Labels

Posts mit dem Label proletarische Literaturbewegung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label proletarische Literaturbewegung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 17. Juli 2014

„Mein Sohn Takiji“ von Ayako Miura

Nichts mag für eine Mutter so schlimm sein, wie ihr geliebtes Kind durch gewaltsamen Tod zu verlieren. Ayako Miura lässt in „Mein Sohn Takiji“ die 88-jährige Sen zu Wort kommen, die das Leben und den Tod ihres Sohnes Takiji Revue passieren lässt. Bei Takiji handelt es sich dabei nicht um eine imaginierte Person, sondern um den Autor der proletarischen Literaturbewegung Takiji Kobayashi, der im Jahr 1933 verhaftet und zu Tode gefoltert wurde. Ayako Miuras „Mein Sohn Takiji“ basiert auf den realen Geschehnissen; der Monolog der Mutter Sen ist freilich ein Produkt von Ayako Miuras literarischer Schaffenskraft: 

Da sitzt Sen im Haus ihrer Tochter Chima und spricht direkt zum Leser. Sie beginnt mit ihrem eigenen Schicksal wie sie in ärmlichsten Verhältnissen aufwächst und als Teenager verheiratet wird. Die Familie der Kobayashis ist ebenfalls verarmt, doch gebildet. Nach dem Tod des ältesten Sohns Takiro zieht die Familie von Otaru nach Hokkaido. Takiji als Zweitgeborener wird dort von seinem Onkel gefördert und kann Wirtschaftswissenschaften studieren. Takiji entwickelt sich zu einem gerechtigkeitsliebenden, fröhlichen jungen Mann, der alles in seiner Macht stehende leistet, seine Familie finanziell zu unterstützen. Er träumt den Traum, die Gesellschaft zu verbessern, hat er doch bereits schon früh die Härten der armen, arbeitenden Bevölkerung erlebt: Seine Eltern begeben sich bei Bauarbeiten in Lebensgefahr, Arbeiter werden schlimmer als Vieh behandelt und junge Mädchen werden in die Prostitution verkauft. Indem Takiji Romane schreibt, will er seinen Beitrag leisten, die Lebensumstände zu verbessern.

Als Takiji nach Tokio geht, beginnen seine Probleme mit der Polizei. Er wird mehrfach verhaftet und geht schließlich in den Untergrund. Als ihn ein Spitzel verrät, wird er erneut verhaftet und schließlich zu Tode gefoltert. Seine Mutter trifft der Verlust besonders hart. Wie kann es einen Gott geben, wenn dieser zulässt, dass ihr Sohn, der die Nächstenliebe verkörpert, auf so schlimme Weise gemartert wird und sein Leben lassen muss. Hier zieht die christliche Autorin Ayako Miura einen Vergleich zu Jesus: War nicht auch Jesus von der Nächstenliebe beseelt, wurde nicht auch er verraten und musste nicht auch er wegen seinen Überzeugungen sterben? Langsam nähert sich Sen dem Christentum an und scheint im Alter endlich ihren Frieden finden zu können.

Indem Ayako Miura Sen frei erzählen lässt, erscheint es dem Leser, als würde man tatsächlich exklusiv von Takiji Kobayashis Mutter dessen Lebensgeschichte erzählt bekommen. Die Erzählweise ist äußerst lebendig, manchmal aber auch sprunghaft. Mit der Zeit wächst einem die alte Dame immer mehr ans Herz. Umso tragischer erlebt der Leser auch das Ende von Takiji Kobayashi mit. Allzu christliche Literatur liegt mir zwar nicht sonderlich, aber Ayako Miura gelingt es in „Mein Sohn Takiji“, die richtige Dosis einzusetzen. Sen ist nicht getauft, aber findet zumindest etwas Trost im christlichen Glauben. Auch wenn das Thema von Ayako Miuras „Mein Sohn Takiji“ schwere Kost ist – der Kurzroman lohnt sich enorm!

