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Mittwoch, 24. September 2014

„Japan erzählt“ herausgegeben von Margarete Donath

Einen schönen Überblick über die japanische Literatur bietet der Band „Japan erzählt“, der von Margarete Donath herausgegeben wurde – insbesondere durch das Nachwort der Herausgeberin, das erklärt, warum welche Autoren ausgewählt wurden.

Ryunosuke Akutagawas „Der Faden der Spinne“ macht den Anfang in „Japan erzählt“. Der Autor stellt ein Bindeglied zu vielen anderen in dem Band vertreten Schriftstellern her, haben diese doch schließlich den Akutagawa-Literaturpreis erhalten oder wurden dafür nominiert. Ryunosuke Akutagawas Erzählung entführt in die buddhistische Hölle. Hier quält sich der Räuber Kandata im Blutteich. Buddha im Paradies erinnert sich an eine gute Tat des Räubers und schickt ihm den sprichwörtlichen seidenen Faden. Ist dies die Rettung Kandatas oder wird der Räuber die gebotene Chance nicht nutzen?

Junichiro Tanizaki ist mit seiner ersten Erzählung „Tätowierung“ vertreten, die dem Autor zu großer Bekanntheit verholfen hatte und die schließlich auch verfilmt wurde. Sadomasochismus und eine Femme fatale sind die Themen des Debütwerks: Der Tätowiermeister Seikichi pflegt seine Kundschaft mit seiner Nadel besonders gern zu quälen und ergötzt sich an dem Leid der Gepeinigten. Sein großer Wunsch ist es, die perfekte Frau mit einer Tätowierung zu schmücken. Durch Zufall soll diese in seine Wohnung gelangen. Es zeigt sich, dass die jugendliche Maid selbst für sadistische Anwandlungen zu haben ist. Seikichis Tätowierung lässt ihr ihre wahre Bestimmung bewusst werden.

Naoya Shiga stellt in „Die Verbrechen des Han“ die Frage nach Schuld und Unschuld: Der Zirkusartist Han hat vor versammeltem Publikum seine Ehefrau und Show-Partnerin beim Messerwerfen getötet. War es ein tragischer Unfall oder hat Han absichtlich auf den Körper seiner Frau gezielt? Schließlich lagen Han und seine Gemahlin schon lange im Streit. Doch selbst Han ist sich über seine bewussten und unbewussten Handlungen nicht im Klaren.

Yasushi Inoues „Ein Brief aus der Wüste“ ist an einen längst verstorbenen Freund des Ich-Erzählers gerichtet. Der Ich-Erzähler befindet sich fernab der Zivilisation in der Wüste Takla Makan. Als ihm ein Soldat anbietet, die Post nach Japan mitzunehmen, damit sie schneller ihr Ziel erreicht, kommt er ins Grübeln: Wem soll er denn bitte bloß einen Brief schreiben? Da kommt ihm sein verstorbener Jugendfreund ins Gedächtnis, der in ihm einst mit dem Gedicht

„Hart
klirren die Kieselsteine.
Es ist Herbst.“ (S. 38)

das Interesse an der Literatur geweckt hatte.

Mit „Der Bergasket“ nimmt Kenji Nakagami den Leser mit auf eine surrealistische Pilgerreise. Der Protagonist erlegt sich die Bergwanderung als Buße auf – hat er doch oftmals seine Frau geprügelt, die sich am liebsten von ihm trennen würde. Wie in einem Fieberwahn wird er Zeuge von metaphysischen Erfahrungen, die ihm hoffentlich zur Besserung verhelfen.

Tagelang fällt schon „Regen“ in Shotaro Yasuokas Erzählung. Der Ich-Erzähler hat das Wetter, das ihm in Mark und Bein kriecht, langsam satt. Das Geld ist fast zu Ende und so kauft er sich ein Hackebeil, um einen Einbruch zu begehen. Doch was er auch anstellt, um ein Verbrechen zu begehen – so richtig mag es nicht gelingen.

Yukio Mishima erzählt in „Rosinenbrot“ von dem Nihilisten Jack, der sich auf eine Party von Gleichgesinnten begibt, die sich an einem abgeschiedenen Strand tummeln. Es geht gar ekstatisch zu: Kongas werden geschlagen, archaische Tänze werden vollführt und ein lebendes Huhn wird der Tollheit geopfert. Zwar sind sich die versammelten Herrschaften einig, dass „die Welt ohne Sinn und alle Menschen minderwertig seien“ (S. 76), dennoch wird Jack als ein „durchsichtiger Kristall“ (S. 70) beschrieben und sieht die „Heiligung im Schmerz“ (S. 79). Soviel zu Minderwertigkeit und genereller Sinnlosigkeit – und Kohärenz in der Erzählung. Der zweite Teil der Erzählung findet in Jacks Wohnung statt: Jack liest Lautréamonts „Die Gesänge des Maldoror“, macht sich dann aber auf die ganz profane Suche nach Essbaren in seinem leeren Kühlschrank. Es findet sich ein Stück von Ameisen befallenem Rosinenbrot, das er noch kaut, als sein Kumpel Gogi in Jacks Bude aufkreuzt, um sich mit seiner neuen Freundin ein Stelldichein zu geben.

Die „Erdbeeren“, die der Mann der Autovertreterin Mieko Mizawa als Snack reichen mag, führen zu einer ungewöhnlichen und intimen Unterhaltung: Mieko muss die Erdbeeren ablehnen, denn die kleinen Kernchen würden unangenehm unter ihr Gebiss rutschen. Sie kommt in Erklärungsnot, als der Mann nachfragt, warum eine so junge Frau bereits keine Zähne mehr im Unterkiefer hat. Da erzählt sie von ihrem Ehemann und einer Freundin, beides Gebissträger, und dem Wunsch, den beiden nachzueifern. Junnosuke Yoshiyukis Erzählung ist geprägt von einer subtilen Erotik von Geheimnissen, Erdbeeren und roten Lippen.

