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Montag, 25. März 2024

„Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami

Ich bin ja eigentlich kein großer Fan von Klappentexten. Manchmal spoilern sie, manchmal passen sie noch nicht mal zur Story. Im Fall von Haruki Murakamis „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ klingt die Handlung bereits mit den ersten Zeilen des Klappentexts sehr nach „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Wenn man sich die weniger guten Rezensionen auf Amazon anschaut, dann hätten diese teilweise sicherlich durch klarere Kommunikation vermieden werden können. Ein Vorwort zusätzlich zum Nachwort oder ein entsprechender Klappentext hätte vielleicht die eine oder andere Enttäuschung vermieden, dass der erste Teil bis Seite 187 im Grunde genommen schon über „Hard-boiled Wonderland“ bekannt ist und „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ eine Abwandlung des schon bekannten Themas ist. Haruki Murakami gibt im Nachwort ohnehin an:

„Jorge Luis Borgos zufolge gibt es im Grunde nur eine begrenzte Anzahl von Geschichten, die ein Schriftsteller im Laufe seines Lebens richtig erzählen kann. Wir können diese begrenzte Anzahl von Motiven nur in verschiedenen Formen und mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bearbeiten, könnte man sagen.“ (S. 636)

Sprich: Absolut neue Dinge sind vom Autor, der nun 75 Jahre alt ist, wohl nicht mehr zu erwarten. Und so findet sich nach besagten „Hard-boiled Wonderland“-Teil in den folgenden Teilen zwei und drei auch wieder allerlei Bekanntes: eine Bibliothek, ein namenloser Protagonist, Einsamkeit, Warten, Jazz, ein Keller (statt des Brunnenlochs), Essensvorbereitungen, Katzen… Alles keine Überraschungen, fühlt sich aber so wie Heimkommen an. Man weiß halt, was man bekommt. Allzu viel mehr möchte ich über die Handlung gar nicht mehr verraten. Nur vielleicht noch so viel:

Der geheimnisvolle Junge M**, der nahezu immer einen Beatles-Pullover mit dem Motiv des gelben Unterseeboots trägt, hat mich dann doch noch ein bisschen über das Lied „Yellow Submarine“ nachrecherchieren lassen. Ich dachte immer, dass eine geläufige Deutung der Songzeile „We all live in a yellow submarine“ dafür steht, dass jeder von uns in seinem eigenen Mikrokosmos lebt, was nur allzu gut zur ummauerten Stadt gepasst hätte. Allerdings scheinen die Beatles tatsächlich nur ein Kinderlied komponiert zu haben und jede Deutung darüber hinaus würde zu weit gehen. Nichtsdestotrotz scheint ursprünglich der Beginn des Liedes in einer ersten Version „In the place where I was born, noone cared, noone cared ...“ gelautet zu haben. Und leider ist das auch das Schicksal des Jungen. Niemand schert sich so wirklich um ihn, er ist in der Realität fehl am Platz. Sein Ausweg: die Stadt… dank des Jungen nimmt die Geschichte, die zwischendurch ein bisschen vor sich hindümpelt, wieder Fahrt auf. 

Tatsächlich war ich anfangs auch ein bisschen angefressen, dass die ersten knapp 200 Seiten nur eine Abwandlung von „Hard-boiled Wonderland“ waren. Schließlich und endlich ist die neue Version mit „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ aber doch ein äußerst gelungenes Werk und ich wäre gar nicht mal so traurig, wenn es den runden Abschluss des literarischen Schaffens des Haruki Murakami bilden würde. 

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont Verlag, Köln 2024, ISBN 978-3832168391

Sonntag, 13. Januar 2019

"Der nasse Tod" von Kenzaburo Oe

Ich bin wahrlich kein großer Kenzaburo Oe-Fan, aber den "Roman über meinen Vater", wie es im Untertitel heißt, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Wer "Der Tag, an dem ER selbst mir die Tränen abgewischt" gelesen hat, kennt bereits das Motiv, das "Der nasse Tod" zu Grunde liegt. Zum Ende des zweiten Weltkriegs stürzt sich der Vater des Erzählers in einen aussichtslosen Aufstand und kommt um. Vor der Lektüre von "Der nasse Tod" macht es also Sinn "Der Tag, an dem ER selbst mir die Tränen abgewischt" und auch "Tagame. Berlin –  Tokyo" gelesen zu haben, da auf die beiden Werke immer wieder eingegangen wird.

Oes Alter Ego Kogito begibt sich in der aktuellen Neuveröffentlichung zurück in seine Heimat. Zehn Jahre nach dem Tod seiner Mutter möchte ihm seine Schwester Asa einen roten Koffer übergeben, wie es die Mutter zu Lebzeiten verfügt hat. Von dem Inhalt des Koffers erhofft sich Kogito Material, um endlich den Roman "Der nasse Tod", in dem er die wahre Geschichte um den mysteriösen Tod seines Vaters darlegen will, zu schreiben. Der frei erfundene Roman "Der Tag an dem ER selbst", der ein ähnliches Thema hatte und schon vor Jahren veröffentlicht wurde, hatte damals zum Bruch mit der Familie geführt. Eine Theatergruppe namens "Caveman" will Kogitos Aufenthalt zudem nutzen, um den noch im Entstehen begriffenen Roman in ein Stück umzusetzen.

In der Tat nimmt die Theaterarbeit den Großteil der Handlung ein. Das Stück soll Collage-artigen Charakter haben und auch der reale Roman benutzt dieses Mittel: Neben der Ich-Erzählung werden Briefe, Zitate, eine Tonbandaufnahme und Interviews eingefügt.

Was entsteht, ist aber leider eben kein "Roman über meinen Vater", sondern eher ein Roman über die Theaterschauspielerin Unaico, die sich mit dem politischen Establishment anlegt. Um starke Frauen geht es ohnehin viel mehr als um den Vater. Irritierenderweise nimmt der Roman auf den letzten dreißig Seiten eine geradezu dramatische Wendung, die irgendwie so gar nicht zu den vorhergehenden knapp 400 Seiten passt und auf mich sehr unrealistisch gewirkt hat. Und so erscheint auch der Roman wie eine Collage, die viel zu viele Themen abdecken mag und nicht fesseln kann.

Leider wirken die Charaktere auch wenig sympathisch und geradezu unzugänglich. Die Figur des Kogito neigt zum Phlegmatismus, Asa erscheint fast schon ein bisschen herrisch, während Unaico als recht spröde beschrieben wird. Dazu kommt noch seitenweise direkte Rede, die die monologisierenden Charaktere recht uncharmant wirken lässt.

Was ich mir bei "Der nasse Tod" sehr gewünscht hätte, das wäre ein ausführliches Nachwort gewesen. Da hätte erläutert werden können, inwieweit der Autor mit seiner Figur Kogito deckungsgleich ist. Und welche Geschehnisse auch in Realität passiert und welche reine Fiktion sind. Wie ist denn Kenzaburo Oes Vater wirklich gestorben? Und was hat es z.B. mit der Geschichte um Meisukes Mutter auf sich? Geht es hier um den Bauernaufstand von 1853, dessen Wortführer Meisuke Miura war? Und gab es wirklich einen Aufstand, der später von Meisukes Mutter angeführt wurde? Google hilft hier leider auch nicht weiter.

Tatsächlich habe ich mich beim Lesen recht durch die Seiten quälen müssen. Und dabei wären die Zutaten wirklich ergiebig gewesen: ein mysteriöser Tod, alte Legenden aus dem Wald, ein eingebildeter Freund aus Kindheitstagen, ein alternder Autor, der sich dem eigenen Tod, seinem verblassenden Ruhm und der Versorgung seines behinderten Sohnes stellen muss, Frauenschicksale, Intrigen aus dem rechten Spektrum… Irgendwie schade, dass der Roman trotzdem allzu zäh zu lesen ist. Und so werde ich auch mit dem Spätwerk des Autors leider kein Oe-Fan.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: "Der nasse Tod" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), S.Fischer, Frankfurt/Main 2018, ISBN 978-3-10-397218-4

Montag, 31. August 2015

„Der Herr der kleinen Vögel“ von Yoko Ogawa

Stille – das ist ein Wort, das besonders oft in Yoko Ogawas „Der Herr der kleinen Vögel“ vorkommt. Der Mann, der der Herr der kleinen Vögel genannt wird, stirbt gleich zu Beginn des Buches. In einer Rückblende wird sein stilles, zurückgezogenes Leben aufgezeigt.

