Im Jahr 1782 kam die Shinsho-maru vom Kurs ab; nach monatelanger Irrfahrt trieb das fast navigationsunfähige Handelsschiff auf die Küste der Aleuten-Insel Amtschitka (= Amchitka; damals noch unter russischer Verwaltung) zu. Yasushi Inoue erzählt mit „Der Sturm“ die wahre Geschichte der Besatzung rund um Kapitän Kodayu nach.
Zwar ist die Freude der Schiffbrüchigen groß, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen spüren, doch der Schock soll bald folgen: Aufgrund der widrigen Witterungsbedingungen zerschellt ihr Schiff vor Amtschitka – und so werden die Hoffnungen auf baldige Rückkehr nach Japan zerstört. Es gilt, sich zunächst mit den russischen Felljägern, die auf ihre Ablösung hinharren, und den Eingeborenen von Amtschitka zu arrangieren.
Die harten Winter finden ihre Opfer unter den Besatzungsmitgliedern, doch schließlich soll die Ablösung für die Russen endlich kommen. Freude macht sich breit, Amtschitka verlassen zu können, doch erneut soll ein Schiff vor der Insel zerschellen. Kodayu, seine Mannschaft und die Russen wollen nun ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen und mit einem selbstgebauten Schiff aufs Festland übersetzen. Kodayu hofft, hier von der russischen Regierung Hilfe für eine Rückkehr nach Japan zu bekommen. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen extrem langsam: In Irkutsk halten sich die Japaner besonders lang auf und erhalten zunächst die Weisung, als Japanisch-Lehrer tätig zu werden – ihr Wunsch auf Rückkehr wird abgelehnt.
Das restliche Häuflein der japanischen Überlebenden arrangiert sich unterschiedlich mit der Situation: Shozo, der wegen Erfrierungen ein Bein verloren hat, findet beispielsweise im Christentum seinen Trost. Der Weiberheld Shinzo lässt sich von der Witwe Nina verwöhnen. Der wissbegierige Isokichi geht dem Geologen Laxman zur Hand. Und Kodayu nimmt sich den Wissenschaftler Laxman zum Vorbild und dokumentiert seine Erlebnisse. Kyuemon dagegen mag sich überhaupt nicht mit dem Leben in Russland anfreunden und wünscht sich nichts sehnlicher, als in seiner Heimat Ise begraben zu werden. Die Männer können nicht ahnen, dass sich Japan zwischenzeitlich immer stärker abschottet.
Auf Anraten Laxmans begibt sich Kodayu in dessen Begleitung nach Sankt Petersburg. Die letzte Hoffnung auf Rückkehr besteht darin, niemand Geringerem als der Zarin Katharina höchstpersönlich das Gesuch der Japaner zu unterbreiten.
Leider liest sich Yasushi Inoues Roman anfangs recht dröge und zu dokumentarisch. Die Leiden und Gefühle der Schiffsbesatzung kommen fast gar nicht zu Geltung. Erst als die sehr zusammengeschrumpfte Mannschaft in Irkutsk angekommen ist, wird auf die einzelnen Charaktere intensiver eingegangen. Der lineare zeitliche Aufbau trägt zudem dazu bei, dass man sich wenig in die Geschichte hineingezogen fühlt. Wer sich ein Quäntchen Spannung bei der Lektüre erhalten möchte, sollte das Vorwort links liegen lassen und direkt in den Roman einsteigen. Denn nur so bleibt die große Frage offen: Wird es den Japanern gelingen, wieder in ihre Heimat zurückzukehren?
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Der Sturm“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mrugalla, Andreas), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40678-7
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Freitag, 30. Januar 2015
Samstag, 9. August 2014
„Shirobamba“ von Yasushi Inoue
Als „Shirobamba“ bezeichnen die Dorfkinder von Yugashima die Insekten, die in der beginnenden Dämmerung weiß wirken und dann immer bläulicher erscheinen. Tendiert die Farbe der Shirobamba zum Blau, ist es höchste Zeit für die Kinder, nach Hause zum Abendessen zu gehen. Kosaku ist meist der letzte, der heim zu seiner Oma Onui aufbricht.
Kosaku ist der Augapfel von Oma Onui und lebt wie ein kleiner Prinz. Doch eigentlich ist er mit Oma Onui noch nicht einmal blutsverwandt. Sie ist die Nebenfrau von Kosakus verstorbenen Urgroßvater. Und der Urgroßvater hatte wiederum Kosakus Großvater adoptiert. Kosaku wächst mit seiner gleichaltrigen Tante auf; auch die weiteren Tanten und Onkel betrachtet er eher wie seine Geschwister. So sind in der Familie die offiziellen Blutsbande schon fast vernachlässigbar. Zwischen dem Haupthaus und Oma Onui, die zusammen mit Kosaku im Lagerhaus lebt, gärt es seit jeher - und insbesondere als Oma Onui Kosaku für sich vereinnahmt hat, ist die Situation gespannt.
Yasushi Inoue erzählt mit „Shirobamba“ seine eigene Kindheitsgeschichte, die in den Jahren 1915/1916 angesiedelt ist. Aus der kindlichen Perspektive des Kosaku werden die Beziehungen von Oma Onui und der Familie im Oberhaus beleuchtet, die großen und kleinen Probleme der Kinder illustriert und die Feste, die bei den Kindern für Aufregung sorgen, beschrieben. Kosaku erzählt mit seiner naiven Logik, die dem Leser auf ihre eigene Weise schlüssig erscheint, aber doch oft eine gewisse Komik mittransportiert. So fragt der kleine Kosaku die Urgroßmutter, die mal wieder über ihre alte Rivalin Oma Onui schimpft, allen Ernstes:
Dass jemand in dem hohen Alter der Urgroßmutter, runzlig und gebückt, noch immer am Leben ist, ist doch auch wirklich erstaunlich… Nichtsdestotrotz wird die Tonalität in „Shirobamba“ nie verletzend, selbst wenn der Finger in die Wunde gelegt wird. Was die Urgroßmutter Shina betrifft:
Doch der verzogene Lausebengel hat es nicht nur einfach: Mit Oma Onui macht er sich auf einen Besuch bei seinen Eltern und fühlt sich erst einmal wie ein Fremder. Ohnehin kommt er sich in den größeren Städten wie ein Dorftrampel vor. Und da ist auch noch seine Tante Sakiko, der Kosaku zärtlich zugetan ist. Doch in deren Leben tritt bald ein Mann, auf den Kosaku natürlich eifersüchtig ist.
Mit „Shirobamba“ reiht Yasushi Inoue kleine, herzerfrischende Kindheitsepisoden aneinander. Ins Deutsche übersetzt wurde jedoch nur der erste Teil von Yasushi Inoues Werk. Bleibt die Hoffnung, dass der zweite irgendwann doch noch übersetzt wird.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Shirobamba“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bollinger, Richmod), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40730-9
Kosaku ist der Augapfel von Oma Onui und lebt wie ein kleiner Prinz. Doch eigentlich ist er mit Oma Onui noch nicht einmal blutsverwandt. Sie ist die Nebenfrau von Kosakus verstorbenen Urgroßvater. Und der Urgroßvater hatte wiederum Kosakus Großvater adoptiert. Kosaku wächst mit seiner gleichaltrigen Tante auf; auch die weiteren Tanten und Onkel betrachtet er eher wie seine Geschwister. So sind in der Familie die offiziellen Blutsbande schon fast vernachlässigbar. Zwischen dem Haupthaus und Oma Onui, die zusammen mit Kosaku im Lagerhaus lebt, gärt es seit jeher - und insbesondere als Oma Onui Kosaku für sich vereinnahmt hat, ist die Situation gespannt.
Yasushi Inoue erzählt mit „Shirobamba“ seine eigene Kindheitsgeschichte, die in den Jahren 1915/1916 angesiedelt ist. Aus der kindlichen Perspektive des Kosaku werden die Beziehungen von Oma Onui und der Familie im Oberhaus beleuchtet, die großen und kleinen Probleme der Kinder illustriert und die Feste, die bei den Kindern für Aufregung sorgen, beschrieben. Kosaku erzählt mit seiner naiven Logik, die dem Leser auf ihre eigene Weise schlüssig erscheint, aber doch oft eine gewisse Komik mittransportiert. So fragt der kleine Kosaku die Urgroßmutter, die mal wieder über ihre alte Rivalin Oma Onui schimpft, allen Ernstes:
„Oma, du bist doch schon so alt, stirbst du da nicht mal? Wann stirbst du denn?“ (S. 12)
Dass jemand in dem hohen Alter der Urgroßmutter, runzlig und gebückt, noch immer am Leben ist, ist doch auch wirklich erstaunlich… Nichtsdestotrotz wird die Tonalität in „Shirobamba“ nie verletzend, selbst wenn der Finger in die Wunde gelegt wird. Was die Urgroßmutter Shina betrifft:
„Shina [...] hatte, seit sie als Braut ins Haus gekommen war, kein einziges Mal die Küche betreten. Bestenfalls konnte man sie als weltfremde, sanfte Dame bezeichnen, genauso gut hätte man aber auch sagen können, dass sie überhaupt nichts taugte.“ (S. 13)
Doch der verzogene Lausebengel hat es nicht nur einfach: Mit Oma Onui macht er sich auf einen Besuch bei seinen Eltern und fühlt sich erst einmal wie ein Fremder. Ohnehin kommt er sich in den größeren Städten wie ein Dorftrampel vor. Und da ist auch noch seine Tante Sakiko, der Kosaku zärtlich zugetan ist. Doch in deren Leben tritt bald ein Mann, auf den Kosaku natürlich eifersüchtig ist.
Mit „Shirobamba“ reiht Yasushi Inoue kleine, herzerfrischende Kindheitsepisoden aneinander. Ins Deutsche übersetzt wurde jedoch nur der erste Teil von Yasushi Inoues Werk. Bleibt die Hoffnung, dass der zweite irgendwann doch noch übersetzt wird.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Shirobamba“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bollinger, Richmod), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40730-9
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Yasushi Inoue
Freitag, 20. Juni 2014
„Der Tod des Teemeisters“ von Yasushi Inoue
Ich habe mich ja schon des Öfteren als Fan von Nachworten geoutet. In Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“ vermisse ich das Nachwort besonders arg. Denn der Roman handelt von Rikyu, dem wohl bekanntesten japanischen Teemeister des 16. Jahrhunderts, und setzt sowohl Wissen um die historischen Gestalten voraus, als auch eine Ahnung von dem, was man als „Teeweg“ bezeichnen mag.
Auch wenn mich Shin Nakagawas „Kyoto – Klänge des Kosmos“ ein bisschen enttäuscht hatte, so war ich nun doch ganz glücklich, gute 15 Seiten über Rikyu und seine Philosophie des Teewegs nochmals nachlesen zu können. Dazu aber später gleich noch mehr.
Zurück zu Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“: In sechs Kapiteln lässt der Autor seinen Erzähler Honkakubo zu Wort kommen. Honkakubo diente einst Rikyu, erlebte mehrere Teezeremonien mit und war entsetzt, als sein Meister vom Taiko Hideyoshi in die Verbannung geschickt wurde. Umso schlimmer traf ihn, als der Taiko Rikyu den Befehl zum Seppuku gab – und der Teemeister sich, ohne Einspruch zu erheben, mit dem Schwert selbst richtete. Honkakubo zog sich daraufhin in die Einsamkeit zurück. Jahre später begegnet dieser ehemalige Gehilfe alten Bekannten und wird mit den alten Fragen konfrontiert: Warum gab Hideyoshi dem Teemeister den Befehl zum Seppuku? Warum wählte Rikyu den Tod, ohne sich zu verteidigen? Wer waren die beiden anderen Männer, die einst mit Rikyu darüber diskutierten, dass nur der Tod alles auslöschen könne? Traf sie das gleiche Schicksal wie Rikyu?
So spannt Yasushi Inoue eine fremde Welt für die Leser auf: Samurai, die in einer Teezeremonie Abschied von der Welt nehmen, bevor sie in eine Schlacht ziehen, aus der sie wahrscheinlich nicht lebend zurückkehren. Ein Teemeister, der den Weg des Tees zur Religion erhebt. Die Welt der Teezeremonie, die sich unter Rikyu vom vergnüglichen Gelage zur ernsthaften Kontemplation wandelte. Ein unergründlicher Taiko und politische Intrigen.
