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Mittwoch, 24. September 2014

„Japan erzählt“ herausgegeben von Margarete Donath

Einen schönen Überblick über die japanische Literatur bietet der Band „Japan erzählt“, der von Margarete Donath herausgegeben wurde – insbesondere durch das Nachwort der Herausgeberin, das erklärt, warum welche Autoren ausgewählt wurden.

Ryunosuke Akutagawas „Der Faden der Spinne“ macht den Anfang in „Japan erzählt“. Der Autor stellt ein Bindeglied zu vielen anderen in dem Band vertreten Schriftstellern her, haben diese doch schließlich den Akutagawa-Literaturpreis erhalten oder wurden dafür nominiert. Ryunosuke Akutagawas Erzählung entführt in die buddhistische Hölle. Hier quält sich der Räuber Kandata im Blutteich. Buddha im Paradies erinnert sich an eine gute Tat des Räubers und schickt ihm den sprichwörtlichen seidenen Faden. Ist dies die Rettung Kandatas oder wird der Räuber die gebotene Chance nicht nutzen?

Junichiro Tanizaki ist mit seiner ersten Erzählung „Tätowierung“ vertreten, die dem Autor zu großer Bekanntheit verholfen hatte und die schließlich auch verfilmt wurde. Sadomasochismus und eine Femme fatale sind die Themen des Debütwerks: Der Tätowiermeister Seikichi pflegt seine Kundschaft mit seiner Nadel besonders gern zu quälen und ergötzt sich an dem Leid der Gepeinigten. Sein großer Wunsch ist es, die perfekte Frau mit einer Tätowierung zu schmücken. Durch Zufall soll diese in seine Wohnung gelangen. Es zeigt sich, dass die jugendliche Maid selbst für sadistische Anwandlungen zu haben ist. Seikichis Tätowierung lässt ihr ihre wahre Bestimmung bewusst werden.

Naoya Shiga stellt in „Die Verbrechen des Han“ die Frage nach Schuld und Unschuld: Der Zirkusartist Han hat vor versammeltem Publikum seine Ehefrau und Show-Partnerin beim Messerwerfen getötet. War es ein tragischer Unfall oder hat Han absichtlich auf den Körper seiner Frau gezielt? Schließlich lagen Han und seine Gemahlin schon lange im Streit. Doch selbst Han ist sich über seine bewussten und unbewussten Handlungen nicht im Klaren.

Yasushi Inoues „Ein Brief aus der Wüste“ ist an einen längst verstorbenen Freund des Ich-Erzählers gerichtet. Der Ich-Erzähler befindet sich fernab der Zivilisation in der Wüste Takla Makan. Als ihm ein Soldat anbietet, die Post nach Japan mitzunehmen, damit sie schneller ihr Ziel erreicht, kommt er ins Grübeln: Wem soll er denn bitte bloß einen Brief schreiben? Da kommt ihm sein verstorbener Jugendfreund ins Gedächtnis, der in ihm einst mit dem Gedicht

„Hart
klirren die Kieselsteine.
Es ist Herbst.“ (S. 38)

das Interesse an der Literatur geweckt hatte.

Mit „Der Bergasket“ nimmt Kenji Nakagami den Leser mit auf eine surrealistische Pilgerreise. Der Protagonist erlegt sich die Bergwanderung als Buße auf – hat er doch oftmals seine Frau geprügelt, die sich am liebsten von ihm trennen würde. Wie in einem Fieberwahn wird er Zeuge von metaphysischen Erfahrungen, die ihm hoffentlich zur Besserung verhelfen.

Tagelang fällt schon „Regen“ in Shotaro Yasuokas Erzählung. Der Ich-Erzähler hat das Wetter, das ihm in Mark und Bein kriecht, langsam satt. Das Geld ist fast zu Ende und so kauft er sich ein Hackebeil, um einen Einbruch zu begehen. Doch was er auch anstellt, um ein Verbrechen zu begehen – so richtig mag es nicht gelingen.

Yukio Mishima erzählt in „Rosinenbrot“ von dem Nihilisten Jack, der sich auf eine Party von Gleichgesinnten begibt, die sich an einem abgeschiedenen Strand tummeln. Es geht gar ekstatisch zu: Kongas werden geschlagen, archaische Tänze werden vollführt und ein lebendes Huhn wird der Tollheit geopfert. Zwar sind sich die versammelten Herrschaften einig, dass „die Welt ohne Sinn und alle Menschen minderwertig seien“ (S. 76), dennoch wird Jack als ein „durchsichtiger Kristall“ (S. 70) beschrieben und sieht die „Heiligung im Schmerz“ (S. 79). Soviel zu Minderwertigkeit und genereller Sinnlosigkeit – und Kohärenz in der Erzählung. Der zweite Teil der Erzählung findet in Jacks Wohnung statt: Jack liest Lautréamonts „Die Gesänge des Maldoror“, macht sich dann aber auf die ganz profane Suche nach Essbaren in seinem leeren Kühlschrank. Es findet sich ein Stück von Ameisen befallenem Rosinenbrot, das er noch kaut, als sein Kumpel Gogi in Jacks Bude aufkreuzt, um sich mit seiner neuen Freundin ein Stelldichein zu geben.

Die „Erdbeeren“, die der Mann der Autovertreterin Mieko Mizawa als Snack reichen mag, führen zu einer ungewöhnlichen und intimen Unterhaltung: Mieko muss die Erdbeeren ablehnen, denn die kleinen Kernchen würden unangenehm unter ihr Gebiss rutschen. Sie kommt in Erklärungsnot, als der Mann nachfragt, warum eine so junge Frau bereits keine Zähne mehr im Unterkiefer hat. Da erzählt sie von ihrem Ehemann und einer Freundin, beides Gebissträger, und dem Wunsch, den beiden nachzueifern. Junnosuke Yoshiyukis Erzählung ist geprägt von einer subtilen Erotik von Geheimnissen, Erdbeeren und roten Lippen.

Fumiko Enchi beschreibt in „Ahorn im Winter“ eine Frau im Herbst ihrer Jahre. Yoko ist ihr Name und als TV-Schauspielerin probt sie gerade ihre Rolle als alternde Frau, deren Tochter mit einem älteren Mann liiert ist. Das Bild eines Liebespaares mit großem Altersunterschied zieht sich als großes Thema durch die Erzählung. Während die Konstellation älterer Mann und jüngere Frau gesellschaftsfähig ist, ist die umgekehrte Variante verpönt bis unmöglich. Fumiko Enchi lässt dieses Beziehungsparadox unkommentiert stehen, weswegen die Erzählung erst im Nachklang zu sacken beginnt.

Die Autorin Ineko Sata, die der proletarischen Literaturbewegung angehörte, thematisiert in „Ihr eigenes Herz“ das Phänomen des O-miais: Fumiko soll verheiratet werden, hat aber wenig Lust auf eine arrangierte Hochzeit. Sie ist zwar eine gehorsame Tochter und geht auch brav auf die Treffen mit den Ehekandidaten, ihr ist jedoch das Gefühl zuwider, wie eine Ware taxiert zu werden. Ihre jüngere Schwester hat dagegen eine Liebesheirat durchgesetzt und damit gegen die Konventionen vor der älteren Schwester geheiratet. Auch ist ihr Umgang mit dem Ehemann weit weniger als üblich von patriarchalischen Werten gekennzeichnet.

Sawako Ariyoshi entführt den Leser in die kleine Bar „Laternchen“, die sich in einer Seitenstraße der Ginza befindet. Hier geht es relativ gemütlich zu: Die Räumlichkeiten sind so klein, dass die Bar mit nur wenigen Besuchern voll wirkt und die Mama gibt den Männern gleich das Gefühl, Stammgäste zu sein. Das Erfolgsrezept des „Laternchen“ lautet:

„In einer Bar, wo die Besitzerin kein guter Mensch ist, finden sich auch keine Gäste ein, denn Trinker sind unbestechlich.“ (S. 143)

Zwei Mädchen unterstützen die Mama, doch aus tragischen Gründen ist eine der Barmädchenstellen gerade vakant. Aus Gutmütigkeit nimmt die Mama die hypersensible Shizu bei sich auf. Ob ihr der Job im Laternchen gut tut?

Minako Oba lässt ihre Ich-Erzählerin in „Blauer Fuchs“ recht unkonventionell aus dem klassischen Rollenmuster fallen: Die konfuzianische Pietät gegenüber ihrem Vater ist ihr recht schnurz. Sie lebt mit ihrem Partner zusammen, den sie Grille nennt, geht aber mit dem blauen Fuchs eine Affäre ein, der ihr vor Jahren einen Heiratsantrag gemacht hat.

Mieko Kanais Erzählung „Platonische Liebe“, die dem gleichnamigen Erzählband entnommen ist, der 1979 mit dem Izumi-Kyoka-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, greift ein typisches Thema der Schriftstellerin auf: Das Selbstverständnis der Ich-Erzählerin, die Autorin ist, wird durch eine unbekannte Frau bedroht, die sich brieflich nach jeder Veröffentlichung der Protagonistin meldet und behauptet, die eigentliche Verfasserin der schriftstellerischen Werke zu sein. Die Ich-Erzählerin beginnt bald selbst an sich zu zweifeln. Ist sie wirklich eine Autorin oder nur eine Plagiatorin?

Auch das Sujet von Yuko Tsushimas „Heimlicher Handel“ ist ein recht typisches: Eine alleinerziehende Mutter sinniert über die Funktion von Tieren für Kinder, die ohne Vater aufwachsen. Sind sie vielleicht sogar ein Vaterersatz?

