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Mittwoch, 1. Mai 2024

„Die Flucht“ von Fuminori Nakamura

„‘Ich hätte das alles gar nicht wissen wollen.‘“ (S. 66)

Diesen Satz bekommt der Protagonist Kenji Yamamine in Fuminori Nakamuras „Die Flucht“ zu hören. Kenji ist der Autor des fiktiven Buches „Menschen, die am Krieg verdienen“, in dem er finanzielle Verstrickungen von Militär und Wirtschaft offenlegt und freidenkerische Ideen illustriert. Das macht ihn in einem angespannten politischen Klima zum Feindbild der Rechten. Die Reaktionen seiner Leser lassen ihn aber auch an der gesellschaftlichen Entwicklung allgemein verzweifeln. Sind die Menschen wirklich so einfach gestrickt, dass sie nur noch entertained werden wollen?

Kenji ist aber nicht nur wegen seiner Autorenschaft eine Zielscheibe. Er hat eine mysteriöse Trompete in seiner Obhut, die einer Legende zufolge während des zweiten Weltkriegs die magische Fähigkeit besaß, Soldaten zu Heldentaten anzustacheln. Der Soldat Suzuki soll sie meisterhaft gespielt haben und so seinen Kameraden zu einem Sieg über die haushoch überlegenen amerikanischen GIs verholfen haben. Mehrere Gruppen verfolgen nun Kenji, um selbst in den Besitz der Trompete zu kommen – allen voran die rechte Q-Sekte.

Kenji hat noch weitere Probleme: Da seine vietnamesische Verlobte Anh bei einer Anti-Rechts-Demonstration auf tragische Weise ums Leben kam, ist sein Lebensmut auf dem Tiefpunkt. Doch er setzt sich das Ziel, Anhs Vision eines Romans, der Geschehnisse aus der längst vergangenen Geschichte und aus der Gegenwart zusammenführt, an Anhs Stelle zu schreiben. Und so setzt er alles daran, das Buch über die vietnamesische Geschichte, die Christenverfolgung in Japan, Suzukis Erlebnisse im zweiten Weltkrieg, der Atombombe auf Nagasaki und aktueller Geschehnisse aus Anhs und Kenjis Leben zu Papier zu bringen und zu veröffentlichen.

Und auch ich hätte davon so manches gar nicht wissen wollen. Fuminori Nakamura schreibt mit „Die Flucht“ ebenso wie sein Protagonist ein Buch, das man an manchen Stellen gar nicht weiterlesen will. Insbesondere wenn es zu den Foltermethoden an den japanischen Christen und den Auswirkungen der Atombombe kommt. So hält der selbstreferentielle Roman dem Leser den Spiegel vor – wollen wir beim Lesen nicht auch nur unterhalten werden? Wollen wir die unangenehmen Wahrheiten überhaupt hören? Erwarten wir automatisch die klassische Heldenreise und werten Bücher ab, die nicht diesem Muster folgen?

Gute 570 Seiten zählt das Werk. Es startet turbulent mit Kenjis Flucht vor dem Bösewicht B, der einem Tarantino-Film entsprungen sein könnte. Und mit dem Gebell eines Hundes. Leider hat die Google-Recherche nicht ergeben, ob Hundegebell im japanischen Kulturkreis etwas Unglückverheißendes ist. Wenn nicht, dann setzt nur der Autor das Bild immer dann ein, wenn etwas Böses am Entstehen ist. Das Unheil droht in Japan aktuell durch einen Rechtsruck und verstärkte Ausländerfeindlichkeit. Wie Kenji setzt auch Fuminori Nakamura mit seiner Veröffentlichung ein Zeichen gegen Rassismus. Das kurze Nachwort des Autors war für mich hilfreich, den einen oder andern Sachverhalt richtig einzuordnen (keine Details wegen Spoilergefahr 😉). Zwar ist der Roman an der einen oder anderen Stelle schwer verdaulich, aber trotzdem sensationell. Sowohl historisch als auch brandaktuell, spannend und gesellschaftskritisch zugleich.

