„Die hier vorgestellten Autoren sind im deutschen Sprachraum noch so gut wie unbekannt“ (S. 13), sagen die beiden Herausgeber Tadao Araki und Ekkehard May im Vorwort der 1990 erschienen Anthologie „Zeit der Zikaden“. 2013 hat sich daran mit einer Ausnahme, die da Haruki Murakami bildet, fast nichts geändert. Von einigen wenigen wie Yoshikichi Furui, Sho Shibata und Yuko Tsushima liegen nun zwar zwischenzeitlich einige wenige Veröffentlichungen auf Deutsch vor, was die Autoren aber nicht zwangsläufig bekannter gemacht hat. „Zeit der Zikaden“ bietet damit auch mehr als zwanzig Jahre später noch immer eine interessante Auswahl an japanischen Autoren und einen interessanten Einblick in die japanische Literatur.
Takashi Atoda ist mit zwei Kurzgeschichten vertreten. In „Tod eines Angestellten“ steht Matsumoto auf dem Hochhaus, in dem sich sein Büro befindet. Der Abschiedsbrief ist geschrieben, die Schuhe sind ausgezogen, Matsumoto ist bereit zu springen. In seinen letzten Momenten reflektiert er die Geschehnisse, die ihn in den Selbstmord getrieben haben.
Eine „Zigeunerprophezeiung“ vernimmt Harada in einer Bar in Shinjuku. Eine Frau liest die Zukunft, die zwar so eintreffen wird, aber doch etwas anders ausfällt als vermutet.
Um eine Männerfreundschaft geht es in Yoshikichi Furuis „Das Tal“. Koike, Nakamura und der Ich-Erzähler verbindet die Passion fürs Bergsteigen. Als Koike nach schwerer Krankheit stirbt, machen sich Nakamura und der Ich-Erzähler zu zweit auf den Weg in die Berge. Da war eine Geschichte aus ihrer Jugend, die Koike ziemlich verstört hatte, als er damals in das Antlitz des Todes gesehen hatte.
Auch Shinichi Hoshi ist zweifach in „Zeit der Zikaden“ vertreten. „He, komm raus!“ ruft ein Mann in Loch, das sich nach einem großen Sturm im Boden aufgetan hat und das man für einen Fuchsbau halten könnte. Doch es kommt kein Echo zurück. Selbst nach eingehender Untersuchung kann nicht festgestellt werden, dass das Loch irgendwo endet. So ein bodenloses Loch ist zwar ein bisschen irritierend, aber doch auch unheimlich praktisch, wenn es um die Entsorgung von Müll geht…
Eine etwas unheimliche Begegnung macht ein junger Mann. Denn „Der Mann im Park“, den er kennen lernt, hat keine Vergangenheit und lebt in der Gegenwart nur vor sich hin. Er scheint wie ein leeres Gefäß, das es zu befüllen gilt.
In Senji Kurois „Die Finger“ geht es ebenfalls recht eigentümlich vor: Im Wohnzimmer einer Familie taucht immer wieder ein einzelner Finger auf. Die Familienmitglieder fühlen sich langsam wie verfolgt von den unheimlichen Dingern, die auch gerne mal im Teppich verschwinden. Es wird Zeit, den unliebsamen Besuchern Herr zu werden…
Toshio Moriuchi beschreibt die „Zeit der Zikaden“: Ein Familienvater sinniert über die Vergänglichkeit, über das Älterwerden, über seine erste Liebe und über die männlichen Begierden.
„Der stumme Zeuge" in Kuniko Mukodas Erzählung ist ein Fisch, der plötzlich in Shiomuras Haushalt auftaucht. Jemand hat ihn einfach so in der Küche abgestellt und Shiomuras Sohn freut sich schon darauf, sich dem Fisch anzunehmen. Doch Shiomura ist das gar nicht recht, als er merkt, dass der Fisch das Haustier seiner ehemaligen Geliebten und somit ein stummer Zeuge der Affäre ist.