Taeko Konos „Der Eisenfisch“ erzählt die traurige Geschichte einer Kriegswitwe. Kaum verheiratet wurde ihr Ehemann eingezogen – er sollte als maritimer Kamikaze in einem bemannten Torpedo sterben. Erst Jahrzehnte später stellt sich die Witwe der Vergangenheit, als sie zum Yasukuni-Schrein aufbricht, in dem ihr Mann angeblich als Gott verehrt wird. Es werden alte Wunden aufbrechen, als sie einen der tödlichen „Eisenfische“ in Realität sehen wird.

In Masuji Ibuses „Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ reflektiert Okuyama seine Erinnerungen an den Pazifik-Krieg. In seiner Funktion in einer Transporteinheit traf er auf Oberst Nishi, der kurze Zeit später sterben sollte. Über das Lied „Alte Kameraden“ hat Okuyama damals in bitterer Notlage gesprochen – in der Jetzt-Zeit wird dieses Lied für unlautere Zwecke missbraucht.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Stolz der Toten“ ein Stimmungsbild der Studenten der ausgehenden 50er Jahre: Es ist ein Leben der Hoffnungslosigkeit; die Studenten funktionieren einfach. Ein erneuter Krieg wird vielleicht alles endgültig in den Abgrund reißen. Als Metapher für die Sinnlosigkeit lässt Kenzaburo Oe seinen studentischen Protagonisten eine recht grauslige Aushilfstätigkeit verrichten: Er soll helfen, konservierte Leichen von einem Aufbewahrungsbecken in ein anderes umzulagern. Doch wie es sich zeigen soll, wird diese Mühe völlig umsonst sein.

„Japan erzählt“ aus den 90ern enthält drei für diesen Band neu übersetzte Erzählungen; vier wurden aus dem gleichnamigen Buch aus den 60ern entnommen. Die restlichen zehn Erzählungen stammen aus anderen Anthologien. Daher trifft man in „Japan erzählt“ auf viele bereits bekannte Werke, wenn man sich schon etwas mit japanischer Literatur auseinandergesetzt hat. Dennoch ist die Mischung sehr gelungen, auch wenn man die eine oder andere Erzählung in diversen anderen Anthologien ebenfalls findet und gegebenenfalls schon dort gelesen hat.

Bibliographische Angaben:
Donath, Margarete (Hrsg.): „Japan erzählt“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Berndt, Jürgen/Brasch, Heinz/Donath, Diana/Donath, Margarete/Gössmann, Hilaria/Hijiya-Kirschnereit, Irmela/Gelbrich, Ekkehard/Gelbrich, Itsuko/Schaarschmidt, Siegfried & Yoshida-Krafft, Barbara), Fischer, Frankfurt/Main 1991, ISBN 3-596-10162-X

Donnerstag, 24. April 2014

„Das große Japan Lesebuch“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt

Siegfried Schaarschmidts „Das große Japan Lesebuch“ kann man jedem Einsteiger in die japanische Literatur mit bestem Gewissen empfehlen. Der Band aus den 90ern enthält freilich keine Werke von Autoren wie Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto. Dafür werden aber einzelne Erzählungen von den Literaturnobelpreisträgern Kenzaburo Oe und Yasunari Kawabata vorgestellt. Darüber hinaus dürfen natürlich Größen wie Ryunosuke Akutagawa, Junichirio Tanizaki, Yasushi Inoue, Kobo Abe, Osamu Dazai und Yukio Mishima nicht fehlen.

„Das große Japan Lesebuch“ startet mit Junichiro Tanizakis vielleicht bekanntester Erzählung, nämlich mit „Die Tätowierung“:  Im mittelalterlichen Japan machen Tätowierer als Künstler von sich reden. Ein besonders exzentrischer ist Seikichi. Sadistisch verlangt erfreut er sich an den Schmerzen, mit denen er beim Tätowieren seine Kunden quält. Seikichi ist ein Getriebener: Er ist auf der Suche nach dem perfekten Frauenkörper, den er mit seinen Tätowierungen zieren möchte. Eines Tages erblickt er diese wunderbare Frau, verliert sie jedoch wieder aus den Augen. Ob er dennoch an sein Ziel gelangt?

„Der Chrysanthemenball“ ist die Festivität, die die Protagonistin von Ryunosuke Akutagawas Erzählung besucht. Akiko besucht in Begleitung ihres Vaters zum ersten Mal einen Ball im europäischen Stil. Die Schönheit blendet die Besucher und fasziniert insbesondere einen französischen Militär der besonderen Art.

Naoya Shigas „Kuniko“ war der Auslöser für Shigas Ehefrau, nie wieder eines der Werke ihres Mannes zu lesen. Denn nachdem Naoya Shiga fremd gegangen war, verarbeitete er diese Erfahrung in der Erzählung „Kuniko“. Die Figur der Kuniko ist die Ehefrau eines untreuen Ehemanns. Sie begeht – ganz im Gegensatz zu Naoya Shigas Ehefrau – Selbstmord, da sie mit der Situation nicht zurecht kommt. Der Ich-Erzähler beschreibt Kunikos Weg in den Tod aus Sicht des treulosen Gatten.

Auch Ineko Sata legte ihre eigenen Erfahrungen in die Erzählung „Aus der Bonbonfabrik“: Die Autorin, die selbst schon früh in einer Bonbonfabrik arbeiten musste, zeigt anhand des Schicksals der Schülerin und alsbald Arbeiterin Hiroko die ausbeuterischen Züge der Kinderarbeit auf.

„Der Salamander“ ist der Protagonist in Masuji Ibuses Werk aus dem Jahr 1923: Wie mag vor diesem zeitlichen Hintergrund ein faschistisch anmutender Salamander zu deuten sein, der durch seinen plötzlichen Körperwuchs nicht mehr aus einer Höhle herauskommt und einen Frosch als seinen zwangsrekrutierten Gesellschafter dort mit einsperrt?

„Von Vögeln und Tieren“ erzählt Yasunari Kawabatas Protagonist. Die 1933 publizierte Erzählung enthält sich jeglicher politischer Botschaft. Stattdessen wird das Leben eines alleinstehenden Mannes geschildert, der zu Tieren einen bessern Zugang hat als zu den ihn umgebenden Menschen.

„Von Frauen“ wird dagegen in Osamu Dazais Erzählung gesprochen. 1936 sitzt der Ich-Erzähler am Tage einer Offiziersrevolte zusammen. In Unkenntnis des versuchten Umsturzes ergehen sich die beiden in Phantasien um Frauengestalten. Doch was wird hier imaginiert und was entstammt dem eigenen Erfahrungsschatz?

„Geliebtes Gesicht“ von Kafu Nagai entführt in das Tokio der 30er Jahre. Da ist ein Taxifahrer, der in einer heißen Sommernacht von der Liebe seines Lebens berichtet. Und von einer Revue-Tänzerin, die der verstorbenen Ehefrau fast bis aufs Haar gleicht.

Ein besonders bekanntes Werk von Ango Sakaguchi ist mit „Unter der vollen Blüte im Kirschbaumwald“ in „Das große Japan Lesebuch“ enthalten. In der Groteske aus dem Jahr 1947 werden Machtverhältnisse umgedreht: Ein Bergbandit entführt eine bildhübsche Frau, nachdem er ihren Begleiter kaltblütig ermordet hat. Doch die Dame weiß ihn, der ihr hemmungslos verfallen ist, perfekt zu manipulieren. Der Bandit tanzt bald nach ihrer Pfeife. Freilich wird es der Schönen in den Bergen bald zu fade – in die Hauptstadt soll er mit ihr ziehen. Dort wird er als Tölpel verspottet, doch des Nächtens zieht er aus, um auf Befehl seiner Gebieterin, Menschen zu enthaupten und ihr die Köpfe darzubringen. Nichts findet die Dame erquickender, als mit den verwesenden Schädeln zu spielen und allerlei Rollenspielchen aufzuführen. Doch der Bandit hält es alsbald nicht mehr in der Stadt aus; es zieht in zurück in die Berge. Ausgerechnet das Symbol des Japanischsten schlechthin, nämlich die Kirschblüte, soll zum Verhängnis werden.

Zwei kurze Erzählungen von Kobo Abe hat Siegfried Schaarschmidt mit „Der rote Kokon“ und „Hochwasser“ in den Band aufgenommen. In „Der rote Kokon“ wird Heimatlosigkeit und Verlorensein thematisiert. Die Erzählung nimmt eine kafkaeske Wendung. Dagegen wirkt „Hochwasser“ eher wie ein Science Fiction: Vornehmlich Arbeiter verwandeln sich in Wasser – droht eine Sintflut?

Shotaro Yasuokas „Das Kaninchensyndrom“ ist in den Nachkriegsjahren angesiedelt. Der Ich-Erzähler kuriert sich im Haus seiner Eltern aus. Der Vater, ein ehemaliger Militär, ist nun arbeitslos und ist auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Da setzt ihm jemand den Floh ins Ohr, er solle sich doch Kaninchen halten – die Angorawolle würde sich bestens verkaufen lassen. Und so nehmen die Kaninchen bald das Wohnhaus in Beschlag – und auch die Bewohner gleichen den Kaninchen immer mehr.

Morio Kitas kindliche Protagonistin betrachtet „Geflügelte Ameisen am Hang“. Das Mädchen hat ihre Mutter begleitet; zusammen sitzen sie mit einem ihr fremden Mann in einem ihr fremden Garten. Schritt für Schritt entspannt sich für den Leser in Dialogen zwischen der Mutter und dem Mann das Beziehungsgeflecht zwischen den Personen.

