahr inhaftiert und nun ist das lang ersehnte Wiedersehen in Freiheit zum Greifen nahe.

„Fuchiso“ setzt ein, als es Jukichi endlich geschafft hat, Hiroko in Tokio aufzuspüren. Zuerst scheint es, als ob die beiden endlich ein harmonisches Eheleben führen könnten. Doch Hiroko ist über die lange und harte Zeit des Alleinlebens zu einer starken Frau geworden, was Jukichi missfällt. Er wirft ihr vor; wie die Protagonistin einer Erzählung Akutagawas zu wirken, wie eine eigensinnige und starrköpfige Witwe. Jukichi wiederum ist zart besaitet und verträgt Hirokos Scherze über seine Qualität als Ehemann nicht. Trotzdem können sich beide wieder zusammenraufen, während Jukichi sich für die Zeitschrift Akahata und den Aufbau der Kommunistischen Partei engagiert.

Yuriko Miyamoto gibt mit ihren Erzählungen einen intensiven, höchst interessanten und manchmal schockierenden Einblick in das Leben der politischen Gefangenen und deren Angehörigen während der Gültigkeit des berüchtigten Gesetzes zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Friedens, das Verhaftungen Andersdenkender legitimierte. Yuriko Miyamoto hatte die unmenschlichen Haftbedingungen am eigenen Leib erlebt und einen lebensgefährlichen Hitzschlag erlitten, dessen Folgen ihre Gesundheit fortan beeinträchtigten. Dennoch sprechen aus ihren Erzählungen die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Jukichi und eine enorme Standhaftigkeit:

„Wenn jemand in den Krieg geschickt wird und über seinen Verstümmelungen sogar das Vertrauen zur Liebe verliert, so ist das schlimmer, als in kleine Stücke zerschnitten zu werden. Standhaft sein! Tapfer sein!“ (S. 125 f.)
Bibliographische Angaben:
Miyamoto, Yuriko: „Die Banshu-Ebene“, Aufbau, Berlin 1960

Montag, 13. August 2012

„Finsternis eines Sommers“ von Takeshi Kaiko

In Europa treffen er und sie, ein ehemaliges Pärchen, wieder aufeinander. Sie, die sich als Waise bezeichnet und als Frau in Japan keine berufliche Perspektive im Wissenschaftsbetrieb hatte, war nach Europa gegangen und hat nach Jahren der Entbehrung die Chance erhalten, zu promovieren. Zwischenzeitlich hasst sie alles, was mit Japan zu tun hat – ihn selbstverständlich ausgenommen. Doch er ist gefangen in unglaublicher Lethargie. Deswegen bestehen die ersten hundert Seiten in Takeshi Kaikos Roman „Finsternis eines Sommers“ vor allem aus Beschreibungen von Schlafen, Sex und Essen. Erst danach wird offenbar, warum auch er mindestens so verloren ist wie sie.

Doch „Finsternis eines Sommers“ ist alles andere als ein tragischer Liebesroman. Schonungslos reflektiert er über sie:

„Das Erstaunen über das, was eine Frau in ihrer Einsamkeit innerhalb von zehn Jahren so alles zusammenbringt, ebbte ab, und was blieb, war der Blick auf eine Ödnis ohnegleichen.“ (S. 77)

Und auch sich selbst legt der männliche Protagonist unters Mikroskop:

„Ja, ich glaube fast, dass nichts besser zu mir passt als ein nächtlicher Zug voller Abfall und Lärm. Ein jeder hat die Energie verloren, das eigene Ich zu verdecken; alle sind nackt und bloß und starren sich mit Fisch- oder Froschaugen an, ohne sich zu schämen und den Blicken auszuweichen.“ (S. 120)

„Schwatzen ist Syphilis. Auch Selbstreflexion ist Syphilis. Für mich in meiner jetzigen Situation ist Friede Syphilis.“ (S. 223)

Wie der Titel des Romans bereits impliziert, lässt man sich auf sehr finstere Lektüre mit Takeshi Kaikos Werk ein. Auch kommt er streckenweise mit einer Handlung aus, die gegen Null geht. Der Reiz geht von den (selbst-)verletzenden Psychogrammen der Protagonisten aus und insbesondere davon, dass sich die beiden Japaner größtenteils in Deutschland aufhalten.

Bibliographische Angaben:
Kaiko, Takeshi: „Finsternis eines Sommers“, Edition Q, Berlin 1993, ISBN 3-86124-228-1

Mittwoch, 18. Juli 2012

„Das Grab der Leuchtkäfer“ von Akiyuki Nosaka

Neben der gleichnamigen Erzählung enthält Akiyuki Nosakas „Das Grab der Leuchtkäfer“ ein weiteres Werk mit „Algen aus Amerika“.