Phantastisch wird es in Haruki Murakamis „Ein Elefant verschwindet“. Der Ich-Erzähler berichtet über die Aufsehen erregende Geschichte, als ein Elefant samt seinem Pfleger verschwunden, ja geradezu verpufft ist. Was mag da bloß passiert sein?
„Das Sprungbrett“ in Kunio Ogawas Erzählung ist die junge Yuki. Sie soll Komiyama als Stütze dienen, endlich den schon seit langem geplanten Selbstmord auszuführen.
In Mutsumi Okadas Erzählung „Die Brust“ wird der Alltag des Ich-Erzählers und dessen Ehefrau zerrüttet, als der Ehefrau eine Geschwulst aus der Brust entfernt werden soll. Die beiden sind ohnehin nicht ein Herz und eine Seele und die Situation eskaliert, kurz bevor sich die Ehefrau ins Krankenhaus zur Operation begibt.
Harumi Setouchi nimmt in „Verschollen“ Reality-Shows aufs Korn, die verschollene Personen aufspüren und mit ihrer Vergangenheit konfrontieren.
Protagonistin in Yoshiko Shibakis „Purpurberge“ ist die Witwe Yoshiko, die gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Tochter lebt. Ihr Ehemann ist in der Schweiz unter mysteriösen Umständen gestorben. Als Yoshiko einen Mann kennen lernt, der ebenfalls in der Schweiz gelebt hat, ist dies für die Witwe ein Anknüpfungspunkt für eine neue Beziehung. Endlich schöpft sich Hoffnung, ihrem tristen Leben entkommen zu können.
Sho Shibata schreibt „Szenen einer Stadt“ in zwei Teilen. In Teil eins monologisiert eine Frau Vorwürfe an den Mann, der sie verlassen wird, und redet sich in Rage. In Teil zwei wird eine Geschichte mit drei verschiedenen Enden erzählt, als der junge Takao mit seiner Zufallsbekanntschaft Katze mit dem Motorrad unterwegs ist und von drei Rowdys zum Anhalten gezwungen wird. Die drei haben es auf Katze abgesehen.
Für Ayako Sonos Protagonist Yusuke sieht das „Morgenlicht am Montag“ besonders reizend aus. Er ist Wochenendheimfahrer und kann der bedrückenden Atmosphäre in seiner Familie entfliehen, sobald das Wochenende zu Ende ist.
Nach „Koromoyama“ zur Blütenschau hat es in Ayako Sonos zweiter Geschichte 1941 nur zur Hochzeitsreise gereicht. Jahre später verfolgt das Ehepaar ein Telefongespräch der Tochter, die mit ihrem baldigen Ehemann am Telefon streitet, ob es nun auf Hochzeitsreise nach Hawaii gehen soll oder ob man nach dem Wunsch der Schwiegermutter in Spee in Japan verreisen soll.
„Im Bad“ ihrer Mutter denkt Yuko Tsushimas Ich-Erzählerin an den schon vor Jahren verstorbenen jüngeren Bruder. Auch die Tochter der Ich-Erzählerin wird bald mit einem unerwarteten Tod zu kämpfen haben.
Bibliographische Angaben:
Araki, Tadao/May, Ekkehard (Hrsg.): „Zeit der Zikaden“ (Übersetzungen aus dem Japanischen: Bartels-Wu, Stella/Boudalfa-Paesler, Heike/Doi, Gisela/Duppel-Takayama, Mechthild/Festerling, Annette/Flögel, Thomas/Gräfe, Ursula/Hierling, Regina/Jacoby, Doris/Schlarb, Hans-Michael/Schnellbächer, Thomas/Schönbein, Martina/Strauß, Katrin/Woldering, Guido), Piper, München 1990, ISBN 3-492-11193-9
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Donnerstag, 9. Mai 2013
„Zeit der Zikaden“ herausgegeben von Tadao Araki & Ekkehard May
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Sonntag, 28. April 2013
„Zufluchtsort“ von Yoshikichi Furui
Eine kleine Einzimmerwohnung wird für Sae und Iwasaki zum „Zufluchtsort“. Die Protagonisten aus „Der Heilige“ treffen sich zwei Jahre nach ihrer Trennung auf dem Land in Tokio wieder. Zwischenzeitlich hat Sae ein Kind abgetrieben, das von Iwasaki gezeugt wurde. Sie entwickelt bereits manische Tendenzen: Ihre Wohnung putzt sie nach der Abtreibung blitzeblank, hat kaum soziale Kontakte außerhalb ihres Arbeitsplatzes.
