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Donnerstag, 4. Juni 2015

„Wenn der Wind singt & Pinball 1973“ von Haruki Murakami

Endlich sind sie ins Deutsche übersetzt – die ersten beiden Kurzromane von Haruki Murakami. In „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ wird die Vorgeschichte des Ich-Erzählers und seines Kumpans Ratte erzählt, die Haruki Murakami-Leser bereits aus „Wilde Schafsjagd“ und „Tanz mitdem Schafsmann“ kennen.

In dem Vorwort gibt der Autor höchstpersönlich einen interessanten Einblick in die Entstehungsgeschichte der Kurzromane und er weiß von einer Art Erweckungserlebnis zu berichten: Keinesfalls war es der langgehegte Plan Haruki Murakamis, Autor zu werden. Zunächst betrieb er in den 70er Jahren recht erfolgreich zwei Jazz-Kneipen. Mitten während eines Baseballspiels im Jingu-Stadion jedoch kam ihm eine Erleuchtung – warum nicht einen Roman schreiben? Doch sicherlich ist aller Anfang schwer: Die erste Version seines ersten Romans enttäuschte ihn. Mittels einer Krücke fand Haruki Murakami zu seinem Stil: Zunächst verfasste er den Text in einfachem Englisch – komplett ohne die stilistischen Verkünstelungen, zu denen man in der Muttersprache sicherlich neigt. In der Rückübersetzung ins Japanische entstand ein einfacher, aber umso prägnanterer Text. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum der Haruki Murakami-Stil als sehr untypisch für japanische Autoren gilt.

Haruki Murakami nennt die beiden Erstlinge „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ seine Küchentischromane, da sie in seiner spärlichen Freizeit am Küchentisch entstanden. Wäre „Wenn der Wind singt“ nicht für einen Nachwuchspreis nominiert worden – vielleicht hätte Haruki Murakami, wie er selbst angibt, keine weiteren Romane geschrieben. So kann man der Zeitschrift Gunzo nur in Dankbarkeit verbunden sein, dass damals Haruki Murakami mit dem Preis ausgezeichnet wurde. Sonst wären die vielen großartigen Werke des Autors eventuell nie entstanden.

Interessant an den beiden Erstlingen ist, dass sie sich bereits wie typsische Haruki Murakami-Werke lesen und viele typische Elemente enthalten. So bezieht sich der namenlose Ich-Erzähler gern auf einen Autor (in „Wenn der Wind singt“ ist es Derek Hartfield), er hat komplizierte Frauengeschichten am Hals, das Gefühl, ein niemand zu sein, ist sowohl bei ihm als auch seinem Freund Ratte kennzeichnend, Dreh- und Angelpunkt ist eine Bar, hinzu kommen Schächte, Brunnen, Grenzgänge, Ein- und Ausgänge…

Über „Wenn der Wind singt“ sagt der Ich-Erzähler


„Meine Geschichte beginnt am 08. August1970 und endet achtzehn Tage später, am 26. August desselben Jahrs.“ (S. 28)


Doch in zahlreichen Rückblenden wird der Bericht über einige Tage während der Sommerferien des studentischen Ich-Erzählers, der aus Tokio zurück in seine Heimatstadt am Meer gekommen ist, angereichert: Wie er Ratte kennengelernt hat, welche Frauengeschichten er in der Vergangenheit erlebt hat und wie seine Kindheit aussah. Und natürlich wird über den Sinn des Lebens und die Gesellschaft palavert.

In „Pinball 1973“ wird’s bereits etwas phantastischer: So findet sich der Ich-Erzähler – nun bereits Gründer eines Übersetzungsbüros nach abgeschlossenem Studium – unvermittelt in der Gesellschaft eines weiblichen Zwillingspärchens, das sich bei ihm einquartiert hat, wieder. Einziges Unterscheidungsmerkmal der beiden Damen scheint ein unterschiedlich nummeriertes Sweatshirt zu sein. So nennt er sie getreu den Nummern 208 und 209.

Währenddessen macht Ratte in der alten Heimat eine schwere Zeit durch:


„Für Ratte schien der Fluss der Zeit an irgendeiner Stelle durchtrennt worden zu sein. Warum das geschehen war, wusste er nicht. Er konnte nicht einmal die Schnittstelle finden.“ (S. 157)


Insbesondere seit er sein Studium geschmissen hat, liegt seine Gefühlswelt im Argen. Auch eine Frauengeschichte macht ihm zu schaffen.