Bibliographische Angaben:
Miura, Ayako: „Mein Sohn Takiji“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierwirth, Gerhard & Moriwaki, Arno), Iudicium, München 2014, ISBN 978-3-86205-391-9

Donnerstag, 27. Dezember 2012

„Wanderjahre“ von Koreya Senda

1975 veröffentlichte Koreya Senda in Japan seine „Geschichte des Shingeki – ganz anders betrachtet“. Kapitel 6 und 7 wurden ins Deutsche übersetzt und als „Wanderjahre“ publiziert. „Wanderjahre“ umfasst primär die Jahre 1927 bis 1932 und damit Koreya Sendas Zeit in Berlin, wo er sich mit linkem, proletarischem Theater befasste. Während in Japan die proletarische Bewegung bereits starker Überwachung ausgesetzt war, findet Koreya Senda in Deutschland noch günstigere Bedingungen für die politische Bewegung wieder. Doch zunächst findet die Frohnatur Senda in Berlin Gefallen an anderen Aktivitäten: Im Café Victoria, wo sich die den japanischen Gästen zugetanen Berliner Fräuleins aufhalten, wird so manche Reichsmark vertrunken – und Koreya Senda zieht sich gleich noch eine Geschlechtskrankheit zu, deren Heilung sein durch den Alkoholkonsum ohnehin strapaziertes Budget noch weiter belastet. Gut, dass ihm ein Statistenjob beim Film angetragen wird. In dem Streifen „Natur und Liebe“ soll er sich zuerst nur im Lendenschurz bekleidet zeigen – und schließlich verlangt der Regisseur gar, dass seine letzte Hülle zu fallen hat.

Doch schließlich wendet sich Koreya Senda doch dem Studium des Theaters zu, weswegen er nach Deutschland gekommen war. Mit den Aufführungen der Piscator-Bühne kann er sich weniger anfreunden. Koreya Senda macht unter anderem die Bekanntschaft von Lu Märten, Gustav von Wangenheim, Arthur Pieck und Maxim Vallentin und verschreibt sich daraufhin Agitproptruppen, tritt in die deutsche KP ein. Zudem engagiert sich der umtriebige Japaner für diverse internationale Theaterverbandsarbeit.

In Berlin lernt Koreya Senda auch seine erste Ehefrau Irmgard Kliem kennen, die ihn bei seiner Rückkehr nach Japan über Moskau im Jahr 1931 begleitet. Wie auch in den Erinnerungen der gemeinsamen Tochter Momoko Nakagawa, die sie in „Der japanische Vater“ niederschrieb, hinterlässt Irma auch in „Wanderjahre“ einen besonders starken Eindruck. Unverblümt, liebenswert und unbekümmert schreitet die politisch engagierte Frau auch in Japan zur Tat. Sie möbelt die heruntergekommene Bleibe auf, kümmert sich aufopfernd um den zeitweilig inhaftierten Koreya Senda und ist durch ihr offenes Wesen gleich allseits beliebt.

In Japan wird das Klima für politisches Theater immer schlechter: Schauspieler werden gar direkt von der Bühne wegverhaftet. Berufsschauspieler haben kein Auskommen mehr und müssen sogar soweit gehen und sich prostituieren, um Geld zum Überleben zu beschaffen. Interne Streitigkeiten tun ein Übriges, um die Situation noch weiter zu Erschweren.

Sicherlich ist „Wanderjahre“ primär für Leser interessant, die ein Faible für linkes Theater und die proletarische Bewegung haben. Insbesondere, wer sich für proletarische Literatur begeistert, trifft in „Wanderjahre“ auf alte Bekannte: In Moskau begegnet Koreya Senda der Schriftstellerin Yuriko Miyamoto, die dort heimlich die Bekanntschaft von KP-Politikern macht und sich schließlich der proletarischen Bewegung zuwendet. Einen Umzug kann sich Koreya Senda nur leisten, nachdem ihm ein Verlag für die Übersetzung von Sunao Tokunagas „Straße ohne Sonne“ einen Vorschuss gegeben hatte. Zusammen mit Trude Eschenbach übersetzt er wenig später Takiji Kobayashis „Der 15. März 1928“.