Erst nach zwei Jahren meldet Sae sich bei Iwasaki – und wird bald erneut schwanger von ihm. Sie ist zerrissen, ob sie eine erneute Abtreibung vornehmen lassen soll oder mit Iwasaki eine Familie gründen soll. Nach einigem Ringen entscheidet sie sich für letztere Variante. Iwasaki gibt seine eigene Wohnung auf, zieht zu Sae und heiratet sie. Während Sae ohnehin keine Eltern mehr hat, stehen Iwasakis Eltern der Ehe kritisch gegenüber. Sie sollen Recht behalten: Sae verhält sich immer irrationaler, leidet unter Verfolgungswahn. Iwasaki gibt schließlich seine Arbeit auf, um sich ganz um Sae und die gemeinsame Tochter Sachiko zu kümmern. In Sae flammt immer wieder Hass auf, der auf die Außenwelt gerichtet zu sein scheint. Dies zieht körperliche Auseinandersetzungen nach sich, in der sich Sae und Iwasaki gegenseitig Blessuren zufügen. Auch ein hinzu gezogener Arzt kann das irrsinnige Eheleben nicht verbessern. Schließlich beginnt auch Iwasaki, sich irrational zu verhalten.
Ich gebe zu, dass ich mich durch Yoshikichi Furuis „Zufluchtsort“ eher durchgequält habe. Die Handlungen der verrückten Sae ziehen sich zäh hin und man fragt sich immer öfter, was Iwasaki eigentlich in dieser Ehe hält, warum er diese überhaupt eingegangen ist. Liebe scheint die Eheleute jedenfalls noch nie wirklich verbunden zu haben. Und auch das gemeinsame Kind erscheint nicht wie ein Bindeglied. Iwasaki gibt sich vielmehr ganz in die Situation und bleibt primär passiv mit einer Tendenz zum Masochismus. Der bisher so starken Sae nimmt man den plötzlichen Kontrollverlust irgendwie nicht so ganz ab.
„Zufluchtsort“ ist nach „Der Heilige“ der zweite Teil einer Trilogie. Der dritte Teil „Die Eltern“ ist derzeit noch nicht ins Deutsche übersetzt.
Bibliographische Angaben:
Furui, Yoshikichi: „Zufluchtsort“ (Übersetzung aus dem Japanischen: May, Ekkehard), Bebra, Berlin 1996, ISBN 3-86124-280-X
Erst nach zwei Jahren meldet Sae sich bei Iwasaki – und wird bald erneut schwanger von ihm. Sie ist zerrissen, ob sie eine erneute Abtreibung vornehmen lassen soll oder mit Iwasaki eine Familie gründen soll. Nach einigem Ringen entscheidet sie sich für letztere Variante. Iwasaki gibt seine eigene Wohnung auf, zieht zu Sae und heiratet sie. Während Sae ohnehin keine Eltern mehr hat, stehen Iwasakis Eltern der Ehe kritisch gegenüber. Sie sollen Recht behalten: Sae verhält sich immer irrationaler, leidet unter Verfolgungswahn. Iwasaki gibt schließlich seine Arbeit auf, um sich ganz um Sae und die gemeinsame Tochter Sachiko zu kümmern. In Sae flammt immer wieder Hass auf, der auf die Außenwelt gerichtet zu sein scheint. Dies zieht körperliche Auseinandersetzungen nach sich, in der sich Sae und Iwasaki gegenseitig Blessuren zufügen. Auch ein hinzu gezogener Arzt kann das irrsinnige Eheleben nicht verbessern. Schließlich beginnt auch Iwasaki, sich irrational zu verhalten.