Mit „Der Fang“ von Kenzaburo Oe ist im vorliegenden Erzählband ein weiteres sehr bekanntes Werk der japanischen Literatur enthalten: Amerikanische Flugzeuge beginnen während des zweiten Weltkriegs in den japanischen Luftraum einzudringen. Als eines davon in der Nähe eines Dorfes abstürzt, kann ein afroamerikanischer Soldat lebend gefangen werden. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Jungen erzählt, für den „Der Fang“ eine Sensation darstellt. Der Soldat wird erst einmal provisorisch im Keller des Speichers eingesperrt, in dem der Junge mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder haust. Bald soll er ihm sogar mit schlotternden Knien das Essen bringen. Noch haben alle Dorfbewohner Angst vor dem Soldaten, doch nach kurzer Zeit wird er eher wie ein Haustier empfunden. Wenn die Behörden ihn doch nur nicht in die Finger bekommen wollten… In Kenzaburo Oes wird nicht nur die Geschichte einer Annäherung während eines drückenden Sommers erzählt, sondern auch die Entwicklung eines Kindes hin zum Erwachsenen dargestellt.

Auf „Die Brückenprobe“ begeben sich einige Damen in Yukio Mishimas Erzählung. Denn bei Vollmond gilt es, sieben Brücken schweigend zu überqueren, damit ein besonderer Wunsch in Erfüllung geht. Zwei Geishas, eine Wirtstochter und deren Dienstmagd stellen sich der Herausforderung, die sich als nicht allzu einfach gestaltet. Dabei mag der Leser mehr von den „geheimen“ Wünschen der Frauen erfahren.

Harumi Setouchi erzählt in „Einmal hat Makiko gestohlen“ von einer jungen Frau, die ihren Ehemann und ihr Kind wegen einer Affäre aufgibt. Damit nimmt sie ein Thema auf, das stark autobiografisch geprägt ist. Makiko selbst scheint recht unbedarft und nimmt die Dinge wie sie kommen. Ihr Mann setzt sie ohne Hab und Gut vor die Tür; ihr neuer Geliebter will alsbald nichts mehr von ihr wissen. So schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch. Wenn nicht ein Bekannter ihr den Floh ins Ohr setzen würde, sie solle sich doch zumindest ihre Lebensmittelkarte und ihre Kleidung zurückholen.

„Das Duell“ von Takeshi Kaiko handelt von einem Tagesausflug eines älteren und eines jüngeren Mannes. Sie wollen dem Kampf eines Mungos gegen eine Habu-Schlange beiwohnen. Dabei werden parallelen zum Schwertkampf des Ganryu gezogen.

Kenji Nakagami schickt seinen Protagonisten in „Der Bergasket“ ins Gebirge. Er ist ein eher grobschlächtiger Kerl mit cholerischen Anwandlungen. Um seine Ehe zu retten, begibt er sich wie ein Pilger ist Gebirge und macht dort metaphysische Erfahrungen, die wie ein Fieberwahn wirken. Erlebt er hier eine Katharsis?

In Makoto Odas „Der Kommandeur“ erinnert sich der Ich-Erzähler, dass er als Kind einmal eine scharfe, vorwurfsvolle Stimme gehört haben mag, die seinem Vater Fehlverhalten im Krieg vorgeworfen hat. Auf der Beerdigung seines Vaters macht er die Entdeckung, dass dies die Stimme von Namba war, der als „General des Teufels“ bezeichnet wurde. So sehr Namba während des Kriegs für militärischen Drill sorgte, so sehr versagt er aber bei der Erziehung seines Sohnes, der in Opposition zur Gesellschaft geht.

Mitsuharu Inoue begleitet in „Die Nacht davor“ eine werdende Mutter durch eine Geburt – einen Tag vor dem Atombombenabwurf über Nagasaki. Während der Leser bereits das Unheil ahnt, was über die Menschen von Nagasaki bald hereinbrechen wird, sind diese noch ganz im Alltag verhaftet. Obwohl in „Die Nacht davor“ nicht sonderlich viel geschieht, wirkt die Erzählung wie ein Schauer – denn die handelnden Charaktere werden nicht mehr allzu lange zu leben haben, bis eine atomare Katastrophe sie verschlingt.

„Ein Brief aus der Wüste“ wird von Yasushi Inoues Protagonisten geschrieben. Er hat sich auf eine Reise durch die Wüste Takla Makan begeben. Als ein Soldat ihm anbietet, seine Briefe mitzunehmen, geht er in sich und fragt sich, wem er bloß einen Brief schreiben solle. Da fällt ihm nur sein verstorbener Jugendfreund ein. Er beginnt mit dem Schreiben eines Briefs an einen Verstorbenen und reflektiert dabei den Einfluss, den dieser auf ihn hatte.

Einige der Erzählungen in „Das große Japan Lesebuch“ finden sich auf in Siegfried Schaarschmidts Band „Ein Brief aus der Wüste“, der im Ostasien-Verlag herauskam. „Das große Japan Lesebuch“ bietet jedoch mehr Erzählungen und damit einen weit besseren Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur.

Bibliographische Angaben:
Schaarschmidt, Siegfried (Hrsg.): „Das große Japan Lesebuch“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Iwabuchi, Tatsuji/Schaarschmidt, Siegfried/Schmidt, Elisabeth), Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-09886-6

Samstag, 10. August 2013

„Japanische Meister der Erzählung“ herausgegeben von Kakuji Watanabe

Elf Erzählungen von neun Autoren sind in „Japanische Meister der Erzählung“ versammelt. Mein unangefochtenes, persönliches Highlight des Bandes ist die Übersetzung von Ryunosuke Akutagawas „Kappa“. In der Erzählung wird die Geschichte des Kranken Nr. 23 aufgezeichnet, der steif und fest behauptet, im Land der Kappas, der Wasserkobolde gewesen zu sein. Inspiriert von „Gullivers Reisen“ spinnt Ryunosuke Akutagawa eine satirische Story, die die japanische Gesellschaft karikiert und die Akutagawa politisches Engagement attestiert. In „Kappa“ gelangt ein Wanderer und Ich-Erzähler unversehens ins Land der Kappas. Der Mensch wird freundlich aufgenommen und erlernt die quakende Sprache der Kobolde. Im Alltag im Kappaland fallen dem beobachtenden Erzähler allerhand Ungereimtheiten auf, auf die die Kappas allerdings meist ein äquivalentes Problem in Japan zur Hand haben. So zum Beispiel wird im Kappaland um „Vererbungswillige“ gebuhlt: Kappas, heiratet Proletarier, um ein bestmögliche Vermischung der Gene zu erzielen! In Japan wiederum wird der Genpool durch die Liebesaffären zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Milieus durchmixt. Im Kappaland werden primär Konzerte von der Polizei gestürmt und verboten – denn wer kein Ohr für Musik hat, kann leicht Unsittlichkeit in sie hineininterpretieren. In Japan ist in den 20ern ebenfalls die Zensur ein beliebtes Mittel, Künstler zum Schweigen zu bringen. Werden Arbeiter im Kappaland aus Rationalisierungsprozessen ausgesperrt, greift das Gesetz der Arbeiterschlachtung. Giftgas erspart ihnen das Schicksal, zu verhungern oder sich aus der Not selbst zu töten. In Japan dagegen werden junge Mädchen wie Sklavinnen in die Prostitution verkauft, wenn es die materiellen Umstände der Familie erfordern. Wie in Japan, so herrscht auch in Kappaland das Kapital: Die Großindustriellen steuern sowohl die Politik als auch die Medien. Oh, pardon… korrekterweise sind es im Kappaland die Frauen der Großindustriellen und Mächtigen, die das Land kontrollieren. Eine hervorragende Analyse von „Kappa“ findet sich auch auf dem Blog „Behold My Swarthy Face“,  der insbesondere auch auf Ryunosuke Akutagawas Verhältnis zur proletarischen Literaturbewegung eingeht.

Vom selben Autor stammen die Werke „Raschomon“ und „Zauberkünste“, die ebenfalls in „Japanische Meister der Erzählung“ enthalten sind: Ein entlassener Knecht steht unschlüssig am Kiotoer Tor Raschomon und weiß sich nicht zu helfen. Über Kioto ist in den letzten Jahren eine Katastrophe nach der nächsten hereingebrochen; die Stadt gleicht einer Wildnis. Was bleibt dem mittel- und arbeitslosen Knecht hier anderes übrig, als nun kriminell zu werden? Im Torhaus von Raschomon werden namenlose Leichen aufgebahrt – und der Knecht benötigt eine Unterkunft für die Nacht. Doch nicht nur er kommt auf die Idee, sich nachts im Leichenhaus herum zu treiben.

Ein bisschen okkult geht es dagegen in „Zauberkünste“ zu. Der Ich-Erzähler lässt sich von einem indischen Magier einige Zaubertricks vorführen. Völlig gebannt von der Kunst des Inders äußert der Protagonist den Wunsch, diese Magie zu erlernen. Doch er wird gewarnt – nur ein Mann, der frei ist von Habgier, kann die Zauberei erlernen. Ob der Ich-Erzähler diesem Anspruch gewachsen ist?

„Japanische Meister der Erzählung“ enthält zudem ein Werk von Kan Kikuchi, der seinerzeit den Akutagawa-Literaturpreis ins Leben gerufen hat. In „Jenseits von Liebe und Hass“ wird nüchtern die Geschichte von Ichikuro erzählt: Weil seine Affäre mit der Nebenfrau seines Herrn aufgeflogen ist, wird Ichikuro von dem entehrten Nakagawa angegriffen. Doch Ichikuro wehrt sich erbittert und tötet dabei seinen Herrn Nakagawa. Zusammen mit seiner Geliebten Oyumi flieht er aus Yedo – und wird mehr und mehr zum Verbrecher. Das Pärchen beginnt mit Erpressungen und schließlich drängt die gierige Oyumi den willfährigen Ichikuro zum wiederholten Male zum Raubmord. Doch schließlich zeigt sich Ichikuros Gewissen. Er flieht vor Oyumi, wird Mönch in einem Tempel, um schließlich als Wanderpriester durch Japan zu wandern und Gutes zu tun. Er findet seine Möglichkeit, Sühne zu leisten, indem er an einer gefährlichen Wegstrecke, die schon manchem das Leben kostete, einen Weg durch einen Fels treiben will. Jahrelang hackt Ichikuro auf das Massiv ein und kommt nur minimal mit seiner Arbeit voran. Zwischenzeitlich ist Nakagawas Sohn erwachsen und begibt sich auf die Suche nach Ichikuro, um an ihm Rache zu üben.