Fumiko Enchi beschreibt in „Ahorn im Winter“ eine Frau im Herbst ihrer Jahre. Yoko ist ihr Name und als TV-Schauspielerin probt sie gerade ihre Rolle als alternde Frau, deren Tochter mit einem älteren Mann liiert ist. Das Bild eines Liebespaares mit großem Altersunterschied zieht sich als großes Thema durch die Erzählung. Während die Konstellation älterer Mann und jüngere Frau gesellschaftsfähig ist, ist die umgekehrte Variante verpönt bis unmöglich. Fumiko Enchi lässt dieses Beziehungsparadox unkommentiert stehen, weswegen die Erzählung erst im Nachklang zu sacken beginnt.

Die Autorin Ineko Sata, die der proletarischen Literaturbewegung angehörte, thematisiert in „Ihr eigenes Herz“ das Phänomen des O-miais: Fumiko soll verheiratet werden, hat aber wenig Lust auf eine arrangierte Hochzeit. Sie ist zwar eine gehorsame Tochter und geht auch brav auf die Treffen mit den Ehekandidaten, ihr ist jedoch das Gefühl zuwider, wie eine Ware taxiert zu werden. Ihre jüngere Schwester hat dagegen eine Liebesheirat durchgesetzt und damit gegen die Konventionen vor der älteren Schwester geheiratet. Auch ist ihr Umgang mit dem Ehemann weit weniger als üblich von patriarchalischen Werten gekennzeichnet.

Sawako Ariyoshi entführt den Leser in die kleine Bar „Laternchen“, die sich in einer Seitenstraße der Ginza befindet. Hier geht es relativ gemütlich zu: Die Räumlichkeiten sind so klein, dass die Bar mit nur wenigen Besuchern voll wirkt und die Mama gibt den Männern gleich das Gefühl, Stammgäste zu sein. Das Erfolgsrezept des „Laternchen“ lautet:

„In einer Bar, wo die Besitzerin kein guter Mensch ist, finden sich auch keine Gäste ein, denn Trinker sind unbestechlich.“ (S. 143)

Zwei Mädchen unterstützen die Mama, doch aus tragischen Gründen ist eine der Barmädchenstellen gerade vakant. Aus Gutmütigkeit nimmt die Mama die hypersensible Shizu bei sich auf. Ob ihr der Job im Laternchen gut tut?

Minako Oba lässt ihre Ich-Erzählerin in „Blauer Fuchs“ recht unkonventionell aus dem klassischen Rollenmuster fallen: Die konfuzianische Pietät gegenüber ihrem Vater ist ihr recht schnurz. Sie lebt mit ihrem Partner zusammen, den sie Grille nennt, geht aber mit dem blauen Fuchs eine Affäre ein, der ihr vor Jahren einen Heiratsantrag gemacht hat.

Mieko Kanais Erzählung „Platonische Liebe“, die dem gleichnamigen Erzählband entnommen ist, der 1979 mit dem Izumi-Kyoka-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, greift ein typisches Thema der Schriftstellerin auf: Das Selbstverständnis der Ich-Erzählerin, die Autorin ist, wird durch eine unbekannte Frau bedroht, die sich brieflich nach jeder Veröffentlichung der Protagonistin meldet und behauptet, die eigentliche Verfasserin der schriftstellerischen Werke zu sein. Die Ich-Erzählerin beginnt bald selbst an sich zu zweifeln. Ist sie wirklich eine Autorin oder nur eine Plagiatorin?

Auch das Sujet von Yuko Tsushimas „Heimlicher Handel“ ist ein recht typisches: Eine alleinerziehende Mutter sinniert über die Funktion von Tieren für Kinder, die ohne Vater aufwachsen. Sind sie vielleicht sogar ein Vaterersatz?

Taeko Konos „Der Eisenfisch“ erzählt die traurige Geschichte einer Kriegswitwe. Kaum verheiratet wurde ihr Ehemann eingezogen – er sollte als maritimer Kamikaze in einem bemannten Torpedo sterben. Erst Jahrzehnte später stellt sich die Witwe der Vergangenheit, als sie zum Yasukuni-Schrein aufbricht, in dem ihr Mann angeblich als Gott verehrt wird. Es werden alte Wunden aufbrechen, als sie einen der tödlichen „Eisenfische“ in Realität sehen wird.

In Masuji Ibuses „Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ reflektiert Okuyama seine Erinnerungen an den Pazifik-Krieg. In seiner Funktion in einer Transporteinheit traf er auf Oberst Nishi, der kurze Zeit später sterben sollte. Über das Lied „Alte Kameraden“ hat Okuyama damals in bitterer Notlage gesprochen – in der Jetzt-Zeit wird dieses Lied für unlautere Zwecke missbraucht.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Stolz der Toten“ ein Stimmungsbild der Studenten der ausgehenden 50er Jahre: Es ist ein Leben der Hoffnungslosigkeit; die Studenten funktionieren einfach. Ein erneuter Krieg wird vielleicht alles endgültig in den Abgrund reißen. Als Metapher für die Sinnlosigkeit lässt Kenzaburo Oe seinen studentischen Protagonisten eine recht grauslige Aushilfstätigkeit verrichten: Er soll helfen, konservierte Leichen von einem Aufbewahrungsbecken in ein anderes umzulagern. Doch wie es sich zeigen soll, wird diese Mühe völlig umsonst sein.

„Japan erzählt“ aus den 90ern enthält drei für diesen Band neu übersetzte Erzählungen; vier wurden aus dem gleichnamigen Buch aus den 60ern entnommen. Die restlichen zehn Erzählungen stammen aus anderen Anthologien. Daher trifft man in „Japan erzählt“ auf viele bereits bekannte Werke, wenn man sich schon etwas mit japanischer Literatur auseinandergesetzt hat. Dennoch ist die Mischung sehr gelungen, auch wenn man die eine oder andere Erzählung in diversen anderen Anthologien ebenfalls findet und gegebenenfalls schon dort gelesen hat.

