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Samstag, 8. Juni 2024

„Hundeherz“ von Hiromi Ito

Sollte mein werter Gatte wieder mal mit dem Wunsch um die Ecke kommen, man möge doch einen Hund als Haustier anschaffen, werde ich ihm erst mal Hiromi Itos „Hundeherz“ zum Lesen geben. Denn wie die Autorin auch selbst treffend in ihrem Buch schreibt, geht es in dem Werk als auch im Hundeleben sehr viel um das wenig appetitliche Thema Fäkalien. Die Liebe zum Haustier sollte also schon sehr ausgeprägt sein, wenn man ständig mit Grundreinigung konfrontiert ist.

„Ich befürchte, Ihnen als Lesern wird es langsam unangenehm, dass hier immer wieder von Fäkalien die Rede ist. […] Vielleicht sollte ich als Untertitel hinzufügen: ‚Nicht während des Essens lesen‘! Aber seien wir ehrlich, das Leben mit Hund dreht sich um Kacke.“ (S.  70)

Hiromi Itos Tierliebe ist jedenfalls groß. In ihrem Buch „Hundeherz“ porträtiert sie vor allem die letzten Lebensjahre ihrer alten Schäferhündin Take. Da Take aber nicht der einzige Hund im Haushalt (und erst recht nicht das einzige Haustier) ist, geht es auch um ihr Verhältnis zu den Artgenossen und die Fäkalien anderer Tiere.

Parallel zu Takes Verfall verläuft der Alterungsprozess von Hiromi Itos Vater, der in Japan lebt, während die Autorin zwischenzeitlich in die USA übergesiedelt ist.

„Mein Vater ist so schwach, dass er mit offenem Mund schläft, wie eine Mumie kurz vor der Vollendung. Take liegt mit schlaffen Gliedmaßen da, wie ein toter Kojote am Straßenrand.“ (S. 34)

Auch wenn das Thema des Alterns und Sterbens kein erquickliches ist, so schreibt Hiromi Ito mit einem Augenzwickern und humorvollen Ton, der direkt an den Leser gerichtet ist. Ein, zwei Tränen werden dem Leser aber dennoch über die Wange laufen, sobald Takes letzter Tag vergangen sein wird. Ich bin zwar kein ausgesprochener Hundefreund, aber dank Hiromi Itos Schreibstil habe ich „Hundeherz“ trotzdem sehr genossen.

Bibliographische Angaben:
Ito, Hiromi: „Hundeherz“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hijiya-Kirschnereit, Irmela), Matthes & Seitz, Berlin 2024, ISBN 978-3-7518-0966-5

Sonntag, 16. Dezember 2018

„Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ herausgegeben von Elena Giannoulis

Endlich wurde mal wieder eine Anthologie veröffentlicht, die dem Leser Erzählungen und Kurzgeschichten in Neuübersetzung bietet. Die Herausgeberin Elena Giannoulis schreibt im Nachwort über die Veröffentlichung:

„Ein Anliegen der Anthologie ist es, dem deutschen Leser japanische Literatur jenseits von Haruki Murakami und Banana Yoshimoto näherzubringen und auch bisher im Ausland wenig bekannten Autoren eine Plattform zu bieten.“ (S. 170)

Und tatsächlich sind nur von einer der enthaltenen Autorinnen, nämlich Hiromi Kawakami, bisher mehrere ins Deutsche übersetzte Werke verfügbar. Shinji Ishii, Atsuko Suga, Yasutaka Tsutsui und Hiromi Ito sind dem einen oder anderen Leser vielleicht auch noch bekannt, weil ein bis zwei Texte oder bestenfalls Romane ihren Weg ins Übersetzungsbüro gefunden haben. Die anderen Autoren finden mit „Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ das erste Mal auch im Deutschen statt.

Die einzelnen Werke der Anthologie bieten ein großes Spektrum an literarischen Stilen: Ich-Erzählung, mystisch angehauchter Text, Science Fiction, Essay, Slapstick, Avantgarde… Um bei den realistischsten Werken anzufangen, soll es erst um die Essays von Atsuko Suga und Toshiyuki Horie gehen. Atsuko Suga, die lange Zeit in Italien lebte, ist mit zwei Essays vertreten: In „Geruch von fernem Nebel“ erzählt sie von ihren Erlebnissen im nebligen Mailand, während sie in „Neapel sehen und sterben“ die Eigenheiten der neapolitanischen Lebensweise illustriert und persönliche Erfahrungen einfließen lässt.

Auch Toshiyuki Hories „Der Dichter mit dem Anrufbeantworter“ ist in Europa angesiedelt. In Paris begibt sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach Postkarten mit Nilpferdmotiven, da Valery Larbaud seinerzeit solche Karten gerne verschickt hat. Dabei spürt er den einstigen Nilpferden im Pariser Zoo nach und macht eine interessante Begegnung.

Um zwischenmenschliche Beziehungen geht es – wie eigentlich immer bei Hiromi Kawakami – in „Der Fluss“: Der kurze Text wirkt wie eine Momentaufnahme der romantischen Beziehung von Hatoko und ihres Freundes Ichiro. Ist ihre Beziehung nicht genauso im Fluss wie der Fluss, an dem sie gerade essen und trinken?

