Im Urlaub wurde ich auf den Titel und das Cover von Riku Ondas „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ angesprochen. Irgendwie hat sich die Fragestellerin davon angesprochen gefühlt und gemeint, dass das doch sicherlich ein leicht-beschwingter Sommer-Roman sei. Das Gesicht der Dame hat sich dann schnell verdunkelt als ich meinte, dass das nicht der Fall sei, sondern dass das Thema des Romans eher die inzestuöse Beziehung zwischen Bruder und Schwester sei. Daher keine lustige Urlaubslektüre.
Riku Onda beschwört eine seltsame Atmosphäre herauf, als sie den jungen Mann Chihiro auf seine getrennt von ihm aufgewachsene Schwester Aki treffen lässt und die beiden eine Geschwister-WG gründen. Doch lieben die beiden sich wirklich nur wie Bruder und Schwester? Oder machen sie sich nur etwas vor - ist es nicht eine romantische Liebe zwischen Mannd und Frau?
In einer Frühsommernacht sitzen die beiden in der gemeinsamen Wohnung zusammen, bevor jeder wieder eigene Wege gehen will. Riku Onda lässt beide abwechselnd in der Ich-Perspektive zu Wort kommen. Wie schön es war, sich nach so langer Zeit der Trennung wieder gefunden zu haben. Wie irritiert die Bekannten auf ihre WG-Gründung reagiert hat. Welche gemeinsamen Erinnerungen sie haben – und vor allem: Was ist damals auf einer gemeinsamen Bergwanderung wirklich passiert? Wer ist für den Tod des Bergführers verantwortlich? Was hat sich damals wirklich ereignet? Wer hat was zu verbergen?
Nach der langen Nacht ist nicht nur der Leser froh, dass diese Tour de Force am nächsten Morgen zu Ende ist. Denn tatsächlich war der Roman recht beklemmend. Sommernacht, anstrengende Gespräche, eine Ahnung von inzestuöser Liebe, ggf. Mord – keine luftig-leichte Kost. Aki und Hiro beäugen sich, misstrauen einander und kommen aber gemeinsam Stück für Stück diversen Wahrheiten auf die Spur.
Wer mal etwas Außergewöhnliches lesen will, der ist bei „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ sehr gut aufgehoben. Momentan scheinen japanische Romane, die auf das langsam überstrapazierte Erfolgsrezept à la „Das magische Café“ setzen, besonders gern veröffentlicht zu werden. Da bietet „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ schon eine andere Qualität des Lesevergnügens: Spannung, Beklemmung, vielleicht sogar ein bisschen Abscheu. Eben außergewöhnlich…
Bibliographische Angaben:
Onda, Rika: „Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bartels, Nora), Atrium Verlag, Zürich 2023, ISBN 978-3-85535-024-7
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Mittwoch, 3. April 2024
Freitag, 29. April 2022
"Das Leben eines Anderen" von Keiichiro Hirano
Als Rie den introvertierten Daisuke heiratet, ahnt sie noch nicht, dass ihr
Ehemann nicht der ist, für den er sich ausgibt. Denn als Daisuke bei einem Arbeitsunfall
stirbt, erkennt dessen Bruder ihn auf den Fotos nicht wieder. Der angebliche Daisuke hatte den
Kontakt mit seiner Familie schon lange abgebrochen gehabt, weswegen der
Schwindel nicht schon vorher aufgefallen war. Rie beauftragt nun den Anwalt
Kido, den Identitätsbetrug aufzuklären.
Kido fasziniert das Thema auch privat. Denn er ist ein Zainichi, ein japanischer Bürger koreanischer Abstammung und damit ständig mit der Identitätsfrage konfrontiert. Eines Tages gibt er sich aus einer Laune heraus gar selbst als Daisuke aus; serviert einem Barkeeper Daisukes Lebensgeschichte als die eigene. Er erlebt das Täuschungsmanöver als Thrill.
Wenig spannend ist jedoch gerade Kidos Privatleben: Seit der Geburt des Sohnes haben sich Kido und seine Ehefrau auseinandergelebt. Das gemeinsame Kind scheint die Ehepartner noch zusammenzuhalten.
Als Kidos Ermittlungen ins Stocken geraten, spielt ihm der Zufall in die Hände und er kommt organisiertem Identitätsbetrug auf die Schliche.
Keiichiro Hiranos "Das Leben eines Anderen" ist zwischendurch nur mäßig spannend, was die Aufklärung des Falls betrifft. Der Roman pendelt zwischen Ries und Kidos Perspektiven hin und her und beleuchtet die jeweiligen familiären Probleme. Auch Kidos koreanischer Abstammung und seinen Ängsten vor Nationalismus wird viel Raum eingeräumt. Kido wird als Intellektueller beschrieben und daher werden auch Rechtspositionen (der Autor ist studierter Jurist) erläutert, wird aus Anna Karenina zitiert und werden Gedanken zu Ovids "Metamorphosen" eingeflochten.
Kido wird von seiner Ehefrau vorgeworfen, er sei zu ernst. Genauso ernsthaft ist auch Keiichiro Hiranos Erzählton. Wer locker-flockige Unterhaltung sucht, ist mit "Das Leben eines Anderen" sicherlich nicht gut bedient. Ich empfand diesen ruhigeren Erzählton aber angenehm und manche Gedankengänge durchdacht-inspirierend. Insbesondere zu dem schrillen Roman "Bullet Train", den ich direkt davor gelesen habe, war der Kontrast glatt schon wohltuend.