Bibliographische Angaben:
Donath, Margarete (Hrsg.): „Japan erzählt“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Berndt, Jürgen/Brasch, Heinz/Donath, Diana/Donath, Margarete/Gössmann, Hilaria/Hijiya-Kirschnereit, Irmela/Gelbrich, Ekkehard/Gelbrich, Itsuko/Schaarschmidt, Siegfried & Yoshida-Krafft, Barbara), Fischer, Frankfurt/Main 1991, ISBN 3-596-10162-X

Donnerstag, 24. April 2014

„Das große Japan Lesebuch“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt

Siegfried Schaarschmidts „Das große Japan Lesebuch“ kann man jedem Einsteiger in die japanische Literatur mit bestem Gewissen empfehlen. Der Band aus den 90ern enthält freilich keine Werke von Autoren wie Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto. Dafür werden aber einzelne Erzählungen von den Literaturnobelpreisträgern Kenzaburo Oe und Yasunari Kawabata vorgestellt. Darüber hinaus dürfen natürlich Größen wie Ryunosuke Akutagawa, Junichirio Tanizaki, Yasushi Inoue, Kobo Abe, Osamu Dazai und Yukio Mishima nicht fehlen.

„Das große Japan Lesebuch“ startet mit Junichiro Tanizakis vielleicht bekanntester Erzählung, nämlich mit „Die Tätowierung“:  Im mittelalterlichen Japan machen Tätowierer als Künstler von sich reden. Ein besonders exzentrischer ist Seikichi. Sadistisch verlangt erfreut er sich an den Schmerzen, mit denen er beim Tätowieren seine Kunden quält. Seikichi ist ein Getriebener: Er ist auf der Suche nach dem perfekten Frauenkörper, den er mit seinen Tätowierungen zieren möchte. Eines Tages erblickt er diese wunderbare Frau, verliert sie jedoch wieder aus den Augen. Ob er dennoch an sein Ziel gelangt?

„Der Chrysanthemenball“ ist die Festivität, die die Protagonistin von Ryunosuke Akutagawas Erzählung besucht. Akiko besucht in Begleitung ihres Vaters zum ersten Mal einen Ball im europäischen Stil. Die Schönheit blendet die Besucher und fasziniert insbesondere einen französischen Militär der besonderen Art.

Naoya Shigas „Kuniko“ war der Auslöser für Shigas Ehefrau, nie wieder eines der Werke ihres Mannes zu lesen. Denn nachdem Naoya Shiga fremd gegangen war, verarbeitete er diese Erfahrung in der Erzählung „Kuniko“. Die Figur der Kuniko ist die Ehefrau eines untreuen Ehemanns. Sie begeht – ganz im Gegensatz zu Naoya Shigas Ehefrau – Selbstmord, da sie mit der Situation nicht zurecht kommt. Der Ich-Erzähler beschreibt Kunikos Weg in den Tod aus Sicht des treulosen Gatten.

Auch Ineko Sata legte ihre eigenen Erfahrungen in die Erzählung „Aus der Bonbonfabrik“: Die Autorin, die selbst schon früh in einer Bonbonfabrik arbeiten musste, zeigt anhand des Schicksals der Schülerin und alsbald Arbeiterin Hiroko die ausbeuterischen Züge der Kinderarbeit auf.

„Der Salamander“ ist der Protagonist in Masuji Ibuses Werk aus dem Jahr 1923: Wie mag vor diesem zeitlichen Hintergrund ein faschistisch anmutender Salamander zu deuten sein, der durch seinen plötzlichen Körperwuchs nicht mehr aus einer Höhle herauskommt und einen Frosch als seinen zwangsrekrutierten Gesellschafter dort mit einsperrt?

„Von Vögeln und Tieren“ erzählt Yasunari Kawabatas Protagonist. Die 1933 publizierte Erzählung enthält sich jeglicher politischer Botschaft. Stattdessen wird das Leben eines alleinstehenden Mannes geschildert, der zu Tieren einen bessern Zugang hat als zu den ihn umgebenden Menschen.

„Von Frauen“ wird dagegen in Osamu Dazais Erzählung gesprochen. 1936 sitzt der Ich-Erzähler am Tage einer Offiziersrevolte zusammen. In Unkenntnis des versuchten Umsturzes ergehen sich die beiden in Phantasien um Frauengestalten. Doch was wird hier imaginiert und was entstammt dem eigenen Erfahrungsschatz?

„Geliebtes Gesicht“ von Kafu Nagai entführt in das Tokio der 30er Jahre. Da ist ein Taxifahrer, der in einer heißen Sommernacht von der Liebe seines Lebens berichtet. Und von einer Revue-Tänzerin, die der verstorbenen Ehefrau fast bis aufs Haar gleicht.

Ein besonders bekanntes Werk von Ango Sakaguchi ist mit „Unter der vollen Blüte im Kirschbaumwald“ in „Das große Japan Lesebuch“ enthalten. In der Groteske aus dem Jahr 1947 werden Machtverhältnisse umgedreht: Ein Bergbandit entführt eine bildhübsche Frau, nachdem er ihren Begleiter kaltblütig ermordet hat. Doch die Dame weiß ihn, der ihr hemmungslos verfallen ist, perfekt zu manipulieren. Der Bandit tanzt bald nach ihrer Pfeife. Freilich wird es der Schönen in den Bergen bald zu fade – in die Hauptstadt soll er mit ihr ziehen. Dort wird er als Tölpel verspottet, doch des Nächtens zieht er aus, um auf Befehl seiner Gebieterin, Menschen zu enthaupten und ihr die Köpfe darzubringen. Nichts findet die Dame erquickender, als mit den verwesenden Schädeln zu spielen und allerlei Rollenspielchen aufzuführen. Doch der Bandit hält es alsbald nicht mehr in der Stadt aus; es zieht in zurück in die Berge. Ausgerechnet das Symbol des Japanischsten schlechthin, nämlich die Kirschblüte, soll zum Verhängnis werden.