Als Leser ahnt man jedoch nur, was dieser Teeweg denn so sein könnte. In Shin Nakagawas „Kyoto – Klänge des Kosmos“ wird die Nähe zum Zen etwas deutlicher dargestellt (vgl. S. 81): Denn in der kleinen Klause eines Teezimmers versetzt sich der Teemensch in die Lage eines Einsiedlers, der sich ganz der Kontemplation hingibt. Laut Shin Nakagawa verlor sich in der Rikyu’schen Teezeremonie gar die gesellschaftliche Stellung des Gastes – was dem Taiko Hideyoshi freilich mehr als missfallen haben mag. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Rikyu keinesfalls um Gnade beim Taiko bitten konnte. Denn nur mit dem Seppuku konnte der bürgerliche Rikyu seine eigenen Wertvorstellungen durchsetzen (vgl. S. 83). Dies deckt sich dann auch mit Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“, wenn Honkakubu einen letzten Dialog zwischen dem Taiko und Rikyu halluziniert und Rikyu (= Soeki) folgende Worte in den Mund legt, bevor sich der Teemeister ins Schwert stürzen wird:
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Der Tod des Teemeisters“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Suhrkamp, Frankfurt/Main 2008, ISBN 978-3-518-46025-2
Auch wenn mich Shin Nakagawas „Kyoto – Klänge des Kosmos“ ein bisschen enttäuscht hatte, so war ich nun doch ganz glücklich, gute 15 Seiten über Rikyu und seine Philosophie des Teewegs nochmals nachlesen zu können. Dazu aber später gleich noch mehr.
Zurück zu Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“: In sechs Kapiteln lässt der Autor seinen Erzähler Honkakubo zu Wort kommen. Honkakubo diente einst Rikyu, erlebte mehrere Teezeremonien mit und war entsetzt, als sein Meister vom Taiko Hideyoshi in die Verbannung geschickt wurde. Umso schlimmer traf ihn, als der Taiko Rikyu den Befehl zum Seppuku gab – und der Teemeister sich, ohne Einspruch zu erheben, mit dem Schwert selbst richtete. Honkakubo zog sich daraufhin in die Einsamkeit zurück. Jahre später begegnet dieser ehemalige Gehilfe alten Bekannten und wird mit den alten Fragen konfrontiert: Warum gab Hideyoshi dem Teemeister den Befehl zum Seppuku? Warum wählte Rikyu den Tod, ohne sich zu verteidigen? Wer waren die beiden anderen Männer, die einst mit Rikyu darüber diskutierten, dass nur der Tod alles auslöschen könne? Traf sie das gleiche Schicksal wie Rikyu?
So spannt Yasushi Inoue eine fremde Welt für die Leser auf: Samurai, die in einer Teezeremonie Abschied von der Welt nehmen, bevor sie in eine Schlacht ziehen, aus der sie wahrscheinlich nicht lebend zurückkehren. Ein Teemeister, der den Weg des Tees zur Religion erhebt. Die Welt der Teezeremonie, die sich unter Rikyu vom vergnüglichen Gelage zur ernsthaften Kontemplation wandelte. Ein unergründlicher Taiko und politische Intrigen.
Als Leser ahnt man jedoch nur, was dieser Teeweg denn so sein könnte. In Shin Nakagawas „Kyoto – Klänge des Kosmos“ wird die Nähe zum Zen etwas deutlicher dargestellt (vgl. S. 81): Denn in der kleinen Klause eines Teezimmers versetzt sich der Teemensch in die Lage eines Einsiedlers, der sich ganz der Kontemplation hingibt. Laut Shin Nakagawa verlor sich in der Rikyu’schen Teezeremonie gar die gesellschaftliche Stellung des Gastes – was dem Taiko Hideyoshi freilich mehr als missfallen haben mag. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Rikyu keinesfalls um Gnade beim Taiko bitten konnte. Denn nur mit dem Seppuku konnte der bürgerliche Rikyu seine eigenen Wertvorstellungen durchsetzen (vgl. S. 83). Dies deckt sich dann auch mit Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“, wenn Honkakubu einen letzten Dialog zwischen dem Taiko und Rikyu halluziniert und Rikyu (= Soeki) folgende Worte in den Mund legt, bevor sich der Teemeister ins Schwert stürzen wird:
„Also kann ich als Anhänger des Teewegs nichts anderes tun, als ebenfalls mein Schwert zu ziehen. Ebenso wie Ihr, mein Fürst, gewisse Dinge wahren müsst, muss ich, Soeki, als Teemeister das Meine bewahren. […] Dass Ihr Ihr werden müsst und ich, Soeki, Soeki werden muss, allein das zählt.“ (S. 154)
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Der Tod des Teemeisters“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Suhrkamp, Frankfurt/Main 2008, ISBN 978-3-518-46025-2
Donnerstag, 24. April 2014
„Das große Japan Lesebuch“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt
Siegfried Schaarschmidts „Das große Japan Lesebuch“ kann man jedem Einsteiger in die japanische Literatur mit bestem Gewissen empfehlen. Der Band aus den 90ern enthält freilich keine Werke von Autoren wie Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto. Dafür werden aber einzelne Erzählungen von den Literaturnobelpreisträgern Kenzaburo Oe und Yasunari Kawabata vorgestellt. Darüber hinaus dürfen natürlich Größen wie Ryunosuke Akutagawa, Junichirio Tanizaki, Yasushi Inoue, Kobo Abe, Osamu Dazai und Yukio Mishima nicht fehlen.
„Das große Japan Lesebuch“ startet mit Junichiro Tanizakis vielleicht bekanntester Erzählung, nämlich mit „Die Tätowierung“: Im mittelalterlichen Japan machen Tätowierer als Künstler von sich reden. Ein besonders exzentrischer ist Seikichi. Sadistisch verlangt erfreut er sich an den Schmerzen, mit denen er beim Tätowieren seine Kunden quält. Seikichi ist ein Getriebener: Er ist auf der Suche nach dem perfekten Frauenkörper, den er mit seinen Tätowierungen zieren möchte. Eines Tages erblickt er diese wunderbare Frau, verliert sie jedoch wieder aus den Augen. Ob er dennoch an sein Ziel gelangt?
„Der Chrysanthemenball“ ist die Festivität, die die Protagonistin von Ryunosuke Akutagawas Erzählung besucht. Akiko besucht in Begleitung ihres Vaters zum ersten Mal einen Ball im europäischen Stil. Die Schönheit blendet die Besucher und fasziniert insbesondere einen französischen Militär der besonderen Art.
Naoya Shigas „Kuniko“ war der Auslöser für Shigas Ehefrau, nie wieder eines der Werke ihres Mannes zu lesen. Denn nachdem Naoya Shiga fremd gegangen war, verarbeitete er diese Erfahrung in der Erzählung „Kuniko“. Die Figur der Kuniko ist die Ehefrau eines untreuen Ehemanns. Sie begeht – ganz im Gegensatz zu Naoya Shigas Ehefrau – Selbstmord, da sie mit der Situation nicht zurecht kommt. Der Ich-Erzähler beschreibt Kunikos Weg in den Tod aus Sicht des treulosen Gatten.
Auch Ineko Sata legte ihre eigenen Erfahrungen in die Erzählung „Aus der Bonbonfabrik“: Die Autorin, die selbst schon früh in einer Bonbonfabrik arbeiten musste, zeigt anhand des Schicksals der Schülerin und alsbald Arbeiterin Hiroko die ausbeuterischen Züge der Kinderarbeit auf.
„Der Salamander“ ist der Protagonist in Masuji Ibuses Werk aus dem Jahr 1923: Wie mag vor diesem zeitlichen Hintergrund ein faschistisch anmutender Salamander zu deuten sein, der durch seinen plötzlichen Körperwuchs nicht mehr aus einer Höhle herauskommt und einen Frosch als seinen zwangsrekrutierten Gesellschafter dort mit einsperrt?
„Von Vögeln und Tieren“ erzählt Yasunari Kawabatas Protagonist. Die 1933 publizierte Erzählung enthält sich jeglicher politischer Botschaft. Stattdessen wird das Leben eines alleinstehenden Mannes geschildert, der zu Tieren einen bessern Zugang hat als zu den ihn umgebenden Menschen.
„Von Frauen“ wird dagegen in Osamu Dazais Erzählung gesprochen. 1936 sitzt der Ich-Erzähler am Tage einer Offiziersrevolte zusammen. In Unkenntnis des versuchten Umsturzes ergehen sich die beiden in Phantasien um Frauengestalten. Doch was wird hier imaginiert und was entstammt dem eigenen Erfahrungsschatz?
„Geliebtes Gesicht“ von Kafu Nagai entführt in das Tokio der 30er Jahre. Da ist ein Taxifahrer, der in einer heißen Sommernacht von der Liebe seines Lebens berichtet. Und von einer Revue-Tänzerin, die der verstorbenen Ehefrau fast bis aufs Haar gleicht.
Ein besonders bekanntes Werk von Ango Sakaguchi ist mit „Unter der vollen Blüte im Kirschbaumwald“ in „Das große Japan Lesebuch“ enthalten. In der Groteske aus dem Jahr 1947 werden Machtverhältnisse umgedreht: Ein Bergbandit entführt eine bildhübsche Frau, nachdem er ihren Begleiter kaltblütig ermordet hat. Doch die Dame weiß ihn, der ihr hemmungslos verfallen ist, perfekt zu manipulieren. Der Bandit tanzt bald nach ihrer Pfeife. Freilich wird es der Schönen in den Bergen bald zu fade – in die Hauptstadt soll er mit ihr ziehen. Dort wird er als Tölpel verspottet, doch des Nächtens zieht er aus, um auf Befehl seiner Gebieterin, Menschen zu enthaupten und ihr die Köpfe darzubringen. Nichts findet die Dame erquickender, als mit den verwesenden Schädeln zu spielen und allerlei Rollenspielchen aufzuführen. Doch der Bandit hält es alsbald nicht mehr in der Stadt aus; es zieht in zurück in die Berge. Ausgerechnet das Symbol des Japanischsten schlechthin, nämlich die Kirschblüte, soll zum Verhängnis werden.
Zwei kurze Erzählungen von Kobo Abe hat Siegfried Schaarschmidt mit „Der rote Kokon“ und „Hochwasser“ in den Band aufgenommen. In „Der rote Kokon“ wird Heimatlosigkeit und Verlorensein thematisiert. Die Erzählung nimmt eine kafkaeske Wendung. Dagegen wirkt „Hochwasser“ eher wie ein Science Fiction: Vornehmlich Arbeiter verwandeln sich in Wasser – droht eine Sintflut?
Shotaro Yasuokas „Das Kaninchensyndrom“ ist in den Nachkriegsjahren angesiedelt. Der Ich-Erzähler kuriert sich im Haus seiner Eltern aus. Der Vater, ein ehemaliger Militär, ist nun arbeitslos und ist auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Da setzt ihm jemand den Floh ins Ohr, er solle sich doch Kaninchen halten – die Angorawolle würde sich bestens verkaufen lassen. Und so nehmen die Kaninchen bald das Wohnhaus in Beschlag – und auch die Bewohner gleichen den Kaninchen immer mehr.
Morio Kitas kindliche Protagonistin betrachtet „Geflügelte Ameisen am Hang“. Das Mädchen hat ihre Mutter begleitet; zusammen sitzen sie mit einem ihr fremden Mann in einem ihr fremden Garten. Schritt für Schritt entspannt sich für den Leser in Dialogen zwischen der Mutter und dem Mann das Beziehungsgeflecht zwischen den Personen.
Mit „Der Fang“ von Kenzaburo Oe ist im vorliegenden Erzählband ein weiteres sehr bekanntes Werk der japanischen Literatur enthalten: Amerikanische Flugzeuge beginnen während des zweiten Weltkriegs in den japanischen Luftraum einzudringen. Als eines davon in der Nähe eines Dorfes abstürzt, kann ein afroamerikanischer Soldat lebend gefangen werden. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Jungen erzählt, für den „Der Fang“ eine Sensation darstellt. Der Soldat wird erst einmal provisorisch im Keller des Speichers eingesperrt, in dem der Junge mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder haust. Bald soll er ihm sogar mit schlotternden Knien das Essen bringen. Noch haben alle Dorfbewohner Angst vor dem Soldaten, doch nach kurzer Zeit wird er eher wie ein Haustier empfunden. Wenn die Behörden ihn doch nur nicht in die Finger bekommen wollten… In Kenzaburo Oes wird nicht nur die Geschichte einer Annäherung während eines drückenden Sommers erzählt, sondern auch die Entwicklung eines Kindes hin zum Erwachsenen dargestellt.
Auf „Die Brückenprobe“ begeben sich einige Damen in Yukio Mishimas Erzählung. Denn bei Vollmond gilt es, sieben Brücken schweigend zu überqueren, damit ein besonderer Wunsch in Erfüllung geht. Zwei Geishas, eine Wirtstochter und deren Dienstmagd stellen sich der Herausforderung, die sich als nicht allzu einfach gestaltet. Dabei mag der Leser mehr von den „geheimen“ Wünschen der Frauen erfahren.