Bibliographische Angaben:
Hirano, Keiichiro: "Das Leben eines Anderen" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Suhrkamp, Berlin 2022, ISBN 978-3-518-43055-2
Kido fasziniert das Thema auch privat. Denn er ist ein Zainichi, ein japanischer Bürger koreanischer Abstammung und damit ständig mit der Identitätsfrage konfrontiert. Eines Tages gibt er sich aus einer Laune heraus gar selbst als Daisuke aus; serviert einem Barkeeper Daisukes Lebensgeschichte als die eigene. Er erlebt das Täuschungsmanöver als Thrill.
Wenig spannend ist jedoch gerade Kidos Privatleben: Seit der Geburt des Sohnes haben sich Kido und seine Ehefrau auseinandergelebt. Das gemeinsame Kind scheint die Ehepartner noch zusammenzuhalten.
Als Kidos Ermittlungen ins Stocken geraten, spielt ihm der Zufall in die Hände und er kommt organisiertem Identitätsbetrug auf die Schliche.
Keiichiro Hiranos "Das Leben eines Anderen" ist zwischendurch nur mäßig spannend, was die Aufklärung des Falls betrifft. Der Roman pendelt zwischen Ries und Kidos Perspektiven hin und her und beleuchtet die jeweiligen familiären Probleme. Auch Kidos koreanischer Abstammung und seinen Ängsten vor Nationalismus wird viel Raum eingeräumt. Kido wird als Intellektueller beschrieben und daher werden auch Rechtspositionen (der Autor ist studierter Jurist) erläutert, wird aus Anna Karenina zitiert und werden Gedanken zu Ovids "Metamorphosen" eingeflochten.
Kido wird von seiner Ehefrau vorgeworfen, er sei zu ernst. Genauso ernsthaft ist auch Keiichiro Hiranos Erzählton. Wer locker-flockige Unterhaltung sucht, ist mit "Das Leben eines Anderen" sicherlich nicht gut bedient. Ich empfand diesen ruhigeren Erzählton aber angenehm und manche Gedankengänge durchdacht-inspirierend. Insbesondere zu dem schrillen Roman "Bullet Train", den ich direkt davor gelesen habe, war der Kontrast glatt schon wohltuend.
Bibliographische Angaben:
Hirano, Keiichiro: "Das Leben eines Anderen" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Suhrkamp, Berlin 2022, ISBN 978-3-518-43055-2
Samstag, 29. September 2018
"Erinnerungen aus der Sackgasse" von Banana Yoshimoto
Nachdem mich die letzten Neuveröffentlichungen von Banana Yoshimoto ja nicht mehr so vom Hocker gerissen haben, war meine Vorfreude auf "Erinnerungen aus der Sackgasse" eher verhalten. Umso schöner, dass sich der Erzählband als kleines Juwel entpuppt hat und mich daran erinnert, warum ich die Autorin so gerne mag.
Banana Yoshimoto gibt im Nachwort selbst an, dass ihr von allen ihren eigenen Werken die Erzählung "Erinnerungen aus der Sackgasse" am liebsten ist. Man merkt es aber allen Erzählungen des Buches an, dass sehr viel Herzblut darin steckt. Auch wenn die Thematiken traurig sind, dann wärmen die Geschichten doch das Herz.
Da geht es z.B. in "Das Geisterhaus" um eine verschrobene Liebesbeziehung unter Studenten, die nicht so wirkt, als könne es ein Happy End geben. In "Maamaa!" wird die Ich-Erzählerin fast vergiftet und rutscht infolgedessen in eine tiefe psychologische Krise. "Überhaupt nicht warm" handelt von einer ersten tiefen Freundschaft in Kinderzeiten, die tragisch endet. In "Tomos Glück" wird unter anderem die unglücklich endende Ehe von Tomos Eltern porträtiert. Und schließlich geht es in "Erinnerungen aus der Sackgasse" um eine Verlobte, die von ihrem Freund schmählich hintergangen wird und ihrem Leben einen neuen Sinn geben muss.
Alle Protagonisten werden in eine Krise geworfen und gehen aber - typisch für Banana Yoshimoto - gestärkt daraus hervor, weil sie an den Ereignissen gewachsen sind. Und schließlich ist doch irgendwie alles gut so, wie es gekommen ist.
Oder wie es in "Maamaa!" heißt:
Bibliographische Angaben:
Yoshimoto, Banana: "Erinnerungen aus der Sackgasse" (Übersetzung aus dem Japanischen: Ortmanns, Annelie), Diogenes, Zürich 2018, ISBN 978-3-257-30056-7
Banana Yoshimoto gibt im Nachwort selbst an, dass ihr von allen ihren eigenen Werken die Erzählung "Erinnerungen aus der Sackgasse" am liebsten ist. Man merkt es aber allen Erzählungen des Buches an, dass sehr viel Herzblut darin steckt. Auch wenn die Thematiken traurig sind, dann wärmen die Geschichten doch das Herz.
Da geht es z.B. in "Das Geisterhaus" um eine verschrobene Liebesbeziehung unter Studenten, die nicht so wirkt, als könne es ein Happy End geben. In "Maamaa!" wird die Ich-Erzählerin fast vergiftet und rutscht infolgedessen in eine tiefe psychologische Krise. "Überhaupt nicht warm" handelt von einer ersten tiefen Freundschaft in Kinderzeiten, die tragisch endet. In "Tomos Glück" wird unter anderem die unglücklich endende Ehe von Tomos Eltern porträtiert. Und schließlich geht es in "Erinnerungen aus der Sackgasse" um eine Verlobte, die von ihrem Freund schmählich hintergangen wird und ihrem Leben einen neuen Sinn geben muss.
Alle Protagonisten werden in eine Krise geworfen und gehen aber - typisch für Banana Yoshimoto - gestärkt daraus hervor, weil sie an den Ereignissen gewachsen sind. Und schließlich ist doch irgendwie alles gut so, wie es gekommen ist.