Bibliographische Angaben:
Nakamura, Fuminori: „Die Flucht“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Diogenes, Zürich 2024, ISBN 978-3-257-07285-3

Sonntag, 8. März 2015

„Weg zu Japan“ von Hisako Matsubara

Mit „Weg zu Japan“ versucht Hisako Matsubara einen Einblick in die japanische Mentalität und ins japanische Denken zu geben. Die Autorin steigt ein mit der Bambusweisheit, die den Japanern oft schon den Vorwurf der Verlogenheit eingebracht haben mag:

„Biegsam sein und sich unter dem Ansturm einer Gefahr neigen, ist eine alte Weisheit. Sie ist aus der Erfahrung mit der Natur erwachsen. Sie ist japanische Volksweisheit. Sie ist ein Stück Volksschläue. Was nützt es, wenn man trotzig aufrecht steht und dann bricht? Viel besser ist es, biegsam zu sein und seine Stärke für die Zeit nach dem Sturm zu bewahren. Das ist die Bambusweisheit.“ (S. 12f.)

Europäer reagieren in zwischenmenschlichen Konflikten mit Aggression, während Japaner mit Sanftheit reagieren. So wirken die Kommunikationsmechanismen wie die von Hund und Katze – Missverständnisse sind vorprogrammiert.

Hisako Matsubara versteht es darüber hinaus, wesentliche Geschehnisse in Japans Geschichte spannend nachzuerzählen: Sie beginnt mit den Großen Wirren, als im 16. Jahrhundert der Ashikaga-Clan in Erbstreitigkeiten lag, und denen Oda Nobunaga ein Ende setzte. Hisako Matsubara porträtiert den großen Feldherrn sehr anschaulich: Um seine politischen Gegner zu täuschen, gab er sich

„als der verrückteste aller Daimyo, dumm und harmlos, als ein Pferdenarr, der ständig in seinem Gebiet herumritt, Nüsse kaute und Obstkerne spuckte.“ (S. 57)

Dank des unter Nobunaga entstehenden Leistungsprinzips konnte Toyotomi Hideyoshi zum nächsten großen Herrscher in Japan aufsteigen. Als Bauerssohn begann er seine Karriere als Nobunagas Schuhknecht und wurde schließlich Kampaku, der Regent Japans.

Über einen dritten großen Mann der japanischen Geschichte, Ieyasu Tokugawa, der das Geschlecht der Tokugawa-Shogune begründete, weiß Hisako Matsubara ebenfalls viel zu berichten, z.B.

„Er nahm sich viele Nebenfrauen, legte aber wenig Wert auf deren Abstammung, Bildung oder Schönheit. Ihm war es wichtiger, dass sie ihm viele Söhne gebaren. Weil man bei einer unverheirateten Frau nie ganz sicher sein kann, ob sie Kinder haben wird, nahm er am liebsten junge Witwen, die schon geboren hatten.“ (S. 144)

Zentralen Stellenwert haben in „Weg zu Japan“ vor allem die Entwicklungen, die die christlichen Missionare in Japan heraufbeschwörten. Heutzutage ist (hoffentlich) jedem bekannt, dass die Missionare nicht nur den Glauben verbreiten, sondern vor allem Machtinteressen wahren wollten. Hisako Matsubara zeigt diesbegzüglich einige interessante historische Fakten auf, wie z.B. dass für die ersten Märtyrer eigentlich ein weniger schmerzhafter Tod angedacht war, die Wahl auf die Kreuzigung aber auf Initiative der Jesuiten fiel. Schließlich sollte mit dem Tod der Hingerichteten ein langfristiges Zeichen für die Leidensfähigkeit der Kirishitan gesetzt werden. Bisher unbekannt war mir auch, dass die Portugiesen japanische Kinder zu tausenden als Sklaven nach Europa schafften – leider überlebten die wenigsten die Überfahrt. Geradezu grotesk liest sich, dass zeitweilig eine Art von Märtyrertourismus einsetzte: Immer mehr katholische Mönche setzten nach Japan über, nur um doch bitte hingerichtet zu werden und den Märtyrertod sterben zu dürfen. Kein Wunder, dass die Weißen den Japanern nicht geheuer waren – und schließlich der Weg in die Isolation eingeschlagen wurde.

Ein bisschen nervig wirkt das Buch jedoch an den Stellen, an denen Hisako Matsubara immer wieder darauf insistiert, dass Japan nicht so „rückständig“ war, wie es von Europa oft betrachtet wurde. Z.B. hatte Tokio bereits Mitte des 18. Jahrhunderts circa 1,5 Mio. Einwohner, während die europäischen Hauptstädte noch sehr viel kleiner waren. Ich hoffe auch an dieser Stelle, dass man heutzutage niemandem mehr erklären muss, dass Europa nicht der Nabel der Welt ist (naja... einige wirre Geister natürlich ausgenommen...). Sicherlich ist seit den 80er Jahren, als „Weg zu Japan“ erschien, einige Zeit vergangen und ich kann es mir eigentlich nicht erlauben, zu beurteilen, ob Hisako Matsubaras Aufklärungsarbeit damals noch nötig war. Aber aus heutiger Sicht wirkt die oftmalige Rechtfertigungshaltung der Autorin etwas anstrengend.