Doch Koreya Sendas Erzählstil macht einfach auch Spaß; die Frohnatur kam während des Klassenkampfes sichtlich auch auf seine Kosten. Sicherlich mag dies durch den zeitlichen Abstand von mehr als 40 Jahren von Niederschrift zu den Geschehnissen resultieren und für etwas Verklärung sorgen  – ein Aufenthalt im japanischen Gefängnis war bestimmt kein Zuckerschlecken.

Bibliographische Angaben:
Senda, Koreya: „Wanderjahre“, Henschelverlag, Berlin 1985

Donnerstag, 4. Oktober 2012

„Die Straße ohne Sonne“ von Sunao Tokunaga

Rund um „Die Straße ohne Sonne“ in Tokio tummeln sich die Wellblechhütten der Ärmsten der Arbeiter, die vornehmlich in den Fabriken des reichen Kapitalisten Okawa arbeiten. Der hat vor kurzem die Arbeiter einer ganzen Abteilung entlassen – ihre 3.000 Kollegen haben aus Solidarität einen Streik ausgerufen. Und so wird der Leser Zeuge eines Arbeitskampfs in den 20er Jahren, der auch in der Realität so – oder so ähnlich – stattgefunden hat. Denn der Autor Sunao Tokunaga verarbeitet in seinem Roman seine eigenen Erlebnisse als Streikender.

Takae ist eine der zentralen Figuren: Die emanzipierte Frau steht hundertprozentig hinter dem Streik und opponiert damit gegen den Vater. Sie und ihre jüngere, schwangere Schwester O-Kayo werden verhaftet und für einige Zeit inhaftiert. Hagimura ist ein Stratege, der sich in der Streikleitung engagiert. Auch er lebt gefährlich: Die Polizei und die Werksfaschisten haben es auf ihn abgesehen. Miyaji gehört einer Geheimabteilung der Streikenden an. Als er sich der Polizei freiwillig stellt, wird er gefoltert und altert innerhalb von Tagen um Jahre. Hin und wieder wechselt die Perspektive auf die wohlhabende Gegenseite und illustriert die Weltfremdheit des Kronprinzen und die Kaltherzigkeit der Kapitalisten.

Sunao Tokunaga appelliert mit „Die Straße ohne Sonne“ an den Zusammenhalt der Arbeiter gegen die unterdrückende Oberschicht. Durch Intrigen und Bestechungen gelangen die Kapitalisten doch an ihr Ziel: Die Solidarität zerfällt und der Streik wird zu den Bedingungen der Arbeitgeber beendet. Interessant ist dabei vor allem, dass Sunao Tokunaga den diversen Einzelschicksalen ein Gesicht gibt. Einige überleben den Arbeitskampf nicht, andere verrotten in Gefängnissen, Frauen prostituieren sich, um eine neue Einnahmequelle zu erschließen.

Freilich entbehrt „Die Straße ohne Sonne“ nicht einer gewissen Polemik, was z.B. die Glorifizierung der roten Fahne betrifft. Dennoch ist der Roman gegen Ende mehr als spannend und fordert Respekt für die Arbeitergeneration heraus, für die der Begriff „Arbeitskampf“ noch wörtlich zu verstehen war.

Bibliographische Angaben:
Tokunaga, Sunao: „Die Straße ohne Sonne“, Dietz, Berlin 1960

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Sunao Tokunaga

Sunao Tokunaga kam 1899 als Sohn eines landlosen Pachtbauers zur Welt. Wie viele andere Bauernsöhne dieser Zeit ging er in die Stadt, um in verschiedensten Anstellungen Geld zu verdienen. So machte er eine Druckerlehre, arbeitete in einer Zigarettenfabrik und einem Elektrizitätswerk. Sunao Tokunaga interessierte sich sehr für Literatur, gründete mit anderen Arbeitern einen literarischen Studienzirkel und versuchte sich an ersten Novellen. 1922 ging er nach Tokio, um dort als Drucker zu arbeiten.