Oder wie es in "Maamaa!" heißt:
"'Es war gut!', höre ich eine sanfte Stimme sagen.
Wie aus dem Nichts wiederholt sie das immer wieder, wie einen Refrain, ein Wiegenlied, als würde sie bejahen, dass ich am Leben bin. Wie wenn zu Frühlingsbeginn auf einen Schlag die Gräser sprießen, die Bäume ausschlagen und alles gelbgrün wird, dringt ihr Klang energisch und sanft zugleich zu mir herüber.
Deshalb schließe ich ein wenig die Augen und bejahe meine Welt, die ich im Zuge dieser seltsamen Ereignisse von außen zu sehen bekommen habe." (S. 156)
Bibliographische Angaben:
Yoshimoto, Banana: "Erinnerungen aus der Sackgasse" (Übersetzung aus dem Japanischen: Ortmanns, Annelie), Diogenes, Zürich 2018, ISBN 978-3-257-30056-7
Samstag, 27. Juli 2013
„Kokoro“ von Soseki Natsume
Soseki Natsumes Roman „Kokoro“ ist in drei Teile gegliedert. In „Der Sensei und ich“ beschreibt der studentische Ich-Erzähler, wie er den geheimnisvollen Sensei kennenlernt. In der Sommerfrische in Kamakura fällt dem Studenten der Sensei im Gewühl der Badegäste auf. Auch wenn der Sensei eher distanziert, menschenscheu – ja gar menschenfeindlich – ist, wird er doch bald zum Vertrauten des Studenten. Den Sensei umgeben gleich mehrere Geheimnisse: Was hat es mit dem Grab auf sich, das er jeden Monat besucht? Wieso braucht er sich nicht um sein finanzielles Auskommen zu kümmern? Warum wurde er so hart gegenüber den Menschen? Und welches Geheimnis steht zwischen ihm und seiner Ehefrau?
Als der Student seine Universitätsausbildung abgeschlossen hat, kehrt er erst einmal in seine Heimat zurück, was in dem Kapitel „Meine Eltern und ich“ beschrieben wird. Der Gesundheitszustand des Vaters verschlechtert sich rapide. Es ist abzusehen, dass es mit seinem Leben zu Ende geht. Just in dieser ernsten Situation geht ein eingeschriebener, dicker Brief vom Sensei ein, der an den Studenten adressiert ist. Der Inhalt des Briefs ist in dem Kapitel „Der Sensei und sein Vermächtnis“ dargestellt und löst die Fragen um die Vergangenheit des Sensei auf. Es ist eine Geschichte von Schuld und Verrat.
Ein bisschen seltsam mutet die Dreiteilung von „Kokoro“ (ins Deutsche übersetzt etwa „leidendes Menschenherz“) an. Denn nach dem ersten Kapitel würde man zu gerne die Auflösung in Form des Briefes des Senseis lesen. Doch stattdessen wird das Kapitel um den sterbenden Vater eingeschoben. Sicherlich bekommt die persönliche Zerrissenheit des Studenten hier zum Ausdruck, doch eigentlich möchte man primär dem Geheimnis des Sensei auf die Spur kommen.
Dieses wiederum ist mir persönlich etwas zu überzeichnet. Sicherlich mag die Tragik der Schicksale in der Lektüre reizvoll sein. Doch der Herz-Schmerz wird mir zu sehr ausgereizt.
Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Kokoro“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar), Manesse, Zürich 1976, ISBN 3-3175-1509-8
Als der Student seine Universitätsausbildung abgeschlossen hat, kehrt er erst einmal in seine Heimat zurück, was in dem Kapitel „Meine Eltern und ich“ beschrieben wird. Der Gesundheitszustand des Vaters verschlechtert sich rapide. Es ist abzusehen, dass es mit seinem Leben zu Ende geht. Just in dieser ernsten Situation geht ein eingeschriebener, dicker Brief vom Sensei ein, der an den Studenten adressiert ist. Der Inhalt des Briefs ist in dem Kapitel „Der Sensei und sein Vermächtnis“ dargestellt und löst die Fragen um die Vergangenheit des Sensei auf. Es ist eine Geschichte von Schuld und Verrat.
Ein bisschen seltsam mutet die Dreiteilung von „Kokoro“ (ins Deutsche übersetzt etwa „leidendes Menschenherz“) an. Denn nach dem ersten Kapitel würde man zu gerne die Auflösung in Form des Briefes des Senseis lesen. Doch stattdessen wird das Kapitel um den sterbenden Vater eingeschoben. Sicherlich bekommt die persönliche Zerrissenheit des Studenten hier zum Ausdruck, doch eigentlich möchte man primär dem Geheimnis des Sensei auf die Spur kommen.
Dieses wiederum ist mir persönlich etwas zu überzeichnet. Sicherlich mag die Tragik der Schicksale in der Lektüre reizvoll sein. Doch der Herz-Schmerz wird mir zu sehr ausgereizt.
Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Kokoro“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar), Manesse, Zürich 1976, ISBN 3-3175-1509-8
Montag, 22. April 2013
„Wellen“ von Yuzo Yamamoto
Das Faible für japanische Literatur stellt einen manchmal vor ungewohnte Herausforderungen. Im Fall von Yuzo Yamamotos „Wellen“ wären dies die Drucklettern aus dem Jahr 1939. Das kleine S und F gleichen sich doch sehr und die geschnörkelten Versalien sind mehr als gewöhnungsbedürftig. Nach einigen Seiten wird der Lesefluss flüssiger, aber einige Worte bringen ihn immer wieder zum Stocken.
