Labels

Posts mit dem Label Depression werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Depression werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 29. September 2018

"Erinnerungen aus der Sackgasse" von Banana Yoshimoto

Nachdem mich die letzten Neuveröffentlichungen von Banana Yoshimoto ja nicht mehr so vom Hocker gerissen haben, war meine Vorfreude auf "Erinnerungen aus der Sackgasse" eher verhalten. Umso schöner, dass sich der Erzählband als kleines Juwel entpuppt hat und mich daran erinnert, warum ich die Autorin so gerne mag.

Banana Yoshimoto gibt im Nachwort selbst an, dass ihr von allen ihren eigenen Werken die Erzählung "Erinnerungen aus der Sackgasse" am liebsten ist. Man merkt es aber allen Erzählungen des Buches an, dass sehr viel Herzblut darin steckt. Auch wenn die Thematiken traurig sind, dann wärmen die Geschichten doch das Herz.

Da geht es z.B. in "Das Geisterhaus" um eine verschrobene Liebesbeziehung unter Studenten, die nicht so wirkt, als könne es ein Happy End geben. In "Maamaa!" wird die Ich-Erzählerin fast vergiftet und rutscht infolgedessen in eine tiefe psychologische Krise. "Überhaupt nicht warm" handelt von einer ersten tiefen Freundschaft in Kinderzeiten, die tragisch endet. In "Tomos Glück" wird unter anderem die unglücklich endende Ehe von Tomos Eltern porträtiert. Und schließlich geht es in "Erinnerungen aus der Sackgasse" um eine Verlobte, die von ihrem Freund schmählich hintergangen wird und ihrem Leben einen neuen Sinn geben muss.

Alle Protagonisten werden in eine Krise geworfen und gehen aber - typisch für Banana Yoshimoto - gestärkt daraus hervor, weil sie an den Ereignissen gewachsen sind. Und schließlich ist doch irgendwie alles gut so, wie es gekommen ist.

Oder wie es in "Maamaa!" heißt:
"'Es war gut!', höre ich eine sanfte Stimme sagen.
Wie aus dem Nichts wiederholt sie das immer wieder, wie einen Refrain, ein Wiegenlied, als würde sie bejahen, dass ich am Leben bin. Wie wenn zu Frühlingsbeginn auf einen Schlag die Gräser sprießen, die Bäume ausschlagen und alles gelbgrün wird, dringt ihr Klang energisch und sanft zugleich zu mir herüber.
Deshalb schließe ich ein wenig die Augen und bejahe meine Welt, die ich im Zuge dieser seltsamen Ereignisse von außen zu sehen bekommen habe." (S. 156)

Bibliographische Angaben:
Yoshimoto, Banana: "Erinnerungen aus der Sackgasse" (Übersetzung aus dem Japanischen: Ortmanns, Annelie), Diogenes, Zürich 2018, ISBN 978-3-257-30056-7 

Dienstag, 21. November 2017

„13 Stufen“ von Kazuaki Takano

13 Stufen führen zum Galgen, 13 Behördenstellen müssen den Befehl zur Vollstreckung der Hinrichtung besiegeln. So auch im Fall von Ryo Kihara, der im Todestrakt sitzt. Wenn morgens gegen neun Uhr die Wachmänner auftauchen, sind alle Insassen höchst alarmiert. Irgendwo im Gang bleiben die Wärter stehen und nehmen einen von ihnen mit. Auf Nimmerwiedersehen. Jeder Tag kann der letzte sein. Ryos Schicksal ist besonders tragisch: Aufgrund eines Gedächtnisverlusts kann er sich nicht an den brutalen Mord an dem Ehepaar Utsugi erinnern; nichts zu seiner Verteidigung vorbringen. Und schlimmer noch: Aufgrund seiner Amnesie kann er keine glaubhafte Reue äußern, die ihm mildernde Umstände und eine Verurteilung zu nur lebenslänglicher Haft verschaffen würde.

Doch es gibt einen kleinen Funken Hoffnung für Ryo: Ein anonymer Kritiker der Todesstrafe beauftragt eine Anwaltskanzlei mit neuen Recherchen zum Fall des ermordeten Ehepaars. Denn die Beweislage gegen Ryo war denkbar dünn. So nimmt der ehemalige Gefängniswärter Nango Ermittlungen rund um den Tatort auf. Er engagiert zudem den gerade auf Bewährung entlassenen Jun’ichi als Assistent. Jun’ichi hatte in einem Gerangel einen Menschen gestoßen, der daraufhin tragischerweise zu Tode kam. Nango möchte Jun’ichi auf diese Weise zur Resozialisierung verhelfen. Zudem winkt eine Geldprämie für einen Unschuldsbeweis Ryos, die Jun’ichis Familie mehr als dringend gebrauchen kann: Der Schadensersatz, den sie der Familie des Todesopfers schulden, treibt sie fast in den Ruin und die Familienmitglieder leben in prekären Verhältnissen.

Um den Fall neu aufzurollen, ermitteln Nango und Jun’ichi in alle Richtungen und müssen diverse Hypothesen, die vielversprechend wirkten, wieder verwerfen. Doch langsam nähern sie sich der Wahrheit – doch werden sie den Wettlauf gegen die Zeit und die Bürokratie gewinnen?

Kazuaki Takanos „13 Stufen“ nimmt nur langsam Fahrt auf. Zudem wird die Handlung rund um die Ermittlungen durch eine Rückblende in Nangos Vergangenheit unterbrochen: Denn Nango hat im Todestrakt als Wärter gearbeitet und kennt die psychische Belastung, einen Menschen zum Galgen führen zu müssen. So erlebt der Leser die unterschiedliche Sichtweisen zum Thema Todesstrafe: die der Verurteilten, die der Bürokraten, die der Wärter und Henker, und angerissen auch die der Angehörigen von Mordopfern. Und es stellen sich Fragen wie: Ist die Todesstrafe im Falle von besonders kaltblütigen, reulosen Mördern nicht vielleicht doch gerechtfertigt? Werden die staatlichen Henker nicht auch zu Mördern? Wäre es nicht besser, die Mörder am Leben zu lassen, damit sie jeden Tag darum beten, die Seelen der Opfer mögen ihre Ruhe finden?

Bis (fast) zur letzten Seite dauert es, bis sich dem Leser alle Ungereimtheiten offenbart haben. Daher ist Kazuaki Takanos Krimi sicherlich spannend, auch wenn die anfängliche Ermittlungsarbeit etwas stümperhaft wirkt. Da wird erst wochenlang der Wald rund um den Tatort nach Spuren abgesucht, bevor man sich einen Gedanken über ein Mordmotiv macht. So ganz überzeugt hat mich „13 Stufen“ daher als Krimi eher nicht. Dafür hallt das Thema Todesstrafe nach und lässt den Leser das Für und Wider aus unterschiedlichen Perspektiven abwägen.

Bibliographische Angaben:
Takano, Kazuaki: „13 Stufen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Penguin, München 2017, ISBN 978-3-328-10153-6

Samstag, 30. September 2017

„Die Insel der Freundschaft“ von Durian Sukegawa

Auf „Die Insel der Freundschaft“ verschlägt es drei Hilfsarbeiter. Da ist zunächst der Protagonist Ryosuke, der nach einem gescheiterten Selbstmordversuch sein Leben wieder ordnen muss. Der Rumtreiber Tachikawa hält keinen Job lange durch und hat seinen Aufenthalt auf der Insel einer fixen Idee zu verdanken. Und dann ist da noch die tätowierte und gepiercte Kaoru, die durch ihr krasses Aussehen ihre seelischen Verletzungen übertünchen will.

Die Inselbewohner begegnen den drei Neuankömmlingen jedoch so gar nicht in Freundschaft. Sie werden als Sonderlinge erachtet, die so gar nicht zu dem Inselmilieu passen. So geht der Plan des Dorfvorsitzenden leider nicht auf: Er hatte sich erhofft, die drei würden frischen Wind auf die Insel bringen und einen Ausgleich zur Abwanderung darstellen. Die Gemeinschaft leidet an Überalterung und die Männer finden keine Ehefrauen. Doch Ryosuke, Tachikawa und Kaoru sind nicht die erhofften Heilsbringer. Ryosuke wirkt wie ein Depressiver, der langhaarige Tachikawa wie ein Nichtsnutz und Kaoru taugt nicht zur braven Ehefrau. Nach den Bauarbeiten, bei denen die drei eingesetzt werden, sollen sie möglichst gleich wieder verschwinden.

Doch auch Ryosuke verfolgt mit seiner Tätigkeit auf der Insel noch ein anderes Ziel: Er möchte den Freund und Geschäftspartner seines verstorbenen Vaters ausfindig machen und ihm etwas übergeben, was er ganz tief in seinem Rucksack versteckt hat. Als Ryosuke den unerfüllten Lebenstraum seines Vaters auf der Insel gar umsetzen mag, gerät er mit den Traditionen der Bevölkerung in Konflikt. Ryosuke kämpft bald gegen Windmühlen, will er doch unter keinen Umständen wie sein Vater versagen.

