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Donnerstag, 12. September 2024

"Das Loch" von Hiroko Oyamada

Hiroko Oyamadas "Das Loch" wurde mit dem Akutagawa-Preis prämiert. "Die Zeit" nennt das schmale Büchlein mit ca. 120 Seiten Umfang gar "ein Meisterstück der Unheimlichkeit". So ganz mag ich in den Lobgesang allerdings nicht einfallen. 

Doch zunächst zur Handlung: Die Ich-Erzählerin Asa steht vor einem neuen Lebensabschnitt. Als ihr Mann aufs Land versetzt wird, kündigt sie ihren Job und wird Hausfrau. Das Ehepaar zieht in das Haus neben dem der Schwiegereltern ein. Asas Alltag ist nun eintönig und dennoch vergeht die Zeit besonders schnell:

"Wer keine Termine mehr hat, keine Fristen, die eingehalten werden müssen, keine Meetings oder Gehaltstage, welche die Zeit Stunde um Stunde, Minute um Minute struktieren, dem scheint sie zwischen den Fingern zu zerrinnen, in einem Tempo, das einem unfassbar erscheint." (S. 29)

Es ist flirrend heiß im ersten Sommer nach dem Umzug. Asa verweigert sich die bequeme Klimaanlage und versucht, der Hitze zu trotzen. Der alte Großvater ihres Ehemanns verbringt seine Tage damit, den Rasen zu sprengen. Alles ist in gleißendes Licht und Schatten getaucht. 

Auf einem Spaziergang läuft Asa ein seltsames, schwarzes Getier über den Weg. Neugierig folgt sie dem Wesen und fällt aus einer Unachtsamkeit in ein Loch, aus dem sie sich nicht mehr selbst befreien kann. Dank eines Zufalls erhält sich Hilfe durch eine vorbeiflanierende Nachbarin.

Doch die seltsamen Gegebenheiten nehmen zu - wer wohnt denn scheinbar unbemerkt hinter dem Haus der Schwiegereltern? Der aufmerksame Leser merkt, dass da wohl was nicht mit rechten Dingen zugeht.

Wer schon mehrere Werke des magischen Realismus gelesen hat, der wird "Das Loch" vielleicht nicht gleich als "Meisterstück der Unheimlichkeit" lobpreisen. Schließlich scheint die Geisterwelt in Japan ja auch nichts mit gruseligen Schlossgespenstern aus dem europäischen Raum zu tun zu haben, sondern eher als tatsächlich mögliche Gegebenheit, die zwar überrascht, aber nicht schockiert. Oder wie es die Autorin einem ihrer Akteuren in den Mund legt:

"Im Allgemeinen sehen sie alle nichts. Wer etwas nicht sehen will, sieht es auch nicht." (S. 92)

Sicherlich ist das Büchlein sprachlich auf hohem Niveau, aber leider schon wieder zu Ende, als man sich gerade mit den Charakteren angefreundet hat.

Ich hoffe allerdings inständig, dass bald auch Hiroko Oyamadas "Die Fabrik" ins Deutsche übersetzt wird. Die Handlung des literarischen Erstlings klingt so herrlich kafkaesk, dass man richtig neugierig auf das Werk wird.

Bibliographische Angaben:
Oyamada, Hiroko: "Das Loch" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Rowohlt, Hamburg 2024, ISBN 978-3-498-00486-6

Dienstag, 2. April 2024

„Suzukis Rache“ von Kotaro Isaka

Keine 50 Seiten und schon fünf Tote und zwei dem Tode Geweihte: Kotaro Isakas „Suzukis Rache“ startet furios. Im Gegensatz zum Roman „Bullet Train“, bei dem der Name zu 100% Programm ist, wird das spektakuläre Tempo allerdings nicht beibehalten. Das mag aber sicher auch daran liegen, dass der Protagonist Suzuki kein Auftragskiller ist. Suzuki ist ein Mathelehrer, der auf Rache aus ist. Der Sohn des Bandenchefs Terahara, der natürlich von seinem Vater protegiert wird, hat Suzukis Ehefrau getötet. 

Suzuki heuert also bei dem Verbrecher-Clan an, um an den Junior-Chef heranzukommen und diesen umzubringen. Jedoch wird dieses Vorhaben schnell vereitelt: Der Pusher kommt Suzuki zuvor und stößt Terahara Junior vor ein Auto. Doch Suzuki soll für den Clan nun den Pusher ausfindig machen und gerät damit direkt zwischen die Fronten. 

Da ist sowohl die blutrünstige Zikade, die noch nicht einmal davor zurückschreckt, kleine Kinder mit dem Messer zu meucheln. Dazu kommt der Wal, der über die seltsame Gabe verfügt, sein Gegenüber in den Selbstmord zu treiben. Der Wal wird von den Geistererscheinungen seiner Opfer gequält und beschließt, in der Branche aufzuräumen. 

Durch die Geistererscheinungen und die mysteriöse Fähigkeit des Wals empfand ich „Suzukis Rache“ vielfältiger als „Bullet Train“, was für das fehlende Tempo zwischendurch mehr als entschädigt. Allerdings hätte ich mir – wäre es ein Wunschkonzert – einen anderen Strippenzieher im Hintergrund gewünscht. Natürlich ist die Handlung ohnehin alles andere als realistisch, aber mir war die Motivation für den Auftragsmord an Terahara Junior leider nicht so ganz schlüssig.

Und da ich ja schon in meiner letzten Rezension etwas über Klapptexte hergezogen bin, kann ich nun auch gleich noch über den Klappentext von „Suzukis Rache“ meckern. Der lautet unter anderem:

„In der Unterwelt von Tokio begegnen drei kaltblütige Auftragskiller ihrem Meister: einem von Rache getriebenen Mathematikprofessor.“

Tatsächlich ist Suzuki weder Mathematikprofessor (sondern nur ein Lehrer) und erst recht kein Meister. Der Klappentext suggeriert, dass die Killer von dem harmlosen Suzuki vorgeführt werden. Das ist mit Nichten so. Vielmehr wird Suzuki zum Spielball und bleibt nur Dank eines gewissen Wohlwollens am Leben.

