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Donnerstag, 29. September 2016

„Lebensgeister“ von Banana Yoshimoto

Der neue Kurzroman „Lebensgeister“ von Banana Yoshimoto hat mich leider nicht sonderlich überzeugt. Auf knapp 160 Seiten geht aus um typische Yoshimoto-Themen, die eigentlich das Zeug für ein interessantes Werk haben: Verlust durch Tod, die große Liebe des Lebens, Freundschaften und Grenzgänge.

Die Protagonistin Sayoko und ihr Freund Yoichi hatten einen schweren Autounfall, bei dem Yoichi ums Leben kommt. Sayoko hatte eine Nahtoderfahrung: In der Zwischenwelt trifft sie auf ihren verstorbenen Hund und ihren Großvater, den sie besonders ins Herz geschlossen hatte. Der Großvater schickt sie zurück ins Reich der Lebenden; ihre Zeit dort ist noch nicht abgelaufen.

Sayoko tut sich anfangs natürlich schwer, zurück in einen Alltag zu finden. Ihre körperlichen Verletzungen müssen erst ausheilen; ganz zu schweigen von den seelischen. Die Hoffnung, von Yoichi schwanger zu sein, zerschlägt sich leider jäh, als sie ihre Periode bekommt. Sie zieht zurück zu ihren Eltern, die aber auch nicht so recht wissen, wie sie ihrer Tochter weiterhelfen können. Denn Sayoko hat sich verändert: Seit der Nahtoderfahrung kann sie Geister sehen, was sie jedoch nicht weiter stört, sondern als natürliche Folge ihres Grenzgangs zwischen den Welten empfindet.

Interessant wird der Kurzroman, als zwei Männer auftauchen, die ebenfalls ein Gespür für das Übersinnliche haben. Da wäre einerseits der schwule Ataru, der seine geliebte Mutter plötzlich verloren hat. Die Mutter erscheint regelmäßig als Geist in einer alten Villa, in der sie früher gewohnt hatte. Für Sayoko wird das Zimmer von Atarus Mutter zur neuen Heimat - und Ataru wird gewissermaßen zu einer Art WG-Mitbewohner.

Und dann ist da noch der Barbesitzer Shingaki, in dessen Kneipe Sayoko Stammgast ist. Der aus Okinawa stammende Shingaki sieht ebenfalls Geister und empfiehlt Sayoko zum Unfallort zurückzukehren, um dort ihren Nabel (sprich: ihre Seele) aufzulesen, den sie dort verloren hat.

An sich sind die Zutaten für einen ordentlichen Banana Yoshimoto-Roman in „Lebensgeister“ enthalten. Doch leider wirkt er auf mich ein bisschen halbgar und schal. Das mag daran liegen, dass ein stärkerer Fokus auf Sayokos Beziehungen zu Ataru und Shingaki der Handlung sicherlich gut getan hätte. Stattdessen werden Begegnungen mit Personen illustriert, die eigentlich nicht viel zum Plot beitragen. Dabei sind ausgearbeitete Beziehungskonstellationen, die zur „Heilung“ einer Person führen, doch gerade die Spezialität der Autorin. Statt dessen springt die Handlung von Tokio nach Kioto, von der einen Bar zur anderen, von einer Person zur nächsten. So fängt der Roman den Leser leider bei Weitem nicht so ein, wie andere Banana Yoshimoto-Werke.

Bibliographische Angaben:
Yoshimoto, Banana: „Lebensgeister“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Eggenberg, Thomas), Diogenes, Zürich 2016, ISBN 978-3-257-30042-0

Sonntag, 10. Januar 2016

„Ein Kirschbaum im Winter“ von Yasunari Kawabata

Zentrum von Yasunari Kawabatas „Ein Kirschbaum im Winter“ ist das Familienoberhaupt Shingo Ogata. Shingo hat seinerzeit die jüngere Schwester seiner toten Angebeteten geheiratet. Allerdings reicht seine Ehefrau Yasuko bei Weitem nicht die Schönheit der Verstorbenen heran. Shingo und Yasuko haben zwei verheiratete Kinder: Der Sohn Shuichi hat die schöne Kikuko geehelicht, mit der er ganz traditionell bei seinen Eltern wohnt. Shuichi hat jedoch eine außereheliche Liebschaft, unter der Kikuko sehr leidet. Die Tochter Fusako ist ebenfalls nicht glücklich in ihrer Ehe: Ihr Mann Aihara ist drogensüchtig, es kommt oftmals zum Streit. Zusammen mit ihren Töchtern Satoko und Kuniko wird Fusako bald zurück zu den Eltern ziehen.

Shingo ist ganz bezaubert von der Schönheit seiner Schwiegertochter Kikuko – sucht er doch umsonst die Anmut der Jugendliebe in seinen weiblichen Blutsverwandten. Da sein Sohn Shuichi Kikuko kaum Aufmerksamkeit zukommen lässt, versucht Shingo dies mit besonders nettem Verhalten Kikuko gegenüber auszugleichen – sehr zum Ärgernis seiner Tochter Fusako. Shingo hofft darauf, dass Shuichi seine Affäre bald beendet, doch ist er recht phlegmatisch und drängt kaum seinerseits darauf, dass Shuichi seiner Ehefrau treu zu sein hat. Doch ohne die Trennung Shuichis von seiner Geliebten ist der Familienfrieden bedroht.

Yasunari Kawabatas „Ein Kirschbaum im Winter“ mag auf den ersten Blick etwas langatmig und dröge vorkommen; insbesondere wenn man sich noch nicht allzu sehr mit den Eigenheiten von japanischer Literatur befasst hat. Denn Shuichi zögert zu sehr, beobachtet sehr viel und erweist sich nicht als ein starker Protagonist.