Durian Sukegawas „Insel der Freundschaft" reißt gleich viele Themen an: Da ist z.B. der Themenkomplex der Landflucht. Dann der Widerstreit von archaischen Traditionen mit Werten der Moderne. Das Dilemma, dem tierliebe Fleischesser ausgesetzt sind. Selbstmordgedanken, Versagensängste, unbedingtes Erfolgsstreben, Depression. Zudem kommt noch die verzwickte Familiensituation von Ryosuke dazu. Alles in allem waren mir im Roman dadurch zu viele Themenkomplexe angerissen, die nicht weiter oder nicht konsequent genug verfolgt wurden. So wird dem Leser z.B. die komplizierte Gefühlslage des Protagonisten nicht wirklich nachvollziehbar dargestellt. Am Ende bleiben jedenfalls sehr viele Fragen offen, was den Roman leider irgendwie unausgegoren wirken lässt.

Bibliographische Angaben:
Sukegawa, Durian: „Insel der Freundschaft“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Dumont, Köln 2017, ISBN 978-3-8321-9861-9

Dienstag, 12. Januar 2016

„Auf einem andern Weg“ von Ayako Miura

Der autobiographische Roman „Auf einem andern Weg“ ist sicherlich primär für die Leser interessant, die sich für die Person der Autorin Ayako Miura (geborene Hotta) und ihren bewegten Lebensweg begeistern können. Sprachlich ist das Werk sehr einfach gehalten, was jedoch nicht negativ zu verstehen ist. Vielmehr liest sich die Autobiographie so, als würde uns eine gute Bekannte aus ihrem Leben erzählen. Und so leidet man mit der Autorin mit und kann sich das eine oder andere Mal ein Tränchen kaum verkneifen. Denn krankheitsbedingt musste Ayako Miura einiges auf sich nehmen und hatte dabei das Glück, an besonders verständnisvolle Männer zu geraten.

„Auf einem andern Weg“ setzt ein mit dem Schock, den die Lehrerin Ayako mit der Kapitulation Japans nach dem zweiten Weltkrieg erlitt. Vieles von dem, was sie noch während des Krieges unterrichtete, soll nun plötzlich falsch sein. Zusammen mit den Schülern werden Stellen aus den Lehrbüchern geschwärzt und somit für nichtig erklärt. Für Ayako bricht eine Welt zusammen und sie verliert ihren Halt. Sie kann ihren ehemaligen Schülern nicht einmal mehr in die Augen schauen. Um aus dem Lehrerberuf ausscheiden zu können, flüchtet sie sich in die Verlobung mit Ichiro Nishinaka.

Doch fast direkt darauf folgt die Diagnose der Tuberkulose, die Ayako lange Zeit ans Krankenbett fesseln wird. Ichiro steht zu seiner Verlobten, besucht die Kranke und unterstützt sie finanziell. Auch ein Jugendfreund namens Tadashi Maekawa beginnt, Ayako regelmäßig zu besuchen. Der Christ Tadashi ist ebenfalls an Tuberkulose erkrankt. Er erkennt, dass Ayako den Halt verloren hat und versucht, ihr den christlichen Glauben näher zu bringen. Dabei sind ihm keine Mühen zu groß, um Ayako wieder Lebensmut einzuhauchen. Der ist auch bitter nötig, denn die Kranke löst ihre Verlobung, da sie Ichiro nicht länger hinhalten möchte. Kurz danach misslingt ihr ein Selbstmordversuch. Halt findet Ayako schließlich doch im Christentum; sie lässt sich taufen.

Der gütige Tadashi ist bald mehr als nur ein guter Freund. Die beiden Tuberkulose-Kranken verloben sich. Doch die Krankheit wird bei Tadashi einen tödlichen Ausgang haben, während Ayako regungsunfähig im Gipsbett liegt. Nicht einmal bei seiner Beerdigung kann sie dabei sein. Wie ein Geschenk des Himmels wirkt da das Kennenlernen des Christs Mitsuyo Miura, der Tadashi Maekawa nicht nur optisch, sondern auch in seiner Haltung gleicht. Aber Ayako kann sich (noch) nicht von der Vorstellung frei machen, sie würde Tadashi verraten, wenn sie eine neue Beziehung eingeht. Zudem fühlt sie sich als Kranke nicht würdig, mit einem gesunden Mann anzubändeln.

Von Ayako Miuras Lebensweg kann man nur beeindruckt sein. Nicht nur krankheitsbedingt hat sie viele Krisen durchgemacht, sich dann aber dennoch irgendwie durchgebissen. Darüberhinaus hat sie anderen Kranken durch briefliche Korrespondenz beigestanden und so die Hilfe weitergegeben, die sie selbst einmal erhalten hat.

Bibliographische Angaben:
Miura, Ayako: „Auf einem andern Weg“ (Übersetzung aus dem Englischen: Noack, Hans-Georg), Christliche Verlagsanstalt, Konstanz 1978, ISBN 3-7673-3355-4

Samstag, 28. März 2015

„Kagero Nikki – Tagebuch einer japanischen Edelfrau ums Jahr 980“ von Michitsuna no Haha Fujiwara

Michitsuna no Haha Fujiwara (aka Kagero) gibt mit dem „Kagero Niki“ einen Einblick in ihr Leben als Nebenfrau des Politikers Kaneie Fujiwara, das primär von Warten geprägt ist. Sie ist permanent in Angst, von ihrem Mann fallen gelassen zu werden. Dieser provoziert sie, belügt sie, versetzt sie und verletzt sie. Als Leser kommt man nicht umhin, gedanklich aus Kaneie eine Kanaille zu machen. Da die Tage der Edelfrau recht eintönig verlaufen, spiegelt sich die Langeweile auch im Text wieder.

Die ersten beiden Teile ihrer Aufzeichnungen erfolgen in einer Rückschau; der dritte Teil erscheint mehr wie ein Tagebuch. Sie beginnen im Jahr 954, als Kaneie mit Gedichten um Kagero wirbt. Doch kaum wird Kaneie von seiner Angebeteten erhört, scheint sein Interesse an ihr bereits wieder zu schwinden. Er hält sich primär bei einer anderen Nebenfrau auf, die er aber auch alsbald wieder fallen lässt. So konkurriert Kagero nicht nur mit Tokohime, Kaneies Hauptfrau, sondern mit diversen weiteren Nebenfrauen. Sie wartet stets darauf, dass er sie doch bitte besuchen komme, doch meist hält er sie mit allerlei Ausreden hin. So verhungert sie an seinem ausgestreckten Arm. Vor Verzweiflung spielt sie mit dem Gedanken, buddhistische Nonne zu werden und sich vom Diesseits abzuwenden. Doch schließlich ändert sie ihre Prioritäten: Sie widmet sich mehr ihrem leiblichen Sohn und ihrer adoptierten Tochter. Als sie in ein anderes Haus zieht, ohne Kaneie Bescheid zu sagen, kommt es schlussendlich zum Bruch zwischen dem Ehepaar. Die Aufzeichnungen enden schließlich im Jahr 974.

Da Kagero die Beschreibung ihres Alltags aus dem Selbstverständnis der Zeit heraus vornimmt, wird nicht detailliert auf die Bräuche und Gepflogenheiten eingegangen. Diese sind ja für ihre Zeitgenossen selbstverständlich. Der heutige Leser ist auf die Anmerkungen und das Nachwort angewiesen. Erstaunlich war für mich, wie intensiv der Alltag durch Weissagungen geprägt war. Dann und dann hat man enthaltsam zu leben, dann und dann hat man diese oder jene Himmelsrichtung zu meiden. Für einen Mann wie Kaneie, der mit mehreren Frauen jonglieren muss, sind das freilich hervorragende Ausreden, um sich nicht blicken lassen zu müssen.

Gleich zu Beginn legt Kagero ihre Motivationen für ihre Aufzeichnungen dar: Sie ist eine Frau, die in den Tag hinein lebt. Sie liest

„in alten Geschichten, wie sie unter den Leuten verbreitet waren, Geschichten von hergebrachten Lügen, die man gewissenlos so hingeschrieben hatte.“ (S. 7)

Ihr Anspruch ist es, ein realistisches Bild des Lebens als Nebenfrau eines treulosen Adligen zu zeichnen. So kritisiert sie die sozialen Umstände – und das „Kagero Nikki“ mag so als erstes emanzipatorisches Werk Japans gelten.

Aus dem Nachwort erfährt man, dass Kageros Originaltagebuch wohl während den Großen Wirren verloren gegangen ist. Doch da mehrere Abschriften existierten, konnte es im 17. Jahrhundert rekonstruiert werden.