Der Herr der kleinen Vögel wächst mit einem älteren Bruder auf. Dieser ist von Vögeln fasziniert und liebt insbesondere die Voliere, die in einem Kindergarten steht. Eines Tages beginnt der ältere Bruder in seiner eigenen Sprache zu sprechen. Nur der Herr der kleinen Vögel kann diese Sprache verstehen und so zwischen dem Bruder und der Welt da draußen vermitteln. Nach dem Tod der Eltern kümmert sich der Herr der kleinen Vögel um seinen Bruder. Das Leben der beiden ist bescheiden und ganz von täglichen Ritualen beherrscht. Selbst kleine Reisen sind mit dem älteren Bruder nicht möglich. So begnügen sich die Geschwister damit, Ausflüge zu planen, die sie nie antreten werden.

Nach dem Tod des Bruders widmet sich der Herr der kleinen Vögel ganz der Pflege der Voliere. Diese Tätigkeit wird neben seiner Arbeit zu seinem Lebensinhalt. Ein erstes Mal in seinem Leben verliebt sich der Herr der kleinen Vögel sogar – doch leider unglücklich in eine sehr viel jüngere Bibliothekarin. Als ein kleines Mädchen missbraucht wird, gerät der Herr der Vögel unschuldig unter Verdacht. Und das japanische Wort „Kotori“, das bisher als „Herr der kleinen Vögel“ gelesen wurde, erhält mit „Kinderfänger“ eine neue Lesart.

Mit „Der Herr der kleinen Vögel“ behandelt Yoko Ogawa das Thema Autismus gepaart mit den lieblichen Stimmen von Vögeln. Bereits in „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ hatte sie Alzheimer auf die Schönheit der Mathematik treffen lassen. So setzt „Der Herr der kleinen Vögel“ auf ein schon bekanntes Rezept der Autorin.

Doch „Der Herr der kleinen Vögel“ zeigt auch auf, dass Menschen, die einmal einen Stempel aufgedrückt bekommen haben, ihn nicht mehr loswerden – und dadurch vielleicht den letzten Halt im Leben verlieren. Denn gerade Routinen geben Halt und auch das Gefühl, gebraucht zu werden. Durch die Thematik wirkt der Roman schwerer und ernster als so manche andere Yoko Ogawa-Romane. Einen herausstechenden Höhepunkt sollte der Leser von „Der Herr der kleinen Vögel“ ebenfalls nicht erwarten. Der Roman ist eben ein besonders stiller…

Bibliographische Angaben:
Ogawa, Yoko: „Der Herr der kleinen Vögel“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Liebeskind, München 2015, ISBN 978-3-95438-050-3

Dienstag, 2. Dezember 2014

„Licht scheint auf mein Dach“ von Kenzaburo Oe

Hikari bedeutet Licht. Hikari ist– wie Kenzaburo Oe-Leser wissen – der Sohn des Literaturnobelpreisträgers Kenzaburo Oe. Hikari kam mit einer großen Geschwulst am Kopf auf die Welt. Die Ärzte räumten dem Baby zunächst keinerlei Überlebenschancen ein, doch eine riskante Operation überlebte der Junge – wenn er auch in seiner weiteren Entwicklung eingeschränkt blieb. Hikaris Behinderung wurde zum großen literarischen Leitmotiv von Kenzaburo Oe. In „Licht scheint auf mein Dach“ versammeln sich einige sehr persönliche Essays des Autors, in denen er aus seinem Familienleben berichtet, in dem Hikari eine besonders wichtige Position einnimmt. Denn das Achtgeben auf Hikari ist ein wichtiger Bindungsmechanismus für die Familie Oe, die sonst eher durch nur lose Bande verknüpft ist.

Doch Kenzaburo Oe bekennt sich auch zu seinen Schwächen. So gesteht er beispielsweise, dass er den störrischen Hikari einmal in einem Kaufhaus allein ließ und dafür mit einer schweißgebadeten, hektischen Suche nach dem Jungen büßen musste. Oder dass er es verpasst hat, rechtzeitig wichtige Medikamente für seinen Sohn zu besorgen und voller Panik in der Notaufnahme vorstellig wurde. Er beschönigt das Leben mit Hikari auch nicht, wenn er zum Beispiel darüber berichtet, dass Hikari auf dem Weg zur Behindertenwerkstatt einen epileptischen Anfall bekommen und kurz danach in die Hose gemacht hat. Erst in der Behindertenwerkstatt konnte der Autor dem Sohn die Wäsche wechseln.

Hikari, der sich zunächst für Vogelstimmen und dann für klassische Musik interessierte, hat für Kenzaburo Oe im Komponieren eine Ausdrucksform für seine Gefühle gefunden, die ihm auf verbale Weise aufgrund seiner Behinderung verschlossen blieb. Kenzaburo Oe erzählt in „Licht scheint auf mein Dach“ über die Aufnahmen zu den ersten beiden CDs von Hikaris Stücken und wie der junge Mann vor Aufregung einen Anfall bekam. Auch dass ungute Menschen ihm nach den Aufnahmen zynische Postkarten schrieben, Hikaris Musik würde niemals aufgenommen werden, wenn dieser nicht Sohn des großen Schriftstellers Kenzaburo Oe sei, bleibt nicht unerwähnt. Doch für den Autor hat Hikaris Musik eine viel wichtigere Funktion als mit CDs Geld verdienen zu wollen:

„Wenn ich Hikaris Musik höre, spüre ich jedoch, dass im Akt des Ausdrucks selbst die Kraft für seine Genesung liegt. Diese Kraft kuriert sein Herz. Sie heilt nicht nur ihn, sondern auch jene, die empfänglich sind für das, was er sagen will. Darin liegt das Mysterium der Kunst.“ (S. 152)

Während Kenzaburo Oes zweiter Sohn kaum in den Essays auftaucht, so wird doch immerhin der Tochter etwas Platz eingeräumt. Der Leser erfährt, dass die Ma-chan aus „Stille Tage“ nur wenig mit Kenzaburo Oes Tochter gemeinsam hat – wenn auch der fiktive Charakter genauso wie die Tochter über einen besonders runden Schädel verfügen. Ohnehin war die Tochter nie darüber begeistert, ihrem Vater Stoff für seine Werke zu liefern und dass dieser ihre Privatsphäre partiell öffentlich machte.

Der Leser erfährt in „Licht scheint auf mein Dach“ auch mehr über das Wesen und die Motivationen von Kenzaburo Oe:

„Schreibe ich nicht deswegen Bücher, um meinem grundlegenden Gefühl Ausdruck zu verleihen, dass ich mich in dieser Welt zu Hause fühle? Mein Traum ist es jedoch, darin auch den Weg zu dem ausdrücken zu können, was unsere Welt übersteigt.“ (S. 123)

„Licht scheint auf mein Dach“ ist sicherlich nicht das Werk, das man als erstes Kenzaburo Oe-Buch lesen sollte. Wer jedoch schon einige der Romane, in denen der Schwerpunkt auf Hikari alias I-Ah liegt, gelesen hat, der empfindet die Essays vielleicht als großes, umfassendes Nachwort zu den belletristischen Werken und erhält Hintergrundinformationen aus erster Hand, wie der Autor Kenzaburo Oe denn so tickt.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Licht scheint auf mein Dach“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-10-055217-4

Freitag, 12. September 2014

„Stille Tage“ von Kenzaburo Oe

„Stille Tage“, ein zurückgezogenes Leben zusammen mit einem potenziellen Ehemann und ihrem behinderten Bruder I-Ah möchte Kenzaburo Oes Protagonistin Ma-chan am liebsten leben. Doch ihr Vater K. befindet sich gerade in einer Lebenskrise und braucht Luftveränderung. Daher bricht er zusammen mit seiner Frau in die USA auf. I-Ah bleibt in der Obhut der Studentin Ma-chan. Der jüngste Sohn O-chan lernt währenddessen fleißig für Aufnahmeprüfung an der Universität und überlässt die Hausarbeit als auch die Betreuung von I-Ah Ma-chan.

Hinter K. steckt freilich der Autor Kenzaburo Oe selbst. I-Ah ist nur ein Spitzname, Hikari heißt der Charakter offiziell und daher genauso wie Kenzaburo Oes behinderter Sohn. Aus der Ich-Perspektive lässt Kenzaburo Oe seine Tochter über die Zeit berichten, die seine Kinder allein in Japan verbringen. So begleitet Ma-chan I-Ah zur Behindertenwerkstatt, zu seinem Klavierlehrer und zum Schwimmunterricht. Gemeinsam fahren die beiden Geschwister aufs Land, um ihren Vater bei der Beerdigung seines älteren Bruders zu vertreten.