Stattdessen erwartet den Leser ein großes Spektrum an verschiedenen Themen, die parallel in die Familiengeschichte von Shingo eingeflochten werden. Da geht es einerseits noch um klassisch-traditionelle Familienstrukturen und andererseits um moderne Frauen, die unabhängig von Männern ihr Leben führen können/müssen. Da geht es um den Wert der Schönheit und der Anmut in der japanischen Kultur. Metaphysische Erlebnisse, böse Omen und Traumdeutungen paaren sich mit dem für die japanische Literatur typischen Motiv der Jahreszeiten, die durch die Betrachtung von Pflanzen vermittelt werden. Reminiszenzen an verschiedene Kulturbereiche wie das No-Theater, Malerei (Stichwort: Kazan Watanabe) und Literatur (Stichwort: Ogai Mori) lassen en passant kurz in die japanische (Hoch-)Kultur eintauchen. Und dann gibt es auch noch die Eigenheiten des Doppelselbstmords, die Abfindungen für Geliebte und die Quasi-Selbstverständlichkeit von Abtreibungen. Aber auch ganz abseits von japanischen Themen geht es auch um das Altern, den Verfall und den Tod. All das und sicherlich noch einige mehr Aspekte machen den vielschichtigen Roman aus, auf den man sich als Leser auch einlassen muss.

Interessant ist es sicherlich, Junichiro Tanizakis „Tagebuch eines alten Narren“ im Vergleich zu lesen. Obwohl es im Junichiro Tanizaki-Werk ebenfalls um eine Schwiegervater-Schwiegertochter-Beziehung und das Altern geht, verorten sich „Tagebuch eines alten Narren“ und „Ein Kirschbaum im Winter“ äußerst verschieden.

Bibliographische Angaben:

Kawabata, Junichiro: „Ein Kirschbaum im Winter“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried & Kure, Misako) DTV, München 1971, ISBN 3-423-00793-1

Montag, 17. Februar 2014

„Ground Zero Nagasaki“ von Yuichi Seirai

Nagasaki steht für den zweiten Atombombenabwurf über Japan, aber auch für eine christliche Hochburg und die Christenverfolgung in Japan. Yuichi Seirai widmet seiner Heimatstadt mit „Ground Zero Nagasaki“ sechs Erzählungen, die fiktive Einzelschicksale in Nagasaki illustrieren.

Da ist ein älteres Ehepaar, das sich gezwungen sieht, seinen angestammten Familienbesitz zu veräußern. Dies ist einerseits besonders bitter, da sich früher im Nebenhaus die Angehörigen zur Ausübung des christlichen Glaubens getroffen hatten. Andererseits weil ihr schizophrener Sohn Schuld auf sich geladen hat, die nicht zu tilgen ist.

Da ist ein psychisch zurückgebliebener Mann in den 40ern, dessen Mutter im Sterben liegt. Er kann zwar schnell Schachteln zusammenfalten und sich schnell verlieben, doch nach dem Tod seiner Mutter wäre er hilflos wie ein Kind. Er versucht, Hilfe bei einem Jugendfreund zu finden, der ihn einst vor Hänseleien wie ein Heiliger beschützt hatte. Doch es ist der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, den Freund zu behelligen.

Da ist eine alte Frau, die den Atombombenabwurf verletzt überlebt hat, und aufgewühlt durch eine Postkarte ihr Leben als verkrüppelte Hibakusha Revue passieren lässt. Insbesondere die Liebe ihres Lebens war ihr so nicht gegönnt; der Angebetete heiratete schließlich eine gesunde, unbeschwerte junge Frau. Ein wenig Trost findet sie in ihrem katholischen Glauben.

Da ist eine Ehefrau in den 30ern, die auf einem Grundstück lebt, auf dem Angehörige ihres Mannes beim Atombombenabwurf getötet wurden. Die Beziehung des Paares ist eher eine Zweckehe, daher setzt sie sich zum Ziel, einen 18-jährigen Fahrradmechaniker zu verführen. Am Jahrestag des Atombombenabwurfs hat sie schließlich sturmfrei, da sich ihre Schwiegereltern zu den Gedenkfeierlichkeiten begeben.

Da ist ein verlassener Ehemann, der seit dem Tod seiner kleinen Tochter unter extremen Alpträumen leidet. Das Meer scheint nachts bis in seine Wohnung in einem Hochhaus vorzudringen und es wird zu seiner fixen Idee, dass dies kein Traum ist, sondern Realität. Christliche Mythen und die Erfahrungen einer Hibakusha scheinen ihm einen Weg aus seinen Wahnvorstellungen zu deuten.

Und da ist ein älterer Mann, der seine persönlichen Atombombenerfahrungen zu Papier bringt: nämlich dass in seinem Geburtsregister weder eine Mutter noch ein Vater verzeichnet ist. Als Neugeborener wurde er in den Trümmern der Stadt gefunden und von Adoptiveltern aufgezogen. Als nicht-leiblicher Sohn leidet er unter Komplexen, keinen Bezug zu dem Besitz seiner zwischenzeitlich verstorbenen Adoptiveltern zu haben.

Obwohl Yuichi Seirai laut einem Interview auf der Homepage des Hiroshima Media Peace Center der Meinung ist, dass nur die Atombombenerzählungen von Zeitzeugen realistisch sein können, schreibt der Autor mit „Ground Zero Nagasaki“ Geschichten, die unter die Haut gehen und einem auch das eine oder andere Tränchen ins Auge treiben können. Da sind einerseits die individuellen Schicksale, die berühren. Andererseits werden auch die großen Fragen zum Atombombenabwurf gestellt, die für das christliche Nagasaki typisch sein mögen: Wie kann man noch an einen christlichen Gott glauben, der solches Grauen zulässt?

„Ground Zero Nagasaki“ zeichnet sich auch dadurch aus, dass der Autor Yuichi Seirai die verschiedenartigsten Charaktere hervorragend herausarbeitet. Von der alten Hibakusha über einen liebestollen, aber in seiner Entwicklung zurückgebliebenen Mann in den 40ern bis hin zu einer 30-Jährigen, die sich selbst noch einmal die eigene Attraktivität beweisen möchte, gerinnen alle Figuren zu einer Anschaulichkeit, die man selten in Erzählungen so gelungen findet.