Von Masao Kume liegt mit „Der Tod meines Vaters“ eine sehr autobiographische Erzählung vor. Sein Vater, der Schuldirektor war, beging Selbstmord, nachdem die Bilder des Kaisers und der Kaiserin bei einem Schulbrand zerstört wurden. Diese heutzutage unglaubliche Tat zeichnet Masao Kume aus der Sicht des kleinen Sohns auf.

„Das Geleitschiff“ von Ogai Mori handelt von dem verurteilten Verbrecher Kiske, der auf eine Gefängnisinsel transportiert wird. Im Gespräch mit dem Beamten Haneda werden Fragen über die Schuld von Kiske aufgeworfen, der seinen eigenen Bruder ermordet haben soll.

In den Jahren 1925 bis 1926 veröffentlichte Naoya Shiga vier Teile von „Aus dem Leben eines Malers“. In „Die weiße Glyzinie“ wird der Leser mit dem Ischias-kranken Maler Ryudo Yajima bekannt gemacht, der von seiner schwerhörigen Schwester Tane gepflegt wird. Nicht nur seine Schwester quält Yajima mit seinem Gemüt – er hetzt auch seinen Schüler von Glyzinie zu Glyzinie, um deren Wuchs zu untersuchen. Mit „Rot-Obi“ macht Yajima in einem Badeort Bekanntschaft. Das Mädchen mit dem roten Obi bezaubert ihn von Weitem – aus der Nähe betrachtet wirkt sie jedoch eher wie ein Dorftrampel. Zurück zu Hause kommt Yajima der plötzliche Einfall, er wolle ein „Wasserhuhn“ halten. Doch dem angeschafften Hühnchen bekommt der Aufenthalt bei Yajima gar nicht gut. Und gleich mit einem weiteren Federvieh bekommt es Yajima zu tun, als ein „Neuntöter“ mit einer Schlange kämpft.

Eine tragische Liebesgeschichte erzählt Tatsuo Hori mit „Die heilige Familie“: Nach dem Tod von Kuki, hinter dem sich Ryunosuke Akutagawa verbergen soll, lernt die Witwe Saiki den jungen Henri kennen. Henri und Saikis Tochter Kinuko verlieben sich ineinander, können sich diese Liebe aber nicht gestehen. Sind die Saikis zu heilig für Henri oder ist er ohnehin durch seine Bekanntschaft mit Kuki dem Tode bereits nah?

Auch in Fumiko Hayashis Erzählung „Akkordeon und Stadt der Fische“ wird es autobiographisch: Als Mädchen tourte die Autorin mit ihrem Stiefvater, der Hausierer war, durch Japan. So ergeht es auch der Ich-Erzählerin, die mit Vater und Mutter unterwegs ist. In einem Städtchen steigen sie aus dem Zug, da der Vater hier Verdienstmöglichkeiten wittert. Fumiko Hayashi zeichnet das Leben der Hausierertochter auf, die eingeschult wird und sich in den Sohn des Fischhändlers verliebt. Wenn doch nur ihr Vater nicht anfangen wurde, Schmarrn zu verkaufen…

Saisei Murou erzählt von „Gott oder Weib“ – eigentlich jedoch mehr von „Weib“, da sein Protagonist ein ziemlicher Weiberheld ist und sich allerhand Geliebte hält. Da wären Aliko, Shinoe, Kazuko und Harue. Keine der Frauen ist freilich glücklich mit der momentanen Situation.

Und schließlich enthält „Japanische Meister der Erzählung“ auch Junichiro Tanizakis „Tätowierung“ (identisch mit „Das Opfer“ in dem Sammelband „Mond auf dem Wasser“): Seikichi ist ein Tätowiermeister in Yedo, der sadistisch veranlagt ist. Es macht ihm eine diebische Freude, wenn sich die Kunden unter seiner Nadel vor Schmerzen winden. Doch sein Herzenswunsch ist ihm bisher verwehrt geblieben – er möchte die ideale Frau tätowieren. Eines Tages hat Seikichi das ungemeine Glück, dass die perfekte Frau als Botin zu ihm geschickt wird. Der Tätowiermeister zeigt dem jungen Mädchen sadistische Rollbilder und bemerkt, dass sie sich in den Motiven wiederzufinden scheint. Schließlich betäubt er sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken, die ihre Fähigkeit symbolisieren soll, Männer zu ihren Opfern zu machen. Seikichi selbst soll ihr erstes werden.

In Kakuji Watanabes „Japanische Meister der Erzählung“ tummeln sich damit allerhand lesenswerte Erzählungen. Wem der Band aus dem Jahr 1960 in einem Antiquariat in die Hände fällt, der sollte nicht zögern, sondern zuschlagen. Insbesondere Ryunosuke Akutagawas „Kappa“ sollte das Geld wert sein!

Bibliographische Angaben:
Watanabe, Kakuji (Hrsg.): „Japanische Meister der Erzählung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Watanabe, Kakuji), Walter Dorn Verlag, Bremen 1960

Dienstag, 5. Februar 2013

„Mond auf dem Wasser“ herausgegeben von Marianne Bretschneider

„Mond auf dem Wasser“ versammelt 14 Erzählungen von bekannten und weniger bekannten japanischen Autoren. Für Junichiro Tanizaki-Fans hält der Band aus den 70er Jahren die erste Erzählung des Enfant Terribles bereit: „Das Opfer“ (auch bekannt als „Tätowierung“ oder verfilmt als „Irezumi – Spider Tattoo“) das ist nicht nur eines, sondern nur das erste. Der Tätowiermeister Seikichi ergötzt sich an den Schmerzen seiner Kunden. Doch ihn drängt es, eine bestimmte junge Frau ausfindig zu machen, der er ein wahres Meisterwerk tätowieren mag. Durch Zufall wird genau diese Frau, eine angehende Geisha, als Botin zu ihm geschickt. Er betäubt sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken – ein Symbol für ihre Fähigkeit, Männer einzufangen und ausbluten zu lassen. Das erste Opfer findet die Schönheit im Tätowiermeister.

Shotaro Yasuokas Protagonist in „Die Glasschuhe“ verbringt einen ungewöhnlichen Sommer: Nachts arbeitet er als Wachdienst in einem Waffengeschäft, tagsüber verbringt er seine Zeit bei Etsuko, die das Haus eines Amerikaners hütet. Die Stimmung zwischen den beiden ist losgelöst, etwas verrückt und sicherlich naiv – doch die Sommerferien des Amerikaners neigen sich zu Ende und damit die unschuldige Zeit des Paares.

Seiichi Funabashis „Die Distelwolke“ ist mehr als tragisch: Der Witwer Ichimatsu verliebt sich in eine weitläufige Verwandte seiner verstorbenen Ehefrau. Das junge Mädchen Chika hat sich jedoch bereits mit einem Soldaten verlobt, der in den Pazifikkrieg zieht. Auch sie fühlt sich zu dem Witwer hingezogen, obwohl die Familie von Ichimatsu eine Beziehung der beiden verurteilt. Doch Ichimatsu ist mehr als vorbildlich: Obwohl sich mehrere Möglichkeiten bieten, rührt er Chika nicht an. Er will warten, ob Chikas Verlobter lebend aus dem Krieg zurückkehrt und dann Chika vor eine Entscheidung stellen. Doch leider kommt schließlich alles anders.

Kyoshi Takehama erzählt in „Ikaruga-monogatari“ von Omichi, die sich unglücklich in einen Mönch verliebt.

Ryunosuke Akutagawas Erzählung „Kesa und Morito“ handelt von einem Verbrechen, das in zwei Selbstgesprächen geführt wird. Morito ist ein alter Verehrer von Kesa. Doch sie hat einen anderen geheiratet und hat ihre Schönheit über die Jahre eingebüßt. Morito vergeht sich bei einem Wiedersehen an Kesa, will sie sogar dazu überreden, gemeinsam Kesas Ehemann umzubringen. Doch Kesa hat andere Pläne.

Shusei Tokuda zeichnet mit „Der Orden“ das Bild einer unglücklichen Ehe. Kanoko geht erst eine Ehe ein, als sie vom Berufsleben enttäuscht wurde. Doch auch ihr Ehemann ist eine Enttäuschung: Er kann nicht mit Geld umgehen, macht Spielschulden, schert sich kaum um seine Ehefrau und ist obendrein noch unfruchtbar. Mehrfach versucht Kanoko sich von ihm zu lösen, doch scheitert sie jedes Mal erneut.

Kafu Nagais Erzählung „Geliebtes Gesicht“ spielt – wo auch sonst – in den Freuden- und Vergnügungsvierteln Tokios. Zwei Taxi-Chauffeure verbringen die Nacht vor den Toren Yoshiwaras. Toyo beginnt in einer rührseligen Stimmung seinem Kollegen Tame von seiner verstorbenen Ehefrau und deren Ebenbild, einer Tänzerin aus Asakusa, zu erzählen.

Auch Fumiko Hayashis „Tokio“ ist eine tragische Liebesgeschichte: Ryo verkauft im ausgebombten Tokio der Nachkriegsjahre Tee. Die verheiratete Frau wartet auf die Rückkehr ihres Ehemanns, der in Sibirien in Kriegsgefangenschaft ist. Doch während ihrer Verkaufstour von Baracke zu Baracke lernt sie Tsuruishi kennen und lieben. Leider ist den beiden kein Happy End vergönnt.