Hinzu kommen Themen, die man neben dem biographischen Schwerpunkt des behinderten Sohnes ebenfalls aus anderen Kenzaburo Oe-Romanen kennt: Auch in „Stille Tage“ wird gern über Literatur (wieder mal am Start ist der unvermeidliche Yates, aber auch Blake, Celine und Ende) philosophiert. Der Deutung des Films „Stalker“ von Tarkowski wird fast ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem Ma-chan unter anderem Parallelen zwischen einer Filmfigur und ihrem Bruder I-Ah thematisiert. Dann ist da freilich die Krise des K., ein zurückliegender Skandal und eine daraus entstandene Feindschaft, wegen der der Roman gegen Ende hin noch etwas Fahrt aufnimmt.

Etwas nervig wirkt in „Stille Tage“ das reichlich überstrapazierte Stilmittel, Worte kursiv zu setzen. Wird über K.s Krise gesprochen, wird der Begriff kursiv gesetzt. Wird über O-chan gesprochen, wird dessen Lieblingswendung „für alle Fälle“ an jeder noch halbwegs passenden Stelle kursiv eingeschoben. Das mag vielleicht noch ein netter Einfall sein, denn K. kennzeichnet gerade die Krise, der patente O-chan ist für alle Fälle gewappnet. Aber auch bei trivialen Aussagen wird die Kursivsetzung immer wieder angewendet, wie z.B. hier:

„Dieser Badeanzug hätte – zu[.] einer Zeit, in der so etwas modern war, und am rechten Ort getragen – bestimmt hervorragend ausgesehen.“ (S. 191)

Insgesamt wirkt die Tonalität des Romans etwas unpassend für eine junge Studentin. Sie ist von einer intellektuellen Schwere, die eher zu dem krisengebeutelten K. passen würde. Dadurch kann man sich mit der Ich-Erzählerin nicht sonderlich anfreunden. I-Ah dagegen erscheint einem umso sympathischer:

„‚[…] aber Ma-chan ist doch eine beachtliche Persönlichkeit, nicht wahr, I-Ah?’
‚Ist das etwas Gutes?’ vergewisserte sich mein Bruder vorsichtig.
‚Das Beste’, antwortete Frau Shigeto, und Herr Shigeto setzte wieder seine ernsthafte Miene auf.
‚Ich finde auch, dass Ma-chan eine beachtliche Persönlichkeit ist.’, sagte I-Ah.“ (S. 94)

Aufschlussreich an „Stille Tage“ ist sicherlich, dass der Autor dem Leser offenbart, dass er dazu neigt, bei Krisen ins Ausland Reißaus zu nehmen und sich dort die Krise von der Seele zu schreiben. Auch seine Einstellung zu Religion wird beleuchtet. Insgesamt quält man sich aber etwas durch „Stille Tage“, wenn man sich nicht ausgerechnet für Kenzaburo Oes Deutung des Films „Stalker“ interessiert...

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Stille Tage“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schlecht, Wolfgang E. & Gräfe, Ursula), Insel, Frankfurt/Main 1994, ISBN 3-458-16686-6

Samstag, 19. April 2014

„Eine persönliche Erfahrung“ von Kenzaburo Oe

Im Sommer 1961 wird Birds Sohn geboren. Doch der werdende 27-jährige Vater freut sich vorab nicht wirklich auf den Nachwuchs. Afrika, das Ziel seiner Reisesehnsüchte, wird er so wohl nie betreten. Sein Leben wird sich zukünftig wohl in gutbürgerlichen Bahnen zu bewegen.

Doch als Bird den Anruf aus dem Krankenhaus erhält, sein Kind sei geboren, aber alles andere als gesund, scheint sich sowohl die Afrikareise als auch das gutbürgerliche, harmonische Familienleben zu zerschlagen. Sein Sohn ist mit einer Geschwulst am Kopf geboren; die Ärzte geben ihm nur noch wenige Tage zu leben. Birds Frau wird weis gemacht, das Kind werde wegen einer anderen Gesundheitsbeeinträchtigung dringend in eine Spezialklinik verlegt. Sie soll das Baby, das aussieht, als würde ein zweiter Kopf aus dem eigentlichen wachsen, möglichst gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Für Bird ist das Neugeborene ohnehin schon nichts anderes als ein Monster.

Bird lässt seinen Sohn zum Sterben in der Spezialklinik und flüchtet sich zu seiner Freundin Himiko, die er noch aus seinen Studentenzeiten kennt. Himiko lebt seit dem Selbstmord ihres Ehemanns ein unkonventionelles Leben: Unter Tags verlässt sie kaum das Haus, abends braust sie mit ihrem Sportwagen durch die Stadt und lässt sich mit allerlei Männern ein. Bei ihr findet Bird eine Höhle, in der er seine Wunden lecken kann. Hier lässt er sich volllaufen und hat Sex mit Himiko, während er auf den Anruf der Klinik wartet, dass sein Kind endlich stirbt. Doch das Baby denkt gar nicht daran, das Zeitliche zu segnen. Es wird sogar von Tag zu Tag kräftiger. So bittet Bird den behandelnden Arzt bald darauf, die Nahrungszufuhr zu reduzieren und den Sohn verhungern zu lassen. Als ein Spezialist den Kleinen operieren will, nimmt Bird das Baby zu sich, um es von einem zwielichtigen Arzt um die Ecke zu bringen zu lassen.

Doch die Entscheidung nagt an Bird. Soll er sich den Tod des behinderten Kindes zu Schulden kommen lassen, seine Ehefrau dadurch verlieren, aber dadurch frei für eine Afrikareise mit Himiko werden? Bird neigt zum Selbstbetrug, ringt aber mit sich, um den richtigen Weg doch noch zu finden.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Eine persönliche Erfahrung“ ein schwüles, beklemmendes Sommerszenario, das auf eigenen Erlebnissen beruht: Im Jahr 1963 kam Kenzaburo Oes Sohn Hikari mit einer Behinderung zur Welt. Hikari Oes Existenz beeinflusste fortan seinen Vater in seinem literarischen Schaffen.

So ganz anfreunden kann man sich als Leser allerdings nicht mit dem Protagonisten Bird. Er wirkt komplett passiv hinsichtlich seiner persönlichen Angelegenheiten, zeigt dafür aber Engagement, wenn es um die Zukunft irgendeines Bekannten geht. Nervig werden mit der Zeit auch die ständigen Metaphern und Vergleiche, die teilweise extrem abgehoben wirken und dadurch nicht zur Situation passen wollen. So wird der doppelköpfige Sohn mehrfach mit dem unter einer Kopfverletzung leidenden Apollinaire verglichen. Oder die Schwiegermutter wird wie folgt beschrieben:

„Die Schwiegermutter saß unbewegt wie zuvor, als hätte der melancholischste Bauchredner dieses Erdkreises gesprochen.“ (S. 34)

Noch ein bisschen abstruser wird es dann an anderer Stelle: Birds seit der Geburt des Sohnes plötzlich aufsteigende Abneigung gegen Sex mit Frauen wird genauso schnell wieder durch Analsex mit Himiko geheilt. Ohnehin ist die Darstellung von Sexszenen nicht gerade die Stärke von Kenzaburo Oe.

