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Montag, 21. März 2022

"Tamons Geschichte" von Seishu Hase

Wer den Film "Amores Perros" von Alejandro González Iñárritu kennt und mag, der wird von den ersten Kapiteln von Seishu Hases "Tamons Geschichte" sicherlich genauso begeistert sein. Auch hier geht es um die Liebe zum Hund: Tamon ist eine Schäferhundmischung und als Ausreißer nach dem Tohoku-Beben in Japan unterwegs. Er macht bei den unterschiedlichsten Personen Halt, die in ihm einen treuen Gefährten entdecken, dem jedoch eine gewisse Getriebenheit inne wohnt.

Tamon verbleibt lange genug bei seinen Interims-Herrchen und -Frauchen, um deren Leben zu verändern, zieht aber irgendwann weiter, um bei jemand anderem Station zu machen. Es drängt ihn Richtung Süden - wen will er dort finden?

Dabei sollte man zumindest in den ersten Kapiteln nicht erwarten, dass der Plot für Zartbesaitete ist. Gegen Ende wendet sich die Handlung jedoch zur Rührseligkeit hin. Die ersten Geschichten sind jedoch turbulent, spannend und geradezu dramatisch. Insofern hat mich der Hunde-Roman nach den ganzen japanischen Katzen-Neuveröffentlichungen mega mitgerissen.

Ein bisschen schade ist es allerdings, dass die Cover-Gestaltung mehr an ein Nachschlagewerk für Jagdhunderassen erinnert als einen packenden Roman und dass noch nicht einmal der Klappentext korrekt ist. Mich hat das Buch allein wegen des drögen Titelbildes zuerst überhaupt nicht angesprochen. Der Roman überzeugt dann aber recht schnell vom Gegenteil.

Bibliographische Angaben:
Hase, Seishu: "Tamons Geschichte" (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Hoffmann & Campe, Hamburg 2022, ISBN 978-3-455-01401-3

Dienstag, 28. November 2017

"Stahlblaue Nacht" von Tetsuya Honda

Hauptkommissarin Reiko Himekawa ermittelt mal wieder auf die ihr eigene intuitive Art: In einem am Flussufer abgestellten Lieferwagen findet sich eine bluttriefende, abgetrennte Hand. Der Halter des Wagens ist der Schreiner Takaoka, in dessen Garage eine enorme Blutlache aufgefunden wird. Hier muss jemand getötet worden sein.

Takaokas Ziehsohn und Gehilfe Mishima identifiziert die abgetrennte Hand eindeutig als die seines Chefs. Die Kriminalpolizei macht sich tunlichst auf die Suche nach weiteren Körperteilen, die vermutlich in den Fluss geworfen wurden. Und um die Todesursache aufzudecken und den Tathergang rekonstruieren zu können, muss der Rest des vermutlich zerstückelten Körpers gefunden werden.

Reiko wird bei den Ermittlungen leider erneut der trottelige Ioka als Partner zugeteilt, der ihr immer noch Avancen macht. Dummerweise reagiert ihr Kollege Kikuta eifersüchtig und kompliziert die ohnehin schon schwierige emotionale Lage - denn auch Reiko findet Gefallen an Kikuta, ist ihm aber vorgesetzt. Und dann ist da auch noch die Rivalität zu Hauptkommissar Kusaka, der so ganz anders tickt als Reiko.

Bei ihren Recherchen im Baugewerbe stoßen die Ermittler auf ein undurchsichtiges Geflecht aus Strohfirmen, hinter denen ein Yakuza-Clan steckt. Sowohl Reiko als auch Kusaka stochern besonders tief, denn den toten Takaoka und dessen Ziehsohn Mishima verbindet ein besonderes Schicksal, das vor über zehn Jahren seinen Lauf nahm.

Tetsuya Hondas "Stahlblaue Nacht" wird genauso wie der erste Band "Blutroter Tod" aus mehreren Erzählperspektiven dargestellt. Die Ermittlungen der Mordkommission in der dritten Person werden mit den Ich-Perspektiven von Mishima und Takaoka garniert. So ist der Leser den Ermittlern immer ein bisschen voraus und ahnt schon vor diesen, wer der Täter sein könnte.

An sich ist der Fall interessant aufgebaut, aber mit der Figur der Reiko Himekawa werde ich immer noch nicht warm. Sie wirkt einfach nicht wie die coole, toughe Kommissarin, die im Klappentext angekündigt wird. Vielmehr erinnert sie an eine unsichere, unreife Göre, die nicht sonderlich viel Professionalität an den Tag legt. Irritierenderweise wirkt die Beschreibung der Figur manchmal wie Product Placement: Sie hat eine Coach-Handtasche, trägt einen Trenchcoat von Burberry Blue Label ("Sie liebte die Farbe - ein dunkles Beige, fast braun -, und der Schnitt war einfach toll." S. 54) und für die Uhr von Longines hat sie sogar einen Kredit aufgenommen.