Mit „Mond auf dem Wasser“ lässt Yasunari Kawabata Kyoko an ihren verstorbenen Ehemann denken. Von seiner Krankheit schwer geschwächt, war dem Mann Kyokos Handspiegel ein Fenster zur Welt. Doch auch seinen eigenen Verfall konnte er damit beobachten.

„Im Wiederaufbau“ befindet sich ein Hotel, in dem sich Ogai Moris Protagonist Watanabe mit einer Europäerin trifft, mit der er einst intim war. Die Sängerin tourt mit ihrem Pianisten Kosinski durch die Welt und vielleicht auch durch die Betten. Ob der Wiederaufbau der Beziehung der Europäerin mit Watanabe gelingen wird?

Shimei Futabateis Ich-Erzähler wird sich während seines Studiums des eigenen „Mittelmaß“ bewusst. Er quartiert sich bei entfernten Verwandten ein, die ihn primär als Diener behandeln. Er schluckt die Demütigung herunter, hat er sich doch in die Tochter des Hauses Yukie verliebt.

Masuji Ibuses Protagonisten wird der „Besuch einer Frau“ angekündigt – sehr zum Missfallen seiner frischgebackenen Ehefrau. Denn es handelt sich bei der Frau um Aiko, die vor Jahren den Heiratsantrag des Ich-Erzählers abgelehnt hatte.

„Eine Glocke aus Fukagawa“ klingelt in Matsutaro Kawaguchis Erzählung, wenn der Ich-Erzähler seine Nächte mit der Witwe O-ito verbringt. Der Protagonist hat sich über dem Sushi-Lokal von O-ito eingemietet, um Literatur zu schaffen und ein bedeutender Autor zu werden. Um nicht von seiner brotlosen Kunst abhängig zu sein, trägt er sich mit dem Gedanken, O-ito zu ehelichen. Doch als der Ich-Erzähler die ersten Früchte seines literarischen Engagements erntet, entschließt sich O-ito anders.

In „Manazuru“ von Naoya Shiga macht ein Junge seine erste Erfahrung mit dem Gefühl der Liebe und geht einen ersten Schritt Richtung Erwachsenwerden.

Zwar sollen die Erzählungen in „Mond auf dem Wasser“ „Moderne japanische Liebesgeschichten“ sein, doch trifft dies nicht unbedingt auf alle der versammelten Werke zu. So sind die Protagonisten in Ryunosuke Akutagawas „Kesa und Morito“ eher von Abscheu getrieben; Junichiro Tanizaki spielt in seiner ersten Erzählung bereits mit den sadomasochistischen Fantasien, die sich auch durch sein späteres Werk ziehen.

Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne (Hrsg.): „Mond auf dem Wasser“, Volk & Welt, Berlin 1978

Sonntag, 20. Januar 2013

„Dialoge in der Dunkelheit“ von Ryunosuke Akutagawa

Ryunosuke Akutagawa beging 1927 Selbstmord. Sein Text „Dialoge in der Dunkelheit“ aus dem gleichen Jahr schildert seinen Kampf mit den inneren Dämonen in Dialogform und thematisiert unter anderem einen möglichen Freitod und Akutagawas Wunsch nach innerem Frieden.

Darüber hinaus beinhaltet der ebenfalls „Dialoge in der Dunkelheit“ betitelte Band 16 weitere Texte: „Zehn Nadelstiche“ gleicht einer Spruchsammlung, in der Ryunosuke Akutagawa mit seinen Mitmenschen und hochtrabenden Träumen hart ins Gericht geht.

„Ein Sozialist“ beschreibt den Werdegang eines einst begeisterten Sozialisten, der sich nach seiner Familiengründung mehr und mehr in der gesellschaftlichen Mitte verortet und nur in einer romantisierenden Rückschau seinen Überzeugungen der Jugendjahre gedenkt:

„Auch jetzt sitzt er in seinem Korbsessel, genießt eine Zigarre und erinnert sich seiner Jugendzeit – menschlich, vielleicht allzu menschlich“ (S. 92)

Mit „Im Asakusa-Park“ schreibt Ryunosuke Akutagawa gar ein Drehbuch für einen surrealistisch anmutenden Kurzfilm, an dem Salvador Dali seine Freude gehabt hätte.

„Das bisherige Leben des Daidoji Shinsuke“ bricht einfach ab; bleibt unvollendet, nachdem unter anderem Shinsukes Qual geschildert wird, als Junge aus der unteren Mittelschicht seine geringen finanziellen Mittel möglichst zu verschleiern zu versuchen.

In „Beschriebene Blätter“ klingen gar emanzipatorische Töne an. Dem Autor fällt ein Brief einer unbekannten, jungen Frau in die Hände, die sich über das Schicksal der Frauen beklagt, die aufgrund schlechter Ausbildung eine Ehe als Versorgungsgemeinschaft eingehen und ihre eigenen Wünsche zurückstellen müssen. Ryunosuke Akutagawa kennt das Problem aus einer anderen Warte:

„Ich warf die Blätter in die Schublade meines Schreibtischs, wo bereits meine eigenen Träume, in einem Stapel alter Briefe, allmählich vergilbten…“ (S. 50)

Der Klappentext von Ryunosuke Akutagawas „Dialoge in der Dunkelheit“ verspricht nicht zuviel, wenn von „experimentierfreudige[r] stilistische[r] Vielfalt“ und der „sprachlichen Eleganz“ des Autors die Rede ist. Sicherlich sind die Texte aber eher in Häppchen zu genießen, als an einem Nachmittag durchzulesen.

Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Dialoge in der Dunkelheit“, Iudicium, München 2010, ISBN 978-3-86205-009-3

Montag, 3. Dezember 2012

„Das Leben eines Narren“ von Ryunosuke Akutagawa

Puh, das ist schon ein komisches Gefühl, wenn man einen Abschiedsbrief eines Selbstmörders und dessen kurz vor dem Tod selbstverfasste Lebensgeschichte liest. Insbesondere wenn es sich dabei um niemand anderen als Ryunosuke Akutagawa handelt. Der Autor, der sich im Alter von 35 Jahren das Leben nahm, schrieb wenige Wochen vor seinem Tod durch eine Überdosis Veronal „Das Leben eines Narren“. 51 Kapitel(chen), die zum Teil nur wenige Zeilen umfassen, beleuchten einzelne Lebensstationen und zeichnen ein trostloses Bild: Ryunosuke Akutagawa verzweifelt (unter anderem) an seiner wirtschaftlichen Verantwortung, die er den vielen Familienmitgliedern gegenüber hat:

„Er hatte die Absicht gehabt, ein wildes Leben zu führen, gleichgültig gegenüber dem Zeitpunkt seines Todes. Und nahm dennoch unverändert in allem Rücksicht auf seine Adoptiveltern und seine Tante. Dieser Einstellung hatte er die helle und die dunkle Seite seines Lebens zu verdanken.“ (S. 47)

Auf seiner dunklen Seite ist er ein Misanthrop, der anderen Menschen gar den Tod wünscht:

„Das Haus seiner älteren Schwester und das Haus seines Stiefbruders waren niedergebrannt. Und den Mann seiner Schwester hatte man wegen Meineids zu einer Bewährungsstrafe verurteilt…
’Sollen doch ruhig alle sterben!’“ (S. 42)

Und:

„’Töte! Töte! …’
Wieder und wieder erklang dieses Wort wieder in seinem Kopf.“ (S. 39)

Er fühlt sich unzulänglich. Die Gesellschaft verachtet er und fürchtet sie gleichzeitig. Der Selbsthass schlägt sich in physischen Leiden nieder. Er glaubt, verrückt zu werden, leidet unter Schlaflosigkeit. Nur Schlafmittel erlauben ihm, wenige Stunden am Tag klar denken zu können. Den Selbstmord erachtet er bereits als die einzige Erlösung, die ihn befreien kann.

Kurz flackern auch einige für ihn wichtige Menschen in „Das Leben eines Narren“ auf: Die konträre Lebenseinstellung eines Junichiro Tanizaki, der Tod seines Förderers Soseki Natsume, die für Akutagawa verstörende Begegnung mit der Dichterin Mineko Matsumura… Und freilich beschäftigt er sich mit Literatur, mit der Kunst.

In knappen Sätzen beschreibt Akutagawa seine Gefühlslage und wird damit seinem desolaten Zustand sicherlich am besten gerecht. Eine unglaubliche Hoffnungslosigkeit und Desillusionierung schwingen mit.

Das Manuskript von „Das Leben eines Narren“ war für Masao Kume, einem engen Freund Akutagawas, ebenso bestimmt, wie der Abschiedsbrief „Notiz für einen Freund“, der ebenfalls in der Ausgabe des Suhrkamp Verlags abgedruckt ist. Abgeklärt beschreibt Akutagawa hier, wie er seit zwei Jahren über den Selbstmord reflektiert hat. Wie er nach der besten und möglichst schmerzfreien Möglichkeit gesucht hat, sich das Leben zu nehmen. Welchen Ort er für seinen Tod wählen sollte. Ob er wie andere Selbstmörder ein „Sprungbrett“ (vielleicht eine Frau, die sich ebenfalls das Leben nehmen möchte) benötigt. Und ob es ihm wohl gelingen würde, seinen Selbstmord so geschickt zu inszenieren, dass man einen natürlichen Tod annehmen könnte. Mit dem Leben hat er abgeschlossen:

„Ich habe mehr als andere gesehen, leidenschaftlicher als andere geliebt und mehr als andere begriffen. Inmitten all des Kummers erfüllt allein dies mich mehr oder minder mit Befriedigung.“ (S. 76)

Das dünne Büchlein ist schwer zu verdauen. Akutagawa steht vor der Wahl, dem Wahnsinn zu verfallen oder Selbstmord zu begehen. Ist der Selbstmord die finale Niederlage oder die ersehnte Befreiung? Wie nahe liegen Genie und Wahnsinn beieinander?

Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Das Leben eines Narren“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-22254-6

Sonntag, 2. Dezember 2012

„Blut in der Morgenröte“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering

„Blut in der Morgenröte“, der dritte und letzte Teil der japanischen Kriminalstories, die Janwillem van de Wetering herausgegeben hat, zeichnet sich wie der erste Teil „Drachen und tote Gesichter“ dadurch aus, dass man die Krimis in dem Band suchen muss. Insbesondere da das Buchcover mit „Thriller“ gekennzeichnet ist, weckt es leider falsche Erwartungen: Der Großteil der neun Erzählungen japanischer Autoren fällt nicht in dieses Genre.

„Der Drache“ soll in Ryunosuke Akutagawas Erzählung demnächst aus einem See in den Himmel auffahren. Doch dieser Mythos, der bei den Bewohnern des Städtchens am See umgeht, geht auf einen sich verselbständigenden Scherz des langnasigen Mönchs Hanazo zurück.

Der Student Fukiya ist clever – aber arm. Um seinen Kontostand aufzubessern, heckt er einen Mord an der reichen Witwe aus, bei der sein Kommilitone Saito wohnt. Als beide verdächtigt werden, die Witwe getötet zu haben, wendet Kogoro Akechi, Japans Sherlock Holmes, eine List an: „Der psychologische Test“ soll in Edogawa Rampos Erzählung den wahren Täter überführen.

„Der Mord im Pfandleihhaus“ ist eine verzwickte Sache. Der Geschäftsführer Tsunemoto wird eines Morgens tot aufgefunden: Er ist im Tresorraum eingeschlossen worden und erstickt. Zwei wertvolle Diamantringe sind entwendet worden. Der Verdacht fällt auf die beiden Angestellten und die Inhaberin des Pfandleihhauses. Zusammen mit ihrem Verehrer löst die weibliche Angestellte Naomi den Fall in Shizuko Natsukis Kriminalgeschichte.

In „Das Rasiermesser“ zeichnet Naoya Shiga das Bild eines Barbiers, dessen Nerven im Fieberwahn mit ihm durchgehen.

„Böse Kameraden“ hat Shotaro Yasuokas Protagonist und Ich-Erzähler: Der Teenager macht die Bekanntschaft des schmuddeligen, koreanisch-stämmigen Komahiko. Komahiko wird zum Helden des Ich-Erzählers und dessen besten Freund Kurata. Denn Komahiko ist ein kleiner Rebell: Er prellt die Zeche, kennt sich im Rotlichtviertel bestens aus und ist dabei auch noch intellektuell bewandert. Die Coming-of-age-Erzählung, die während des zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs kurz vor Japans Angriff auf Pearl Harbour spielt, gleicht einem Tanz auf dem Drahtseil, der eine verrückt gewordene Welt spiegelt. Der Ich-Erzähler rebelliert gegen das Althergebrachte, will sich von seiner kleinbürgerlichen Familie abnabeln – und übt schließlich Verrat. Für mich ist Shotaro Yasuokas Erzählung das Highlight in „Blut in der Morgenröte“. Der Stoff hätte zum Roman gereicht.

In „Metro à gogo“ erzählt Kyotaro Nishimura von einer lächelnden Leiche, die erstochen in einem Kanal aufgefunden wird. In Rückblenden wird die Vergangenheit beleuchtet – und warum die Leiche im Tod so glücklich gewesen sein mag.

Junichiro Tanizakis „Aguri“ behandelt ein typisches Tanizaki-Thema: Ein alternder, von Krankheit gezeichneter Mann verausgabt sich, um seiner jungen Geliebten Anguri diverse Gefälligkeiten zu erweisen.

Mit Ogai Mori darf sich der Leser auf „Blutrache“ begeben: Die Erzählung, die auf einem Vorfall aus dem Jahr 1835 zurückgeht, ist zwar eher fad, zeichnet aber ein detailliertes Bild der legalisierten Blutrache.

„Rittlings auf der Leiche“ von Akinari Ueda findet sich auch in „Unter dem Regenmond“ als „Die blaue Kapuze“: Ein Zen-Meister macht es sich zur Aufgabe, einem wahnsinnigen Mönch, der auf der Suche nach essbarem Menschenfleisch ist, Einhalt zu gebieten.

Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Blut in der Morgenröte“, Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-43075-4

Mittwoch, 7. November 2012

„Chrysanthemen-Ball“ von Ryunosuke Akutagawa

Ryunosuke Akutagawa entführt mit seinen Erzählungen im Band „Chrysanthemen-Ball“ zum Teil in ein exotisches Japan der Vormoderne. Die längste Erzählung und sicherlich Highlight des Bandes „Die Qualen der Hölle“ (identisch mit „Der Höllenschirm“ in „Drachen und tote Gesichter“) spielt am Hof eines Fürsten: Yoshihide ist ein besonders eigensinniger Maler, der vom Fürsten beauftragt wird, einen Wandschirm mit einer Darstellung der Hölle zu bemalen. Yoshihide kann jedoch nur malen, was er in Realität gesehen hat. So hat er bereits verwesende Leichen am Objekt studiert und skizziert. Seine Assistenten müssen einige Grausamkeiten erleiden, damit Yoshihide ein naturgetreues Modell zu sehen bekommt. Währenddessen weilt seine Tochter am Hof des Fürsten und bezaubert mit ihrem Wesen und ihrer Schönheit. Als Yoshihide jedoch eine Schaffenskrise erleidet, wird auch die Harmonie am Hof gestört.

Auch „Die Pfeife“ spielt in adeligen Kreisen. Der Feudalherr Narihiro ist besonders stolz auf seine goldene Pfeife, die ihm die Samurai sehr neiden. Zwei der Samurai setzen sich zum Ziel, Narihiro die Pfeife abzuluchsen.

„Die Nase“, eine Erzählung, die unter Anleitung von Soseki Natsume entstand, schildert mit Augenzwinkern das Schicksal eines Abtes, der unter seiner ganz besonders langen Nase leidet.

In der Moderne spielen die Erzählungen und Kurzgeschichten „Apfelsinen“, „Der Chrysanthemen-Ball“, „Professor Mori“ und „Der Verdacht“.

„Apfelsinen“ illustriert eine Eisenbahnfahrt des Ich-Erzählers. Eine junge Landpomeranze verirrt sich von der dritten in die zweite Klasse und ärgert den Protagonisten mit ihrem Verhalten – zunächst…

„Der Chrysanthemen-Ball“ ist der erste Ball europäischer Art für die junge Aiko. Ein Franzose ist sehr verzaubert von der japanischen Schönheit und wird ihr ein Denkmal setzen.

An „Professor Mori“ erinnert sich der Ich-Erzähler: Sein alter, unfähiger Englischlehrer, der einfach nicht vom Unterrichten lassen kann.

In „Der Verdacht“ erhält der Ich-Erzähler einen seltsamen Besuch: Ein Mann will sich das Herz erleichtert, indem er von seinem Schicksal berichtet. Während eines Erdbebens wurde seine Ehefrau unter einem Hausbalken begraben. Unfähig, sie aus den brennenden Trümmern zu befreien, schlägt er sie lieber tot, als sie einen Tod im Feuer erleiden zu sehen. Doch die Schuldgefühle rauben ihm fast den Verstand.

Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Chrysanthemen-Ball“, Nymphenburger, München 1964

Montag, 5. November 2012

Ryunosuke Akutagawa

Ryunosuke Akutagawa
Ryunoskue Akutagawa gilt als Vater der japanischen Kurzgeschichte. Tatsächlich scheiterte er an der Kreation von Romanen und publizierte bis zu seinem Selbstmord im Alter von 35 Jahren ca. 150 Erzählungen und Kurzgeschichten.

1892 in Tokio geboren war es ihm nicht vergönnt, von seiner leiblichen Mutter Fuku Nihara, einer geborenen Akutagawa, aufgezogen zu werden. Kurz nach seiner Geburt brach eine schwere Psychose bei der Mutter aus. Ihr Sohn wurde von ihrem Bruder aufgezogen und nahm damit auch den Nachnamen Akutagawa an. Den Vornamen Ryunosuke (= Drachensohn) erhielt er, da er im Jahr, im Monat, am Tag und – angeblich – auch in der Stunde des Drachen geboren wurde.

Er war schon früh an Literatur von Ogai Mori und Soseki Natsume interessiert. 1913 begann er, Anglistik an der kaiserlichen Universität von Tokio zu studieren. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst als Englischlehrer.

Sein Wunsch, eine Jugendfreundin zu heiraten, scheiterte am Widerstand seiner Familie. 1918 heiratete er Fumi Tsukamoto, mit der er drei Kinder hatte.

1914 publizierte er noch als Student seine erste Kurzerzählung „Rashomon“, die später von Akira Kurosawa verfilmt werden sollte. Soseki Natsume wurde nach der Veröffentlichung auf Akutagawa aufmerksam. Soseki Natsume fungierte fortan als Mentor für den jungen Autor. Die Erzählung „Die Nase“ resultierte aus gemeinsamen Treffen.

Ryunosuke Akutagawa lehnte den Naturalismus ab, den die Leser ebenfalls müde waren. Oscar Benl beschreibt im Nachwort des Bandes „Chrysanthemen-Ball“ Akutagawas Stil wie folgt:

„So fand Akutagawa, dem die künstlerische Gestaltung wichtiger als das Material, die ausgewogene Form schöner als Empfindungen und Bekenntnisse erschien, den Boden für sich bereitet. Er bezauberte weithin durch sein Formgefühl.“ (S. 149)

Mit seinem Fokus auf die Form stand Akutagawa in Opposition zum Stil von Junichiro Tanizaki.