Bibliographische Angaben:
Isaka, Kotaro: „Suzukis Rache“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine, Hoffmann & Campe, Hamburg 2023, ISBN 978-3-455-01586-7

Montag, 25. März 2024

„Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami

Ich bin ja eigentlich kein großer Fan von Klappentexten. Manchmal spoilern sie, manchmal passen sie noch nicht mal zur Story. Im Fall von Haruki Murakamis „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ klingt die Handlung bereits mit den ersten Zeilen des Klappentexts sehr nach „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Wenn man sich die weniger guten Rezensionen auf Amazon anschaut, dann hätten diese teilweise sicherlich durch klarere Kommunikation vermieden werden können. Ein Vorwort zusätzlich zum Nachwort oder ein entsprechender Klappentext hätte vielleicht die eine oder andere Enttäuschung vermieden, dass der erste Teil bis Seite 187 im Grunde genommen schon über „Hard-boiled Wonderland“ bekannt ist und „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ eine Abwandlung des schon bekannten Themas ist. Haruki Murakami gibt im Nachwort ohnehin an:

„Jorge Luis Borgos zufolge gibt es im Grunde nur eine begrenzte Anzahl von Geschichten, die ein Schriftsteller im Laufe seines Lebens richtig erzählen kann. Wir können diese begrenzte Anzahl von Motiven nur in verschiedenen Formen und mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bearbeiten, könnte man sagen.“ (S. 636)

Sprich: Absolut neue Dinge sind vom Autor, der nun 75 Jahre alt ist, wohl nicht mehr zu erwarten. Und so findet sich nach besagten „Hard-boiled Wonderland“-Teil in den folgenden Teilen zwei und drei auch wieder allerlei Bekanntes: eine Bibliothek, ein namenloser Protagonist, Einsamkeit, Warten, Jazz, ein Keller (statt des Brunnenlochs), Essensvorbereitungen, Katzen… Alles keine Überraschungen, fühlt sich aber so wie Heimkommen an. Man weiß halt, was man bekommt. Allzu viel mehr möchte ich über die Handlung gar nicht mehr verraten. Nur vielleicht noch so viel:

Der geheimnisvolle Junge M**, der nahezu immer einen Beatles-Pullover mit dem Motiv des gelben Unterseeboots trägt, hat mich dann doch noch ein bisschen über das Lied „Yellow Submarine“ nachrecherchieren lassen. Ich dachte immer, dass eine geläufige Deutung der Songzeile „We all live in a yellow submarine“ dafür steht, dass jeder von uns in seinem eigenen Mikrokosmos lebt, was nur allzu gut zur ummauerten Stadt gepasst hätte. Allerdings scheinen die Beatles tatsächlich nur ein Kinderlied komponiert zu haben und jede Deutung darüber hinaus würde zu weit gehen. Nichtsdestotrotz scheint ursprünglich der Beginn des Liedes in einer ersten Version „In the place where I was born, noone cared, noone cared ...“ gelautet zu haben. Und leider ist das auch das Schicksal des Jungen. Niemand schert sich so wirklich um ihn, er ist in der Realität fehl am Platz. Sein Ausweg: die Stadt… dank des Jungen nimmt die Geschichte, die zwischendurch ein bisschen vor sich hindümpelt, wieder Fahrt auf. 

Tatsächlich war ich anfangs auch ein bisschen angefressen, dass die ersten knapp 200 Seiten nur eine Abwandlung von „Hard-boiled Wonderland“ waren. Schließlich und endlich ist die neue Version mit „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ aber doch ein äußerst gelungenes Werk und ich wäre gar nicht mal so traurig, wenn es den runden Abschluss des literarischen Schaffens des Haruki Murakami bilden würde. 

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont Verlag, Köln 2024, ISBN 978-3832168391

Donnerstag, 24. Januar 2019

"Das magische Café" von Toshikazu Kawaguchi

Um das kleine, altmodische Café Funiculi Funicula im Untergeschoss eines Hauses in einer Nebenstraße in Tokio rankt sich eine urbane Legende: Angeblich soll man dort eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen können. Doch da die vielen Regeln, der diese Zeitreise unterliegt, wenig attraktiv sind, sind die Interessenten rar und im Café gehen primär einige wenige Stammgäste ein und aus. Wer will schon in die Vergangenheit reisen, wenn sich die Gegenwart nicht ändern lässt, wie Regel Nummer zwei besagt...

Der Roman setzt ein, als die Büroangestellte Fumiko im Café statt des erwarteten Heiratsantrags von ihrem Freund verlassen wird. Er will noch am selben Tag Japan verlassen, um in den USA seinen Traumjob anzunehmen. Fumiko ist zu verletzt, um angemessen auf die Situation zu reagieren. Doch eine Woche später möchte sie ihren Fehler korrigieren und begibt sich nochmals ins Funiculi Funicula. Leider bringt auch sie Regel Nummer zwei ins Zweifeln. Sie möchte doch ihre Beziehung retten und nach der Zeitreise nicht erneut allein dastehen.

Im Folgenden wollen noch drei weitere Personen in kritischen Lebensphasen in Toshikazu Kawaguchis "Das magische Café" eine Zeitreise antreten.

Dem Klappentext kann man entnehmen, dass "Das magische Café" zunächst als Theaterstück entstand. Erst nach dem Bühnenerfolg wurde die Handlung in Romanform gegossen. Dass sich dadurch die Handlung eigentlich nur im Funiculi Funicula abspielt, tut dem Roman aber nicht weh. Vielmehr wirkt das Café nach und nach wie das ausgelagerte Wohnzimmer der Protagonisten, in dem es auch mal menschelt.

Aber auch die Charaktere fangen einen ein – insbesondere durch ihre Schrulligkeit. Und für die fantastische Komponente sorgt nicht nur die Zeitreise, sondern auch noch ein Geist, der für die Umsetzung derselben eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Der Roman schrammt jedoch hart an der Grenze, ein bisschen zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Er bedient Themen, die viele kennen: die Angst, geliebte Menschen könnten an Alzheimer erkranken; der Tod von Angehörigen; die bedingungslose Liebe zum eigenen Kind. Und so habe auch ich beim Lesen nicht nur ein Tränchen verdrückt. Ein bisschen weniger Rührseligkeit hätte den Roman für mich jedoch noch interessanter gemacht.

Bibliographische Angaben:
Toshikazu Kawaguchi: "Das magische Café" (Übersetzung aus dem Englischen: Thiele, Sabine), O.W. Barth, München 2018, ISBN 978-3-426-29290-7

Donnerstag, 29. September 2016

„Lebensgeister“ von Banana Yoshimoto

Der neue Kurzroman „Lebensgeister“ von Banana Yoshimoto hat mich leider nicht sonderlich überzeugt. Auf knapp 160 Seiten geht aus um typische Yoshimoto-Themen, die eigentlich das Zeug für ein interessantes Werk haben: Verlust durch Tod, die große Liebe des Lebens, Freundschaften und Grenzgänge.