Nichtsdestotrotz: „Weg nach Japan“ bietet viel Hintergrundwissen zur japanischen Geschichte – insbesondere auch aus religiöser und wirtschaftlicher Sicht. Dabei ist das Werk anschaulich und kurzweilig verfasst, dass es zum großen Teil Spaß macht, sich mit den Fakten zu beschäftigen.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Weg zu Japan“, Albrecht Knaus, Hamburg 1983, ISBN 3-8135-0560-X

Donnerstag, 31. Juli 2014

„Kreuz und Schwert“ von Otohiko Kaga

Otohiko Kaga lässt in „Kreuz und Schwert“ primär die letzten Jahre des christlichen Daimyo Justo Ukon Takayama Revue passierten. Die Handlung setzt ein, kurz bevor Takayama im Jahr 1614 in Kanazawa im Zuge des Christenverbots zusammen mit seiner Familie verhaftet und auf den Weg in die Verbannung geschickt wird. Flankiert wird dieser Handlungsstrang durch fiktive Briefe des Missionars Clemente, dessen Lebensweg sich mit dem von Takayama öfters kreuzte. So werden sowohl die Perspektiven von überzeugten japanischen Christen als auch europäischen Missionaren dargestellt. Zudem werden viele geschichtliche Hintergründe und Rückblenden eingeflochten, die einen guten Überblick über die Regierungszeiten von Nobunaga, Hideyoshi und Ieyasu bieten und stark auf die Christenverfolgung in Japan eingehen. Otohiko Kaga verliert sich jedoch passagenweise etwas arg in Details, wenn beispielsweise die Lebensläufe von diversen Missionaren beschrieben.

Otohiko Kaga, der im Alter von 58 Jahren zum katholischen Glauben konvertierte, zeichnet ein sehr idealistisches Bild der Missionierung in Japan. Dass der als so clever beschriebene Takayama nicht realisiert haben mag, dass die katholische Kirche im Zuge der Missionierung auch Machtansprüche erheben wollte und kapitalistische Interessen als Lockmittel nutzte, irritiert etwas. Erst gegen Ende des Buches, als Takayama in Manila im Exil weilt, scheint er zu begreifen, dass der Katholizismus nicht nur Positives bewirkt.

Insbesondere nach der Lektüre von Hisako Matsubaras „Himmelszeichen“ war Otohiko Kagas „Kreuz und Schwert“ interessant zu lesen, da die Romane in der gleichen Zeit, an gleichen Orten, jedoch mit unterschiedlicher Wertung spielen.

Otohiko Kagas Historienroman sei jedoch nur Lesern empfohlen, die nicht vor einer enormen Faktenfülle zurückschrecken. Über vier Seiten ist die biographische Namensliste der wichtigsten handelnden Personen lang. Hinzu kommen 14 Seiten der historischen Zeittafel und drei Japankarten.

Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Kreuz und Schwert“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Degen, Ralph), be.bra, Berlin 2006, ISBN 978-3-86124-900-9

Donnerstag, 19. Juni 2014

„Himmelszeichen“ von Hisako Matsubara

Wir schreiben das Jahr 1612 und befinden uns auf der Shimabara-Halbinsel. Der zum Christentum konvertierte Daimyo Harunobo, auch als Don Protasio bekannt, ist wegen Hochverrats hingerichtet worden. Die portugiesischen Pater sind besorgt – wer wird als Daimyo auf Don Protasio folgen? Wird es sein christlich geprägter Sohn Don Joao sein, oder der zweitgeborene Sohn Yoshitomo, der den Einzug der alten Götter auf der Shimabara-Halbinsel protegiert?