Harumi Setouchi erzählt in „Einmal hat Makiko gestohlen“ von einer jungen Frau, die ihren Ehemann und ihr Kind wegen einer Affäre aufgibt. Damit nimmt sie ein Thema auf, das stark autobiografisch geprägt ist. Makiko selbst scheint recht unbedarft und nimmt die Dinge wie sie kommen. Ihr Mann setzt sie ohne Hab und Gut vor die Tür; ihr neuer Geliebter will alsbald nichts mehr von ihr wissen. So schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch. Wenn nicht ein Bekannter ihr den Floh ins Ohr setzen würde, sie solle sich doch zumindest ihre Lebensmittelkarte und ihre Kleidung zurückholen.
„Das Duell“ von Takeshi Kaiko handelt von einem Tagesausflug eines älteren und eines jüngeren Mannes. Sie wollen dem Kampf eines Mungos gegen eine Habu-Schlange beiwohnen. Dabei werden parallelen zum Schwertkampf des Ganryu gezogen.
Kenji Nakagami schickt seinen Protagonisten in „Der Bergasket“ ins Gebirge. Er ist ein eher grobschlächtiger Kerl mit cholerischen Anwandlungen. Um seine Ehe zu retten, begibt er sich wie ein Pilger ist Gebirge und macht dort metaphysische Erfahrungen, die wie ein Fieberwahn wirken. Erlebt er hier eine Katharsis?
In Makoto Odas „Der Kommandeur“ erinnert sich der Ich-Erzähler, dass er als Kind einmal eine scharfe, vorwurfsvolle Stimme gehört haben mag, die seinem Vater Fehlverhalten im Krieg vorgeworfen hat. Auf der Beerdigung seines Vaters macht er die Entdeckung, dass dies die Stimme von Namba war, der als „General des Teufels“ bezeichnet wurde. So sehr Namba während des Kriegs für militärischen Drill sorgte, so sehr versagt er aber bei der Erziehung seines Sohnes, der in Opposition zur Gesellschaft geht.
Mitsuharu Inoue begleitet in „Die Nacht davor“ eine werdende Mutter durch eine Geburt – einen Tag vor dem Atombombenabwurf über Nagasaki. Während der Leser bereits das Unheil ahnt, was über die Menschen von Nagasaki bald hereinbrechen wird, sind diese noch ganz im Alltag verhaftet. Obwohl in „Die Nacht davor“ nicht sonderlich viel geschieht, wirkt die Erzählung wie ein Schauer – denn die handelnden Charaktere werden nicht mehr allzu lange zu leben haben, bis eine atomare Katastrophe sie verschlingt.
„Ein Brief aus der Wüste“ wird von Yasushi Inoues Protagonisten geschrieben. Er hat sich auf eine Reise durch die Wüste Takla Makan begeben. Als ein Soldat ihm anbietet, seine Briefe mitzunehmen, geht er in sich und fragt sich, wem er bloß einen Brief schreiben solle. Da fällt ihm nur sein verstorbener Jugendfreund ein. Er beginnt mit dem Schreiben eines Briefs an einen Verstorbenen und reflektiert dabei den Einfluss, den dieser auf ihn hatte.
Einige der Erzählungen in „Das große Japan Lesebuch“ finden sich auf in Siegfried Schaarschmidts Band „Ein Brief aus der Wüste“, der im Ostasien-Verlag herauskam. „Das große Japan Lesebuch“ bietet jedoch mehr Erzählungen und damit einen weit besseren Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur.
Bibliographische Angaben:
Schaarschmidt, Siegfried (Hrsg.): „Das große Japan Lesebuch“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Iwabuchi, Tatsuji/Schaarschmidt, Siegfried/Schmidt, Elisabeth), Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-09886-6
„Das große Japan Lesebuch“ startet mit Junichiro Tanizakis vielleicht bekanntester Erzählung, nämlich mit „Die Tätowierung“: Im mittelalterlichen Japan machen Tätowierer als Künstler von sich reden. Ein besonders exzentrischer ist Seikichi. Sadistisch verlangt erfreut er sich an den Schmerzen, mit denen er beim Tätowieren seine Kunden quält. Seikichi ist ein Getriebener: Er ist auf der Suche nach dem perfekten Frauenkörper, den er mit seinen Tätowierungen zieren möchte. Eines Tages erblickt er diese wunderbare Frau, verliert sie jedoch wieder aus den Augen. Ob er dennoch an sein Ziel gelangt?
„Der Chrysanthemenball“ ist die Festivität, die die Protagonistin von Ryunosuke Akutagawas Erzählung besucht. Akiko besucht in Begleitung ihres Vaters zum ersten Mal einen Ball im europäischen Stil. Die Schönheit blendet die Besucher und fasziniert insbesondere einen französischen Militär der besonderen Art.
Naoya Shigas „Kuniko“ war der Auslöser für Shigas Ehefrau, nie wieder eines der Werke ihres Mannes zu lesen. Denn nachdem Naoya Shiga fremd gegangen war, verarbeitete er diese Erfahrung in der Erzählung „Kuniko“. Die Figur der Kuniko ist die Ehefrau eines untreuen Ehemanns. Sie begeht – ganz im Gegensatz zu Naoya Shigas Ehefrau – Selbstmord, da sie mit der Situation nicht zurecht kommt. Der Ich-Erzähler beschreibt Kunikos Weg in den Tod aus Sicht des treulosen Gatten.
Auch Ineko Sata legte ihre eigenen Erfahrungen in die Erzählung „Aus der Bonbonfabrik“: Die Autorin, die selbst schon früh in einer Bonbonfabrik arbeiten musste, zeigt anhand des Schicksals der Schülerin und alsbald Arbeiterin Hiroko die ausbeuterischen Züge der Kinderarbeit auf.
„Der Salamander“ ist der Protagonist in Masuji Ibuses Werk aus dem Jahr 1923: Wie mag vor diesem zeitlichen Hintergrund ein faschistisch anmutender Salamander zu deuten sein, der durch seinen plötzlichen Körperwuchs nicht mehr aus einer Höhle herauskommt und einen Frosch als seinen zwangsrekrutierten Gesellschafter dort mit einsperrt?
„Von Vögeln und Tieren“ erzählt Yasunari Kawabatas Protagonist. Die 1933 publizierte Erzählung enthält sich jeglicher politischer Botschaft. Stattdessen wird das Leben eines alleinstehenden Mannes geschildert, der zu Tieren einen bessern Zugang hat als zu den ihn umgebenden Menschen.
„Von Frauen“ wird dagegen in Osamu Dazais Erzählung gesprochen. 1936 sitzt der Ich-Erzähler am Tage einer Offiziersrevolte zusammen. In Unkenntnis des versuchten Umsturzes ergehen sich die beiden in Phantasien um Frauengestalten. Doch was wird hier imaginiert und was entstammt dem eigenen Erfahrungsschatz?
„Geliebtes Gesicht“ von Kafu Nagai entführt in das Tokio der 30er Jahre. Da ist ein Taxifahrer, der in einer heißen Sommernacht von der Liebe seines Lebens berichtet. Und von einer Revue-Tänzerin, die der verstorbenen Ehefrau fast bis aufs Haar gleicht.
Ein besonders bekanntes Werk von Ango Sakaguchi ist mit „Unter der vollen Blüte im Kirschbaumwald“ in „Das große Japan Lesebuch“ enthalten. In der Groteske aus dem Jahr 1947 werden Machtverhältnisse umgedreht: Ein Bergbandit entführt eine bildhübsche Frau, nachdem er ihren Begleiter kaltblütig ermordet hat. Doch die Dame weiß ihn, der ihr hemmungslos verfallen ist, perfekt zu manipulieren. Der Bandit tanzt bald nach ihrer Pfeife. Freilich wird es der Schönen in den Bergen bald zu fade – in die Hauptstadt soll er mit ihr ziehen. Dort wird er als Tölpel verspottet, doch des Nächtens zieht er aus, um auf Befehl seiner Gebieterin, Menschen zu enthaupten und ihr die Köpfe darzubringen. Nichts findet die Dame erquickender, als mit den verwesenden Schädeln zu spielen und allerlei Rollenspielchen aufzuführen. Doch der Bandit hält es alsbald nicht mehr in der Stadt aus; es zieht in zurück in die Berge. Ausgerechnet das Symbol des Japanischsten schlechthin, nämlich die Kirschblüte, soll zum Verhängnis werden.
Zwei kurze Erzählungen von Kobo Abe hat Siegfried Schaarschmidt mit „Der rote Kokon“ und „Hochwasser“ in den Band aufgenommen. In „Der rote Kokon“ wird Heimatlosigkeit und Verlorensein thematisiert. Die Erzählung nimmt eine kafkaeske Wendung. Dagegen wirkt „Hochwasser“ eher wie ein Science Fiction: Vornehmlich Arbeiter verwandeln sich in Wasser – droht eine Sintflut?
Shotaro Yasuokas „Das Kaninchensyndrom“ ist in den Nachkriegsjahren angesiedelt. Der Ich-Erzähler kuriert sich im Haus seiner Eltern aus. Der Vater, ein ehemaliger Militär, ist nun arbeitslos und ist auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Da setzt ihm jemand den Floh ins Ohr, er solle sich doch Kaninchen halten – die Angorawolle würde sich bestens verkaufen lassen. Und so nehmen die Kaninchen bald das Wohnhaus in Beschlag – und auch die Bewohner gleichen den Kaninchen immer mehr.
Morio Kitas kindliche Protagonistin betrachtet „Geflügelte Ameisen am Hang“. Das Mädchen hat ihre Mutter begleitet; zusammen sitzen sie mit einem ihr fremden Mann in einem ihr fremden Garten. Schritt für Schritt entspannt sich für den Leser in Dialogen zwischen der Mutter und dem Mann das Beziehungsgeflecht zwischen den Personen.
Mit „Der Fang“ von Kenzaburo Oe ist im vorliegenden Erzählband ein weiteres sehr bekanntes Werk der japanischen Literatur enthalten: Amerikanische Flugzeuge beginnen während des zweiten Weltkriegs in den japanischen Luftraum einzudringen. Als eines davon in der Nähe eines Dorfes abstürzt, kann ein afroamerikanischer Soldat lebend gefangen werden. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Jungen erzählt, für den „Der Fang“ eine Sensation darstellt. Der Soldat wird erst einmal provisorisch im Keller des Speichers eingesperrt, in dem der Junge mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder haust. Bald soll er ihm sogar mit schlotternden Knien das Essen bringen. Noch haben alle Dorfbewohner Angst vor dem Soldaten, doch nach kurzer Zeit wird er eher wie ein Haustier empfunden. Wenn die Behörden ihn doch nur nicht in die Finger bekommen wollten… In Kenzaburo Oes wird nicht nur die Geschichte einer Annäherung während eines drückenden Sommers erzählt, sondern auch die Entwicklung eines Kindes hin zum Erwachsenen dargestellt.
Auf „Die Brückenprobe“ begeben sich einige Damen in Yukio Mishimas Erzählung. Denn bei Vollmond gilt es, sieben Brücken schweigend zu überqueren, damit ein besonderer Wunsch in Erfüllung geht. Zwei Geishas, eine Wirtstochter und deren Dienstmagd stellen sich der Herausforderung, die sich als nicht allzu einfach gestaltet. Dabei mag der Leser mehr von den „geheimen“ Wünschen der Frauen erfahren.
Harumi Setouchi erzählt in „Einmal hat Makiko gestohlen“ von einer jungen Frau, die ihren Ehemann und ihr Kind wegen einer Affäre aufgibt. Damit nimmt sie ein Thema auf, das stark autobiografisch geprägt ist. Makiko selbst scheint recht unbedarft und nimmt die Dinge wie sie kommen. Ihr Mann setzt sie ohne Hab und Gut vor die Tür; ihr neuer Geliebter will alsbald nichts mehr von ihr wissen. So schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch. Wenn nicht ein Bekannter ihr den Floh ins Ohr setzen würde, sie solle sich doch zumindest ihre Lebensmittelkarte und ihre Kleidung zurückholen.
„Das Duell“ von Takeshi Kaiko handelt von einem Tagesausflug eines älteren und eines jüngeren Mannes. Sie wollen dem Kampf eines Mungos gegen eine Habu-Schlange beiwohnen. Dabei werden parallelen zum Schwertkampf des Ganryu gezogen.
Kenji Nakagami schickt seinen Protagonisten in „Der Bergasket“ ins Gebirge. Er ist ein eher grobschlächtiger Kerl mit cholerischen Anwandlungen. Um seine Ehe zu retten, begibt er sich wie ein Pilger ist Gebirge und macht dort metaphysische Erfahrungen, die wie ein Fieberwahn wirken. Erlebt er hier eine Katharsis?