Mitte der 20er Jahre brach genauso wie bei seiner Mutter auch bei Ryunosuke Akutagawa eine psychische Störung auf. 1927 versuchte er ein erstes Mal vergebens, sich das Leben zu nehmen. Im selben Jahr nahm er eine Überdosis Veronal ein, die er von seinem Hausarzt Mokichi Saito erhalten hatte, und verstarb.

Der Autor Kan Kikuchi, der seit Schulzeiten mit Ryunosuke Akutagawa befreundet war, rief 1935 zu Ehren seines Freundes den Akutagawa-Literaturpreis aus, mit dem Nachwuchsschriftsteller ausgezeichnet werden.

Interessante Links:

Hier rezensiert:

Weitere ins Deutsche übersetzte Erzählungen/Kurzgeschichten:
  • Die Fluten des Sumida
  • Die Geschichte einer Rache
  • Japanische Novellen
  • Rashomon

Montag, 3. September 2012

„Totenkopf und Kimono“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering

„Totenkopf und Kimono“ ist nach „Drachen und tote Gesichter“ der zweite Teil der Reihe „Japanische Kriminalstories“, herausgegeben von Janwillem van de Wetering.

Der Band beginnt mit Ryunosuke Akutagawas „Tod eines Samurais“. Aus verschiedenen Blickwinkeln wird der gewaltsame Tod eines Samurais beleuchtet – doch wer war nun wirklich der Mörder?

„Die rote Kammer“, ist der Platz, an dem sich Edogawa Rampos Charaktere treffen. Gelangweilte Männer wollen sich hier mit Horrorgeschichten die Zeit vertreiben. Tanaka beginnt an diesem Abend ein schauderliches Geständnis: Er habe schon 99 Menschen getötet, ohne dabei zur Rechenschaft gezogen werden zu können.

„Ein richtig kleiner Teufel“ terrorisiert seine Mitschüler in der Grundschule. Wer sich mit Ono anlegt, bekommt in Seiichi Morimuras Geschichte alsbald eine böse Retourkutsche. Tiere sterben, Menschen werden in Lebensgefahr gebracht, doch dem Bengel können seine Missetaten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Makiko, die Mutter eines Mitschülers von Ono, wird am eigenen Leib erfahren, welche Gründe noch hinter Onos Verhalten stecken.

„Der Traumsoldat“ von Kobo Abe ist ein ausgehungerter Deserteur, der sich während der Kriegszeit einem eingeschneiten Dorf nähert. Die Einwohner haben Angst: Wie wird sich der bewaffnete Mann verhalten, wenn er im Dorf ankommt?

„Der Abschiedsbrief“ von Misae liest sich in den Augen ihrer Schwester Mitsue etwas seltsam. In Takao Tsuchiyas Geschichte wird Misaes Selbstmord dank Mitsue für den Leser in ein neues Licht gerückt.

Yoh Sano erzählt in „Maskenmord“ in Form von Dialogen von der Aufklärung ominöser Todesfälle, die alle mit einer täuschend echt aussehenden Affenmaske zu tun haben.

Haruto Kos Protagonist Ohizumi hat den „Schwarzmarkt Blues“. Ohizumi handelt während der Nachkriegsjahre illegal mit Dollar. Eigentlich sollte er sich langsam auf legale Geschäfte verlegen, wäre da nicht dieser eine letzte, große Deal. Wenn der mal nicht in die Hose geht…

In Shizuko Natsuki „Schrei von der Klippe“ wird Shinichi zu seinem ehemaligen Mitschüler Sugio nach Hause eingeladen. Sugio ist ein gescheiterter Künstler, der aufopferungsvoll von seiner Ehefrau Maiko umsorgt wird. Doch eines Abends ändert sich das ohnehin fragwürdige Familienidyll am Meer.

Taro Usami wird ausgerechnet in der Herberge zur Glückseligkeit vergiftet, während er mit seinen Kollegen feiert. Inspektor Kono findet in Eitaro Ishizawas Erzählung heraus, dass er „Der Mann, der zuviel wusste“ war.

Im Gegensatz zum ersten Band der Reihe tummeln sich in „Totenkopf und Kimono“ nun wirklich Kriminalstories. Einzig die gleichnamige Geschichte des Herausgebers, die den japanischen Erzählungen nachgestellt ist, wirkt wie ein Fremdkörper.

Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): Totenkopf und Kimono, Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-43062-2

Dienstag, 17. Juli 2012

„Drachen und tote Gesichter“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering

Neben einer kurzen Erzählung des Herausgebers Janwillem van de Wetering enthält „Drachen und tote Gesichter“ Werke der Autoren Junichiro Tanizaki, Masako Togawa, Ryunosuke Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue, Yukio Mishima, Kyotaro Nishimura, Tohru Myoshi und Tadao Sohno.

Junichiro Tanizaki widmet sich in „Der Dieb“ dem Psychogramm eines Langfingers.

Masako Togawas „Der Vampir“ zeichnet eine verstörende Situation: Jiro mit der Blutgruppe AB-Rhesus-negativ hat eine besondere Stellung im Schlafsaal inne, denn sein Blut ist besonders selten. Im Gegensatz zu den anderen wird er nur selten zum Vampir zur Blutspende geschickt. Dem folgt meist die Abnahme von „weißem Blut“ durch die Krankenschwester. Als einer von Jiros Kollegen aus dem Schlafsaal flieht, wird die Situation nicht nur für die Krankenhausangestellten immer brenzliger.

Ryunosuke Akutagawas „Der Höllenschirm“ führt in ein höfisches Milieu zu einem Maler, der besonders realgetreu malen kann, wenn er das entsprechende Modell vor sich hat. Als er einen Wandschirm mit einem Höllenmotiv bemalen soll, wird sein Vorgehen immer entsetzlicher.

Edogawa Rampos tragischer Held in „Die verspiegelte Hölle“ hängt einer Besessenheit nach: Er ist fasziniert von Spiegeleffekten und Linsen. Was zunächst als harmlose Spielerei in Form von Zaubertricks beginnt, endet im Wahn.

Der „Vollmond“ begleitet Yasushi Inoues Protagonisten bei Aufstieg und Fall.

„Tod im Hochsommer“ bei Yukio Mishima: Eine Mutter verliert bei einem Badeurlaub sowohl zwei Kinder als auch die Schwägerin. Selbstvorwürfe und ein Ehemann, der mit der Situation nicht so recht umgehen kann, begleiten Tomoko lange Zeit, bis sie sich von dem Schock und dem Verlust langsam erholen kann.

„Der freundliche Erpresser“ taucht in Shinkichis Friseurladen auf. In Kyotaro Nishimuras Erzählung muss der unglückliche Friseur ordentlich Geld bluten für eine blutige Angelegenheit der Vergangenheit.

„Der Brief aus der Vergangenheit“ lässt Tohru Myoshis Protagonisten nicht mehr los: Der Zeitungsredakteur wittert seine Chance, einen als Selbstmord deklarierten Mord aufzuklären. Um seine Karriere anzuschieben, fängt er auf eigene Faust an, zu ermitteln.

Als ein menschlicher Schädel im Müll gefunden wird, soll eine „Rekonstruktion eines Gesichts“ erfolgen. Tadao Sohnos Held Koike wird damit beauftragt, dem Schädel sein menschliches Aussehen zurück zu geben. Aus einer unerwarteten Richtung kommt ihm dabei Unterstützung zu Gute.

In „Drachen und tote Gesichter“ findet sich ein kurzweiliges Potpourri von Erzählungen japanischer Autoren. Jedoch irritiert die Auswahl des mit „Japanische Kriminalstories 1“ untertitelten Bandes etwas. Wenn man unter Kriminalstories Geschichten versteht, die sich um die Aufklärung eines Verbrechens drehen, dann gehören die Erzählungen von Ryunoskue Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue und Yukio Mishima hier nicht dazu. Mein persönliches Highlight: „Der Vampir" von Masako Togawa.

Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Drachen und tote Gesichter“, Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-43036-3

Dienstag, 29. Mai 2012

„… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ herausgegeben von Josef Bohaczek & Barbara Yoshida-Krafft

„... weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ enthält einige humorvolle Prosa-Skizzen der zumeist ganz großen japanischen Autoren. Da mokiert sich Ryunosuke Akutagawa über die Krawatte von Junichiro Tanizaki. Osamu Dazais betrunkener Ich-Erzähler gerät in ärztlicher Behandlung an einen noch besoffeneren Doktor. Kafu Nagai treibt sich mit Pariser Kokotten herum. Yasunari Kawabata lässt einen hässlichen Mann hochmütig werden. Masuji Ibuses Protagonist erlebt Desillusionierung durch einen Röntgen-Apparat. Und Chiyo Unos Debüterzählung „Zu grell geschminkt“ illustriert den Wettstreit zweier japanischer Frauen um einen europäischen Gönner.

Auf je nur wenigen Seiten präsentieren die Autoren ihre humorvolle Seite, die jedoch nie zum Schenkelklopfen verleitet, sondern vielmehr ein Lächeln herausfordert. Da mag man Yasutaka Tsutsuis Professor Tadano sofort widersprechen: Nein, japanische Literatur macht nicht depressiv.

Das niedliche rechteckige Kleinformat lässt an ein Geschenkbüchlein denken. Und in der Tat ist „… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ sicherlich ein tolles, schön aufgemachtes Präsent für an japanischer Literatur Interessierte und solche, die sich einen ersten Überblick über die großen Literaten des letzten Jahrhunderts einholen wollen.