Sicherlich ist die Thematik von „Eine persönliche Erfahrung“ die Lektüre wert – nur mag dem einen die Ausführung durch Kenzaburo Oe mehr liegen als dem anderen…

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Eine persönliche Erfahrung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39249-2

Sonntag, 11. August 2013

„Kafka am Strand“ von Haruki Murakami

Das Schöne an diesem Blog ist, dass ich einen Grund habe, meine Haruki Murakami-Bücher nochmals zu lesen, um sie zu rezensieren. „Kafka am Strand“ war mein erster Haruki Murakami und auch mein Einstieg in die japanische Literatur überhaupt. Ich war bei der zweiten Lektüre gespannt, ob sich dieselbe Faszination wie beim ersten Mal erneut auslösen würde. Und ja, für „Kafka am Strand“ kann ich immer noch nur die lobendsten Worte finden. Der Roman ist und bleibt einfach mein liebster Haruki Murakami. Die Protagonisten gehen einem zu Herzen, die Handlung ist phantastisch ohne ins Fantasy-Genre abzudriften und bietet Platz für eigenen Interpretationsspielraum. Eine glasklare Lösung darf der Leser freilich nicht erwarten. Denn „Kafka am Strand“ steckt voller Grenzgänge, die sich nicht einfach auflösen lassen: Grenzgänge zwischen Erinnerungen und Gegenwart, Leben und Tod, Innen und Außen, zwischen Realitätsebenen, Geschlechtergrenzen, verschiedenen Seiten des Ichs, Zeiten…

Im Zentrum der Geschehnisse steht der Teenager Kafka Tamura, der von Zuhause ausreißt. Zuhause ist in Tokio bei seinem alleinerziehenden Vater, einem berühmten Bildhauer. Dieser hat Kafka eine düstere Prophezeiung gemacht – Kafka nimmt lieber Reißaus, bevor ihn sein Vater zu etwas machen kann, das er nicht sein möchte. Ohne im Vorfeld zu wissen, wohin er gehen soll, landet Kafka an einem Ort, den er zwar nicht aktiv gesucht hat, der ihm aber das Gefühl gibt, hier richtig zu sein. Es ist eine privat betriebene Bibliothek, in der Oshima und Saeki arbeiten. Oshima ist weder Mann noch Frau, Saeki lebt in ihren Erinnerungen und ist nur körperlich anwesend; gedanklich ist sie in der Vergangenheit bei ihrem verstorbenen Liebsten. Mit Saeki glaubt Kafka seine verschwundene Mutter getroffen zu haben.

In einer zweiten Erzählebene begegnet man dem 60-jährigen Nakata, der als Junge sein Gedächtnis verloren hat – ebenso wie die Dichte seines Schattens. Zwar ist Nakata nicht mehr fähig, zu lesen und sich außerhalb seines Viertels zu Recht zu finden, dafür kann er aber mit Katzen sprechen. Seine Sozialhilfe bessert er damit auf, verschwundene Katzen aufzuspüren. Doch eines Tages kreuzt ein Katzenmörder namens Johnny Walker seinen Weg – und drängt Nakata zu Dingen, die er unter normalen Umständen nie tun würde. Als Folge muss Nakata aus Tokio verschwinden, lässt Sardinen, Makrelen und Blutegel regnen und findet unversehens einen getreuen Helfer in dem Fernfahrer Hoshino. Als Ziel kristallisiert sich die Bibliothek heraus, in der sich Kafka gerade aufhält. Ein Kreis scheint sich zu schließen – denn auch Saeki hat nur einen halb so dichten Schatten wie andere Menschen.

Typisch Haruki Murakami werden auch philosophisch angehauchte Gespräche geführt; primär zwischen Oshima, der guten Seele der Bibliothek, und Kafka, wie z.B.

„Je dringender man etwas sucht, desto weniger findet man es. Aber wenn man einer Sache entkommen will, stößt man wie von selbst auf sie.“ (S. 215)

So wird Oshima zum Berater von Kafka, der sich in einer multiplen Krise befindet: Er verliebt sich zum ersten Mal unglücklich, wird eines Mordes verdächtigt, hat einen Gedächtnisaussetzer und weiß bald nicht mehr, wohin mit sich selbst. Die Dialoge zwischen Oshima und Kafka tragen die Handlung zwar nur bedingt weiter, sind aber dennoch unverzichtbar für den Charme, der „Kafka am Strand“ ausmacht. Ein bisschen verdutzt war ich trotzdem auf Seite 391, als ich auf das Tschechow Zitat „Wenn man im 1. Akt eine Pistole auf die Bühne bringt, muss sie im letzten Akt abgefeuert werden“ gestoßen bin. Dies hat der Autor auch in dem letzten Roman „1Q84“ als Aufhänger für eine Diskussion unter den Charakteren genutzt. Ging dem großen Haruki Murakami denn in „1Q84“ der Stoff für tiefschürfende Dialoge aus?

„Kafka am Strand“ kann gut und gerne als Märchen für Erwachsene durchgehen. Und die Moral von der Geschicht? Vielleicht diese hier:

„Es klingt platt, aber was geschehen wird, weiß man erst, wenn es wirklich geschehen ist. Mitunter sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen.“ (S. 475)

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Kafka am Strand“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), btb, München 2006, ISBN 978-3-442-73323-1

Samstag, 3. August 2013

„Paradies im Meer der Qualen“ von Michiko Ishimure

Zuerst spielen die Katzen in Minamata und den umliegenden Fischerdörfern verrückt: Sie gebärden sich wie wild, rennen sich an Mauern die Köpfe ein oder ertrinken im Meer. Doch nicht sehr viel später fühlen sich auch die Menschen seltsam: Die Hände werden taub, das Laufen und Sprechen fällt immer schwerer. Es folgen Erblindungen und Krämpfe. Manche armen Seelen können bald nur noch wie Hunde jaulen und sterben elendiglich.

Was wie aus einem Endzeitfilmchen entlehnt scheint, basiert leider auf realenen Geschehnissen. Denn als die Firma Chisso in den 50er Jahren quecksilberhaltige Abwässer ins Meer leitete, gelangte das Quecksilber in die Nahrungskette. Verseuchter Fisch ließ erst die Katzen sterben. Viele Fischer und deren Familienangehörigen starben, unzählige erlitten irreversible Schäden am zerebralen Nervensystem. Autopsien offenbarten Gehirne, die wie ein Schweizer Käse durchlöchert waren.

Michiko Ishimure, die in der Gegend von Minamata wohnte, hält in „Paradies im Meer der Qualen“ die tragischen Ereignisse fest. Denn nicht nur, dass die Familienmitglieder der Fischer krank werden, auch die Fische in der See werden immer weniger. So bleibt das Einkommen aus, das gerade so nötig wäre, um die Kranken zu versorgen. Da die Katzen tot sind, fallen Ratten über die Netze und Gerätschaften der Fischer her. Bald bleibt nichts weiter übrig, als auch noch das Arbeitsgerät zu verkaufen, um über die Runden zu kommen. Und die Firma Chisso zieht sich möglichst aus der Affäre. Kompensationszahlungen müssen hart erkämpft werden, ein Schuldeingeständnis wird erst Jahre später zugestanden.

Michiko Ishimure vereint in „Paradies im Meer der Qualen“ offizielle Dokumente und fiktive Beschreibungen von Betroffenen, die als beispielhaft gelten können. Bei knapp 1.500 offiziell anerkannten Todesopfern (Stand 1994) lassen sich die vielen schrecklichen Einzelschicksale nur erahnen. Hinzu kommen die zahllosen Kranken, die mit irreversiblen Schäden leben müssen und noch Jahrzehnte später um ihre Anerkennung als Minamata-Geschädigte kämpfen müssen.

Vor Michiko Ishimure kann man nur den Hut ziehen. Denn obwohl sie von diversen Seiten gedrängt wurde, ihr journalistisches Engagement für die Minamata-Kranken einzustellen, publizierte sie mit „Paradies im Meer der Qualen“ eine Anklage, die sich gegen einen ungezügelten Kapitalismus richtet, der ohne Rücksicht auf Verluste die Natur schädigt. Geradezu erpresserisch erscheint die Firma Chisso: Eine latente Drohung, den Standort in Minamata zu schließen, lässt viele Menschen verstummen, würde dies doch den Wegfall des Hauptarbeitgebers der Region bedeuten.

Trotzdem ist „Paradies im Meer der Qualen“ nicht mit enormer Bitterkeit geschrieben, schimmert doch überall die Sehnsucht der Betroffenen nach dem Meer, nach einem ursprünglichen Leben durch.

Bibliographische Angaben:
Ishimure, Michiko: „Paradies im Meer der Qualen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Insel Verlag, Frankfurt/Main & Leipzig 1995, ISBN 3-458-16725-0

Samstag, 16. Februar 2013

„Der Tempelbrand“ von Yukio Mishima

Am 2. Juli 1950 steckte der Zen-Novize Yoken Hayashi den Goldenen Pavillon, den Kinaku-ji in Kioto, in Brand. Der Tempel brannte komplett nieder – und Yoken Hayashi wurde zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt. Da ihm Schizophrenie und Verfolgungswahn attestiert wurden, kam er bereits früher frei. Yukio Mishima, der den Brandstifter im Gefängnis besucht hatte, veröffentlichte 1956 den Roman „Der Tempelbrand“, der auf dem Ereignis beruht, jedoch weithin fiktiv ist. Im selben Jahr starb Yoken Hayashi an Tuberkulose.