Darüber hinaus ist Yuzo Yamamotos „Wellen“ aber auch thematisch ein außergewöhnliches Werk. Für die 20er Jahre wirkt der Roman außerordentlich modern: Die Protagonisten werfen viele traditionelle Normen über Bord, Frauen handeln selbstbestimmt und gestalten ihren Lebensweg individualistisch. Manchmal wirken die Männer gar als das „schwache Geschlecht“.
Protagonist von Yuzo Yamamotos „Wellen“ ist der Lehrer Kosuke, der mit seiner ehemaligen Schülerin Kinuko verheiratet ist. In diese Ehe ist er eher unfreiwillig hineingerutscht. Als Kinuko von ihrem Vater als Geisha verkauft wurde, war sie bald darauf aus dem Geishahaus geflohen und hatte bei Kosuke um Hilfe gebeten. Kosuke hatte den Vorwand angegeben, mit Kinuko verlobt zu sein, um sie nicht in das Geishahaus zurückschicken zu müssen. So wurde die Ehe schließlich auch eingegangen. Doch die junge Kinuko ist nicht die Richtige für eine Ehe mit dem Lehrer. Sie brennt bald mit einem Verehrer durch. Zwar kehrt sie zu Kosuke zurück, doch stirbt sie bei der Geburt des ersten Kindes. Kosuke kann sich nicht sicher sein, ob Susumu tatsächlich sein eigenes Fleisch und Blut oder ein Kuckuckskind ist. Er benutzt den Wasserkäfer als Metapher, um seine Situation als allein erziehender Vater zu beschreiben:
„Wellen“ umfasst mehrere Lebensjahre von Kosuke, in denen er seinen Sohn aufzieht und einigen unterschiedlichen Frauen begegnet, die ihren Lebensweg eigenständig gestalten und allein bestreiten. Der deutsche Untertitel „Ein Liebes- und Eheroman aus dem Japan von heute“ geht daher recht fehl: Zwar verliebt sich Kosuke durchaus und auch führt er zeitweise eine Ehe, doch sind dies allenfalls Randhandlungen. „Wellen“ ist vielleicht einer der frühesten Romane über einen modernen, allein erziehenden Vater, der versuchen muss, Beruf und Kindeserziehung gleichzeitig gerecht zu werden. Daher verblüfft nicht nur das Jahr der Entstehung des japanischen Originals anno 1928, sondern auch die deutsche Veröffentlichung 1939, als den Nationalsozialisten ein Frauenbild vorschwebte, das den weiblichen Figuren in Yuzo Yamamotos „Wellen“ diametral entgegen stand.
Bibliographische Angaben:
Yamamoto, Yuzo: „Wellen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Sakurai, Waitsi), Deutsche Verlags-Expedition, Stuttgart 1939
Darüber hinaus ist Yuzo Yamamotos „Wellen“ aber auch thematisch ein außergewöhnliches Werk. Für die 20er Jahre wirkt der Roman außerordentlich modern: Die Protagonisten werfen viele traditionelle Normen über Bord, Frauen handeln selbstbestimmt und gestalten ihren Lebensweg individualistisch. Manchmal wirken die Männer gar als das „schwache Geschlecht“.
Protagonist von Yuzo Yamamotos „Wellen“ ist der Lehrer Kosuke, der mit seiner ehemaligen Schülerin Kinuko verheiratet ist. In diese Ehe ist er eher unfreiwillig hineingerutscht. Als Kinuko von ihrem Vater als Geisha verkauft wurde, war sie bald darauf aus dem Geishahaus geflohen und hatte bei Kosuke um Hilfe gebeten. Kosuke hatte den Vorwand angegeben, mit Kinuko verlobt zu sein, um sie nicht in das Geishahaus zurückschicken zu müssen. So wurde die Ehe schließlich auch eingegangen. Doch die junge Kinuko ist nicht die Richtige für eine Ehe mit dem Lehrer. Sie brennt bald mit einem Verehrer durch. Zwar kehrt sie zu Kosuke zurück, doch stirbt sie bei der Geburt des ersten Kindes. Kosuke kann sich nicht sicher sein, ob Susumu tatsächlich sein eigenes Fleisch und Blut oder ein Kuckuckskind ist. Er benutzt den Wasserkäfer als Metapher, um seine Situation als allein erziehender Vater zu beschreiben:
„Es stand da, dass das Männchen die Eier, welche das Weibchen gelegt hat, auf dem Rücken tragen muss. Und da ihm die Schalen, auch nachdem die Jungen ausgekrochen sind, auf dem Rücken haften bleiben, so könne das Männchen durch diese Belastung nun nie wieder fliegen, obgleich es sich früher, als es noch allein war, frei in der Luft bewegt habe.“ (S. 92)
„Wellen“ umfasst mehrere Lebensjahre von Kosuke, in denen er seinen Sohn aufzieht und einigen unterschiedlichen Frauen begegnet, die ihren Lebensweg eigenständig gestalten und allein bestreiten. Der deutsche Untertitel „Ein Liebes- und Eheroman aus dem Japan von heute“ geht daher recht fehl: Zwar verliebt sich Kosuke durchaus und auch führt er zeitweise eine Ehe, doch sind dies allenfalls Randhandlungen. „Wellen“ ist vielleicht einer der frühesten Romane über einen modernen, allein erziehenden Vater, der versuchen muss, Beruf und Kindeserziehung gleichzeitig gerecht zu werden. Daher verblüfft nicht nur das Jahr der Entstehung des japanischen Originals anno 1928, sondern auch die deutsche Veröffentlichung 1939, als den Nationalsozialisten ein Frauenbild vorschwebte, das den weiblichen Figuren in Yuzo Yamamotos „Wellen“ diametral entgegen stand.