Ich gebe zu, dass ich mich durch Yoshikichi Furuis „Zufluchtsort“ eher durchgequält habe. Die Handlungen der verrückten Sae ziehen sich zäh hin und man fragt sich immer öfter, was Iwasaki eigentlich in dieser Ehe hält, warum er diese überhaupt eingegangen ist. Liebe scheint die Eheleute jedenfalls noch nie wirklich verbunden zu haben. Und auch das gemeinsame Kind erscheint nicht wie ein Bindeglied. Iwasaki gibt sich vielmehr ganz in die Situation und bleibt primär passiv mit einer Tendenz zum Masochismus. Der bisher so starken Sae nimmt man den plötzlichen Kontrollverlust irgendwie nicht so ganz ab.
„Zufluchtsort“ ist nach „Der Heilige“ der zweite Teil einer Trilogie. Der dritte Teil „Die Eltern“ ist derzeit noch nicht ins Deutsche übersetzt.
Bibliographische Angaben:
Furui, Yoshikichi: „Zufluchtsort“ (Übersetzung aus dem Japanischen: May, Ekkehard), Bebra, Berlin 1996, ISBN 3-86124-280-X
Sonntag, 27. Januar 2013
„Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“ herausgegeben von Eiko Saito
Menschen in der Krise, meist
betroffen vom (nahenden) Tod von Angehörigen und Bekannten, sind das
übergreifende Thema der Erzählungen in „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“.
Relativ harmlos kommt noch Shotaro Yasuokas „Lauf, Tomahawk!“ daher: Der Protagonist wird von einem amerikanischen
Kekshersteller eingeladen, um zusammen mit Journalisten aus aller Welt den
Westen der USA kennen zu lernen. Primär ist die Tour recht langweilig, bis der
Ich-Erzähler seinen Mut auf dem Rücken eines Pferdes beweisen muss.
Keizo Hinos Lieblingsthema – das
der modernen Stadt – steht auch in seiner Erzählung „Eisenzeit“ im Mittelpunkt.
Auf der Suche nach der Botschaft eines kleinen Landes fährt der Protagonist an
Häusern vorbei, in denen er bereits als Student gerne gelebt hätte und stellt
sich seinem einstigen Wunschtraum erneut.
Taku Miki beschreibt „Nachbarn“:
Yoshi ist in die Jahre gekommen und wird von den Jungen in ihrem Viertel „die
Alte“ genannt. Die Jahre sind nach ihrem Einzug in das derzeitige Wohnhaus
vergangen; auch an ihren Nachbarn geht die Zeit nicht unmerklich vorbei – der
Tod klopft mehrmals an die Tür.
„In der Luft“ von Kunie Iwahashi
beginnt mit dem Besuch der Ich-Erzählerin bei einer krebskranken Schulfreundin
und geht über in die Schilderung der Familienverhältnisse der Protagonistin,
die alles andere als innig oder liebevoll sind.
Das „Sternbild des Orions“ (von Akira Yoshimura)
betrachtet Toshio im Planetarium zusammen mit seinem Vater. Dabei lässt die
Toshio die Geschehnisse der letzten Zeit Revue passieren: Seine Mutter hatte
die Familie wegen eines anderen Mannes verlassen und bald darauf Selbstmord begangen.
Sein Vater verzweifelt an der Situation.
Haruki Murakamis „Glühwürmchen“ ist
die Kurzfassung seines Romans „Naokos Lächeln“: Der Ich-Erzähler ist Student
und trifft die Freundin seines Kumpans wieder, der als Teenager Selbstmord
begangen hatte. Die beiden nähern sich an, doch ein Happy End ist ihnen
nicht vergönnt.