Zwei kurze Erzählungen von Kobo Abe hat Siegfried Schaarschmidt mit „Der rote Kokon“ und „Hochwasser“ in den Band aufgenommen. In „Der rote Kokon“ wird Heimatlosigkeit und Verlorensein thematisiert. Die Erzählung nimmt eine kafkaeske Wendung. Dagegen wirkt „Hochwasser“ eher wie ein Science Fiction: Vornehmlich Arbeiter verwandeln sich in Wasser – droht eine Sintflut?

Shotaro Yasuokas „Das Kaninchensyndrom“ ist in den Nachkriegsjahren angesiedelt. Der Ich-Erzähler kuriert sich im Haus seiner Eltern aus. Der Vater, ein ehemaliger Militär, ist nun arbeitslos und ist auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Da setzt ihm jemand den Floh ins Ohr, er solle sich doch Kaninchen halten – die Angorawolle würde sich bestens verkaufen lassen. Und so nehmen die Kaninchen bald das Wohnhaus in Beschlag – und auch die Bewohner gleichen den Kaninchen immer mehr.

Morio Kitas kindliche Protagonistin betrachtet „Geflügelte Ameisen am Hang“. Das Mädchen hat ihre Mutter begleitet; zusammen sitzen sie mit einem ihr fremden Mann in einem ihr fremden Garten. Schritt für Schritt entspannt sich für den Leser in Dialogen zwischen der Mutter und dem Mann das Beziehungsgeflecht zwischen den Personen.

Mit „Der Fang“ von Kenzaburo Oe ist im vorliegenden Erzählband ein weiteres sehr bekanntes Werk der japanischen Literatur enthalten: Amerikanische Flugzeuge beginnen während des zweiten Weltkriegs in den japanischen Luftraum einzudringen. Als eines davon in der Nähe eines Dorfes abstürzt, kann ein afroamerikanischer Soldat lebend gefangen werden. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Jungen erzählt, für den „Der Fang“ eine Sensation darstellt. Der Soldat wird erst einmal provisorisch im Keller des Speichers eingesperrt, in dem der Junge mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder haust. Bald soll er ihm sogar mit schlotternden Knien das Essen bringen. Noch haben alle Dorfbewohner Angst vor dem Soldaten, doch nach kurzer Zeit wird er eher wie ein Haustier empfunden. Wenn die Behörden ihn doch nur nicht in die Finger bekommen wollten… In Kenzaburo Oes wird nicht nur die Geschichte einer Annäherung während eines drückenden Sommers erzählt, sondern auch die Entwicklung eines Kindes hin zum Erwachsenen dargestellt.

Auf „Die Brückenprobe“ begeben sich einige Damen in Yukio Mishimas Erzählung. Denn bei Vollmond gilt es, sieben Brücken schweigend zu überqueren, damit ein besonderer Wunsch in Erfüllung geht. Zwei Geishas, eine Wirtstochter und deren Dienstmagd stellen sich der Herausforderung, die sich als nicht allzu einfach gestaltet. Dabei mag der Leser mehr von den „geheimen“ Wünschen der Frauen erfahren.

Harumi Setouchi erzählt in „Einmal hat Makiko gestohlen“ von einer jungen Frau, die ihren Ehemann und ihr Kind wegen einer Affäre aufgibt. Damit nimmt sie ein Thema auf, das stark autobiografisch geprägt ist. Makiko selbst scheint recht unbedarft und nimmt die Dinge wie sie kommen. Ihr Mann setzt sie ohne Hab und Gut vor die Tür; ihr neuer Geliebter will alsbald nichts mehr von ihr wissen. So schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch. Wenn nicht ein Bekannter ihr den Floh ins Ohr setzen würde, sie solle sich doch zumindest ihre Lebensmittelkarte und ihre Kleidung zurückholen.

„Das Duell“ von Takeshi Kaiko handelt von einem Tagesausflug eines älteren und eines jüngeren Mannes. Sie wollen dem Kampf eines Mungos gegen eine Habu-Schlange beiwohnen. Dabei werden parallelen zum Schwertkampf des Ganryu gezogen.

Kenji Nakagami schickt seinen Protagonisten in „Der Bergasket“ ins Gebirge. Er ist ein eher grobschlächtiger Kerl mit cholerischen Anwandlungen. Um seine Ehe zu retten, begibt er sich wie ein Pilger ist Gebirge und macht dort metaphysische Erfahrungen, die wie ein Fieberwahn wirken. Erlebt er hier eine Katharsis?

In Makoto Odas „Der Kommandeur“ erinnert sich der Ich-Erzähler, dass er als Kind einmal eine scharfe, vorwurfsvolle Stimme gehört haben mag, die seinem Vater Fehlverhalten im Krieg vorgeworfen hat. Auf der Beerdigung seines Vaters macht er die Entdeckung, dass dies die Stimme von Namba war, der als „General des Teufels“ bezeichnet wurde. So sehr Namba während des Kriegs für militärischen Drill sorgte, so sehr versagt er aber bei der Erziehung seines Sohnes, der in Opposition zur Gesellschaft geht.

Mitsuharu Inoue begleitet in „Die Nacht davor“ eine werdende Mutter durch eine Geburt – einen Tag vor dem Atombombenabwurf über Nagasaki. Während der Leser bereits das Unheil ahnt, was über die Menschen von Nagasaki bald hereinbrechen wird, sind diese noch ganz im Alltag verhaftet. Obwohl in „Die Nacht davor“ nicht sonderlich viel geschieht, wirkt die Erzählung wie ein Schauer – denn die handelnden Charaktere werden nicht mehr allzu lange zu leben haben, bis eine atomare Katastrophe sie verschlingt.