In Yukio Mishimas „Der Tempelbrand“ nimmt der Novize Mizoguchi den Platz von Yoken Hayashi ein. Wie dieser leidet Mizoguchi seit jeher unter seinem Stottern; fühlt sich wie ein Ausgestoßener. Sein Vater, ein Liebhaber der Goldenen Halle und Zen-Priester, weckt auch in Mizoguchi die Begeisterung für die Ästhetik des Bauwerks. Als der Vater stirbt, nimmt der Prior des Tempels Mizoguchi als Novize auf. Mizoguchi erliegt einer Obsession für die Schönheit der Halle, während er sich in der Alltagswelt kaum zu behaupten weiß. Sein Mitnovize Tsurukawa scheint auf der hellen Seite des Lebens zu stehen, während Mizoguchi sich auf der dunklen Seite verortet.

Als Mizoguchi den klumpfüßigen Kashiwagi kennen lernt, eröffnen sich ihm neue Perspektiven, zu seiner selbst empfundenen Hässlichkeit zu stehen. Kashiwagi ist ein Teufel, dem es gerade aufgrund seiner Behinderung gelingt, Frauen zu verführen, auszunehmen und vor den Kopf zu stoßen.

Mizoguchi fasst schließlich einen Entschluss: Nur eine Tat kann die Welt verändern – die Goldene Halle muss brennen.

Mishimas „Der Tempelbrand“ ist vielschichtig. Es wird nicht nur aufgezeigt, wie ein Außenseiter, der auf die meisten Menschen völlig unauffällig wirkt, zum Brandstifter wird. Mizoguchi und Kashiwagi diskutieren anhand der buddhistischen Erzählung „Nansen tötet die Katze“ die Rolle der Schönheit, als auch von Tat versus Erkenntnis. Trotz aller Liebe zur Ästhetik geht es auch recht brutal zu in „Der Tempelbrand“: Der Ikebana-Fan Kashiwagi schlägt sein Verehrerin, nachdem er Blumen arrangiert hat. Mizoguchi tritt einer schwangeren Prostituierten auf Anweisung ihres US-amerikanischen Freundes vor der Goldenen Halle so lange in den Bauch, bis sie eine Fehlgeburt erleidet.

Der Erfolg von Mishimas „Der Tempelbrand“ in Japan beruht aber nebst des spektakulären, realen Tempelbrands auch auf seiner Kritik am gelebten Zen-Buddhismus: Der Prior hält seine Novizen kurz, die Einnahmen des Tempels verprasst er im Geisha-Viertel Gion.

Ein bisschen gestört hat mich jedoch die Übersetzung des Japanologen Walter Donat. So kommen Begrifflichkeiten und Redwendungen vor, die gestelzt oder falsch übersetzt wirken. „Dank diesem Jucken würde sie später das Recht erwerben, gegen mich zu zeugen.“ (S. 241) heißt es da beispielsweise. „Gegen mich auszusagen“ war wohl nicht hochgestochen genug – aber wäre „gegen mich Zeugnis abzulegen“ nicht die bessere Alternative gewesen? Aus dem Rotlichtviertel wird auf S. 250 ein „Fremdenviertel“ – wäre nicht „Freudenviertel“ der passendere Ausdruck gewesen? Auch Sätze mit einem „Je, …“ einzuleiten mutet seltsam an, wenn damit eher ein „Tja“ gemeint ist.

Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Der Tempelbrand“, Goldmann, München 1988, ISBN 3-442-08933-6

Sonntag, 13. Januar 2013

„Verwandte des Lebens“ von Kenzaburo Oe

„Verwandte des Lebens“ oder im Spanischen „parientes de la vida“, das sind die traurigen Erlebnisse, die das Leben mit sich bringt. Die Hauptperson in Kenzaburo Oes Roman ist Marie Kuraki, der das Leben viel zu viele dieser traurigen Geschehnisse bereitet. Aus der Sicht des Ich-Erzählers K., seines Zeichens Autor und Vater des behinderten Hikari (sprich: Kenzaburo Oe selbst), wird die Lebensgeschichte von Marie rekapituliert.

Marie ist Mutter von zwei Söhnen. Der ältere der beiden, Musan, ist wie Hikari geistig behindert. Marie verlässt schließlich ihren Mann und ihren jüngeren Sohn Michio, um sich zusammen mit ihrer Mutter ausschließlich um Musan zu kümmern. Doch als Michio einen schweren Unfall erleidet und künftig an den Rollstuhl gefesselt ist, tun sich die Elternteile mit den beiden behinderten Kindern wieder zusammen. Diese Entscheidung hat fatale Folgen: Der lebensmüde Michio überredet Musan, zusammen mit ihm ans Meer zu fahren und sich dort in den Tod zu stürzen.

Die Eltern trifft der gemeinsame Selbstmord der Söhne hart: Marie trennt sich von ihrem Ehemann, vegetiert tageweise in ihrer Wohnung. Durch Unterstützung aus ihrem Umfeld lenkt sie sich mit der Organisation eines Theatergastspiels ab. Doch schließlich zieht es sie in eine christliche Sekte, die von „Väterchen Tutor“ geleitet wird. Mit dieser Sekte geht sie schließlich in die USA, von dort in eine Kommune nach Mexiko, wo sie unheilbar an Krebs erkrankt. Währenddessen säuft sich ihr in Japan zurückgelassener Ehemann zu Tode.

K. ist immer wieder Anlaufstelle von Marie. Er erhält sowohl von ihr als auch von ihrem Ehemann Briefe, er besucht sie, sie besucht ihn. Es ist ein loser Kontakt, aber K. ist immer in etwa auf dem Laufenden, wie es Marie geht. Beide sind sehr belesen und philosophieren über die Aussagen von Literaten, insbesondere von Flannery O’Connor. Doch auch darüber hinaus ist „Verwandte des Lebens“ gespickt mit Zitaten von und Diskussionen über die Aussagen von Literaten: Yeats, Fitzgerald, Dante, Balzac – um nur einige zu nennen. Balzacs „Der Landpfarrer“ steht Pate für Maries weitere Entwicklung. Genauso wie Balzacs Protagonistin Véronique wird auch Marie das Büßerhemd anlegen und sich für ihre Mitmenschen aufopfern, um im Tod  die Erlösung zu finden.

Der Lebensweg von Marie ist gepflastert mit philosophischen und metaphysischen Gedankengängen. Insbesondere Maries esoterische Sektenerfahrungen lesen sich enorm zäh. Auch erschließt sich einem nicht, wie Marie aus diesem Glauben tatsächlich Kraft schöpfen kann – dies scheint sie eher zu tun, wenn sie sich hemmungslosem Sex hingeben kann. Interessant für mich war dagegen vor allem die Diskussion über Verstehbarkeit und Spürbarkeit. Denn spürbar ist der Tod ihrer Kinder auf unangenehmste Weise; wohingegen der Tod wohl nie zu verstehen sein wird.

So ganz schlüssig bin ich mir nicht geworden, was ich von „Verwandte des Lebens“ halten soll. Das Geplapper über Literaturaussagen hat mich weniger gestört als beispielsweise in „Therapiestation“, wo diese Diskussionen einfach nicht zu den Protagonisten gepasst haben. Dennoch bleibt einem die Marie Kuraki ein Rätsel, insbesondere was ihre Auffassung vom Glauben als auch ihre Beziehung zu K. betrifft. Ist nicht immer eine latente, manchmal auch offensive Anmache K. gegenüber zu spüren, obwohl sie mit K.s Ehefrau befreundet ist?

Und was ist die Moral der Geschichte? Traurigkeit ist eine „Verwandte des Lebens“? Und Marie bleibt nichts anderes übrig, als sich zeitlebens zu verausgaben, um die Kluft zwischen Spürbarem und Verstehbarem mit dem Büßerhemd der Arbeit zu überdecken, sich einfach nur abzulenken?