Die Autorin Hisako Matsubara baut auf der Basis von historischen Fakten einen imaginierten Roman auf, in dessen Zentrum die junge Mika steht. Als Tochter von Don Protasio ist sie mit Leib und Seele Christin. Sie ist schockiert von der Nachricht der Hinrichtung des geliebten Vaters, kann den Vorwürfen des Hochverrats keinen Glauben schenken. Doch Mika werden bald die Augen geöffnet: Bringen die portugiesischen Patern wirklich den einzig wahren Glauben und die Nächstenliebe nach Japan? Oder sind ihre Beweggründe nicht doch mehr irdischer Natur – geht es den Glaubensvertretern nicht nur um Macht und Einfluss? Als der Niederländer Hendrik gefangen genommen wird, muss sich Mika der bitteren Realität stellen und ihren tief verwurzelten Glauben in Frage stellen.

Hochwürden Ferreira ist derweil dabei, im Hintergrund die Strippen zu ziehen: Er muss Don Joaos Macht stärken, nachdem der Shogun Yoshitomo zum Daimyo ernannt hat. Er wiegelt die christlichen Handwerker auf, keinesfalls bei der Wiedererrichtung der buddhistischen Tempel zu helfen, die Yoshitomo veranlasst hat. Und er hat dafür Sorge zu tragen, den christlichen Glauben so tief in den Herzen der Gläubigen zu verankern, dass sie sich keinesfalls von Deus lossagen werden, egal welche Widrigkeiten ihnen drohen sollten.

Hisako Matsubaras „Himmelszeichen“ erzählt nicht von tapferen christlichen Märtyrern, sondern zeichnet ein Bild, das der Realität der Missionierung wohl sehr nahe kommt: Den Patern geht es um Macht, den japanischen Machthabern um lukrative Handelsbeziehungen zu den christlichen Europäern. Die Gläubigen werden zum Mittel zum Zweck.

Jedoch wirkt „Himmelszeichen“ dadurch, dass die junge Mika in den Mittelpunkt der Handlung gestellt wird, oft eher wie ein Jugendroman. Weniger Mika und mehr Ferreira und Intrige hätten den Roman spannender gemacht.

Hisako Matsubara, die Tochter eines hohen Shinto-Priesters in Kioto, stellt „Himmelszeichen“ einen von dessen Tagebucheinträgen voran:

„Viele Wege führen zum Gipfel
Über alle breitet der Mond sein Licht
Durch die Zweige und über den Felsenspitzen
Sieht man von überall die gleichen Gestirne“
(S. 6)

Und so liest sich dann auch der Roman; als ein Plädoyer für ein friedliches Nebenher von Religionen ohne Absolutheitsanspruch.

Bibliographischen Angaben:
Matsubara, Hisako: „Himmelszeichen“, Knaus, München 1998, ISBN 3-8135-0089-6

Montag, 17. Februar 2014

„Ground Zero Nagasaki“ von Yuichi Seirai

Nagasaki steht für den zweiten Atombombenabwurf über Japan, aber auch für eine christliche Hochburg und die Christenverfolgung in Japan. Yuichi Seirai widmet seiner Heimatstadt mit „Ground Zero Nagasaki“ sechs Erzählungen, die fiktive Einzelschicksale in Nagasaki illustrieren.

Da ist ein älteres Ehepaar, das sich gezwungen sieht, seinen angestammten Familienbesitz zu veräußern. Dies ist einerseits besonders bitter, da sich früher im Nebenhaus die Angehörigen zur Ausübung des christlichen Glaubens getroffen hatten. Andererseits weil ihr schizophrener Sohn Schuld auf sich geladen hat, die nicht zu tilgen ist.

Da ist ein psychisch zurückgebliebener Mann in den 40ern, dessen Mutter im Sterben liegt. Er kann zwar schnell Schachteln zusammenfalten und sich schnell verlieben, doch nach dem Tod seiner Mutter wäre er hilflos wie ein Kind. Er versucht, Hilfe bei einem Jugendfreund zu finden, der ihn einst vor Hänseleien wie ein Heiliger beschützt hatte. Doch es ist der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, den Freund zu behelligen.

Da ist eine alte Frau, die den Atombombenabwurf verletzt überlebt hat, und aufgewühlt durch eine Postkarte ihr Leben als verkrüppelte Hibakusha Revue passieren lässt. Insbesondere die Liebe ihres Lebens war ihr so nicht gegönnt; der Angebetete heiratete schließlich eine gesunde, unbeschwerte junge Frau. Ein wenig Trost findet sie in ihrem katholischen Glauben.

Da ist eine Ehefrau in den 30ern, die auf einem Grundstück lebt, auf dem Angehörige ihres Mannes beim Atombombenabwurf getötet wurden. Die Beziehung des Paares ist eher eine Zweckehe, daher setzt sie sich zum Ziel, einen 18-jährigen Fahrradmechaniker zu verführen. Am Jahrestag des Atombombenabwurfs hat sie schließlich sturmfrei, da sich ihre Schwiegereltern zu den Gedenkfeierlichkeiten begeben.