Die Protagonistin Sayoko und ihr Freund Yoichi hatten einen schweren Autounfall, bei dem Yoichi ums Leben kommt. Sayoko hatte eine Nahtoderfahrung: In der Zwischenwelt trifft sie auf ihren verstorbenen Hund und ihren Großvater, den sie besonders ins Herz geschlossen hatte. Der Großvater schickt sie zurück ins Reich der Lebenden; ihre Zeit dort ist noch nicht abgelaufen.

Sayoko tut sich anfangs natürlich schwer, zurück in einen Alltag zu finden. Ihre körperlichen Verletzungen müssen erst ausheilen; ganz zu schweigen von den seelischen. Die Hoffnung, von Yoichi schwanger zu sein, zerschlägt sich leider jäh, als sie ihre Periode bekommt. Sie zieht zurück zu ihren Eltern, die aber auch nicht so recht wissen, wie sie ihrer Tochter weiterhelfen können. Denn Sayoko hat sich verändert: Seit der Nahtoderfahrung kann sie Geister sehen, was sie jedoch nicht weiter stört, sondern als natürliche Folge ihres Grenzgangs zwischen den Welten empfindet.

Interessant wird der Kurzroman, als zwei Männer auftauchen, die ebenfalls ein Gespür für das Übersinnliche haben. Da wäre einerseits der schwule Ataru, der seine geliebte Mutter plötzlich verloren hat. Die Mutter erscheint regelmäßig als Geist in einer alten Villa, in der sie früher gewohnt hatte. Für Sayoko wird das Zimmer von Atarus Mutter zur neuen Heimat - und Ataru wird gewissermaßen zu einer Art WG-Mitbewohner.

Und dann ist da noch der Barbesitzer Shingaki, in dessen Kneipe Sayoko Stammgast ist. Der aus Okinawa stammende Shingaki sieht ebenfalls Geister und empfiehlt Sayoko zum Unfallort zurückzukehren, um dort ihren Nabel (sprich: ihre Seele) aufzulesen, den sie dort verloren hat.

An sich sind die Zutaten für einen ordentlichen Banana Yoshimoto-Roman in „Lebensgeister“ enthalten. Doch leider wirkt er auf mich ein bisschen halbgar und schal. Das mag daran liegen, dass ein stärkerer Fokus auf Sayokos Beziehungen zu Ataru und Shingaki der Handlung sicherlich gut getan hätte. Stattdessen werden Begegnungen mit Personen illustriert, die eigentlich nicht viel zum Plot beitragen. Dabei sind ausgearbeitete Beziehungskonstellationen, die zur „Heilung“ einer Person führen, doch gerade die Spezialität der Autorin. Statt dessen springt die Handlung von Tokio nach Kioto, von der einen Bar zur anderen, von einer Person zur nächsten. So fängt der Roman den Leser leider bei Weitem nicht so ein, wie andere Banana Yoshimoto-Werke.

Bibliographische Angaben:
Yoshimoto, Banana: „Lebensgeister“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Eggenberg, Thomas), Diogenes, Zürich 2016, ISBN 978-3-257-30042-0

Sonntag, 1. Dezember 2013

„Drei Erzählungen“ von Yasunari Kawabata

Die drei Erzählungen Yasunari Kawabatas in dem kleinen Bändchen des Iudicium Verlags entstanden zwischen den Jahren 1953 und 1960 und zählen somit eher zum Spätwerk des Autors.

1953 entstand „Sprachlos“: Der Ich-Erzähler plant einen Besuch bei Akifusa, einem Autor an der Schwelle des Todes. Nach einem Schlaganfall ist Akifusa halbseitig gelähmt und spricht kein Wort mehr. Der Ich-Erzähler hat sich längere Zeit vor dem Krankenbesuch gedrückt, begibt sich allerdings doch schlussendlich auf den Weg zu dem alten Herren, der von seiner Tochter gepflegt wird. Im Taxi erfährt er von einer Geistergeschichte: Ein weiblicher Geist scheint derzeit in Taxen zu spuken. Auch Akifusa wirkt auch den Ich-Erzähler wie ein Geist – ganz im Gegensatz zu der ihn pflegenden Tochter.

„Ein Mädchen mit Duft“ aus dem Jahr 1960 startet wie eine zarte Liebesgeschichte. Doch es zeigt sich, dass auf dem Mädchen, dessen Duft so berauschend ist, ein dunkler Schatten liegt, der mit dem Selbstmord ihrer Mutter zu tun hat.

„Was ihr Mann nie tat“ datiert aus dem Jahr 1958. In dieser Erzählung trifft ein Student auf eine ältere Frau. Als beide eine Affäre eingehen, scheint es, als würde die Frau die Beziehung an Stelle ihrer verstorbenen Tochter führen.

Barbara Yoshida-Krafft weist im Nachwort auf die verbindenden Elemente der drei Erzählungen hin: Im Zentrum steht jeweils eine starke Frau und der Tod bzw. die Welt der Toten reicht in die Realität der Lebenden hinein. Yasunari Kawabata zieht den Leser in diese unheimliche Sichtweise hinein. Der Nachhall der recht kurzen Erzählungen bleibt dadurch umso länger bestehen.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Drei Erzählungen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Iudicium, München 2001, ISBN 3-89129-083-7

Mittwoch, 14. August 2013

„The Ring“ von Koji Suzuki

Vor Koji Suzukis „The Ring“ habe ich mich eine ganze Weile erfolgreich gedrückt. Bei grusligen Storys werde ich zur absoluten Memme, habe abends Angst davor, das Licht auszumachen und kann nicht einschlafen, wenn ich auch nur ein komisches Geräusch höre. Den Film „The Ring“ kenne ich nur vom Trailer her, aber ich hatte die Befürchtung, dass die Romanvorlage irre unheimlich sein müsste und mich um meinen Schlaf bringen würde. Zwar ist der Psychohorrorroman durchaus nicht unspannend, aber einen besonders großen Thrill hat er mir dann doch nicht bereitet. Gott sei Dank...