Bibliographische Angaben:
Yamamoto, Yuzo: „Wellen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Sakurai, Waitsi), Deutsche Verlags-Expedition, Stuttgart 1939
Labels:
20er,
Betrug,
Emanzipation,
Familie,
Rezensionen,
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Yuzo Yamamoto
Dienstag, 2. April 2013
„Shizukos Tochter“ von Kyoko Mori
Kyoko Moris „Shizukos Tochter“ wird eher als Jugendroman gehandelt, wobei die Thematik so traurig ist, dass ich persönlich das Buch keinem Jugendlichen empfehlen würde: Das erste Kapitel beschreibt den Selbstmord der Ehefrau und Mutter Shizuko. Shizukos Ehe ist zerrüttet, der Ehemann hat sich eine Geliebte angeschafft, verbringt kaum noch Zeit mit Ehefrau und Tochter und ist ohnehin mit besonders wenig sozialer Kompetenz ausgestattet. Im Falle einer Scheidung würde Shizukos Tochter Yuki bei ihrem Ehemann bleiben müssen, wie es die japanische Tradition vorsieht.
Yuki, für die die Mutter ein und alles war, wird durch den Selbstmord ihrer Mutter in ein hassenswertes Familienleben katapultiert: Der Vater heiratet ein Jahr nach dem Selbstmord der Mutter seine Geliebte, die jegliche Erinnerungsstücke an Shizuko aus Yukis Zuhause tilgen möchte. Gesprochen wird nur noch das allernötigste, da die Stimmung angespannt ist. Um ein harmonisches Familienleben vorzugaukeln, wird Yuki von ihrer Verwandtschaft mütterlicherseits abgeschirmt.
„Shizukos Tochter“ ist sehr einfach geschrieben, um sicherlich auch einem jugendlichen Publikum gerecht zu werden. Besonders Blumen werden immer wieder zum Auslöser für die Charaktere, sich an die Verstorbene oder an vergangene Erlebnisse zu erinnern. Das Thema des Todes zieht sich durch den ganzen Roman; Yuki kann den Selbstmord ihrer Mutter einfach nicht überwinden.
„Shizukos Tochter“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Roman stark autobiographisch geprägt ist. Trotzdem reflektiert die Autorin auch das Schicksal der Geliebten und späteren (bösen) Stiefmutter: Auch sie hat große Opfer gebracht und bezahlt ihre Affäre damit, dass sie keine eigenen Kinder mehr bekommen kann, als sie endlich als Ehefrau legitimiert wird.
Bibliographische Angaben:
Mori, Kyoko: „Shizukos Tochter“ (Übersetzung aus dem Englischen: Steinberg, Sabine), Econ, Berlin/Düsseldorf 1993, ISBN 3-612-27095-8
Yuki, für die die Mutter ein und alles war, wird durch den Selbstmord ihrer Mutter in ein hassenswertes Familienleben katapultiert: Der Vater heiratet ein Jahr nach dem Selbstmord der Mutter seine Geliebte, die jegliche Erinnerungsstücke an Shizuko aus Yukis Zuhause tilgen möchte. Gesprochen wird nur noch das allernötigste, da die Stimmung angespannt ist. Um ein harmonisches Familienleben vorzugaukeln, wird Yuki von ihrer Verwandtschaft mütterlicherseits abgeschirmt.
„Shizukos Tochter“ ist sehr einfach geschrieben, um sicherlich auch einem jugendlichen Publikum gerecht zu werden. Besonders Blumen werden immer wieder zum Auslöser für die Charaktere, sich an die Verstorbene oder an vergangene Erlebnisse zu erinnern. Das Thema des Todes zieht sich durch den ganzen Roman; Yuki kann den Selbstmord ihrer Mutter einfach nicht überwinden.
„Shizukos Tochter“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Roman stark autobiographisch geprägt ist. Trotzdem reflektiert die Autorin auch das Schicksal der Geliebten und späteren (bösen) Stiefmutter: Auch sie hat große Opfer gebracht und bezahlt ihre Affäre damit, dass sie keine eigenen Kinder mehr bekommen kann, als sie endlich als Ehefrau legitimiert wird.
Bibliographische Angaben:
Mori, Kyoko: „Shizukos Tochter“ (Übersetzung aus dem Englischen: Steinberg, Sabine), Econ, Berlin/Düsseldorf 1993, ISBN 3-612-27095-8
Samstag, 30. März 2013
„Schnee im Frühling“ von Yukio Mishima
Melancholie, Müßiggang und Träumereien prägen das Leben des 18-jährigen Kiyoaki. Als Sohn eines Marquis kann er sich das auch leisten, denn außer zum Gakushuin, der Eliteschule für Adelige, zu gehen, hat der nicht gerade gelehrige Teenager nicht viel zu tun. Was ihn vielmehr fesselt, ist die obskure Hassliebe zu Satoko, mit der er aufgewachsen ist, um in einer anderen Familie die Verfeinerungen des Hofadels zu erlernen. Die ältere Satoko scheint den jüngeren Kiyoaki nicht für ganz voll zu nehmen und dennoch fühlt auch sie sich zu dem hübschen Jugendfreund hingezogen.
Obwohl die beiden immerhin bereits ein bisschen intim geworden sind, flammt die Liebe in Kiyoaki erst wirklich auf, als Satoko mit einem Prinzen der kaiserlichen Familie verheiratet werden soll. Kiyoaki, der sich ohnehin seit jeher an Sakrilegen erfreuen konnte, spinnt einen Plan, Satoko vor ihrer Verlobung zu verführen – auch wenn er bis dato noch keine sexuelle Erfahrung vorweisen kann.