„Das Trauerfeld“ von Yoshikichi Furui ist mein Highlight in dem Erzählband: Ein Freund des Ich-Erzählers
verschwindet für eine Woche, nachdem ihm unheilbarer Krebs attestiert wurde. Er
taucht bei einer Frau unter und führt sich gar seltsam auf.
Ein bisschen abstrus wird es in
Mizuko Masudas „Blumen“: Yuki ist eine Eigenbrötlerin und kann sich in der
modernen Arbeitswelt nicht zu Recht finden. Der Wirt Ariga, ebenfalls nicht
gerade besonders mitteilsam, gibt der jungen Frau nicht nur einen Job, sondern
besorgt ihr auch eine Wohnung. Ob die beiden eine gemeinsame Chance haben?
Kurz vor dem Alter von
„Einhundert“ steht der Vater des Protagonisten in Takehiro Irokawas Erzählung.
Der Ich-Erzähler hält sich am liebsten von seinem Vater fern – ist er doch ein
alter Choleriker und hat seit jeher seine Brutalität an den
Familienmitgliedern ausgelassen. Doch als seine Mutter ins Krankenhaus
eingeliefert ist, muss der Protagonist die Stellung im elterlichen Haushalt
halten und sich mit seinem Vater auseinander setzen.
„Lebenstage“ werden Akira Abes
Erzählung thematisiert: Erinnerungen an Tage, die sich Kindern für immer ins
Gedächtnis prägen und sie bis ans Ende ihres Lebens begleiten werden.
„Die Pistole“ des Vaters liegt
seit dessen Tod im Haushalt der Mutter. Tetsuo Miuras Protagonist muss sich um
seine Mutter kümmern, die die Sorge um die illegale Waffe quält.
„Das Baumpflanzfest“ ist in
Shuichiro Konos Erzählung die Gelegenheit für Shiotsu, seiner Wut über den Tod
seines Vaters in einem Gefängnis Luft zu machen.
„Erkundungen – 12 Erzähler aus
Japan“ hält ein interessantes Spektrum an Erzählungen bereit, teilweise
illuster, teilweise tragisch, teilweise phantasievoll, teilweise alltäglich –
jedoch immer nachdenklich.
Bibliographische Angaben:
Saito, Eiko: „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“, Volk und Welt, Berlin 1992, ISBN 3-353-00880-2
Saito, Eiko: „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“, Volk und Welt, Berlin 1992, ISBN 3-353-00880-2
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Sonntag, 9. Oktober 2011
„Das verhasste Alter“ von Fumio Niwa, Kenzaburo Oe, Masuji Ibuse etc.
Der vom Volk und Welt Verlag herausgegebene Band „Das verhasste Alter“ aus der Spektrum-Reihe enthält sechs Erzählungen der japanischen Autoren Masuji Ibuse, Fumio Niwa, Shotaro Yasuoka, Kenzaburo Oe, Taeko Kono und Yoshikichi Furui.
Masuji Ibuse beschreibt das „Leben bei Herrn Tange“. Herr Tange hat einen etwas nichtsnutzigen Diener, der hin und wieder gezüchtigt werden muss. Darüber hinaus geschieht in der kurzen Erzählung allerdings nicht allzu viel, sie gibt vielmehr einen kleinen Einblick in japanisches Alltagsleben zu Beginn des letzten Jahrhunderts.
Fumio Niwas Erzählung „Das verhasste Alter“ steht Pate für den gesamten Erzählband. Der Autor skizziert die Schwierigkeiten mit der Versorgung demenzkranker Angehöriger in den Nachkriegsjahren; sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Die Verwandlung eines geliebten Menschen in eine Last wird eindrucksvoll dargestellt.
„Die Frau des Pfandleihers“ von Shotaro Yasuoka erzählt von einem Studenten in den ersten Kriegsjahren, der das Leben genießen kann, solange er noch nicht eingezogen ist.