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als vier Teenager unter mysteriösen Umständen zu Tode kommen. Trotz des jungen Alters sterben sie an akutem Herzversagen zur selben Zeit an drei verschiedenen Orten. Der Reporter Asakawa ist der Onkel eines Opfers und erfährt durch einen Zufall von einem weiteren Fall. Sein journalistischer Instinkt verneint einen Zufall und Asakawa beginnt zu recherchieren: Die vier Teenager scheinen exakt eine Woche nach einem gemeinsamen Aufenthalt in einem Feriendorf in Hakone gestorben zu sein.

Als sich Asakawa in demselben Bungalow einmietet, in dem sich die Jugendlichen aufgehalten haben, fällt ihm ein Video in die Hände, von dem er vermutet, sie hätten es sich vor Ort angesehen. Als Asakawa das Band startet, laufen einige schauerliche Szenerien ab, die ihm die Gänsehaut über den Rücken jagen. Das Video enthält zudem die Botschaft, dass jeder Zuseher nach Ablauf von einer Woche das Zeitliche segnen wird, wenn er nicht die folgenden Anweisungen befolgt… Doch genau diese scheinen die Jugendlichen überspielt zu haben, dass Asakawa die Chance nicht wahrnehmen kann, die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen. Der Tod der Teenager lässt keinen Zweifel daran, dass der Fluch auf dem Video tatsächlich eintreten wird.

Völlig verzweifelt zieht Asakawa seinen Kumpan Ryuji, der sich auf parapsychologische Phänomene spezialisiert hat, hinzu. Gemeinsam versuchen sie Licht ins Dunkle zu bringen, wie das Video entstanden sein mag, wer hinter seiner Aufzeichnung steckt – und vor allem, wie der Fluch aufgehoben werden kann. Denn zwischenzeitlich hat nicht nur Asakawa das unheilbringende Video gesehen.

Zwischendurch liest sich „The Ring“ wie ein normaler Kriminalroman. Die grusligen und mystischen Elemente finden sich jeweils (fast) nur zu Beginn und am Ende des Thrillers. Daher ist es mit dem Horror auch nicht allzu weit her. Da waren mir die Erzählungen in Koji Suzukis „Dark Water“ schon sehr viel unheimlicher. Nichtsdestotrotz bietet der erste Teil von „The Ring“ spannende, solide Unterhaltung, von der man sich allerdings nicht zuviel erwarten sollte.

Bibliographische Angaben:
Suzuki, Koji: „The Ring“ (Übersetzung aus dem Amerikanischen: Liessen, Bernhard & Marburger, Katrin), Heyne, München 2003, ISBN 3-453-86679-7

Samstag, 6. Oktober 2012

„Der lange Weg zurück zur Erde“ von Taku Mayumura

„Der lange Weg zurück zur Erde“ von Taku Mayumura enthält neben Science Fiction-Geschichten auch phantastische Erzählungen; insgesamt 15 an der Zahl.

Einen „Befehl zur Einstellung der Bauarbeiten“ soll Tsutomu Sugioka Baurobotern geben. Deren oberstes Ziel ist jedoch die Fertigstellung einer Retortenstadt im südamerikanischen Urwald – und sie dulden keine Störung ihres Programms.

„Die Affen sind da!“ zeichnet die Geschichte eines in völliger Abgeschiedenheit lebenden Beamten, der auf einer Beobachtungsstation in den Bergen die Witterungsverhältnisse aufzeichnen soll. Als er sich nach einer Weile in ein Dorf wagt, wartet dort eine Überraschung auf ihn.

„Pi“ ist der Name einer Katze, deren Herrchen verstirbt. „Der Schulhof“ ist der Schauplatz einer phantastischen Fischereierfahrung. „Auf dem Schlachtfeld“ landet ein Weltkriegsveteran durch eigenartige Fähigkeiten. „Der Verkäufer“ preist eine Traummaschine an. Und „Der Reisende auf Platz C“ hat gar ungewöhnliche Eigenschaften.

Die folgenden Geschichten drehen sich allesamt um außergewöhnliche Amouren und Ehefrauen: „Das Mädchen aus Suma“ lernt Professor Kurita bei einer Radioshow kennen. Die junge Frau übt eine außerordentlich Betörung auf ihn aus. „Die Frau aus dem Innern des Hida-Gebirges“ ist von enormer Schönheit und Fachkundigkeit hinsichtlich ihrer Reiseführung, die sie Koji Abe anbietet. Doch je näher der Abend rückt, desto seltsamer benimmt sich die hübsche Frau. „Torokin“ ist ein Medikament, das ein Salaryman seiner Ehefrau unbedingt aus der Stadt mitbringen soll. Doch nicht nur die eigene Frau hat das Mittel dringend nötig. „Eine seltsame Ehefrau“ hat Kohei. Als er arbeitslos wird, hat sie eine unkonventionelle Idee, eine neue Einnahmequelle zu erschließen.

Abschließend finden sich in dem Band vier klassische Science Fiction-Erzählungen: Der „Ideenfinder im untersten Rang“ wird als Problemlöser auf den Merkur geschickt. Erst laufen die Forschungsarbeiten dort reibungslos – bis Arbeitsroboter verschwinden. „Die Hölle der Gravitation“ erleben zwei Weltraumreisende, als sie auf einem Planeten mit erhöhter Gravitation notlanden müssen. „Wie die Kurve der Tangensfunktion“ nimmt das Wissen der Einwohner des Planeten Pogu zu. Und „Der lange Weg zurück zur Erde“ hat für zurückkehrende Siedler von Alpha Centauri einige Überraschungen parat.

Taku Mayumuras Science Fiction-Erzählungen sind eher mäßig spannend und überraschend. Da haben es mir die phantastischen Geschichten wie „Das Mädchen aus Suma“ schon sehr viel mehr angetan. Hier vermischt sich der japanische Geisterglaube mit modernen Lebensläufen.

Bibliographische Angaben:
Mayumura, Taku: „Der lange Weg zurück zur Erde“, Heyne, München 1983, ISBN 3-453-30917-0

Donnerstag, 21. Juni 2012

„Unter dem Regenmond“ von Akinari Ueda

Mit „Unter dem Regenmond“ liegen Erzählungen von Akinari Ueda vor, die als seine besten Geistergeschichten gelten. Die 1776 erschienenen Erzählungen spielen jeweils von Mitte Juni bis Mitte Juli, einer Zeit, in der laut japanischem Aberglauben Geister besonders gern den Menschen erscheinen, und basieren teilweise auf chinesischen Geschichten, teilweise auf historischen Ereignissen, die sich in Japan zugetragen haben.