Kiyoakis einziger Freund, sein Mitschüler Honda, ist so ganz anders als Kiyoaki. Der analytische Honda beschäftigt sich mit (Rechts-)Philosophie und ist gebannt von religiösen Mysterien und ihren Deutungsmöglichkeiten. Honda diskutiert mit dem uninteressierten Kiyoaki die gesellschaftlichen Veränderungen der Taisho-Zeit und ist Kyoakis Stütze während dessen Liebens- und Leidenswegs, der wohl kaum in ein Happy End münden kann.
Dass Kiyoaki dem Autor gleicht, tritt im Laufe der Geschichte immer stärker zu Tage: Genauso wie Yukio Mishima ist Kiyoaki ein hübsches, blasses und eher schwächliches Kind, das nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwächst. Er geht ebenso wie der Schriftsteller auf das Gakushuin und drückt sich durch eine fingierte Krankheit vor seinen Pflichten. Und auch eine engere Bekanntschaft zu einer späteren Verlobten und Ehefrau eines Mitglieds des kaiserlichen Hofes kann Yukio Mishima aufweisen: So trug er sich wohl in den 50er Jahren mit dem Gedanken, Michiko Shoda, die spätere Kaiserin Michiko, zu ehelichen.
Für mich nahm „Schnee im Frühling“ ein bisschen zu langsam Fahrt auf. Das wäre zu verkraften gewesen, wenn die Faszination, die das junge Liebespaar für den jeweils anderen empfindet, klar geworden wäre. Es scheint aber, als ob primär die Schönheit des Partners die „Liebe“ entfacht. Ob das nicht ein bisschen zu wenig ist, um gegen die kaiserliche Familie zu opponieren? Mir ist die Figur des unnahbaren Kiyoaki jedenfalls sehr fremd geblieben.
„Schnee im Frühling“ ist der erste Teil der Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“. Ich bin gespannt auf die anknüpfenden Romane „Unter dem Sturmgott“, „Der Tempel der Morgendämmerung“ und „Die Todesmale des Engels“ – aufgrund des Themas der Seelenwanderung wird der eine oder andere Charakter sicherlich erneut seinen Auftritt haben.
Bibliographischen Angaben:
Mishima, Yukio: „Schnee im Frühling“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Goldmann, München 1987, ISBN 3-442-08856-9
Obwohl die beiden immerhin bereits ein bisschen intim geworden sind, flammt die Liebe in Kiyoaki erst wirklich auf, als Satoko mit einem Prinzen der kaiserlichen Familie verheiratet werden soll. Kiyoaki, der sich ohnehin seit jeher an Sakrilegen erfreuen konnte, spinnt einen Plan, Satoko vor ihrer Verlobung zu verführen – auch wenn er bis dato noch keine sexuelle Erfahrung vorweisen kann.
Kiyoakis einziger Freund, sein Mitschüler Honda, ist so ganz anders als Kiyoaki. Der analytische Honda beschäftigt sich mit (Rechts-)Philosophie und ist gebannt von religiösen Mysterien und ihren Deutungsmöglichkeiten. Honda diskutiert mit dem uninteressierten Kiyoaki die gesellschaftlichen Veränderungen der Taisho-Zeit und ist Kyoakis Stütze während dessen Liebens- und Leidenswegs, der wohl kaum in ein Happy End münden kann.
Dass Kiyoaki dem Autor gleicht, tritt im Laufe der Geschichte immer stärker zu Tage: Genauso wie Yukio Mishima ist Kiyoaki ein hübsches, blasses und eher schwächliches Kind, das nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwächst. Er geht ebenso wie der Schriftsteller auf das Gakushuin und drückt sich durch eine fingierte Krankheit vor seinen Pflichten. Und auch eine engere Bekanntschaft zu einer späteren Verlobten und Ehefrau eines Mitglieds des kaiserlichen Hofes kann Yukio Mishima aufweisen: So trug er sich wohl in den 50er Jahren mit dem Gedanken, Michiko Shoda, die spätere Kaiserin Michiko, zu ehelichen.
Für mich nahm „Schnee im Frühling“ ein bisschen zu langsam Fahrt auf. Das wäre zu verkraften gewesen, wenn die Faszination, die das junge Liebespaar für den jeweils anderen empfindet, klar geworden wäre. Es scheint aber, als ob primär die Schönheit des Partners die „Liebe“ entfacht. Ob das nicht ein bisschen zu wenig ist, um gegen die kaiserliche Familie zu opponieren? Mir ist die Figur des unnahbaren Kiyoaki jedenfalls sehr fremd geblieben.
„Schnee im Frühling“ ist der erste Teil der Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“. Ich bin gespannt auf die anknüpfenden Romane „Unter dem Sturmgott“, „Der Tempel der Morgendämmerung“ und „Die Todesmale des Engels“ – aufgrund des Themas der Seelenwanderung wird der eine oder andere Charakter sicherlich erneut seinen Auftritt haben.
Bibliographischen Angaben:
Mishima, Yukio: „Schnee im Frühling“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Goldmann, München 1987, ISBN 3-442-08856-9
Sonntag, 10. März 2013
„Auf der Suche nach Sharaku“ von Katsuhiko Takahashi
Tsuda ist auf dem Weg zu einer Beerdigung. Er vertritt seinen Professor Nishijima. Freilich will Nishijima nicht selbst zum Begräbnis kommen und schickt lieber seinen Assistenten Tsuda – schließlich ist der Tote Saga einer seiner wissenschaftlichen Todfeinde im Bereich der Ukiyoe-Forschung. Saga hat vermutlich Selbstmord begangen – aus einem relativ banalen Grund: Er scheint Bücher eines Antiquars gestohlen zu haben und wollte der Schande einer Entlarvung zuvor kommen. Dies alles erfährt Tsuda, als er nach den Feierlichkeiten mit seinem ehemaligen Kommilitonen Kokufu in einem Café zusammen sitzt. Unvermutet gesellt sich auch noch der ermittelnde Kommissar Onodera zu der Runde.