In Makoto Odas „Der Kommandeur“ erinnert sich der Ich-Erzähler, dass er als Kind einmal eine scharfe, vorwurfsvolle Stimme gehört haben mag, die seinem Vater Fehlverhalten im Krieg vorgeworfen hat. Auf der Beerdigung seines Vaters macht er die Entdeckung, dass dies die Stimme von Namba war, der als „General des Teufels“ bezeichnet wurde. So sehr Namba während des Kriegs für militärischen Drill sorgte, so sehr versagt er aber bei der Erziehung seines Sohnes, der in Opposition zur Gesellschaft geht.
Mitsuharu Inoue begleitet in „Die Nacht davor“ eine werdende Mutter durch eine Geburt – einen Tag vor dem Atombombenabwurf über Nagasaki. Während der Leser bereits das Unheil ahnt, was über die Menschen von Nagasaki bald hereinbrechen wird, sind diese noch ganz im Alltag verhaftet. Obwohl in „Die Nacht davor“ nicht sonderlich viel geschieht, wirkt die Erzählung wie ein Schauer – denn die handelnden Charaktere werden nicht mehr allzu lange zu leben haben, bis eine atomare Katastrophe sie verschlingt.
„Ein Brief aus der Wüste“ wird von Yasushi Inoues Protagonisten geschrieben. Er hat sich auf eine Reise durch die Wüste Takla Makan begeben. Als ein Soldat ihm anbietet, seine Briefe mitzunehmen, geht er in sich und fragt sich, wem er bloß einen Brief schreiben solle. Da fällt ihm nur sein verstorbener Jugendfreund ein. Er beginnt mit dem Schreiben eines Briefs an einen Verstorbenen und reflektiert dabei den Einfluss, den dieser auf ihn hatte.
Einige der Erzählungen in „Das große Japan Lesebuch“ finden sich auf in Siegfried Schaarschmidts Band „Ein Brief aus der Wüste“, der im Ostasien-Verlag herauskam. „Das große Japan Lesebuch“ bietet jedoch mehr Erzählungen und damit einen weit besseren Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur.
Bibliographische Angaben:
Schaarschmidt, Siegfried (Hrsg.): „Das große Japan Lesebuch“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Iwabuchi, Tatsuji/Schaarschmidt, Siegfried/Schmidt, Elisabeth), Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-09886-6
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Donnerstag, 19. September 2013
„Reise nach Samarkand“ von Yasushi Inoue
„Die ‚Westlande’ hatte ich in meinen Gedanken bereits zu einer Zeit durchstreift, als die Verwirklichung eines solchen Unternehmens nichts weiter als die hoffnungslose Schwärmerei eines Schülers gewesen war.“ (S. 7)
So beginnt Yasushi Inoue sein Werk „Reise nach Samarkand“, das wie ein Geschichtsbuch wirkt, das in einige wenige eigene Reiseerinnerungen eingebettet ist. Für Europäer klingt „Westlande“ freilich ungewöhnlich. Denn die Westlande in „Reise nach Samarkand“ sind wohlweißlich westlich von China gelegen und daher Ostlande für unsereinen. Genauer: Yasushi Inoue begrenzt den Bereich der Westlande auf den mittleren Bereich Asiens, der zwischen der Wüste Gobi und dem Kaspischen Meer liegt.
Über die geheimnisvollen Westlande weiß Yasushi Inoue einiges zu berichten: Im Jahre 139 vor Christus soll Chang Ch’ien vom chinesischen Kaiser ausgesandt worden zu sein, um ein militärisches Bündnis zu schließen. Doch stattdessen war er gefangen genommen worden und hat während seiner Flucht das Land Ta-yüan bereist, in dem die Pferde Blut schwitzen. Später berichtet man von dem Großen Spiegelsee, an dessen Ufer unheimliche Wesen leben. Entstanden soll der See sein, als ein Mädchen eine Quelle nicht mehr verschloss und das auslaufende Wasser eine Stadt überflutete.
Yasushi Inoue schildert zudem ausführlich, wie die Mongolen und Araber um die Vorherrschaft im Gebiet der Westlande kämpften.
Nichtsdestotrotz wird „Reise nach Samarkand“ primär nur für diejenigen Leser interessant sein, die sich für Geschichte der Westland-Region interessieren. Die Reiseerinnerungen von Yasushi Inoue, der 1965 und 1968 die Westlande bereiste, sind eher Randbemerkungen. Sicherlich bietet „Reise nach Samarkand“ auch einige Mythen und Geheimnisse, die Reisende Jahrhunderte vor Yasushi Inoue über die Westlande festhielten. Doch die „Reise nach Samarkand“ verzaubert nicht, wie der Titel mit dem exotischen Reiseziel implizieren mag.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Reise nach Samarkand“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mrugalla, Andreas), Suhrkamp, Frankfurt/Main 1998, ISBN 3-518-41001-6
Freitag, 26. Juli 2013
„Das Tempeldach“ von Yasushi Inoue
„Das Tempeldach“ sollte man keinesfalls als ersten Yasushi Inoue lesen. Denn dann besteht das Risiko, dass man sich an keinen zweiten mehr heranwagt. In dem historischen Roman beschreibt der Autor das Schicksal von vier jungen buddhistischen Mönchen, die im Jahr 732 mit einer japanischen Gesandtschaft nach China gehen, um einen renommierten Priester zu finden, der mit nach Japan kommen mag, um dort sein Wissen weiterzugeben.
Yasushi Inoues Werk basiert auf realen Gegebenheiten: Dem Mönch Fusho gelang es tatsächlich den berühmten Chien-chen nach Japan zu geleiten. Dazu war eine jahrlange Odyssee nötig, die mehrere Irrfahrten, Schiffbrüche, materielle Verluste und Todesfälle beinhaltete. Doch trotz eigentlich hervorragen Zutaten wie Mystik, exotische Schauplätze und starke Persönlichkeiten kommt „Das Tempeldach“ kaum über das Niveau von bloßen Aufzählungen à la „sie fuhren dorthin, hier passierte dieses und jenes und dann entschlossen sie sich da und da hin zu segeln“ hinaus. Die Dialoge sind spärlich gesät. Und obwohl Chien-chen in „Das Tempeldach“ als charismatischer Religionsführer besonders eindrucksvoll hätte beschrieben werden können, wirkt ausgerechnet der verspleente, alte Mönch Gogyo als einziger ausgeprägter Charakterkopf.
Die politische Dimension der japanischen Gesandtschaft erschließt sich leider erst aus dem Nachwort von Oscar Benl. Denn Chien-chen sollte nicht nur zwecks spirituellen Interesses nach Japan geholt werden, sondern schlichtweg um die aufmüpfigen japanischen Mönche zu disziplinieren. Dieser Aspekt hätte „Das Tempeldach“ wenigstens noch etwas Würze verliehen. Sicherlich hätte auch eine Landkarte der Irrfahrten das Buch bereichert. Wer weiß denn schon wo der T’ein-t’ai-Berg liegt und wo sich Ai-chou befindet…
Der Roman, der im Original „Tempyo no iraka“ (was wohl soviel wie „Dachziegel der Tempyo-Zeit“ bedeutet) heißt, erhielt in der deutschen Version den etwas abwegigen Namen „Das Tempeldach“. Mit dem Dachziegel kann man vielleicht den Mönch Fusho assoziieren, der zusammen mit seinen Gesinnungsgenossen dem Buddhismus in Japan eine Heimat gegeben hat. Da ist mir die Übersetzung „Das Tempeldach“ zu weit entfernt und sie steht auch in keinem Zusammenhang zur Handlung.
„Das Tempeldach“ mag für Leser, die sich für die Verbreitung des Buddhismus interessieren, sicherlich sehr interessant sein. Doch in Ermangelung von Spannung, ausgefeilten Charakterdarstellungen und Stimmungsbildern sei allen anderen lieber abgeraten. „Das Tempeldach“ wird Yasushi Inoue, dem es in seinen anderen Werken immer wieder fantastisch gelingt, Charaktere zu beschreiben, leider nicht gerecht.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Das Tempeldach“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar), Suhrkamp, Frankfurt/Main 1981, ISBN 3-518-01709-8
Yasushi Inoues Werk basiert auf realen Gegebenheiten: Dem Mönch Fusho gelang es tatsächlich den berühmten Chien-chen nach Japan zu geleiten. Dazu war eine jahrlange Odyssee nötig, die mehrere Irrfahrten, Schiffbrüche, materielle Verluste und Todesfälle beinhaltete. Doch trotz eigentlich hervorragen Zutaten wie Mystik, exotische Schauplätze und starke Persönlichkeiten kommt „Das Tempeldach“ kaum über das Niveau von bloßen Aufzählungen à la „sie fuhren dorthin, hier passierte dieses und jenes und dann entschlossen sie sich da und da hin zu segeln“ hinaus. Die Dialoge sind spärlich gesät. Und obwohl Chien-chen in „Das Tempeldach“ als charismatischer Religionsführer besonders eindrucksvoll hätte beschrieben werden können, wirkt ausgerechnet der verspleente, alte Mönch Gogyo als einziger ausgeprägter Charakterkopf.
Die politische Dimension der japanischen Gesandtschaft erschließt sich leider erst aus dem Nachwort von Oscar Benl. Denn Chien-chen sollte nicht nur zwecks spirituellen Interesses nach Japan geholt werden, sondern schlichtweg um die aufmüpfigen japanischen Mönche zu disziplinieren. Dieser Aspekt hätte „Das Tempeldach“ wenigstens noch etwas Würze verliehen. Sicherlich hätte auch eine Landkarte der Irrfahrten das Buch bereichert. Wer weiß denn schon wo der T’ein-t’ai-Berg liegt und wo sich Ai-chou befindet…
Der Roman, der im Original „Tempyo no iraka“ (was wohl soviel wie „Dachziegel der Tempyo-Zeit“ bedeutet) heißt, erhielt in der deutschen Version den etwas abwegigen Namen „Das Tempeldach“. Mit dem Dachziegel kann man vielleicht den Mönch Fusho assoziieren, der zusammen mit seinen Gesinnungsgenossen dem Buddhismus in Japan eine Heimat gegeben hat. Da ist mir die Übersetzung „Das Tempeldach“ zu weit entfernt und sie steht auch in keinem Zusammenhang zur Handlung.
„Das Tempeldach“ mag für Leser, die sich für die Verbreitung des Buddhismus interessieren, sicherlich sehr interessant sein. Doch in Ermangelung von Spannung, ausgefeilten Charakterdarstellungen und Stimmungsbildern sei allen anderen lieber abgeraten. „Das Tempeldach“ wird Yasushi Inoue, dem es in seinen anderen Werken immer wieder fantastisch gelingt, Charaktere zu beschreiben, leider nicht gerecht.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Das Tempeldach“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar), Suhrkamp, Frankfurt/Main 1981, ISBN 3-518-01709-8
Freitag, 1. Februar 2013
„Meine Mutter“ von Yasushi Inoue
In drei Erzählungen porträtiert Yasushi Inoue die letzten Lebensjahre seiner Mutter, ihren physischen Verfall, ihre Altersdemenz und schließlich ihren Tod.
In „Unter den Blüten“ ist seine Mutter 80 Jahre und bereits dement. Außenstehenden mag dies nicht auffallen; doch die Familienmitglieder, die viel Zeit mit ihr verbringen, hören sich dieselben Geschichten immer wieder an, als wäre der Gesprächsstoff der Mutter eine hängen gebliebene Schallplatte. Darüber hinaus erinnert sie sich gern an Geschehnisse aus ihrer Kindheit, insbesondere an ihren Schwarm Shumma. Ihren verstorbenen Ehemann erwähnt sie dagegen so gut wie nie. Selbst einen Grabbesuch an seinem Todestag verweigert sie. Das Notizbuch, in das sie die Kondolenzgeschenke anlässlich seines Todes notiert hatte, studiert sie jedoch mit einer Obsession bei jedem neuerlichen Todesfall, als wolle sie niemandem etwas schuldig bleiben und erst von der Welt abtreten, wenn sie das letzte Geschenk zurückerstattet hat.
Fünf Jahre später, im Jahr 1969, schreibt Yasushi Inoue mit „Der Glanz des Mondes“ eine weitere Erzählung über seine Mutter, die inzwischen 85 Jahre alt ist. Die Mutter lebt zunächst bei ihrer allein stehenden Tochter Kuwako in Tokio und raubt ihr mit den immerwährenden Wiederholungen ihrer Erzählungen den letzten Nerv. Schließlich nimmt sich die ältere Tochter Shigako ihrer Mutter an. So lebt die Mutter wieder im Haus ihrer eigenen Kindheit und löscht die Jahre in ihrem Gedächtnis, in denen sie die 40er überschritten hat. Es hat den Anschein, dass sie sich ihrer Kindheit auch emotional nähert. Ihren eigenen Bruder, der aus dem Ausland zurückgekehrt ist, erkennt sie nicht mehr, sondern nennt ihn nur den „Herrn Amerikaner“. Auch ihre anderen Verwandten behandelt sie mehr und mehr wie Fremde.
