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Sonntag, 13. Januar 2019

"Der nasse Tod" von Kenzaburo Oe

Ich bin wahrlich kein großer Kenzaburo Oe-Fan, aber den "Roman über meinen Vater", wie es im Untertitel heißt, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Wer "Der Tag, an dem ER selbst mir die Tränen abgewischt" gelesen hat, kennt bereits das Motiv, das "Der nasse Tod" zu Grunde liegt. Zum Ende des zweiten Weltkriegs stürzt sich der Vater des Erzählers in einen aussichtslosen Aufstand und kommt um. Vor der Lektüre von "Der nasse Tod" macht es also Sinn "Der Tag, an dem ER selbst mir die Tränen abgewischt" und auch "Tagame. Berlin –  Tokyo" gelesen zu haben, da auf die beiden Werke immer wieder eingegangen wird.

Oes Alter Ego Kogito begibt sich in der aktuellen Neuveröffentlichung zurück in seine Heimat. Zehn Jahre nach dem Tod seiner Mutter möchte ihm seine Schwester Asa einen roten Koffer übergeben, wie es die Mutter zu Lebzeiten verfügt hat. Von dem Inhalt des Koffers erhofft sich Kogito Material, um endlich den Roman "Der nasse Tod", in dem er die wahre Geschichte um den mysteriösen Tod seines Vaters darlegen will, zu schreiben. Der frei erfundene Roman "Der Tag an dem ER selbst", der ein ähnliches Thema hatte und schon vor Jahren veröffentlicht wurde, hatte damals zum Bruch mit der Familie geführt. Eine Theatergruppe namens "Caveman" will Kogitos Aufenthalt zudem nutzen, um den noch im Entstehen begriffenen Roman in ein Stück umzusetzen.

In der Tat nimmt die Theaterarbeit den Großteil der Handlung ein. Das Stück soll Collage-artigen Charakter haben und auch der reale Roman benutzt dieses Mittel: Neben der Ich-Erzählung werden Briefe, Zitate, eine Tonbandaufnahme und Interviews eingefügt.

Was entsteht, ist aber leider eben kein "Roman über meinen Vater", sondern eher ein Roman über die Theaterschauspielerin Unaico, die sich mit dem politischen Establishment anlegt. Um starke Frauen geht es ohnehin viel mehr als um den Vater. Irritierenderweise nimmt der Roman auf den letzten dreißig Seiten eine geradezu dramatische Wendung, die irgendwie so gar nicht zu den vorhergehenden knapp 400 Seiten passt und auf mich sehr unrealistisch gewirkt hat. Und so erscheint auch der Roman wie eine Collage, die viel zu viele Themen abdecken mag und nicht fesseln kann.

Leider wirken die Charaktere auch wenig sympathisch und geradezu unzugänglich. Die Figur des Kogito neigt zum Phlegmatismus, Asa erscheint fast schon ein bisschen herrisch, während Unaico als recht spröde beschrieben wird. Dazu kommt noch seitenweise direkte Rede, die die monologisierenden Charaktere recht uncharmant wirken lässt.

Was ich mir bei "Der nasse Tod" sehr gewünscht hätte, das wäre ein ausführliches Nachwort gewesen. Da hätte erläutert werden können, inwieweit der Autor mit seiner Figur Kogito deckungsgleich ist. Und welche Geschehnisse auch in Realität passiert und welche reine Fiktion sind. Wie ist denn Kenzaburo Oes Vater wirklich gestorben? Und was hat es z.B. mit der Geschichte um Meisukes Mutter auf sich? Geht es hier um den Bauernaufstand von 1853, dessen Wortführer Meisuke Miura war? Und gab es wirklich einen Aufstand, der später von Meisukes Mutter angeführt wurde? Google hilft hier leider auch nicht weiter.

Tatsächlich habe ich mich beim Lesen recht durch die Seiten quälen müssen. Und dabei wären die Zutaten wirklich ergiebig gewesen: ein mysteriöser Tod, alte Legenden aus dem Wald, ein eingebildeter Freund aus Kindheitstagen, ein alternder Autor, der sich dem eigenen Tod, seinem verblassenden Ruhm und der Versorgung seines behinderten Sohnes stellen muss, Frauenschicksale, Intrigen aus dem rechten Spektrum… Irgendwie schade, dass der Roman trotzdem allzu zäh zu lesen ist. Und so werde ich auch mit dem Spätwerk des Autors leider kein Oe-Fan.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: "Der nasse Tod" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), S.Fischer, Frankfurt/Main 2018, ISBN 978-3-10-397218-4

Dienstag, 2. Dezember 2014

„Licht scheint auf mein Dach“ von Kenzaburo Oe

Hikari bedeutet Licht. Hikari ist– wie Kenzaburo Oe-Leser wissen – der Sohn des Literaturnobelpreisträgers Kenzaburo Oe. Hikari kam mit einer großen Geschwulst am Kopf auf die Welt. Die Ärzte räumten dem Baby zunächst keinerlei Überlebenschancen ein, doch eine riskante Operation überlebte der Junge – wenn er auch in seiner weiteren Entwicklung eingeschränkt blieb. Hikaris Behinderung wurde zum großen literarischen Leitmotiv von Kenzaburo Oe. In „Licht scheint auf mein Dach“ versammeln sich einige sehr persönliche Essays des Autors, in denen er aus seinem Familienleben berichtet, in dem Hikari eine besonders wichtige Position einnimmt. Denn das Achtgeben auf Hikari ist ein wichtiger Bindungsmechanismus für die Familie Oe, die sonst eher durch nur lose Bande verknüpft ist.

Doch Kenzaburo Oe bekennt sich auch zu seinen Schwächen. So gesteht er beispielsweise, dass er den störrischen Hikari einmal in einem Kaufhaus allein ließ und dafür mit einer schweißgebadeten, hektischen Suche nach dem Jungen büßen musste. Oder dass er es verpasst hat, rechtzeitig wichtige Medikamente für seinen Sohn zu besorgen und voller Panik in der Notaufnahme vorstellig wurde. Er beschönigt das Leben mit Hikari auch nicht, wenn er zum Beispiel darüber berichtet, dass Hikari auf dem Weg zur Behindertenwerkstatt einen epileptischen Anfall bekommen und kurz danach in die Hose gemacht hat. Erst in der Behindertenwerkstatt konnte der Autor dem Sohn die Wäsche wechseln.

Hikari, der sich zunächst für Vogelstimmen und dann für klassische Musik interessierte, hat für Kenzaburo Oe im Komponieren eine Ausdrucksform für seine Gefühle gefunden, die ihm auf verbale Weise aufgrund seiner Behinderung verschlossen blieb. Kenzaburo Oe erzählt in „Licht scheint auf mein Dach“ über die Aufnahmen zu den ersten beiden CDs von Hikaris Stücken und wie der junge Mann vor Aufregung einen Anfall bekam. Auch dass ungute Menschen ihm nach den Aufnahmen zynische Postkarten schrieben, Hikaris Musik würde niemals aufgenommen werden, wenn dieser nicht Sohn des großen Schriftstellers Kenzaburo Oe sei, bleibt nicht unerwähnt. Doch für den Autor hat Hikaris Musik eine viel wichtigere Funktion als mit CDs Geld verdienen zu wollen:

„Wenn ich Hikaris Musik höre, spüre ich jedoch, dass im Akt des Ausdrucks selbst die Kraft für seine Genesung liegt. Diese Kraft kuriert sein Herz. Sie heilt nicht nur ihn, sondern auch jene, die empfänglich sind für das, was er sagen will. Darin liegt das Mysterium der Kunst.“ (S. 152)

Während Kenzaburo Oes zweiter Sohn kaum in den Essays auftaucht, so wird doch immerhin der Tochter etwas Platz eingeräumt. Der Leser erfährt, dass die Ma-chan aus „Stille Tage“ nur wenig mit Kenzaburo Oes Tochter gemeinsam hat – wenn auch der fiktive Charakter genauso wie die Tochter über einen besonders runden Schädel verfügen. Ohnehin war die Tochter nie darüber begeistert, ihrem Vater Stoff für seine Werke zu liefern und dass dieser ihre Privatsphäre partiell öffentlich machte.

Der Leser erfährt in „Licht scheint auf mein Dach“ auch mehr über das Wesen und die Motivationen von Kenzaburo Oe:

„Schreibe ich nicht deswegen Bücher, um meinem grundlegenden Gefühl Ausdruck zu verleihen, dass ich mich in dieser Welt zu Hause fühle? Mein Traum ist es jedoch, darin auch den Weg zu dem ausdrücken zu können, was unsere Welt übersteigt.“ (S. 123)

„Licht scheint auf mein Dach“ ist sicherlich nicht das Werk, das man als erstes Kenzaburo Oe-Buch lesen sollte. Wer jedoch schon einige der Romane, in denen der Schwerpunkt auf Hikari alias I-Ah liegt, gelesen hat, der empfindet die Essays vielleicht als großes, umfassendes Nachwort zu den belletristischen Werken und erhält Hintergrundinformationen aus erster Hand, wie der Autor Kenzaburo Oe denn so tickt.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Licht scheint auf mein Dach“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-10-055217-4

Mittwoch, 24. September 2014

„Japan erzählt“ herausgegeben von Margarete Donath

Einen schönen Überblick über die japanische Literatur bietet der Band „Japan erzählt“, der von Margarete Donath herausgegeben wurde – insbesondere durch das Nachwort der Herausgeberin, das erklärt, warum welche Autoren ausgewählt wurden.

Ryunosuke Akutagawas „Der Faden der Spinne“ macht den Anfang in „Japan erzählt“. Der Autor stellt ein Bindeglied zu vielen anderen in dem Band vertreten Schriftstellern her, haben diese doch schließlich den Akutagawa-Literaturpreis erhalten oder wurden dafür nominiert. Ryunosuke Akutagawas Erzählung entführt in die buddhistische Hölle. Hier quält sich der Räuber Kandata im Blutteich. Buddha im Paradies erinnert sich an eine gute Tat des Räubers und schickt ihm den sprichwörtlichen seidenen Faden. Ist dies die Rettung Kandatas oder wird der Räuber die gebotene Chance nicht nutzen?

Junichiro Tanizaki ist mit seiner ersten Erzählung „Tätowierung“ vertreten, die dem Autor zu großer Bekanntheit verholfen hatte und die schließlich auch verfilmt wurde. Sadomasochismus und eine Femme fatale sind die Themen des Debütwerks: Der Tätowiermeister Seikichi pflegt seine Kundschaft mit seiner Nadel besonders gern zu quälen und ergötzt sich an dem Leid der Gepeinigten. Sein großer Wunsch ist es, die perfekte Frau mit einer Tätowierung zu schmücken. Durch Zufall soll diese in seine Wohnung gelangen. Es zeigt sich, dass die jugendliche Maid selbst für sadistische Anwandlungen zu haben ist. Seikichis Tätowierung lässt ihr ihre wahre Bestimmung bewusst werden.

Naoya Shiga stellt in „Die Verbrechen des Han“ die Frage nach Schuld und Unschuld: Der Zirkusartist Han hat vor versammeltem Publikum seine Ehefrau und Show-Partnerin beim Messerwerfen getötet. War es ein tragischer Unfall oder hat Han absichtlich auf den Körper seiner Frau gezielt? Schließlich lagen Han und seine Gemahlin schon lange im Streit. Doch selbst Han ist sich über seine bewussten und unbewussten Handlungen nicht im Klaren.

Yasushi Inoues „Ein Brief aus der Wüste“ ist an einen längst verstorbenen Freund des Ich-Erzählers gerichtet. Der Ich-Erzähler befindet sich fernab der Zivilisation in der Wüste Takla Makan. Als ihm ein Soldat anbietet, die Post nach Japan mitzunehmen, damit sie schneller ihr Ziel erreicht, kommt er ins Grübeln: Wem soll er denn bitte bloß einen Brief schreiben? Da kommt ihm sein verstorbener Jugendfreund ins Gedächtnis, der in ihm einst mit dem Gedicht

„Hart
klirren die Kieselsteine.
Es ist Herbst.“ (S. 38)

das Interesse an der Literatur geweckt hatte.

Mit „Der Bergasket“ nimmt Kenji Nakagami den Leser mit auf eine surrealistische Pilgerreise. Der Protagonist erlegt sich die Bergwanderung als Buße auf – hat er doch oftmals seine Frau geprügelt, die sich am liebsten von ihm trennen würde. Wie in einem Fieberwahn wird er Zeuge von metaphysischen Erfahrungen, die ihm hoffentlich zur Besserung verhelfen.

Tagelang fällt schon „Regen“ in Shotaro Yasuokas Erzählung. Der Ich-Erzähler hat das Wetter, das ihm in Mark und Bein kriecht, langsam satt. Das Geld ist fast zu Ende und so kauft er sich ein Hackebeil, um einen Einbruch zu begehen. Doch was er auch anstellt, um ein Verbrechen zu begehen – so richtig mag es nicht gelingen.

Yukio Mishima erzählt in „Rosinenbrot“ von dem Nihilisten Jack, der sich auf eine Party von Gleichgesinnten begibt, die sich an einem abgeschiedenen Strand tummeln. Es geht gar ekstatisch zu: Kongas werden geschlagen, archaische Tänze werden vollführt und ein lebendes Huhn wird der Tollheit geopfert. Zwar sind sich die versammelten Herrschaften einig, dass „die Welt ohne Sinn und alle Menschen minderwertig seien“ (S. 76), dennoch wird Jack als ein „durchsichtiger Kristall“ (S. 70) beschrieben und sieht die „Heiligung im Schmerz“ (S. 79). Soviel zu Minderwertigkeit und genereller Sinnlosigkeit – und Kohärenz in der Erzählung. Der zweite Teil der Erzählung findet in Jacks Wohnung statt: Jack liest Lautréamonts „Die Gesänge des Maldoror“, macht sich dann aber auf die ganz profane Suche nach Essbaren in seinem leeren Kühlschrank. Es findet sich ein Stück von Ameisen befallenem Rosinenbrot, das er noch kaut, als sein Kumpel Gogi in Jacks Bude aufkreuzt, um sich mit seiner neuen Freundin ein Stelldichein zu geben.

Die „Erdbeeren“, die der Mann der Autovertreterin Mieko Mizawa als Snack reichen mag, führen zu einer ungewöhnlichen und intimen Unterhaltung: Mieko muss die Erdbeeren ablehnen, denn die kleinen Kernchen würden unangenehm unter ihr Gebiss rutschen. Sie kommt in Erklärungsnot, als der Mann nachfragt, warum eine so junge Frau bereits keine Zähne mehr im Unterkiefer hat. Da erzählt sie von ihrem Ehemann und einer Freundin, beides Gebissträger, und dem Wunsch, den beiden nachzueifern. Junnosuke Yoshiyukis Erzählung ist geprägt von einer subtilen Erotik von Geheimnissen, Erdbeeren und roten Lippen.

Fumiko Enchi beschreibt in „Ahorn im Winter“ eine Frau im Herbst ihrer Jahre. Yoko ist ihr Name und als TV-Schauspielerin probt sie gerade ihre Rolle als alternde Frau, deren Tochter mit einem älteren Mann liiert ist. Das Bild eines Liebespaares mit großem Altersunterschied zieht sich als großes Thema durch die Erzählung. Während die Konstellation älterer Mann und jüngere Frau gesellschaftsfähig ist, ist die umgekehrte Variante verpönt bis unmöglich. Fumiko Enchi lässt dieses Beziehungsparadox unkommentiert stehen, weswegen die Erzählung erst im Nachklang zu sacken beginnt.

Die Autorin Ineko Sata, die der proletarischen Literaturbewegung angehörte, thematisiert in „Ihr eigenes Herz“ das Phänomen des O-miais: Fumiko soll verheiratet werden, hat aber wenig Lust auf eine arrangierte Hochzeit. Sie ist zwar eine gehorsame Tochter und geht auch brav auf die Treffen mit den Ehekandidaten, ihr ist jedoch das Gefühl zuwider, wie eine Ware taxiert zu werden. Ihre jüngere Schwester hat dagegen eine Liebesheirat durchgesetzt und damit gegen die Konventionen vor der älteren Schwester geheiratet. Auch ist ihr Umgang mit dem Ehemann weit weniger als üblich von patriarchalischen Werten gekennzeichnet.

Sawako Ariyoshi entführt den Leser in die kleine Bar „Laternchen“, die sich in einer Seitenstraße der Ginza befindet. Hier geht es relativ gemütlich zu: Die Räumlichkeiten sind so klein, dass die Bar mit nur wenigen Besuchern voll wirkt und die Mama gibt den Männern gleich das Gefühl, Stammgäste zu sein. Das Erfolgsrezept des „Laternchen“ lautet:

„In einer Bar, wo die Besitzerin kein guter Mensch ist, finden sich auch keine Gäste ein, denn Trinker sind unbestechlich.“ (S. 143)

Zwei Mädchen unterstützen die Mama, doch aus tragischen Gründen ist eine der Barmädchenstellen gerade vakant. Aus Gutmütigkeit nimmt die Mama die hypersensible Shizu bei sich auf. Ob ihr der Job im Laternchen gut tut?

Minako Oba lässt ihre Ich-Erzählerin in „Blauer Fuchs“ recht unkonventionell aus dem klassischen Rollenmuster fallen: Die konfuzianische Pietät gegenüber ihrem Vater ist ihr recht schnurz. Sie lebt mit ihrem Partner zusammen, den sie Grille nennt, geht aber mit dem blauen Fuchs eine Affäre ein, der ihr vor Jahren einen Heiratsantrag gemacht hat.

Mieko Kanais Erzählung „Platonische Liebe“, die dem gleichnamigen Erzählband entnommen ist, der 1979 mit dem Izumi-Kyoka-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, greift ein typisches Thema der Schriftstellerin auf: Das Selbstverständnis der Ich-Erzählerin, die Autorin ist, wird durch eine unbekannte Frau bedroht, die sich brieflich nach jeder Veröffentlichung der Protagonistin meldet und behauptet, die eigentliche Verfasserin der schriftstellerischen Werke zu sein. Die Ich-Erzählerin beginnt bald selbst an sich zu zweifeln. Ist sie wirklich eine Autorin oder nur eine Plagiatorin?

Auch das Sujet von Yuko Tsushimas „Heimlicher Handel“ ist ein recht typisches: Eine alleinerziehende Mutter sinniert über die Funktion von Tieren für Kinder, die ohne Vater aufwachsen. Sind sie vielleicht sogar ein Vaterersatz?

Taeko Konos „Der Eisenfisch“ erzählt die traurige Geschichte einer Kriegswitwe. Kaum verheiratet wurde ihr Ehemann eingezogen – er sollte als maritimer Kamikaze in einem bemannten Torpedo sterben. Erst Jahrzehnte später stellt sich die Witwe der Vergangenheit, als sie zum Yasukuni-Schrein aufbricht, in dem ihr Mann angeblich als Gott verehrt wird. Es werden alte Wunden aufbrechen, als sie einen der tödlichen „Eisenfische“ in Realität sehen wird.

In Masuji Ibuses „Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ reflektiert Okuyama seine Erinnerungen an den Pazifik-Krieg. In seiner Funktion in einer Transporteinheit traf er auf Oberst Nishi, der kurze Zeit später sterben sollte. Über das Lied „Alte Kameraden“ hat Okuyama damals in bitterer Notlage gesprochen – in der Jetzt-Zeit wird dieses Lied für unlautere Zwecke missbraucht.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Stolz der Toten“ ein Stimmungsbild der Studenten der ausgehenden 50er Jahre: Es ist ein Leben der Hoffnungslosigkeit; die Studenten funktionieren einfach. Ein erneuter Krieg wird vielleicht alles endgültig in den Abgrund reißen. Als Metapher für die Sinnlosigkeit lässt Kenzaburo Oe seinen studentischen Protagonisten eine recht grauslige Aushilfstätigkeit verrichten: Er soll helfen, konservierte Leichen von einem Aufbewahrungsbecken in ein anderes umzulagern. Doch wie es sich zeigen soll, wird diese Mühe völlig umsonst sein.

„Japan erzählt“ aus den 90ern enthält drei für diesen Band neu übersetzte Erzählungen; vier wurden aus dem gleichnamigen Buch aus den 60ern entnommen. Die restlichen zehn Erzählungen stammen aus anderen Anthologien. Daher trifft man in „Japan erzählt“ auf viele bereits bekannte Werke, wenn man sich schon etwas mit japanischer Literatur auseinandergesetzt hat. Dennoch ist die Mischung sehr gelungen, auch wenn man die eine oder andere Erzählung in diversen anderen Anthologien ebenfalls findet und gegebenenfalls schon dort gelesen hat.

Bibliographische Angaben:
Donath, Margarete (Hrsg.): „Japan erzählt“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Berndt, Jürgen/Brasch, Heinz/Donath, Diana/Donath, Margarete/Gössmann, Hilaria/Hijiya-Kirschnereit, Irmela/Gelbrich, Ekkehard/Gelbrich, Itsuko/Schaarschmidt, Siegfried & Yoshida-Krafft, Barbara), Fischer, Frankfurt/Main 1991, ISBN 3-596-10162-X

Freitag, 12. September 2014

„Stille Tage“ von Kenzaburo Oe

„Stille Tage“, ein zurückgezogenes Leben zusammen mit einem potenziellen Ehemann und ihrem behinderten Bruder I-Ah möchte Kenzaburo Oes Protagonistin Ma-chan am liebsten leben. Doch ihr Vater K. befindet sich gerade in einer Lebenskrise und braucht Luftveränderung. Daher bricht er zusammen mit seiner Frau in die USA auf. I-Ah bleibt in der Obhut der Studentin Ma-chan. Der jüngste Sohn O-chan lernt währenddessen fleißig für Aufnahmeprüfung an der Universität und überlässt die Hausarbeit als auch die Betreuung von I-Ah Ma-chan.

Hinter K. steckt freilich der Autor Kenzaburo Oe selbst. I-Ah ist nur ein Spitzname, Hikari heißt der Charakter offiziell und daher genauso wie Kenzaburo Oes behinderter Sohn. Aus der Ich-Perspektive lässt Kenzaburo Oe seine Tochter über die Zeit berichten, die seine Kinder allein in Japan verbringen. So begleitet Ma-chan I-Ah zur Behindertenwerkstatt, zu seinem Klavierlehrer und zum Schwimmunterricht. Gemeinsam fahren die beiden Geschwister aufs Land, um ihren Vater bei der Beerdigung seines älteren Bruders zu vertreten.

Hinzu kommen Themen, die man neben dem biographischen Schwerpunkt des behinderten Sohnes ebenfalls aus anderen Kenzaburo Oe-Romanen kennt: Auch in „Stille Tage“ wird gern über Literatur (wieder mal am Start ist der unvermeidliche Yates, aber auch Blake, Celine und Ende) philosophiert. Der Deutung des Films „Stalker“ von Tarkowski wird fast ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem Ma-chan unter anderem Parallelen zwischen einer Filmfigur und ihrem Bruder I-Ah thematisiert. Dann ist da freilich die Krise des K., ein zurückliegender Skandal und eine daraus entstandene Feindschaft, wegen der der Roman gegen Ende hin noch etwas Fahrt aufnimmt.

Etwas nervig wirkt in „Stille Tage“ das reichlich überstrapazierte Stilmittel, Worte kursiv zu setzen. Wird über K.s Krise gesprochen, wird der Begriff kursiv gesetzt. Wird über O-chan gesprochen, wird dessen Lieblingswendung „für alle Fälle“ an jeder noch halbwegs passenden Stelle kursiv eingeschoben. Das mag vielleicht noch ein netter Einfall sein, denn K. kennzeichnet gerade die Krise, der patente O-chan ist für alle Fälle gewappnet. Aber auch bei trivialen Aussagen wird die Kursivsetzung immer wieder angewendet, wie z.B. hier:

„Dieser Badeanzug hätte – zu[.] einer Zeit, in der so etwas modern war, und am rechten Ort getragen – bestimmt hervorragend ausgesehen.“ (S. 191)

Insgesamt wirkt die Tonalität des Romans etwas unpassend für eine junge Studentin. Sie ist von einer intellektuellen Schwere, die eher zu dem krisengebeutelten K. passen würde. Dadurch kann man sich mit der Ich-Erzählerin nicht sonderlich anfreunden. I-Ah dagegen erscheint einem umso sympathischer:

„‚[…] aber Ma-chan ist doch eine beachtliche Persönlichkeit, nicht wahr, I-Ah?’
‚Ist das etwas Gutes?’ vergewisserte sich mein Bruder vorsichtig.
‚Das Beste’, antwortete Frau Shigeto, und Herr Shigeto setzte wieder seine ernsthafte Miene auf.
‚Ich finde auch, dass Ma-chan eine beachtliche Persönlichkeit ist.’, sagte I-Ah.“ (S. 94)

Aufschlussreich an „Stille Tage“ ist sicherlich, dass der Autor dem Leser offenbart, dass er dazu neigt, bei Krisen ins Ausland Reißaus zu nehmen und sich dort die Krise von der Seele zu schreiben. Auch seine Einstellung zu Religion wird beleuchtet. Insgesamt quält man sich aber etwas durch „Stille Tage“, wenn man sich nicht ausgerechnet für Kenzaburo Oes Deutung des Films „Stalker“ interessiert...

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Stille Tage“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schlecht, Wolfgang E. & Gräfe, Ursula), Insel, Frankfurt/Main 1994, ISBN 3-458-16686-6

Samstag, 19. April 2014

„Eine persönliche Erfahrung“ von Kenzaburo Oe

Im Sommer 1961 wird Birds Sohn geboren. Doch der werdende 27-jährige Vater freut sich vorab nicht wirklich auf den Nachwuchs. Afrika, das Ziel seiner Reisesehnsüchte, wird er so wohl nie betreten. Sein Leben wird sich zukünftig wohl in gutbürgerlichen Bahnen zu bewegen.

Doch als Bird den Anruf aus dem Krankenhaus erhält, sein Kind sei geboren, aber alles andere als gesund, scheint sich sowohl die Afrikareise als auch das gutbürgerliche, harmonische Familienleben zu zerschlagen. Sein Sohn ist mit einer Geschwulst am Kopf geboren; die Ärzte geben ihm nur noch wenige Tage zu leben. Birds Frau wird weis gemacht, das Kind werde wegen einer anderen Gesundheitsbeeinträchtigung dringend in eine Spezialklinik verlegt. Sie soll das Baby, das aussieht, als würde ein zweiter Kopf aus dem eigentlichen wachsen, möglichst gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Für Bird ist das Neugeborene ohnehin schon nichts anderes als ein Monster.

Bird lässt seinen Sohn zum Sterben in der Spezialklinik und flüchtet sich zu seiner Freundin Himiko, die er noch aus seinen Studentenzeiten kennt. Himiko lebt seit dem Selbstmord ihres Ehemanns ein unkonventionelles Leben: Unter Tags verlässt sie kaum das Haus, abends braust sie mit ihrem Sportwagen durch die Stadt und lässt sich mit allerlei Männern ein. Bei ihr findet Bird eine Höhle, in der er seine Wunden lecken kann. Hier lässt er sich volllaufen und hat Sex mit Himiko, während er auf den Anruf der Klinik wartet, dass sein Kind endlich stirbt. Doch das Baby denkt gar nicht daran, das Zeitliche zu segnen. Es wird sogar von Tag zu Tag kräftiger. So bittet Bird den behandelnden Arzt bald darauf, die Nahrungszufuhr zu reduzieren und den Sohn verhungern zu lassen. Als ein Spezialist den Kleinen operieren will, nimmt Bird das Baby zu sich, um es von einem zwielichtigen Arzt um die Ecke zu bringen zu lassen.

Doch die Entscheidung nagt an Bird. Soll er sich den Tod des behinderten Kindes zu Schulden kommen lassen, seine Ehefrau dadurch verlieren, aber dadurch frei für eine Afrikareise mit Himiko werden? Bird neigt zum Selbstbetrug, ringt aber mit sich, um den richtigen Weg doch noch zu finden.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Eine persönliche Erfahrung“ ein schwüles, beklemmendes Sommerszenario, das auf eigenen Erlebnissen beruht: Im Jahr 1963 kam Kenzaburo Oes Sohn Hikari mit einer Behinderung zur Welt. Hikari Oes Existenz beeinflusste fortan seinen Vater in seinem literarischen Schaffen.

So ganz anfreunden kann man sich als Leser allerdings nicht mit dem Protagonisten Bird. Er wirkt komplett passiv hinsichtlich seiner persönlichen Angelegenheiten, zeigt dafür aber Engagement, wenn es um die Zukunft irgendeines Bekannten geht. Nervig werden mit der Zeit auch die ständigen Metaphern und Vergleiche, die teilweise extrem abgehoben wirken und dadurch nicht zur Situation passen wollen. So wird der doppelköpfige Sohn mehrfach mit dem unter einer Kopfverletzung leidenden Apollinaire verglichen. Oder die Schwiegermutter wird wie folgt beschrieben:

„Die Schwiegermutter saß unbewegt wie zuvor, als hätte der melancholischste Bauchredner dieses Erdkreises gesprochen.“ (S. 34)

Noch ein bisschen abstruser wird es dann an anderer Stelle: Birds seit der Geburt des Sohnes plötzlich aufsteigende Abneigung gegen Sex mit Frauen wird genauso schnell wieder durch Analsex mit Himiko geheilt. Ohnehin ist die Darstellung von Sexszenen nicht gerade die Stärke von Kenzaburo Oe.

Sicherlich ist die Thematik von „Eine persönliche Erfahrung“ die Lektüre wert – nur mag dem einen die Ausführung durch Kenzaburo Oe mehr liegen als dem anderen…

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Eine persönliche Erfahrung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39249-2

Sonntag, 30. Juni 2013

„Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“ von Kenzaburo Oe

Da liegt er, der namenlose 35-jährige, mit seinem Leberleiden im Krankenhaus, die Augen beschirmt mit der Taucherbrille seines verstorbenen Vaters, den er und die Mutter nur abfällig den ALTEN nennen, und diktiert einer Protokollantin seine „Geschichte einer Zeitgenossenschaft“.

Dem Leser erschließen sich so Schritt für Schritt die einschneidenden Erlebnisse des Protagonisten, der genauso wie der Autor Kenzaburo Oe im Jahr 1935 geboren und in einem abgelegenen Dorf aufgewachsen ist. Die Lektüre als solche ist anspruchsvoll. Da ist einerseits das Diktat des Kranken, das in der dritten Person gehalten ist und einen flüssigen Lesefluss durch die geschraubten Formulierungen verhindert. Diese Niederschrift wird immer wieder unterbrochen durch die Geschehnisse, Unterhaltungen und Monologe in der Gegenwart, die en bloc und ohne Anführungszeichen formuliert sind.

Zuviel mag ich an dieser Stelle über die Handlung gar nicht verraten, da der Reiz von „Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“ gerade darin liegt, dem Protokoll des Kranken zu folgen und zu beobachten, wie sich das Puzzle langsam von selbst zusammensetzt. Nur soviel: In Kenzaburo Oes Kurzroman trifft man auf typische, wiederkehrende Elemente. Da ist ein abgelegenes Dorf. Da ist ein Speicherhaus, in dem sich jemand versteckt hält. Und schließlich gibt es wieder eine kleine Revolte, in der jemand in einem Karren durch das Dorf gezogen wird. Eingebettet ist das Szenario primär in die letzten Kriegsjahre und in die Kapitulation Japans.

„Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“ wirkt schwermütig wie „Der stumme Schrei“. Doch während ich mich durch letzteren Roman durchgequält habe, die Depression des Protagonisten glatt in die Seele des Lesers unangenehm eingedrungen ist, baut „Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“ eine diffuse Spannung auf, die aus dem Geheimnis um den ALTEN und die „happy days“ des Protagonisten gespeist wird.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenazburo: „Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1995, ISBN 3-518-01396-3

Sonntag, 31. März 2013

„Reißt die Knospen ab…“ von Kenzaburo Oe

„Es war eine Zeit des Mordens. Gleich einem lange andauernden Hochwasser überflutete der Krieg mit seinem kollektiven Wahnsinn die feinsten Verästelungen menschlicher Gefühle, die verstecktesten Winkel ihrer Körper, die Wälder, die Straßen und den Himmel. […]
Es ist der Aufzeichnung wert, dass man in jener Zeit, als wahnsinnige Erwachsene verzweifelt durch die Straßen irrten, mit seltsamer Leidenschaft fortgesetzt Menschen hinter Gitter brachte, die am ganzen Körper eine glatte Haut aufwiesen oder nur einen kastanienbraunen Flaum, Menschen, die sich unerheblicher Vergehen schuldig gemacht hatten, darunter auch welche, denen man lediglich Neigungen zu jugendlicher Kriminalität zuschrieb.“
(S. 14f.)

Mitten in dieser Zeit des Mordens soll ein gutes Dutzend minderjähriger Straftäter aus einer Besserungsanstalt aufs Land evakuiert werden. Doch dem Erzieher fällt es schwer, einen geeigneten Platz für die Kinder und Jugendlichen zu finden – keines der Dörfer, das sie zu Fuß aufsuchen, will sie aufnehmen. Die kleinen Fluchtversuche der Jungs sind für die Katz: Sie werden, verprügelt von Bauern und Polizisten, immer wieder zur Gruppe zurückgebracht. Auch der Ich-Erzähler ist mit seinem jüngeren Bruder auf dem Weg in die Evakuierung. Sein Vater hatte auf die Bitte des Erziehungsheims, man möge die Kinder doch nach Hause nehmen, überraschend reagiert: Statt dem Ich-Erzähler die Entlassung aus der Anstalt zu ermöglichen, hatte er auch noch den jüngeren Bruder dort abgeladen, da er diesen andernfalls nicht hätte selbst evakuieren können.

Schließlich gelingt es dem Erzieher, die Jungs in einem abgeschiedenen Bergdorf unterzubringen. Er selbst verlässt das Dorf im Anschluss, um eine zweite Gruppe jugendlicher Delinquenten dorthin zu begleiten. Die Jungs stoßen währenddessen auf große Ablehnung: Sie werden in ihrer Unterkunft des nächtens eingesperrt und bekommen kein besseres Essen als die Schweine der Bauern. Mit vorgehaltenem Gewehr werden sie zum Arbeiten angehalten: Sie sollen an einer Seuche verstorbene Tiere verscharren. Die Dorfbewohner selbst scheuen die Berührung mit den Kadavern wegen der Ansteckungsgefahr – da kommen die auswärtigen Kleinkriminellen gerade recht, um für sie die Drecksarbeit zu verrichten.

Als auch Menschen an der Seuche sterben, brechen die Dorfbewohner heimlich auf, um in einer anderen Ortschaft Unterschlupf zu finden. Den einzigen Weg aus dem Dorf verrammeln sie, damit die Jungen im Dorf eingesperrt bleiben. Diese sind nun auf sich allein gestellt und müssen ihr Leben selbst organisieren.

In einer Welt, in der die Erwachsenen ohne Mitgefühl agieren, sind es ausgerechnet diese jugendlichen Straftäter, die menschlich bleiben. Sie kümmern sich nicht nur um ein Mädchen, das die Dorfbewohner zurückgelassen haben, sondern scheren sich auch nichts um Vorteile Koreanern gegenüber. Einen gejagten Deserteur nehmen sie ebenfalls in ihren Reihen auf. Wen mal bloß nicht die brutalen Erwachsenen zurückkehren…

Bis auf zwei Personen, nämlich den Kumpan Minami und den Koreaner Li, und einen Hund erhalten die Charaktere in Kenzaburo Oes „Reißt die Knospen ab…“ keine Eigennamen. Da ist die Rede vom Bruder, vom Schmied, vom Dorfschulzen, vom Arzt und vom Deserteur. Damit gelingt es dem Autor, idealtypische Figuren zu schaffen. Insbesondere beim jüngeren Bruder glückt es ihm besonders gut: Wer wie ich selbst einen jüngeren Bruder hat, glaubt in der Figur den eigenen Verwandten wieder zu erkennen und ihn beschützen zu wollen. 

„Reißt die Knospen ab…“ ist (bisher) mein Kenzaburo Oe-Lieblingsroman. Der Roman des Literaturnobelpreisträgers ist ein frühes Werk aus dem Jahr 1958. Zwar wird gerne gesagt, dass Oe erst nach der Geburt seines behinderten Sohns Hikari zu vollster literarischer Größe herangereift ist. Doch mir sind die späteren Romane teilweise zu verkopft. „Reißt die Knospen ab…“ lässt den Leser mühelos in eine Welt eintauchen, die ihm eigentlich sowohl zeitlich als auch räumlich fremd anmuten sollte. Zwar zeichnet der Roman ein recht widerwärtiges Bild der Erwachsenen, doch bleibt die Hoffnung, dass die Knospen der Gesellschaft – die Jugend – nicht vollständig gerupft werden und spätestens nach Kriegsende blühen, um anders zu agieren, als die Generation vor ihnen.

Und noch ein kleiner Tipp für die Lektüre: Bitte möglichst das Inhaltsverzeichnis mit den jeweiligen Kapitelüberschriften ignorieren – Spoilergefahr!

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Reißt die Knospen ab…“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Putz, Otto), Fischer, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-14419-1

Sonntag, 13. Januar 2013

„Verwandte des Lebens“ von Kenzaburo Oe

„Verwandte des Lebens“ oder im Spanischen „parientes de la vida“, das sind die traurigen Erlebnisse, die das Leben mit sich bringt. Die Hauptperson in Kenzaburo Oes Roman ist Marie Kuraki, der das Leben viel zu viele dieser traurigen Geschehnisse bereitet. Aus der Sicht des Ich-Erzählers K., seines Zeichens Autor und Vater des behinderten Hikari (sprich: Kenzaburo Oe selbst), wird die Lebensgeschichte von Marie rekapituliert.

Marie ist Mutter von zwei Söhnen. Der ältere der beiden, Musan, ist wie Hikari geistig behindert. Marie verlässt schließlich ihren Mann und ihren jüngeren Sohn Michio, um sich zusammen mit ihrer Mutter ausschließlich um Musan zu kümmern. Doch als Michio einen schweren Unfall erleidet und künftig an den Rollstuhl gefesselt ist, tun sich die Elternteile mit den beiden behinderten Kindern wieder zusammen. Diese Entscheidung hat fatale Folgen: Der lebensmüde Michio überredet Musan, zusammen mit ihm ans Meer zu fahren und sich dort in den Tod zu stürzen.

Die Eltern trifft der gemeinsame Selbstmord der Söhne hart: Marie trennt sich von ihrem Ehemann, vegetiert tageweise in ihrer Wohnung. Durch Unterstützung aus ihrem Umfeld lenkt sie sich mit der Organisation eines Theatergastspiels ab. Doch schließlich zieht es sie in eine christliche Sekte, die von „Väterchen Tutor“ geleitet wird. Mit dieser Sekte geht sie schließlich in die USA, von dort in eine Kommune nach Mexiko, wo sie unheilbar an Krebs erkrankt. Währenddessen säuft sich ihr in Japan zurückgelassener Ehemann zu Tode.

K. ist immer wieder Anlaufstelle von Marie. Er erhält sowohl von ihr als auch von ihrem Ehemann Briefe, er besucht sie, sie besucht ihn. Es ist ein loser Kontakt, aber K. ist immer in etwa auf dem Laufenden, wie es Marie geht. Beide sind sehr belesen und philosophieren über die Aussagen von Literaten, insbesondere von Flannery O’Connor. Doch auch darüber hinaus ist „Verwandte des Lebens“ gespickt mit Zitaten von und Diskussionen über die Aussagen von Literaten: Yeats, Fitzgerald, Dante, Balzac – um nur einige zu nennen. Balzacs „Der Landpfarrer“ steht Pate für Maries weitere Entwicklung. Genauso wie Balzacs Protagonistin Véronique wird auch Marie das Büßerhemd anlegen und sich für ihre Mitmenschen aufopfern, um im Tod  die Erlösung zu finden.

Der Lebensweg von Marie ist gepflastert mit philosophischen und metaphysischen Gedankengängen. Insbesondere Maries esoterische Sektenerfahrungen lesen sich enorm zäh. Auch erschließt sich einem nicht, wie Marie aus diesem Glauben tatsächlich Kraft schöpfen kann – dies scheint sie eher zu tun, wenn sie sich hemmungslosem Sex hingeben kann. Interessant für mich war dagegen vor allem die Diskussion über Verstehbarkeit und Spürbarkeit. Denn spürbar ist der Tod ihrer Kinder auf unangenehmste Weise; wohingegen der Tod wohl nie zu verstehen sein wird.

So ganz schlüssig bin ich mir nicht geworden, was ich von „Verwandte des Lebens“ halten soll. Das Geplapper über Literaturaussagen hat mich weniger gestört als beispielsweise in „Therapiestation“, wo diese Diskussionen einfach nicht zu den Protagonisten gepasst haben. Dennoch bleibt einem die Marie Kuraki ein Rätsel, insbesondere was ihre Auffassung vom Glauben als auch ihre Beziehung zu K. betrifft. Ist nicht immer eine latente, manchmal auch offensive Anmache K. gegenüber zu spüren, obwohl sie mit K.s Ehefrau befreundet ist?

Und was ist die Moral der Geschichte? Traurigkeit ist eine „Verwandte des Lebens“? Und Marie bleibt nichts anderes übrig, als sich zeitlebens zu verausgaben, um die Kluft zwischen Spürbarem und Verstehbarem mit dem Büßerhemd der Arbeit zu überdecken, sich einfach nur abzulenken?

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Verwandte des Lebens“, Bebra, Berlin 1994, ISBN 3-86124-184-6

Donnerstag, 13. Dezember 2012

„Therapiestation“ von Kenzaburo Oe

Darf man von der Lektüre eines Werks eines Nobelpreisträgers vehement abraten? Gilt dies als Sakrileg? Kenzaburo Oes Roman „Therapiestation“ hätte den Stoff für einen spannenden Science Fiction-Roman hergeben können: Irgendwann im beginnenden 21. Jahrhundert ist die Lage auf der Erde äußerst prekär geworden. Atomkriege und Reaktorunfälle haben die Welt verstrahlt; Aids grassiert flächendeckend. Eine ominöse Starship-Gesellschaft fasst den Plan, wenige Auserwählte, weltweit nur eine Million an der Zahl, auf einen entfernten Planeten zu evakuieren. Freilich werden nur körperlich und geistig besonders fitte Menschen für dieses Projekt ausgewählt. Um den Flug ins All zu realisieren, werden die Rohstoffe der Erde ein letztes Mal gnadenlos ausgebeutet. Die Auserwählten lassen die Versager in desolaten Verhältnissen zurück: Es fehlt in jedem Fachbereich an Spezialisten, da diese als Auserwählte die Erde verlassen haben. Rohstoffe und Nahrungsmittel sind extrem knapp. Im Chaos können vor allem Verbrecher profitieren.

Der Roman setzt zehn Jahre nach dem Aufbruch der Auserwählten ein. Die Ich-Erzählerin Ritsuko lebt bei einer entfernten Verwandten, die sie Großmutter nennt, und schnappt auf, dass die Auserwählten angeblich zurückkommen. Tatsächlich landen die Raumschiffe der Heimkehrer auf der Erde. So kehrt auch Saku, der Enkel der Großmutter, zurück und kommt die beiden Damen besuchen. Diese wundern sich nicht schlecht: Saku scheint die vergangenen zehn Jahre nicht gealtert zu sein. Er wirkt sogar verjüngt.

Die Elite der Auserwählten reißt gleich nach der Rückkehr die Macht an sich und diktiert Gesetze, die es den Auserwählten beispielsweise verbieten, sich mit den Versagern einzulassen. Doch Ritsuko und Saku verlieben sich ineinander und gehen auf Konfrontationskurs mit dem System.

So weit, so interessant. Wenn sich in den Roman nicht diverse Störfaktoren einnisten würden. Ritsuko, die kurz nach dem Aufbruch der Auserwählten als Sexsklavin einer Gangsterbande missbraucht wurde und erst nach einer Odyssee zu ihrer Großmutter zurückkehren konnte, wirkt so naiv, dass Erfahrung und Verhalten der Figur weit auseinanderklaffen. Man sollte sich denken, die Dame könnte patent sein, stattdessen ist sie primär passiv.

Da Saku ihr den Grund seiner Verjüngung wegen der Auflagen der Starship-Gesellschaft nicht nennen darf, unterhalten sie sich verklausuliert darüber, nämlich über Gedichte von Yeats, was im Nachhinein, erfährt man als Leser schließlich den von Saku verschwiegenen Grund, recht gestelzt und pseudo-elitär wirkt.

Kurz darauf folgt eine der wohl schlechtesten Sex-Szenen, die man sich so vorstellen kann:

„Unsere Körper prallten zusammen, als er sich auf das Sofa fallen ließ; und wie Kinder, die ein Weinen vortäuschen, riefen wir beide ‚ah! ah!’ während des Geschlechtsverkehrs. Trotzdem hatte ich immerhin soviel Ruhe bewahrt, unbedingt darauf zu bestehen, dass sich Sakuchan das Kondom überzog, das ich in die Brusttasche meiner Bluse gesteckt hatte. Sakuchan war wirklich jung, und – ich fürchte, ich wiederhole mich – frisch und perky wie ein knospender Pflanzenstängel, wie eine Knöterichknospe sozusagen, stieß ‚ah! ah!’-Laute aus und war gleich fertig.“ (S. 89f.)

Von dem seltsamen Liebespaar einmal abgesehen, ist auch vieles in der weiteren Handlung recht unplausibel: Warum können die Rückkehrer, die nur eine Million Menschen umfassen, in allen Ländern weltweit nach 10 Jahren mal so eben die Macht an sich reißen und die Verlierer komplett unterdrücken? Sollte da nicht eher eine Revolution ausbrechen? Warum wird der spannendste Teil, als von Abtrünnigen eine Rakete gekapert wird, wie als kleine Nebensache abgetan? Da wurde ja mehr über Yeats diskutiert. Und ohne zuviel zu verraten: Wieso ist das Ende des Romans gar so lapidar und lässt den Leser irgendwie im Regen stehen?

Was mag wohl Kenzaburo Oes Hauptanliegen gewesen sein? Als Atomkraftgegner einen apokalyptischen Roman über die Auswirkungen und die Gefahr von radioaktiver Strahlung zu schreiben? Darauf hinzuweisen, dass unsere Rohstoffe begrenzt sind und die Erde so einzigartig ist, dass wir sie wie unseren Augapfel hüten sollten? Dass eine selbsternannte Elite niemals über anderen Menschen steht? Dass man sich in das Erbgut der Menschen nicht einmischen sollte? Oder doch? Der Autor wirft diverse ernste Themen in einen Topf, rührt um, nimmt aber nur einen Löffel davon und zitiert ansonsten Yeats, lässt ein naives Mädchen palavern und schreibt unfreiwillig komische Sexszenen.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Therapiestation“, Fischer, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-596-18418-7

Dienstag, 14. August 2012

„Der Fang“ von Kenzaburo Oe

Ein typischer Kenzaburo Oe-Schauplatz: Ein abgeschiedenes Dorf. Der zweite Weltkrieg liegt in den Endzügen. Ein US-amerikanisches Flugzeug stürzt in den Bergen ab. Nur einer der Insassen, ein Afroamerikaner, überlebt und wird von den Dorfbewohnern gefangen genommen. Der Feind wird in ein Kellerloch gesteckt. Insbesondere die Kinder sind fasziniert von dem großgewachsenen, feindlichen Soldaten, der eine völlig andere Hautfarbe hat.

Der Ich-Erzähler, ein heranwachsender Junge, nähert sich dem Soldaten immer mehr an, da er für seine Versorgung mit Nahrungsmittel zuständig wird. Bald weicht jegliche Scheu der Dorfbewohner vor dem Fremden und der Soldat wird nur noch als harmloses Haustier erachtet, das sich sogar relativ frei im Dorf bewegen kann. Doch in dem Haustier schlummert immer noch der Feind, der um sein Überleben ringt. Das Dorf, das bisher kaum Auswirkungen des Kriegs verspürt hat, erlebt sein eigenes Kriegsdrama, das den Ich-Erzähler abrupt erwachsen werden lässt.

Kenzaburo Oe erhielt mit 23 Jahren für „Der Fang“ den Akutagawa-Literaturpreis. Wie schnell aus Feinden Freunde, aus Freunden Feinde werden können, zeigt die Erzählung eindrücklich auf.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Der Fang“, Suhrkamp, Frankfurt 1995, ISBN 3-518-22178-7 

Montag, 11. Juni 2012

„Der kluge Regenbaum“ von Kenzaburo Oe

Der Band „Der kluge Regenbaum“ enthält vier Erzählungen des Literaturnobelpreisträgers Kenzaburo Oe. Kernstück bildet darin „Der Sündenbock“ mit rund 110 Seiten Umfang: „Der Sündenbock“ und Ich-Erzähler ist auf der Flucht. Denn er mag seinem Schicksal als Sündenbock entfliehen, das ihm in seinem japanischen Heimatdorf zugeschrieben wurde. Deswegen taucht er in Mexiko City unter. Als er auf einen japanischen Professor in der Fremde trifft, erzählt er ihm seine Lebensgeschichte, die man dem Protagonisten abnehmen oder in Zweifel ziehen kann. Interessant ist an „Der Sündenbock“ vor allem die Erzählweise als Monolog, der auch die Beobachtung des Verhaltens des Professors und des Rotlichtmilieus von Mexiko City einschließt.

„Der kluge Regenbaum“ ist die kurze Geschichte über eine Party auf Hawaii. Teilnehmer eines internationalen Symposiums werden in eine Villa geladen, die als Sanatorium für psychisch Kranke konzipiert wurde. Doch irgendetwas geht an diesem Abend nicht mit rechten Dingen zu…

„Angui, das Himmelsungeheuer“ war Kenzaburo Oes erste Erzählung, die die Behinderung eines Neugeborenen thematisierte und erschien sechs Monate nach der Geburt von Kenzaburo Oes behindertem Sohn Hikari (auch enthalten in dem Erzählband „Das verhasste Alter“): Nach dem Tod seines anscheinend behinderten Kindes fällt ein Komponist in eine schwere Depression und in den Wahn, ein Wesen aus dem Himmel namens Angui komme ihn hin und wieder besuchen. Der Ich-Erzähler, ein Student, ergattert den einträglichen Nebenjob, mit dem Komponist durch die Stadt zu streifen und Erledigungen für ihn zu übernehmen. Er wird dabei Zeuge eines dieser dubiosen Besuche und kommt dem Komponisten langsam auf die Schliche, was es mit den Erscheinungen auf sich haben könnte.

„Vom Flusspferd gebissen“ wurde ein vager Bekannter des Ich-Erzählers, als er in Uganda weilte. Dies liest der Erzähler in einer Zeitung und lässt seine Gedanken schweifen, wie er Briefkontakt zu diesem Bekannten aufgenommen hatte, der sich in der links-radikalen Szene bewegte – und eine bestimmte Nähe zur Funktion der Flusspferde im Ökosystem hatte…

Der Erzählband „Der kluge Regenbaum“ umfasst ein ganzes Spektrum der Themen Kenzaburo Oes: Behinderung, Depression, die dörfliche Gemeinschaft und Auseinandersetzung mit Extremismus. Meine Lieblingserzählung bleibt jedoch „Angui, das Himmelsungeheuer“, die trotz des schweren Themas eine fantastisch anmutende Leichtigkeit ausstrahlt.

Sonntag, 9. Oktober 2011

„Das verhasste Alter“ von Fumio Niwa, Kenzaburo Oe, Masuji Ibuse etc.

Der vom Volk und Welt Verlag herausgegebene Band „Das verhasste Alter“ aus der Spektrum-Reihe enthält sechs Erzählungen der japanischen Autoren Masuji Ibuse, Fumio Niwa, Shotaro Yasuoka, Kenzaburo Oe, Taeko Kono und Yoshikichi Furui.

Masuji Ibuse beschreibt das „Leben bei Herrn Tange“. Herr Tange hat einen etwas nichtsnutzigen Diener, der hin und wieder gezüchtigt werden muss. Darüber hinaus geschieht in der kurzen Erzählung allerdings nicht allzu viel, sie gibt vielmehr einen kleinen Einblick in japanisches Alltagsleben zu Beginn des letzten Jahrhunderts.

Fumio Niwas Erzählung „Das verhasste Alter“ steht Pate für den gesamten Erzählband. Der Autor skizziert die Schwierigkeiten mit der Versorgung demenzkranker Angehöriger in den Nachkriegsjahren; sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Die Verwandlung eines geliebten Menschen in eine Last wird eindrucksvoll dargestellt.

„Die Frau des Pfandleihers“ von Shotaro Yasuoka erzählt von einem Studenten in den ersten Kriegsjahren, der das Leben genießen kann, solange er noch nicht eingezogen ist.

Kenzaburo Oes „Angui, das Himmelsungeheuer“ ist für mich die lohnenswerteste unter den Erzählungen. Nach dem Tod seines anscheinend behinderten Kindes fällt ein Komponist in eine schwere Depression und in den Wahn, ein Wesen aus dem Himmel komme ihn hin und wieder besuchen. Der Ich-Erzähler, ein Student, ergattert den einträglichen Nebenjob, mit dem Komponist durch die Stadt zu streifen und Erledigungen für ihn zu übernehmen. „Angui, das Himmelsungeheuer“ enthält sehr komprimiert die wesentlichen Oe-Themen Behinderung, Depression und Selbstmord, die mit ein bisschen Phantastik angereichert werden.

„Fleischbröckchen“ von Taeko Kono ist die skurrile Geschichte einer Trennung. Nachdem der Mann die Frau verlassen hat, verliert sie ihren Geschmackssinn. Während der Beziehung hatte sich noch so gerne mit ihrem damaligen Partner geschlemmt. Am liebsten würde sie nun alles verbrennen, das an den Mann erinnert: Seine zurückgelassenen Besitztümer, ihre Wohnung, ja gar sich selbst.

Mit „Ehebande“ studiert Yoshikichi Furui das Beziehungsgeflecht zwischen den Ehepartnern Hisao und Reiko. Hisao fängt sich eine Sommergrippe ein und ist eine Woche krankgeschrieben. Dies gibt ihm die Gelegenheit, das Alltagsleben in seiner Wohnsiedlung von einer ungewohnten Seite zu erleben und seine Beziehung zu Reiko auf den Prüfstand zu stellen. Zieht sich denn schon ein Riss durch die Ehe?

„Das verhasste Alter“ ist nur noch als Gebrauchtbuch erhältlich, dafür jedoch sehr preisgünstig. Die Anschaffung lohnt vor allem aufgrund Kenzaburo Oes Erzählung „Angui, das Himmelsungeheuer“ und Fumio Niwas „Das verhasste Alter“.

Dienstag, 27. September 2011

„Stolz der Toten“ von Kenzaburo Oe

In Kenzaburo Oes Erzählung „Stolz der Toten“ nehmen ein Student und eine Studentin einen ungewöhnlichen Aushilfsjob an: Die Leichen, die in der medizinischen Fakultät zu Studienzwecken in Alkoholbecken konserviert werden, sollen in ein neues Becken umgesetzt werden. Der Student und Ich-Erzähler gruselt sich zunächst beim Anblick der toten, lehmbraunen Körper, die im Becken treiben. Zusammen mit dem Verwalter schafft der Student Leiche für Leiche auf eine Bahre, um sie zum neuen Becken zu transportieren. Die Studentin versieht sie dort mit einem neuen Registrierungskärtchen. Der Student beginnt die Stimmen der Toten zu vernehmen, die sich mit ihm unter anderem über seine Generation unterhalten. Kaum beginnt die Mittagspause so hat der Student Schwierigkeiten, in die Welt der Lebenden und deren Kommunikation zurückzukehren.

Gegen Abend offenbart sich die Sinnlosigkeit der geleisteten Arbeit: Durch einen Fehler in der Verwaltung wurden die Toten in das neue Becken umgesetzt – doch eigentlich hätten sie direkt ins Krematorium geschickt werden sollen.

Kenzaburo Oe zeigt mit „Stolz der Toten“ die Gegenständlichkeit des Todes, die Mühen der Kommunikation und die Unterschiede zwischen der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration auf. Das Thema selbst ist zwar mehr als unappetitlich, doch nicht schaurig.

Samstag, 13. August 2011

„Tagame. Berlin – Tokyo“ von Kenzaburo Oe

Mit „Tagame. Berlin – Tokyo“ setzt sich Kenzaburo Oe mit dem Selbstmord seines Freundes und Schwagers, dem Filmemacher Juzo Itami auseinander.

Kogito (= Kenzaburo Oe) und Goro (= Juzo Itami) sind Schulfreunde und erleben gemeinsam „DIESE SACHE“, eine traumatische Erfahrung, die seither totgeschwiegen wird. Beide teilen die Begeisterung für Rimbaud. Als Kogito jedoch Goros Schwester heiraten will, gibt es Unstimmigkeiten zwischen den beiden, die sich jedoch wieder einrenken.

Als Goro schon über 60 Jahre ist, begeht er Selbstmord, um seine Ehre wiederherzustellen. Ein Boulevardblatt hatte ihm eine Affäre mit einer jungen Frau nachgesagt.

Doch Kogito bleibt nicht allein zurück. Goro hatte vor seinem Tod Kassetten besprochen, die Kogito mit einer Rekorder-Kopfhörer-Kombination namens „Schildkäfer“ abhört. Kogito stoppt die Kassette, erhebt Einwände, drückt wieder auf Play, hört Goro zu, unterhält sich weiter mit ihm und hat so die Illusion der Verbindung ins Jenseits.

Einen Rat Goros folgend geht Kogito hundert Tage in „Quarantäne“: Er nimmt eine Gastprofessur in Berlin an und wird mit Goros Vergangenheit zu Zeiten der Berliner Filmfestspiele konfrontiert.

„Tagame. Berlin – Tokyo“ ist ein stark autobiographisch geprägtes Buch. Doch durch die „Schildkäfer“-Dialoge über Rimbaud, über die Originalität des Künstlers, über die Seele eines Menschens usw. bleibt der Roman sehr abstrakt und liest sich zäh. Die Problematik „DIESER SACHE“ wird spät aufgegriffen und kann somit auch erst nach dem ersten Drittel des Buches eine Spannung erzeugen. Die Atmosphäre von „Tagame. Berlin – Tokyo“ ist düster. Selbstverständlich durch die Thematik des Freitods, aber auch durch Probleme mit den Yakuza und den Rechten zu Lebzeiten Goros. Durch „DIESE SACHE“ fällt auch ein großer Schatten auf die Jugend von Kogito und Goro.

Unter autobiographischen Gesichtspunkten ist „Tagame. Berlin – Tokyo“ faszinierend und extrem detailliert. Doch wenn man sich für die beiden Personen Kenazburo Oe und Juzo Itami nicht sonderlich interessiert, ist der Roman eher anstrengend bis ermüdend.

Während im Roman "Tagame. Berlin - Tokyo" kein Zweifel an der Selbstmordtheorie aufzukommen scheint, äußert Kenzaburo Oe im Interview mit dem Deutschlandradio Zweifel an der Todesursache von Juzo Itami. Haben die Yakuza den Filmemacher wegen seiner offenen Yakuza-Kritik zu Tode gestürzt? Nachzulesen auf der Homepage des Deutschlandradios: "Der Nestbeschmutzer". 

Mittwoch, 29. Juni 2011

„Und plötzlich stumm“ von Kenzaburo Oe

Das Setting von „Und plötzlich stumm“ von Kenzaburo Oe, dem „Autor aus der Peripherie", ist ein typisches: Ein abgelegenes japanisches Bergdorf. Die ländliche Idylle wird gestört, als US-Soldaten inklusive eines Übersetzers im Jahr 1945 kurz nach Kriegsende das Dorf durchqueren. Dies ist das erste Zusammentreffen mit der Besatzungsmacht, die Stimmung ist angespannt, die Frauen sind auf einem Bergkamm vor Übergriffen in Sicherheit gebracht worden. Die Begegnung scheint gut zu verlaufen, bis eine Kleinigkeit eine fatale Entwicklung heraufbeschwört.

Die Handlung von „Und plötzlich stumm“ geht unter die Haut: Einem Außenseiter gelingt es, die Situation eskalieren zu lassen. Und dennoch scheint das Schweigen mehr Macht zu besitzen als die Gewehre von Soldaten.

Kenzaburo Oes Erzählung „Und plötzlich stumm“ aus dem Jahr 1958 umfasst nur 31 Seiten und lohnt sich als Anschaffung daher eher für Oe-Fans und Liebhaber toller Druckwaren: Das wunderschön gestaltete Büchlein wird von einem Bambusmotiv auf dem Umschlag und einem Transparentpapier im Innenteil geziert.

Donnerstag, 16. Juni 2011

„Der stumme Schrei“/„Die Brüder Nedokoro“ von Kenzaburo Oe

Kenzaburo Oes „Der stumme Schrei“ um die ungleichen Brüder Nedokoro ist alles andere als leichte Kost. Der Roman, der auch als „Die Brüder Nedokoro“ erschien, beginnt damit, dass Mitsu, der ältere Bruder, sich im Pyjama, seinen stinkenden Hund unter den Arm geklemmt, in eine matschige Grube setzt und über die vergangene Zeit reflektiert: Sein Sohn kommt behindert auf die Welt und besitzt das Reaktionsvermögen einer Pflanze. Seine Frau betrinkt sich unaufhörlich. Sein bester Freund hat sich erhängt: Nackt, das Gesicht rot angemalt, mit einer Gurke im Hintern. Mitsu hat völlig resigniert, jeder Tag beginnt mit Angst, am liebsten würde er nur noch schlafen:

„Das wüste bittere Gift in meinem schmerzenden Körper vermehrt sich und droht, langsam wie Gelee aus einer Tube aus Ohren und Augen, Nase und Mund, After und Harnröhre hervorzuquellen…“ (S. 6)

Als Takashi, der jüngere Bruder und ehemaliger Studentenrevoluzzer, aus den USA nach Japan zurückkehrt, schlägt er Mitsu vor, gemeinsam für eine Weile in das Heimatdorf ihres Urgroßvaters nach Shikoku zu gehen.

Während Unruhen hatte der Urgroßvater einst seinen eigenen Bruder getötet, der der Rädelsführer des Aufstands war. Das Schicksal wird sich drei Generationen später wiederholen.

Wer Oes „Reißt die Knospen ab..“ mochte, wird von „Der stumme Schrei“ sicherlich enttäuscht sein. Der phlegmatische, passive Mitsu zieht den Leser glatt mit in seine Depression. Die Motive des aufwieglerischen Takashi sind genauso unzugänglich wie der von Selbstmitleid zerfressene Mitsu.

Interpretationsmöglichkeiten bietet „Der stumme Schrei“ sicherlich genug – aber ehrlich gesagt: Wären alle Oe-Bücher derartig anstrengend und depressiv, hätte ich bestimmt keines mehr gelesen. Wirklich alles andere als leichte Kost…

Donnerstag, 27. Januar 2011

Kenzaburo Oe

Kenzaburo Oe (Photocredit: Mao Danquing,
Creative Commons-Lizenz)
Der Literatur-Nobelpreisträger Kenzaburo Oe wurde 1935 in einem recht abgeschotteten Dorf in den Wäldern der japanischen Insel Shikoku geboren, weswegen er sich auch als „Autor aus der Peripherie“ bezeichnet. Mit 18 Jahren kam Oe zum ersten Mal nach Tokio. Ein Jahr später begann er, französische Literatur zu studieren. 1957 begann er mit dem Schreiben.

Eine Krise im Leben von Oe trat ein, als sein erster Sohn Hikari im Jahr 1963 behindert zur Welt kam. Eine weitere folgte, als sich sein Schwager das Leben nahm. Die Themen Behinderung, Freitod und abgeschiedenes Leben, das mit Modernisierung konfrontiert werden, sind häufige Sujets in Oes Werken.

Das Verhältnis zum japanischen Autor Yukio Mishima war angespannt, da sich dieser in seiner Rolle als wichtigster zeitgenössischer japanischer Autor bedroht fühlte. Kritiker warfen Oe vor, nur durch die Geburt des behinderten Sohnes zu einem guten Autor geworden zu sein. Oe gibt dies gewissermaßen auch zu: „Ohne den Schmerz hätte ich nicht geschrieben“.

1994 erhielt Oe den Nobelpreis für Literatur.

Interessante Links:
  • The Paris Review: Interview mit Kenzaburo Oe, das insbesondere viele Informationen über die Rolle seines Sohnes Hikari enthält

Hier rezensiert: 

      Weitere ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen:
      • Der atemlose Stern
      • Der nasse Tod
      • Der schwarze Ast
          • Grüner Baum in Flammen
          • Sayonara, meine Bücher