Bibliographische Angaben:
Seirai, Yuichi: „Ground Zero Nagasaki“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-936018-87-5

Freitag, 24. Januar 2014

„Der Graben“ von Koji Suzuki

Wenn man die aktuellen Bewertungen auf Amazon ansieht, dann kommt Koji Suzuki derzeit bei fünf Bewertungen auf einen Stern von fünf möglichen. Die Überschriften der Kommentare lauten „Bis zur Hälfte ok und dann einfach nur schlecht“, „Meister der Langeweile“, „[Das] Langweiligste Buch der letzten Jahre“, „Wenn kein Stern ginge, dann gäbe es hier keinen“ und „Gähnende Langeweile“. Schlimmer geht’s eigentlich nimmer.

So entsetzlich empfand ich Koji Suzukis „Der Graben“ dann aber doch nicht. Fakt ist allerdings leider, dass der Verlag mit seiner Covergestaltung und -beschriftung völlig falsche Erwartungen schürt. Da wird die Times zitiert, die von eiskaltem Horror und dem Meister des Schreckens spricht oder der Las Vegas Mercury, der Koji Suzuki mit Stephen King vergleicht. Im Klappentext wird von einem unfassbaren Alptraum und einem Crescendo des Grauens gesprochen. Dann ist die Coverline „Der Graben“ auch noch blutbesudelt, um rohe Gewalt und schiere Blutgier zu illustrieren. Von all dem findet man leider kaum etwas bis gar nichts in Koji Suzukis „Der Graben“. Dem Heyne Verlag gelingt eine komplette Themaverfehlung in der bildlichen und textlichen Gestaltung des Covers. Kein Wunder also, wenn die Käufer enttäuscht sind. Wäre der Roman nicht so heischerisch angepriesen worden, sondern als Science Fiction mit viel mathematisch-naturwissenschaftlichem Hintergrund angekündigt worden, wäre „Der Graben“ die Häme auf Amazon vielleicht erspart worden. Ein Thriller ist „Der Graben“ definitiv nicht.

Um was geht es? Seltsame Dinge geschehen auf der Welt und im Weltraum. Sterne lösen sich auf, der Wert von Pi ändert sich und Menschen verschwinden plötzlich spurlos. Saeko, Mitte 30, übernimmt die Recherchen für ein Magazin, um Licht ins Dunkel eines Vermisstenfalls zu bringen. Saeko, die selbst noch immer unter dem Verschwinden ihres eigenen Vaters vor Jahren leidet, bürdet sich damit eine psychische Belastung auf, da alte Wunden aufgerissen werden. Doch sie ist nicht allein, sondern wird von einem Fernsehregisseur und einem Privatdetektiv unterstützt. Die mysteriöse Serie von Vermisstenfällen gipfelt darin, dass sich ganze Reisegruppen in Luft auflösen. Saeko und ihre Getreuen bemerken, dass die Menschen besonders an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten verschwinden und glauben, ein Muster zu erkennen. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Wer keine Lust auf die vielen Hintergrundinformationen aus Mathematik, Physik und Evolutionsgeschichte hat, den wird „Der Graben“ sicherlich entsetzlich langweilen. Hinzu kommt, dass man mit der Figur der Saeko irgendwie nicht recht warm wird. Leider baut Koji Suzuki zum Ende hin noch eine solch unglaublich dämliche Wendung ein, wie Saeko das Verschwinden ihres Vaters aufklärt, dass man wirklich nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Bis zu diesem Zeitpunkt kann man dem Roman ja wenigstens noch wissenschaftlichen Anspruch zu Gute halten, aber als dann plötzlich die Mystik ins Spiel kommt, wird das Ende des Romans vergeigt. Ich habe sicherlich schon schlechtere Bücher als Koji Suzukis „Der Graben“ gelesen (worunter unter anderem „The Ring II – Spiral“ desselben Autors fällt). Sicherlich werden Science Fiction-Fans, die großen Wert auf Science legen, dem Buch mehr Wertschätzung entgegen bringen als die Amazon-Rezensenten, die zu Recht ihrer Enttäuschung Luft machen, hält der Roman doch keines der Versprechen, die auf dem Cover und dem Klappentext kundgetan werden.

Bibliographische Angaben:
Suzuki, Koji: „Der Graben“ (Übersetzung aus dem Amerikanisch-Englischen: Marburger, Katrin), Heyne, München 2014, ISBN 978-3-453-43744-9

Samstag, 11. Januar 2014

„Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami

Die „Années de Pèlerinage“ von Franz Liszt, die Pilgerjahre, und insbesondere das Stück „Le mal du pays“ begleiten den zwischenzeitlich 36-jährigen Tsukuru Tazaki seit seiner Schulzeit. Die engelsgleiche Shiro hatte damals das Klavierstück öfter gespielt. Doch zu Shiro hat Tsukuru seit 16 Jahren keinen Kontakt mehr. Denn irgendetwas ist vorgefallen, das Anlass war, Tsukuru für immer aus seiner Clique zu verstoßen. Diese Clique war gar mehr als ein Freundeskreis; sie war die perfekt austarierte Harmonie, fünf Teenager die einen optimalen Kreis bildeten. Mit einem kleinen Schönheitsfehler: Während vier davon in ihrem Nachnamen eine Farbe (Aka, Ao, Shiro und Kuro = Rot, Blau, Weiß und Schwarz) trugen, war das bei Tsukuru nicht der Fall. Er war in diesem Sinne farblos.

Als Tsukuru nach Tokio zum Studieren gegangen war, erhielt er einen überraschenden Anruf eines der Freunde – er solle sich gefälligst nie wieder bei ihnen melden, sie wollen nie wieder Kontakt mit ihm haben. Diese Nachricht stürzte ihn in eine tiefe Depression, die ihm den Tod immer näher brachte. Doch Tsukuru überwand diese schwierige Phase und lebte fort – wenn auch nicht in Saus und Braus, doch überlebte er den Verstoß durch die Freunde, die ihm die Welt bedeutetet hatten. Dennoch fühlte sich Tsukuru leer, farblos und langweilig. Zwischenzeitlich fand er nur einen Freund (mit einer Farbe im Namen), der ihn jedoch auch bald für immer verließ.