Als wahrscheinlich bekannteste Erzählung Akiyuki Nosaka gilt wohl „Das Grab der Leuchtkäfer“. Die Geschichte ist stark autobiographisch gefärbt: Nach dem Tod der Mutter musste der damals 14-jährige Autor die letzten Kriegsmonate allein für sich und seine kleine Schwester sorgen. Seine Schwester starb an Unterernährung.

„Das Grab der Leuchtkäfer“ setzt mit den letzten Stunden im Leben des Kriegswaisen Seita ein. Er stirbt in einer Bahnhofshalle in seinen Exkrementen, bevor ihn staatliche Hilfen erreichen hätte können und vor den Augen seiner Mitmenschen, die Seita bereits abgeschrieben haben. Eine Rückblende beleuchtet die letzten Kriegsmonate: Seitas Mutter stirbt an den Folgen von Verbrennungen, die sie sich im Bombenhagel zugezogen hat. Seita ist nun für seine kleine Schwester Setsuko verantwortlich. Einige Wochen kommen sie bei einer Tante unter, die die Geschwister aber zunehmend als Last empfindet. Seita und Setsuko ziehen daraufhin in ein Erdloch um. Unfähig, sowohl sich als auch die Schwester zu ernähren, muss Seita zusehen, wie Setsuko immer schwächlicher wird und schließlich an Unterernährung stirbt. Nur die Leuchtkäfer begleiten die Geschwister während ihrer letzten Monate: Sie sorgen für ein bisschen Licht in der Erdhöhle und wohnen der Verbrennung von Setsuko bei. Als Setsukos Knochen achtlos nach Seitas Tod auf dem Boden landen, geben ihnen nur die Leuchtkäfer ein letztes Geleit.

Dank des Nachworts von Irmela Hijiya-Kirschnereit wird die Doppeldeutigkeit des Wortes „Leuchtkäfer“ klar – im Japanischen mit den Zeichen für „vom Himmel fallendes Feuer“ geschrieben und damit auf den Bombenhagel verweisend. „Das Grab der Leuchtkäfer“ ist ein trauriges Zeugnis der Grausamkeit des Krieges, der die Mitmenschen kalt werden lässt. Durch den nüchternen Schreibstil wird die Kälte zudem unterstrichen – es geht nur noch ums blanke Überleben.

Die zweite Erzählung „Algen aus Amerika“ setzt sich mit der Amerika-Allergie auseinander, die der Protagonist Toshio empfindet. Als 14-jähriger hat er den Beginn der Landung der amerikanischen Soldaten in Japan miterlebt – und wie er und seine Landsleute zu Bettlern um Kaugummi wurden. Als seine Ehefrau Kyoko das US-amerikanisches Pärchen der Higgins, das sie im Urlaub kennen gelernt hat, nach Japan einlädt, wird Toshio mit seinen Ressentiments konfrontiert. Den US-amerikanischen Soldaten konnte der damalige Teenager Toshio nichts anhaben – doch Herrn Higgins möchte er irgendwie in die Knie zwingen. Entweder durch Alkohol oder durch Sexabenteuer…

„Algen aus Amerika“ schlägt mehr in die Richtung von „Japanische Freuden“ und streut Salz in die Wunde der japanisch-amerikanischen Beziehungen.

Bibliographische Angaben:
Nosaka, Akiyuki: „Das Grab der Leuchtkäfer“, Rowohlt, Reinbek 1992, ISBN 3-499-13109-9

Freitag, 20. Januar 2012

„Spiegelhölle“ von Edogawa Rampo

Der Band „Spiegelhölle“ von Edogawa Rampo enthält insgesamt acht Erzählungen des japanischen Krimiautors – teilweise Kriminalgeschichten, aber auch recht bizarre Erzählungen.

„Zwei Versehrte“ treffen sich in einem Kurort und erzählen sich ihre Lebens- und Leidensgeschichte. Saito ist vom Krieg entstellt und berichtet von seinen Erlebnissen an der Front. Iharas Geschichte ist die eines Mordes. Doch wird Iharas Deutung der Geschehnisse durch Saito in Frage gestellt.

Die „Zwillinge“ könnten nicht unterschiedlicher sein: Ein ernsthafter Erstgeborener (wenn auch nur um wenige Sekunden) und ein verschwenderischer Zweitgeborener. Als der Jüngere sein Erbe verprasst hat, schmiedet er einen teuflischen Plan, um den Platz seines Bruders einzunehmen.

In „Der psychologische Test“ hat Kogoro Akechi, Japans Sherlock Holmes, einen Auftritt. Ihm obliegt die Deutung eines Tests, der einen von zwei Studenten des Mordes überführen soll.