Da Kagero zunächst vor allem für ihre Gedichte Berühmtheit erlangt hatte, soll hier zumindest eines, das sie an Kaneie sandte, zitiert werden:

„Du wolltest lösen
in nichts wie Morgentau dich?
Leichtsinnige ich,
der wandelbarsten Seele,
der flüchtigsten zu vertraun!“
(S. 12)

Hätte sie zu Beginn ihrer Affäre mit Kaneie doch nur auf ihr Gefühl gehört…

Bibliographische Angaben:
Fujiwara, Mitchitsuna no Haha: „Kagero Nikki – Tagebuch einer japanischen Edelfrau ums Jahr 980“ (Übersetzung aus dem Altjapanischen: Tsukakoshi, Satoshi), Ullstein, Frankfurt/Berlin/Wien 1981, ISBN 3-548-30115-0

Donnerstag, 26. Februar 2015

„Moshi Moshi“ von Banana Yoshimoto

Banana Yoshimotos Roman „Moshi Moshi“ ist wie ein Norah Jones-Song: Irgendwie tief melancholisch, traurig und dabei doch leicht hingehaucht, ohne allzu sehr zu belasten. Viel Handlung darf der Leser jedoch nicht erwarten, stattdessen muss er sich darauf einlassen, der Melodie des Tokioer Stadtviertels Shimokitazawa zu lauschen, dem Banana Yoshimoto mit „Moshi Moshi“ eine literarische Liebeserklärung macht.

Banana Yoshimotos Protagonistin Yoshie und deren Mutter gehen gerade durch eine besonders schwere Zeit: Yoshies Vater hat sich mit seiner düsteren Geliebten zusammen das Leben genommen. Der Doppelselbstmord erschüttert die beiden Frauen zutiefst; niemals hätten sie sich ausgemalt, dass der Familienvater zu so etwas fähig wäre. Sie fallen in ein tiefes Loch aus dem sie sich nur ganz langsam wieder hocharbeiten können. Yoshie verlässt die Wohnung ihrer Eltern und mietet sich in einem heruntergekommenen Zimmer in Shimokitazawa ein. Kurz später folgt ihr die Mutter – sie braucht ebenfalls dringend Luftveränderung, insbesondere da ihr der Geist ihres Mannes immer wieder in der alten Wohnung erscheint.

Und so arrangieren sich die beiden Frauen auf geringem Raum und finden langsam wieder zu sich selbst. Insbesondere bei Yoshies Mutter fällt die Veränderung eklatant auf: Aus der Birkin-Bag tragenden Madame aus Meguro wird eine Kaffeehausmitarbeiterin in Jeans. Yoshie hingegen lässt sich behutsam auf Beziehungen mit Männern ein; stürzt sich aber primär in ihren neuen Job im Bistro „Les Liens“. Der Name des Bistros ist Programm – denn Bande zur Welt der Lebenden haben Mutter und Tochter, die zum Tiefpunkt der Trauerphase keine Nahrung mehr zu sich nahmen, erst wieder im „Les Liens“ (= Bindungen/Bande) geknüpft: Bei Salat und Eis kamen sie im französischen Bistro wieder etwas zu Kräften. Die  Arbeit im „Les Liens“ gibt Yoshie Halt und Ablenkung.

Dennoch wird sie von Träumen über ihren Vater verfolgt. Der hatte am letzten Tag seines Lebens sein Handy in der Wohnung vergessen. Und so träumt Yoshie von Anrufen aus dem Jenseits – daher auch der Romantitel „Moshi Moshi“.

Banana Yoshimotos „Moshi Moshi“ ist trotz einiger übernatürlicher Elemente (Geistererscheinungen, Träume und der geheimnisvollen, düsteren Geliebten) nicht so sehr von Übersinnlichkeit geprägt, wie andere Romane der Autorin. Viel mehr Platz nimmt die Darstellung von Kneipen- und Restaurantbesuchen ein, die einerseits dazu dienen, die Atmosphäre von Shimokitazawa nachzuzeichnen und vielleicht die Funktion eines besonders langen Leichenschmauses haben: Beim Essen kommen die Protagonisten dem normalen Alltag wieder näher, versichern sich gegenseitig des Lebens, bauen soziale Bindungen auf und stärken sich für neue Herausforderungen.

Leser, die auch einmal eine liebe Person verloren haben, werden sich in vielen Gedankengängen von Yoshie wiederfinden. So z.B. in dem Zwiespalt, dass man die tiefe Trauer doch möglichst bald hinter sich haben will, aber gleichzeitig davor Angst hat, dann den geliebten Menschen vergessen zu haben. Daher ist „Moshi Moshi“ sicherlich keine Lektüre für den lustigen Strandurlaub, sondern eher für den gemütlichen und auch etwas nachdenklichen Abend mit einer Tasse Tee – und Norah Jones-Songs, die im Hintergrund laufen und die Stimmung von „Moshi Moshi“ widerspiegeln.

Bibliographische Angaben:
Yoshimoto, Banana: „Moshi Moshi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Pfeifer, Matthias), Diogenes, Zürich 2015, ISBN 978-3-257-06931-0

Sonntag, 26. Oktober 2014

„Von Männern, die keine Frauen haben“ von Haruki Murakami

Nur ein halbes Jahr mussten Haruki Murakami-Fans auf die die deutsche Übersetzung des japanischen Originals von „Von Männern, die keine Frauen haben“ warten. Optisch hat der Dumont-Verlag ein fantastisches Cover kreiert – auf dem jedoch ein sperriger Titel prangt. Die englische Version geht mit „Men without Women“ schon viel leichter über die Lippen.

„What I wish to convey in this collection is, in a word, isolation, and what it means emotionally.“, sagt Haruki Murakami im Interview mit dem New Yorker über seinen Erzählband.

Das Gefühl der Isolation durchsetzt mit schwierigen Beziehungen zum anderen Geschlecht ist ohnehin ein klassisches Murakami-Thema. Mit „Von Männern, die keine Frauen haben“ präsentiert der Autor sieben neue „long short stories“ zu diesem Bereich.

Mit „Drive my Car“ betätigt Haruki Murakami den Anlasser des Bandes – und rekurriert nach „Norwegian Wood“ (aka „Naokos Lächeln“) erneut auf einen Beatles-Song. Auch wenn die Liedzeilen von „Drive my Car“ nicht wirklich zur Handlung der gleichnamigen Erzählung passen, so kommen doch einige Motive darin vor: ein Schauspieler, eine Chauffeurin und Sex. Der Schauspieler Kafuku ist von seiner Agentur dazu verdonnert worden, sich eine Weile fahren zu lassen, statt selbst seinen Saab durch die Stadt zu lenken. Auch wenn Kafuku von Frauen als Autofahrerinnen nicht allzu viel hält, stellt er die raubeinige Misaki auf eine Empfehlung hin ein. Ihr offenbart er während der gemeinsamen Autofahrten intime Details aus seiner Vergangenheit und seiner Ehe mit seiner zwischenzeitlich verstorbenen Ehefrau.

Mit „Yesterday“ wird das Beatles-Thema wiederum aufgenommen. Kitaru, ein Freund des Ich-Erzählers aus Studententagen, verballhornt und trällert den Beatles-Hit mit Nonsense-Übersetzungen ins Japanische. Wie ein düsteres Omen hängen diese Textzeilen über Kitarus Beziehung zu dessen Jugendliebe Erika.

Die dritte Erzählung „Das eigenständige Organ“ fällt für mich etwas aus dem Band heraus, weil der Protagonist Tokai kaum greifbar wird. Es wird zwar viel über ihn berichtet, aber sein Bild und sein Leid, als er sich unglücklich verliebt, bleiben diffus.

Geheimnisvoll wie tausendundeine Nacht wird es in „Scheherazade“: Aus ungenannten Gründen muss Habara abtauchen. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist eine Hausfrau, die Habara Scheherazade nennt – denn genauso wie die arabische Märchengestalt erzählt die Frau ihm Geschichten, die an einem Höhepunkt abbrechen. Jedoch schläft sie nicht des Nächtens mit ihm, sondern am Spätnachmittag. Während eines dieser Stelldicheins erzählt sie Habara unter anderem von ihrer Karriere als jugendlicher Stalkerin.

„Kinos Bar“ ist keine Kneipe, in der das Leben tobt – vielmehr ist sie ein Rückzugsort für ihren Besitzer Kino. Hier leckt Kino seine Wunden, die ihm die Trennung von seiner Ehefrau zugefügt hat. Doch das bequeme, aber leere Leben sollte Kino besser nicht länger weiterführen…

„Samsa in Love“ verspricht eine Umkehrung von Kafkas „Verwandlung“: Eines Tages wacht „er“ als Gregor Samsa auf – und muss sich nicht nur an das Leben als Mensch gewöhnen, sondern verliebt sich auch noch Knall auf Fall in eine bucklige Frau vom Schlüsseldienst.