Als Tsukuru mit 36 die zwei Jahre ältere Sara kennenlernt, bemerkt diese, dass Tsukuru ein unverarbeiteter Schmerz inne wohnt. Bevor sie sich mit ihm einlassen will, stellt sie ihm die Bedingung, sich mit seinen vier Freunden auszusprechen. Sie steht im mit Rat und Tat bei Seite, um die jeweiligen Treffen zu arrangieren. Schritt für Schritt erfährt Tsukuru, warum seine Freunde ihn aus ihrer Mitte verstoßen haben.

Dem ersten Kapitel von Haruki Murakamis „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ gelingt es noch nicht, den Leser zu fesseln. Das mag an den Personenbeschreibungen liegen, die an faktische Aufzählungen erinnern und so ein recht nüchternes Bild der Charaktere zeichnen. Auch die tiefe Verzweiflung des Tsukuru war für mich nicht recht greifbar. Gott sei Dank rücken die Figuren in den folgenden Kapiteln etwas näher; man beginnt mit Tsukuru mitzuleiden.

Aus der Erzählstruktur wurde mir nicht hundertprozentig klar, ob es sich um einen auktorialen Erzähler handelt. Zu Beginn deutet nur ein Satz darauf hin, dass eine Reflektorfigur erzählen könnte:

„Ich weiß nicht, ob man es einen Zufall nennen kann…“ (S. 11)

Gegen den auktorialen Erzähler spricht, dass Tsukuru anfangs als eine Figur ohne wesentliche Eigenschaften geschildert wird, Tsukurus Freunde dem später aber vehement widersprechen. Die Widersprüchlichkeit von (scheinbarer) Faktizität und der Subjektivität der Charkatere muss der Leser mit sich aushandeln.

Viele typische Murakami-Elemente tauchen auch in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ auf: Die wunderbare und geheimnisvolle Frau; Schwimmen; ungewöhnliche Namen; ein Musikstück, das den Protagonisten begleitet; plötzliches Verschwinden von Personen; das Verlorensein in der Großstadt; das Gefühl, ein Versager zu sein. Die Grenzgänge, die manche Murakami-Romane beherrschen, sind jedoch nicht ganz so ausgeprägt.

Eine Identifikation mit dem Protagonisten fällt in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ etwas schwerer als mit den Charakteren anderer Murakami-Werke. Das mag daran liegen, dass die schicksalhafte Wendung 16 Jahre in der Vergangenheit angesiedelt ist und man Tsukuru als Menschen kennenlernt, in dem die Traurigkeit und die Einsamkeit bereits tief verwurzelt sind. Trotzdem geht einem der Schmerz freilich zu Herzen, doch betrachtet man Tsukuru stets aus einer beobachtenden Distanz und beginnt, ihn zu bemitleiden, statt sich mit ihm zu identifizieren. Sicherlich ist „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ gute Unterhaltung, die auch ernste Fragen (Kernfrage für mich: Wäre man heute der-/dieselbe, wenn damals dieses oder jenes nicht passiert wäre?) aufwirft, doch an ältere Murakami-Werke reicht der Roman für mich nicht heran.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2014, ISBN 978-3-8321-9748-3

Sonntag, 15. Dezember 2013

„The Ring III – Loop“ von Koji Suzuki

Kaoru ist ein Knirps mit beachtlichen Fähigkeiten. Er ist so intelligent, dass er sogar mit seinem Vater, einem Professor der Naturwissenschaften, fachliche Gespräche führen kann, bei denen die Mutter nicht mehr mitkommt. Das Familienleben der drei gestaltet sich sehr harmonisch. Dennoch hat Kaoru seit jeher das unheimliche Gefühl, von einer fremden Gewalt beobachtet zu werden. Bald wird die Idylle jedoch umso stärker bedroht: Eine ansteckende und besonders aggressive Krebsart breitet sich mit enormer Geschwindigkeit aus. Kaorus Vater ist auch betroffen, Kaorus Mutter beginnt in ihrer Verzweiflung immer wildere Theorien über die Bekämpfung des Krebses zu stricken.

Als Kaoru, zwischenzeitlich ein junger Mann und Medizinstudent, seinen Vater im Krankenhaus besucht, lernt er die schöne, verwitwete Reiko kennen, deren Sohn ebenfalls Krebspatient ist. Kaoru verliebt sich in die zehn Jahre ältere Frau.

Nach einem tragischen Zwischenfall beschließt Kaoru, in die USA zu reisen, um dem Geheimnis um die Entstehung des Krebses auf den Grund zu gehen. Das Ziel sind die Four Corners, die Stelle, an der die Staaten Utah, Colorado, New Mexico und Arizona aufeinander treffen. Denn diese Gegend scheint nicht nur unter physikalischen Gesichtspunkten außerordentlich, auch die indianischen Mythen scheinen auf eine Lösung des Rätsels an diesem Ort hinzuweisen. Zudem hatte sein Vater an einem Geheimprojekt, das in den Four Corners angesiedelt war, über die Entstehung des Lebens geforscht.

Erst in der zweiten Hälfte des Romans von Koji Suzuki klärt sich, wie sich das Werk zu den beiden älteren „The Ring“-Teilen verortet. Zwar nimmt „The Ring III – Loop“ gegen Ende ein bisschen Fahrt auf, aber im Grunde ist der dritte Teil weitgehend spannungslos. Die Handlung ist immer noch recht abstrus, wenn auch nicht ganz so hanebüchen wie in „The Ring II – Spiral“. Immerhin wartet der Roman mit einer wahrlich sehr verblüffenden Wendung der Geschehnisse auf.

Bibliographische Angaben:
Suzuki, Koji: „The Ring III – Loop“ (Übersetzung aus dem Englischen: Ruhl, Kristiana), Heyne, München 2004, 3-453-87805-1

Samstag, 2. November 2013

„The Ring II – Spiral“ von Koji Suzuki

Eines gleich vorweg – wer den ersten Teil von Koji Suzukis „The Ring“ noch mit Spannung lesen mag, der sollte hier stoppen: Akute Spoilergefahr im folgenden Text!