Der Ich-Erzähler wiederum bekommt wie aus dem Nichts einen Anstoß: Als er in Begleitung der Zwillinge auf einem nahegelegenen Golfplatz herumstromert, kommt ihm seine Leidenschaft fürs Flippern wieder in den Sinn. Doch nicht irgendein Flipper hat ihm angetan: Sowohl in seiner alten Heimatstadt (genauer: in Jays Bar) hat er auf dem Modell Spaceship zusammen mit seinem Freund Ratte Stunden um Stunden geflippert – und auf demselben Modell in einer Spielhölle in Tokio ebenfalls ausgiebig dem Flippern gefrönt. Seine Suche nach dem Modell Spaceship beginnt, denn dummerweise hat Jay seinen Flipper ausgemustert und die Spielhölle wurde geschlossen.

Dabei sieht der Ich-Erzäler das Flippern jedoch durchaus nicht in einem positiven Licht:


„Zwischen Hitlers Vormarsch und dem des Flipperautomaten gibt es Parallelen. Beide stiegen durch gewisse Umwälzungen wie Schaum aus dem Bodensatz ihrer Epoche an die Oberfläche und verdankten ihre mythische Aura eher der Geschwindigkeit ihres Aufstiegs als besonderen Fähigkeiten. Drei Faktoren beschleunigten diese Entwicklung: Technologie, Kapital und, nicht zu vergessen, die primitivsten Instinkte des Menschen.“ (S. 147)


So ist der Flipper vielleicht auch als Sinnbild der Desillusionierung der revoltierenden Studenten der ausgehenden 60er Jahre/beginnenden 70er Jahre zu verstehen? Oder auch als eine Analogie zum Wind in „Wenn der Wind singt“: Genauso wenig wie der Mensch weiß, in welche Richtung ihn der Wind des Schicksals weht, genauso wenig weiß es die Kugel, die über das Spielfeld des Flippers rollt.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Wenn der Wind singt & Pinball 1973“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2015, ISBN 978-3-8321-9782-7

Freitag, 30. Dezember 2011

„Und unsere Tage waren es doch“ von Sho Shibata

Tokio in den 50er Jahren: Der Ich-Erzähler und Student Fumio findet ganz unerwartet in einem Antiquariat die Gesamtausgabe des Autors H., die erst vor kurzem komplett erschienen ist. Fumio ist verwundert, dass er sie so kurz nach Veröffentlichung günstig erstehen kann, und da die Bücher eine rätselhafte Anziehungskraft auf ihn ausüben, kann er nicht widerstehen, sie zu kaufen.

Als Fumios Freundin Setsuko einen Blick in die Bücher wirft, erkennt sie das Exlibris wieder. Ihr Kommilitone Sano hatte ihr ein Buch mit demselben Exlibris geliehen, bevor er auf Weisung der Kommunistischen Partei in den Untergrund ging. Setsuko ist neugierig, was aus Sano geworden ist und beginnt, ihre gemeinsamen Bekannten zu befragen.

So löst Fumios Buchkauf eine ganze Kette von Ereignissen aus, durch die der Leser nicht nur Fumio und Setsuko, sondern auch deren Freundeskreis kennen lernt: Fumio und Setsuko kennen sich seit ihrer Kindheit. Da Setsukos Familie in Fumio einen idealen Ehemann sieht, verloben sich die beiden. Doch die Beziehung erscheint eher platonisch als leidenschaftlich. Sano meint, sein Herz schlüge nur für die KP – und enttäuscht sich selbst maßlos beim Mayday-Zwischenfall: Als es zum Zusammenstoß mit der Polizei kommt, flieht er statt sich wie seine Parteifreunde dem Kampf zu stellen. Seitdem fühlt er sich als Versager. Sone ist ebenfalls kommunistisch eingestellt, steht den Weisungen der KP jedoch kritisch gegenüber. Sones Kollege Miyashita hat über Omiai Setsukos Arbeitskollegin Kazuko kennen gelernt. Bevor er sie heiratet, bittet er Fumio um eine kleine Recherche über die Charaktereigenschaften Kazukos. Fumio weiß mehr, als er Miyashita gegenüber zugeben möchte: Kazuko und ihr ehemaliger Professor sind unglücklich ineinander verliebt. Um Kazuko versorgt zu wissen, hatte der Professor das Omiai eingefädelt. Und dann gibt es noch Nose, der sich ebenfalls der KP verschrieben hat und nach deren Weisung, den bewaffneten Widerstand aufzugeben, völlig desillusioniert und hilflos ist.