Der Selbstmord seiner ehemaligen Geliebten ist der Auslöser für den Ich-Erzähler, sich Gedanken „Von Männern, die keine Frauen haben“ zu machen:

„Zu Männern, die keine Frauen haben, zu werden ist ganz leicht. Man braucht nur eine Frau leidenschaftlich zu lieben, die dann verschwindet. […] Und sobald ihr einmal Männer seid, die keine Frauen haben, dringt die Farbe der Einsamkeit tief in eure Körper ein. Wie verschütteter Rotwein in einen hellen Teppich.“ (S. 249)

„Das eigenständige Organ“ und die Erzählung „Von Männern, die keine Frauen haben“ haben mit am wenigsten in den typischen Murakami-Bann gezogen. Die mysteriösen bzw. kafkaesken Erzählungen „Kinos Bar“ und „Samsa in Love“ zählen für mich zu den Highlights des Bandes, die nur allzu sehr für eine Fortschreibung als Roman taugen würden.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Von Männern, die keine Frauen haben“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2014, ISBN 978-3-8321-9781-0

Freitag, 12. September 2014

„Stille Tage“ von Kenzaburo Oe

„Stille Tage“, ein zurückgezogenes Leben zusammen mit einem potenziellen Ehemann und ihrem behinderten Bruder I-Ah möchte Kenzaburo Oes Protagonistin Ma-chan am liebsten leben. Doch ihr Vater K. befindet sich gerade in einer Lebenskrise und braucht Luftveränderung. Daher bricht er zusammen mit seiner Frau in die USA auf. I-Ah bleibt in der Obhut der Studentin Ma-chan. Der jüngste Sohn O-chan lernt währenddessen fleißig für Aufnahmeprüfung an der Universität und überlässt die Hausarbeit als auch die Betreuung von I-Ah Ma-chan.

Hinter K. steckt freilich der Autor Kenzaburo Oe selbst. I-Ah ist nur ein Spitzname, Hikari heißt der Charakter offiziell und daher genauso wie Kenzaburo Oes behinderter Sohn. Aus der Ich-Perspektive lässt Kenzaburo Oe seine Tochter über die Zeit berichten, die seine Kinder allein in Japan verbringen. So begleitet Ma-chan I-Ah zur Behindertenwerkstatt, zu seinem Klavierlehrer und zum Schwimmunterricht. Gemeinsam fahren die beiden Geschwister aufs Land, um ihren Vater bei der Beerdigung seines älteren Bruders zu vertreten.

Hinzu kommen Themen, die man neben dem biographischen Schwerpunkt des behinderten Sohnes ebenfalls aus anderen Kenzaburo Oe-Romanen kennt: Auch in „Stille Tage“ wird gern über Literatur (wieder mal am Start ist der unvermeidliche Yates, aber auch Blake, Celine und Ende) philosophiert. Der Deutung des Films „Stalker“ von Tarkowski wird fast ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem Ma-chan unter anderem Parallelen zwischen einer Filmfigur und ihrem Bruder I-Ah thematisiert. Dann ist da freilich die Krise des K., ein zurückliegender Skandal und eine daraus entstandene Feindschaft, wegen der der Roman gegen Ende hin noch etwas Fahrt aufnimmt.

Etwas nervig wirkt in „Stille Tage“ das reichlich überstrapazierte Stilmittel, Worte kursiv zu setzen. Wird über K.s Krise gesprochen, wird der Begriff kursiv gesetzt. Wird über O-chan gesprochen, wird dessen Lieblingswendung „für alle Fälle“ an jeder noch halbwegs passenden Stelle kursiv eingeschoben. Das mag vielleicht noch ein netter Einfall sein, denn K. kennzeichnet gerade die Krise, der patente O-chan ist für alle Fälle gewappnet. Aber auch bei trivialen Aussagen wird die Kursivsetzung immer wieder angewendet, wie z.B. hier:

„Dieser Badeanzug hätte – zu[.] einer Zeit, in der so etwas modern war, und am rechten Ort getragen – bestimmt hervorragend ausgesehen.“ (S. 191)

Insgesamt wirkt die Tonalität des Romans etwas unpassend für eine junge Studentin. Sie ist von einer intellektuellen Schwere, die eher zu dem krisengebeutelten K. passen würde. Dadurch kann man sich mit der Ich-Erzählerin nicht sonderlich anfreunden. I-Ah dagegen erscheint einem umso sympathischer:

„‚[…] aber Ma-chan ist doch eine beachtliche Persönlichkeit, nicht wahr, I-Ah?’
‚Ist das etwas Gutes?’ vergewisserte sich mein Bruder vorsichtig.
‚Das Beste’, antwortete Frau Shigeto, und Herr Shigeto setzte wieder seine ernsthafte Miene auf.
‚Ich finde auch, dass Ma-chan eine beachtliche Persönlichkeit ist.’, sagte I-Ah.“ (S. 94)

Aufschlussreich an „Stille Tage“ ist sicherlich, dass der Autor dem Leser offenbart, dass er dazu neigt, bei Krisen ins Ausland Reißaus zu nehmen und sich dort die Krise von der Seele zu schreiben. Auch seine Einstellung zu Religion wird beleuchtet. Insgesamt quält man sich aber etwas durch „Stille Tage“, wenn man sich nicht ausgerechnet für Kenzaburo Oes Deutung des Films „Stalker“ interessiert...

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Stille Tage“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schlecht, Wolfgang E. & Gräfe, Ursula), Insel, Frankfurt/Main 1994, ISBN 3-458-16686-6

Freitag, 8. August 2014

„Schnee“ von Taeko Kono

Hayako geht es gar nicht gut, wenn Schnee zu fallen beginnt. Es ist dasselbe Leiden, dass auch ihre Mutter hatte. Ein starker Schmerz strahlt von der Schläfe aus, weswegen Hayako Schneetage hasst und nichts mehr befürchtet, als dass ihr Freund in eine schneereiche Gegend versetzt wird. Obwohl sich ihre Bekannten und Verwandten wundern, hat Hayako ihren Partner immer noch nicht geheiratet.

Die Handlung setzt ein, als Hayakos Mutter gerade erst gestorben ist. Zwei mystisch anmutende Gegebenheiten hatten den Abschied von Mutter und Tochter begleitet.

In Rückblenden erfährt der Leser aber auch von Hayakos Kindheit: Wie sie von der Mutter für ihre Begeisterung für Schnee unglaublich ausgescholten wurde. Wie sie als Schülerin immer schlechter abgeschnitten hat als ihre Mitschülerinnen. Wie sie immer kleiner war als die Gleichaltrigen. Nach und nach enthüllt sich, wie alle diese Dinge zusammenpassen und ein Bild ergeben, was unglaublich ist und dennoch alle Ungereimtheiten in Hayakos Lebenslauf erklärt.

Wie man es von Taeko Kono gewohnt ist, sind die Charaktere und die Handlung der Erzählung „Schnee“ etwas unheimlich und verschroben. Etwas eigentümlich mutet jedoch die Übersetzung an, die ständig zwischen Präsens und Präteritum wechselt. Was im Japanischen üblich ist, liest sich im Deutschen sperrig und unausgegoren.

Bibliographische Angaben:
Kono, Taeko: „Schnee“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Fukuzawa, Hiroomi & Herzberg, Ida), Galrev Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-925230-03-3

Samstag, 19. April 2014

„Eine persönliche Erfahrung“ von Kenzaburo Oe

Im Sommer 1961 wird Birds Sohn geboren. Doch der werdende 27-jährige Vater freut sich vorab nicht wirklich auf den Nachwuchs. Afrika, das Ziel seiner Reisesehnsüchte, wird er so wohl nie betreten. Sein Leben wird sich zukünftig wohl in gutbürgerlichen Bahnen zu bewegen.

Doch als Bird den Anruf aus dem Krankenhaus erhält, sein Kind sei geboren, aber alles andere als gesund, scheint sich sowohl die Afrikareise als auch das gutbürgerliche, harmonische Familienleben zu zerschlagen. Sein Sohn ist mit einer Geschwulst am Kopf geboren; die Ärzte geben ihm nur noch wenige Tage zu leben. Birds Frau wird weis gemacht, das Kind werde wegen einer anderen Gesundheitsbeeinträchtigung dringend in eine Spezialklinik verlegt. Sie soll das Baby, das aussieht, als würde ein zweiter Kopf aus dem eigentlichen wachsen, möglichst gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Für Bird ist das Neugeborene ohnehin schon nichts anderes als ein Monster.

