„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt sieben Erzählungen, die Menschen in extremen, ungewöhnlichen Situationen porträtieren. Der Band beginnt mit Kei Nakazawas „Wohlgehütete Pfirsiche“: Die Protagonistin Mizue ist schwanger – schwanger von ihrem Ex-Freund. Daher möchte sie das Kind nicht austragen, sondern abtreiben. Der Leser begleitet die alleinstehende, junge Frau auf dem Weg zu ihrem Freund, dessen Zustimmung zur Abtreibung sie einholt, in die Arbeit, in der sie den Kollegen einen anderen Grund für ihre baldigen Abwesenheit vorschwindelt, und schließlich in die Klinik zum Eingriff.
Haruki Murakamis „Der Spieluhrvogel“ ist das erste Kapitel von „Mr. Aufziehvogel“. Daher ist diese „Erzählung“ etwas unbefriedigend, weil die Geschichte gerade erst etwas in Gänge kommt, Fragen aufwirft und dann auch gleich wieder abbricht: Wer ist die unbekannte Frau, die zu Hause beim Ich-Erzähler anruft und mit ihm, dem braven, arbeitslosen Ehemann, der die Wohnung hütet, über Sex sprechen will? Und wo ist bloß die Katze geblieben?
„Zombie – Tränen“ von Wahei Tatematsu ist eine etwas ungewöhnliche Erzählung: Yoshida ist Filmemacher von trashigen Splatter-Filmen – Hauptsache das Blut fließt. Seinen Ausdruck findet er vor allem beim Filmen – während es an Kommunikation und Verständnis innerhalb seiner Familie mangelt. Von Ehefrau und Tochter hat er sich ziemlich entfremdet. Darüber hinaus ist er gerade besonders fasziniert von abgerissenen Ohren…
Masahiko Shimada beschreibt „Das ‚real life’ eines Pseudo-Schriftstellers“: Ms einziger Freund ist ein streunender Hund, den der Grundschüler auf den Namen Mieze tauft. Als Mieze an Altersschwäche stirbt, wendet sich M der Welt der Bücher zu. Schließlich beschließt M, inzwischen ein Student, sich in eine Kommilitonin zu verlieben, mit der er sich intellektuelle Wortgefechte gibt. Als M eine Assemblage aus allen bisher gelesenen Romanen erstellt, wird er zum Pseudo-Schriftsteller.
Mizuko Masudas Protagonistin Kaori in „Das neue Leben“ hat eine Affäre mit ihrem verheirateten (Ex-)Chef. Sie kündigt ihren Job und zieht in die Nähe der Wohnung ihres Geliebten – doch liebt sie diesen überhaupt?
„Machikos Nachtlandschaft“ von Michitsuna Takahashi hat kein schönes Sujet: Machiko, eine ehemalige Prostituierte, ist mit einem Yakuza verheiratet, der sie schlägt und vergewaltigt. Als es ihr endlich gelingt, vor der Ehehölle zu fliehen, wird in Rückblenden Machikos Vergangenheit beleuchtet: Die schöne, auffallende Schülerin aus gutem Hause rutscht ins Rotlichtmilieu ab und hat in ihrer Ehe viel zu erdulden. Leider mangelt es „Machikos Nachtlandschaft“ etwas an der Darstellung der Motivationen Machikos. Und auch das Ende ist seltsam lapidar (ich sage nur: Stichwort Kino).
Das Thema von Yuko Tsushimas „Über die Traurigkeit“ ist sehr biographisch: Die Ich-Erzählerin ist genauso wie die Autorin eine alleinerziehende Mutter, die ihr jüngstes Kind verloren hat. Sie beschreibt ihren Verlust, ihren veränderten Alltag aber auch ihre Trauer, die keine echte zu sein scheint.
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt Erzählung von einigen Autoren, deren Werke bisher kaum ins Deutsche übersetzt wurden (wenn man von Haruki Murakami freilich absieht). Ein Highlight ist hier die Erzählung von Masahiko Shimada, wohingegen mir Michitsuna Takahashis Werk ein bisschen unausgegoren vorkam. Und natürlich impliziert der Titel des Bandes schon das primäre Thema: Es geht gerne traurig zu in den versammelten Erzählungen. Wer kurzweiliges Entertainment sucht, der ist mit „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ sicherlich falsch beraten.
Bibliographische Angaben:
Miyazaki, Noboru (Hrsg.): „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hitomi, Kenji/Komachi, Hanae/Miyazaki, Noboru/Ruppelt, Eva/Windelen, Sabine), konkursbuch, Tübingen 1992, ISBN 3-88769-057-5
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Freitag, 21. Juni 2013
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ herausgegeben von Noboru Miyazaki
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Dienstag, 5. März 2013
„Der Einzeller“ von Mizuko Masuda
„Die isolierten Zellen lebten in der Tat auch einzeln weiter, wenn alle Bedingungen stimmten, weshalb man von unabhängigen Lebewesen sprechen konnte. Doch nach einer gewissen Zeit wurden die Zellwände ungewöhnlich fleischig, das heißt die das Leben schützende Schale wurde zu dick, so dass die Zellen schließlich erstickten, weil sie keine Nährstoffe mehr von draußen aufzunehmen vermochten.“
(S. 118f.)
Der Protagonist in Mizuko Masudas „Der Einzeller“, namentlich Mikio Shiiba und Student der Agrarwissenschaften gleicht einer solchen isolierten Zelle: Mit fünf Jahren wurde er nach dem Tod seiner Mutter Halbwaise. An diese Mutter fehlt Mikio jegliche Erinnerung. Das Zusammenleben mit dem Vater entbehrte jeglicher Wärme und war primär von Zweckmäßigkeit geprägt. Deswegen litt Mikio auch nicht sonderlich, als er mit 16 Jahren auch noch den Vater verlor. Und so schlug sich Mikio fortan einigermaßen alleine durch. Rückhalt gab ihm primär die Schule und im Anschluss die Universität – ein Platz, der berechenbar ist und ihm Sicherheit bietet.
Doch Mikio kommt in eine Krise, als er nicht wie erwartet eine universitäre Karriere nach seinem Studienabschluss einschlagen kann. Zum ersten Mal in seinem Leben verreist er und mietet sich in einem abgelegenen Gasthof ein. Einerseits um seine Gedanken zu ordnen, andererseits um seine Abschlussarbeit zu Papier zu bringen. Das Thema der Arbeit ist das Verhalten von isolierten Zellen: Diese neigen dazu, sich wieder zusammen zu ballen – oder sich eben ein dickes Fell zuzulegen in der Gefahr, alleine zu ersticken.
Mikio, eine verloren wirkende Seele, trifft in dem Gasthof auf Ryoko, die sich genauso alleingelassen fühlt wie Mikio. Kurzerhand zieht sie bei ihm ein – nicht jedoch um sich gegenseitig eine Stütze zu sein, sondern um gemeinsam einsam zu sein.
Ein bisschen mag die Handlung auch an Haruki Murakami erinnern: Ein Loser-Typ in einer Krisensituation trifft auf eine geheimnisvolle Frau; ein Familiengeheimnis gibt es on top. Jedoch fehlen freilich die fantastischen Elemente, die Haruki Murakamis Romane auszeichnen. Auch ist die Darstellung insgesamt realistischer, insbesondere was die Beschreibung des Loser-Typs Mikio betrifft. Er kommt einfach nicht aus seiner Haut.
Mizuko Masuda traf 1986 mit der Veröffentlichung von „Der Einzeller“ den Nerv der Zeit: Single-Gesellschaft, auseinander brechende Familienverhältnisse, Vereinsamung waren Themen, die dem Roman in Japan große Beachtung bescherten. Doch sicherlich ist „Der Einzeller“ noch immer aktuell – Mikio gehört bereits in den 80ern dem Prekariat an.
Bibliographische Angaben:
Masuda, Mizuko: „Der Einzeller“, Abera Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-939876-00-7
Montag, 4. März 2013
Mizuko Masuda
Zunächst studierte die 1948 geborene Mizuko Masuda Agrarwissenschaften an der Universität für Landwirtschaft und Technologie Tokio. 1973 schloss sie ihr Studium ab und ging als Forschungsassistentin an die Nippon Medizinhochschule. 1977 debütierte sie mit der Erzählung „Eine posthume Beziehung“, die für den Shincho-Literaturpreis nominiert wurde. Sie wurde insgesamt sechs Mal für den Akutagawa-Preis nominiert. Sie erhielt unter anderem 1986 den Kyoko Izumi-Preis für „Der Einzeller“.
Mizuko Masuda gibt an, dass die elterlichen Gute-Nacht-Geschichten, die ihr als Kind erzählt wurden, ihre Imaginationsgabe gefördert haben.
Mizuko Masuda wird in die „leere Generation“ eingeordnet: Eine Generation, die mit massiven Ungewissheiten und Unverständlichkeiten zu Recht kommen musste. Mizuko Masudas Protagonisten sind meist Außenseiter, die sozial isoliert sind.
Interessante Links:
Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:
Mizuko Masuda gibt an, dass die elterlichen Gute-Nacht-Geschichten, die ihr als Kind erzählt wurden, ihre Imaginationsgabe gefördert haben.
Mizuko Masuda wird in die „leere Generation“ eingeordnet: Eine Generation, die mit massiven Ungewissheiten und Unverständlichkeiten zu Recht kommen musste. Mizuko Masudas Protagonisten sind meist Außenseiter, die sozial isoliert sind.
Interessante Links:
- Journal of Kyoto Seika University No.35/Gwyn Helverson: Bridging the Gap between Genders and Generations: Masuda Mizuko’s Sinking Ground as a Fictional Case Study of a Woman Caught in Societal Transition in a Society Which Allows Her No Options for Transition.
Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:
Sonntag, 27. Januar 2013
„Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“ herausgegeben von Eiko Saito
Menschen in der Krise, meist
betroffen vom (nahenden) Tod von Angehörigen und Bekannten, sind das
übergreifende Thema der Erzählungen in „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“.
Relativ harmlos kommt noch Shotaro Yasuokas „Lauf, Tomahawk!“ daher: Der Protagonist wird von einem amerikanischen
Kekshersteller eingeladen, um zusammen mit Journalisten aus aller Welt den
Westen der USA kennen zu lernen. Primär ist die Tour recht langweilig, bis der
Ich-Erzähler seinen Mut auf dem Rücken eines Pferdes beweisen muss.
Keizo Hinos Lieblingsthema – das
der modernen Stadt – steht auch in seiner Erzählung „Eisenzeit“ im Mittelpunkt.
Auf der Suche nach der Botschaft eines kleinen Landes fährt der Protagonist an
Häusern vorbei, in denen er bereits als Student gerne gelebt hätte und stellt
sich seinem einstigen Wunschtraum erneut.
Taku Miki beschreibt „Nachbarn“:
Yoshi ist in die Jahre gekommen und wird von den Jungen in ihrem Viertel „die
Alte“ genannt. Die Jahre sind nach ihrem Einzug in das derzeitige Wohnhaus
vergangen; auch an ihren Nachbarn geht die Zeit nicht unmerklich vorbei – der
Tod klopft mehrmals an die Tür.
„In der Luft“ von Kunie Iwahashi
beginnt mit dem Besuch der Ich-Erzählerin bei einer krebskranken Schulfreundin
und geht über in die Schilderung der Familienverhältnisse der Protagonistin,
die alles andere als innig oder liebevoll sind.
Das „Sternbild des Orions“ (von Akira Yoshimura)
betrachtet Toshio im Planetarium zusammen mit seinem Vater. Dabei lässt die
Toshio die Geschehnisse der letzten Zeit Revue passieren: Seine Mutter hatte
die Familie wegen eines anderen Mannes verlassen und bald darauf Selbstmord begangen.
Sein Vater verzweifelt an der Situation.
Haruki Murakamis „Glühwürmchen“ ist
die Kurzfassung seines Romans „Naokos Lächeln“: Der Ich-Erzähler ist Student
und trifft die Freundin seines Kumpans wieder, der als Teenager Selbstmord
begangen hatte. Die beiden nähern sich an, doch ein Happy End ist ihnen
nicht vergönnt.
„Das Trauerfeld“ von Yoshikichi Furui ist mein Highlight in dem Erzählband: Ein Freund des Ich-Erzählers
verschwindet für eine Woche, nachdem ihm unheilbarer Krebs attestiert wurde. Er
taucht bei einer Frau unter und führt sich gar seltsam auf.
Ein bisschen abstrus wird es in
Mizuko Masudas „Blumen“: Yuki ist eine Eigenbrötlerin und kann sich in der
modernen Arbeitswelt nicht zu Recht finden. Der Wirt Ariga, ebenfalls nicht
gerade besonders mitteilsam, gibt der jungen Frau nicht nur einen Job, sondern
besorgt ihr auch eine Wohnung. Ob die beiden eine gemeinsame Chance haben?
Kurz vor dem Alter von
„Einhundert“ steht der Vater des Protagonisten in Takehiro Irokawas Erzählung.
Der Ich-Erzähler hält sich am liebsten von seinem Vater fern – ist er doch ein
alter Choleriker und hat seit jeher seine Brutalität an den
Familienmitgliedern ausgelassen. Doch als seine Mutter ins Krankenhaus
eingeliefert ist, muss der Protagonist die Stellung im elterlichen Haushalt
halten und sich mit seinem Vater auseinander setzen.
„Lebenstage“ werden Akira Abes
Erzählung thematisiert: Erinnerungen an Tage, die sich Kindern für immer ins
Gedächtnis prägen und sie bis ans Ende ihres Lebens begleiten werden.
„Die Pistole“ des Vaters liegt
seit dessen Tod im Haushalt der Mutter. Tetsuo Miuras Protagonist muss sich um
seine Mutter kümmern, die die Sorge um die illegale Waffe quält.
„Das Baumpflanzfest“ ist in
Shuichiro Konos Erzählung die Gelegenheit für Shiotsu, seiner Wut über den Tod
seines Vaters in einem Gefängnis Luft zu machen.
„Erkundungen – 12 Erzähler aus
Japan“ hält ein interessantes Spektrum an Erzählungen bereit, teilweise
illuster, teilweise tragisch, teilweise phantasievoll, teilweise alltäglich –
jedoch immer nachdenklich.
Bibliographische Angaben:
Saito, Eiko: „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“, Volk und Welt, Berlin 1992, ISBN 3-353-00880-2
Saito, Eiko: „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“, Volk und Welt, Berlin 1992, ISBN 3-353-00880-2
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