„Das rote Zimmer“ ist ein Ort, an dem sich gelangweilte Männer treffen und sich gegenseitig mit obskuren Geschichten unterhalten. Ein Neuzugang in der illustren Runde schockiert die Herren: Er habe schon fast hundert Menschen getötet ohne nur ein einziges Mal des Mordes bezichtigt zu werden. Seine Methoden sind raffiniert…

Bizarr ist die Geschichte „Der Sesselmann“. Ein Sesselmacher gibt sich einer ganz besonderen Obsession hin: Er fertigt einen Sessel, in dessen Inneres er hineinkriechen kann und so – nur getrennt durch die Lederbespannung – auf Tuchfühlung mit den Personen geht, die auf dem Sessel Platz nehmen.

Auch der tragische Held der „Spiegelhölle“ hängt einer Besessenheit nach: Er ist fasziniert von Spiegeleffekten und Linsen. Was zunächst als harmlose Spielerei in Form von Zaubertricks beginnt, endet im Wahn.

„Die Raupe“ ist eine Erzählung, die Gänsehaut und Beklemmungen verursacht: Tokiko pflegt seit drei Jahren ihren Ehemann, der im Krieg mehrfache Verletzungen erlitten hat. Arme und Beine mussten amputiert werden. Von den Gliedmaßen sind nur noch kleine Stummel vorhanden. Zudem ist er taub und kann sich nicht mehr artikulieren. Während Tokiko nach außen hin wie die aufopferungsvolle Ehefrau wirkt, hegt sie ihrem Mann gegenüber mehr und mehr sadistische Gefühle und liebt es, ihn zu quälen. Neben der geradezu entsetzlichen Situation des verkrüppelten Soldaten wird in „Die Raupe“ zudem geschildert, wie wenig der „Soldatenruhm“ von Bestand ist. Aufgrund dieser kritischen Handlung war „Die Raupe“ während des zweiten Weltkriegs in Japan verboten.

„Auf der Klippe“ sitzt ein Ehepaar und spricht sich aus: Die Ehefrau erzählt von dem niederträchtigen Spiel ihres Ex-Ehemannes, der versucht hatte, durch Mord an ihr Vermögen zu kommen. Doch wie verhält es sich in dieser Intrige mit der Rolle ihres neuen Partners?

Während Edogawa Rampos Kriminalgesichten in „Spiegelhölle“ alle um anscheinend perfekte Morde kreisen und harmlose Unterhaltung sind, fesseln die bizarren Erzählungen „Spiegelhölle“, „Der Sesselmann“ und insbesondere „Die Raupe“ viel mehr. Letztere hallt geradezu nach und verursacht selbst nach der Lektüre noch beklemmende Gänsehaut.

Sonntag, 25. September 2011

„Tanze, Schneck, tanz“ von Minako Oba

Mit „Tanze, Schneck, tanz“ erzählt Minako Oba Geschichten aus ihrem Familien- und Verwandtenkreis. Wie oft bei japanischen Büchern wurden die einzelnen Kapitel von „Tanze, Schneck, tanz“ zuerst als singuläre Folgen in einer Zeitschrift abgedruckt, bevor schließlich das Buch daraus entstand.

So erzählt Minako Oba von ihren Großmüttern, die bereits einem modernerem Frauentyp entsprachen. Von ihrer Mutter, die optisch einem „modern girl“ glich. Von den Großvätern und ihrem Vater, die ihren eigenen unkonventionellen Lebensstil pflegten. Von den Launen ihrer Tanten. Von dem Schicksal ihrer mittellosen Mitschülerinnen. Von ihrem Treffen mit Yasunari Kawabata.

In diesen persönlichen Erzählungen ist auch die japanische Geschichte eingebettet: Der Weltkrieg, die Modernisierung, das harte Leben der Pachtbauern. Doch alle Entwicklungen und Geschehnisse spiegeln sich nur im Mikrokosmos der Familie wider ohne einen großen geschichtlichen Erklärungszusammenhang zu liefern. Minako Oba erzählt dabei aus ihrer eigenen Perspektive auch über Ereignisse vor ihrer Geburt, auf die sie sich nur durch das Hörensagen bezieht.

„Tanze, Schneck, tanz“ ist damit ein sehr anschauliches Stück japanische Familiengeschichte mit lustigen Anekdoten über die Schrulligkeit der Verwandtschaft: Der Großvater beispielsweise kehrte von Ausritten ganz gerne erst dann zu Fuß zurück, wenn er den Gegenwert des Pferdes in einer Kneipe versoffen hatte.

Dennoch ist das Lesen etwas anstrengend: Minako Oba springt von Assoziation zu Assoziation und folgt damit der japanische Schreibtradition des Zuihitsu; des „dem Pinsel folgen“. Dadurch wird die Geschichte eines Verwandten nicht stringent erzählt. Die Autorin hüpft von der einen Anekdote über den Großvater zu einem Gedankengang über den Vater und dann wieder zurück zum Großvater. In einer europäischen Lesart ist „Tanze, Schneck, tanz“ dadurch etwas konfus geraten, was jedoch nicht den Lesegenuss schmälern sollte.