Da ist ein verlassener Ehemann, der seit dem Tod seiner kleinen Tochter unter extremen Alpträumen leidet. Das Meer scheint nachts bis in seine Wohnung in einem Hochhaus vorzudringen und es wird zu seiner fixen Idee, dass dies kein Traum ist, sondern Realität. Christliche Mythen und die Erfahrungen einer Hibakusha scheinen ihm einen Weg aus seinen Wahnvorstellungen zu deuten.

Und da ist ein älterer Mann, der seine persönlichen Atombombenerfahrungen zu Papier bringt: nämlich dass in seinem Geburtsregister weder eine Mutter noch ein Vater verzeichnet ist. Als Neugeborener wurde er in den Trümmern der Stadt gefunden und von Adoptiveltern aufgezogen. Als nicht-leiblicher Sohn leidet er unter Komplexen, keinen Bezug zu dem Besitz seiner zwischenzeitlich verstorbenen Adoptiveltern zu haben.

Obwohl Yuichi Seirai laut einem Interview auf der Homepage des Hiroshima Media Peace Center der Meinung ist, dass nur die Atombombenerzählungen von Zeitzeugen realistisch sein können, schreibt der Autor mit „Ground Zero Nagasaki“ Geschichten, die unter die Haut gehen und einem auch das eine oder andere Tränchen ins Auge treiben können. Da sind einerseits die individuellen Schicksale, die berühren. Andererseits werden auch die großen Fragen zum Atombombenabwurf gestellt, die für das christliche Nagasaki typisch sein mögen: Wie kann man noch an einen christlichen Gott glauben, der solches Grauen zulässt?

„Ground Zero Nagasaki“ zeichnet sich auch dadurch aus, dass der Autor Yuichi Seirai die verschiedenartigsten Charaktere hervorragend herausarbeitet. Von der alten Hibakusha über einen liebestollen, aber in seiner Entwicklung zurückgebliebenen Mann in den 40ern bis hin zu einer 30-Jährigen, die sich selbst noch einmal die eigene Attraktivität beweisen möchte, gerinnen alle Figuren zu einer Anschaulichkeit, die man selten in Erzählungen so gelungen findet.

Bibliographische Angaben:
Seirai, Yuichi: „Ground Zero Nagasaki“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-936018-87-5

Freitag, 27. Dezember 2013

„Der Samurai“ von Shusaku Endo

Shusaku Endos Roman „Der Samurai“ basiert auf geschichtlichen Tatsachen: 1613 wurden Gesandte, darunter der Samurai Rokuemon Hasekura, als Botschafter Japans nach Mexiko geschickt, um Handelsbeziehungen mit den von Spanien regierten Ländern aufzunehmen. „Der Samurai“ lehnt sich jedoch nur an diese historischen Hintergründe an; Shusaku Endo schreibt seine eigene Geschichte rund um den Samurai Rokuemon Hasekura.

So trifft ihn das Los, an dieser Mission teilzunehmen, recht unvermittelt. Er legt keinerlei Wert auf Ruhm oder Weltentdeckung. Vielmehr würde er sehr viel lieber in seinem Tal bleiben und das harte Leben der Bauern teilen. Doch die Entscheidung des Fürsten ist nicht anfechtbar – Rokuemon muss sein Tal und seine Familie auf unbestimmte Zeit verlassen und in die weite, unbekannte Welt hinaussegeln.

Begleitet wird die Mission vom Franziskanermönch Velasco, dem der Sinn nach etwas ganz anderem als der Aufnahme von Handelsbeziehungen steht. Er will die Christianisierung Japans vorantreiben, um sich schließlich die Bischofswürde zu sichern. So beginnt er, ein falsches Spiel zu treiben und die Gesandtschaft für seine Zwecke zu missbrauchen. Die Japaner, die weder vertraut mit dem Spanischen noch mit den Eigenarten der katholischen Welt sind, sind für Velasco nur allzu leicht zu manipulieren. Von Mexiko aus lockt er die Gesanten weiter nach Europa. Da für die Japaner nur die Erfüllung ihres Auftrags zählt, lassen sie sich auf die lange Schiffsreise nach Europa ein – und treten schließlich sogar zum katholischen Glauben über.