Den Stoff für seinen ersten proletarischen Roman „Die Straße ohne Sonne“ aus dem Jahr 1926 lieferten seine Erfahrungen des misslungenen Streiks in der Kyodo-Druckerei. Unter Druck des Gesetzes zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Friedens und den damit einhergehenden Repressalien schrieb Sunao Tokunaga konformistischer.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs trat Sunao Tokunaga in die Kommunistische Partei und für die Förderung von Arbeiterliteratur ein. 1958 erlag er einem Magenkrebsleiden.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzt und hier rezensierte Romane:

Sonntag, 9. September 2012

„Die Banshu-Ebene“ von Yuriko Miyamoto

Der Band „Die Banshu-Ebene“ von Yuriko Miyamoto enthält neben der gleichnamigen autobiographischen Erzählung noch zwei weitere namens „Die Brust“ und „Fuchiso“.

„Die Brust“ aus dem Jahr 1935 war eines der letzen Werke der proletarischen Literaturbewegung, das noch veröffentlicht werden konnte. Wie Jürgen Berndt im Vorwort bereits beschreibt, wirkt diese Erzählung noch etwas ungeschliffen. Sie handelt von der jungen Hiroko, deren Ehemann Jukichi als politischer Gefangener einsitzt. Auch Hiroko betätigt sich für die Belange der Arbeiter. Sie arbeitet in einem Kindergarten der „Arbeiter-und-Bauern-Hilfe“ und setzt sich für Gewerkschaftler ein. Im Kindergarten taucht hin und wieder der zwielichtige Usui auf – hat Hiroko den richtigen Riecher, dass dieser Kerl nicht hinter der linken Bewegung steht?

In „Die Banshu-Ebene“ begegnen wir Hiroko wieder. Die Jahre sind ins Land gegangen und Hiroko, deren Ehemann noch immer inhaftiert ist, erlebt in der Evakuierung die Kapitulation Japans am 15. August 1945. In Rückblenden erfährt der Leser, wie es ihr und ihrem Ehemann zwischenzeitlich ergangen ist. Als sie Post von ihrer Schwiegermutter erhält, dass Hirokos Schwager als vermisst gilt, schlägt sich Hiroko in die Heimat ihres Ehemanns durch, um der alten Schwiegermutter beizustehen. Sie ist rechtzeitig zur Stelle, als eine Überschwemmung das Haus der Schwiegermutter heimsucht. Als sie erfährt, dass am 10. Oktober 1945 die politischen Häftlinge entlassen werden, hält Hiroko nichts mehr: Sie muss nach Tokio, denn sie ist sich sicher, dass ihr Jukichi sie dort suchen wird. Aufgrund von Überschwemmungen und Kriegsschäden sind die Bahnstrecken kaum befahrbar. Doch irgendwie muss es Hiroko nach Tokio schaffen – immerhin war ihr Ehemann zwölf lange Jahr inhaftiert und nun ist das lang ersehnte Wiedersehen in Freiheit zum Greifen nahe.

„Fuchiso“ setzt ein, als es Jukichi endlich geschafft hat, Hiroko in Tokio aufzuspüren. Zuerst scheint es, als ob die beiden endlich ein harmonisches Eheleben führen könnten. Doch Hiroko ist über die lange und harte Zeit des Alleinlebens zu einer starken Frau geworden, was Jukichi missfällt. Er wirft ihr vor; wie die Protagonistin einer Erzählung Akutagawas zu wirken, wie eine eigensinnige und starrköpfige Witwe. Jukichi wiederum ist zart besaitet und verträgt Hirokos Scherze über seine Qualität als Ehemann nicht. Trotzdem können sich beide wieder zusammenraufen, während Jukichi sich für die Zeitschrift Akahata und den Aufbau der Kommunistischen Partei engagiert.

Yuriko Miyamoto gibt mit ihren Erzählungen einen intensiven, höchst interessanten und manchmal schockierenden Einblick in das Leben der politischen Gefangenen und deren Angehörigen während der Gültigkeit des berüchtigten Gesetzes zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Friedens, das Verhaftungen Andersdenkender legitimierte. Yuriko Miyamoto hatte die unmenschlichen Haftbedingungen am eigenen Leib erlebt und einen lebensgefährlichen Hitzschlag erlitten, dessen Folgen ihre Gesundheit fortan beeinträchtigten. Dennoch sprechen aus ihren Erzählungen die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Jukichi und eine enorme Standhaftigkeit:

„Wenn jemand in den Krieg geschickt wird und über seinen Verstümmelungen sogar das Vertrauen zur Liebe verliert, so ist das schlimmer, als in kleine Stücke zerschnitten zu werden. Standhaft sein! Tapfer sein!“ (S. 125 f.)
Bibliographische Angaben:
Miyamoto, Yuriko: „Die Banshu-Ebene“, Aufbau, Berlin 1960

Samstag, 8. September 2012

Yuriko Miyamoto

Yuriko Miyamoto erblickte 1899 als Tochter eines in Cambridge ausgebildeten Architekten und Professors für Architektur als Yuriko Chujo das Licht der Welt. Bereits als Jugendliche erlebte sie die soziale Ungerechtigkeit auf dem Landsitz des Großvaters, auf dem sie viele Sommer verbrachte und die elende Armut der kleinen Pächter gewahr wurde. Im Alter von 16 Jahren schrieb sie eine anrührende Geschichte über ihre Erfahrungen und wurde als viel versprechende Nachwuchsautorin gehandelt. 1918 reiste sie zusammen mit ihrem Vater nach New York, wo sie ihren späteren Ehemann Shigeru Araki kennen lernte. Obwohl ihre Familie gegen diese Ehe war, heiratete Yuriko den 15 Jahre älteren Mann. 1924 wurde die Ehe geschieden, unter anderem, da sich Yuriko in ihrer Entwicklung eingeengt fühlte. Ihre Erfahrungen schrieb sie im Roman „Nobuko“ nieder.

Zusammen mit Yoshiko Yuasa bereiste sie 1927 die Sowjetunion und erlebte dort die Aufbruchsstimmung im Sozialismus. 1929 reiste sie nach Europa, wo sie Zeugin der ersten faschistischen Entwicklungen wurde.

Zurück in Japan wurde Yuriko Miyamoto Mitglied des proletarischen Schriftstellerverbands und Leiterin der Zeitschrift „Die arbeitende Frau“. 1931 wurde sie Mitglied der verbotenen Kommunistischen Partei Japans. 1932 heiratete sie den Literaturkritiker und KPler Kenji Miyamoto. Im selben Jahr wurde sie zum ersten Mal verhaftet. 1933 wurde ihr Ehemann inhaftiert und später zu lebenslanger Haft verurteilt. Dank der Amnestie für alle politischen Gefangenen nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde Kenji Miyamato im Oktober 1945 nach zwölfjährigem Gefängnisaufenthalt entlassen. Auch Yuriko wurde wiederholt inhaftiert und verlebte insgesamt zwei Jahr im Gefängnis. Zudem erhielt sie Schreibverbot. Erst nach Kriegsende konnte die Autorin wieder schöpferisch tätig werden und veröffentlichte autobiographisch gefärbte Erzählungen und Romane.

Bereits 1951 starb Yuriko Miyamoto an einer Blutvergiftung. Postum wurde ihr die Friedensmedaille der Weltfriedensbewegung verliehen.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen und hier rezensiert:

Freitag, 7. September 2012

„Der 15. März 1928“ von Takiji Kobayashi

Der 15. März 1928 war ein düsterer Tag für die japanischen Sozialisten und Kommunisten. In einer Verhaftungswelle wurden 1.652 Personen inhaftiert, die unter Verdacht standen, der verbotenen Kommunistischen Partei Japans anzugehören oder mit ihr zu sympathisieren. Ca. 500 der Inhaftierten wurden schließlich auch strafrechtlich belangt. Im Zuge dieser anti-kommunistischen Aktion wurden auch weitere linke Parteien und Organisationen verboten.

Takiji Kobayashi hat mit seiner Erzählung „Der 15. März 1928“ diesem Ereignis ein Zeitzeugnis gesetzt. Er beschreibt aus dem Blickwinkel verschiedener Gefangener die Geschehnisse dieses und die der folgenden Märztage in der Stadt Otaru: Ryukitji hat aufgrund vorhergehender Verhaftungen seine Anstellung als Lehrer verloren. Als er von der Polizei am Morgen des 15. März aus dem Schlaf gerissen und verhaftet wird, sind Frau und Kind versteinert vor Schreck.