Kenzaburo Oes „Angui, das Himmelsungeheuer“ ist für mich die lohnenswerteste unter den Erzählungen. Nach dem Tod seines anscheinend behinderten Kindes fällt ein Komponist in eine schwere Depression und in den Wahn, ein Wesen aus dem Himmel komme ihn hin und wieder besuchen. Der Ich-Erzähler, ein Student, ergattert den einträglichen Nebenjob, mit dem Komponist durch die Stadt zu streifen und Erledigungen für ihn zu übernehmen. „Angui, das Himmelsungeheuer“ enthält sehr komprimiert die wesentlichen Oe-Themen Behinderung, Depression und Selbstmord, die mit ein bisschen Phantastik angereichert werden.
„Fleischbröckchen“ von Taeko Kono ist die skurrile Geschichte einer Trennung. Nachdem der Mann die Frau verlassen hat, verliert sie ihren Geschmackssinn. Während der Beziehung hatte sich noch so gerne mit ihrem damaligen Partner geschlemmt. Am liebsten würde sie nun alles verbrennen, das an den Mann erinnert: Seine zurückgelassenen Besitztümer, ihre Wohnung, ja gar sich selbst.
Mit „Ehebande“ studiert Yoshikichi Furui das Beziehungsgeflecht zwischen den Ehepartnern Hisao und Reiko. Hisao fängt sich eine Sommergrippe ein und ist eine Woche krankgeschrieben. Dies gibt ihm die Gelegenheit, das Alltagsleben in seiner Wohnsiedlung von einer ungewohnten Seite zu erleben und seine Beziehung zu Reiko auf den Prüfstand zu stellen. Zieht sich denn schon ein Riss durch die Ehe?
„Das verhasste Alter“ ist nur noch als Gebrauchtbuch erhältlich, dafür jedoch sehr preisgünstig. Die Anschaffung lohnt vor allem aufgrund Kenzaburo Oes Erzählung „Angui, das Himmelsungeheuer“ und Fumio Niwas „Das verhasste Alter“.
Masuji Ibuse beschreibt das „Leben bei Herrn Tange“. Herr Tange hat einen etwas nichtsnutzigen Diener, der hin und wieder gezüchtigt werden muss. Darüber hinaus geschieht in der kurzen Erzählung allerdings nicht allzu viel, sie gibt vielmehr einen kleinen Einblick in japanisches Alltagsleben zu Beginn des letzten Jahrhunderts.
Fumio Niwas Erzählung „Das verhasste Alter“ steht Pate für den gesamten Erzählband. Der Autor skizziert die Schwierigkeiten mit der Versorgung demenzkranker Angehöriger in den Nachkriegsjahren; sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Die Verwandlung eines geliebten Menschen in eine Last wird eindrucksvoll dargestellt.
„Die Frau des Pfandleihers“ von Shotaro Yasuoka erzählt von einem Studenten in den ersten Kriegsjahren, der das Leben genießen kann, solange er noch nicht eingezogen ist.
Kenzaburo Oes „Angui, das Himmelsungeheuer“ ist für mich die lohnenswerteste unter den Erzählungen. Nach dem Tod seines anscheinend behinderten Kindes fällt ein Komponist in eine schwere Depression und in den Wahn, ein Wesen aus dem Himmel komme ihn hin und wieder besuchen. Der Ich-Erzähler, ein Student, ergattert den einträglichen Nebenjob, mit dem Komponist durch die Stadt zu streifen und Erledigungen für ihn zu übernehmen. „Angui, das Himmelsungeheuer“ enthält sehr komprimiert die wesentlichen Oe-Themen Behinderung, Depression und Selbstmord, die mit ein bisschen Phantastik angereichert werden.