Da findet man den nicht sonderlich ansehnlichen Ioka, der sich gern mal zum Affen macht, wieder mal gleich viel sympathischer als die Protagonistin.

Ein bisschen seltsam mutet der Titel des Romans an, der in keinem Zusammenhang zur Handlung steht und auch nichts mit den Titel des japanischen Originals zu tun hat. Gerade mal das Wort Stahl geht in die Richtung Baugewerbe, aber der Tote ist nun mal Schreiner und eine blaue Nacht wird an keiner Stelle hervorgehoben.

Die amerikanische Veröffentlichung der Übersetzungsvorlage erfolgte ebenfalls erst dieses Jahr. Ich bin gespannt, ob ein dritter Fall der Reiko Himekawa-Reihe bei der St. Martin's Press erscheinen wird und wir daraufhin gegebenenfalls nochmals das Vergnügen mit Ioka und der Gereiztheit von Reiko haben werden. Man merkt: Ich werde wohl kaum mehr Fan der Protagonistin...

Bibliographische Angaben:
Honda, Tetsuya: "Stahlblaue Nacht" (Übersetzung aus dem Englischen: Gabler, Irmengard), S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-596-03667-7

Mittwoch, 14. Oktober 2015

„Der Dieb“ von Fuminori Nakamura

Besitzt jemand Macht über Dein Schicksal – oder war es Dein Schicksal, dass der andere über Dich bestimmt? Der Spielraum, inwieweit sich das eigene Schicksal selbst bestimmen lässt, ist eines der Hauptmotive, die in Fuminori Nakamuras „Der Dieb“ thematisiert werden.

Fuminori Nakamuras Taschendieb treibt in Tokio sein Unwesen. Doch seine Opfer sind meist wohlhabend wirkende Männer, die Glück im Unglück haben: Der Dieb nimmt nur das Bargeld und wirft die Geldbörsen in Briefkästen, damit die Portemonnaies ihren Weg zurück zu den legitimen Besitzern finden. Für die Robin Hood-Attitüde des Diebs spricht zudem, dass er sich eines kleinen Jungen annimmt, der von dessen Mutter auf Diebeszüge durch Supermärkte geschickt wird. Zwar nicht gerade freiwillig zeigt der Dieb dem Buben den einen oder anderen Trick, wie dessen Stehlstrategien zu optimieren sind.

Doch ansonsten ist der Dieb ein einsamer Zeitgenosse. Die einzigen beiden Bezugspersonen (seine Geliebte Saeko und sein Kompagnon Ishikawa) sind verschwunden. Doch der Dieb hat auch erkannt, dass er Bindungen an die Gesellschaft ablehnt: Steht er vor der Wahl von Status Quo oder Veränderung, so wählt er stets die Veränderung. Nur eine Konstante scheint es im Leben des Diebes zu geben: die Vision eines Turmes, der sich allmächtig und absolut in der Ferne abzeichnet.

Der Alltag des Diebes wird jäh durchbrochen, als ihn die Vergangenheit wieder einholt. Der Yakuza Kizaki hatte ihn einst wegen eines Einbruchs angeheuert, der dem Dieb fünf Millonen Yen und der Politik einen gehörigen Schock eingebracht hat. Kizaki zwingt den Dieb, erneut für ihn tätig zu werden. Dem Dieb bleibt keine andere Wahl in der Topdog-Underdog-Situation, als für Kizaki drei Männer zu beklauen.

Fuminori Nakamura schreibt mit „Der Dieb“ einen Roman Noir, der aber erst in der zweiten Hälfte mit dem Wiedersehen mit dem sadistischen und machtbesessenen Yakuza Kizaki Fahrt aufnimmt. Kizaki will absolute Macht über seine Mitmenschen und insbesondere den Dieb erringen. So wirkt er wie der Turm in der Ferne, den der Dieb in seinen Visionen sieht – Kizaki überblickt wie der Turm das gesamte Leben des Diebs und strahlt allmächtige Stärke aus.

Interessant an „Der Dieb“ ist, dass der Roman keinem Schema F folgt. Erst plätschert die Handlung dahin mit zugegebenermaßen auch einer spannenden, aber ansonsten eher ruhigen Rückblenden, da taucht in der zweiten Hälfte des Romans nochmals der große Unhold Kizaki auf und lässt den Dieb drei spannende Diebstähle begehen. Und erst das Ende…

Zudem verstört die Lektüre – jedoch auf eine nicht unangenehme Art. Da sind z.B. die düstere Stimmung, das Metaphorische des omnipotenten Turms und die (Macht-)philosophischen Ansichten des Yakuza Kizaki.