89-jährig stirbt die Mutter schließlich. In „Die Schneedecke“ lässt Yasushi Inoue ihre letzten Jahre Revue passieren. Sie wird immer verwirrter, geistert nachts mit einer Taschenlampe durchs Haus und erschreckt die Familienmitglieder, wenn sie ihnen ins Gesicht leuchtet, dass sie aus dem Schlaf aufschrecken. Den Verwandten bleiben bloß Vermutungen über die Gründe ihres Verhaltens. Doch schließlich stirbt sie von einem Tag auf den anderen.
„Meine Mutter“ ist eher nüchtern und dokumentarisch verfasst. Da der Autor die Pflege primär seinen Schwestern und kurzzeitig seiner Tochter überlässt, schimmern die zerrissenen Gefühle der Damen nur flüchtig durch: Einerseits lieben sie die (Groß-)Mutter, andererseits werden sie wieder und wieder von ihr verletzt, wenn sie sie in ihrer Verwirrtheit beispielsweise als Dienstmädchen betrachtet. Und auch die Scham der Mutter, wenn sie hin und wieder ihre eigene Unzulänglichkeit bemerkt, wird nur gestreift. Ein bisschen schade, denn gerade diese psychologischen Beobachtungen hätten die Erzählungen sicherlich bereichert.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Meine Mutter“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, ISBN 978-3-518-38275-2
In „Unter den Blüten“ ist seine Mutter 80 Jahre und bereits dement. Außenstehenden mag dies nicht auffallen; doch die Familienmitglieder, die viel Zeit mit ihr verbringen, hören sich dieselben Geschichten immer wieder an, als wäre der Gesprächsstoff der Mutter eine hängen gebliebene Schallplatte. Darüber hinaus erinnert sie sich gern an Geschehnisse aus ihrer Kindheit, insbesondere an ihren Schwarm Shumma. Ihren verstorbenen Ehemann erwähnt sie dagegen so gut wie nie. Selbst einen Grabbesuch an seinem Todestag verweigert sie. Das Notizbuch, in das sie die Kondolenzgeschenke anlässlich seines Todes notiert hatte, studiert sie jedoch mit einer Obsession bei jedem neuerlichen Todesfall, als wolle sie niemandem etwas schuldig bleiben und erst von der Welt abtreten, wenn sie das letzte Geschenk zurückerstattet hat.
Fünf Jahre später, im Jahr 1969, schreibt Yasushi Inoue mit „Der Glanz des Mondes“ eine weitere Erzählung über seine Mutter, die inzwischen 85 Jahre alt ist. Die Mutter lebt zunächst bei ihrer allein stehenden Tochter Kuwako in Tokio und raubt ihr mit den immerwährenden Wiederholungen ihrer Erzählungen den letzten Nerv. Schließlich nimmt sich die ältere Tochter Shigako ihrer Mutter an. So lebt die Mutter wieder im Haus ihrer eigenen Kindheit und löscht die Jahre in ihrem Gedächtnis, in denen sie die 40er überschritten hat. Es hat den Anschein, dass sie sich ihrer Kindheit auch emotional nähert. Ihren eigenen Bruder, der aus dem Ausland zurückgekehrt ist, erkennt sie nicht mehr, sondern nennt ihn nur den „Herrn Amerikaner“. Auch ihre anderen Verwandten behandelt sie mehr und mehr wie Fremde.
89-jährig stirbt die Mutter schließlich. In „Die Schneedecke“ lässt Yasushi Inoue ihre letzten Jahre Revue passieren. Sie wird immer verwirrter, geistert nachts mit einer Taschenlampe durchs Haus und erschreckt die Familienmitglieder, wenn sie ihnen ins Gesicht leuchtet, dass sie aus dem Schlaf aufschrecken. Den Verwandten bleiben bloß Vermutungen über die Gründe ihres Verhaltens. Doch schließlich stirbt sie von einem Tag auf den anderen.
„Meine Mutter“ ist eher nüchtern und dokumentarisch verfasst. Da der Autor die Pflege primär seinen Schwestern und kurzzeitig seiner Tochter überlässt, schimmern die zerrissenen Gefühle der Damen nur flüchtig durch: Einerseits lieben sie die (Groß-)Mutter, andererseits werden sie wieder und wieder von ihr verletzt, wenn sie sie in ihrer Verwirrtheit beispielsweise als Dienstmädchen betrachtet. Und auch die Scham der Mutter, wenn sie hin und wieder ihre eigene Unzulänglichkeit bemerkt, wird nur gestreift. Ein bisschen schade, denn gerade diese psychologischen Beobachtungen hätten die Erzählungen sicherlich bereichert.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Meine Mutter“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, ISBN 978-3-518-38275-2
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Samstag, 17. November 2012
„Der Fälscher“ von Yasushi Inoue
„Der Fälscher“ enthält vier Erzählungen Yasushi Inoues, geprägt von leisem Ton und der Tragik zwischenmenschlicher Beziehungen.
„Der Fälscher“ handelt vom Scheitern des Hara Hosen. Eigentlich ein guter Maler entdeckt er am Werk des Künstlers Onuki seine eigene Unperfektion. Und verlegt sich aufs Fälschen von Onukis Bildern anstatt selbst originäre Kunstwerke zu schaffen. Doch lange kann er seine Machenschaften nicht geheim halten. Als er auffliegt, beginnt er die Herstellung von illegalen Feuerwerkskörpern. Der Lebensweg des Hara Hosen wird von dem dem Ich-Erzähler und Journalisten nach verfolgt, der eigentlich beauftragt worden ist, Onukis Biographie zu verfassen. Das tragische Schicksal des Hara Hosen fesselt ihn weit mehr, als die glänzende Karriere des etablierten Malers:
„Der Vulkan“ steht kurz vor dem Ausbruch. Trotzdem begibt sich ein Landvermesser mit seiner Truppe in die gefährliche Gegend. Unterwegs trifft die Gruppe auf ein Pärchen, das wohl auf dem Weg ist, in den Doppelselbstmord aus Liebe zu gehen. Die Naturkatastrophe wird zahlreiche Opfer finden.
Um Kindheitserinnerungen geht es in „Schilf“. Langsam kommt der Erzähler seiner jung verstorbenen Tante, dem schwarzen Schaf der Familie, näher, indem er Erinnerungsfetzen zu rekonstruieren sucht. Und so kommt er der Tante und der Tragik ihres Lebens näher.
Der Tod von zwei Tieren steht wie eine Metapher für die Beziehung von Kitora und seiner Cousine Ritsuko in der Erzählung „Die Singdrossel“. Kitora tötet einen Fisch auf archaische Weise – bevor er mit seiner Cousine schläft. Und Ritsuko gibt einer Singdrossel im Todeskampf den Gnadenstoß – und beendet damit die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Beziehung.
Wer spannende Handlung liebt, der sollte die Finger von Yasushi Inoues „Der Fälscher“ lassen. Die Erzählungen sind nachdenklich, teilweise analytisch, oftmals mit Metaphern gespickt. Yasushi Inoue, der als Meister der Darstellung von menschlichen Beziehungen gilt, zeichnet mit den Geschichten in „Der Fälscher“ auf verschiedenste Weise tragische Schicksale auf.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Der Fälscher“, Insel, Frankfurt am Main/Leipzig, 1999, ISBN 3-458-16941-5
„Der Fälscher“ handelt vom Scheitern des Hara Hosen. Eigentlich ein guter Maler entdeckt er am Werk des Künstlers Onuki seine eigene Unperfektion. Und verlegt sich aufs Fälschen von Onukis Bildern anstatt selbst originäre Kunstwerke zu schaffen. Doch lange kann er seine Machenschaften nicht geheim halten. Als er auffliegt, beginnt er die Herstellung von illegalen Feuerwerkskörpern. Der Lebensweg des Hara Hosen wird von dem dem Ich-Erzähler und Journalisten nach verfolgt, der eigentlich beauftragt worden ist, Onukis Biographie zu verfassen. Das tragische Schicksal des Hara Hosen fesselt ihn weit mehr, als die glänzende Karriere des etablierten Malers:
„ich sah darin die Tragik des Lebens eines durchschnittlichen Menschen, der durch den Kontakt mit einem Genie von dessen Gewicht erdrückt wurde und sich selbst verzehrt hat.“ (S. 119)
„Der Vulkan“ steht kurz vor dem Ausbruch. Trotzdem begibt sich ein Landvermesser mit seiner Truppe in die gefährliche Gegend. Unterwegs trifft die Gruppe auf ein Pärchen, das wohl auf dem Weg ist, in den Doppelselbstmord aus Liebe zu gehen. Die Naturkatastrophe wird zahlreiche Opfer finden.
Um Kindheitserinnerungen geht es in „Schilf“. Langsam kommt der Erzähler seiner jung verstorbenen Tante, dem schwarzen Schaf der Familie, näher, indem er Erinnerungsfetzen zu rekonstruieren sucht. Und so kommt er der Tante und der Tragik ihres Lebens näher.
Der Tod von zwei Tieren steht wie eine Metapher für die Beziehung von Kitora und seiner Cousine Ritsuko in der Erzählung „Die Singdrossel“. Kitora tötet einen Fisch auf archaische Weise – bevor er mit seiner Cousine schläft. Und Ritsuko gibt einer Singdrossel im Todeskampf den Gnadenstoß – und beendet damit die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Beziehung.
Wer spannende Handlung liebt, der sollte die Finger von Yasushi Inoues „Der Fälscher“ lassen. Die Erzählungen sind nachdenklich, teilweise analytisch, oftmals mit Metaphern gespickt. Yasushi Inoue, der als Meister der Darstellung von menschlichen Beziehungen gilt, zeichnet mit den Geschichten in „Der Fälscher“ auf verschiedenste Weise tragische Schicksale auf.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Der Fälscher“, Insel, Frankfurt am Main/Leipzig, 1999, ISBN 3-458-16941-5
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Dienstag, 17. Juli 2012
„Drachen und tote Gesichter“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering
Neben einer kurzen Erzählung des Herausgebers Janwillem van de Wetering enthält „Drachen und tote Gesichter“ Werke der Autoren Junichiro Tanizaki, Masako Togawa, Ryunosuke Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue, Yukio Mishima, Kyotaro Nishimura, Tohru Myoshi und Tadao Sohno.
Junichiro Tanizaki widmet sich in „Der Dieb“ dem Psychogramm eines Langfingers.
Masako Togawas „Der Vampir“ zeichnet eine verstörende Situation: Jiro mit der Blutgruppe AB-Rhesus-negativ hat eine besondere Stellung im Schlafsaal inne, denn sein Blut ist besonders selten. Im Gegensatz zu den anderen wird er nur selten zum Vampir zur Blutspende geschickt. Dem folgt meist die Abnahme von „weißem Blut“ durch die Krankenschwester. Als einer von Jiros Kollegen aus dem Schlafsaal flieht, wird die Situation nicht nur für die Krankenhausangestellten immer brenzliger.
Ryunosuke Akutagawas „Der Höllenschirm“ führt in ein höfisches Milieu zu einem Maler, der besonders realgetreu malen kann, wenn er das entsprechende Modell vor sich hat. Als er einen Wandschirm mit einem Höllenmotiv bemalen soll, wird sein Vorgehen immer entsetzlicher.
Edogawa Rampos tragischer Held in „Die verspiegelte Hölle“ hängt einer Besessenheit nach: Er ist fasziniert von Spiegeleffekten und Linsen. Was zunächst als harmlose Spielerei in Form von Zaubertricks beginnt, endet im Wahn.
Der „Vollmond“ begleitet Yasushi Inoues Protagonisten bei Aufstieg und Fall.
„Tod im Hochsommer“ bei Yukio Mishima: Eine Mutter verliert bei einem Badeurlaub sowohl zwei Kinder als auch die Schwägerin. Selbstvorwürfe und ein Ehemann, der mit der Situation nicht so recht umgehen kann, begleiten Tomoko lange Zeit, bis sie sich von dem Schock und dem Verlust langsam erholen kann.
„Der freundliche Erpresser“ taucht in Shinkichis Friseurladen auf. In Kyotaro Nishimuras Erzählung muss der unglückliche Friseur ordentlich Geld bluten für eine blutige Angelegenheit der Vergangenheit.
„Der Brief aus der Vergangenheit“ lässt Tohru Myoshis Protagonisten nicht mehr los: Der Zeitungsredakteur wittert seine Chance, einen als Selbstmord deklarierten Mord aufzuklären. Um seine Karriere anzuschieben, fängt er auf eigene Faust an, zu ermitteln.