Bird lässt seinen Sohn zum Sterben in der Spezialklinik und flüchtet sich zu seiner Freundin Himiko, die er noch aus seinen Studentenzeiten kennt. Himiko lebt seit dem Selbstmord ihres Ehemanns ein unkonventionelles Leben: Unter Tags verlässt sie kaum das Haus, abends braust sie mit ihrem Sportwagen durch die Stadt und lässt sich mit allerlei Männern ein. Bei ihr findet Bird eine Höhle, in der er seine Wunden lecken kann. Hier lässt er sich volllaufen und hat Sex mit Himiko, während er auf den Anruf der Klinik wartet, dass sein Kind endlich stirbt. Doch das Baby denkt gar nicht daran, das Zeitliche zu segnen. Es wird sogar von Tag zu Tag kräftiger. So bittet Bird den behandelnden Arzt bald darauf, die Nahrungszufuhr zu reduzieren und den Sohn verhungern zu lassen. Als ein Spezialist den Kleinen operieren will, nimmt Bird das Baby zu sich, um es von einem zwielichtigen Arzt um die Ecke zu bringen zu lassen.

Doch die Entscheidung nagt an Bird. Soll er sich den Tod des behinderten Kindes zu Schulden kommen lassen, seine Ehefrau dadurch verlieren, aber dadurch frei für eine Afrikareise mit Himiko werden? Bird neigt zum Selbstbetrug, ringt aber mit sich, um den richtigen Weg doch noch zu finden.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Eine persönliche Erfahrung“ ein schwüles, beklemmendes Sommerszenario, das auf eigenen Erlebnissen beruht: Im Jahr 1963 kam Kenzaburo Oes Sohn Hikari mit einer Behinderung zur Welt. Hikari Oes Existenz beeinflusste fortan seinen Vater in seinem literarischen Schaffen.

So ganz anfreunden kann man sich als Leser allerdings nicht mit dem Protagonisten Bird. Er wirkt komplett passiv hinsichtlich seiner persönlichen Angelegenheiten, zeigt dafür aber Engagement, wenn es um die Zukunft irgendeines Bekannten geht. Nervig werden mit der Zeit auch die ständigen Metaphern und Vergleiche, die teilweise extrem abgehoben wirken und dadurch nicht zur Situation passen wollen. So wird der doppelköpfige Sohn mehrfach mit dem unter einer Kopfverletzung leidenden Apollinaire verglichen. Oder die Schwiegermutter wird wie folgt beschrieben:

„Die Schwiegermutter saß unbewegt wie zuvor, als hätte der melancholischste Bauchredner dieses Erdkreises gesprochen.“ (S. 34)

Noch ein bisschen abstruser wird es dann an anderer Stelle: Birds seit der Geburt des Sohnes plötzlich aufsteigende Abneigung gegen Sex mit Frauen wird genauso schnell wieder durch Analsex mit Himiko geheilt. Ohnehin ist die Darstellung von Sexszenen nicht gerade die Stärke von Kenzaburo Oe.

Sicherlich ist die Thematik von „Eine persönliche Erfahrung“ die Lektüre wert – nur mag dem einen die Ausführung durch Kenzaburo Oe mehr liegen als dem anderen…

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Eine persönliche Erfahrung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39249-2

Samstag, 15. Februar 2014

„Gottes Boot“ von Kaori Ekuni

„Zigaretten, Kaffee und Schokolade sind ihre Energiequellen, die Arbeit ihr Beruhigungsmittel, Papa ihre Stütze und ihr Lebenszweck und ich bin ihre Freude und ihr Juwel.“ (S. 123)

So beschreibt die Mittelschülerin Soko ihre Mutter Yoko. Auf den ersten Blick erscheint dies wie eine normale Darstellung einer gewöhnlichen Mutter durch die Brille der Tochter. Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass Soko ihren Vater nie kennengelernt hat und seit Jahren kein Kontakt zwischen Yoko und ihrem ehemaligen Liebhaber besteht.

Yoko hatte ihren um einige Jahre älteren Klavierlehrer geheiratet, in den sie nicht Hals über Kopf verliebt war und mit dem sie auch keinerlei sexuellen Kontakt pflegte. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis scheint auch in der Ehe fortbestanden zu haben, nennt Yoko ihren Ex-Mann schließlich immer noch Momoi-sensei.

Doch eines Tages brach die „knochenschmelzende Liebe“ über Yoko herein, als sie den Inhaber eines Musikinstrumentehandels kennenlernte. Das Glück der beiden währte jedoch nicht sehr lange: Beide mit anderen Partnern verheiratet; er verschuldet. So verließ er Yoko eines Tages mit dem Versprechen, sie wiederzufinden, wo immer sie auch sei.

Als ob Yoko diese Worte auf den Prüfstand stellen wollte, beginnt sie zusammen mit ihrer kleinen Tochter Soko, die der Affäre entsprungen ist, ein Nomadenleben, das sie von einer japanischen Kleinstadt in die nächste ziehen lässt.

Der kleinen Tochter Soko erklärt Yoko die oftmaligen Umzüge damit, dass sie sich auf „Gottes Boot“ befinden; der Vater sie auf jeden Fall aufspüren wird. Noch ist die Tochter ganz fasziniert von der Vorstellung des wunderbaren Vaters, der einst wie ein Messias zurückkehren und alles zum Besten wenden wird. Denn Yokos Heimat – und damit verbunden auch Sokos Geborgenheit – soll nicht an einen Ort gebunden sein, sondern an ihn, den idealisierten Geliebten.

Je älter Soko wird, desto mehr beginnt sie den quasi-religiösen Liebeswahn der Mutter zu durchschauen. Wie die heilige Dreifaltigkeit verehrt Yoko ihre „drei Schätze“, nämlich die Musik, ihren Geliebten und ihre Tochter Soko. Rod Stewart ist ihr Gotteslob; „When I need you, I just colse my eyes and I’m with you“ eine Textzeile ihres persönlichen Vater Unsers.

Kaori Ekunis „Gottes Boot“ zieht seinen Reiz aus der gedoppelten Erzählperspektive von Mutter und Tochter: Alltägliche Situationen werden von beiden Seiten aus der jeweilig subjektiven Sicht erzählt und mit Gedankengängen und Erinnerungen angereichert. So erlebt der Leser nicht nur die Realitätsferne der Mutter und deren permanente Schwärmerei für den abwesenden Geliebten, sondern auch die zunächst noch sehr kindliche Perspektive der Tochter, die das Verhalten der Mutter aber von Jahr zu Jahr zunehmend in Frage stellt.

„Gottes Boot“ ist ein sehr einfühlsamer, aber auch zugleich sehr verstörender Roman. Zwar schöpft Yoko durchaus auch Kraft aus ihrer religionsähnlichen Liebe, zerstört durch die Idealisierung des Geliebten aber auch Familienbande und steht sich selbst und einer Zukunft im Weg. So mag Kaori Ekunis Roman auch als Religionskritik gegenüber fehlgeleitetem, übersteigertem Glauben gelesen werden.

Insbesondere das Ende des Werks, dessen Deutung dem Leser obliegt, trägt dazu bei, dass einen selbst nach Beendigung der Lektüre der Roman nicht mehr los lässt. Happy end oder dead end?

Man kann sich nur wünschen, dass „Gottes Boot“ nicht die letzte deutsche Übersetzung eines Werkes von Kaori Ekuni bleiben wird.

Bibliographische Angaben:
Ekuni, Kaori: „Gottes Boot“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schlecht, Wolfgang), Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-936018-86-8

Samstag, 11. Januar 2014

„Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami

Die „Années de Pèlerinage“ von Franz Liszt, die Pilgerjahre, und insbesondere das Stück „Le mal du pays“ begleiten den zwischenzeitlich 36-jährigen Tsukuru Tazaki seit seiner Schulzeit. Die engelsgleiche Shiro hatte damals das Klavierstück öfter gespielt. Doch zu Shiro hat Tsukuru seit 16 Jahren keinen Kontakt mehr. Denn irgendetwas ist vorgefallen, das Anlass war, Tsukuru für immer aus seiner Clique zu verstoßen. Diese Clique war gar mehr als ein Freundeskreis; sie war die perfekt austarierte Harmonie, fünf Teenager die einen optimalen Kreis bildeten. Mit einem kleinen Schönheitsfehler: Während vier davon in ihrem Nachnamen eine Farbe (Aka, Ao, Shiro und Kuro = Rot, Blau, Weiß und Schwarz) trugen, war das bei Tsukuru nicht der Fall. Er war in diesem Sinne farblos.

Als Tsukuru nach Tokio zum Studieren gegangen war, erhielt er einen überraschenden Anruf eines der Freunde – er solle sich gefälligst nie wieder bei ihnen melden, sie wollen nie wieder Kontakt mit ihm haben. Diese Nachricht stürzte ihn in eine tiefe Depression, die ihm den Tod immer näher brachte. Doch Tsukuru überwand diese schwierige Phase und lebte fort – wenn auch nicht in Saus und Braus, doch überlebte er den Verstoß durch die Freunde, die ihm die Welt bedeutetet hatten. Dennoch fühlte sich Tsukuru leer, farblos und langweilig. Zwischenzeitlich fand er nur einen Freund (mit einer Farbe im Namen), der ihn jedoch auch bald für immer verließ.