Mit guten 200 Seiten ist Fuminori Nakamuras „Der Dieb“ ein eher kurzes Leseabenteuer. Doch es scheint so, als sei der Diogenes Verlag bereits mitten in den Vorbereitungen für die Übersetzung von „Evil and the Mask“ – eine längere Exkursion ins Noir Genre à la Fuminori Nakamura kann also erwartet werden.

Bibliographische Angaben:
Nakamura, Fuminori: „Der Dieb“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Eggenberg, Thomas), Diogenes, Zürich 2015, ISBN 978-3-257-06945-7

Freitag, 21. Dezember 2012

„Von Stroh und Seide“ von Junichi Saga

Wie in „Der Yakuza“ kommen auch in „Von Stroh und Seide“ reale Personen zu Wort, deren Lebensgeschichten der Arzt Junichi Saga aufgezeichnet hat. Darunter ist auch Eiji Ijichi, „Der Yakuza“, der in einem Kapitel davon erzählt, wie es dazu kam, dass er sich von einem Glied seines kleinen Fingers trennen musste – freilich, eine Frau war der Grund… Aber auch mehr als 50 weitere Menschen erzählen in kurzen Kapiteln von ca. vier Seiten Umfang von ihrem Leben in den (primär) 20er und 30er Jahren rund um den Ort Tsuchiura. Damit gibt Junichi Saga Einblick in ein Japan vergangener Zeiten. Doch „Von Stroh und Seide“ romantisiert die alten Zeiten keinesfalls. Primär zeigt das Werk auf, wie hart das Leben damals war: Kinderarbeit war notwendig, um einer Familie das Überleben zu ermöglichen. Satt zu werden, galt als Luxus. Ebenso Kleidung zum Wechseln. Selbst mit schwerster körperlicher Arbeit war kaum Geld zu verdienen. Und je nach wirtschaftlicher Lage wurden Neugeborene „ausgelichtet“ – direkt nach der Geburt getötet, da ein weiterer Esser das Überleben der ganzen Familie in Frage stellen hätte können.

Doch „Von Stroh und Seide“ ist auch kein trauriger Tatsachenbericht – die Lebensfreude und Schelmigkeit der Menschen blitzt immer wieder durch: Die armen Schuldner verstecken sich am letzten Jahrestag vor dem Geldeintreibern, da an Neujahr ihre Schulden traditionsgemäß verfallen sein werden. Zwei alte Geishas schwärmen von der Schneidigkeit der damaligen Marine-Offiziere. Zwei schon seit Kindheit befreundete Herren unterhalten sich über ihre Streiche – unter anderem wie sie mit Zyankali „gefischt“ haben. Und der Pfandleiher unterstützt klammheimlich verschuldete Familien, die sich bei Nacht und Nebel davonmachen wollen, indem er ihnen einen guten Preis für ihre wenigen (geliehenen) Sachwerte macht.

„Von Stroh und Seide“ gibt einen authentischen Einblick in den Alltag der Menschen, indem sie selbst zu Wort kommen. Und genauso wie die Erzähler merkt der Leser, wie gut es den Menschen zwischenzeitlich geht – auch wenn dies mit städtischer Anonymität und dem Verlust der Naturbezogenheit einher geht.

Wer sich für japanischen Alltag früherer Zeiten interessiert, für den wird „Von Stroh und Seide“ sicherlich ein Fest sein: Die Friseurin erklärt, in welchem Alter die Haare der Mädchen wie frisiert wurden und was die Frisur symbolisierte. Die Hebamme erzählt von ärmlichen Hausgeburten. Der Tatami-Macher gibt Einblick in die traditionelle Herstellung von Tatamis. Und der Färber spricht davon, was es mit dem Spruch „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle Färbersleute“ auf sich hat.

Bibliographische Angaben:
Saga, Junichi: „Von Stroh und Seide“, Edition Peperkorn, Göttingen 1994, ISBN 3-929181-03-7

Sonntag, 9. Dezember 2012

„Gold Rush“ von Miri Yu

Koganecho – die Stadt des Goldes – ist Yokohamas runtergekommenes Rotlichtviertel: Huren, Yakuza und Glückspieler tummeln sich dort. Und auch der Junge namens Kazuki streicht seit Jahren im Viertel umher. Sein Vater Hidetomo betreibt in Koganecho eine Pachinko-Halle, weswegen der Stadtteil zu Kazukis Heimat wird. Dort treibt er sich mit dem Yakuza Kanamoto rum und kehrt im Imbiss „Goldener Pavillon“ ein, deren Betreiber er Opa Sada und Oma Shige nennt. Doch Kazuki ist nicht mehr der kleine Junge, den die Prostituierten gerne auf den Schoß nahmen und schaukelten. Mit 14 Jahren ist er mehr als unzugänglich, nimmt Drogen, schwänzt die Schule und spielt sich in der Spielhalle seines Vaters als Chef auf. Wenn seine Angst und Wut aufeinanderprallen, entlädt sich Kazukis Gewaltpotenzial: So erschlägt er eines Tages mit dem Golfschläger einen der beiden Dobermänner seines Vaters, verletzt den anderen so schwer, dass er eingeschläfert werden muss.