In „The Ring II – Spiral“ begegnet man einigen Bekannten aus „The Ring“ wieder – Protagonist ist aber diesmal der Gerichtsmediziner Ando. Andos Leben ist gerade alles andere als ein Zuckerschlecken: Nachdem sein Sohn im Meer ertrunken ist, lasten nicht nur enorme Schuldgefühle auf Ando, da er den Kleinen nicht retten konnte. Auch seine Ehefrau macht ihm deswegen die Hölle heiß, lässt sich scheiden und vereitelt Andos Karriereaussichten. Eines Tages landet die Leiche von Ryuji auf seinem Obduktionstisch. Andos Aufmerksamkeit für Ryujis mysteriöses Dahinscheiden ist nicht nur deswegen geweckt, weil er ein ehemaliger Mitschüler von Ryuji ist, sondern auch weil er glaubt, Ryuji möchte ihm aus dem Totenreich etwas mitteilen. Auch der Befund macht Ando und dessen Kollegen Miyashita neugierig: Ist Ryuji an einer neuartigen Form der Pocken verstorben?

Ando lernt Ryujis attraktive Freundin Mai kennen und erfährt von ihr, dass Ryuji während seinen letzten Tagen mit Asakawa unterwegs war. Gerne würde Ando von Asakawa mehr über ein mysteriöses Video erfahren – doch Asakawa ist nach dem Tod seiner Ehefrau und Tochter nicht mehr bei Sinnen. Daher begibt sich Ando auf die Suche nach den Aufzeichnungen Asakawas, die hoffentlich Licht ins Dunkel der Ermittlungen bringen sollen. Als die schöne Mai spurlos verschwindet, forciert Ando die Aufklärungsarbeit.

Der Leser folgt nun erneut einer Spürnase, wie sie das Rätsel von „The Ring“ zu lösen versucht. Vieles doppelt sich daher, aber die Neugier wird sehr früh entfacht: Warum bloß hat Asakawas Versuch, seine Angehörigen zu retten, nicht gefruchtet? Er hatte doch das Patentrezept gefunden, wie der Fluch aufzuheben ist. Oder etwa doch nicht?

Während „The Ring“ schon etwas abstrus war, so wird es in „The Ring II – Spiral“ richtiggehend hanebüchen. Zugegebenermaßen wird durchaus Spannung aufgebaut, doch an anderen Stellen ist der Roman zu sehr vorhersehbar. Und von Psychohorror kann erst recht keine Rede sein. Der Bösewicht kommt sogar regelrecht sympathisch rüber. Meiner Meinung hätte Koji Suzuki besser den ersten Teil seines Romans alleine stehen gelassen. Besser wird’s mit „The Ring III – Loop“ und „The Ring 0 – Birthday“ sicherlich auch nicht mehr…

Bibliographische Angaben:
Suzuki, Koji: „The Ring II – Spiral“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Heindorf, Viktoria & Tomonaga, Hiroguchi), Heyne, München 2003, ISBN 978-3-453873865

Mittwoch, 7. August 2013

„Im Umbau“ von Ogai Mori

Dank des besonders informativen Nachworts von Wolfgang Schamoni wird „Im Umbau“ zum Ogai Mori-Leckerbissen. Denn der Band enthält nicht nur die biographisch angelehnten Erzählungen „Die Tänzerin“ (aka „Das Ballettmädchen“), „Wellenschaum“ und „Der Bote“, die jeweils in Deutschland spielen, sondern auch weitere Werke, die einen Einblick in die Vergangenheit und die Ansichten des Ogai Mori zulassen.

Elise Weigert war in der Realität Ogai Moris Freundin in Berlin, die er aufgrund von äußerem Druck in Deutschland zurücklassen musste – eine Ehe des japanischen Militärarztes mit der Deutschen war schlichtweg undenkbar. Dieser unglücklichen Liebe ist „Die Tänzerin“ gewidmet: Ein japanischer Student lernt die Halbwaise und Tänzerin Elise kennen. Verunglimpft durch seine Landsleute verliert der Student sein Stipendium und zieht aus Geldnot bei Elise und deren Mutter ein. Doch als er die Möglichkeit erhält, sich bei den Japanern zu rehabilitieren, wird er vor die Wahl gestellt: Japan oder Elise…

Besonders fasziniert hat mich aber die Erzählung „Wellenschaum“, die in München und am Starnberger See spielt. Wiederum ein japanischer Student wird von dem Maler Exter in die Studentengemeinschaft der Münchner Kunstakademie eingeführt. Treffpunkt der angehenden Künstler ist das Café Minerva in der Akademiestraße 9. Hier macht der Japaner Kose mit einer adretten, aber rätselhaften jungen Frau Bekanntschaft. Es stellt sich nicht nur heraus, dass Kose sie bei einem vorhergehenden München-Aufenthalt aus einer prekären Lage gerettet hat, sondern dass sie ohnehin eine sehr ungewöhnliche Vergangenheit hat, die sich auch auf das Schicksal Ludwigs II. auswirken wird. Zwar ist die Geschichte um den bayerischen Kini freilich in der Phantasie angesiedelt, die Beschreibung von München und der Studentenszene fußt jedoch auf eigenen Erfahrungen von Ogai Mori und dessen Freund Naojiro Harada, der als erster Japaner an der Münchner Kunstakademie studierte und auch tatsächlich mit dem Maler Exter bekannt war.

Darüber hinaus enthält „Im Umbau“ aber auch Erzählungen, die im Japan zu Ogai Moris Lebenszeit spielen und solche, die Ereignisse aus der japanischen Geschichte aufnehmen. Insbesondere letztere zeigen leicht versteckte Kritik an der japanischen Gesellschaft und deren Moralvorstellungen. Alles in allem zeigt der Band viele verschiedene Facetten des Literaten Ogai Mori. Dank der zahlreichen Fußnoten lassen sich viele Andeutungen gut einordnen; insbesondere wenn es um Ogai Moris Geliebte Elise und seine Erlebnisse in Deutschland geht.