Ein bisschen fantastischer wird es in Keiichiro Hiranos „Die verschwundenen Honigbienen“. Was zunächst wie die Beschreibung eines eher langweiligen Postboten auf dem Land wirkt, entwickelt sich dann doch in eine andere Richtung, als eine illustre Gabe des Briefträgers offenbar wird.

Dann ist es auch schon vorbei mit dem Realismus: Yasutaka Tsutsui lässt in „Der Raucher in der Luft“ einen rauchenden Rentner fliegen und Sumako in „Der Traum von Verstopfung“ ihre Gedärme bis in den Himmel entleeren.

Vom Stil ähnlich wirkt Ramo Nakajimas „Das Lamm Dolly“. In Anlehnung an das Klon-Schaf Dolly entwirft der Autor ein Szenario, in dem auch Menschen geklont werden können. Da der Ich-Erzähler ein fauler Autor ist, lässt er sich einen Doppelgänger kreieren, der künftig die Arbeit übernehmen soll. Da sein Klon freilich genauso bequem, narzisstisch und trinkfreudig wie das Original ist, geht der Plan nicht so ganz auf.

Shinji Ishii präsentiert mit „Grüner Frühling“ ein Werk, das sicherlich besonders schwer zu übersetzen war. Es werden Farben personifiziert: Grün mag Blau so gar nicht und beschwert sich bei Sakura-Mama und Braun über den frechen Blau. Das Nachwort von Elena Giannoulis klärt auf: Im Japanischen kann „ao“ (青) sowohl grün als auch blau bedeuten – kein Wunder, dass Grün eifersüchtig auf Blau ist.

Mythologisch wird es in Hiromi Itos Erzählung „Chiko und Raiko“, die im siebten/achten Jahrhundert angesiedelt ist: Chiko und Raiko sind Freunde und buddhistische Schüler, die danach streben, ins Reine Land einzugehen. Während Raiko früh stirbt, gärt in Chiko die Eifersucht auf den Mönch Gyoki. Als Chiko schwer krank wird und selbst stirbt, muss er sich einer schweren Prüfung im Jenseits stellen.

Mit „Perfekte Tage, um Bananen zu schälen“ ist Toh Enjoe mit Science Fiction vertreten: Eine Raumsonde durchquert einsam das All und stellt sich vor Langeweile einen Freund namens Chucky vor. Doch das System soll effizient arbeiten und sich keinen Imaginationen hingeben – daraufhin muss Chucky gelöscht werden.

Richtiggehend abgedreht geht es in Masaya Nakaharas „Das Lied einsamer Schritte, die auf einem dunklen Flur erklingen“ und Yuko Chigaras „Katzentöter-Maggie“ zu. In Masaya Nakaharas Erzählung werden die Rotorblätter eines Helikopters als Messerklingen eingesetzt, um zu töten; die Menschen tragen den „intelligenten Gorillaanzug“ – und sollten sie auf einen Menschen ohne Anzug treffen, gibt es ein großes Gemetzel. Und auch ansonsten geht’s blutig zu.

Yuko Chigaras „Katzentöter-Maggie“ wird im Nachwort als avantgardistische Popliteratur bezeichnet – der Realitätsgrad geht gegen Null: Katzentöter-Maggie lebt mit dem Doktor, der gerne Frauen schändet und tötet, zusammen und lernt Gänseblümchen kennen lernen. Gemeinsam erleben sie allerlei Abstrusitäten, wie zum Beispiel von einem Fisch verdaut zu werden. Garniert wird das Ganze mit Illustrationen.

Zugegebenermaßen konnte ich mit den letzten beiden genannten Erzählungen am wenigsten anfangen. Die waren mir zu zusammenhanglos und alptraumhaft. Dagegen ist beispielsweise „Das Lamm Dolly“ großartiges Entertainment. Insgesamt präsentiert die Anthologie wahrlich einen guten Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur und lässt den Leser neue Autoren kennen lernen. Da viele Verlage derzeit ja primär auf die Übersetzung von Bestsellern zu setzen scheinen, ist die Anthologie sicherlich besonders wertvoll und ambitioniert.

Bibliographische Angaben:
Elena, Giannoulis (Hrsg.): „Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Giannoulis, Elena/Hane, Reika/Ono, Elisa/Petermann, Christoph/Stadler, Hajime/Timmerarens, Chaline/van Eikels, Kai/Wiesenberg, Sandro/Wittig, Matthias), be.bra, Berlin 2018, ISBN 978-3-95410-213-6

Mittwoch, 29. Februar 2012

„Mutter töten“ von Hiromi Ito

Acht Gedichte und Texte enthält Hiromi Itos noch nicht mal 30 Seiten umfassendes Büchlein „Mutter töten“. Die Themen kreisen um Grenzgänge, Sex, Geburt und Tod. Hiromi Ito provoziert: Sie bringt den ach so noblen Heldentod des Seppuku in Verbindung mit Onanie („Im Angesichte einer Frau Seppuku zu begehen, das wäre das Höchste / (Onanieren) / Samurai / (Onanieren)“, S. 7), schlechtem Sex („Dass er drin ist, krieg ich gerade noch mit“, S. 11), abgeklärten Beerdigungen („Tja, das passt nicht mehr rein, sagt der Beamte zu den Angehörigen wie zu sich selbst, und mit bloßen Händen zerbricht er, krickkrack, die Knochen und stopft sie in die Urne“, S. 16f.), Abtreibungen und Hass den eigenen Eltern gegenüber.