„Ein Brief aus der Wüste“ wird von Yasushi Inoues Protagonisten geschrieben. Er hat sich auf eine Reise durch die Wüste Takla Makan begeben. Als ein Soldat ihm anbietet, seine Briefe mitzunehmen, geht er in sich und fragt sich, wem er bloß einen Brief schreiben solle. Da fällt ihm nur sein verstorbener Jugendfreund ein. Er beginnt mit dem Schreiben eines Briefs an einen Verstorbenen und reflektiert dabei den Einfluss, den dieser auf ihn hatte.

Einige der Erzählungen in „Das große Japan Lesebuch“ finden sich auf in Siegfried Schaarschmidts Band „Ein Brief aus der Wüste“, der im Ostasien-Verlag herauskam. „Das große Japan Lesebuch“ bietet jedoch mehr Erzählungen und damit einen weit besseren Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur.

Bibliographische Angaben:
Schaarschmidt, Siegfried (Hrsg.): „Das große Japan Lesebuch“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Iwabuchi, Tatsuji/Schaarschmidt, Siegfried/Schmidt, Elisabeth), Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-09886-6

Freitag, 18. Mai 2012

„Scharlachrot“ von Ineko Sata

Bücher über Trennungen sind nie sonderlich gemütlich zu lesen und auch alles andere als erbaulich. Doch „Scharlachrot“ von Ineko Sata ist nicht nur eine biographisch gefärbte Geschichte über eine Trennung: Sie ist ein Zeitzeugnis und vermittelt die Probleme von japanischen Frauen auf dem Weg in ein emanzipiertes, selbst bestimmtes und gleichberechtigtes  Leben in einer Zeit des Umbruchs. Zudem gibt sie einen Einblick in das Leben der Autoren der proletarischen Literaturbewegung.

Ineko Satas Protagonistin Akiko ist ihr Alter-Ego. Auch die anderen Charaktere haben ihren realen Gegenpart: Hinter Akikos Ehemann Kosuke verbirgt sich Ineko Satas zeitweiliger Ehemann Tsurujiro Kubokawa. Akikos Freundinnen Kishiko und Masae stehen für die Autorinnen Yuriko Miyamoto und Sakae Tsuboi.

In den 30er Jahren sind die Autoren der proletarischen Literaturbewegung politischer Verfolgung ausgesetzt. Akikos Ehemann Kosuke wird für zwei Jahre inhaftiert. Daher obliegt es Akiko, mit Schreiben Geld zu verdienen und ihre Familie über Wasser zu halten. Als Kosuke aus der Haft entlassen wird, hat sich Akiko als Schriftstellerin einen Namen gemacht und er hat den Eindruck, hinter ihrem Schaffen zurück geblieben zu sein. Statt sich kreativ zu befruchten, kämpfen beide künftig in schriftstellerischer Rivalität gegeneinander an. Hinzu kommt Akikos Verunsicherung in ihrer Rolle als Frau: Einerseits verkörpert sie einen bisher ungewöhnlichen, modernen und emanzipierten Frauentyp, der arbeiten geht und ein eigenes Auskommen hat; sprich: sich als gleichberechtigt zum Mann sieht. Andererseits sehnt sie sich nach Kosukes Liebe, was in Kontrast zu ihren Unabhängigkeitsbestrebungen steht. Als Kosuke fremdgeht, hadert sie mit ihrem Schicksal: Wenn sie nicht zu schreiben begonnen hätte, wäre sie vielleicht in ihrer unterwürfigen, klassischen Rolle als Ehefrau aufgegangen und hätte Kosuke nicht in die Arme einer anderen Frau getrieben.

Zudem erhält der Leser einen kleinen Einblick in das Leben der Autoren: Nicht nur Kosuke, sondern auch Akiko als auch deren Freundin Kishiko werden wegen der gesellschaftskritischen Inhalte ihrer Werke inhaftiert. Finanziell hangeln sie sich von Auftrag zu Auftrag. In dem 1936 erschienen Roman „Scharlachrot“ wird aus Angst vor Veröffentlichungsverbot vieles rund um die Probleme der Arbeiter nur angedeutet.

Ineko Satas Roman wirkt zwar etwas zermürbend, aber der direkte Einblick in eine Zeit der Umwälzung des Rollenverständnisses von Frau und Mann ist heutzutage immer noch spannend, wenngleich zur Zeit der Veröffentlichung gar revolutionär.

Donnerstag, 19. April 2012

„Frauen in Japan“ herausgegeben von Barbara Yoshida-Krafft

„Frauen in Japan“ lässt zehn japanische Schriftstellerinnen zu Wort kommen, die mit ihren Erzählungen die (sich wandelnde) Frauenrolle in der japanischen Gesellschaft illustrieren.

Taeko Konos Erzählung „Knochenfleisch“ (auch in dem Volk und Welt-Band „Das verhasste Alter“ als „Fleischbröckchen“ erschienen) ist die skurrile Geschichte einer Trennung. Nachdem der Mann die Frau verlassen hat, verliert sie ihren Geschmackssinn. Während der Beziehung hatte sie noch so gerne mit ihrem damaligen Partner geschlemmt. Am liebsten würde sie nun alles verbrennen, das an den Mann erinnert: Seine zurückgelassenen Besitztümer, ihre Wohnung, ja gar sich selbst.

Fumiko Enchi beschreibt in „Das Ehepaar“ die Beziehung des in die Jahre gekommenen Ehepaars Tomimori: Der Ehemann Kaichi ist ein Relikt aus der Meiji-Zeit und hält an dem steifen und lieblos wirkenden Verhalten gegenüber seiner Ehefrau Ikuyo fest – selbst als sie krank wird.