[Achtung: Spoiler!] Dass die Mission der Samurai nicht vom Erfolg gekrönt sein wird, geht bereits aus dem historischen Kontext hervor. Denn während der Abwesenheit der Gesandten, ändert sich das politische und religiöse Klima in Japan. Christen werden aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit verfolgt; die Machthaber sind an Handelsbeziehungen mit Spanien nicht mehr interessiert. So sind nicht nur alle Entbehrungen der Gesandten für die Katz; sie geraten nach ihrer Rückkehr gar zwischen die Mühlen des Politapparats.

Da auch der Klappentext die Erfolglosigkeit der Gesandtschaft vorweg nimmt, liest sich „Der Samurai“ nur mäßig spannend. Besonders der Charakter des heimtückischen Missionars Velasco wird durch Passagen als Ich-Erzählung herausgearbeitet. Der Samurai Rokuemon Hasekura bleibt dagegen recht farblos, was schade ist, da der Titel des Romans ihn als Hauptfigur benennt.

Shusaku Endo, selbst Katholik, spart jedoch auch nicht an Kritik an der institutionalisierten katholischen Kirche. Diese hat sich viel zu weit um Ursprung entfernt und pflegt ihre Organisation in ihrer Struktur und Repräsentation mehr, als sich um die praktische Seelsorge zu kümmern. Daher sei „Der Samurai“ besonders den Lesern ans Herz gelegt, die sich für den Autor Shusaku Endo und sein Verhältnis zum katholischen Glauben interessieren.

Bibliographische Angaben:
Endo, Shusaku: „Der Samurai“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Franz Schneekluth Verlag, München 1987, ISBN 3-7951-0892-6

Montag, 30. Januar 2012

„Schweigen“ von Shusaku Endo

Schweigen breitet sich über das Japan des 17. Jahrhunderts – das Schweigen Gottes zum Märtyrertum der zum katholischen Glauben übergetretenen Japaner, die im Meer gekreuzigt werden; die kopfüber mit offenen Wunden hinter der Ohren in Gruben gehängt werden, um dort elendig zu verbluten; die mit kochendem Wasser gefoltert werden; die bewegungsunfähig im Meer versenkt werden. Doch auch die japanischen Christen schweigen – aus Angst vor Verfolgung.

Shusaku Endo erzählt die Geschichte zweier europäischer Priester in Japan nach, die im 17. Jahrhundert tatsächlich zur Mission nach Japan gingen: Pater Ferreira und Pater Chiara, der bei Shusaku Endo dem Leser jedoch als Pater Rodriguez begegnet. Nachdem Rodriguez im europäischen Heimatland davon erfahren hat, dass Pater Ferreira unter japanischer Folter vom Glauben abgefallen sei, begibt er sich mit zwei gleich gesinnten Priestern auf den Weg nach Japan. Die Strapazen auf See sind groß, doch schließlich treffen sie mehr oder weniger wohlbehalten in Macao ein. Da der Dritte im Bunde schwer an Malaria erkrankt ist, können sich nur Pater Rodriguez und Pater Garpe auf die letzte Etappe machen. Da die Einreise nach Japan für katholische Priester verboten ist, finanzieren sie eine illegale Überfahrt und nehmen dabei einen Japaner mit an Bord, der vor Ort als Verbindungsmann dienen soll.

Die Priester werden von den katholischen Bauern in Japan freudig empfangen. Doch Gefahr ist jederzeit in Verzug: Japanische Beamte kontrollieren permanent die Bevölkerung, ob Katholiken im Geheimen den verbotenen Glauben praktizieren. Darüber hinaus befindet sich ein Judas unter den Bekannten der Priester – der Verrat ist vorprogrammiert.

Shusaku Endo zeichnet nicht nur die Geschichte der Christenverfolgung in Japan nach. Er sinniert in „Schweigen“ auch über den Erfolg von katholischer Missionstätigkeit: War Japan nicht ohnehin ein Sumpf für den Katholizismus – die Wurzeln trafen auf keinen fruchtbaren Boden, sondern waren dazu verdammt, zu verfaulen? Und verehrten die konvertierten Japaner nicht ohnehin einen Gott, der nicht dem der katholischen Kirche entsprach, sondern der kulturell bedingt modifiziert wurde? Aufgrund dieser umstrittenen Thesen provozierte Shusaku Endos Roman „Schweigen“ Teile der japanischen Christen und sorgte für erhebliche Entrüstung.