Hiromi Itos Texte sind sehr persönlich: So schreibt sie über die Abtreibung ihrer Tochter Kaneko in „Kaneko töten“, die im realen Leben aber durchaus das Licht der Welt erblickt hat. Die Einäscherung ihrer Schwiegermutter und das Verhältnis zu ihrer Mutter, als Hiromi Ito Anfang 20 war, sind weitere Themen. Ihre Aussagen sind mehr als provokant, bspw. gratuliert sie zur Abtreibung mit einem mehrfachen „Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung“ und ruft ihre Freundinnen dazu auf, ihre Kinder auszusetzen. Das Aussetzen von Kindern scheint ohnehin ein beliebtes Thema der Autorin zu sein, lässt sie sich doch auch in „Das anarchische Aschenputtel“ über das Phänomen der bösen (Stief-)Mutter in Märchen aus.

Sonntag, 10. Juli 2011

„Das anarchische Aschenputtel“ von Hiromi Ito & Masahiko Nishi

Hiromi Ito und ihr Ex-Ehemann Masahiko Nishi widmen sich mit „Das anarchische Aschenputtel“ Grimms Märchen und den japanischen Sekkyo-Erzählungen und stellen allerhand interessante Thesen auf. Sind in den Märchen deswegen die Männer so passiv und die Frauen so aktiv, weil es Frauen waren, die die Märchen erzählt haben? Was hat es mit dem Wald auf sich, in den es Kinder und Frauen oft verschlägt? Steckt in jeder Mutter nicht auch der Wunsch, als böse Stiefmutter die Kinder im Wald auszusetzen? Welche Rolle spielt in den Märchen Sodomie?

Darüber hinaus werden in einer herrlich schnoddrig-umgangssprachlichen Art die Sekkyo-Erzählungen kurz illustriert: Da wären unter anderem „Oberst Iguri“, der nach 72 Ehen endlich seine wahre Liebe Terute trifft, ermordet wird, als ein groteskes Figürchen wieder aufersteht, geläutert in seine wahre Gestalt zurückkehrt und Rache nimmt. „Der reiche Sansho“ versklavt ein Geschwisterpaar: Der Bruder Zushio kann entkommen, während die Schwester Anju zu Tode gefoltert wird. Zushio kann schließlich Rache für Anjus Tod am reichen Sansho nehmen. Und auch „Shintokumaru“, „Aigonowaka“, „Das Weib aus Shinoda“, „Urikohime“ und „Momotaro“ werden vorgestellt um schließlich mit den Märchen der Gebrüder Grimm und Kafkas Gregor aus „Die Verwandlung“ verglichen zu werden.

Doch „Das anarchische Aschenputtel“ ist alles andere als ein wissenschaftlicher Text. Vielmehr erscheint es so, als ob Hiromi Ito und Masahiko Nishi ihren Gedanken freien Lauf lassen, Thesen aufstellen, um sie an anderer Stelle vielleicht wieder zu verwerfen. Schließlich kommen sie aber doch zu einem wesentlichen Schluss zum Thema Märchen:

„Wir sollten sie unbedingt als nichtabgeschlossene, zusammenhängende Geschichten lesen. Die Tatsache, dass sich so viele Märchen in Aufbau und Stil ähneln, zeigt, dass auf Leute Rücksicht genommen wurde, die sie wie wir als Fortsetzungsgeschichte lesen wollen.“ (S. 113)  

Samstag, 9. Juli 2011

Hiromi Ito

Hiromi Ito, Jahrgang 1955, ist in Japan eine der bekanntesten modernen Autorinnen. In den 80ern machte sie vor allem mit ihren Gedichten über Schwangerschaft, Sexualität und erotischem Verlangen auf sich aufmerksam. Hiromi Ito dichtet jedoch nicht in einer kunstvollen Sprache, sondern hat sich der Umgangssprache verschrieben. Die Themen provozieren: In „Kanoko töten“ verarbeitet sie die Erfahrung einer Abtreibung mit einem „Herzlichen Glückwunsch zur Vernichtung“.

Hiromi Ito erweitert beständig die Quellen ihrer Inspiration: Von indianischen Sprachgepflogenheiten über Popsongs der 60er bis hin zu den Märchen der Gebrüder Grimm.

Derzeit pendelt Hiromi Ito zwischen Kalifornien und Kumamoto in Südjapan.

Interessante Links:
Hier rezensiert:

    Weitere ins Deutsche übersetzte Romane:

    • Dornauszieher
    • Hundeherz