Rie Yoshiyukis „Im Brunnen die Sterne“ zeichnet die Lebenswege zweier ungleicher Zwillingsschwestern: Die Jüngere heiratet aus Liebe und führt ein selbstständiges Leben. Die ältere Schwester Shoko lernt ihren Ehemann über ein Omiai kennen. Die Schwiegermutter zieht bald zu dem Ehepaar und ist die neue Herrin des Hauses. Shoko wird kurz gehalten, bevormundet und bald nicht mehr dieselbe…

Auch Tomoko und Takako aus Taeko Tomiokas „Heirat" sind Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Tomoko ist eine alte Jungfer, hat im Alter jedoch ein Omiai absolviert und sich entschlossen, doch noch zu heiraten. Takako hatte sich mit einem sehr viel jüngeren Mann verheiratet, der sie jedoch bald wieder verlassen hatte. Dennoch ist sie auf dem Papier immer noch verheiratet. Bricht nun die jahrzehntelange Allianz der Schwestern wegen einem Mann, den Tomoko nur über ein Omiai kennt, auseinander?

Ineko Sata thematisiert in „Ihr eigenes Herz“ ebenfalls ein Omiai. Doch Fumiko hat eigentlich so gar keine Lust auf eine arrangierte Ehe – sie fühlt sich wie eine Ware, die es beim Omiai besonders gut anzupreisen gilt. Auch die Eltern taktieren, ob nicht ein solventerer Ehemann für Fumiko aufzutreiben ist und versuchen, sie an einen anderen zu verkuppeln. Dagegen hat Fumikos Schwester ihren Mann im Studium kennen gelernt und hält nichts von unterwürfigem Verhalten ihrem Partner gegenüber.

Chiyo Unos „Glück“ enthält wie ihr autobiografischer Roman „Die Geschichte einer gewissen Frau“ einige Anhaltspunkte, dass es sich bei der Protagonistin Kazue um die die Autorin selbst handelt. Kazue ist eine glückliche Frau, vor allem deswegen, weil sie sich selbst dafür hält und nicht, weil ihr allzu viel Glück widerfährt. Sie lebt ein unkonventionelles, sogar sprunghaftes Leben, hat viele Partner und hat einen Hang dazu, sich – ebenso wie die Autorin – gerne bei größeren Veränderungen ein neues Haus zu bauen.

Fumiko Enchi ist mit „Ahorn im Winter“ gleich ein zweites Mal in „Frauen in Japan“ vertreten: Die Protagonistin Yoko ist eine Schauspielerin um die 50 Jahre. Eigentlich wollte sie den viel jüngeren Tachibana mit ihrer Nichte verkuppeln – doch wie’s der Teufel will verliebt sie sich selbst in ihn. Ihr etwa gleichaltriger Schauspielerkollege Fujiki hat’s als Mann da schon weit einfacher mit seiner neuen Flamme, die gerade einmal Mitte 20 ist.

„In Versuchung“ ist Takako Takahashis Ich-Erzählerin. Während diese im Shinkansen sitzt, lässt sie ihren Erinnerungen freien Lauf und reflektiert über diverse Männerbekanntschaften, die doch alle auf das Bild „jenes Mannes“ einzahlen.

Die drei Teile von Yuko Tsushimas „Unsere Väter“ werden je von den drei Schwestern einer vaterlosen Familie erzählt. Nach dem Tod der Großmutter ziehen sie zusammen mit der Mutter aus dem altmodischen Haus aus, um in einer Reihenhaussiedlung ihr neues Zuhause zu finden. Doch richtig glücklich werden sie dort nicht. Die Mutter wendet sich dem Christentum – und dem Pater näher zu.

„Kiriko“ trifft in der gleichnamigen Erzählung von Minako Oba auf dem Heiweg den älteren Nachbarn Keiichiro. Es entspannt sich dabei ein Gespräch über das Patriarchat, unterschiedliche Beziehungen zwischen Ehepartnern und Eifersucht.

„Tanzender Ruß“ von Sawako Ariyoshi skizziert ein auf den Kopf gestelltes Familienleben in den 50er Jahren. Der Weltkrieg hat den Vater in seiner beruflichen Karriere so weit zurückgeworfen, dass er den Unterhalt für die vierköpfige Familie nicht mehr allein bestreiten kann. Die Tochter, die bereits 30 Jahre und unverheiratet ist, verdient mit ihrer Arbeit um einiges mehr als der Vater und bestreitet mit ihrem Gehalt einen Löwenanteil der anfallenden Kosten. Deswegen nimmt sie es sich auch heraus, Männerbekanntschaften nachts mit nach Hause zu bringen; meist in betrunkenem Zustand. Der Vater missbilligt dieses Verhalten in höchstem Maße, doch die Tochter begegnet ihm nur mit Verachtung.

„Frauen in Japan“ liefert ein breites Spektrum unterschiedlicher Frauenschicksale innerhalb der sich wandelnden japanischen Gesellschaft. Die Erzählungen variieren sehr stark im Vermögen, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen. Manche wirken mehr wie Assoziationsketten, andere haben Tagebuchcharakter und wiederum andere verfügen über einen kleinen, aber feinen Spannungsbogen.

Ergänzt werden die Erzählungen einerseits durch das sehr lesenswerte Vorwort von Barbara Yoshida-Krafft über die Geschichte der weiblichen Autorinnen in Japan von der Hofdamenliteratur bis hin zur Moderne. Zudem finden sich im Anhang interessante Biografien der Autorinnen auf je ein bis drei Seiten. „Frauen in Japan" ist übrigens eine Lizenzausgabe des Bandes „Das elfte Haus" vom Iudicium-Verlag mit selben Inhalt.

Mittwoch, 18. April 2012

Ineko Sata

Ineko Sata wurde 1904 in Nagasaki geboren. Ihre Eltern hatten sich als Schüler kennen gelernt: Ihre Mutter war bei ihrer Geburt erst 14, ihr Vater 18. Die Mutter starb bereits im Jahr 1911 an Tuberkulose. Unter ärmlichsten Bedingungen wuchs sie bei Vater und Großmutter auf. Nach einem Umzug nach Tokio musste sie in der 5. Klasse die Schule abbrechen, da sie mit einer Anstellung in einer Bonbonfabrik ihren Beitrag zum Einkommen der Familie beisteuern musste. Es folgten Tätigkeiten als Restauranthilfskraft, Fabrikarbeiterin und Verkäuferin im Kaufhaus Maruzen. 1924 heiratete Ineko Sata einen gutbürgerlichen Heiratskandidaten, den ihr ein Vorgesetzter vorgeschlagen hatte. Nach Selbstmordversuchen trennte sich Ineko Sata von ihrem Ehemann und verließ die Wege des konventionellen Lebensstils. Sie strebte ein selbst bestimmtes Leben an. Durch ihre Arbeit in einem Café lernte sie linke Literaten wie Shigeharu Nakano und Tsurujiro Kubokawa kennen. Letzteren heiratete Ineko Sata im Jahr 1926.