Als ein menschlicher Schädel im Müll gefunden wird, soll eine „Rekonstruktion eines Gesichts“ erfolgen. Tadao Sohnos Held Koike wird damit beauftragt, dem Schädel sein menschliches Aussehen zurück zu geben. Aus einer unerwarteten Richtung kommt ihm dabei Unterstützung zu Gute.
In „Drachen und tote Gesichter“ findet sich ein kurzweiliges Potpourri von Erzählungen japanischer Autoren. Jedoch irritiert die Auswahl des mit „Japanische Kriminalstories 1“ untertitelten Bandes etwas. Wenn man unter Kriminalstories Geschichten versteht, die sich um die Aufklärung eines Verbrechens drehen, dann gehören die Erzählungen von Ryunoskue Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue und Yukio Mishima hier nicht dazu. Mein persönliches Highlight: „Der Vampir" von Masako Togawa.
Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Drachen und tote Gesichter“, Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-43036-3
Junichiro Tanizaki widmet sich in „Der Dieb“ dem Psychogramm eines Langfingers.
Masako Togawas „Der Vampir“ zeichnet eine verstörende Situation: Jiro mit der Blutgruppe AB-Rhesus-negativ hat eine besondere Stellung im Schlafsaal inne, denn sein Blut ist besonders selten. Im Gegensatz zu den anderen wird er nur selten zum Vampir zur Blutspende geschickt. Dem folgt meist die Abnahme von „weißem Blut“ durch die Krankenschwester. Als einer von Jiros Kollegen aus dem Schlafsaal flieht, wird die Situation nicht nur für die Krankenhausangestellten immer brenzliger.
Ryunosuke Akutagawas „Der Höllenschirm“ führt in ein höfisches Milieu zu einem Maler, der besonders realgetreu malen kann, wenn er das entsprechende Modell vor sich hat. Als er einen Wandschirm mit einem Höllenmotiv bemalen soll, wird sein Vorgehen immer entsetzlicher.
Edogawa Rampos tragischer Held in „Die verspiegelte Hölle“ hängt einer Besessenheit nach: Er ist fasziniert von Spiegeleffekten und Linsen. Was zunächst als harmlose Spielerei in Form von Zaubertricks beginnt, endet im Wahn.
Der „Vollmond“ begleitet Yasushi Inoues Protagonisten bei Aufstieg und Fall.
„Tod im Hochsommer“ bei Yukio Mishima: Eine Mutter verliert bei einem Badeurlaub sowohl zwei Kinder als auch die Schwägerin. Selbstvorwürfe und ein Ehemann, der mit der Situation nicht so recht umgehen kann, begleiten Tomoko lange Zeit, bis sie sich von dem Schock und dem Verlust langsam erholen kann.
„Der freundliche Erpresser“ taucht in Shinkichis Friseurladen auf. In Kyotaro Nishimuras Erzählung muss der unglückliche Friseur ordentlich Geld bluten für eine blutige Angelegenheit der Vergangenheit.
„Der Brief aus der Vergangenheit“ lässt Tohru Myoshis Protagonisten nicht mehr los: Der Zeitungsredakteur wittert seine Chance, einen als Selbstmord deklarierten Mord aufzuklären. Um seine Karriere anzuschieben, fängt er auf eigene Faust an, zu ermitteln.
Als ein menschlicher Schädel im Müll gefunden wird, soll eine „Rekonstruktion eines Gesichts“ erfolgen. Tadao Sohnos Held Koike wird damit beauftragt, dem Schädel sein menschliches Aussehen zurück zu geben. Aus einer unerwarteten Richtung kommt ihm dabei Unterstützung zu Gute.
In „Drachen und tote Gesichter“ findet sich ein kurzweiliges Potpourri von Erzählungen japanischer Autoren. Jedoch irritiert die Auswahl des mit „Japanische Kriminalstories 1“ untertitelten Bandes etwas. Wenn man unter Kriminalstories Geschichten versteht, die sich um die Aufklärung eines Verbrechens drehen, dann gehören die Erzählungen von Ryunoskue Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue und Yukio Mishima hier nicht dazu. Mein persönliches Highlight: „Der Vampir" von Masako Togawa.
Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Drachen und tote Gesichter“, Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-43036-3
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Montag, 21. Mai 2012
„Liebe“ von Yasushi Inoue
Drei Spielarten der Liebe präsentiert Yasushi Inoue in drei Erzählungen:
„Tod, Liebe und Wellen“ handelt von Sugi, einer gescheiterten Existenz. Da er keinen anderen Ausweg aus seiner Notlage sieht, mietet er sich in einem Hotel am Meer ein – die dortigen Klippen erscheinen ihm ideal zu sein, um sich in den Tod zu stürzen. Doch es begibt sich ein weiblicher Gast mit demselben Ziel in seine Herberge.
„Der Steingarten“ ist ein schicksalhafter Ort für Uomi. Hier hat er sich mit seinem besten Freund entzweit. Hier hat er sich von seiner ersten Freundin getrennt. Und hierher bringt er seine frischgebackene Ehefrau.
Karaki aus der Erzählung „Der Hochzeitstag“ ist seit einiger Zeit Witwer. Seine verstorbene Ehefrau steht in gewisser Weise einer neuen Ehe im Weg – einte Karaki und seine Frau doch vor allem die Gemeinsamkeit des Geizes, sogar an ihrem Hochzeitstag.
Die Formen der Liebe in Yasushi Inoues Erzählband sind von unterschiedlichster Art: Verzweifelter Zusammenhalt, jugendlicher Sturm und Drang, traditionelles Omiai und Pragmatismus. Doch so richtig fesseln oder rühren vermögen die Erzählungen leider nicht so recht. Teilweise wirkt die Handlung etwas konstruiert und weltfremd.
„Tod, Liebe und Wellen“ handelt von Sugi, einer gescheiterten Existenz. Da er keinen anderen Ausweg aus seiner Notlage sieht, mietet er sich in einem Hotel am Meer ein – die dortigen Klippen erscheinen ihm ideal zu sein, um sich in den Tod zu stürzen. Doch es begibt sich ein weiblicher Gast mit demselben Ziel in seine Herberge.
„Der Steingarten“ ist ein schicksalhafter Ort für Uomi. Hier hat er sich mit seinem besten Freund entzweit. Hier hat er sich von seiner ersten Freundin getrennt. Und hierher bringt er seine frischgebackene Ehefrau.
Karaki aus der Erzählung „Der Hochzeitstag“ ist seit einiger Zeit Witwer. Seine verstorbene Ehefrau steht in gewisser Weise einer neuen Ehe im Weg – einte Karaki und seine Frau doch vor allem die Gemeinsamkeit des Geizes, sogar an ihrem Hochzeitstag.
Die Formen der Liebe in Yasushi Inoues Erzählband sind von unterschiedlichster Art: Verzweifelter Zusammenhalt, jugendlicher Sturm und Drang, traditionelles Omiai und Pragmatismus. Doch so richtig fesseln oder rühren vermögen die Erzählungen leider nicht so recht. Teilweise wirkt die Handlung etwas konstruiert und weltfremd.
Dienstag, 1. Mai 2012
„Ein Brief aus der Wüste“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt
Neben Gedichten von Hiroshi Kawasaki und Makoto Ooka finden sich in dem von Siegfried Schaarschmidt herausgegebenen Band „Ein Brief aus der Wüste“ sechs Erzählungen namhafter japanischer Autoren. Abgerundet wird dies durch Kurzbiographien der vorgestellten Schriftsteller und einem 30-seitigen Nachwort des Herausgebers zur modernen japanischen Literatur (freilich ist dieses nicht aktuell bis zu den heutigen, populären Autoren, da der Band bereits in den 80er Jahren veröffentlicht wurde).
„Ein Brief aus der Wüste“ ist das Sujet von Yasushi Inoues kurzer Erzählung aus dem Jahr 1983: Den Protagonisten hat es in ein Örtchen irgendwo in der Wüste von Takla Makan verschlagen. Nachdem ihm ein Soldat angeboten hat, seine Briefe mitzunehmen, damit sie baldmöglichst in Japan ankommen, beginnt der Ich-Erzähler mit dem Schreiben. Doch den Brief braucht er nicht abzuschicken. Der Adressat ist H. F., ein verstorbener Jugendfreund, der dem Protagonisten mit einem Gedicht die Lust am Schreiben näher brachte.
Shinchiro Nakamuras Erzählung „Ferne Musik“ behandelt eine geradezu metaphysische Erfahrung eines Tempelbesuchs: Ein alter Mann erinnert sich unwillkürlich daran, diesen Tempel bereits als Kind aufgesucht zu haben. Seine Erinnerungen überlagern sich mit der Gegenwart, werden ergänzt durch halluzinatorische Wahrnehmungen.
„Das Kaninchensyndrom“ erfasst eine Familie in der Nachkriegszeit. Shotaro Yasuoka erzählt hier die amüsante Geschichte, wie der Familienvater mit dem Verkauf von Angorawolle sein Einkommen verbessern will. Die zu diesem Zweck im Haus gehaltenen Angorakaninchen stellen den Haushalt gehörig auf den Kopf. Und der Familienvater wird den Kaninchen immer ähnlicher…
„Der Kirschbaum“ ist der Auslöser in Otohiko Kagas Erzählung, dass sich der Protagonist an einen verstorbenen Jugendfreund erinnert. Der Ich-Erzähler treibt sich im Stadtviertel, in dem er aufgewachsen ist, herum. Die alten Häuser haben bereits fast alle modernen Gebäuden weichen müssen. Doch ein Kirschbaum sieht so aus wie der, der auf dem Grundstück der Eltern seines Freundes stand. Dies ist der Anlass für den Protagonisten über die Kindheitsjahre nachzusinnen.
Unter Hiroshi Kawasakis Gedichten ist „Der Hilfsarbeiterausweis“ vielleicht das eindrücklichste: Wie man vom Beinahe-Kamikaze-Flieger zum Hilfsarbeiter auf einem US-amerikanischen Flugzeugträger wird.
Von Makoto Ooka sind vier Gedichte vertreten. Das längste unter ihnen namens „So sag’ doch was, ich bitte dich!“ thematisiert die Katastrophe der Atombombenabwürfe über Japan.
„Der Kommandeur“ von Makoto Oda ist die Geschichte dreier Generationen: Yamana hat sich während des zweiten Weltkriegs unter seinen Untergebenen den Ruf erarbeitet, ein Korporal des Teufels zu sein. Namba, dessen Vater Yamanas Kommandeur war, versucht einem rätselhaften Vorfall in seiner Kindheit auf die Spur zu kommen. Und dann ist da noch Yamanas Sohn, der von Namba an der Schule unterrichtet wird und sich während der Studentenunruhen der 60er Jahre gegen alle Autoritäten auflehnt.
Kenji Nakagamis „Der Bergasket“ handelt von der recht wunderlichen, von übersinnlichen Phänomenen begleiteten Wanderung des cholerischen Protagonisten zwischen zwei Dörfern. Ob er hier Läuterung erfahren wird?
Bemerkenswert an „Ein Brief aus der Wüste“ ist das Nachwort mit vielen interessanten Hintergrundinformationen zur japanischen Literatur ab ca. 1900. Ein bisschen irritiert jedoch die Biographie von Kenji Nakagami: Da wird verklausuliert und euphemistisch von einer „der ältesten ausgewiesenen Kultur“ und einer „’Sonderwelt’ innerhalb der allgemein japanischen“ (jeweils S. 126) gesprochen – und das Kind namens Burakumin, einer Diskriminierung ausgesetzter Minderheit, nicht beim Namen genannt.
„Ein Brief aus der Wüste“ ist das Sujet von Yasushi Inoues kurzer Erzählung aus dem Jahr 1983: Den Protagonisten hat es in ein Örtchen irgendwo in der Wüste von Takla Makan verschlagen. Nachdem ihm ein Soldat angeboten hat, seine Briefe mitzunehmen, damit sie baldmöglichst in Japan ankommen, beginnt der Ich-Erzähler mit dem Schreiben. Doch den Brief braucht er nicht abzuschicken. Der Adressat ist H. F., ein verstorbener Jugendfreund, der dem Protagonisten mit einem Gedicht die Lust am Schreiben näher brachte.
Shinchiro Nakamuras Erzählung „Ferne Musik“ behandelt eine geradezu metaphysische Erfahrung eines Tempelbesuchs: Ein alter Mann erinnert sich unwillkürlich daran, diesen Tempel bereits als Kind aufgesucht zu haben. Seine Erinnerungen überlagern sich mit der Gegenwart, werden ergänzt durch halluzinatorische Wahrnehmungen.