Als Tsukuru mit 36 die zwei Jahre ältere Sara kennenlernt, bemerkt diese, dass Tsukuru ein unverarbeiteter Schmerz inne wohnt. Bevor sie sich mit ihm einlassen will, stellt sie ihm die Bedingung, sich mit seinen vier Freunden auszusprechen. Sie steht im mit Rat und Tat bei Seite, um die jeweiligen Treffen zu arrangieren. Schritt für Schritt erfährt Tsukuru, warum seine Freunde ihn aus ihrer Mitte verstoßen haben.

Dem ersten Kapitel von Haruki Murakamis „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ gelingt es noch nicht, den Leser zu fesseln. Das mag an den Personenbeschreibungen liegen, die an faktische Aufzählungen erinnern und so ein recht nüchternes Bild der Charaktere zeichnen. Auch die tiefe Verzweiflung des Tsukuru war für mich nicht recht greifbar. Gott sei Dank rücken die Figuren in den folgenden Kapiteln etwas näher; man beginnt mit Tsukuru mitzuleiden.

Aus der Erzählstruktur wurde mir nicht hundertprozentig klar, ob es sich um einen auktorialen Erzähler handelt. Zu Beginn deutet nur ein Satz darauf hin, dass eine Reflektorfigur erzählen könnte:

„Ich weiß nicht, ob man es einen Zufall nennen kann…“ (S. 11)

Gegen den auktorialen Erzähler spricht, dass Tsukuru anfangs als eine Figur ohne wesentliche Eigenschaften geschildert wird, Tsukurus Freunde dem später aber vehement widersprechen. Die Widersprüchlichkeit von (scheinbarer) Faktizität und der Subjektivität der Charkatere muss der Leser mit sich aushandeln.

Viele typische Murakami-Elemente tauchen auch in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ auf: Die wunderbare und geheimnisvolle Frau; Schwimmen; ungewöhnliche Namen; ein Musikstück, das den Protagonisten begleitet; plötzliches Verschwinden von Personen; das Verlorensein in der Großstadt; das Gefühl, ein Versager zu sein. Die Grenzgänge, die manche Murakami-Romane beherrschen, sind jedoch nicht ganz so ausgeprägt.

Eine Identifikation mit dem Protagonisten fällt in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ etwas schwerer als mit den Charakteren anderer Murakami-Werke. Das mag daran liegen, dass die schicksalhafte Wendung 16 Jahre in der Vergangenheit angesiedelt ist und man Tsukuru als Menschen kennenlernt, in dem die Traurigkeit und die Einsamkeit bereits tief verwurzelt sind. Trotzdem geht einem der Schmerz freilich zu Herzen, doch betrachtet man Tsukuru stets aus einer beobachtenden Distanz und beginnt, ihn zu bemitleiden, statt sich mit ihm zu identifizieren. Sicherlich ist „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ gute Unterhaltung, die auch ernste Fragen (Kernfrage für mich: Wäre man heute der-/dieselbe, wenn damals dieses oder jenes nicht passiert wäre?) aufwirft, doch an ältere Murakami-Werke reicht der Roman für mich nicht heran.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2014, ISBN 978-3-8321-9748-3

Samstag, 14. September 2013

„Einfach Midori“ von Midori Goto

„Einfach Midori“ nennt sich die Geigerin Midori Goto und verzichtet auf die Nennung ihres Nachnamens. Denn dass ihre Mutter ihre Karriere frühzeitigst voran getrieben hatte, stieß auf Widerstand des Vaters, namentlich Goto. Dem hatte ein bodenständiges Familienleben vorgeschwebt, was die ehrgeizigen Pläne der Mutter für die Tochter durchkreuzt hatten. Schon früh wurde Midori zu ständigem Üben angehalten, bis Midori ihren „inneren Aufpasser“ entwickelte, der die Mutter in der Rolle der treibenden Kraft ersetzte.

Aufgrund ihres Talents wurde Midori Goto auf der renommierten Juillard School in New York aufgenommen. In ihrer Autobiographie schildert die Geigerin allerhand Probleme, die mit dem Umzug einher gingen: Finanzielle Engpässe, Sprachprobleme und darüber hinaus freilich der Unmut des Vaters. Eine Scheidung von Mutter und Vater sollte folgen.

Der Leser begleitet Midori Goto, wie sie die Karriereleiter immer weiter hinauf klimmte – obwohl sie sich mit der Leiterin der Juillard School überworfen hatte. Doch das harte Leben einer Profi-Geigerin sollte bald große Schatten auf die Seele der jungen Frau werfen. Eine Depression mit einhergehender Essstörung ließ sie pausieren und die Geigerin ließ sich psychiatrisch behandeln.

Die umtriebige Midori Goto fand nicht nur ihren Weg zurück ins Rampenlicht, sondern begann Psychologie zu studieren und zwei Charity-Organisationen zu gründen, die ihrem Leben zusätzlichen Sinn gaben.

Der Ton von „Einfach Midori“ ist recht distanziert, dennoch glaubt man, die Geigerin nach der Lektüre gut zu kennen. Interessant waren für mich insbesondere Midoris Suchen nach passenden Geigen und die Hintergrundinformationen zu den Handelsmechanismen im Geigenmarkt.

Midori Goto präsentiert auch ihr Selbstverständnis als Künstlerin:

„Vielleicht bedeutet Künstler sein, sich einerseits größer als alles andere zu fühlen und sich andererseits seines Menschseins bewusst zu bleiben.“ (S. 219)

Trotzdem bleibt sie bescheiden und gesteht, dass fleißiges Üben die Grundlage ihres Könnens ist.

Bibliographische Angaben:
Goto, Midori: „Einfach Midori“ (Übersetzung aus dem Amerikanischen: Van Volxem, Susanne), Henschel, Berlin 2004, ISBN 3-89487-464-3

Montag, 3. Dezember 2012

„Das Leben eines Narren“ von Ryunosuke Akutagawa

Puh, das ist schon ein komisches Gefühl, wenn man einen Abschiedsbrief eines Selbstmörders und dessen kurz vor dem Tod selbstverfasste Lebensgeschichte liest. Insbesondere wenn es sich dabei um niemand anderen als Ryunosuke Akutagawa handelt. Der Autor, der sich im Alter von 35 Jahren das Leben nahm, schrieb wenige Wochen vor seinem Tod durch eine Überdosis Veronal „Das Leben eines Narren“. 51 Kapitel(chen), die zum Teil nur wenige Zeilen umfassen, beleuchten einzelne Lebensstationen und zeichnen ein trostloses Bild: Ryunosuke Akutagawa verzweifelt (unter anderem) an seiner wirtschaftlichen Verantwortung, die er den vielen Familienmitgliedern gegenüber hat:

„Er hatte die Absicht gehabt, ein wildes Leben zu führen, gleichgültig gegenüber dem Zeitpunkt seines Todes. Und nahm dennoch unverändert in allem Rücksicht auf seine Adoptiveltern und seine Tante. Dieser Einstellung hatte er die helle und die dunkle Seite seines Lebens zu verdanken.“ (S. 47)

Auf seiner dunklen Seite ist er ein Misanthrop, der anderen Menschen gar den Tod wünscht:

„Das Haus seiner älteren Schwester und das Haus seines Stiefbruders waren niedergebrannt. Und den Mann seiner Schwester hatte man wegen Meineids zu einer Bewährungsstrafe verurteilt…
’Sollen doch ruhig alle sterben!’“ (S. 42)

Und:

„’Töte! Töte! …’
Wieder und wieder erklang dieses Wort wieder in seinem Kopf.“ (S. 39)

Er fühlt sich unzulänglich. Die Gesellschaft verachtet er und fürchtet sie gleichzeitig. Der Selbsthass schlägt sich in physischen Leiden nieder. Er glaubt, verrückt zu werden, leidet unter Schlaflosigkeit. Nur Schlafmittel erlauben ihm, wenige Stunden am Tag klar denken zu können. Den Selbstmord erachtet er bereits als die einzige Erlösung, die ihn befreien kann.

Kurz flackern auch einige für ihn wichtige Menschen in „Das Leben eines Narren“ auf: Die konträre Lebenseinstellung eines Junichiro Tanizaki, der Tod seines Förderers Soseki Natsume, die für Akutagawa verstörende Begegnung mit der Dichterin Mineko Matsumura… Und freilich beschäftigt er sich mit Literatur, mit der Kunst.

In knappen Sätzen beschreibt Akutagawa seine Gefühlslage und wird damit seinem desolaten Zustand sicherlich am besten gerecht. Eine unglaubliche Hoffnungslosigkeit und Desillusionierung schwingen mit.