Die Treue einer Ehefrau wird in „Das Haus im Schilfgras“ thematisiert. Nach jahrelanger Abwesenheit kehrt der Ehemann zurück und muss sein vom Krieg gebeuteltes Heimatdorf (fast) verlassen wieder finden.

Wer „Die Liebe einer Schlange“ erhält, dem widerfahren ungute Dinge, muss der junge Toyo-o feststellen. Dieser wird von einem Dämon verfolgt, der eine bezaubernde Frauengestalt angenommen hat.

Geschichtlich wird es in „Begegnung auf dem Berg Shiramine“, als der Geist des brutalen Kaisers Sutoku erscheint und Zwiesprache mit einem Lebenden hält. Ähnliches widerfährt zwei Wanderern in „Der Vogel der drei Buddhaschätze“.

Um Betrug, Eifersucht und Rache dreht es sich in „Der Wasserkessel von Kibitsu“. Shotaro ist der Schlingel, der sich mit einer anderen Frau aus dem Staub macht und seine Ehefrau im Stich lässt. Doch die Rache der Ehefrau bleibt nicht aus.

Anlässlich einer „Verabredung zum Chrysanthemenfest“ hat Samon eine Begegnung mit einem Geist und erfährt, was wahre Freundestreue ist.

In „Geträumte Karpfen“ erlebt ein besonders tierlieber Mönch als Belohnung für seinen Einsatz für die Fauna eine ganz erstaunliche Verwandlung.

„Die blaue Kapuze“ handelt von einem Zen-Meister, der es mit einem wahnsinnigen Widersacher aufnimmt, der die Nachbarschaft terrorisiert.

„Eine Unterhaltung über Armut und Reichtum“ führt ein Ritter mit dem Geist des Geldes.

Ein bisschen mühselig lesen sich die Erzählungen mit geschichtlichem Hintergrund. Man müsste etwas bewanderter bezüglich der Aufstände und Kriege im 12. und 16. Jahrhunderts sein, um diesen Geschichten gerecht zu werden. Dagegen lassen Erzählungen wie „Geträumte Karpfen“ und „Die blaue Kapuze“ keine Langeweile aufkommen. „Unter dem Regenmond“ bedient ein großes Spektrum von phantastischen Erlebnissen und gibt einen schönen Einblick in den Volksglauben. Wer hätte gedacht, dass Geister keinen Sake mögen?!

Samstag, 15. Oktober 2011

„Wilde Schafsjagd“ von Haruki Murakami

Der namenlose Ich-Erzähler von „Wilde Schafsjagd“ ist der klassische Haruki Murakami-Protagonist: Der Idealismus der Jugendjahre ist längst verpufft und weicht einer gewissen depressiven Lethargie. Die Ehefrau hat die Nase voll und wünscht die Trennung. Der Alltag ist unaufregend und wenn die „Wilde Schafsjagd“ nicht ihren Lauf genommen hätte, dann

„säße ich jetzt garantiert irgendwo in einer Bar, äße ein Omelette und tränke Whiskey dazu. Die richtige Jahreszeit, um zur rechten Stunde an einem soliden, aus einem Stamm gehauenen Tresen zu hocken, abends nach dem Regen, Whiskey mit frisch vom Block gehacktem Eis, Stunden, in denen die Zeit gemächlich fließt wie ein stiller Strom.“ (S. 251)

Als der Ich-Erzähler aber ein Schaf-Foto, das er von seinem verschollenen Freund Ratte erhalten hat, veröffentlicht, gerät er unversehens ins „Bandwurmuniversum“, in dem Verhalten und Kausalität einer anderen Logik unterworfen sind. Denn das Foto zeigt das geheimnis- und machtvolle Schaf, das einen Politiker eine gewaltige Organisation aufbauen hat lassen, indem es ihn als sein Werkzeug missbraucht hat. Seitdem das Schaf den Politiker verlassen hat, liegt er im Sterben. Dessen Assistent, ein gefährlich und unangenehm wirkender, schwarz gekleideter Mann, will den Ich-Erzähler zwingen, das Schaf für ihn ausfindig zu machen.

Doch der Protagonist will sich zunächst keinen fremden Willen aufzwingen lassen. Er hat nichts zu verlieren, hängt nicht an Besitz und lässt sich auch nicht mit dem Vorwurf der Mittelmäßigkeit reizen. Seine neue Freundin jedoch, die sich durch phantastische Ohren und Zukunftsvisionen auszeichnet, überredet ihn schließlich, gemeinsam auf „Wilde Schafsjagd“ zu gehen. Wo auf Hokkaido mag sich dieses machtvolle Schaf nur aufhalten? Und was hat sein Freund Ratte damit zu tun?

Der Leser begleitet den Ich-Erzähler durch das Bandwurmuniversum der „Wilden Schafsjagd“, die so wild gar nicht ist. Denn auch dies ist charakteristisch Murakami: Die eigentliche Handlung hätte sich auch in weniger als der Hälfte der Seiten unterbringen lassen können. Das Erzähltempo ist gemächlich, der Ich-Erzähler lässt seine Gedanken mal in diese oder jene Richtung abschweifen (z.B. zu Musik und Literatur), ist mit alltäglichen Dingen wie Kochen beschäftigt, lässt die Vergangenheit Revue passieren. Das ist ein Stil, auf den man sich als Leser erst einmal einlassen muss. Doch gerade die Nebensächlichkeiten machen „Wilde Schafsjagd“ so lesenswert: Wieso wird ein Kater auf den Namen Bückling getauft? Wie empfindet ein junger Ainu die Besiedelung des unwirtlichen Hokkaidos? Und warum sind Ohren so faszinierend?

Weitergeführt wird die „Wilde Schafsjagd“ in dem Roman „Tanz mit dem Schafsmann“. Ob er will oder nicht, der Ich-Erzähler muss das Tanzen lernen...

Montag, 19. September 2011

„Am Meer ist es wärmer“ von Hiromi Kawakami

Manazuru – das ist die einzige Spur, die Keis verschwundener Ehemann Rei hinterlassen hat. Also bricht Kei wiederholt nach Manazuru auf und schlägt auch die Warnungen ihrer Mutter in den Wind, die Manazuru als besonders „starken“ Ort charakterisiert. Für Kei, die auch in Tokio übersinnliche Wahrnehmungen von Geistern hat, öffnet sich in Manazuru eine zweite Realitätsebene. Ob sie hier Rei findet, wie vage von einem Frauengeist angedeutet? Diese Frau, die nur für Kei sichtbar ist, erscheint bevorzugt in Manazuru und führt Kei in verschiedene übersinnliche Situationen einer Parallelwelt.