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Verwandte des Lebens“, Bebra, Berlin 1994, ISBN 3-86124-184-6

Sonntag, 9. Dezember 2012

„Gold Rush“ von Miri Yu

Koganecho – die Stadt des Goldes – ist Yokohamas runtergekommenes Rotlichtviertel: Huren, Yakuza und Glückspieler tummeln sich dort. Und auch der Junge namens Kazuki streicht seit Jahren im Viertel umher. Sein Vater Hidetomo betreibt in Koganecho eine Pachinko-Halle, weswegen der Stadtteil zu Kazukis Heimat wird. Dort treibt er sich mit dem Yakuza Kanamoto rum und kehrt im Imbiss „Goldener Pavillon“ ein, deren Betreiber er Opa Sada und Oma Shige nennt. Doch Kazuki ist nicht mehr der kleine Junge, den die Prostituierten gerne auf den Schoß nahmen und schaukelten. Mit 14 Jahren ist er mehr als unzugänglich, nimmt Drogen, schwänzt die Schule und spielt sich in der Spielhalle seines Vaters als Chef auf. Wenn seine Angst und Wut aufeinanderprallen, entlädt sich Kazukis Gewaltpotenzial: So erschlägt er eines Tages mit dem Golfschläger einen der beiden Dobermänner seines Vaters, verletzt den anderen so schwer, dass er eingeschläfert werden muss.

Kazukis Familienverhältnisse sind alles andere als harmonisch: Seine Mutter hat die Familie verlassen. Kazukis älterer Bruder Koki ist geistig behindert und benötigt permanente Pflege. Seine ältere Schwester Miho treibt sich wie Kazuki in der Stadt herum; schläft für Geld mit älteren Männern, um der eigenen Leere zu entkommen. Hidetomo schlägt seine provokante Tochter vor den Söhnen, die unfähig sind, einzuschreiten. Hidetomo betrachtet Kazuki als seinen Erben und verrät ihm das Versteck für das an der Steuer vorbei gehortete Gold.

Als Hidetomo Kazuki droht, ihn in die Obhut eines strengen Lehrers zu geben, sieht Kazuki rot. Wut und Angst prallen aufeinander und er tötet den despotischen Vater mit einem  Samurai-Schwert, verscharrt den Leichnam im Keller. Endlich ist der Störenfried beseitigt, der ein harmonisches Familienleben unmöglich machte. Kazuki träumt von einer liebevollen Familie – doch ob sich dies vor dem Hintergrund des Mordes realisieren lässt?

Die Autorin Miri Yu wurde von dem Fall des Schülers Sakakibara so aufgewühlt, dass sie mit „Gold Rush“ eventuelle Gemeinsamkeiten mit Gewalttätern ausloten wollte. Sakakibara ermordete 14-jährig eine 10-jährige Schülerin und einen 11-jährigen geistig behinderten Jungen in Kobe. Seine Morde bezeichnete er als Spiel. In den Ermittlungsakten wurde Sakakibara als Junge A geführt. Miri Yu nimmt dies auf und spricht über Kazuki meist von „dem Jungen“.

Doch auch eigene Erlebnisse der Autorin fließen in „Gold Rush“ mit ein: Ihr Vater arbeitete ebenfalls in einer Pachinko-Halle in Koganecho, sie selbst verbrachte als Jugendliche ihre Freizeit in diesem Rotlichtviertel. Familiäre Gewalt erlebte sie zur Genüge. Daher machte sie ähnliche Erfahrungen wie Kazukis Familie: Wenn die Kommunikation scheitert, dann bleibt als letztes Mittel die Gewalt.

„Gold Rush“ ist sicherlich keine Belletristik im wörtlichen Sinn: Denn schön ist die Auseinandersetzung mit einem minderjährigen Mörder, der in Rage gebracht zu Gewaltexzessen neigt, sicherlich nicht. Doch legt die Autorin den Finger in die Wunde: Wenn der Vater Probleme mit Gewalt löst und dem Sohn vorlebt, dass dies Macht verschafft, scheint der Junge ein zu guter Schüler zu sein, wenn er schließlich den Vater tötet. Der Junge bleibt dennoch ein Kind – wünscht er sich doch nichts anderes als familiäre Geborgenheit.

Bibliographische Angaben:
Yu, Miri: „Gold Rush“, be.bra Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86124-911-5

Montag, 11. Juni 2012

„Der kluge Regenbaum“ von Kenzaburo Oe

Der Band „Der kluge Regenbaum“ enthält vier Erzählungen des Literaturnobelpreisträgers Kenzaburo Oe. Kernstück bildet darin „Der Sündenbock“ mit rund 110 Seiten Umfang: „Der Sündenbock“ und Ich-Erzähler ist auf der Flucht. Denn er mag seinem Schicksal als Sündenbock entfliehen, das ihm in seinem japanischen Heimatdorf zugeschrieben wurde. Deswegen taucht er in Mexiko City unter. Als er auf einen japanischen Professor in der Fremde trifft, erzählt er ihm seine Lebensgeschichte, die man dem Protagonisten abnehmen oder in Zweifel ziehen kann. Interessant ist an „Der Sündenbock“ vor allem die Erzählweise als Monolog, der auch die Beobachtung des Verhaltens des Professors und des Rotlichtmilieus von Mexiko City einschließt.

„Der kluge Regenbaum“ ist die kurze Geschichte über eine Party auf Hawaii. Teilnehmer eines internationalen Symposiums werden in eine Villa geladen, die als Sanatorium für psychisch Kranke konzipiert wurde. Doch irgendetwas geht an diesem Abend nicht mit rechten Dingen zu…

„Angui, das Himmelsungeheuer“ war Kenzaburo Oes erste Erzählung, die die Behinderung eines Neugeborenen thematisierte und erschien sechs Monate nach der Geburt von Kenzaburo Oes behindertem Sohn Hikari (auch enthalten in dem Erzählband „Das verhasste Alter“): Nach dem Tod seines anscheinend behinderten Kindes fällt ein Komponist in eine schwere Depression und in den Wahn, ein Wesen aus dem Himmel namens Angui komme ihn hin und wieder besuchen. Der Ich-Erzähler, ein Student, ergattert den einträglichen Nebenjob, mit dem Komponist durch die Stadt zu streifen und Erledigungen für ihn zu übernehmen. Er wird dabei Zeuge eines dieser dubiosen Besuche und kommt dem Komponisten langsam auf die Schliche, was es mit den Erscheinungen auf sich haben könnte.

„Vom Flusspferd gebissen“ wurde ein vager Bekannter des Ich-Erzählers, als er in Uganda weilte. Dies liest der Erzähler in einer Zeitung und lässt seine Gedanken schweifen, wie er Briefkontakt zu diesem Bekannten aufgenommen hatte, der sich in der links-radikalen Szene bewegte – und eine bestimmte Nähe zur Funktion der Flusspferde im Ökosystem hatte…

Der Erzählband „Der kluge Regenbaum“ umfasst ein ganzes Spektrum der Themen Kenzaburo Oes: Behinderung, Depression, die dörfliche Gemeinschaft und Auseinandersetzung mit Extremismus. Meine Lieblingserzählung bleibt jedoch „Angui, das Himmelsungeheuer“, die trotz des schweren Themas eine fantastisch anmutende Leichtigkeit ausstrahlt.

Mittwoch, 23. Mai 2012

„Urlaub für die Ewigkeit“ von Akira Abe

Der Protagonist Teisuke in „Urlaub für die Ewigkeit“ erlebt gerade wahrlich keine schöne Zeit: Seinem Vater ist unheilbarer Krebs attestiert worden, die Ärzte geben ihm nur noch wenige Monate zu leben. Dem Vater soll die Diagnose verschwiegen werden, was Teisuke irgendwie gerade recht kommt: So kann er weiterhin abends mit seinen Kollegen saufen gehen und sein distanziertes Verhältnis zum Vater beibehalten. So richtig entsetzt über den baldigen Krebstod ist die unmittelbare Verwandtschaft ebenfalls nicht: Für die eigene Ehefrau, die der Vater seit jeher wie eine Sklavin herumkommandiert hatte, wäre sein Tod eine Befreiung. Und der zweitgeborene Sohn Ryoji war ohnehin seit Jahren mit ihm verstritten.

In Rückblenden erzählt Teisuke von dem sehr unschönen Familienleben während der letzten 30 Jahre: Der versoffene Vater hatte als ehemaliger Marineoffizier nach dem Krieg nie wieder Fuß fassen können und als Arbeitsloser von den illegalen Geschäften Ryojis gelebt. Als Ryojis verzweifelte Versuche, Geld für die Familie aufzubringen, aufflogen, verstieß der Vater seinen Sohn. Den erstgeborenen, bereits verstorbenen Sohn hatte er aufgrund dessen geistiger Behinderung kastrieren lassen. Und die Mutter behandelte er wie einen Fußabstreifer. Da war Teisuke, der drittgeborene Sohn, noch am besten weggekommen.