Samstag, 11. Juni 2011

„Tsubaki“ von Aki Shimazaki

„Tsubaki“ ist die japanische Kamelie und die Lieblingsblume der Protagonistin Yukiko in Aki Shimazakis erstem Roman, den sie auf Französisch verfasste. Yukiko ließ nach dem Atombombenabwurf auf ihre Heimatstadt Nagasaki Japan hinter sich und gründete im Ausland eine kleine Familie. Ihre Vergangenheit in Japan bleibt bis zu ihrem Tod nahezu im Dunkeln. Erst durch einen Abschiedsbrief erfährt ihre Tochter mehr über das Familienleben in Nagasaki und dem unheilvollen Tag des Atombombenabwurfs.

Auf nur 111 Seiten spinnt Aki Shimazaki eine Familientragödie um verbotene Liebe, Familienbande, Normen, Manipulation, Betrug und einen Mord, der aufgrund des Atombombenabwurfs niemals entdeckt wurde. Mehr sei an dieser Stelle nicht über die Handlung vorweggenommen.

Der Erzählstil ist schnörkellos, fast schon distanziert. Schade nur, dass die Autorin sich nicht doch noch etwas mehr dem Thema Sühne und Schuld gewidmet hat. Trotz des tollen Plots wirkt die Geschichte so noch etwas schwach auf der Brust.

Nichtsdestotrotz macht „Tsubaki“ und sein versöhnliches Ende Lust auf die weiteren Bücher von Aki Shimazaki. Die im Kunstmann Verlag erschienenen Werke sind ohnehin auch optisch kleine, liebevolle Kunstwerke, denen die Abbildungen hier nicht gerecht werden können.

Samstag, 4. Juni 2011

„Warten auf die Sonne“ von Hitonari Tsuji

„Warten auf die Sonne“ von Hitonari Tsuji ist ein geradezu magischer Roman, der die Schicksale verschiedenster Menschen zu einem schlüssigen Gesamtkunstwerk bündelt:

Shiro ist Patinierer beim Film. Doch die Dreharbeiten geraten ins Stocken – denn der Regisseur wartet für eine bestimmte Szene auf die optimale Sonne, die sich einfach nicht zeigen will. Währenddessen wird Shiro in die verbrecherischen Machenschaften seines älteren Bruders Jiro hineingezogen. Jiro hat einer gefährlichen Organisation etwas Wichtiges entwendet, wurde dann aber angeschossen und liegt nun im Koma. Der Yakuza Fujisawa heftet sich jetzt an Shiros Fersen – Shiro soll das Diebesgut unter Androhung von Gewalt aufspüren und zurückbringen. Fujisawa ist halb Japaner, halb US-Amerikaner. Seinen Vater konnte er nie kennen lernen, denn der US-Pilot wurde kurz vor dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima als Kriegsgefangener eingesperrt. In vollem Wissen über die nahende Katastrophe versucht er, wenigstens eine handvoll Menschen zu retten, wenn schon er selbst dem sicheren Tode geweiht ist. Doch auch der Regisseur Inoue trägt eine traumatische Kriegserfahrung mit sich, die er als sein letztes Vermächtnis verfilmen will.

„Warten auf die Sonne“ ist ein rasanter und spannender Roman über tragische Liebe, Lebenslust, die Macht der Erinnerungen und die Grausamkeiten des Krieges. Hitonari Tsuji verkettet die Protagonisten auf verschiedenen Erzählebenen: Der Ich-Erzähler Shiro präsentiert die Geschehnisse des Jahres 1999. Der Leser erlebt zudem die begrenzte (Alp-)Traumwelt des im Koma liegenden Jiros (ähnlich wie bei Haruki Murakamis „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“). Die Geschichte der letzten Tage des US-Piloten in Hiroshima wird in Form von Tagebucheinträgen dargestellt. Verschiedene Personen berichten häppchenweise das Schicksal des Regisseurs Inoue. Und auch Fujisawas Historie als „Weißer“ in Japan wird erzählt. Viele Geschichten, doch verknüpft sind sie alle durch die Faszination für die Sonne, die das Leben und Sterben der Menschen begleitet.

Meine einzigen kleinen Kritikpunkte: Der Ich-Erzähler und Patinierer Shiro lässt sich zwischendurch etwas zu sehr über seinen Beruf aus. Und die Sex-Szenen kommen ein bisschen arg gestelzt à la "ich umfing ihren Körper" rüber.

Leider ist „Warten auf die Sonne“ hierzulande ein recht unbekannter Roman, der zwischenzeitlich vergriffen ist. Einige Restexemplare des Hardcovers kann man sich derzeit aber noch bei Jokers günstig sichern.