Bibliographische Angaben:
Mori, Ogai: „Im Umbau“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schamoni, Wolfgang), Insel Verlag, Frankfurt/Main 1989, ISBN 3-458-16015-9

Sonntag, 13. Januar 2013

„Verwandte des Lebens“ von Kenzaburo Oe

„Verwandte des Lebens“ oder im Spanischen „parientes de la vida“, das sind die traurigen Erlebnisse, die das Leben mit sich bringt. Die Hauptperson in Kenzaburo Oes Roman ist Marie Kuraki, der das Leben viel zu viele dieser traurigen Geschehnisse bereitet. Aus der Sicht des Ich-Erzählers K., seines Zeichens Autor und Vater des behinderten Hikari (sprich: Kenzaburo Oe selbst), wird die Lebensgeschichte von Marie rekapituliert.

Marie ist Mutter von zwei Söhnen. Der ältere der beiden, Musan, ist wie Hikari geistig behindert. Marie verlässt schließlich ihren Mann und ihren jüngeren Sohn Michio, um sich zusammen mit ihrer Mutter ausschließlich um Musan zu kümmern. Doch als Michio einen schweren Unfall erleidet und künftig an den Rollstuhl gefesselt ist, tun sich die Elternteile mit den beiden behinderten Kindern wieder zusammen. Diese Entscheidung hat fatale Folgen: Der lebensmüde Michio überredet Musan, zusammen mit ihm ans Meer zu fahren und sich dort in den Tod zu stürzen.

Die Eltern trifft der gemeinsame Selbstmord der Söhne hart: Marie trennt sich von ihrem Ehemann, vegetiert tageweise in ihrer Wohnung. Durch Unterstützung aus ihrem Umfeld lenkt sie sich mit der Organisation eines Theatergastspiels ab. Doch schließlich zieht es sie in eine christliche Sekte, die von „Väterchen Tutor“ geleitet wird. Mit dieser Sekte geht sie schließlich in die USA, von dort in eine Kommune nach Mexiko, wo sie unheilbar an Krebs erkrankt. Währenddessen säuft sich ihr in Japan zurückgelassener Ehemann zu Tode.

K. ist immer wieder Anlaufstelle von Marie. Er erhält sowohl von ihr als auch von ihrem Ehemann Briefe, er besucht sie, sie besucht ihn. Es ist ein loser Kontakt, aber K. ist immer in etwa auf dem Laufenden, wie es Marie geht. Beide sind sehr belesen und philosophieren über die Aussagen von Literaten, insbesondere von Flannery O’Connor. Doch auch darüber hinaus ist „Verwandte des Lebens“ gespickt mit Zitaten von und Diskussionen über die Aussagen von Literaten: Yeats, Fitzgerald, Dante, Balzac – um nur einige zu nennen. Balzacs „Der Landpfarrer“ steht Pate für Maries weitere Entwicklung. Genauso wie Balzacs Protagonistin Véronique wird auch Marie das Büßerhemd anlegen und sich für ihre Mitmenschen aufopfern, um im Tod  die Erlösung zu finden.

Der Lebensweg von Marie ist gepflastert mit philosophischen und metaphysischen Gedankengängen. Insbesondere Maries esoterische Sektenerfahrungen lesen sich enorm zäh. Auch erschließt sich einem nicht, wie Marie aus diesem Glauben tatsächlich Kraft schöpfen kann – dies scheint sie eher zu tun, wenn sie sich hemmungslosem Sex hingeben kann. Interessant für mich war dagegen vor allem die Diskussion über Verstehbarkeit und Spürbarkeit. Denn spürbar ist der Tod ihrer Kinder auf unangenehmste Weise; wohingegen der Tod wohl nie zu verstehen sein wird.

So ganz schlüssig bin ich mir nicht geworden, was ich von „Verwandte des Lebens“ halten soll. Das Geplapper über Literaturaussagen hat mich weniger gestört als beispielsweise in „Therapiestation“, wo diese Diskussionen einfach nicht zu den Protagonisten gepasst haben. Dennoch bleibt einem die Marie Kuraki ein Rätsel, insbesondere was ihre Auffassung vom Glauben als auch ihre Beziehung zu K. betrifft. Ist nicht immer eine latente, manchmal auch offensive Anmache K. gegenüber zu spüren, obwohl sie mit K.s Ehefrau befreundet ist?

Und was ist die Moral der Geschichte? Traurigkeit ist eine „Verwandte des Lebens“? Und Marie bleibt nichts anderes übrig, als sich zeitlebens zu verausgaben, um die Kluft zwischen Spürbarem und Verstehbarem mit dem Büßerhemd der Arbeit zu überdecken, sich einfach nur abzulenken?

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Verwandte des Lebens“, Bebra, Berlin 1994, ISBN 3-86124-184-6

Sonntag, 27. November 2011

„Knabenjagd“ von Taeko Kono

Taeko Konos „Knabenjagd“ enthält neben der gleichnamigen Erzählung vier weitere namens „Krabben“, „Die letzten Stunden“, „Die Flut“ und „Eisenfisch“.

„Knabenjagd“ ist wohl die bekannteste Erzählung von Taeko Kono und auch ihre verstörendste: Akiko verspürt eine enorme Abneigung gegen kleine Mädchen im Alter zwischen drei und zehn Jahren. Umso mehr fühlt sie sich zu kleinen Jungen hingezogen. Am Ziel, Opernsängerin zu werden, ist Akiko gescheitert. Mit Übersetzungen verdient sie mehr schlecht als recht. Ihre forsche Art findet einen krassen Gegenpol in ihrer Sexualität: Sie liebt es, von ihrem Partner geschlagen zu werden. Die Brutalität der sadomasochistischen Praktiken steigert sich von Mal zu Mal. Die masochistisch veranlagte Akiko läuft Gefahr, ihre Lust mit dem Leben zu bezahlen. Vielleicht schlummert auch insgeheim dieser Wunsch in ihr. Denn auch in ihrer liebsten Fantasie wird ein kleiner Junge zu Tode geschlagen.