Doch Sagas Tod hält für Tsuda aber noch eine weitere Überraschung bereit: Denn aus Sagas Nachlass fällt Tsuda ein alter Bildband in die Hände. Er kann sein Glück kaum fassen – eines der abgebildeten Bilder ist mit „Chikamatsu Shoei alias Toshusei Sharaku“ signiert. Sharaku… Ein regelrechtes Phantom der Ukiyoe-Malerei… Nur zehn Monate hat der Künstler in Edo in den Jahren 1794 und 1895 gewirkt, hat zahlreiche Drucke auf den Markt gebracht und ist danach in der Versenkung verschwunden. Niemand kennt seine Identität. Insbesondere als er von dem deutschen Gelehrten Julius Kurth mit Velazquez und Rembrandt in einer Liga als einer der drei prächtigsten Porträtmaler aller Zeiten bezeichnet wurde, ist der fast ins Vergessene geratene Sharaku im 20. Jahrhundert wieder als künstlerisches Genie gehandelt.
Tsuda glaubt, mit dem Bildband den Schlüssel zu Sharakus wahrer Identität in den Händen zu halten. Kokufu informiert er über seine erstaunliche Entdeckung und geht mit Kokufus Schwester Saeko auf Erkundungsreise nach Akita. Mit detektivischem Spürsinn folgen sie der Fährte und gelangen zu der Überzeugung, das Geheimnis um Sharaku gelüftet zu haben.
Tsuda ist euphorisch und freut sich auf seinen wissenschaftlichen Durchbruch. Doch da hat er die hinterhältigen Mechanismen im Wissenschaftsbetrieb unterschätzt. Es kommt jedoch noch schlimmer: Menschen sterben aufgrund ominöser Unfälle, so dass Tsuda auch die Selbstmordtheorie um Saga in Zweifel ziehen muss.
Katsuhiko Takahashis Kunstkrimi entführt in der ersten Hälfte des Buches in ein Edo der Intrigen und politischen Machenschaften Ende des 18. Jahrhunderts. Kaum glaubt der Leser an des Rätsels Lösung, schon tun sich in der zweiten Hälfte und zurück in der Jetzt-Zeit neue Fragen auf, die manch einem das Leben kosten sollen.
„Auf der Suche nach Sharaku“ ist ein anspruchsvoller Krimi und insbesondere für Kunstinteressierte ein literarischer Leckerbissen. In die Überlegungen von Tsuda fließen allerhand spannende Fakten zu Ukiyoe und der Edo’schen Kunst- und Verlagsszene der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts ein. So begegnet man unter anderem dem Autor Kyoden Santo und den Folgen der Veröffentlichung seiner Darstellungen aus dem Freudenviertel. Sein Verleger Tsutaya verlor die Hälfte seines Vermögens, Kyoden Santo wurde 50 Tage lang in Handfesseln gelegt. Und trotz allem Kunstverstandes mangelt es „Auf der Suche nach Sharaku“ keinesfalls an Spannung.
Bibliographische Angaben:
Takahashi, Katsuhiko: „Auf der Suche nach Sharaku“, Bebra, Berlin 2013, ISBN 978-3-86124-918-4
Doch Sagas Tod hält für Tsuda aber noch eine weitere Überraschung bereit: Denn aus Sagas Nachlass fällt Tsuda ein alter Bildband in die Hände. Er kann sein Glück kaum fassen – eines der abgebildeten Bilder ist mit „Chikamatsu Shoei alias Toshusei Sharaku“ signiert. Sharaku… Ein regelrechtes Phantom der Ukiyoe-Malerei… Nur zehn Monate hat der Künstler in Edo in den Jahren 1794 und 1895 gewirkt, hat zahlreiche Drucke auf den Markt gebracht und ist danach in der Versenkung verschwunden. Niemand kennt seine Identität. Insbesondere als er von dem deutschen Gelehrten Julius Kurth mit Velazquez und Rembrandt in einer Liga als einer der drei prächtigsten Porträtmaler aller Zeiten bezeichnet wurde, ist der fast ins Vergessene geratene Sharaku im 20. Jahrhundert wieder als künstlerisches Genie gehandelt.
Tsuda glaubt, mit dem Bildband den Schlüssel zu Sharakus wahrer Identität in den Händen zu halten. Kokufu informiert er über seine erstaunliche Entdeckung und geht mit Kokufus Schwester Saeko auf Erkundungsreise nach Akita. Mit detektivischem Spürsinn folgen sie der Fährte und gelangen zu der Überzeugung, das Geheimnis um Sharaku gelüftet zu haben.
Tsuda ist euphorisch und freut sich auf seinen wissenschaftlichen Durchbruch. Doch da hat er die hinterhältigen Mechanismen im Wissenschaftsbetrieb unterschätzt. Es kommt jedoch noch schlimmer: Menschen sterben aufgrund ominöser Unfälle, so dass Tsuda auch die Selbstmordtheorie um Saga in Zweifel ziehen muss.
Katsuhiko Takahashis Kunstkrimi entführt in der ersten Hälfte des Buches in ein Edo der Intrigen und politischen Machenschaften Ende des 18. Jahrhunderts. Kaum glaubt der Leser an des Rätsels Lösung, schon tun sich in der zweiten Hälfte und zurück in der Jetzt-Zeit neue Fragen auf, die manch einem das Leben kosten sollen.