Dienstag, 21. Februar 2012

„Verführerischer Adlerfarn“ herausgegeben von Hannelore Eisenhofer-Halim & Peter Pörtner

Der von Hannelore Eisenhofer-Halim und Peter Pörtner herausgegebene, 400-seitige Band „Verführerischer Adlerfarn“ enthält Erzählungen, Kurzgeschichten und Essays von 21 japanischen Autoren und bildet ein facettenreiches Potpourri an tragischen, ernsten, aber auch fantastischen und bizarren Geschichten.

Taka Isawa erzählt mit „Das Restaurant Applaus“ vom tragischen Schicksal zweier gescheiterter Boxer. Beide bezahlen den Traum einer Boxerkarriere mit ihrer Gesundheit. Während Saburi noch mit zwei gebrochenen Fingern davon kommt, muss sein einstiger Widersacher Yagami mit weit größeren Schäden leben.

Der „Lebensabend eines Kindes“ von Eimi Yamada (auch: Amy Yamada) beginnt mit einem Hundebiss. Denn die gebissene 10-Jährige ist sich sicher: Der Hund hatte Tollwood und ihr bleiben nicht mehr viele Tage zu leben. Zunächst unbemerkt von den Erwachsenen, verlebt das Mädchen einen schrulligen, vermeintlichen Lebensabend.

Der koreanisch-stämmige Kakuei Kin erzählt in „Die Trauer der Erde“ in Briefform die Lebensgeschichte seines Protagonisten Jinichi. Sowohl Jinichis Großvater als auch sein Vater waren bzw. sind brutale Choleriker. Die Opfer der Gewalt sind die Ehefrauen. Jinichis Großmutter, die zusammen mit dem Großvater aus Korea nach Japan kam, beging Selbstmord, indem sie sich vor einen Zug warf. Zu Jinichis Bestürzung existiert weder ein Foto der Großmutter, noch ein Grab, da ihre Leiche irgendwo an der Bahnlinie verscharrt wurde. Dies alles schreibt der Protagonist in einem Brief an seine erste Liebe nieder.

Hiroshi Onuma (auch: Tan Onuma) schreibt über das „Wasser“, das plötzlich wieder in dem Viertel des Protagonisten zu fließen beginnt, als ein ausgetrockneter Kanal wieder geflutet wird. Er erinnert sich an Begegnungen am Fluss während seiner Jugend und entdeckt Neues am Flusslauf.

Keizo Hino entführt mit „Schwarzer Engel“ in eine Zukunftsvision, in der Phonoimages hergestellt werden können, die über elektromagnetische Wellen direkt ins Gehirn geschickt werden können. Wie auch in Keizo Hinos Roman „Die Trauminsel“ spielt die Handlung primär auf dem Neuland, das an der Küste von Tokio gewonnen wird. Und auch hat eine Femme Fatale ihren Auftritt, die den Protagonisten nicht nur mit ihrem künstlerischen Schaffen in den Bann zieht.

Michiko Ikeda zeichnet „Spuren wirrer Wege“ innerhalb des Barackenviertels Sanya. Die Protagonistin engagiert sich für die Rechte der Arbeiter und begegnet in Sanya den unterschiedlichsten Charakteren: Dem alten Pfarrer Kobayashi, in dessen Haus regelmäßige Versammlungen stattfinden; Universitätsprofessoren, die sich in Trainingsanzüge werfen, um in der Arbeiterstadt nicht aufzufallen und Ex-Studenten, die lieber auf dem Bau schuften, anstatt weiter auf die Universität zu gehen.

Ken Kaikos „Das Meer in der Hand“ ist die tragische Erzählung über den einsamen Professor Takada, den der Ich-Erzähler in einer Bar kennen lernt. 

In Tomoko Yoshidas „Verführerischer Adlerfarn“ wird es fantastisch: Beim Sammeln von Adlerfarn begegnet die Protagonistin einer kauzigen Alten, die sie auffordert, ihr zu folgen. Die beiden Treffen auf eine Gruppe seltsamer Wallfahrer, die der Protagonistin nicht so fremd sind, wie es zunächst den Anschein hat.

Shohei Ookas Essay „Schnee in Santa Fe“ handelt von seiner Reise durch die USA, die ihn zu Frieda Lawrence, der Witwe von D. H. Lawrence, führt.

Kobo Abes „Hand“ ist bizarr: Die Hand, das ist der Tierpfleger einer Brieftaube, die im Krieg einen Orden erhalten hat. Doch was nützen tierische Helden nach dem Krieg – die Taube wird in Bares umgetauscht. Die Taube wird der Hand noch mehrmals begegnen. Das letzte Mal wird sich das wehrlose Tier in etwas Gefährliches verwandelt haben.

Shun Medorumas Erzählung „Wassertropfen“ wurde 1997 mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Sie erzählt von Tokusho, dessen Bein plötzlich dick anschwillt und er daraufhin in einen Koma-ähnlichen Zustand fällt. Da seine Frau nichts von Krankenhäusern hält und ohnehin keine befriedigende Diagnose gestellt werden kann, wird Tokusho, aus dessen Fuß Wasser austritt, zu Hause gepflegt. Während Tokusho in seinen Wahnträumen seine Vergangenheit als Soldat im zweiten Weltkrieg aufarbeitet, entdeckt sein nichtsnutziger Vetter Seiyu eine interessante Eigenschaft des Wassers kennen, das aus Tokushos Fuß tropft.

Die folgenden vier Erzählungen und Kurzgeschichten „Der Ausritt“, „Das Meer und das Abendrot“, „Die Rose“ und „Die Geschichte vom Mandala“ von Yukio Mishima wirken nach Shun Medorumas „Wassertropfen“ ein bisschen farblos: In „Der Ausritt“ möchte eine gut situierte Dame die junge Frau unter die Lupe nehmen, die ihren Sohn verführt hat, und trifft dabei auf einen ehemaligen und in die Jahre gekommenen Verehrer. „Das Meer und das Abendrot“ betrachtet der Tempeldiener Anri, während er von seinem Schicksal erzählt, das im mittelalterlichen Frankreich als Schafhirte begann: Der Junge Anri hatte eine göttliche Erscheinung und führt die Kinder der Cevennen nach Marseille, um von dort aus Jerusalem zu erobern. Doch anstatt einen Sieg zu erringen, ereilt die Kinder ein anderes Schicksal. „Die Rose“ hat den Tod von Rainer Maria Rilke zum Thema. „Die Geschichte vom Mandala“ erinnert an ein orientalisches Märchen: Der König wünscht von seinen Untertanen die Anfertigung eines Mandalas zu Ehren seines Geburtstages.

Yasunari Kawabatas „Am Abend der Tanzaufführung“ ist eine Kurzgeschichte über Schicksale, die sich streifen und wieder auseinanderdriften.

„Kreta Kano“, die Figur, die Haruki Murakami-Fans bereits aus „Mister Aufziehvogel“ kennen, stellt sich ebenfalls in einer Kurzgeschichte vor und erzählt von ihrem harten Los, permanent zum Vergewaltigungsopfer zu werden, weswegen sie sich in die Abgeschiedenheit zu ihrer Schwester Malta Kano begibt.

„Früher oder später“ kommt der Tod auf die über 80-jährige Autorin Ineko Sata zu. Sie reflektiert in ihrem Essay nicht nur über das Sterben, sondern auch über die Lebenswege kürzlich verstorbener Freunde, den letzten Besuch bei einer der wenigen gleichaltrigen Bekannten und ihr eigenes Verhalten, das sich mit dem Näherrücken des Todes ändert.

Shumon Miura macht sich Gedanken über „Kinder und Enkel“, über Vererbung und Genetik, über die Pflege von bettlägerigen, Alzheimer-kranken Verwandten.

Der Science Fiction Autor Yasutaka Tsutsui entführt in eine verstörende Zukunft: „Der Stamm der Menschenfresser“ hat ein eigenes Territorium, in das sich der Protagonist dummerweise verirrt. Er gerät in die Falle eines Menschfressers und wird als dessen Reiseproviant mit in die Hauptstadt genommen. Da hilft auch kein Jammern und kein Flehen.

Ryunosuke Akutagawas „Tod eines Christen“ kommt wie eine katholische Märtyrer-Geschichte daher: Der schöne Waisenjunge Lorenzo wird aus der christlichen Gemeinschaft unschuldig verstoßen und muss sich fortan alleine durchs Leben schlagen.

Katai Tayamas Protagonist ist „Krank nach jungen Frauen“ – wenn ihm dies bloß nicht zum Verhängnis wird…

Skurril ist Juro Karas „Gogols Tochter“: Taguchi nimmt sich einem Fundstück, einer 50cm großen Puppe an. Diese Puppen haben einerseits reißenden Absatz bei Männern, die sie als Geliebte hegen und pflegen, aber auch genügend Feinde. Alle Anwohner sind aufgefordert, ihre Sexpuppen demnächst in einer gemeinschaftlichen Aktion zu verbrennen. Der Spielesoftware-Entwickler Taguchi nimmt dies zum Anlass, ein Konzept für ein fantastisches Rollenspiel zu schreiben. Doch seine Visionen drängen in die Realität.

Masahiko Shimadas „Der Delphin in der Wüste“ bildet einen fulminanten Abschluss des Erzählbandes: Augenzwinkernd erzählt ein gefallener Engel von seinen Erfahrungen im modernen Tokio.

„Verführerischer Adlerfarn“ ist ein toll illustriertes Buch mit Liebe zum Detail. Nur schade, dass nicht noch etwas mehr Zeit in die Fußnoten investiert wurde. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen tut sich der Leser manchmal etwas schwer (z.B. bei Ineko Satas Essay, da die beschriebenen Personen wohl nur Japanologen bekannt sein dürften). Insgesamt jedoch bietet „Verführerischer Adlerfarn“ eine wunderbare Sammlung der verschiedenen Spektren japanischer Literatur.