„Das Kaninchensyndrom“ erfasst eine Familie in der Nachkriegszeit. Shotaro Yasuoka erzählt hier die amüsante Geschichte, wie der Familienvater mit dem Verkauf von Angorawolle sein Einkommen verbessern will. Die zu diesem Zweck im Haus gehaltenen Angorakaninchen stellen den Haushalt gehörig auf den Kopf. Und der Familienvater wird den Kaninchen immer ähnlicher…
„Der Kirschbaum“ ist der Auslöser in Otohiko Kagas Erzählung, dass sich der Protagonist an einen verstorbenen Jugendfreund erinnert. Der Ich-Erzähler treibt sich im Stadtviertel, in dem er aufgewachsen ist, herum. Die alten Häuser haben bereits fast alle modernen Gebäuden weichen müssen. Doch ein Kirschbaum sieht so aus wie der, der auf dem Grundstück der Eltern seines Freundes stand. Dies ist der Anlass für den Protagonisten über die Kindheitsjahre nachzusinnen.
Unter Hiroshi Kawasakis Gedichten ist „Der Hilfsarbeiterausweis“ vielleicht das eindrücklichste: Wie man vom Beinahe-Kamikaze-Flieger zum Hilfsarbeiter auf einem US-amerikanischen Flugzeugträger wird.
Von Makoto Ooka sind vier Gedichte vertreten. Das längste unter ihnen namens „So sag’ doch was, ich bitte dich!“ thematisiert die Katastrophe der Atombombenabwürfe über Japan.
„Der Kommandeur“ von Makoto Oda ist die Geschichte dreier Generationen: Yamana hat sich während des zweiten Weltkriegs unter seinen Untergebenen den Ruf erarbeitet, ein Korporal des Teufels zu sein. Namba, dessen Vater Yamanas Kommandeur war, versucht einem rätselhaften Vorfall in seiner Kindheit auf die Spur zu kommen. Und dann ist da noch Yamanas Sohn, der von Namba an der Schule unterrichtet wird und sich während der Studentenunruhen der 60er Jahre gegen alle Autoritäten auflehnt.
Kenji Nakagamis „Der Bergasket“ handelt von der recht wunderlichen, von übersinnlichen Phänomenen begleiteten Wanderung des cholerischen Protagonisten zwischen zwei Dörfern. Ob er hier Läuterung erfahren wird?
Bemerkenswert an „Ein Brief aus der Wüste“ ist das Nachwort mit vielen interessanten Hintergrundinformationen zur japanischen Literatur ab ca. 1900. Ein bisschen irritiert jedoch die Biographie von Kenji Nakagami: Da wird verklausuliert und euphemistisch von einer „der ältesten ausgewiesenen Kultur“ und einer „’Sonderwelt’ innerhalb der allgemein japanischen“ (jeweils S. 126) gesprochen – und das Kind namens Burakumin, einer Diskriminierung ausgesetzter Minderheit, nicht beim Namen genannt.
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Freitag, 30. März 2012
„Die Eiswand“ von Yasushi Inoue
Die Bergsteiger Uozu und Kosaka sind schon seit Schulzeiten ein eingeschworenes Team. Über den Jahreswechsel planen die jungen Männer ein lang ersehntes Projekt: Die Besteigung einer bestimmten Felswand im Hodaka-Gebirge. Doch kurz vor der Erreichung ihres Ziels geschieht das Unglück: Das Nylonseil reißt und Kosaka stürzt ab, in den sicheren Tod. Zurück in Tokio muss sich Uozu diversen Spekulationen stellen: War es technisch überhaupt möglich, dass das Nylonseil, das erst vor kurzem das in Japan bisher gebräuchliche Hanfseil abgelöst hat, reißen konnte? Hat Uozu vielleicht das Seil durchtrennt, um sein eigenes Leben zu retten? Haben die beiden Bergsteiger sich nicht an die korrekte Handhabung des Seils gehalten? Oder hat Kosaka das Seil in selbstmörderischer Absicht etwa selbst abgeschnitten? Da Kosaka unglücklich in die verheiratete Masako verliebt war, wäre ein Grund für einen Selbstmord gegeben gewesen.
Für Uozu führt die Behauptung, das Seil sei gerissen, zudem in beruflicher Hinsicht zu einer unangenehmen Situation: Sein Arbeitgeber ist mit der Herstellerfirma des Seils verquickt und macht Druck. Um die Zuverlässigkeit des Seils unter Beweis zu stellen, wird ausgerechnet Masakos Ehemann beauftragt, mit Kletterseilen zu experimentieren.
Yasushi Inoues „Die Eiswand“ wirkt heutzutage ein bisschen zäh, inkonsistent und vielleicht etwas konstruiert: Die Untersuchung des Seils findet privatfinanziert statt und nicht durch die Polizei, deren Aufgabe dies doch sein sollte. Kosakas Leiche muss erst aufgespürt werden, um die Bruchstelle des Seils untersuchen zu können – dabei hätte Uozu doch die andere Hälfte in seinem Besitz haben können. Und ohnehin wird permanent über das Seil philosophiert.
Gut, dass Uozus Chef Tokiwa als ein so wunderbar verschrobener Charakter dargestellt wird – dadurch hat das Lesen wenigstens doch ein bisschen Spaß gemacht. Denn ansonsten ist „Die Eiswand“ eher ein Roman, der wohl vor allem Freunde des Bergsteigens interessiert.
Für Uozu führt die Behauptung, das Seil sei gerissen, zudem in beruflicher Hinsicht zu einer unangenehmen Situation: Sein Arbeitgeber ist mit der Herstellerfirma des Seils verquickt und macht Druck. Um die Zuverlässigkeit des Seils unter Beweis zu stellen, wird ausgerechnet Masakos Ehemann beauftragt, mit Kletterseilen zu experimentieren.
Yasushi Inoues „Die Eiswand“ wirkt heutzutage ein bisschen zäh, inkonsistent und vielleicht etwas konstruiert: Die Untersuchung des Seils findet privatfinanziert statt und nicht durch die Polizei, deren Aufgabe dies doch sein sollte. Kosakas Leiche muss erst aufgespürt werden, um die Bruchstelle des Seils untersuchen zu können – dabei hätte Uozu doch die andere Hälfte in seinem Besitz haben können. Und ohnehin wird permanent über das Seil philosophiert.
Gut, dass Uozus Chef Tokiwa als ein so wunderbar verschrobener Charakter dargestellt wird – dadurch hat das Lesen wenigstens doch ein bisschen Spaß gemacht. Denn ansonsten ist „Die Eiswand“ eher ein Roman, der wohl vor allem Freunde des Bergsteigens interessiert.
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Sonntag, 8. Januar 2012
„Die Berg-Azaleen auf dem Hira-Gipfel“ von Yasushi Inoue
Eine Abbildung der Berg-Azaleen auf dem Hira-Gipfel hatte in dem damals 24-jährigen Shuntaro den Wunsch geweckt, genau den abfotografierten Teil des Berges zu besuchen. Nun sitzt er mit knapp 80 Jahren in dem Gasthof Reihokan am Fuße des Hiras und hadert mit seinem Schicksal: Für seine Familie gilt der alte Mann nur noch als Last, er fühlt mangelnden Respekt für das Alter und ihm läuft die Zeit weg, sein wissenschaftliches Lebenswerk „Arteriensystem des Japaners“ zu vollenden. Um seiner Familie einen gehörigen Schrecken einzujagen, ist er ohne jemandem Bescheid zu geben in den Gasthof eingekehrt und sinniert unter anderem über seine vorhergehenden Besuche dort: Als er 25 Jahre alt war, wollte er sich im See am Hira-Gipfel ertränken – jedoch ließen seine inneren Dämonen doch noch von ihm ab.
Als sein verstoßener Sohn mit der schwangeren Freundin in den Liebesselbstmord ging, erfuhr Shuntaro im Reihokan von dem tragischen Vorfall. Mit dem halsstarrigen Shuntaro ging dessen Ehefrau ins Gericht: Das einzige, was ihn seit jeher interessiere, sei seine medizinische Forschung.
Ein weiterer Besuch mit der Schwester seiner Schwiegertochter zum Rudern auf dem See während der Kriegszeit verlief idyllisch. Doch Shuntaro muss auch an den Tod seiner damaligen Begleiterin denken, der nur wenige Zeit nach dem gemeinsamen Ausflug eintrat.
Shuntaro erinnert sich an den Wunsch im Alter von 24 Jahren: Er hätte doch so gern einmal den Hira-Gipfel bestiegen. Doch nun ist er zu alt dafür. Seine einzige Aufgabe, die er nun noch bewältigen kann, ist die Vollendung seiner wissenschaftlichen Abhandlung.
Der Autor Yasushi Inoue zeichnet in „Die Berg-Azaleen auf dem Hira-Gipfel“ das Bild eines Mannes, der mit traditionellen japanischen Werten aufgewachsen ist und sich als Vater und Großvater mit veränderten Wertvorstellungen konfrontiert sieht. Daher kann er sich nur an seine Wissenschaft und seinen Status als Gelehrter klammern.
Und hier noch ein Tipp für Buchkäufer: Während „Die Berg-Azaleen auf dem Hira-Gipfel“, die im Insel-Verlag erschienen sind, nur die gleichnamige Erzählung enthält, finden sich in der Ausgabe aus dem Suhrkamp-Verlag drei weitere Erzählungen.
Als sein verstoßener Sohn mit der schwangeren Freundin in den Liebesselbstmord ging, erfuhr Shuntaro im Reihokan von dem tragischen Vorfall. Mit dem halsstarrigen Shuntaro ging dessen Ehefrau ins Gericht: Das einzige, was ihn seit jeher interessiere, sei seine medizinische Forschung.
Ein weiterer Besuch mit der Schwester seiner Schwiegertochter zum Rudern auf dem See während der Kriegszeit verlief idyllisch. Doch Shuntaro muss auch an den Tod seiner damaligen Begleiterin denken, der nur wenige Zeit nach dem gemeinsamen Ausflug eintrat.
Shuntaro erinnert sich an den Wunsch im Alter von 24 Jahren: Er hätte doch so gern einmal den Hira-Gipfel bestiegen. Doch nun ist er zu alt dafür. Seine einzige Aufgabe, die er nun noch bewältigen kann, ist die Vollendung seiner wissenschaftlichen Abhandlung.
Der Autor Yasushi Inoue zeichnet in „Die Berg-Azaleen auf dem Hira-Gipfel“ das Bild eines Mannes, der mit traditionellen japanischen Werten aufgewachsen ist und sich als Vater und Großvater mit veränderten Wertvorstellungen konfrontiert sieht. Daher kann er sich nur an seine Wissenschaft und seinen Status als Gelehrter klammern.
Und hier noch ein Tipp für Buchkäufer: Während „Die Berg-Azaleen auf dem Hira-Gipfel“, die im Insel-Verlag erschienen sind, nur die gleichnamige Erzählung enthält, finden sich in der Ausgabe aus dem Suhrkamp-Verlag drei weitere Erzählungen.
Dienstag, 16. August 2011
„Der Stierkampf“ von Yasushi Inoue
Yasushi Inoue, der selbst jahrelange für Zeitungen schrieb, erzählt mit „Der Stierkampf“ wieder einmal die Geschichte eines Journalisten: Tsugami ist Chefredakteur der „Neue-Osaka-Abendzeitung“, dem Tashiro vorschlägt, gemeinsam Stierringkämpfe in Osaka zu veranstalten, wie es in Tashiros Heimat in der Provinz Iyo üblich ist.
Drei Jahre nach dem Krieg, die Stadt liegt immer noch in Schutt und Asche, sieht Tsugami hier eine Chance: Die Menschen sind gierig nach einem Spektakel und möchten beim Wetten ihr Glück versuchen.
Doch so einfach, wie sich Tsugami die Organisation vorgestellt hat, wird die Durchführung nicht: Allerlei logistische Probleme stellen sich ihm und der "Neue-Osaka-Abendzeitung", die als Veranstalter fungiert, in den Weg. Wie sollen beispielsweise die Eisenbahnwaggons für den Transport der Stiere organisiert werden? In Zeiten der Lebensmittelrationierung ist es nicht einfach, auf legalem Wege an Futter für die Tiere heranzukommen. Es lässt sich nicht verhindern, eine Allianz mit einem dubiosen Geschäftsmann einzugehen. Aber nicht immer trifft Tsugami die wirtschaftlichsten Entscheidungen und scheint noch von einem Schlag zu sein, der sich gegen die aufkommende Werbeindustrie wehren will. Und schließlich spielt das Zünglein an der Waage auch noch das Wetter an den drei geplanten Wettkampftagen.