Die Gewerkschaftler Ssusumoto, Ssakanishi, Ssaito, Shibata, Ishida und Watari haben für den 15. März eine Protestkundgebung geplant und übernachten im Gewerkschaftsbüro. Doch viel Schlaf ist ihnen nicht vergönnt – sie werden von der Polizei wach geprügelt und abgeführt. Den Sekretär der Gewerkschaft, Kudo, erwischt es wie Ryukitji zu Hause.

Ssata, der sich seiner Mutter zuliebe von den Linken distanziert hatte, wird erst nach dem 15. März inhaftiert. Während die zurückbleibenden Frauen, die Ehefrauen und Mütter, plötzlich auf sich allein gestellt sind – schließlich fehlen die Einnahmen des Mannes – , werden einige der Inhaftierten brutalst von der Polizei gefoltert. Zwar ergeht sich der Autor in einschwörenden Äußerungen wie

„in ihnen allen steigt ein Empfinden auf, ein Ton, eine Farbe, eine Richtung, das Gefühl, das sie nie in den Stunden der Gefahr verlässt: Solidarität. Jene Solidarität, die das Proletariat zu einer Front zusammenschweißt.“

differenziert jedoch beim Feindbild: Die Polizei wird nicht als grundlegend schlecht erachtet. Zwar tummeln sich unter den Beamten sadistische Folterknechte, aber auch menschliche Züge werden illustriert: Polizisten, die den Gefangenen anbieten, den wartenden Ehefrauen Nachrichten zu überbringen und solche, die sich selbst gegen unwürdige Arbeitsbedingungen wehren wollen.

Tragische Ironie des Schicksals ist, dass der Autor seinen gefolterten Charakteren die Worte „Tötet mich doch lieber!“ in den Mund legt und 1933 selbst unter Polizeifolter ums Leben kommt.

Noch ein kleiner Hinweis: Diese Rezension basiert auf der online verfügbaren Version von „Der 15. März 1928“ auf Marxist’s Internet Archive/Nemesis. Daher auch keine Seitenzahlen bei den Zitaten. Die deutsche Originalausgabe aus dem Jahr 1932 wurde 1938 von den Nationalsozialisten verboten und auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt.

Bibliographische Angaben:
Kobayashi, Takiji: „Der 15. März 1928“, Mopr, Berlin 1932

Montag, 25. Juni 2012

„Das Fabrikschiff“ von Takiji Kobayashi

Wer auf einem Fabrikschiff anheuert, der begibt sich auf direktem Weg in die Hölle. Gehaust wird in Kabinen, die nicht zu Unrecht als Jauchefass bezeichnet werden. Wasser zum Waschen wird so streng rationiert, dass man sich nur wenige Male im Monat säubern kann. Wanzen und Läuse piesacken die Matrosen, Arbeiter und Fischer. Doch am schlimmsten ist der Aufseher, der nichts als Profit im Kopf hat, und seine Untergebenen notfalls sadistisch halb tot foltert. Ein Menschenleben zählt nichts auf See, denn:

„Ein Krabbenfangschiff ist eben weder ein Schiff, das unter dem Schutz des Seerechts steht, noch eine Fabrik, deren Arbeiter das Recht auf Arbeitsschutz genießen. Ein Krabbenfangschiff steht außerhalb aller Gesetze, es ist vogelfrei.“ (S. 28)

Daher riskiert der Aufseher Asagawa permanent die Leben der Besatzung: Selbst bei Sturmwarnung werden die ahnungslosen Fischer in ihren kleinen Booten aufs Meer geschickt, Kranke werden zum Arbeitseinsatz getrieben und ohnehin muss bis zur völligen Erschöpfung durchgearbeitet werden. Muckt einer auf, drohen die drakonischsten Strafen. Ein toter Arbeiter macht nichts aus – stehen doch im Hafen bestimmt schon wieder zehn Bewerber auf die Stelle bereit. Und selbst wenn ein Schiff sinken sollte – dagegen ist die Fischfanggesellschaft bestens versichert.