Kazukis Familienverhältnisse sind alles andere als harmonisch: Seine Mutter hat die Familie verlassen. Kazukis älterer Bruder Koki ist geistig behindert und benötigt permanente Pflege. Seine ältere Schwester Miho treibt sich wie Kazuki in der Stadt herum; schläft für Geld mit älteren Männern, um der eigenen Leere zu entkommen. Hidetomo schlägt seine provokante Tochter vor den Söhnen, die unfähig sind, einzuschreiten. Hidetomo betrachtet Kazuki als seinen Erben und verrät ihm das Versteck für das an der Steuer vorbei gehortete Gold.

Als Hidetomo Kazuki droht, ihn in die Obhut eines strengen Lehrers zu geben, sieht Kazuki rot. Wut und Angst prallen aufeinander und er tötet den despotischen Vater mit einem  Samurai-Schwert, verscharrt den Leichnam im Keller. Endlich ist der Störenfried beseitigt, der ein harmonisches Familienleben unmöglich machte. Kazuki träumt von einer liebevollen Familie – doch ob sich dies vor dem Hintergrund des Mordes realisieren lässt?

Die Autorin Miri Yu wurde von dem Fall des Schülers Sakakibara so aufgewühlt, dass sie mit „Gold Rush“ eventuelle Gemeinsamkeiten mit Gewalttätern ausloten wollte. Sakakibara ermordete 14-jährig eine 10-jährige Schülerin und einen 11-jährigen geistig behinderten Jungen in Kobe. Seine Morde bezeichnete er als Spiel. In den Ermittlungsakten wurde Sakakibara als Junge A geführt. Miri Yu nimmt dies auf und spricht über Kazuki meist von „dem Jungen“.

Doch auch eigene Erlebnisse der Autorin fließen in „Gold Rush“ mit ein: Ihr Vater arbeitete ebenfalls in einer Pachinko-Halle in Koganecho, sie selbst verbrachte als Jugendliche ihre Freizeit in diesem Rotlichtviertel. Familiäre Gewalt erlebte sie zur Genüge. Daher machte sie ähnliche Erfahrungen wie Kazukis Familie: Wenn die Kommunikation scheitert, dann bleibt als letztes Mittel die Gewalt.

„Gold Rush“ ist sicherlich keine Belletristik im wörtlichen Sinn: Denn schön ist die Auseinandersetzung mit einem minderjährigen Mörder, der in Rage gebracht zu Gewaltexzessen neigt, sicherlich nicht. Doch legt die Autorin den Finger in die Wunde: Wenn der Vater Probleme mit Gewalt löst und dem Sohn vorlebt, dass dies Macht verschafft, scheint der Junge ein zu guter Schüler zu sein, wenn er schließlich den Vater tötet. Der Junge bleibt dennoch ein Kind – wünscht er sich doch nichts anderes als familiäre Geborgenheit.

Bibliographische Angaben:
Yu, Miri: „Gold Rush“, be.bra Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86124-911-5

Sonntag, 17. Juni 2012

„Ich, Tochter eines Yakuza“ von Shoko Tendo

Shoko Tendo erzählt mit „Ich, Tochter eines Yakuza“ ihre traurige und doch faszinierende Lebensgeschichte. Shoko Tendos Vater ist zunächst Yakuza-Boss und pflegt einen auffälligen, prahlerischen Lebensstil. Doch als der Vater ins Gefängnis geht, beginnt der Abstieg der Familie: Die Schulden werden immer erdrückender und die Kinder werden in der Schule von den Mitschülern gehänselt. Shoko und ihre ältere Schwester stürzen in ein Jugendbanden-Milieu ab: Klebstoff wird geschnüffelt, die Schule geschwänzt, geprügelt… Shoko landet schließlich in einer Besserungsanstalt. Währenddessen sind dem Vater die Schulden endgültig über den Kopf gewachsen, Geldeintreiber belagern das Familienanwesen. Die verzweifelte Lage ausnutzend macht sich ein Yakuza-Kollege an Shoko ran: Er macht sie abhängig von Speed, schläft mit ihr und prügelt sie. Doch auch, als der eklige Kerl stirbt, hat sie kaum Glück mit ihren Männern: Sie wird Geliebte oder gerät erneut an gewalttätige Yakuza.