Das Manuskript von „Das Leben eines Narren“ war für Masao Kume, einem engen Freund Akutagawas, ebenso bestimmt, wie der Abschiedsbrief „Notiz für einen Freund“, der ebenfalls in der Ausgabe des Suhrkamp Verlags abgedruckt ist. Abgeklärt beschreibt Akutagawa hier, wie er seit zwei Jahren über den Selbstmord reflektiert hat. Wie er nach der besten und möglichst schmerzfreien Möglichkeit gesucht hat, sich das Leben zu nehmen. Welchen Ort er für seinen Tod wählen sollte. Ob er wie andere Selbstmörder ein „Sprungbrett“ (vielleicht eine Frau, die sich ebenfalls das Leben nehmen möchte) benötigt. Und ob es ihm wohl gelingen würde, seinen Selbstmord so geschickt zu inszenieren, dass man einen natürlichen Tod annehmen könnte. Mit dem Leben hat er abgeschlossen:

„Ich habe mehr als andere gesehen, leidenschaftlicher als andere geliebt und mehr als andere begriffen. Inmitten all des Kummers erfüllt allein dies mich mehr oder minder mit Befriedigung.“ (S. 76)

Das dünne Büchlein ist schwer zu verdauen. Akutagawa steht vor der Wahl, dem Wahnsinn zu verfallen oder Selbstmord zu begehen. Ist der Selbstmord die finale Niederlage oder die ersehnte Befreiung? Wie nahe liegen Genie und Wahnsinn beieinander?

Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Das Leben eines Narren“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-22254-6

Montag, 11. Juni 2012

„Der kluge Regenbaum“ von Kenzaburo Oe

Der Band „Der kluge Regenbaum“ enthält vier Erzählungen des Literaturnobelpreisträgers Kenzaburo Oe. Kernstück bildet darin „Der Sündenbock“ mit rund 110 Seiten Umfang: „Der Sündenbock“ und Ich-Erzähler ist auf der Flucht. Denn er mag seinem Schicksal als Sündenbock entfliehen, das ihm in seinem japanischen Heimatdorf zugeschrieben wurde. Deswegen taucht er in Mexiko City unter. Als er auf einen japanischen Professor in der Fremde trifft, erzählt er ihm seine Lebensgeschichte, die man dem Protagonisten abnehmen oder in Zweifel ziehen kann. Interessant ist an „Der Sündenbock“ vor allem die Erzählweise als Monolog, der auch die Beobachtung des Verhaltens des Professors und des Rotlichtmilieus von Mexiko City einschließt.

„Der kluge Regenbaum“ ist die kurze Geschichte über eine Party auf Hawaii. Teilnehmer eines internationalen Symposiums werden in eine Villa geladen, die als Sanatorium für psychisch Kranke konzipiert wurde. Doch irgendetwas geht an diesem Abend nicht mit rechten Dingen zu…

„Angui, das Himmelsungeheuer“ war Kenzaburo Oes erste Erzählung, die die Behinderung eines Neugeborenen thematisierte und erschien sechs Monate nach der Geburt von Kenzaburo Oes behindertem Sohn Hikari (auch enthalten in dem Erzählband „Das verhasste Alter“): Nach dem Tod seines anscheinend behinderten Kindes fällt ein Komponist in eine schwere Depression und in den Wahn, ein Wesen aus dem Himmel namens Angui komme ihn hin und wieder besuchen. Der Ich-Erzähler, ein Student, ergattert den einträglichen Nebenjob, mit dem Komponist durch die Stadt zu streifen und Erledigungen für ihn zu übernehmen. Er wird dabei Zeuge eines dieser dubiosen Besuche und kommt dem Komponisten langsam auf die Schliche, was es mit den Erscheinungen auf sich haben könnte.

„Vom Flusspferd gebissen“ wurde ein vager Bekannter des Ich-Erzählers, als er in Uganda weilte. Dies liest der Erzähler in einer Zeitung und lässt seine Gedanken schweifen, wie er Briefkontakt zu diesem Bekannten aufgenommen hatte, der sich in der links-radikalen Szene bewegte – und eine bestimmte Nähe zur Funktion der Flusspferde im Ökosystem hatte…

Der Erzählband „Der kluge Regenbaum“ umfasst ein ganzes Spektrum der Themen Kenzaburo Oes: Behinderung, Depression, die dörfliche Gemeinschaft und Auseinandersetzung mit Extremismus. Meine Lieblingserzählung bleibt jedoch „Angui, das Himmelsungeheuer“, die trotz des schweren Themas eine fantastisch anmutende Leichtigkeit ausstrahlt.

Mittwoch, 28. Dezember 2011

„Das Fest des Abraxas" von Gen’yu Sokyu

Auf „Das Fest des Abraxas" arbeitet der Zen-Priester Jonen hin. Der manisch-depressive, alkoholkranke, knapp 40-Jährige, der einen gescheiterten Selbstmordversuch hinter sich hat, liebt die Musik und findet darin eine ekstatische Möglichkeit, den Alltag zu transzendieren. So bittet er seinen Vorgesetzten Genshu um die Erlaubnis, in dem kleinen Ort, in dem er Seelsorge betreibt, ein Konzert zu veranstalten. Genshu sieht ein Risiko darin, dass sich Jonen in der Öffentlichkeit lächerlich machen könnte, gibt aber dennoch seine Zustimmung. Der Leser begleitet Jonen in "Das Fest des Abraxas" nicht nur bei den Vorbereitungen des Konzerts, sondern auch durch seine manisch-depressiven Phasen und der Darlegung seiner religiösen Ansichten.

Gen’yu Sokyus Werk ist ein leiser Roman, der in den Zwischentönen gesellschaftliche Problemstellungen anspricht: Die Auswirkungen der platzenden Bubble Economy auf individuelle Schicksale; Generationskonflikte; Ehen, die nur noch einer Wohngemeinschaft gleichen; fehlender Respekt dem Ehepartner gegenüber; Umgang mit depressiven und alkoholkranken Menschen; das einsame Sterben von alten Verwandten etc.

Doch trotz aller Probleme, die Jonen hat bzw. auf sich zukommen sieht, bleibt die Hoffnung auf Versöhnung und individuelles Ausleben der eigenen Persönlichkeit.

Montag, 12. Dezember 2011

„Versuchter Liebestod“ von Choukitsu Kurumatani

Der 34-jährige Ikushima heuert in Amagasaki bei Seiko an: Sein Job besteht darin, in einem stickigen Kämmerchen in einem heruntergekommenen Mietshaus, Grillspieße mit Kutteln zu bestücken, die Seiko dann in ihrer Garküche verkauft. Ikushima, ein studierter Aussteiger, findet sich im Gangstermilieu wieder: Gegenüber tätowiert der Yakuza Hori seine Kundschaft. Nebenan zitieren in die Jahre gekommene Huren Sutren, während sie ihre Freier bedienen. Ein älteres Ehepaar im Haus kommt nur über die Runden, indem es Abfälle nach verwertbaren Resten durchwühlt. Und dann ist da auch noch Ayako, die selbstbewusste Schönheit, die mit dem gefährlichen Hori liiert ist und Ikushima ganz schön den Kopf verdreht.

Ikushima ist seinen Nachbarn suspekt. Warum macht dieser Akademiker so eine Arbeit, wenn er doch viel besseren Tätigkeiten nachgehen könnte?

Ikushima hatte in Tokio als Anzeigenverkäufer gearbeitet und sich von Tag zu Tag leerer gefühlt. Das für seine Kollegen geltende Ziel, ein nach westlichen Normen standardisiertes Mittelstandsleben zu führen, hatte ihn abgestoßen. Schließlich hatte er gekündigt, in zwei Jahren in Tokio sein Erspartes durchgebracht und sich als Küchenhilfe in Himeji, Kyoto, Kobe, Nishinomiya und schließlich Amgasaki durchgeschlagen. Mit Lebensfreude hatte er abgeschlossen, nun hangelt er sich von Tag zu Tag, von Job zu Job.

Mit der Zeit gewinnt Ikushima das Vertrauen seiner Nachbarn und seiner Chefin, was nicht unbedingt ungefährlich für ihn ist: Für Seiko soll er den Geldboten spielen und gerät in das Visier der Gangsterbanden Amagasakis. Für Hori soll er eine ominöse Schachtel zunächst aufbewahren und schließlich einem Yakuza überbringen. Und insbesondere seine Faszination von Ayako könnte Horis Eifer- und Tobsucht heraufbeschwören.

Als Ikushima bereits wieder in eine andere Stadt weiterziehen möchte, gerät Ayako in eine Klemme: Um die enormen Schulden ihres Bruders zu bezahlen, wird sie bedrängt, sich für eine Gangsterbande zu prostituieren. Um diesem Schicksal zu entgehen, bittet sie Ikushima, sie in den gemeinsamen Liebestod zu begleiten. Die beiden verlorenen Seelen begeben sich nach Akame, um sich dort von den Wasserfällen in den Tod zu stürzen.

Choukitsu Kurumatani schöpfte für „Versuchter Liebestod“ aus seinen eigenen Erfahrungen als Aussteiger. Fast nur angedeutet sind seine Reflektionen über die Funktion der Sprache, was den reflektierenden Ikushima im Milieu erst recht zum intellektuellen Outsider stempelt.