Takiji Kobayashi nimmt den Leser mit auf Krabbenfang mit der Hakkomaru –  eine Fahrt, die manche Fischer und Arbeiter nicht überleben werden. Damit prangerte der Autor die brutale und schonungslose Ausbeutung der Arbeiter an – und bezahlte sein Engagement schließlich selbst mit dem Leben, als er 1933 im Polizeigewahrsam zu Tode gefoltert wurde. Der Kurzroman ist auch heute noch brisant. Als Leser atmet man regelrecht auf, dass man nicht in diese Zeit hineingeboren wurde, als eine Organisation der Arbeitnehmer unterbunden und deren Rechte schlichtweg inexistent waren.

„Das Fabrikschiff" erschien ins Deutsche übersetzt 1958 bereits unter dem Titel „Krabbenfischer" im Volk und Welt-Verlag.

Sonntag, 24. Juni 2012

Takiji Kobayashi

Takiji Kobayashi
(Creative Commons-Lizenz)
Takiji Kobayashi gilt als einer der wichtigsten und bekanntesten Vertreter der proletarischen Literaturbewegung. 1903 wurde er als Sohn eines armen Bauers in der Präfektur Akita geboren. Dank seines Onkels konnte er in Hokkaido Wirtschaftswissenschaften studieren. Bereits während seines Studiums begann er zu schreiben. Besonders begeisterte er sich für den Autor Naoya Shiga.

Nach seinem Studium begann er 1924 bei der Hokkaido Takushoku Bank zu arbeiten, engagierte sich aber für die Arbeiterbewegung. Nachdem er die Brutalität der Polizei gegenüber den „Linken“ erlebt hatte, schrieb er die Erzählung „Der 15. März 1928“ und wurde seitdem von der Polizei beobachtet. Sein Kurzroman „Das Fabrikschiff“, der die Grausamkeit gegenüber den Arbeitern, Fischern und Matrosen anprangerte, wurde kurz nach der Veröffentlichung 1929 verboten.

Takiji Kobayashi wurde von der Bank entlassen und ging 1930 nach Tokio. Wegen Majestätsbeleidigung und Störung der öffentlichen Ordnung durch die Publikation von „Das Fabrikschiff“ wurde er zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung trat er der kommunistischen Partei bei und ging in den Untergrund. 1933 verriet ihn ein Polizeispitzel. Im Polizeigewahrsam wurde Takiji Kobyashi zu Tode gefoltert.

In den deutschsprachigen Übersetzungen älterer Natur wird der Autor auch als Takidji Kobajaschi oder Takisi Kobayashi geführt.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:

Freitag, 18. Mai 2012

„Scharlachrot“ von Ineko Sata

Bücher über Trennungen sind nie sonderlich gemütlich zu lesen und auch alles andere als erbaulich. Doch „Scharlachrot“ von Ineko Sata ist nicht nur eine biographisch gefärbte Geschichte über eine Trennung: Sie ist ein Zeitzeugnis und vermittelt die Probleme von japanischen Frauen auf dem Weg in ein emanzipiertes, selbst bestimmtes und gleichberechtigtes  Leben in einer Zeit des Umbruchs. Zudem gibt sie einen Einblick in das Leben der Autoren der proletarischen Literaturbewegung.

Ineko Satas Protagonistin Akiko ist ihr Alter-Ego. Auch die anderen Charaktere haben ihren realen Gegenpart: Hinter Akikos Ehemann Kosuke verbirgt sich Ineko Satas zeitweiliger Ehemann Tsurujiro Kubokawa. Akikos Freundinnen Kishiko und Masae stehen für die Autorinnen Yuriko Miyamoto und Sakae Tsuboi.