Yuko ist die Protagonistin in „Krabben“. Sie erholt sich gerade von ihrer Tuberkulose und bittet ihren Ehemann Kajii darum, zur Kur ans Meer fahren zu dürfen. Hier fühlt sie sich wie befreit und könnte sich gar vorstellen, ihren patriarchalischen Mann zu verlassen und in dem Küstenort neu anzufangen. Als ihr Neffe Takeshi mit seinen Eltern zu Besuch kommt, erreicht sie mit dem Versprechen, mit ihm Krabben suchen zu gehen, dass er bei ihr zwei Tage verbringt, bis Kajii sie aufsuchen wird. Doch das scheinbar einfache Unterfangen, am Strand eine Krabbe zu finden, erweist sich als ein Projekt der Unmöglichkeit.

„Die letzten Stunden“ sind die von Noriko, die in 26 Stunden sterben soll. In dieser Situation beginnt sie über ihre Ehe mit Asari nachzudenken. Die Ehepartner lieben sich, aber im Alltag gibt es keine Auseinandersetzungen. Noriko nimmt gar von ihrer Vorgängerin vergessene Gegenstände dankbar als Geschenke von Asari an. Kann man dies als eine richtige Ehe bezeichnen? Oder sind sie nur eine Frau und ein Mann, die zusammenleben?

Ein 12-jähriges Mädchen erlebt in „Die Flut“ den Beginn des zweiten Weltkriegs, der in Kontrast zum beschaulichen Leben zuvor illustriert wird. Kriegsschiffe halten eine Parade ab, die Kinder werden auf Tapferkeit und Fleiß eingeschworen, Feuerwerke dürfen nicht mehr stattfinden, der Klassenlehrer wird eingezogen und für die Schuluniform kann nur noch minderwertiger Stoff verarbeitet werden.

Die Frau hat ihren Ehemann verloren, da er in den „Eisenfisch“ stieg, der gegen den Rumpf des Riesenfisch rammte. Nun wird ihr Ehemann in einem Heiligtum verehrt. So lautet die Umschreibung der Frau für den Tod ihres Manns als menschlicher Torpedo im zweiten Weltkrieg. Das Heiligtum ist der Yasukuni-Schrein, der den gefallenen japanischen Soldaten gewidmet ist. Erst Jahre nach Kriegsende findet die Frau die Kraft, den Schrein und insbesondere einen ausgestellten Torpedo zu besichtigen. Doch sie kann sich den Schrecken des Krieges nur stellen, indem sie verklausuliert von Eisenfischen und Riesenfischen spricht.

Mit Ausnahme von „Die Flut“ kreisen die Themen des Bandes um die Ehen und Partnerschaften der Protagonistinnen. In einer patriarchalischen Gesellschaft finden die Frauen unterschiedliche Strategien zur Bewältigung des Alltags, mögen sie auch noch so bizarr sein.

Einige Stellen in „Knabenjagd“ sind so drastisch, dass man sie am liebsten Überlesen würde. Doch insbesondere „Eisenfisch“ ist ein raffiniert konstruiertes Stück Erzählkunst, das man nicht missen möchte.

Montag, 19. September 2011

„Am Meer ist es wärmer“ von Hiromi Kawakami

Manazuru – das ist die einzige Spur, die Keis verschwundener Ehemann Rei hinterlassen hat. Also bricht Kei wiederholt nach Manazuru auf und schlägt auch die Warnungen ihrer Mutter in den Wind, die Manazuru als besonders „starken“ Ort charakterisiert. Für Kei, die auch in Tokio übersinnliche Wahrnehmungen von Geistern hat, öffnet sich in Manazuru eine zweite Realitätsebene. Ob sie hier Rei findet, wie vage von einem Frauengeist angedeutet? Diese Frau, die nur für Kei sichtbar ist, erscheint bevorzugt in Manazuru und führt Kei in verschiedene übersinnliche Situationen einer Parallelwelt.

Doch auch in der Realität hat Kei ihre Probleme: Ihre Tochter Momo im Teenager-Alter ist dabei, sich von ihrer Mutter abzunabeln und so sieht sich Kei mit dem Problem konfrontiert, dass sie von Momo ebenfalls eines Tages verlassen wird. Auch mit dem verheirateten Seiji, mit dem Kei eine langfristige Affäre hat, steht es nicht zum Besten: Er wirft Kei vor, Rei einfach nicht vergessen zu können und sich so nicht für eine Beziehung mit ihm öffnen zu können.

In „Am Meer ist es wärmer“ wechseln die beiden Wirklichkeitsebenen permanent und sorgen beim Lesen für Verwirrung: Was ist wahr und was Imagination? Traumwandlerisch taumelt Kei durchs Leben und versucht die Fäden der Erinnerung zu entwirren.

Nach „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ und „Herr Nakano und die Frauen“ ist „Am Meer ist es wärmer“ der erste fantastische Roman von Hiromi Kawakami, der ins Deutsche übersetzt wurde. Leider fühlte ich mich etwas von der Autorin im Regen stehen gelassen: Was wollte sie mir eigentlich sagen? Dass man sich erst von Altlasten befreien muss, um sich etwas Neuem öffnen zu können? Dass zum Leben auch Abschiednehmen gehört? Dass Erinnerungen trügerisch sind? Viele Fragen bleiben bei „Am Meer ist es wärmer“ offen.

PS: Wer wissen will, wie es in dem wirklichen Manazuru aussieht, der hat hier die Gelegenheit dazu.

Freitag, 5. August 2011

„Kitchen“ von Banana Yoshimoto

Banana Yoshimotos „Kitchen“ ist – laut Nachwort – ein Buch über das Überwinden und Wachsen und enthält mit den beiden Erzählungen „Kitchen“ und „Moonlight Shadow“ die literarischen Erstlinge der japanischen Kultautorin.