„Auf der Suche nach Sharaku“ ist ein anspruchsvoller Krimi und insbesondere für Kunstinteressierte ein literarischer Leckerbissen. In die Überlegungen von Tsuda fließen allerhand spannende Fakten zu Ukiyoe und der Edo’schen Kunst- und Verlagsszene der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts ein. So begegnet man unter anderem dem Autor Kyoden Santo und den Folgen der Veröffentlichung seiner Darstellungen aus dem Freudenviertel. Sein Verleger Tsutaya verlor die Hälfte seines Vermögens, Kyoden Santo wurde 50 Tage lang in Handfesseln gelegt. Und trotz allem Kunstverstandes mangelt es „Auf der Suche nach Sharaku“ keinesfalls an Spannung.
Bibliographische Angaben:
Takahashi, Katsuhiko: „Auf der Suche nach Sharaku“, Bebra, Berlin 2013, ISBN 978-3-86124-918-4
Dienstag, 26. Februar 2013
„Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ von Yasunari Kawabata
Yasunari Kawabatas „Tagebuch eines Sechzehnjärhigen“ enthält drei Erzählungen und zwei Kurzgeschichten („Die Geschichte mit dem Strohhut“ und „Vorwinter“). Den meisten Umfang nimmt nicht die Titel-gebende Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ ein, sondern „Die Tänzerinnen“: Zwei Balletttänzerinnen, Mutter und Tochter, Namiko und Shinako stehen hier im Mittelpunkt. Namiko entstammt einer wohlhabenden Familie. Durch ihr Vermögen sichert sie den Lebensstandard, während ihr Ehemann Yagi durch seine Betätigung als Literaturwissenschaftler kaum Geld nach Hause bringt. Vielmehr gibt er mehr aus als nötig und behält sein Gehalt der Familie vor. Wie auch in anderen Familien der Nachkriegsjahre werden hier die althergebrachten Rollenverteilungen von Mann und Frau brüchig – der Mann ist nicht mehr Versorger der Familie. Auch in einem weiteren Punkt weicht Namiko langsam von der ihr zugedachten Rolle ab, als sie sich ihrer Jugendliebe nähert. Namiko beginnt ihr bisheriges Eheleben in Frage zu stellen:
Wird eine Frauengeneration reichen, die alten Rollenvorstellungen zu durchbrechen?
Ein bisschen gequält habe ich mich mit der Erzählung „Ihre zweite Ehe“. Unter anderem weil ich mit den Protagonisten so überhaupt nicht warm geworden bin und mir die Metaphern, Sinn- und Stimmungsbilder zu viel geworden sind. Auch in „Ihre zweite Ehe“ wird ein Frauenschicksal skizziert, indem der Ich-Erzäher seine Ehe beschreibt: Er hat mit 35 Jahren eine Frau geheiratet, die mit 28 Jahren bereits verwitwet und Mutter zweier Kinder war. Die Kinder hat die Ehefrau bei der Familie ihres verstorbenen ersten Mannes belassen – und gilt daher nicht mehr als legitime Mutter der beiden. Dennoch geht insbesondere die Tochter bald in dem Haushalt des Ich-Erzählers ein und aus. Doch insbesondere als sich die Tochter verheiraten möchte, tun sich einige Probleme auf.
Mit Kommentaren aus zwei späteren Lebensphasen präsentiert Yasunari Kawabata „Das Tagebuch eines Sechzehnjährigen“, der die letzten Tage vor dem Tod seines Großvaters dokumentiert. Der alte Herr bedarf Vollzeitpflege, die entweder der 16-jährige Schüler oder eine hilfsbereite Bauersfrau übernimmt. Für den Teenager ist der Pflegedienst zwar eine schwere Belastung, doch die Erlösung des Alten bedeutet für den Jungen auch den Verlust des letzen Verwandten.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tagebuch eins Sechzehnjährigen“, Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-499-11428-3
„Sind Zurückhaltung, Scham, Folgsamkeit die Kennzeichen der Frau, die an die eisernen Traditionen dieses Landes angeschmiedet war?“ (S. 124)
Wird eine Frauengeneration reichen, die alten Rollenvorstellungen zu durchbrechen?
Ein bisschen gequält habe ich mich mit der Erzählung „Ihre zweite Ehe“. Unter anderem weil ich mit den Protagonisten so überhaupt nicht warm geworden bin und mir die Metaphern, Sinn- und Stimmungsbilder zu viel geworden sind. Auch in „Ihre zweite Ehe“ wird ein Frauenschicksal skizziert, indem der Ich-Erzäher seine Ehe beschreibt: Er hat mit 35 Jahren eine Frau geheiratet, die mit 28 Jahren bereits verwitwet und Mutter zweier Kinder war. Die Kinder hat die Ehefrau bei der Familie ihres verstorbenen ersten Mannes belassen – und gilt daher nicht mehr als legitime Mutter der beiden. Dennoch geht insbesondere die Tochter bald in dem Haushalt des Ich-Erzählers ein und aus. Doch insbesondere als sich die Tochter verheiraten möchte, tun sich einige Probleme auf.
Mit Kommentaren aus zwei späteren Lebensphasen präsentiert Yasunari Kawabata „Das Tagebuch eines Sechzehnjährigen“, der die letzten Tage vor dem Tod seines Großvaters dokumentiert. Der alte Herr bedarf Vollzeitpflege, die entweder der 16-jährige Schüler oder eine hilfsbereite Bauersfrau übernimmt. Für den Teenager ist der Pflegedienst zwar eine schwere Belastung, doch die Erlösung des Alten bedeutet für den Jungen auch den Verlust des letzen Verwandten.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tagebuch eins Sechzehnjährigen“, Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-499-11428-3
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