„Urlaub für die Ewigkeit“ wirft die Frage auf, ob man einem Familientyrann vor dessen Tod vergeben kann. Gerade einmal die Schwiegertöchter sind fähig, dem Sterbenden gegenüber den traditionellen Respekt einem Familienoberhaupt gegenüber zu bewahren.

Die autobiographisch gefärbte Erzählung von Akira Abe schildert eine wahrlich tragische Familienhistorie, die viele Aspekte japanischer Sozialgeschichte in sich birgt: Soldaten, die nach dem Krieg wertlos geworden sind und sich in einer entmilitarisierten Gesellschaft nicht mehr zu Recht finden. Patriarchalische Familienoberhäupter, die die Zeichen des Wandels nicht erkennen. Und Söhne, die während des Krieges ohne Väter aufwachsen.

Donnerstag, 17. Mai 2012

„Engel ohne Flügel“ von Tatsuo Matsushiro

Tatsuo Matsushiro erzählt in „Engel ohne Flügel“ von einem normalen Tag einer nicht ganz gewöhnlichen vierköpfigen Familie: Mutter, Vater, der ältere Sohn und im Zentrum der Geschehnisse der geistig behinderte Akira. Akira, dem die Ärzte nach seiner Geburt fast keine Überlebenschance gegeben haben, ist inzwischen sechs Jahre geworden; ist psychisch jedoch auf dem Stand eines Einjährigen und physisch entwickelt wie ein dreijähriges Kind. Der kleine Kerl hat jedoch auch Glück gehabt: Er ist in genau die richtige Familie hineingeboren worden, die ihn aufrichtig liebt und ihm alles und jedes verzeiht. Da mag er noch so oft auf den Boden des Badezimmers pinkeln und die Bücher seines Vaters abschlecken.

Erzählt wird „Engel ohne Flügel“ jedoch aus der Sicht der Mutter, die die größte Verantwortung in Akiras Pflege zu tragen hat. Ihr geliebter Aki-chan löst in ihr oft ambivalente Gefühle aus: Einerseits weiß sie, dass sie sich nicht allzu viel Hoffnung auf seine weitere Entwicklung machen soll. Doch gleichzeitig hofft sie, dass er doch irgendwann zu sprechen beginnt – wie schön wäre es doch, wenn er sie eines Tages Mama nennen würde. Einerseits überlegt sie zusammen mit Akiras Vater, ob er nicht besser in einem Heim aufgehoben wäre. Doch es bricht ihr das Herz bei dem Gedanken, ohne ihren Aki-chan zu sein.

„Engel ohne Flügel“ ist trotz der eigentlich betrüblichen Situation, dass Akira wahrscheinlich niemals eigenständig leben werden kann, ein sehr positives Buch. Denn der kleine Racker wird nicht als Belastung empfunden, sondern als liebenswürdiges Mitglied der Familie.

Montag, 27. Februar 2012

„Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ von Yoko Ogawa

Der Februar 2012 ist ein fantastischer Monat für die ins Deutsche übersetzte japanische Literatur. Denn neben einer Neuerscheinung von Banana Yoshimoto dürfen wir uns über die Veröffentlichung von Yoko Ogawas „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ freuen. Yoko Ogawa, die vor allem bekannt ist für leicht schaudrig-eklige Charaktere und Situationen, weicht mit ihrem neuen Roman etwas von diesem Konzept ab, bleibt aber skurril:

Eine namenlose, allein stehende Haushälterin wird durch ihre Agentur einem neuen Auftraggeber zugeteilt. Die patente Frau, die schon so einige Marotten vorheriger Dienstherren erlebt hat, muss sich nun einer besonders kuriosen Herausforderung stellen. Der Mathematik-Professor, für den sie künftig tätig sein soll, kann sich zwar an die Zeit vor seinem schweren Autounfall vor Jahren erinnern. Doch sein Gedächtnis reicht in der Jetzt-Zeit gerade mal 80 Minuten zurück. Somit hat die Haushälterin sich jeden Morgen erneut vorzustellen und dieselben Fragen des Professors zu beantworten. Der Mathematiker befragt sie jedoch nie nach Persönlichem, sondern nach Dingen, die sie nur mit Zahlen beantworten kann: Was ist ihre Schuhgröße? Wie viel hat sie bei der Geburt gewogen? Wann ist ihr Geburtstag? Die Antwort nimmt der Professor zum Anlass, um über sein Lieblingsthema, die Mathematik und die Welt der Zahlen, zu sprechen. Denn die Mathematik erachtet er als die ästhetisch-geordnete Wahrheit, die im Hintergrund der Alltäglichkeit existiert. Der Leser erhält so einen anschaulichen Einblick in die Schönheit der Primzahlen; in Teiler, die Zahlen in Freundschaft verbinden und in die klare Stringenz mathematischer Beweise.

Doch der Professor hat auch ein weiteres Faible: Er liebt Kinder und drängt seine Haushälterin dazu, ihren Sohn nach der Schule mit in seinen Haushalt zu bringen, obwohl dies gegen die Bedingungen der Agentur verstößt. Der Professor schließt den Sohn, den er aufgrund eines besonders flachen Schädels „Root“ nach dem Wurzelzeichen benennt, jeden Tag aufs Neue ins Herz. Der zusammen gewürfelte drei-Generationen-Haushalt verlebt trotz des täglichen Resets immer wieder schöne Tage. Doch als die Haushälterin einmal mehr die Agenturregeln bricht, scheint die seltsame Idylle ein Ende zu haben.

In Zeiten einer alternden Gesellschaft ist Yoko Ogawas „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ im Hinblick auf Demenz-Krankheiten ein Buch, das Mut macht: Trotz des völlig gestörten Kurzzeitgedächtnisses des Professors finden die Protagonisten Mittel und Wege, ein gemeinsames, harmonisches Miteinander möglich zu machen. Die gegenseitige Sympathie wohnt den Menschen inne und wird nicht an gemeinsame Erinnerungen geknüpft. Zwar zieht sich der Professor auch gerne in die Mathematik zurück, lässt die Haushälterin und ihren Sohn aber an dieser anderen Welt teilhaben und weckt gar noch die Begeisterung für die verborgene Magie der Zahlen.

Sonntag, 26. Februar 2012

„Im Tempel der Wildgänse“ von Tsutomu Mizukami

Nach dem Tod des Malers Nangaku lebt dessen Geliebte Satoko fortan „Im Tempel der Wildgänse“. Nanagaku hatte in dem Zen-Tempel, der von dem Mönch Jikai geführt wird, besonders lebensechte Bilder von Gänsen gemalt und so einige Schäferstündchen mit Satoko verbracht. Als er im Sterben liegt, bittet er Jikai sich um die hübsche Satoko zu kümmern – wohl wissend, dass der Mönch schon immer ein Auge auf die Schöne geworfen hatte.

Der Tempelalltag ist für Satoko alles andere als keusch und besinnlich: Die wilde Ehe von Satoko und Jikai ist vor allem von Jikais unermüdlichen sexuellen Trieb geprägt. Die religiösen Pflichten und Arbeiten im Tempel muss währenddessen der kleinwüchsige Novize Jinen übernehmen.

Satoko fühlt in Jinens Gegenwart regelmäßig einen unangenehmen Schauer: Sie kann den undurchsichtigen Jungen mit dem deformierten Schädel nicht durchschauen. Und hat er sie nicht auch schon beim Sex mit Jikai beobachtet? Als eines Tages Jikai von einem kleinen Ausflug in einen benachbarten Tempel nicht zurückkehrt, kann sich zunächst niemand einen Reim darauf machen.

„Im Tempel der Wildgänse“ von Tsutomu Mizukami wurde in Japan zum Bestseller. Als fesselnden Krimi kann man den Roman eher nicht bezeichnen – irgendwie ist recht schnell klar, was geschehen sein könnte. Dafür zeichnet sich die Handlung viel mehr durch die Beschreibung des Alltags und der Zeremonien im Zen-Kloster aus. Tsutomu Mizukami, der selbst Zen-Novize war, weiß wovon er hier schreibt und eröffnet einen Blick hinter Klostertüren, die weit mehr Preis geben als andächtige Gebete.

Sonntag, 9. Oktober 2011

„Das verhasste Alter“ von Fumio Niwa, Kenzaburo Oe, Masuji Ibuse etc.