In „Kitchen“ hat Mikage gerade den letzten Verwandten verloren. Ihre Großmutter hat den Großvater und Mikages Eltern überlebt; hat Mikage aufgezogen und die Studentin schließlich allein auf der Welt zurückgelassen. Mikage ist zunächst wie gelähmt ob ihrer Einsamkeit, schläft neben dem Kühlschrank und hofft, dass der Schmerz irgendwann doch bitte nachlässt. Der gleichaltrigen Yuichi und dessen „Mutter“ Eriko (im Grunde genommen Yuichis verwitweter Vater, der sich nach dem Tod von Yuichis Mutter zu Frau umoperieren hat lassen) nehmen Mikage zu sich und bilden für eine Weile eine illustre, aber liebevolle Patchwork-Familie. Doch irgendwann klopft der Tod wieder an die Tür und stellt die Protagonisten erneut vor die Herausforderung, zu überwinden und zu wachsen.

Banana Yoshimoto versucht ihren Lesern Mut zu machen, indem sie Eriko beispielsweise die folgenden Worte in den Mund legt:

„Aber wer in seinem Leben nie richtig verzweifelt war, wer nicht weiß, welche Dinge wirklich zählen, der wird erwachsen, ohne je erfahren zu haben, was Glück ist.“ (S. 54)

Auch Satsuki, die Protagonistin in „Moonlight Shadow“, ist wie betäubt von einem Todesfall: Ihr Freund ist vor kurzem bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie lenkt sich ab, indem sie schon frühmorgens zum Joggen geht. Vor Kummer nimmt sie immer weiter ab. Durch einen Zufall – oder durch Schicksal – lernt sie Urara kennen, die sie bittet, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt am Fluss von Satsukis Heimatort einzufinden. Hier soll alle hundert Jahre ein einzigartiges Ereignis stattfinden, das Satsuki hoffentlich die ersehnte Linderung verspricht.

Der Autorin gelingt es durchaus, mit „Kitchen“ einen schönen, manchmal auch phantastischen Ausblick in düsteren Momenten zu geben. „Kitchen“ geht zu Herzen, auch wenn Banana Yoshimoto durch die Blumigkeit der Sprache bekanntermaßen hart an der Grenze zum Kitsch steht.

Samstag, 16. Juli 2011

„Federkleid“ von Banana Yoshimoto

Nachdem ihr Geliebter sich von Hotaru trennt und bei seiner Ehefrau bleibt, steht sie vor einem Scherbenhaufen. Jahrelang hat sie sich über den Status der Geliebten definiert, hat auf die Zeit, die sie mit ihrem Liebhaber verbringen konnte, hingeharrt. Doch plötzlich steht sie ohne alles da, wohnt in dem ehemaligen Liebesnest, in dem sie permanent nur an den Verlust des Geliebten erinnert wird.

Da packt Hotaru ihre sieben Sachen und kehrt in ihren Heimatort zurück, dessen Rhythmus sich an den Fluss anpasst, der das Städtchen durchzieht. Im Schuppen im Garten ihrer Großmutter haust sie und arbeitet in deren Café mit. Sie trifft ihr einstmals wichtige Personen wieder und beginnt, sich wieder wohl in ihrer Haut zu fühlen. Mehr noch: Sie fühlt sich wie in ein wärmendes Federkleid gehüllt.

„Federkleid“ von Banana Yoshimoto zeichnet eindrücklich das Bild einer verlassenen Geliebten, die wie aus heiterem Himmel vor dem Nichts steht, und ihrem mühseligen Weg zurück in die Normalität. Doch „Federkleid“ ist alles andere als trübsinnig: Über Hotarus Heimatort schwebt das Gefühl von Hoffnung, dass alle Menschen ihren Weg zum Glück finden werden. Der Verlust eines geliebten Menschen – egal ob er durch Trennung oder Tod entstanden ist – kann überwunden werden. Denn es gibt genug Menschen, die den Trauernden weiterhelfen. Und da sind auch noch die guten Geister der Verstorbenen, die ihren Beitrag leisten. Die kleinen Ausflüge ins Fantastische unterstreichen die märchenhafte Atmosphäre, die sich in „Federkleid“ ausbreitet.

Dienstag, 22. Februar 2011

„Das Ende des Bengalischen Tigers“ von Yoko Ogawa

Ein Besuch im Foltermuseum, Erdbeertörtchen am Todestag des 6-jährigen Sohnes, Karotten in der Form einer menschlichen Hand, ein nach außen gewachsenes Herz, im ehemaligen Postamt versteckte Kiwis, eine paranoide Schriftstellerin und ein erfolgloser Wachstumskorsetthändler sind einige der Zutaten von Yoko Ogawas neuestem Buch „Das Ende des Bengalischen Tigers“. Es besteht aus 11 Geschichten, die nicht miteinander verwebt, aber zumindest mit einem dünnen Bindfaden verknüpft sind. Sei es mit einer kleinen Absurdität, die in einer der folgenden Geschichten aufgeklärt wird. Oder sogar – mit dickem Garn verbunden – dem Wiederauftauchen einer schon bekannten Figur.

Wie bei den anderen Werken von Yoko Ogawa verschwimmt auch in „Das Ende des Bengalischen Tigers“ die Grenze zwischen Realität und Fantasie. Ebenso ist jede Geschichte mit einem zumindest kleinen Schaudereffekt verbunden. Denn es geht unter anderem um Tod, physische Deformationen, Folter und gar Mord.

Normalerweise kann ich mich schwer für Erzählungen und Kurzgeschichten begeistern. Doch Yoko Ogawa gelingt es immer wieder exzellent mit nur wenigen Worten einer Situation die nötige Plastizität zu Verleihen, damit der Leser voll ins Geschehen eintauchen und die Motivationen der Figuren nachvollziehen kann.

Ich kann mich nur wiederholen: Yoko Ogawa macht süchtig! Leider ist die Autorin hierzulande immer noch relativ unbekannt, obwohl ich sie gerne in die Liga eines Haruki Murakamis oder einer Banana Yoshimoto eingeordnet sehen würde.