„Und unsere Tage waren es doch“ von Sho Shibata ist trotz der Handlung rund um die KP kein politischer Roman. Vielmehr illustriert er das Lebensgefühl der Studenten im Japan der 50er Jahre und ihre diversen individuellen Schicksale. Dadurch dass Setsuko als emanzipierte Frau beschrieben wird, gilt Sho Shibatas Roman als eines der ersten emanzipatorischen literarischen Werke Japans.

Montag, 12. Dezember 2011

„Versuchter Liebestod“ von Choukitsu Kurumatani

Der 34-jährige Ikushima heuert in Amagasaki bei Seiko an: Sein Job besteht darin, in einem stickigen Kämmerchen in einem heruntergekommenen Mietshaus, Grillspieße mit Kutteln zu bestücken, die Seiko dann in ihrer Garküche verkauft. Ikushima, ein studierter Aussteiger, findet sich im Gangstermilieu wieder: Gegenüber tätowiert der Yakuza Hori seine Kundschaft. Nebenan zitieren in die Jahre gekommene Huren Sutren, während sie ihre Freier bedienen. Ein älteres Ehepaar im Haus kommt nur über die Runden, indem es Abfälle nach verwertbaren Resten durchwühlt. Und dann ist da auch noch Ayako, die selbstbewusste Schönheit, die mit dem gefährlichen Hori liiert ist und Ikushima ganz schön den Kopf verdreht.

Ikushima ist seinen Nachbarn suspekt. Warum macht dieser Akademiker so eine Arbeit, wenn er doch viel besseren Tätigkeiten nachgehen könnte?

Ikushima hatte in Tokio als Anzeigenverkäufer gearbeitet und sich von Tag zu Tag leerer gefühlt. Das für seine Kollegen geltende Ziel, ein nach westlichen Normen standardisiertes Mittelstandsleben zu führen, hatte ihn abgestoßen. Schließlich hatte er gekündigt, in zwei Jahren in Tokio sein Erspartes durchgebracht und sich als Küchenhilfe in Himeji, Kyoto, Kobe, Nishinomiya und schließlich Amgasaki durchgeschlagen. Mit Lebensfreude hatte er abgeschlossen, nun hangelt er sich von Tag zu Tag, von Job zu Job.

Mit der Zeit gewinnt Ikushima das Vertrauen seiner Nachbarn und seiner Chefin, was nicht unbedingt ungefährlich für ihn ist: Für Seiko soll er den Geldboten spielen und gerät in das Visier der Gangsterbanden Amagasakis. Für Hori soll er eine ominöse Schachtel zunächst aufbewahren und schließlich einem Yakuza überbringen. Und insbesondere seine Faszination von Ayako könnte Horis Eifer- und Tobsucht heraufbeschwören.

Als Ikushima bereits wieder in eine andere Stadt weiterziehen möchte, gerät Ayako in eine Klemme: Um die enormen Schulden ihres Bruders zu bezahlen, wird sie bedrängt, sich für eine Gangsterbande zu prostituieren. Um diesem Schicksal zu entgehen, bittet sie Ikushima, sie in den gemeinsamen Liebestod zu begleiten. Die beiden verlorenen Seelen begeben sich nach Akame, um sich dort von den Wasserfällen in den Tod zu stürzen.

Choukitsu Kurumatani schöpfte für „Versuchter Liebestod“ aus seinen eigenen Erfahrungen als Aussteiger. Fast nur angedeutet sind seine Reflektionen über die Funktion der Sprache, was den reflektierenden Ikushima im Milieu erst recht zum intellektuellen Outsider stempelt.

Ein klassisches Happy End wird der Leser bei „Versuchter Liebestod“ sicherlich nicht finden, jedoch ein authentisches Zeugnis der Trostlosigkeit, die die Menschen in allen Gesellschaftsschichten ereilen kann.