Shoko unternimmt zwei Befreiungsschläge: Der erste liegt darin, sich zu ihrer Abstammung von einem Yakuza zu bekennen, indem sie sich nach Yakuza-Manier tätowieren lässt. Den Rücken ziert eine Kurtisane, die ein Messer zwischen den Lippen hält. Nach und nach wird die Tätowierung erweitert, bis Shokos Körper vom Nacken bis zu den Hand- und Fußgelenken komplett bedeckt ist (das Buchcover zeigt übrigens niemand anderen als Shoko Tendo). In einem Interview auf Arte gibt die Autorin an, dass zwischenzeitlich kein Yakuza mehr mit ihr daten will, zeigt doch die Größe von Shokos Tätowierung, dass sie sehr viel mutiger ist, als der Yakuza selbst.

Der zweite Befreiungsschlag besteht in der Entscheidung, ihre Lebensgeschichte als Buch zu veröffentlichen. Shoko beendet ihren Job als Hostess und bringt ihr Leben mit „Ich, Tochter eines Yakuza“ zu Papier.

Freilich zeichnet sich die Autobiographie nicht gerade über einen geschliffenen Sprachstil oder ausgefeilten Aufbau aus. Dennoch übt sie eine dunkle Faszination aus, dass man trotz einiger übler Gewaltszenen unbedingt wissen muss, wie diese Lebensgeschichte bloß enden mag.

Freitag, 13. April 2012

„Der Yakuza“ von Junichi Saga

Mit „Der Yakuza“ zeichnet der Autor und Arzt Junichi Saga die Lebensgeschichte seines Patienten Eiji Ijichi auf. Eiji ist bereits schwer krank und erzählt biographische Episoden, die illustrieren, wie er zum Yakuza-Boss der Bande der Dewaya wurde: Aufgrund mangelnder schulischer Leistungen wird er von seinem Vater zum Arbeiten nach Tokio geschickt. Dort verdingt er sich bei seinem Onkel im Kohlehandel und kommt alsbald mit illegalem Glücksspiel in Berührung. Vorerst landet er auf einem Mitternachtsboot, das die Spieler an den polizeilichen Kontrollen vorbeischleust. Doch schon bald startet er selbst auf der untersten Hierarchiestufe als Yakuza bei der Dewaya, um schließlich irgendwann selbst zum Bandenchef aufzusteigen.

Beginnend in den 20er Jahren des letzen Jahrhunderts erzählt Eiji Ijichi von den alten Wertmaßstäben der Yakuza: Beispielsweise hat ein Yakuza sich ausschließlich im Glücksspielgewerbe zu betätigen. Wer auf andere Weise Geld verdient, verliert den Respekt der Yakuza. Ein Yakuza soll sich an Geishas und Prostituierte halten und „anständige“ Mädchen in Ruhe lassen. Im Yakuza-Quartier haben Frauen ohnehin nichts zu suchen, da sie als weicher gelten und bei der Polizei eher Geheimnisse ausplaudern könnten. Und natürlich wird auch die Sitte des Fingerabschneidens als Zeichen der Reue illustriert. Auch Eiji fehlen zwei Fingergelenke. Weswegen? – Natürlich: Die Frauen haben es ihm angetan…

Eiji wird aber auch als Soldat eingezogen und ins annektierte Korea geschickt, erlebt das Große Kanto-Erdbeben und muss im zweiten Weltkrieg nicht nur sich, sondern auch seine Untergebenen durchbringen. So steckt „Der Yakuza“ zudem auch noch voll von Anekdoten und Erlebnissen während diesen geschichtsträchtigen Ereignissen.

Nicht nur wer sich für die Geschichte der Yakuza interessiert, wird die Biographie von Eiji Ijichi verschlingen. Der böse Bube zeigt sich von einer sehr menschlichen Seite während der „guten alten Zeit“ und hat einige überraschende Storys auf Lager.