Doch auch in der Realität hat Kei ihre Probleme: Ihre Tochter Momo im Teenager-Alter ist dabei, sich von ihrer Mutter abzunabeln und so sieht sich Kei mit dem Problem konfrontiert, dass sie von Momo ebenfalls eines Tages verlassen wird. Auch mit dem verheirateten Seiji, mit dem Kei eine langfristige Affäre hat, steht es nicht zum Besten: Er wirft Kei vor, Rei einfach nicht vergessen zu können und sich so nicht für eine Beziehung mit ihm öffnen zu können.

In „Am Meer ist es wärmer“ wechseln die beiden Wirklichkeitsebenen permanent und sorgen beim Lesen für Verwirrung: Was ist wahr und was Imagination? Traumwandlerisch taumelt Kei durchs Leben und versucht die Fäden der Erinnerung zu entwirren.

Nach „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ und „Herr Nakano und die Frauen“ ist „Am Meer ist es wärmer“ der erste fantastische Roman von Hiromi Kawakami, der ins Deutsche übersetzt wurde. Leider fühlte ich mich etwas von der Autorin im Regen stehen gelassen: Was wollte sie mir eigentlich sagen? Dass man sich erst von Altlasten befreien muss, um sich etwas Neuem öffnen zu können? Dass zum Leben auch Abschiednehmen gehört? Dass Erinnerungen trügerisch sind? Viele Fragen bleiben bei „Am Meer ist es wärmer“ offen.

PS: Wer wissen will, wie es in dem wirklichen Manazuru aussieht, der hat hier die Gelegenheit dazu.

Donnerstag, 25. August 2011

„Sommer mit Fremden“ von Taichi Yamada

Auch Taichi Yamada gibt seinem Protagonisten in „Sommer mit Fremden“ denselben Beruf, den er selbst ausübt: Harada ist Drehbuchautor und hat gerade eine kostspielige Scheidung hinter sich. Sein Sohn ist 19 Jahre und ist wenig begeistert davon, Zeit mit seinem Vater zu verbringen. Und dann gesteht ihm auch noch sein ehemaliger Auftraggeber Mamiya, dass er eine Beziehung mit seiner Ex-Frau eingehen und daher nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten möchte. Somit beginnt für Harada ein zunächst einsamer Sommer: Er lebt in seinem ehemaligen Büro in einem Gebäude an der Tokioter Stadtautobahn. Dort ist nur eine weitere Räumlichkeit als Wohnraum und nicht als Büro genutzt. In dieser Wohnung lebt die einsame Kei. Harada und Kei nähern sich nach einem Fehlstart an und beginnen eine Beziehung.

Harada streift in seiner Einsamkeit durch sein ehemaliges Heimatviertel. Seine Eltern starben bei einem Verkehrsunfall, als Harada gerade einmal 12 Jahre alt war. Daher ist seine Verwunderung groß, als er auf einen Mann trifft, der seinem Vater verblüffend ähnlich sieht. Als ihn dieser nach Hause einlädt, lernt Harada dessen Ehefrau kennen. Auch sie gleicht seiner Mutter bis aufs Haar. Das Ehepaar gibt sich so leutselig, dass Harada sich sofort wie zu Hause fühlt. Doch kann es sein, dass dieses Pärchen, das ihm wie Ende 30 erscheint und damit viel jünger ist als er selbst, tatsächlich seine Eltern sind? Ein erneuter Besuch im Viertel zeigt ihm, dass er nicht geträumt hat: Das Ehepaar gibt es tatsächlich…

Obwohl Harada durch diese metaphysische Erfahrung und seine gerade erst entflammte Beziehung zu Kei sehr eingespannt ist, schreibt er an einem neuen Drehbuch. Doch warum reagiert sein Auftraggeber so entsetzt auf sein Aussehen, während er selber doch keine Veränderung an sich feststellen kann?

„Sommer mit Fremden“ ist eine fast gar nicht gruselige Geistergeschichte, die spannend geschrieben und flüssig zu lesen ist. Leider ist der Schluss eher „drehbuchgerecht“: Hier hätte man vielleicht noch ein wenig mehr Augenmerk auf die Motive und sich wandelnden Gefühle der Personen legen können. Der Showdown geht so ein bisschen zu schnell über die Bühne.

Freitag, 5. August 2011

„Kitchen“ von Banana Yoshimoto

Banana Yoshimotos „Kitchen“ ist – laut Nachwort – ein Buch über das Überwinden und Wachsen und enthält mit den beiden Erzählungen „Kitchen“ und „Moonlight Shadow“ die literarischen Erstlinge der japanischen Kultautorin.

In „Kitchen“ hat Mikage gerade den letzten Verwandten verloren. Ihre Großmutter hat den Großvater und Mikages Eltern überlebt; hat Mikage aufgezogen und die Studentin schließlich allein auf der Welt zurückgelassen. Mikage ist zunächst wie gelähmt ob ihrer Einsamkeit, schläft neben dem Kühlschrank und hofft, dass der Schmerz irgendwann doch bitte nachlässt. Der gleichaltrigen Yuichi und dessen „Mutter“ Eriko (im Grunde genommen Yuichis verwitweter Vater, der sich nach dem Tod von Yuichis Mutter zu Frau umoperieren hat lassen) nehmen Mikage zu sich und bilden für eine Weile eine illustre, aber liebevolle Patchwork-Familie. Doch irgendwann klopft der Tod wieder an die Tür und stellt die Protagonisten erneut vor die Herausforderung, zu überwinden und zu wachsen.

Banana Yoshimoto versucht ihren Lesern Mut zu machen, indem sie Eriko beispielsweise die folgenden Worte in den Mund legt:

„Aber wer in seinem Leben nie richtig verzweifelt war, wer nicht weiß, welche Dinge wirklich zählen, der wird erwachsen, ohne je erfahren zu haben, was Glück ist.“ (S. 54)

Auch Satsuki, die Protagonistin in „Moonlight Shadow“, ist wie betäubt von einem Todesfall: Ihr Freund ist vor kurzem bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie lenkt sich ab, indem sie schon frühmorgens zum Joggen geht. Vor Kummer nimmt sie immer weiter ab. Durch einen Zufall – oder durch Schicksal – lernt sie Urara kennen, die sie bittet, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt am Fluss von Satsukis Heimatort einzufinden. Hier soll alle hundert Jahre ein einzigartiges Ereignis stattfinden, das Satsuki hoffentlich die ersehnte Linderung verspricht.