„Fleischbröckchen“ von Taeko Kono ist die skurrile Geschichte einer Trennung. Nachdem der Mann die Frau verlassen hat, verliert sie ihren Geschmackssinn. Während der Beziehung hatte sich noch so gerne mit ihrem damaligen Partner geschlemmt. Am liebsten würde sie nun alles verbrennen, das an den Mann erinnert: Seine zurückgelassenen Besitztümer, ihre Wohnung, ja gar sich selbst.
Mit „Ehebande“ studiert Yoshikichi Furui das Beziehungsgeflecht zwischen den Ehepartnern Hisao und Reiko. Hisao fängt sich eine Sommergrippe ein und ist eine Woche krankgeschrieben. Dies gibt ihm die Gelegenheit, das Alltagsleben in seiner Wohnsiedlung von einer ungewohnten Seite zu erleben und seine Beziehung zu Reiko auf den Prüfstand zu stellen. Zieht sich denn schon ein Riss durch die Ehe?
„Das verhasste Alter“ ist nur noch als Gebrauchtbuch erhältlich, dafür jedoch sehr preisgünstig. Die Anschaffung lohnt vor allem aufgrund Kenzaburo Oes Erzählung „Angui, das Himmelsungeheuer“ und Fumio Niwas „Das verhasste Alter“.
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Freitag, 24. Juni 2011
„Der Heilige“ von Yoshikichi Furui
Auch bei „Der Heilige“ von Yoshikichi Furui empfiehlt es sich, zuerst das Nachwort zu lesen. Denn ansonsten ist man bei der Schilderung des Begräbnisritus etwas irritiert und fragt sich, ob dies der wirren Fantasie des Autors entsprungen ist. Nein, Ekkehard May klärt im Nachwort auf, dass das so genannte Doppelgrabsystem noch in den 50er Jahren in einigen Orten verbreitet war. Hier wurde der Körper der Verstorbenen aus Platzmangel in einem Massenerdgrab abseits des Dorfes und der Felder bestattet, die Seele des Verstorbenen wurde jedoch auf einem separaten buddhistischen Friedhof verehrt, wo sich auch ein Grabstein befand. Die Pflege des als unrein geltenden Erdgrabs und die Bestattungen oblagen einem Ausgestoßenem.
Mit diesem Phänomen wird der Ich-Erzähler, ein sich auf Wanderschaft befindender Student aus Tokio, konfrontiert. Von einem Gewitter überrascht, den Fuß verstaucht, sucht er Schutz in einem kleinen, abgelegenen Tempel, wo er schließlich übernachtet. Am nächsten Tag sucht ihn die junge Frau Sae auf und bittet den Ich-Erzähler um einen großen Gefallen: Saes Großmutter liegt im Sterben und möchte nach dem alten Brauch in der Erde beim Tempel bestattet werden. Dazu ist ein Ausgestoßener dringend nötig, ein Bettler, der sie nach ihrem Tode als „Heiliger Mann“ ans „jenseitige Ufer“ bringt. Saes Großmutter hat den Studenten bereits aus ihrem Zimmer vor dem Tempel erblickt und glaubt, nur in Anwesenheit des angeblich Heiligen sterben zu können.
Der Student lässt sich überzeugen und bleibt einige Tage in der Hütte beim Tempel und spielt die Rolle des Heiligen. Sae verköstigt ihn in dieser Zeit, schläft mit ihm und erzählt die Generationen zurückreichenden Geschichten der heiligen Männer, die jeweils einige Jahre den Dienst des Totengräbers und Grabwächters übernommen hatten. Als Ausgestoßene übten sie jeweils einen verbotenen sexuellen Reiz auf die jungen Mädchen des Dorfes aus.
Zudem thematisiert Yoshikichi Furui jedoch die Veränderungen in Japan: Die Landwirte im Dorf möchten ihre Felder verkaufen und in die Stadt ziehen. Die nahe gelegene Stadt N. wuchert und streckt ihre Siedlungen wie eine Krake nach dem Dorf aus. Und Saes Großmutter mit ihren Bestattungswünschen ist die letzte einer Generation.