Dienstag, 28. Februar 2012

„Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch“ von Arimasa Osawa

Kommissar Samejimas zweiter Fall hat es in sich: Bei einer Observierung eines illegalen Mahjong-Clubs beobachtet Samejima einen gefährlich aussehenden Taiwanesen. Als er mit seiner Freundin Sho privat in Shinjuku unterwegs ist, kreuzt der Unbekannte unversehens erneut seinen Weg. Als Samejima bemerkt, dass der Taiwanese von einem Yakuza verfolgt wird, heftet er sich an deren Fersen. Er wird Zeuge von einem beeindruckenden Kampf: Mit wenigen Schlägen wehrt der Taiwanese den bald krankenhausreifen Yakuza ab, als er in einer Gasse angegriffen wird. Samejima gibt sich als Polizist zu erkennen – gleiches gilt für den Taiwanesen namens Guo, der angibt, Kommissar in Taipeh zu sein und in Japan Urlaub machen zu wollen. Überprüfungen ergeben, dass Guo tatsächlich der taiwanesischen Polizei angehört, doch den Japan-Urlaub nimmt Samejima dem Kommissar nicht ab. Er soll recht behalten: Guo hat sich an die Fersen eines taiwanesischen Auftragsmörder namens Giftaffe geheftet, der Rache an einem Landsmann nehmen will, der wiederum bei einem japanischen Yakuza Unterschlupf gesucht hat. Samejima befürchtet ein Gemetzel unter den Yakuza und versucht, das Schlimmste zu verhindern…

Arimasa Osawa erzählt „Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch“ aus mehreren Erzählperspektiven. Der Effekt in diesem Fall: Irgendwie fiebert man sowohl für den Helden als auch für den Anti-Helden mit. Leider können nicht beide triumphieren.

Trotzdem entbehrt der Roman nicht eine unfreiwillige Komik: Harte Cops, die Eiskaffee bestellen und Schlafanzüge tragen – das passt irgendwie nicht in das Bild eines einsamen Wolfs. Und leider wirkt der ansonsten so coole Samejima gegen seinen taiwanesischen Kollegen ein bisschen wie ein Weichei.

Der zweite Teil der Samejima-Reihe ist weitaus spannender, rasanter, aber auch brutaler als der Vorgänger „Der Hai von Shinjuku – Sodom und Gomorrha“. Vorkenntnisse aus dem ersten Teil sind nicht nötig, da die wesentlichen Eckpunkte rund um Samejimas bisherige Erfahrungen als Polizist kurz angerissen werden. Besonders interessant sind in „Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch“ die zahlreichen Hintergrundinformationen zu den japanischen Yakuza und ihrem taiwanesischen Spiegelbild.

Ein kleines Update: Ab August 2014 ist der Roman auch unter dem Titel „Giftaffe" erhältlich.

Sonntag, 29. Januar 2012

„Der Hai von Shinjuku – Sodom und Gomorrha“ von Arimasa Osawa

„Der Hai von Shinjuku“, das ist Oberkommissar Samejima, der im härtesten Stadtviertel Tokios bei den Yakuza berühmt berüchtigt ist. Denn Samejima gilt wie der Hai als Einzelgänger und schlägt – im wörtlichen und im übertragenen Sinne – knallhart zu. Nachdem er zwischen politische Fronten geraten war, wurde der einstige Karrierepolizist Samejima nach Shinjuku abgeschoben, wo er sich im Eingreiftrupp mit Yakuzas, Drogendealern und Waffenhändler herumschlagen muss.

Als es ein Serienmörder auf Polizisten abgesehen hat, beginnt Samejima verstärkt nach dem homosexuellen Waffenbauer Kizu zu suchen, da bei den Morden eine ganz spezielle Waffe benutzt wurde, die nur aus Kizus Werkstatt stammen kann. Samejima begibt sich ins Tokioter Schwulenmilieu und legt seine Fallen aus, um Kizu aufzuspüren und den brutalen Serienmörder zu stoppen.

Die offizielle Sonderkommission gerät währenddessen mit den Ermittlungen ins Stocken – und Samejima macht sich mit seinen investigativen Erfolgen wieder einmal interne Feinde.

Arimasa Osawa schreibt mit „Der Hai von Shinjuku – Sodom und Gomorrha“ nicht nur einen spannenden, rasanten Krimi, sondern übt auch Kritik am Polizeiapparat: Die Polizisten und Yakuza verfolgen die Strategie leben-und-leben-lassen und bilden somit einen Klüngel, der ernsthafte Polizeiarbeit verhindert. Samejima, ein Mann, der sich allein der Gerechtigkeit verschrieben hat, befindet sich also sowohl im Kampf mit den internen Feinden bei der Polizei als auch den externen Feinden der Yakuza.

Der Autor Arimasa Osawa hat sich für seine Figur des Samejima von Raymond Chandlers Philip Marlowe inspirieren lassen. Anfangs, muss ich zugeben, kam mir der knallharte Cop Samejima recht pseudo-cool daher. Doch je weiter sich die Geschichte spinnt, desto menschlicher erscheint auch der Protagonist, der nicht nur um sein eigenes Leben bangen muss.