Als Autodidaktin hatte sich Ineko Sata auch nach ihrem Schulabbruch dem Schreiben gewidmet. In einer Zeitschrift der proletarischen Literaturbewegung veröffentlichte sie nun Gedichte und Erzählungen. Sie trat in diverse linke Kulturbewegungen ein und 1932 in die japanische Kommunistische Partei. In den 30er Jahren wurden sowohl ihr Ehemann als auch sie selbst wegen ihrer politischen Aktivitäten verhaftet. Während des zweiten Weltkriegs reiste sie mit weiteren Schriftstellerinnen zur Truppenbetreuung nach Korea, in die Mandschurei, nach China, Singapur und Sumatra. Von ihrem Ehemann hatte sie sich zwischenzeitlich entfremdet und ließ sich 1945 scheiden. Sie trat 1946 erneut in die KP ein, wurde 1951 ausgeschlossen, 1955 wieder aufgenommen und 1964 zum wiederholten Male ausgeschlossen.

Ineko Satas literarisches Werk umfasst 18 Bände. Sie erhielt unter anderem den Frauenliteratur-, den Noma-, den Kawabata- und den Yomiuri-Preis. 1998 starb die Autorin, die sich bis ins hohe Alter sozial engagierte.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane/Erählungen und hier rezensiert:

    Dienstag, 21. Februar 2012

    „Verführerischer Adlerfarn“ herausgegeben von Hannelore Eisenhofer-Halim & Peter Pörtner

    Der von Hannelore Eisenhofer-Halim und Peter Pörtner herausgegebene, 400-seitige Band „Verführerischer Adlerfarn“ enthält Erzählungen, Kurzgeschichten und Essays von 21 japanischen Autoren und bildet ein facettenreiches Potpourri an tragischen, ernsten, aber auch fantastischen und bizarren Geschichten.

    Taka Isawa erzählt mit „Das Restaurant Applaus“ vom tragischen Schicksal zweier gescheiterter Boxer. Beide bezahlen den Traum einer Boxerkarriere mit ihrer Gesundheit. Während Saburi noch mit zwei gebrochenen Fingern davon kommt, muss sein einstiger Widersacher Yagami mit weit größeren Schäden leben.

    Der „Lebensabend eines Kindes“ von Eimi Yamada (auch: Amy Yamada) beginnt mit einem Hundebiss. Denn die gebissene 10-Jährige ist sich sicher: Der Hund hatte Tollwood und ihr bleiben nicht mehr viele Tage zu leben. Zunächst unbemerkt von den Erwachsenen, verlebt das Mädchen einen schrulligen, vermeintlichen Lebensabend.

    Der koreanisch-stämmige Kakuei Kin erzählt in „Die Trauer der Erde“ in Briefform die Lebensgeschichte seines Protagonisten Jinichi. Sowohl Jinichis Großvater als auch sein Vater waren bzw. sind brutale Choleriker. Die Opfer der Gewalt sind die Ehefrauen. Jinichis Großmutter, die zusammen mit dem Großvater aus Korea nach Japan kam, beging Selbstmord, indem sie sich vor einen Zug warf. Zu Jinichis Bestürzung existiert weder ein Foto der Großmutter, noch ein Grab, da ihre Leiche irgendwo an der Bahnlinie verscharrt wurde. Dies alles schreibt der Protagonist in einem Brief an seine erste Liebe nieder.

    Hiroshi Onuma (auch: Tan Onuma) schreibt über das „Wasser“, das plötzlich wieder in dem Viertel des Protagonisten zu fließen beginnt, als ein ausgetrockneter Kanal wieder geflutet wird. Er erinnert sich an Begegnungen am Fluss während seiner Jugend und entdeckt Neues am Flusslauf.

    Keizo Hino entführt mit „Schwarzer Engel“ in eine Zukunftsvision, in der Phonoimages hergestellt werden können, die über elektromagnetische Wellen direkt ins Gehirn geschickt werden können. Wie auch in Keizo Hinos Roman „Die Trauminsel“ spielt die Handlung primär auf dem Neuland, das an der Küste von Tokio gewonnen wird. Und auch hat eine Femme Fatale ihren Auftritt, die den Protagonisten nicht nur mit ihrem künstlerischen Schaffen in den Bann zieht.

    Michiko Ikeda zeichnet „Spuren wirrer Wege“ innerhalb des Barackenviertels Sanya. Die Protagonistin engagiert sich für die Rechte der Arbeiter und begegnet in Sanya den unterschiedlichsten Charakteren: Dem alten Pfarrer Kobayashi, in dessen Haus regelmäßige Versammlungen stattfinden; Universitätsprofessoren, die sich in Trainingsanzüge werfen, um in der Arbeiterstadt nicht aufzufallen und Ex-Studenten, die lieber auf dem Bau schuften, anstatt weiter auf die Universität zu gehen.

    Ken Kaikos „Das Meer in der Hand“ ist die tragische Erzählung über den einsamen Professor Takada, den der Ich-Erzähler in einer Bar kennen lernt. 

    In Tomoko Yoshidas „Verführerischer Adlerfarn“ wird es fantastisch: Beim Sammeln von Adlerfarn begegnet die Protagonistin einer kauzigen Alten, die sie auffordert, ihr zu folgen. Die beiden Treffen auf eine Gruppe seltsamer Wallfahrer, die der Protagonistin nicht so fremd sind, wie es zunächst den Anschein hat.