Der Autorin gelingt es durchaus, mit „Kitchen“ einen schönen, manchmal auch phantastischen Ausblick in düsteren Momenten zu geben. „Kitchen“ geht zu Herzen, auch wenn Banana Yoshimoto durch die Blumigkeit der Sprache bekanntermaßen hart an der Grenze zum Kitsch steht.

Samstag, 16. Juli 2011

„Federkleid“ von Banana Yoshimoto

Nachdem ihr Geliebter sich von Hotaru trennt und bei seiner Ehefrau bleibt, steht sie vor einem Scherbenhaufen. Jahrelang hat sie sich über den Status der Geliebten definiert, hat auf die Zeit, die sie mit ihrem Liebhaber verbringen konnte, hingeharrt. Doch plötzlich steht sie ohne alles da, wohnt in dem ehemaligen Liebesnest, in dem sie permanent nur an den Verlust des Geliebten erinnert wird.

Da packt Hotaru ihre sieben Sachen und kehrt in ihren Heimatort zurück, dessen Rhythmus sich an den Fluss anpasst, der das Städtchen durchzieht. Im Schuppen im Garten ihrer Großmutter haust sie und arbeitet in deren Café mit. Sie trifft ihr einstmals wichtige Personen wieder und beginnt, sich wieder wohl in ihrer Haut zu fühlen. Mehr noch: Sie fühlt sich wie in ein wärmendes Federkleid gehüllt.

„Federkleid“ von Banana Yoshimoto zeichnet eindrücklich das Bild einer verlassenen Geliebten, die wie aus heiterem Himmel vor dem Nichts steht, und ihrem mühseligen Weg zurück in die Normalität. Doch „Federkleid“ ist alles andere als trübsinnig: Über Hotarus Heimatort schwebt das Gefühl von Hoffnung, dass alle Menschen ihren Weg zum Glück finden werden. Der Verlust eines geliebten Menschen – egal ob er durch Trennung oder Tod entstanden ist – kann überwunden werden. Denn es gibt genug Menschen, die den Trauernden weiterhelfen. Und da sind auch noch die guten Geister der Verstorbenen, die ihren Beitrag leisten. Die kleinen Ausflüge ins Fantastische unterstreichen die märchenhafte Atmosphäre, die sich in „Federkleid“ ausbreitet.

Sonntag, 26. Juni 2011

„Das Bad“ von Yoko Tawada

„Das Bad“ von Yoko Tawada beginnt recht harmlos. Die Protagonistin, eine Japanerin im Ausland, steht im Bad und bemerkt, dass sich ihre Haut schuppt. Da kommt ihr ein Märchen in den Sinn, in dem eine Frau sich zum Schuppentier verwandelt, nachdem sie einen Fisch gegessen hat, ohne ihn mit den am Hungertuch nagenden Nachbarn im Dorf zu teilen. Auch die Protagonistin wandelt sich im Laufe der Erzählung in eine Schuppenfrau. Doch nicht nur das: Der Geist einer Toten stiehlt ihr die Zunge und sie ist zum Schweigen verdammt. Schließlich kommen sogar noch zwei Geisterstewardessen ins Spiel…

Alles in allem ist „Das Bad“ eine psychedelische Erzählung wie ein halluzinogener Trip, der zum Ende hin immer abgedrehter wird. Daraus kann man nur bedingt schlau werden: Die Protagonistin fühlt sich unsichtbar in der Fremde, muss sich erst schminken, um gesehen und wahrgenommen zu werden. Doch es ist ein stereotypisches Gesicht, das dem westlichen Bild einer Japanerin entspricht, mit dem ihre Mutter sie fast nicht mehr erkennt. So wird „Das Bad“ auch zu einer Erzählung über Fremdheit und Verlust der eigenen Wurzeln. Ein bisschen vermisst man jedoch die Qualität der wunderbaren Sprachspiele, die Yoko Tawada in anderen Büchern vollführt.

Dafür ist „Das Bad“ aber optisch sehr gelungen: Jede der knapp 60 Seiten wird von einem schemenhaften Frauenakt geziert, der an unsere Protagonistin im Bad erinnert.

Samstag, 25. Juni 2011

„Hard-boiled, Hard Luck“ von Banana Yoshimoto

„Hard-boiled, Hard Luck“ von Banana Yoshimoto enthält zwei Erzählungen, die jeweils den Tod eines geliebten Menschen, Verlust und Verlassen zum Thema haben.

In „Hard-boiled“ spürt die Protagonistin ihrer Vergangenheit mit ihrer lesbischen Ex-Geliebten Chizuru nach. Ob es daran liegt, dass es der einjährige Todestag von Chizuru ist, dass es ein so verwunschener Tag ist? Ein Brand wird in einem Imbissladen ausgelöst, nachdem die Protagonistin dort gespeist hat; Geister beginnen zu spuken und böse Träume lassen die Ich-Erzählerin nicht schlafen. Und dennoch bleibt eine versöhnliche Grundstimmung: Chizuru rät ihrer Ex-Freundin, „hard-boiled“ zu sein, sich von den Schlägen des Schicksals nicht unterkriegen zu lassen.

„Hard Luck“ im Herbst: Die Schwester der Protagonistin liegt im Sterben. Kurz vor ihrer geplanten Hochzeit hat sie einen Hirnschlag erlitten. Langsam setzen alle Hirnfunktionen aus und die Familie bereitet sich auf den Tod der Angehörigen vor. Doch durch die vielen Krankenhausbesuche bei der Sterbenden lernt die Protagonistin den Bruder des Verlobten der Schwester kennen und verliebt sich. Sie plant ein Auslandssemester, weswegen die junge Liebe erst noch diese Hürde nehmen muss. Ein hartes Los in doppeltem Sinne, aber doch mit der Aussicht auf Glück.