Doch auch im Privatleben Tsugamis liegt einiges im Argen. Seine Geliebte Sakiko hält er auf Distanz, kühl begegnet er seinen Mitmenschen. Sein Inneres scheint regelrecht zerfressen zu sein. Begeistern kann er sich vielmehr nur für neue Projekte, während Sakiko keine Leidenschaft in ihm wecken kann. Sakiko, die sich einfach nicht aus der unglückseligen Beziehung zu Tsugami lösen kann, überlässt es dem Ausgang des Stierkampfs, ob sie sich nun endlich von Tsugami trennt oder bei ihm bleibt.
„Der Stierkampf“ zeichnet ein Bild der japanischen Großstadt der Nachkriegsjahre. Die Menschen wittern Geschäftschancen, doch die wahren Gewinner sind die, die am Rande der Legalität operieren. Beziehungen, die der Krieg zusammengeschweißt hat, stehen nun wieder zur Disposition.
Drei Jahre nach dem Krieg, die Stadt liegt immer noch in Schutt und Asche, sieht Tsugami hier eine Chance: Die Menschen sind gierig nach einem Spektakel und möchten beim Wetten ihr Glück versuchen.
Doch so einfach, wie sich Tsugami die Organisation vorgestellt hat, wird die Durchführung nicht: Allerlei logistische Probleme stellen sich ihm und der "Neue-Osaka-Abendzeitung", die als Veranstalter fungiert, in den Weg. Wie sollen beispielsweise die Eisenbahnwaggons für den Transport der Stiere organisiert werden? In Zeiten der Lebensmittelrationierung ist es nicht einfach, auf legalem Wege an Futter für die Tiere heranzukommen. Es lässt sich nicht verhindern, eine Allianz mit einem dubiosen Geschäftsmann einzugehen. Aber nicht immer trifft Tsugami die wirtschaftlichsten Entscheidungen und scheint noch von einem Schlag zu sein, der sich gegen die aufkommende Werbeindustrie wehren will. Und schließlich spielt das Zünglein an der Waage auch noch das Wetter an den drei geplanten Wettkampftagen.
Doch auch im Privatleben Tsugamis liegt einiges im Argen. Seine Geliebte Sakiko hält er auf Distanz, kühl begegnet er seinen Mitmenschen. Sein Inneres scheint regelrecht zerfressen zu sein. Begeistern kann er sich vielmehr nur für neue Projekte, während Sakiko keine Leidenschaft in ihm wecken kann. Sakiko, die sich einfach nicht aus der unglückseligen Beziehung zu Tsugami lösen kann, überlässt es dem Ausgang des Stierkampfs, ob sie sich nun endlich von Tsugami trennt oder bei ihm bleibt.
„Der Stierkampf“ zeichnet ein Bild der japanischen Großstadt der Nachkriegsjahre. Die Menschen wittern Geschäftschancen, doch die wahren Gewinner sind die, die am Rande der Legalität operieren. Beziehungen, die der Krieg zusammengeschweißt hat, stehen nun wieder zur Disposition.
Freitag, 17. Juni 2011
„Das Jagdgewehr“ von Yasushi Inoue
Der 1949 erschienene Kurzroman „Das Jagdgewehr“ machte Yasushi Inoue berühmt. „Das Jagdgewehr“ gilt als einer der Klassiker der japanischen Moderne. Erzählt wird die Geschichte nicht nur einer, sondern gleich mehrerer (un)glücklicher Lieben:
Ein Dichter beobachtet einen Jäger und lässt sich durch ihn zu dem Gedicht „Das Jagdgewehr“ inspirieren. Der Jäger, der sich Josuke Misugi nennt, findet sich in dem Gedicht wieder und kontaktiert den Dichter mit einem ungewöhnlichen Wunsch: Er möge drei an Josuke gerichtete Briefe lesen, die von drei verschiedenen Frauen stammen.
In den drei Briefen entfaltet sich die Liebesgeschichte zwischen Josuke und Saiko aus der Perspektive von Saikos Tochter Shoko, Josukes Ehefrau und Saikos Cousine Midori und Saiko selbst. 13 Jahre führen Josuke und Saiko ihre geheime Affäre und erfahren erst dann, dass Midori seit Anbeginn über die Liebschaft im Bilde ist. Saiko begeht daraufhin Selbstmord, da sie weiß, dass sie ein „Verbrechen“ an Midori begangen hat. Saiko krankt zudem noch an dem Betrug ihres Ex-Mannes, der nun erneut geheiratet hat.
„Das Jagdgewehr“ kommt ein bisschen wie ein Relikt aus alten Zeiten daher; sowohl sprachlich als auch thematisch, was die heutzutage wunderlich anmutende Ehe von Josuke und Midori betrifft. Dennoch gibt der Roman einige Denkanstöße rund um das Thema Liebe: Hat die Liebe auch ihre dunkle Seite? Warum hintergeht Saiko ihre Cousine, obwohl sie selbst schon einmal hintergangen wurde und dies bis zu ihrem Tod nicht überwunden hat? Für was würde man sich entscheiden: Zu lieben oder geliebt zu werden? Warum werden die Menschen lieber geliebt, als zu lieben? Und war Saiko nicht trotz aller widrigen Umstände 13 Jahre glücklich mit Josuke liiert?
Ein Dichter beobachtet einen Jäger und lässt sich durch ihn zu dem Gedicht „Das Jagdgewehr“ inspirieren. Der Jäger, der sich Josuke Misugi nennt, findet sich in dem Gedicht wieder und kontaktiert den Dichter mit einem ungewöhnlichen Wunsch: Er möge drei an Josuke gerichtete Briefe lesen, die von drei verschiedenen Frauen stammen.
In den drei Briefen entfaltet sich die Liebesgeschichte zwischen Josuke und Saiko aus der Perspektive von Saikos Tochter Shoko, Josukes Ehefrau und Saikos Cousine Midori und Saiko selbst. 13 Jahre führen Josuke und Saiko ihre geheime Affäre und erfahren erst dann, dass Midori seit Anbeginn über die Liebschaft im Bilde ist. Saiko begeht daraufhin Selbstmord, da sie weiß, dass sie ein „Verbrechen“ an Midori begangen hat. Saiko krankt zudem noch an dem Betrug ihres Ex-Mannes, der nun erneut geheiratet hat.
„Das Jagdgewehr“ kommt ein bisschen wie ein Relikt aus alten Zeiten daher; sowohl sprachlich als auch thematisch, was die heutzutage wunderlich anmutende Ehe von Josuke und Midori betrifft. Dennoch gibt der Roman einige Denkanstöße rund um das Thema Liebe: Hat die Liebe auch ihre dunkle Seite? Warum hintergeht Saiko ihre Cousine, obwohl sie selbst schon einmal hintergangen wurde und dies bis zu ihrem Tod nicht überwunden hat? Für was würde man sich entscheiden: Zu lieben oder geliebt zu werden? Warum werden die Menschen lieber geliebt, als zu lieben? Und war Saiko nicht trotz aller widrigen Umstände 13 Jahre glücklich mit Josuke liiert?
Freitag, 27. Mai 2011
„Schwarze Flut“ von Yasushi Inoue
Bei „Schwarze Flut“ von Yasushi Inoue empfiehlt es sich ausnahmsweise, das Nachwort zuerst zu lesen. Denn ohne die historischen Hintergründe der Shimoyama-, Mitaka- und Teigin-Fälle tut man sich unnötig schwer beim Einstieg in dieses Buch. Auch wird man direkt mit der Nase auf die Erzählstruktur des Romans gestoßen: Denn die Shimoyama-Affäre bildet nur den Rahmen, oder wie Otto Putz im Nachwort meint, das Echo des Schicksals des Protagonisten Hayami.
Hayami ist federführender Redakteur bei der großen Tageszeitung K und verantwortlich für die Berichterstattung über den Tod des Eisenbahnchefs Shimoyama: „Ist es Mord oder Selbstmord?“ ist die große Frage. Die Tageszeitung K übernimmt die Theorie des Selbstmords, während alle anderen Zeitungen die Mordtheorie verfolgen. Damit isoliert sich Hayamis Zeitung und macht sich unglaubwürdig bis hin zur Geschäftsschädigung.
Durch die Konfrontation mit diesem Fall reißen in Hayami alte Wunden auf. Denn vor Jahren beging Hayamis junge Ehefrau Harumi mit ihrem Liebhaber Doppelselbstmord. Seitdem ist Hayami ein „Verlorener“, vom Schicksal aus der Bahn geworfen, von einer schwarzen Flut übermannt. Während er den Shimoyama-Selbstmord anhand von Fakten untersuchen kann, bleiben ihm für den Selbstmord seiner Ehefrau nur Vermutungen.
Für Leser, die sich nicht für japanische Geschichte interessieren, ist der Teil rund um den Tod von Shimoyama eher etwas fade. Die Ermittlungen ziehen sich hin und die Todesursache bleibt bis heute ungeklärt. Viel eindringlicher ist Hayamis Martyrium nach dem Selbstmord seiner Ehefrau Harumi. Man möchte ihm wünschen, sich in Keiko, die Tochter seines ehemaligen Lehrers zu verlieben. Doch die Macht der toten Harumi scheint ungebrochen.
Hayami ist federführender Redakteur bei der großen Tageszeitung K und verantwortlich für die Berichterstattung über den Tod des Eisenbahnchefs Shimoyama: „Ist es Mord oder Selbstmord?“ ist die große Frage. Die Tageszeitung K übernimmt die Theorie des Selbstmords, während alle anderen Zeitungen die Mordtheorie verfolgen. Damit isoliert sich Hayamis Zeitung und macht sich unglaubwürdig bis hin zur Geschäftsschädigung.
Durch die Konfrontation mit diesem Fall reißen in Hayami alte Wunden auf. Denn vor Jahren beging Hayamis junge Ehefrau Harumi mit ihrem Liebhaber Doppelselbstmord. Seitdem ist Hayami ein „Verlorener“, vom Schicksal aus der Bahn geworfen, von einer schwarzen Flut übermannt. Während er den Shimoyama-Selbstmord anhand von Fakten untersuchen kann, bleiben ihm für den Selbstmord seiner Ehefrau nur Vermutungen.
Für Leser, die sich nicht für japanische Geschichte interessieren, ist der Teil rund um den Tod von Shimoyama eher etwas fade. Die Ermittlungen ziehen sich hin und die Todesursache bleibt bis heute ungeklärt. Viel eindringlicher ist Hayamis Martyrium nach dem Selbstmord seiner Ehefrau Harumi. Man möchte ihm wünschen, sich in Keiko, die Tochter seines ehemaligen Lehrers zu verlieben. Doch die Macht der toten Harumi scheint ungebrochen.
Mittwoch, 25. Mai 2011
Yasushi Inoue
Yasushi Inoue gilt als einer der ganz großen japanischen Autoren. 1907 wurde er auf Hokkaido in Asahikawa geboren. Von 1930 bis 1932 studierte er zunächst Jura und im Anschluss bis ins Jahr 1936 Kunstgeschichte. Damit brach er mit einer Familientradition: Über sieben Generationen hinweg waren die Inoues als Ärzte tätig.
Nach seinem Universitätsabschluss arbeitete er zunächst als Journalist für eine große japanische Tageszeitung, bis er 1950 mit dem Akutagawa-Preis für "Der Stierkampf" als freier Schriftsteller seinen Durchbruch hatte. Ein zentrales Thema in Inoues Werken ist die Vereinsamung des Menschen in der modernen Gesellschaft. Bekannt ist er insbesondere für seine literarischen Darstellungen zwischenmenschlicher Beziehungen.
Zu Beginn des Jahres 1991 starb Yasushi Inoue in Tokio.
Interessante Links:
Hier rezensierte Romane/Erzählungen:
Weitere ins Deutsche übersetzte Werke:
Nach seinem Universitätsabschluss arbeitete er zunächst als Journalist für eine große japanische Tageszeitung, bis er 1950 mit dem Akutagawa-Preis für "Der Stierkampf" als freier Schriftsteller seinen Durchbruch hatte. Ein zentrales Thema in Inoues Werken ist die Vereinsamung des Menschen in der modernen Gesellschaft. Bekannt ist er insbesondere für seine literarischen Darstellungen zwischenmenschlicher Beziehungen.
Zu Beginn des Jahres 1991 starb Yasushi Inoue in Tokio.
Interessante Links:
- Suhrkamp Verlag: Autorenporträt von Yasushi Inoue
- Ausführliche Biographie von Yasushi Inoue (auf Englisch)
Hier rezensierte Romane/Erzählungen:
- Ein Brief aus der Wüste (in "Ein Brief aus der Wüste")
identisch mit: Ein Brief aus der Wüste (in „Das große Japan Lesebuch“)
identisch mit: Ein Brief aus der Wüste (in „Japan erzählt“)
Weitere ins Deutsche übersetzte Werke:
- Die Höhlen von Dun-huang
- Eroberungszüge
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