Montag, 12. September 2011

„Das Gesicht des Anderen“ von Kobo Abe

Bei einem wissenschaftlichen Experiment wird der Ich-Erzähler so im Gesicht verletzt, dass er hässliche Narben davonträgt, die er fortan unter einem Verband verbirgt. Seine Ehefrau begegnet ihm nurmehr mit Mitleid; Fremde haben Angst vor ihm und sehen beschämt an ihm vorbei. Als Wissenschaftler stellt er nun allerlei Nachforschungen an – wie kann er sich eine täuschend echte Maske herstellen und in dieser Verkleidung seine Frau verführen, die sich von ihm entfremdet hat. In einem Brief und drei Notizbüchern hält der Protagonist seine Gedankengänge fest, um sich seiner Frau schließlich plausibel zu machen.

Im Grunde genommen sind die Zutaten für „Das Gesicht des Anderen“ sehr spannend und könnten für kurzweiliges Lesevergnügen sorgen – wenn da nicht Kobo Abes Erzählstil wäre. Auf den ersten fünfzig Seiten passiert erst einmal nicht viel außer den Gedankengängen des Wissenschaftlers über die faktische Realisierbarkeit einer Maske, die nicht von einem natürlichen Gesicht zu unterscheiden ist. Dazu kommen zudem noch eingehende Reflexionen über die Rolle eines Gesichts in der Kommunikation und in sozialen Beziehungen, über die Macht einer Maskierung und der Wechselwirkung zwischen Maskencharakter und realer Persönlichkeit bis hin zu einer Zukunftsvision einer Gesellschaft von Maskenträgern. Insofern ist das Thema höchst soziologisch und sehr interessant.

Daher ist „Das Gesicht des Anderen“ alles andere als leichtverdaulich, was neben der kaum existenten Handlung auch noch an der etwas sperrigen Sprache liegt. Aber gerade durch die mannigfaltigen Überlegungen des Protagonisten gelingt Kobo Abe eine hervorragende Gesellschaftsanalyse der Mikro-Ebene. Wer soziologische Betrachtungen liebt, der wird seine Freude an „Das Gesicht des Anderen“ haben.

Samstag, 19. Februar 2011

„Vibration“ von Mari Akasaka

Rei ist 31 und eine erfolgreiche Redakteurin. Doch innerlich ist sie völlig kaputt: Sie hört seit ihrer Jugend Stimmen, die sie verfolgen. Sie trinkt und erbricht, nur um gut schlafen zu können. Sie fühlt eine innere Leere und sich durch die quälenden Stimmen extrem überreizt. Zufällig trifft sie den fünf Jahre jüngeren Fernfahrer Okabe, der sie sofort in seinen Bann zieht. Wie ferngesteuert folgt sie ihm, schläft mit ihm und geht mit ihm auf Tour. Für kurze Zeit hat Rei endlich Ruhe vor den Stimmen, ohne sich betrinken oder erbrechen zu müssen.

„Vibration“ von Mari Akasaka ist kein Buch, das sich einfach liest. Während des ersten Drittels des 159 Seiten umfassenden Kurzromans muss man sich zum einen konzentrieren, welche Stimme in dem inneren Monolog gerade die Oberhand hat. Ist es die Protagonistin? Ist es eine der unzähligen inneren Stimmen, die sie quälen? Andererseits möchte man bestimmte Dinge auch gar nicht lesen, wie z.B. detaillierte Beschreibungen, auf welche Art und Weise die Hauptdarstellerin am angenehmsten erbricht. Trotzdem enthält dieses erste Drittel auch einiges an geballter Medien- und Konsumkritik, wie zum Beispiel „Um dem Konsum frönen zu können, sollte man besser von vornherein einen reichen Knacker heiraten. Ein solches Konzept mag zwar etwas befremdlich sein, so aber lautet im Wesentlichen die Message in den gängigen Zeitschriften und in der Werbung.“ (S. 37).

Die letzten beiden Drittel behandeln den Road Trip von Rei und Okabe. Okabe ist verheiratet und betrügt seine Frau mit Rei. Jedoch ist beiden klar, dass ihre Beziehung nicht über Sympathie hinausgeht. Rei tut die Tour mit Okabe gut, aber dennoch holt sie die gefühlte Ausweglosigkeit und Selbstentfremdung immer wieder ein.

„Vibration“ ist keine leichte Kost und an manchen Stellen auch kaum zugänglich. Trotzdem: Wer diesen literarischen Querschläger, der leider auf Deutsch vergriffen ist, in die Finger bekommt, sollte ihn sich nicht entgehen lassen.