Ein klassisches Happy End wird der Leser bei „Versuchter Liebestod“ sicherlich nicht finden, jedoch ein authentisches Zeugnis der Trostlosigkeit, die die Menschen in allen Gesellschaftsschichten ereilen kann.

Sonntag, 9. Oktober 2011

„Das verhasste Alter“ von Fumio Niwa, Kenzaburo Oe, Masuji Ibuse etc.

Der vom Volk und Welt Verlag herausgegebene Band „Das verhasste Alter“ aus der Spektrum-Reihe enthält sechs Erzählungen der japanischen Autoren Masuji Ibuse, Fumio Niwa, Shotaro Yasuoka, Kenzaburo Oe, Taeko Kono und Yoshikichi Furui.

Masuji Ibuse beschreibt das „Leben bei Herrn Tange“. Herr Tange hat einen etwas nichtsnutzigen Diener, der hin und wieder gezüchtigt werden muss. Darüber hinaus geschieht in der kurzen Erzählung allerdings nicht allzu viel, sie gibt vielmehr einen kleinen Einblick in japanisches Alltagsleben zu Beginn des letzten Jahrhunderts.

Fumio Niwas Erzählung „Das verhasste Alter“ steht Pate für den gesamten Erzählband. Der Autor skizziert die Schwierigkeiten mit der Versorgung demenzkranker Angehöriger in den Nachkriegsjahren; sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Die Verwandlung eines geliebten Menschen in eine Last wird eindrucksvoll dargestellt.

„Die Frau des Pfandleihers“ von Shotaro Yasuoka erzählt von einem Studenten in den ersten Kriegsjahren, der das Leben genießen kann, solange er noch nicht eingezogen ist.

Kenzaburo Oes „Angui, das Himmelsungeheuer“ ist für mich die lohnenswerteste unter den Erzählungen. Nach dem Tod seines anscheinend behinderten Kindes fällt ein Komponist in eine schwere Depression und in den Wahn, ein Wesen aus dem Himmel komme ihn hin und wieder besuchen. Der Ich-Erzähler, ein Student, ergattert den einträglichen Nebenjob, mit dem Komponist durch die Stadt zu streifen und Erledigungen für ihn zu übernehmen. „Angui, das Himmelsungeheuer“ enthält sehr komprimiert die wesentlichen Oe-Themen Behinderung, Depression und Selbstmord, die mit ein bisschen Phantastik angereichert werden.

„Fleischbröckchen“ von Taeko Kono ist die skurrile Geschichte einer Trennung. Nachdem der Mann die Frau verlassen hat, verliert sie ihren Geschmackssinn. Während der Beziehung hatte sich noch so gerne mit ihrem damaligen Partner geschlemmt. Am liebsten würde sie nun alles verbrennen, das an den Mann erinnert: Seine zurückgelassenen Besitztümer, ihre Wohnung, ja gar sich selbst.

Mit „Ehebande“ studiert Yoshikichi Furui das Beziehungsgeflecht zwischen den Ehepartnern Hisao und Reiko. Hisao fängt sich eine Sommergrippe ein und ist eine Woche krankgeschrieben. Dies gibt ihm die Gelegenheit, das Alltagsleben in seiner Wohnsiedlung von einer ungewohnten Seite zu erleben und seine Beziehung zu Reiko auf den Prüfstand zu stellen. Zieht sich denn schon ein Riss durch die Ehe?

„Das verhasste Alter“ ist nur noch als Gebrauchtbuch erhältlich, dafür jedoch sehr preisgünstig. Die Anschaffung lohnt vor allem aufgrund Kenzaburo Oes Erzählung „Angui, das Himmelsungeheuer“ und Fumio Niwas „Das verhasste Alter“.

Montag, 12. September 2011

„Das Gesicht des Anderen“ von Kobo Abe

Bei einem wissenschaftlichen Experiment wird der Ich-Erzähler so im Gesicht verletzt, dass er hässliche Narben davonträgt, die er fortan unter einem Verband verbirgt. Seine Ehefrau begegnet ihm nurmehr mit Mitleid; Fremde haben Angst vor ihm und sehen beschämt an ihm vorbei. Als Wissenschaftler stellt er nun allerlei Nachforschungen an – wie kann er sich eine täuschend echte Maske herstellen und in dieser Verkleidung seine Frau verführen, die sich von ihm entfremdet hat. In einem Brief und drei Notizbüchern hält der Protagonist seine Gedankengänge fest, um sich seiner Frau schließlich plausibel zu machen.

Im Grunde genommen sind die Zutaten für „Das Gesicht des Anderen“ sehr spannend und könnten für kurzweiliges Lesevergnügen sorgen – wenn da nicht Kobo Abes Erzählstil wäre. Auf den ersten fünfzig Seiten passiert erst einmal nicht viel außer den Gedankengängen des Wissenschaftlers über die faktische Realisierbarkeit einer Maske, die nicht von einem natürlichen Gesicht zu unterscheiden ist. Dazu kommen zudem noch eingehende Reflexionen über die Rolle eines Gesichts in der Kommunikation und in sozialen Beziehungen, über die Macht einer Maskierung und der Wechselwirkung zwischen Maskencharakter und realer Persönlichkeit bis hin zu einer Zukunftsvision einer Gesellschaft von Maskenträgern. Insofern ist das Thema höchst soziologisch und sehr interessant.

Daher ist „Das Gesicht des Anderen“ alles andere als leichtverdaulich, was neben der kaum existenten Handlung auch noch an der etwas sperrigen Sprache liegt. Aber gerade durch die mannigfaltigen Überlegungen des Protagonisten gelingt Kobo Abe eine hervorragende Gesellschaftsanalyse der Mikro-Ebene. Wer soziologische Betrachtungen liebt, der wird seine Freude an „Das Gesicht des Anderen“ haben.

Samstag, 13. August 2011

„Tagame. Berlin – Tokyo“ von Kenzaburo Oe

Mit „Tagame. Berlin – Tokyo“ setzt sich Kenzaburo Oe mit dem Selbstmord seines Freundes und Schwagers, dem Filmemacher Juzo Itami auseinander.

Kogito (= Kenzaburo Oe) und Goro (= Juzo Itami) sind Schulfreunde und erleben gemeinsam „DIESE SACHE“, eine traumatische Erfahrung, die seither totgeschwiegen wird. Beide teilen die Begeisterung für Rimbaud. Als Kogito jedoch Goros Schwester heiraten will, gibt es Unstimmigkeiten zwischen den beiden, die sich jedoch wieder einrenken.

Als Goro schon über 60 Jahre ist, begeht er Selbstmord, um seine Ehre wiederherzustellen. Ein Boulevardblatt hatte ihm eine Affäre mit einer jungen Frau nachgesagt.

Doch Kogito bleibt nicht allein zurück. Goro hatte vor seinem Tod Kassetten besprochen, die Kogito mit einer Rekorder-Kopfhörer-Kombination namens „Schildkäfer“ abhört. Kogito stoppt die Kassette, erhebt Einwände, drückt wieder auf Play, hört Goro zu, unterhält sich weiter mit ihm und hat so die Illusion der Verbindung ins Jenseits.

Einen Rat Goros folgend geht Kogito hundert Tage in „Quarantäne“: Er nimmt eine Gastprofessur in Berlin an und wird mit Goros Vergangenheit zu Zeiten der Berliner Filmfestspiele konfrontiert.

„Tagame. Berlin – Tokyo“ ist ein stark autobiographisch geprägtes Buch. Doch durch die „Schildkäfer“-Dialoge über Rimbaud, über die Originalität des Künstlers, über die Seele eines Menschens usw. bleibt der Roman sehr abstrakt und liest sich zäh. Die Problematik „DIESER SACHE“ wird spät aufgegriffen und kann somit auch erst nach dem ersten Drittel des Buches eine Spannung erzeugen. Die Atmosphäre von „Tagame. Berlin – Tokyo“ ist düster. Selbstverständlich durch die Thematik des Freitods, aber auch durch Probleme mit den Yakuza und den Rechten zu Lebzeiten Goros. Durch „DIESE SACHE“ fällt auch ein großer Schatten auf die Jugend von Kogito und Goro.

Unter autobiographischen Gesichtspunkten ist „Tagame. Berlin – Tokyo“ faszinierend und extrem detailliert. Doch wenn man sich für die beiden Personen Kenazburo Oe und Juzo Itami nicht sonderlich interessiert, ist der Roman eher anstrengend bis ermüdend.

Während im Roman "Tagame. Berlin - Tokyo" kein Zweifel an der Selbstmordtheorie aufzukommen scheint, äußert Kenzaburo Oe im Interview mit dem Deutschlandradio Zweifel an der Todesursache von Juzo Itami. Haben die Yakuza den Filmemacher wegen seiner offenen Yakuza-Kritik zu Tode gestürzt? Nachzulesen auf der Homepage des Deutschlandradios: "Der Nestbeschmutzer".