In Japan gilt Yoshikichi Furui als ein anspruchsvoller, nicht leicht lesbarer Autor. Dies schlägt sich auch in der Übersetzung nieder. „Der Heilige“ war Furuis erster, in eine westliche Sprache übersetzter Roman. Das weitere Schicksal der Protagonisten wird in „Zufluchtsort“ geschildert. Der letzte Teil „Die Eltern“ ist leider bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden.
Mit diesem Phänomen wird der Ich-Erzähler, ein sich auf Wanderschaft befindender Student aus Tokio, konfrontiert. Von einem Gewitter überrascht, den Fuß verstaucht, sucht er Schutz in einem kleinen, abgelegenen Tempel, wo er schließlich übernachtet. Am nächsten Tag sucht ihn die junge Frau Sae auf und bittet den Ich-Erzähler um einen großen Gefallen: Saes Großmutter liegt im Sterben und möchte nach dem alten Brauch in der Erde beim Tempel bestattet werden. Dazu ist ein Ausgestoßener dringend nötig, ein Bettler, der sie nach ihrem Tode als „Heiliger Mann“ ans „jenseitige Ufer“ bringt. Saes Großmutter hat den Studenten bereits aus ihrem Zimmer vor dem Tempel erblickt und glaubt, nur in Anwesenheit des angeblich Heiligen sterben zu können.
Der Student lässt sich überzeugen und bleibt einige Tage in der Hütte beim Tempel und spielt die Rolle des Heiligen. Sae verköstigt ihn in dieser Zeit, schläft mit ihm und erzählt die Generationen zurückreichenden Geschichten der heiligen Männer, die jeweils einige Jahre den Dienst des Totengräbers und Grabwächters übernommen hatten. Als Ausgestoßene übten sie jeweils einen verbotenen sexuellen Reiz auf die jungen Mädchen des Dorfes aus.
Zudem thematisiert Yoshikichi Furui jedoch die Veränderungen in Japan: Die Landwirte im Dorf möchten ihre Felder verkaufen und in die Stadt ziehen. Die nahe gelegene Stadt N. wuchert und streckt ihre Siedlungen wie eine Krake nach dem Dorf aus. Und Saes Großmutter mit ihren Bestattungswünschen ist die letzte einer Generation.
In Japan gilt Yoshikichi Furui als ein anspruchsvoller, nicht leicht lesbarer Autor. Dies schlägt sich auch in der Übersetzung nieder. „Der Heilige“ war Furuis erster, in eine westliche Sprache übersetzter Roman. Das weitere Schicksal der Protagonisten wird in „Zufluchtsort“ geschildert. Der letzte Teil „Die Eltern“ ist leider bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden.
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Tod,
Yoshikichi Furui
Donnerstag, 23. Juni 2011
Yoshikichi Furui
Yoshikichi Furui (Jahrgang 1937) studierte Germanistik und widmete sich der Übersetzung von deutschen Werken ins Japanische. Diese Übersetzungsarbeiten gaben den Impuls, selbst literarisch tätig zu werden. Besonderen Einfluss auf Yoshikichi Furui hatte die Übersetzungen zweier Erzählungen von Robert Musil und Hermann Brochs Roman „Der Versucher“.
Yoshikichi Furui gilt als einer der wichtigsten Autoren der „introvertierten Generation“: Einer Generation von Schriftstellern, die nicht mehr besonders auffällige, aktuelle Geschehnisse beschreiben, sondern die inneren Veränderungen der Menschen in einem sich permanent veränderndem Japan in den Mittelpunkt des Interesses rückten. Industrialisierung und Verstädterung konkurrierten mit tradierten Lebensformen und hoben diese nach und nach auf.
Für sein Werk „Yoko“ erhielt Yoshikichi Furui 1971 den Akutagawa-Preis, 1983 für „Asagao“ den Tanizaki-Preis.
Interessante Links:
- Wiki von Daniela Tan: Biographie von Yoshikichi Furui
Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:
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