Montag, 12. Dezember 2011

„Versuchter Liebestod“ von Choukitsu Kurumatani

Der 34-jährige Ikushima heuert in Amagasaki bei Seiko an: Sein Job besteht darin, in einem stickigen Kämmerchen in einem heruntergekommenen Mietshaus, Grillspieße mit Kutteln zu bestücken, die Seiko dann in ihrer Garküche verkauft. Ikushima, ein studierter Aussteiger, findet sich im Gangstermilieu wieder: Gegenüber tätowiert der Yakuza Hori seine Kundschaft. Nebenan zitieren in die Jahre gekommene Huren Sutren, während sie ihre Freier bedienen. Ein älteres Ehepaar im Haus kommt nur über die Runden, indem es Abfälle nach verwertbaren Resten durchwühlt. Und dann ist da auch noch Ayako, die selbstbewusste Schönheit, die mit dem gefährlichen Hori liiert ist und Ikushima ganz schön den Kopf verdreht.

Ikushima ist seinen Nachbarn suspekt. Warum macht dieser Akademiker so eine Arbeit, wenn er doch viel besseren Tätigkeiten nachgehen könnte?

Ikushima hatte in Tokio als Anzeigenverkäufer gearbeitet und sich von Tag zu Tag leerer gefühlt. Das für seine Kollegen geltende Ziel, ein nach westlichen Normen standardisiertes Mittelstandsleben zu führen, hatte ihn abgestoßen. Schließlich hatte er gekündigt, in zwei Jahren in Tokio sein Erspartes durchgebracht und sich als Küchenhilfe in Himeji, Kyoto, Kobe, Nishinomiya und schließlich Amgasaki durchgeschlagen. Mit Lebensfreude hatte er abgeschlossen, nun hangelt er sich von Tag zu Tag, von Job zu Job.

Mit der Zeit gewinnt Ikushima das Vertrauen seiner Nachbarn und seiner Chefin, was nicht unbedingt ungefährlich für ihn ist: Für Seiko soll er den Geldboten spielen und gerät in das Visier der Gangsterbanden Amagasakis. Für Hori soll er eine ominöse Schachtel zunächst aufbewahren und schließlich einem Yakuza überbringen. Und insbesondere seine Faszination von Ayako könnte Horis Eifer- und Tobsucht heraufbeschwören.

Als Ikushima bereits wieder in eine andere Stadt weiterziehen möchte, gerät Ayako in eine Klemme: Um die enormen Schulden ihres Bruders zu bezahlen, wird sie bedrängt, sich für eine Gangsterbande zu prostituieren. Um diesem Schicksal zu entgehen, bittet sie Ikushima, sie in den gemeinsamen Liebestod zu begleiten. Die beiden verlorenen Seelen begeben sich nach Akame, um sich dort von den Wasserfällen in den Tod zu stürzen.

Choukitsu Kurumatani schöpfte für „Versuchter Liebestod“ aus seinen eigenen Erfahrungen als Aussteiger. Fast nur angedeutet sind seine Reflektionen über die Funktion der Sprache, was den reflektierenden Ikushima im Milieu erst recht zum intellektuellen Outsider stempelt.

Ein klassisches Happy End wird der Leser bei „Versuchter Liebestod“ sicherlich nicht finden, jedoch ein authentisches Zeugnis der Trostlosigkeit, die die Menschen in allen Gesellschaftsschichten ereilen kann.

Samstag, 4. Juni 2011

„Warten auf die Sonne“ von Hitonari Tsuji

„Warten auf die Sonne“ von Hitonari Tsuji ist ein geradezu magischer Roman, der die Schicksale verschiedenster Menschen zu einem schlüssigen Gesamtkunstwerk bündelt:

Shiro ist Patinierer beim Film. Doch die Dreharbeiten geraten ins Stocken – denn der Regisseur wartet für eine bestimmte Szene auf die optimale Sonne, die sich einfach nicht zeigen will. Währenddessen wird Shiro in die verbrecherischen Machenschaften seines älteren Bruders Jiro hineingezogen. Jiro hat einer gefährlichen Organisation etwas Wichtiges entwendet, wurde dann aber angeschossen und liegt nun im Koma. Der Yakuza Fujisawa heftet sich jetzt an Shiros Fersen – Shiro soll das Diebesgut unter Androhung von Gewalt aufspüren und zurückbringen. Fujisawa ist halb Japaner, halb US-Amerikaner. Seinen Vater konnte er nie kennen lernen, denn der US-Pilot wurde kurz vor dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima als Kriegsgefangener eingesperrt. In vollem Wissen über die nahende Katastrophe versucht er, wenigstens eine handvoll Menschen zu retten, wenn schon er selbst dem sicheren Tode geweiht ist. Doch auch der Regisseur Inoue trägt eine traumatische Kriegserfahrung mit sich, die er als sein letztes Vermächtnis verfilmen will.

„Warten auf die Sonne“ ist ein rasanter und spannender Roman über tragische Liebe, Lebenslust, die Macht der Erinnerungen und die Grausamkeiten des Krieges. Hitonari Tsuji verkettet die Protagonisten auf verschiedenen Erzählebenen: Der Ich-Erzähler Shiro präsentiert die Geschehnisse des Jahres 1999. Der Leser erlebt zudem die begrenzte (Alp-)Traumwelt des im Koma liegenden Jiros (ähnlich wie bei Haruki Murakamis „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“). Die Geschichte der letzten Tage des US-Piloten in Hiroshima wird in Form von Tagebucheinträgen dargestellt. Verschiedene Personen berichten häppchenweise das Schicksal des Regisseurs Inoue. Und auch Fujisawas Historie als „Weißer“ in Japan wird erzählt. Viele Geschichten, doch verknüpft sind sie alle durch die Faszination für die Sonne, die das Leben und Sterben der Menschen begleitet.

Meine einzigen kleinen Kritikpunkte: Der Ich-Erzähler und Patinierer Shiro lässt sich zwischendurch etwas zu sehr über seinen Beruf aus. Und die Sex-Szenen kommen ein bisschen arg gestelzt à la "ich umfing ihren Körper" rüber.

Leider ist „Warten auf die Sonne“ hierzulande ein recht unbekannter Roman, der zwischenzeitlich vergriffen ist. Einige Restexemplare des Hardcovers kann man sich derzeit aber noch bei Jokers günstig sichern.

Mittwoch, 16. Februar 2011

„Die Umarmung des Todes“ von Natsuo Kirino

Der „Umarmung des Todes“ von Natsuo Kirino wird ein Zitat von Flannery O’Connor vorangestellt: „Der Weg in die Verzweiflung besteht in der Weigerung, jegliche Art von Erfahrung zu machen.“

Verzweifelt sind alle vier Hauptakteurinnen, die zusammen in einer Firma für Lunchpakete Fließbandarbeit in der Nachtschicht verrichten. Masako ist enttäuscht von der japanischen Arbeitswelt, in der sie als Frau keine Aufstiegschancen hat und in der Ambitionen von Frauen abgestraft werden. Ihr Ehemann hat sich von der Familie zurückgezogen und ihr Sohn spricht nicht mehr mit ihr. Kuniko ist hoch verschuldet, da sie glaubt, nur durch Konsum glücklich zu werden und ist chronisch unzufrieden mit ihrem Aussehen. Die Witwe Yoshie ist an ihre pflegebedürftige Schwiegermutter gebunden. In der Nachtschicht kann sie zur Sozialhilfe etwas dazuverdienen, während sie sich tagsüber ausschließlich um den Pflegefall kümmern muss. Trotz der Einnahmen lebt sie am absoluten Limit. Yayois Ehemann Kenji ist dem Glücksspiel und einer attraktiven Hostess verfallen und verprasst nicht nur seine kompletten Einnahmen, sondern auch alle Ersparnisse. Yayois Lohn aus der Nachtschicht muss herhalten, um die Familie inklusive der beiden Söhne über Wasser zu halten.

In einem nächtlichen Streit erwürgt Yayoi ihren Ehemann – und bittet ihre Kollegin Masako um Hilfe. Gemeinsam mit den beiden anderen Frauen wird Kenjis Leiche entsorgt, während Yayoi vor der Polizei die trauernde Witwe gibt. Den Vieren spielt in die Hände, dass Kenji am Tage seines Todes mit einem Yakuza Satake in Streit geraten war, der nun als Hauptverdächtiger gilt. Somit könnte sich alles in Wohlgefallen auflösen, wäre da nicht Kunikos Gier und Satakes Rachegedanken.

Der Originaltitel von „Die Umarmung des Todes“ lautet „Out“ – und Outsider sind die Protagonisten des Romans. Daher ist der Roman nur bedingt ein Thriller oder Kriminalroman. Er ist vielmehr ein „feminist noir“: Es geht um Frauen, die sich mit mehr als drastischen Methoden emanzipieren und sich von ihrem bisherigen Leben befreien.

Die Erzählperspektive des Romans wechselt mit jedem Kapitel. Sowohl die Motivationen der verschwenderischen Kuniko als auch die des sadistischen Satake werden dem Leser plausibel und die Darsteller somit trotz aller Fehler sogar ein bisschen sympathisch.

Einzig die Gedankensprünge und Motivationen von Masko auf den letzten Seiten des Romans waren mir nicht ganz nachvollziehbar. Insgesamt aber ein Buch, das einen nicht mehr loslässt!