    Shohei Ookas Essay „Schnee in Santa Fe“ handelt von seiner Reise durch die USA, die ihn zu Frieda Lawrence, der Witwe von D. H. Lawrence, führt.

    Kobo Abes „Hand“ ist bizarr: Die Hand, das ist der Tierpfleger einer Brieftaube, die im Krieg einen Orden erhalten hat. Doch was nützen tierische Helden nach dem Krieg – die Taube wird in Bares umgetauscht. Die Taube wird der Hand noch mehrmals begegnen. Das letzte Mal wird sich das wehrlose Tier in etwas Gefährliches verwandelt haben.

    Shun Medorumas Erzählung „Wassertropfen“ wurde 1997 mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Sie erzählt von Tokusho, dessen Bein plötzlich dick anschwillt und er daraufhin in einen Koma-ähnlichen Zustand fällt. Da seine Frau nichts von Krankenhäusern hält und ohnehin keine befriedigende Diagnose gestellt werden kann, wird Tokusho, aus dessen Fuß Wasser austritt, zu Hause gepflegt. Während Tokusho in seinen Wahnträumen seine Vergangenheit als Soldat im zweiten Weltkrieg aufarbeitet, entdeckt sein nichtsnutziger Vetter Seiyu eine interessante Eigenschaft des Wassers kennen, das aus Tokushos Fuß tropft.

    Die folgenden vier Erzählungen und Kurzgeschichten „Der Ausritt“, „Das Meer und das Abendrot“, „Die Rose“ und „Die Geschichte vom Mandala“ von Yukio Mishima wirken nach Shun Medorumas „Wassertropfen“ ein bisschen farblos: In „Der Ausritt“ möchte eine gut situierte Dame die junge Frau unter die Lupe nehmen, die ihren Sohn verführt hat, und trifft dabei auf einen ehemaligen und in die Jahre gekommenen Verehrer. „Das Meer und das Abendrot“ betrachtet der Tempeldiener Anri, während er von seinem Schicksal erzählt, das im mittelalterlichen Frankreich als Schafhirte begann: Der Junge Anri hatte eine göttliche Erscheinung und führt die Kinder der Cevennen nach Marseille, um von dort aus Jerusalem zu erobern. Doch anstatt einen Sieg zu erringen, ereilt die Kinder ein anderes Schicksal. „Die Rose“ hat den Tod von Rainer Maria Rilke zum Thema. „Die Geschichte vom Mandala“ erinnert an ein orientalisches Märchen: Der König wünscht von seinen Untertanen die Anfertigung eines Mandalas zu Ehren seines Geburtstages.

    Yasunari Kawabatas „Am Abend der Tanzaufführung“ ist eine Kurzgeschichte über Schicksale, die sich streifen und wieder auseinanderdriften.

    „Kreta Kano“, die Figur, die Haruki Murakami-Fans bereits aus „Mister Aufziehvogel“ kennen, stellt sich ebenfalls in einer Kurzgeschichte vor und erzählt von ihrem harten Los, permanent zum Vergewaltigungsopfer zu werden, weswegen sie sich in die Abgeschiedenheit zu ihrer Schwester Malta Kano begibt.

    „Früher oder später“ kommt der Tod auf die über 80-jährige Autorin Ineko Sata zu. Sie reflektiert in ihrem Essay nicht nur über das Sterben, sondern auch über die Lebenswege kürzlich verstorbener Freunde, den letzten Besuch bei einer der wenigen gleichaltrigen Bekannten und ihr eigenes Verhalten, das sich mit dem Näherrücken des Todes ändert.

    Shumon Miura macht sich Gedanken über „Kinder und Enkel“, über Vererbung und Genetik, über die Pflege von bettlägerigen, Alzheimer-kranken Verwandten.

    Der Science Fiction Autor Yasutaka Tsutsui entführt in eine verstörende Zukunft: „Der Stamm der Menschenfresser“ hat ein eigenes Territorium, in das sich der Protagonist dummerweise verirrt. Er gerät in die Falle eines Menschfressers und wird als dessen Reiseproviant mit in die Hauptstadt genommen. Da hilft auch kein Jammern und kein Flehen.

    Ryunosuke Akutagawas „Tod eines Christen“ kommt wie eine katholische Märtyrer-Geschichte daher: Der schöne Waisenjunge Lorenzo wird aus der christlichen Gemeinschaft unschuldig verstoßen und muss sich fortan alleine durchs Leben schlagen.

    Katai Tayamas Protagonist ist „Krank nach jungen Frauen“ – wenn ihm dies bloß nicht zum Verhängnis wird…

    Skurril ist Juro Karas „Gogols Tochter“: Taguchi nimmt sich einem Fundstück, einer 50cm großen Puppe an. Diese Puppen haben einerseits reißenden Absatz bei Männern, die sie als Geliebte hegen und pflegen, aber auch genügend Feinde. Alle Anwohner sind aufgefordert, ihre Sexpuppen demnächst in einer gemeinschaftlichen Aktion zu verbrennen. Der Spielesoftware-Entwickler Taguchi nimmt dies zum Anlass, ein Konzept für ein fantastisches Rollenspiel zu schreiben. Doch seine Visionen drängen in die Realität.

    Masahiko Shimadas „Der Delphin in der Wüste“ bildet einen fulminanten Abschluss des Erzählbandes: Augenzwinkernd erzählt ein gefallener Engel von seinen Erfahrungen im modernen Tokio.

    „Verführerischer Adlerfarn“ ist ein toll illustriertes Buch mit Liebe zum Detail. Nur schade, dass nicht noch etwas mehr Zeit in die Fußnoten investiert wurde. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen tut sich der Leser manchmal etwas schwer (z.B. bei Ineko Satas Essay, da die beschriebenen Personen wohl nur Japanologen bekannt sein dürften). Insgesamt jedoch bietet „Verführerischer Adlerfarn“ eine wunderbare Sammlung der verschiedenen Spektren japanischer Literatur.