In den 30er Jahren sind die Autoren der proletarischen Literaturbewegung politischer Verfolgung ausgesetzt. Akikos Ehemann Kosuke wird für zwei Jahre inhaftiert. Daher obliegt es Akiko, mit Schreiben Geld zu verdienen und ihre Familie über Wasser zu halten. Als Kosuke aus der Haft entlassen wird, hat sich Akiko als Schriftstellerin einen Namen gemacht und er hat den Eindruck, hinter ihrem Schaffen zurück geblieben zu sein. Statt sich kreativ zu befruchten, kämpfen beide künftig in schriftstellerischer Rivalität gegeneinander an. Hinzu kommt Akikos Verunsicherung in ihrer Rolle als Frau: Einerseits verkörpert sie einen bisher ungewöhnlichen, modernen und emanzipierten Frauentyp, der arbeiten geht und ein eigenes Auskommen hat; sprich: sich als gleichberechtigt zum Mann sieht. Andererseits sehnt sie sich nach Kosukes Liebe, was in Kontrast zu ihren Unabhängigkeitsbestrebungen steht. Als Kosuke fremdgeht, hadert sie mit ihrem Schicksal: Wenn sie nicht zu schreiben begonnen hätte, wäre sie vielleicht in ihrer unterwürfigen, klassischen Rolle als Ehefrau aufgegangen und hätte Kosuke nicht in die Arme einer anderen Frau getrieben.

Zudem erhält der Leser einen kleinen Einblick in das Leben der Autoren: Nicht nur Kosuke, sondern auch Akiko als auch deren Freundin Kishiko werden wegen der gesellschaftskritischen Inhalte ihrer Werke inhaftiert. Finanziell hangeln sie sich von Auftrag zu Auftrag. In dem 1936 erschienen Roman „Scharlachrot“ wird aus Angst vor Veröffentlichungsverbot vieles rund um die Probleme der Arbeiter nur angedeutet.

Ineko Satas Roman wirkt zwar etwas zermürbend, aber der direkte Einblick in eine Zeit der Umwälzung des Rollenverständnisses von Frau und Mann ist heutzutage immer noch spannend, wenngleich zur Zeit der Veröffentlichung gar revolutionär.

Mittwoch, 18. April 2012

Ineko Sata

Ineko Sata wurde 1904 in Nagasaki geboren. Ihre Eltern hatten sich als Schüler kennen gelernt: Ihre Mutter war bei ihrer Geburt erst 14, ihr Vater 18. Die Mutter starb bereits im Jahr 1911 an Tuberkulose. Unter ärmlichsten Bedingungen wuchs sie bei Vater und Großmutter auf. Nach einem Umzug nach Tokio musste sie in der 5. Klasse die Schule abbrechen, da sie mit einer Anstellung in einer Bonbonfabrik ihren Beitrag zum Einkommen der Familie beisteuern musste. Es folgten Tätigkeiten als Restauranthilfskraft, Fabrikarbeiterin und Verkäuferin im Kaufhaus Maruzen. 1924 heiratete Ineko Sata einen gutbürgerlichen Heiratskandidaten, den ihr ein Vorgesetzter vorgeschlagen hatte. Nach Selbstmordversuchen trennte sich Ineko Sata von ihrem Ehemann und verließ die Wege des konventionellen Lebensstils. Sie strebte ein selbst bestimmtes Leben an. Durch ihre Arbeit in einem Café lernte sie linke Literaten wie Shigeharu Nakano und Tsurujiro Kubokawa kennen. Letzteren heiratete Ineko Sata im Jahr 1926.

Als Autodidaktin hatte sich Ineko Sata auch nach ihrem Schulabbruch dem Schreiben gewidmet. In einer Zeitschrift der proletarischen Literaturbewegung veröffentlichte sie nun Gedichte und Erzählungen. Sie trat in diverse linke Kulturbewegungen ein und 1932 in die japanische Kommunistische Partei. In den 30er Jahren wurden sowohl ihr Ehemann als auch sie selbst wegen ihrer politischen Aktivitäten verhaftet. Während des zweiten Weltkriegs reiste sie mit weiteren Schriftstellerinnen zur Truppenbetreuung nach Korea, in die Mandschurei, nach China, Singapur und Sumatra. Von ihrem Ehemann hatte sie sich zwischenzeitlich entfremdet und ließ sich 1945 scheiden. Sie trat 1946 erneut in die KP ein, wurde 1951 ausgeschlossen, 1955 wieder aufgenommen und 1964 zum wiederholten Male ausgeschlossen.

Ineko Satas literarisches Werk umfasst 18 Bände. Sie erhielt unter anderem den Frauenliteratur-, den Noma-, den Kawabata- und den Yomiuri-Preis. 1998 starb die Autorin, die sich bis ins hohe Alter sozial engagierte.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane/Erählungen und hier rezensiert: