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Freitag, 29. April 2022

"Das Leben eines Anderen" von Keiichiro Hirano

Als Rie den introvertierten Daisuke heiratet, ahnt sie noch nicht, dass ihr Ehemann nicht der ist, für den er sich ausgibt. Denn als Daisuke bei einem Arbeitsunfall stirbt, erkennt dessen Bruder ihn auf den Fotos nicht wieder. Der angebliche Daisuke hatte den Kontakt mit seiner Familie schon lange abgebrochen gehabt, weswegen der Schwindel nicht schon vorher aufgefallen war. Rie beauftragt nun den Anwalt Kido, den Identitätsbetrug aufzuklären.

Kido fasziniert das Thema auch privat. Denn er ist ein Zainichi, ein japanischer Bürger koreanischer Abstammung und damit ständig mit der Identitätsfrage konfrontiert. Eines Tages gibt er sich aus einer Laune heraus gar selbst als Daisuke aus; serviert einem Barkeeper Daisukes Lebensgeschichte als die eigene. Er erlebt das Täuschungsmanöver als Thrill.

Wenig spannend ist jedoch gerade Kidos Privatleben: Seit der Geburt des Sohnes haben sich Kido und seine Ehefrau auseinandergelebt. Das gemeinsame Kind scheint die Ehepartner noch zusammenzuhalten.

Als Kidos Ermittlungen ins Stocken geraten, spielt ihm der Zufall in die Hände und er kommt organisiertem Identitätsbetrug auf die Schliche.

Keiichiro Hiranos "Das Leben eines Anderen" ist zwischendurch nur mäßig spannend, was die Aufklärung des Falls betrifft. Der Roman pendelt zwischen Ries und Kidos Perspektiven hin und her und beleuchtet die jeweiligen familiären Probleme. Auch Kidos koreanischer Abstammung und seinen Ängsten vor Nationalismus wird viel Raum eingeräumt. Kido wird als Intellektueller beschrieben und daher werden auch Rechtspositionen (der Autor ist studierter Jurist) erläutert, wird aus Anna Karenina zitiert und werden Gedanken zu Ovids "Metamorphosen" eingeflochten.

Kido wird von seiner Ehefrau vorgeworfen, er sei zu ernst. Genauso ernsthaft ist auch Keiichiro Hiranos Erzählton. Wer locker-flockige Unterhaltung sucht, ist mit "Das Leben eines Anderen" sicherlich nicht gut bedient. Ich empfand diesen ruhigeren Erzählton aber angenehm und manche Gedankengänge durchdacht-inspirierend. Insbesondere zu dem schrillen Roman "Bullet Train", den ich direkt davor gelesen habe, war der Kontrast glatt schon wohltuend.

Bibliographische Angaben:
Hirano, Keiichiro: "Das Leben eines Anderen" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Suhrkamp, Berlin 2022, ISBN 978-3-518-43055-2

Samstag, 15. November 2014

„Als die erste Atombombe fiel“ herausgegeben von Hermann Vinke

Wie kann man einem so unvorstellbaren Grauen wie dem der Atombombenabwürfe über Japan in einem Buch überhaupt gerecht werden? Es ist ein schieres Ding der Unmöglichkeit, die katastrophale Wirkung und das Ausmaß dieser ultimativen Waffen in ein einziges Werk zu bannen. „Als die erste Atombombe fiel“ öffnet eine Tür in den apokalyptischen Horror des Atombombenabwurfs über Hiroshima, indem der Band die Erinnerungen von Kindern präsentiert und die Geschehnisse in einen Zusammenhang stellt und kommentiert.

Da ist die Katastrophe selbst, die binnen einer Sekunde Menschen komplett verbrennt und in einen Schatten verwandelt, der sich in einen Mauerrest einbrennt; die Menschen aufdunsen und sich vor Durst in Wasserbecken und Flüssen ertränken lässt; die Familien auslöscht, Waisen zurücklässt. Doch da sind auch die Spätfolgen: Die Strahlung wirkt wie eine tickende Zeitbombe, bei der niemand weiß, wann der Zünder losgehen wird. Da ist der Jahrestag des Abwurfs, der alte Wunden immer und immer wieder aufreißt. Da ist der Korea-Krieg, der die Überlebenden vor Angst vor einem neuen Atomkrieg in den Selbstmord treiben kann.

Yoichi Fukushima, Sprecher der „Kinder von Hiroshima“ stellt auch die Schwierigkeiten dar, auf die Professor Osada, der die Kindererinnerungen sammelte, stieß. Für seine Veröffentlichung musste er nicht nur aus mehr als 3.000 ergreifenden Manuskripten auswählen, sondern auch abwarten, da er unter der US-amerikanischen Besatzung, die Berichte über die Unmenschlichkeit der Atomwaffen unterdrückte, die Erinnerungen der Kinder nicht publizieren konnte.

Jedes der Einzelschicksale berührt: Shigehiros Bruder hat das Frühstück schon vor seinen Geschwistern beendet und rennt kurz vor dem Abwurf nach draußen - zunächst hat er nur Brandwunden, dann dunst er auf zu einer Buddhafigur, Maden kriechen durch die eitrigen Wunden, bis er schließlich stirbt. Toshihiko und sein Vater laufen auf der Suche nach Mutter und Bruder an einem brennenden Haus vorbei, in dem ein Säugling schreit. Sie sind hilflos und müssen das Baby sterben lassen. Mutter und Bruder waren auf einem Arbeitsdienst und sterben nach dem Abwurf. Toshihiko legt seinem Bruder Bonbons in den Sarg und kann zunächst gar nicht fassen, dass er nun nur noch seinen Vater hat. Susumu geht zusammen mit seinem Vater auf die Suche nach der Schwester an einer Böschung vorbei, auf der eine Gruppe dahinvegetierender, aufgedunsener Schüler liegt und um Wasser bittet. Am nächsten Tag liegen die Schüler dort immer noch; viele sind bereits tot, die Überlebenden können nicht mehr sprechen, einer kann noch ein „Lebt wohl“ flüstern.

Doch „Als die erste Atombombe fiel“ erschöpft sich nicht in Nacherzählungen der Geschehnisse. So findet sich dort auch ein Interview aus dem Magazin metall mit Paul W. Tibbets, der damals die Atombombe über Hiroshima abwarf. Der Kontrast zwischen den emotionalen, traurigen Erzählungen und dem kaltherzig wirkenden Soldaten, der nur auf seine militärische Pflicht verweist, könnte kaum größer sein.

Auch zeigt Herausgeber Hermann Vinke auf, wie die Amerikaner systematische Forschung über die Auswirkung der Strahlung betrieben und den Überlebenden nicht nur aus humanitären Gründen halfen; die Opfer wurden zu Forschungsobjekten. Aber er macht auch darauf aufmerksam, dass den Opfern mit koreanischer Abstammung jahrzehntelang Hilfe in Japan verwehrt wurde. Erst Mitte der 70er Jahre konnte eine Selbsthilfegruppe Rechte für die koreanischen Hibakusha einfordern.

So präsentiert „Als die erste Atombombe fiel“ auch einen Überblick über das Danach. Es geht zu Herzen, wenn man liest, dass die meisten der Überlebenden über ihre nach dem Krieg geborenen Kinder sagen: „Sie sind alle gesund.“ – Doch die geheime Angst vor Erbschäden scheint in diesen Worten immer mitzuschwingen.

An dieser Stelle auch noch ein kleiner Hinweis: „Als die erste Atombombe fiel“ enthält eine kleine Auswahl von Professor Osadas gesammelten Manuskripten. Noch mehr dieser Kindererinnerungen finden sich in „Kinder von Hiroshima“ (Volk & Welt-Verlag bzw. als Lizenzausgabe im Röderberg-Verlag).

Bibliographische Angaben:
Vinke, Hermann (Hrsg.): „Als die erste Atombombe fiel“ (Übersetzung aus dem Englischen: Polz, Karin), Ravensburger, Ravensburg 1992, ISBN 3-473-58062-7

Sonntag, 21. Juli 2013

„Yuhi“ von Yangji Lee

Drei Erzählungen finden sich in Yangji Lees Band „Yuhi“. Ein bisschen wirken die Werke der Zainichi-Koreanerin wie das Negativ zu Banana Yoshimotos literarischem Schaffen. Bei beiden werden unter anderem schwierige Familiensituationen, Patch-Working, der Tod von lieben Familienangehörigen, die Suche nach einem neuen Anfang thematisiert. Doch während Banana Yoshimoto die herzlichen, liebevollen Seiten ihrer Charaktere herausstellt und versöhnlich bleibt, ist Yangji Lee auf der anderen Seite der Skala zu verorten:

„Die Entfernung zwischen Menschen. Gerade weil man Mensch ist, weil man lebt, besteht diese unleugbare Distanz zwischen einander.“ (S. 95)

So bleiben die Protagonisten in Yangji Lees Erzählungen isoliert und wirken bis zu einem bestimmten Grad hart und unzugänglich. Obwohl der thematisch härterer Kost schwebt eine sprachliche Leichtigkeit über den Erzählungen, wie man sie auch von Banana Yoshimoto kennt.

Mit „Der Klageschmetterling“ beginnt der Erzählband. In der Protagonistin und Ich-Erzählerin vermeint man Yangji Lee selbst zu erkennen: Vor dem Scheidungskrieg der Eltern ist sie von zu Hause nach Kioto ausgerissen, um sich mit einem Job in einem Ryokan über Wasser zu halten. Schließlich kehrt sie doch wieder nach Hause zurück, nur um ihre Familie weiter im Seziersaal des Familiengerichts bloßlegen zu lassen. Doch es warten noch weitere Schicksalsschläge auf die Familie.

„Verehrter Bruder“ scheint wie aus der Perspektive einer jüngeren Schwester von Yangji Lee geschrieben zu sein. Tamiko spricht hier zu ihrem älteren, verstorbenen Bruder und berichtet über ihre Schwester Kazuko, die mit ihrer Identität als Koreanerin kämpft. Sie beteiligt sich an politischen Organisationen, nimmt dubiose Jobs an, um sich neben dem von den Geschwistern geschnorrten Geld Einkünfte zu sichern, säuft wie ein Loch und verschwindet tageweise spurlos.

„Yuhi“ ist die vielleicht ausgefeilteste Erzählung: Yuhi ist eine Zainichi-Koreanerin, die in Seoul Literaturwissenschaften studiert. Doch anders als viele Studentinnen lebt sie sehr zurückgezogen und wirkt besonders scheu. Sie zieht in ein Privatzimmer im Haus der Erzählerin und deren Tante. Hier scheint sie endlich eine Oase des Friedens zu finden. Doch sie bleibt unglücklich in Seoul. Mit dem Koreanischen kann sie sich nicht anfreunden, sie liest und schreibt weiterhin auf Japanisch. Das Koreanische scheint ihr gar physische Schmerzen zu bereiten. In Korea kann Yuhi nicht glücklich werden...

Yangji Lees Erzählungen zeigen die Zerrissenheit der Zainichi-Koreaner auf. Japanisch ist ihre „Muttersprache“, doch in Japan werden sie als Fremde erachtet. Korea ist ihnen selbst fremd und auch hier finden sie nicht die ersehnte Heimat. Sie stecken in einem unlösbaren Dilemma. Als Leser meint man zu erahnen, wie Yangji Lee sich diesem mit dem Schreiben näherte. Während das ältere Werk „Der Klageschmetterling“ noch aus der Perspektive der Autorin geschrieben zu sein scheint, verschiebt sich in „Verehrter Bruder“ der Blickwinkel auf den der Schwester und in „Yuhi“ ist die Erzählerin bereits eine zunächst Fremde.

„Yuhi“ ist eine schwermütige Lektüre, die einen ungeschonten Einblick in das Leben von Zainichi-Koreanern ermöglicht. Man erahnt den langjährigen Kampf, den Yangji Lee um ihre kulturelle Identität ausgefochten haben mag. Umso trauriger, dass man aufgrund ihres frühen Todes nie erfahren wird, ob ihr die Versöhnung mit ihrem Schicksal gelungen wäre.

Bibliographischen Angaben:

Lee, Yangji: „Yuhi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Nakamura-Methfessel, Verena), Abera Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-939876-01-4

Montag, 13. Mai 2013

„Japanische Dreigroschenoper“ von Takeshi Kaiko

Auf 1,2 Millionen Quadratmetern erstreckt sich das Bergwerk Sugiyama – nur durch einen Abwasserkanal von Osakas Elendsviertel getrennt. Der ehemalige Sitz einer Waffenfabrik wird in den 50er Jahren zum Revier der Apachen, von organisierten und unorganisierten Kleinkriminellen, die im Elendsviertel hausen, Altmetalle aus dem Bergwerk ausbuddeln und sich bei Händlern versilbern lassen. Ständig verfolgt von der Polizei haben sie den Spitznamen Apachen bekommen: In kleinen Gruppen fallen sie im Bergwerk ein, sind besonders leichtfüßig und verständigen sich in einer unverständlichen Sprache (unter anderem auf Koreanisch) und gleichen so dem legendären Indianerstamm.

Der Landstreicher Fukusuke wird vom Bandenchef Kim rekrutiert. Im goldenen Zeitalter der Apachen ist jeder Helfer recht, denn es gibt genügend Altmetalle für alle, die „angelacht“, sprich: stibitzt, werden können. Eine anarchische Stimmung herrscht im Elendsviertel und dennoch kommt keiner zu kurz; für jeden wird eine bezahlte Aufgabe beim Metallklau gefunden. Fukusuke wird von Kim angelernt. Für seine Lehrstunden muss er jedoch in Tasche greifen. Bald ist Fukusuke ein festes Mitglied von Kims Bande und kommt hinter einige Tricks, wie der Bestechung der Wächter und dem besten Umgang mit der Polizei.

Doch je dreister die Apachen werden, desto größer ihr Ruhm, desto mehr Gesindel lässt sich bei ihnen nieder und desto größer fällt die Gegenwehr der Polizei aus. Ein immerwährendes Katz-und-Maus-Spiel startet und beginnt, die Apachen aufzureiben.

Als von einem Silberfund berichtet wird, versuchen die Apachen sich ein letztes Mal aufzubäumen und diesen Schatz in die Finger zu bekommen.

Takeshi Kaikos „Japanische Dreigroschenoper“ ist freilich an Bert Brechts „Dreigroschenoper“ angelehnt. So kritisiert auch Takeshi Kaiko die Bourgeoisie, die den Apachen keinen Spielraum zum Überleben lässt, sich hinter Bürokratie verschanzt und auf Rechtslagen pocht. Die Diskriminierung von Koreanern tut ihr übriges. Trotzdem ist die Lektüre des Buches eine Heidengaudi, wenn die verschrobenen Charaktere ausziehen, um die Polizei zum Narren zu halten, Pech und Schwefel nach einem Tauchgang im Abwasserkanal zu spucken und sich wie die Glücksritter jede Nacht aufs Neue Waren „anzulachen“. Die Dialoge im Gangsterjargon zeichnen ein lebendiges Bild vom Dasein im Elendsviertel.

Bibliographische Angaben:
Kaiko, Takeshi: „Japanische Dreigroschenoper“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Volk & Welt, Berlin 1967

Donnerstag, 4. April 2013

„Fly, Daddy, Fly“ von Kazuki Kaneshiro

Ein Element aus Kazuki Kaneshiros „Fly, Daddy, Fly“ erinnert stark an seinen Roman „GO!“: Da gibt es einen jugendlichen Zainichi-Koreaner, der verdammt gut in Kampfsport ist und dem die Aura des einsamen Wolfs anhängt. Doch diesmal ist das Kampfsport-Ass nicht der Protagonist des Romans. Das ist der unspektakuläre Ich-Erzähler; der 47-jährige Angestellte Hajme Suzuki. Dessen Leben verläuft in geregelten Bahnen bis er eines Tages nach der Arbeit ins Krankenhaus fahren muss: Seine Tochter ist in einer Karaoke-Bar von dem jugendlichen Boxer Ishihara verprügelt worden und musste ärztlich behandelt werden.

Im Hospital wird Hajme gleich von Ishiharas Lehrern abgefangen: Hajme soll möglichst keinen Wind um die Affäre machen – schließlich könnte er die sportliche Laufbahn des Jungens gefährden. Zunächst scheint es so, als würde der brave Angestellte das Ansinnen schlucken. Doch als seine Tochter das Vertrauen in den Vater zu verlieren beginnt, sieht Hajme rot. Er schnappt sich ein Küchenmesser und macht sich in die Schule des Boxers auf. Dummerweise geht der verzweifelte Hajme auf die falschen Schüler los – doch der dilettantische Attentäter wird elegant von dem Kampfsportler Sun-shin Pak entwaffnet. Zu Hajmes Überraschung sind die Schüler gar nicht sauer auf ihn, sondern bieten ihm ihre Hilfe an: Sie wollen ihn einige Wochen trainieren, damit Hajme Mann gegen Mann gegen Ishihara antreten kann.

So wird Hajme aus seinem Alltag gerissen. Mit Sun-shin Pak trainiert der schwabbelige Angestellte täglich, um sich Schritt für Schritt für den Kampf fit zu machen. Sein Ehrgeiz ist geweckt, seine Wut brodelt – aber ob er es mit einem jugendlichen Boxer, der Jahr für Jahr Titel gewinnt, aufnehmen kann? Als Randthema wird aber auch Sun-shin Paks Diskriminierung als Zainichi-Koreaner gestreift, was dem Roman eine ernste Note verleiht.

„Fly, Daddy, Fly“ schildert humorvoll die Wandlung des Hajme, der es sich noch mal beweisen will. Auch wenn ich bei „GO!“ mehr Spaß hatte, war auch die Lektüre von „Fly, Daddy, Fly“ amüsantes Entertainment. Der Schluss war mir zwar ein bisschen zu dick aufgetragen, was den Lesegenuss aber nicht getrübt hat.

Bibliographischen Angaben:
Kaneshiro, Kazuki: „Fly, Daddy, Fly“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja), Cass Verlag, Löhne 2012, ISBN 978-3-9809022-7-4

Sonntag, 31. März 2013

„Reißt die Knospen ab…“ von Kenzaburo Oe

„Es war eine Zeit des Mordens. Gleich einem lange andauernden Hochwasser überflutete der Krieg mit seinem kollektiven Wahnsinn die feinsten Verästelungen menschlicher Gefühle, die verstecktesten Winkel ihrer Körper, die Wälder, die Straßen und den Himmel. […]
Es ist der Aufzeichnung wert, dass man in jener Zeit, als wahnsinnige Erwachsene verzweifelt durch die Straßen irrten, mit seltsamer Leidenschaft fortgesetzt Menschen hinter Gitter brachte, die am ganzen Körper eine glatte Haut aufwiesen oder nur einen kastanienbraunen Flaum, Menschen, die sich unerheblicher Vergehen schuldig gemacht hatten, darunter auch welche, denen man lediglich Neigungen zu jugendlicher Kriminalität zuschrieb.“
(S. 14f.)

Mitten in dieser Zeit des Mordens soll ein gutes Dutzend minderjähriger Straftäter aus einer Besserungsanstalt aufs Land evakuiert werden. Doch dem Erzieher fällt es schwer, einen geeigneten Platz für die Kinder und Jugendlichen zu finden – keines der Dörfer, das sie zu Fuß aufsuchen, will sie aufnehmen. Die kleinen Fluchtversuche der Jungs sind für die Katz: Sie werden, verprügelt von Bauern und Polizisten, immer wieder zur Gruppe zurückgebracht. Auch der Ich-Erzähler ist mit seinem jüngeren Bruder auf dem Weg in die Evakuierung. Sein Vater hatte auf die Bitte des Erziehungsheims, man möge die Kinder doch nach Hause nehmen, überraschend reagiert: Statt dem Ich-Erzähler die Entlassung aus der Anstalt zu ermöglichen, hatte er auch noch den jüngeren Bruder dort abgeladen, da er diesen andernfalls nicht hätte selbst evakuieren können.

Schließlich gelingt es dem Erzieher, die Jungs in einem abgeschiedenen Bergdorf unterzubringen. Er selbst verlässt das Dorf im Anschluss, um eine zweite Gruppe jugendlicher Delinquenten dorthin zu begleiten. Die Jungs stoßen währenddessen auf große Ablehnung: Sie werden in ihrer Unterkunft des nächtens eingesperrt und bekommen kein besseres Essen als die Schweine der Bauern. Mit vorgehaltenem Gewehr werden sie zum Arbeiten angehalten: Sie sollen an einer Seuche verstorbene Tiere verscharren. Die Dorfbewohner selbst scheuen die Berührung mit den Kadavern wegen der Ansteckungsgefahr – da kommen die auswärtigen Kleinkriminellen gerade recht, um für sie die Drecksarbeit zu verrichten.

Als auch Menschen an der Seuche sterben, brechen die Dorfbewohner heimlich auf, um in einer anderen Ortschaft Unterschlupf zu finden. Den einzigen Weg aus dem Dorf verrammeln sie, damit die Jungen im Dorf eingesperrt bleiben. Diese sind nun auf sich allein gestellt und müssen ihr Leben selbst organisieren.

In einer Welt, in der die Erwachsenen ohne Mitgefühl agieren, sind es ausgerechnet diese jugendlichen Straftäter, die menschlich bleiben. Sie kümmern sich nicht nur um ein Mädchen, das die Dorfbewohner zurückgelassen haben, sondern scheren sich auch nichts um Vorteile Koreanern gegenüber. Einen gejagten Deserteur nehmen sie ebenfalls in ihren Reihen auf. Wen mal bloß nicht die brutalen Erwachsenen zurückkehren…

Bis auf zwei Personen, nämlich den Kumpan Minami und den Koreaner Li, und einen Hund erhalten die Charaktere in Kenzaburo Oes „Reißt die Knospen ab…“ keine Eigennamen. Da ist die Rede vom Bruder, vom Schmied, vom Dorfschulzen, vom Arzt und vom Deserteur. Damit gelingt es dem Autor, idealtypische Figuren zu schaffen. Insbesondere beim jüngeren Bruder glückt es ihm besonders gut: Wer wie ich selbst einen jüngeren Bruder hat, glaubt in der Figur den eigenen Verwandten wieder zu erkennen und ihn beschützen zu wollen. 

„Reißt die Knospen ab…“ ist (bisher) mein Kenzaburo Oe-Lieblingsroman. Der Roman des Literaturnobelpreisträgers ist ein frühes Werk aus dem Jahr 1958. Zwar wird gerne gesagt, dass Oe erst nach der Geburt seines behinderten Sohns Hikari zu vollster literarischer Größe herangereift ist. Doch mir sind die späteren Romane teilweise zu verkopft. „Reißt die Knospen ab…“ lässt den Leser mühelos in eine Welt eintauchen, die ihm eigentlich sowohl zeitlich als auch räumlich fremd anmuten sollte. Zwar zeichnet der Roman ein recht widerwärtiges Bild der Erwachsenen, doch bleibt die Hoffnung, dass die Knospen der Gesellschaft – die Jugend – nicht vollständig gerupft werden und spätestens nach Kriegsende blühen, um anders zu agieren, als die Generation vor ihnen.

Und noch ein kleiner Tipp für die Lektüre: Bitte möglichst das Inhaltsverzeichnis mit den jeweiligen Kapitelüberschriften ignorieren – Spoilergefahr!

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Reißt die Knospen ab…“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Putz, Otto), Fischer, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-14419-1

Freitag, 8. März 2013

„GO!“ von Kazuki Kaneshiro

„No soy coreano, ni soy japones, yo soy desarraigado“ steht auf dem Buchcover von „GO!“, dem Roman des koreanisch-stämmigen Japaners Kazuki Kaneshiro: „Ich bin weder Koreaner, noch Japaner, ich bin entwurzelt“.

Den spanischen Satz sagt Sugiharas Vater, als Sugihara am liebsten nach Norwegen auswandern will. Denn Sugiharas Vater war vor Jahren in derselben psychischen Verfassung wie Sugihara, der eigentlich Lee mit Nachnamen heißt: Möglichst schnell Japan verlassen, möglichst weit wegfahren – Sugiharas Vater wollte damals nach Spanien. Denn als in Japan geborener Koreaner ist Sugihara zwar in Japan zu Hause, wird hier jedoch als „Ausländer“ nur geduldet und oftmals diskriminiert.

Kazuki Kaneshiros semi-autobiographischer Roman schildert nicht nur die Familiengeschichte und den Werdegang von Sugihara, sondern ist auch eine Liebesgeschichte: Sugihara lernt auf einer Party Sakurai kennen. Da sie auf eine andere Schule wie Sugihara geht, weiß sie nicht, dass er ein Zainichi-Koreaner ist – und er verschweigt ihr dies wohlweislich. Denn was sagt denn eine Staatsangehörigkeit schon aus… Ob die frische Liebe diese Heimlichkeit verkraften wird?

Die Zutaten von „GO!“ klingen erst einmal recht ernst, wenn nicht gar tragisch. Doch die Coming-of-Age-Story sprüht regelrecht vor Witz. Und auch Sugihara, der an seiner Schule als unangenehmer Schläger und Einzelgänger auffällt, wird einem mords sympathisch. Insbesondere der Anfang des Romans erinnert vom Schreibstil etwas an Ryu Murakamis „69“. Die Darstellung von Sugiharas Eltern tut mit schwarzem Humor ein Übriges, um das Amüsement zu erhöhen: So erklärt die Mutter dem Vater augenzwinkernd, sie würde ihm deswegen mehr zu essen geben, damit er endlich an Diabetes erkrankt und hält ihm daraufhin die Headline eines Zeitungsartikels unter die Nase „Teufelsweib mischt gewalttätigem Ehemann wiederholt Arsen ins Abendessen!“, während auf dem Gesicht der „Mutter hinter der Zeitschrift [.] ein Lächeln wie bei Jack Nicholson“ (S. 30) klebt.

Nichtsdestotrotz ist „GO!“ auch eine Kampfansage gegen die Diskriminierung von koreanisch-stämmigen Japanern/in Japan lebenden koreanischen Staatsbürgern. An nationalen Feiertagen gehen die Rechten auf „Koreaner-Jagd“; wer nicht die japanische Staatsbürgerschaft hat, muss sich als Ausländer permanent ausweisen können, sonst drohen empfindliche Strafen; wer auf Auslandsreise gehen will, der muss sich vorab eine „Wiedereinreiseerlaubnis“ holen; Koreaner werden von vielen Japanern ob ihres „unreinen“ Bluts verachtet…

Die Lektüre hat Spaß gemacht! Gut, dass Kazuki Kaneshiro nicht Anwalt, sondern Autor geworden ist!

Bibliographische Angaben:
Kaneshiro, Kazuki: „GO!“, Cass, Löhne 2011, ISBN 978-3-9809022-5-0

Sonntag, 3. Juli 2011

„Tsubame“ von Aki Shimazaki

Yonhi und ihre Mutter sind Koreanerinnen und erleben das Große Kanto-Erdbeben im Jahr 1923. In einer fremdenfeindlich-aufgeheizten Atmosphäre gibt die Mutter ihr Kind bei einem katholischen Priester in Obhut, schärft Yonhi ein, dass sie sich Mariko nennen und ihre koreanische Abstammung verheimlichen soll. Die Mutter begibt sich auf die Suche nach Yonhis Onkel. Beide wird Yonhi/Mariko nie wieder sehen.

Jahre später wird die Exhumierung von Opfern der Ausschreitungen gegen die Koreaner geplant. Mariko ist zwischenzeitlich Großmutter und konnte Zeit Lebens den Anschein der japanischen Abstammung aufrechterhalten. Zum Ende ihres Lebens offenbart sie nun endlich einer Person ihr jahrzehntelang gehütetes Geheimnis und erfährt schließlich, wer ihr Vater ist.

Wie auch in Aki Schimazakis „Tsubaki“ wird nicht allzu sehr auf das Leid der Protagonistin eingegangen. Der Charme von „Tsubame“ liegt eher darin, dass der Roman die Geschichte von „Tsubaki“ aus einer anderen Perspektive erzählt (freilich muss man „Tsubaki“ nicht vor „Tsubame“ gelesen haben). Wer hätte gedacht, dass Yonhis/Marikos Leid nicht aus der unheilvollen Liebschaft zu Yukikos Vater entspringt, sondern sich ganz andere Erfahrungen viel tiefer in ihrer Seele eingenistet haben und ihr Denken und Leben bestimmen.