Der vom Volk und Welt Verlag herausgegebene Band „Das verhasste Alter“ aus der Spektrum-Reihe enthält sechs Erzählungen der japanischen Autoren Masuji Ibuse, Fumio Niwa, Shotaro Yasuoka, Kenzaburo Oe, Taeko Kono und Yoshikichi Furui.

Masuji Ibuse beschreibt das „Leben bei Herrn Tange“. Herr Tange hat einen etwas nichtsnutzigen Diener, der hin und wieder gezüchtigt werden muss. Darüber hinaus geschieht in der kurzen Erzählung allerdings nicht allzu viel, sie gibt vielmehr einen kleinen Einblick in japanisches Alltagsleben zu Beginn des letzten Jahrhunderts.

Fumio Niwas Erzählung „Das verhasste Alter“ steht Pate für den gesamten Erzählband. Der Autor skizziert die Schwierigkeiten mit der Versorgung demenzkranker Angehöriger in den Nachkriegsjahren; sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Die Verwandlung eines geliebten Menschen in eine Last wird eindrucksvoll dargestellt.

„Die Frau des Pfandleihers“ von Shotaro Yasuoka erzählt von einem Studenten in den ersten Kriegsjahren, der das Leben genießen kann, solange er noch nicht eingezogen ist.

Kenzaburo Oes „Angui, das Himmelsungeheuer“ ist für mich die lohnenswerteste unter den Erzählungen. Nach dem Tod seines anscheinend behinderten Kindes fällt ein Komponist in eine schwere Depression und in den Wahn, ein Wesen aus dem Himmel komme ihn hin und wieder besuchen. Der Ich-Erzähler, ein Student, ergattert den einträglichen Nebenjob, mit dem Komponist durch die Stadt zu streifen und Erledigungen für ihn zu übernehmen. „Angui, das Himmelsungeheuer“ enthält sehr komprimiert die wesentlichen Oe-Themen Behinderung, Depression und Selbstmord, die mit ein bisschen Phantastik angereichert werden.

„Fleischbröckchen“ von Taeko Kono ist die skurrile Geschichte einer Trennung. Nachdem der Mann die Frau verlassen hat, verliert sie ihren Geschmackssinn. Während der Beziehung hatte sich noch so gerne mit ihrem damaligen Partner geschlemmt. Am liebsten würde sie nun alles verbrennen, das an den Mann erinnert: Seine zurückgelassenen Besitztümer, ihre Wohnung, ja gar sich selbst.

Mit „Ehebande“ studiert Yoshikichi Furui das Beziehungsgeflecht zwischen den Ehepartnern Hisao und Reiko. Hisao fängt sich eine Sommergrippe ein und ist eine Woche krankgeschrieben. Dies gibt ihm die Gelegenheit, das Alltagsleben in seiner Wohnsiedlung von einer ungewohnten Seite zu erleben und seine Beziehung zu Reiko auf den Prüfstand zu stellen. Zieht sich denn schon ein Riss durch die Ehe?

„Das verhasste Alter“ ist nur noch als Gebrauchtbuch erhältlich, dafür jedoch sehr preisgünstig. Die Anschaffung lohnt vor allem aufgrund Kenzaburo Oes Erzählung „Angui, das Himmelsungeheuer“ und Fumio Niwas „Das verhasste Alter“.

Montag, 20. Juni 2011

„Die Dichterin und die Masken“/“Frauen, Masken“ von Fumiko Enchi

„Die Dichterin und die Masken“ (auch erschienen als „Frauen, Masken“) von Fumiko Enchi ist die drei Teile „Ryo No Onna“, „Masugami“ und „Fukai“ aufgeteilt. Diese japanischen Namen stehen für Masken der weiblichen Figuren des No-Theaters (das No-Theater wird traditionell von Männern gespielt, die Darsteller tragen meist Masken).

Die „Ryo No Onna“-Maske steht für den rachsüchtigen Geist einer älteren Frau, die noch nach dem Tod von ihrer unglücklichen Liebe geplagt wird. Die rachsüchtige Frau in „Die Dichterin und die Masken“ ist Mieko: Mieko war lange Zeit unglücklich verheiratet und unglücklich verliebt. Zwischenzeitlich hat die Witwe ihren Sohn Akio bei einem Lawinenunglück verloren und bildet eine enge Allianz mit ihrer Schwiegertochter Yasuko. Die Wissenschaftler Ibuki und Mikame verlieben sich beide in Yasuko und werden in die Pläne der starken Mieko und ihrer ergebenen Schwiegertochter hineingezogen. Besitzt Mieko eine uralte weibliche Stärke, die auf schamanistischem Wissen beruht und sie befähigt, Menschen zu manipulieren?

„Masugami“ ist die Maske einer jungen, wahnsinnigen Frau – diese Person wird in „Die Dichterin und die Masken“ von Harume verkörpert. Harume ist die Zwillingsschwester von Miekos totem Sohn Akio. Schon in der Gebärmutter erlitt Harume einen Hirnschaden, da Akio ihr den Platz raubte. Harume wird zum Instrument von Miekos Plänen mit Ibuki.

In „Fukai“ (der Maske einer bekümmerten, resignierten älteren Frau) wird die Geschichte rund um weibliche Rache und Macht schließlich aufgelöst.

„Die Dichterin und die Masken“ gewinnt erst auf den zweiten Blick einen besonderen Reiz. Denn die Details rund um das No-Theater und Miekos Deutungsversuche des japanischen Klassikers „Die Geschichte des Prinzen Genji“ sind für Japan-Unkundige etwas ermüdend. Doch sowohl die Masken des No-Theaters als auch Miekos Artikel über die Frauen in Prinz Genjis Leben sind ein Spiegelbild der Psyche der verschlossenen Mieko.

Fumiko Enchi schildert die Unterdrückung der Frau, die kein Anrecht auf Unabhängigkeit hat. Doch irgendwo im Verborgenen lauert die weibliche Stärke, die im Hintergrund doch die Fäden zieht…

Hier geht es zu einem tollen Artikel von Wayne Pounds, der intensiv auf die geheimen, übernatürlichen Energien von Mieko eingeht. Aber Achtung: Der Text ist ein ziemlicher Spoiler für die, die das Buch noch lesen möchten.

Donnerstag, 16. Juni 2011

„Der stumme Schrei“/„Die Brüder Nedokoro“ von Kenzaburo Oe

Kenzaburo Oes „Der stumme Schrei“ um die ungleichen Brüder Nedokoro ist alles andere als leichte Kost. Der Roman, der auch als „Die Brüder Nedokoro“ erschien, beginnt damit, dass Mitsu, der ältere Bruder, sich im Pyjama, seinen stinkenden Hund unter den Arm geklemmt, in eine matschige Grube setzt und über die vergangene Zeit reflektiert: Sein Sohn kommt behindert auf die Welt und besitzt das Reaktionsvermögen einer Pflanze. Seine Frau betrinkt sich unaufhörlich. Sein bester Freund hat sich erhängt: Nackt, das Gesicht rot angemalt, mit einer Gurke im Hintern. Mitsu hat völlig resigniert, jeder Tag beginnt mit Angst, am liebsten würde er nur noch schlafen:

„Das wüste bittere Gift in meinem schmerzenden Körper vermehrt sich und droht, langsam wie Gelee aus einer Tube aus Ohren und Augen, Nase und Mund, After und Harnröhre hervorzuquellen…“ (S. 6)

Als Takashi, der jüngere Bruder und ehemaliger Studentenrevoluzzer, aus den USA nach Japan zurückkehrt, schlägt er Mitsu vor, gemeinsam für eine Weile in das Heimatdorf ihres Urgroßvaters nach Shikoku zu gehen.

Während Unruhen hatte der Urgroßvater einst seinen eigenen Bruder getötet, der der Rädelsführer des Aufstands war. Das Schicksal wird sich drei Generationen später wiederholen.

Wer Oes „Reißt die Knospen ab..“ mochte, wird von „Der stumme Schrei“ sicherlich enttäuscht sein. Der phlegmatische, passive Mitsu zieht den Leser glatt mit in seine Depression. Die Motive des aufwieglerischen Takashi sind genauso unzugänglich wie der von Selbstmitleid zerfressene Mitsu.

Interpretationsmöglichkeiten bietet „Der stumme Schrei“ sicherlich genug – aber ehrlich gesagt: Wären alle Oe-Bücher derartig anstrengend und depressiv, hätte ich bestimmt keines mehr gelesen. Wirklich alles andere als leichte Kost…