„Hard-boiled, Hard Luck“ enthält wohl die traurigsten Erzählungen von Banana Yoshimoto. Trotzdem versinken die Protagonisten nicht in ihrem Leid, sondern setzen sich damit auseinander und finden neue Perspektiven. Wie immer erzählt die Autorin in ihrem nahezu schwerelosen Stil, der den Leser verzaubert und Hoffnung gibt:

„Der Tod ist nicht traurig. Grausam ist nur, wenn einen die Wehmut überkommt, dass man keine Luft mehr kriegt.“ (S. 109)

Montag, 20. Juni 2011

„Die Dichterin und die Masken“/“Frauen, Masken“ von Fumiko Enchi

„Die Dichterin und die Masken“ (auch erschienen als „Frauen, Masken“) von Fumiko Enchi ist die drei Teile „Ryo No Onna“, „Masugami“ und „Fukai“ aufgeteilt. Diese japanischen Namen stehen für Masken der weiblichen Figuren des No-Theaters (das No-Theater wird traditionell von Männern gespielt, die Darsteller tragen meist Masken).

Die „Ryo No Onna“-Maske steht für den rachsüchtigen Geist einer älteren Frau, die noch nach dem Tod von ihrer unglücklichen Liebe geplagt wird. Die rachsüchtige Frau in „Die Dichterin und die Masken“ ist Mieko: Mieko war lange Zeit unglücklich verheiratet und unglücklich verliebt. Zwischenzeitlich hat die Witwe ihren Sohn Akio bei einem Lawinenunglück verloren und bildet eine enge Allianz mit ihrer Schwiegertochter Yasuko. Die Wissenschaftler Ibuki und Mikame verlieben sich beide in Yasuko und werden in die Pläne der starken Mieko und ihrer ergebenen Schwiegertochter hineingezogen. Besitzt Mieko eine uralte weibliche Stärke, die auf schamanistischem Wissen beruht und sie befähigt, Menschen zu manipulieren?

„Masugami“ ist die Maske einer jungen, wahnsinnigen Frau – diese Person wird in „Die Dichterin und die Masken“ von Harume verkörpert. Harume ist die Zwillingsschwester von Miekos totem Sohn Akio. Schon in der Gebärmutter erlitt Harume einen Hirnschaden, da Akio ihr den Platz raubte. Harume wird zum Instrument von Miekos Plänen mit Ibuki.

In „Fukai“ (der Maske einer bekümmerten, resignierten älteren Frau) wird die Geschichte rund um weibliche Rache und Macht schließlich aufgelöst.

„Die Dichterin und die Masken“ gewinnt erst auf den zweiten Blick einen besonderen Reiz. Denn die Details rund um das No-Theater und Miekos Deutungsversuche des japanischen Klassikers „Die Geschichte des Prinzen Genji“ sind für Japan-Unkundige etwas ermüdend. Doch sowohl die Masken des No-Theaters als auch Miekos Artikel über die Frauen in Prinz Genjis Leben sind ein Spiegelbild der Psyche der verschlossenen Mieko.

Fumiko Enchi schildert die Unterdrückung der Frau, die kein Anrecht auf Unabhängigkeit hat. Doch irgendwo im Verborgenen lauert die weibliche Stärke, die im Hintergrund doch die Fäden zieht…

Hier geht es zu einem tollen Artikel von Wayne Pounds, der intensiv auf die geheimen, übernatürlichen Energien von Mieko eingeht. Aber Achtung: Der Text ist ein ziemlicher Spoiler für die, die das Buch noch lesen möchten.

Sonntag, 12. Juni 2011

„Dornröschenschlaf“ von Banana Yoshimoto

„Dornröschenschlaf“ von Banana Yoshimoto enthält die drei Erzählungen „Dornröschenschlaf“, „Wanderer der Nacht“ und „Eine geheimnisvolle Erfahrung“, deren Protagonisten sich alle in einer Phase der Stagnation befinden. Die Nacht spielt dabei jeweils eine gewisse Rolle in der weiteren Entwicklung.

„Dornröschenschlaf“ enthält den Schlaf von gleich drei Dornröschen: Die Protagonistin Terrako ist der Schlafsucht verfallen – 12 Stunden oder mehr verschläft sie pro Tag und kann sich auch ansonsten kaum wach halten. Sie arbeitet nicht und kommt primär dann aus dem Haus, wenn sie sich mit ihrem Freund trifft, der mit einer anderen Frau verheiratet ist. Diese Frau ist das zweite Dornröschen: Nach einem Unfall liegt sie bereits monatelang im Koma. Eine Aussicht auf Besserung besteht nicht. Das dritte Dornröschchen ist Terrakos Freundin Shiori, die dem kuriosen Beruf des „Bei-Schlafs“ nachgegangen ist: Dem keuschen nebeneinander Schlafens mit Kunden, die sich einsam fühlten und menschliche Nähe suchten. Shiori beging Selbstmord, da sie im Halbschlaf die Sorgen und Ängste ihrer Kunden in sich aufgenommen hatte. Terrakos Leben ist ins Stocken geraten: Ihr Freund wagt es nicht, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, sie hat ihre beste Freundin Shiori verloren und möchte nur noch schlafen. Eine wundersame Begegnung bringt vielleicht den Wendepunkt.

Der „Wanderer der Nacht“ ist Marie, die Cousine der Ich-Erzählerin Shibami. Marie war mit Shibamis Bruder Yoshihiro zusammen, doch Yoshihiros plötzlicher Unfalltod riss nicht nur das Paar brutal auseinander, sondern stürzte die Familie und Yoshihiros Ex-Freundin Sarah mit ins Unglück. Ein Jahr ist seit dem Tod vergangen und langsam regenerieren sich Marie und Shibami von dem Schock. Insbesondere da die US-Amerikanerin Sarah sich eventuell wieder in Japan befindet.

„Eine geheimnisvolle Erfahrung“ hat Fumi: Jeden Abend betrinkt sie sich und hört dann beim Einschlafen eine liebliche Melodie. Ihr ist, als ob sie von jemandem gerufen würde. Kann es sein, dass es Haru ist, mit der sie gleichzeitig eine Freund- und Feindschaft verbunden hatte, als sie beide den gleichen Mann umgarnten?

„Dornröschchenschlaf“ besticht durch seine blumige Sprache und übersinnliche Phänomene aus der japanischen Geisterwelt. Leider rutscht der Stil in der ersten Erzählung etwas zu sehr in Richtung Jugendsprache. Doch schließlich und endlich ist „Dornröschenschlaf“ ein herzerwärmendes, typisches Banana Yoshimoto-Buch, von deren Sorte es eigentlich gar nicht genug geben kann.