"Augenblicke in Bernstein" ist sicherlich die ruhigste, handlungsärmste Yoko Ogawa-Veröffentlichung in deutscher Übersetzung bisher. Es ist die Geschichte eines erzwungenen Rückzugs aus der Gesellschaft: Nach dem Tod ihres vierten Kindes beschließt eine zwischenzeitlich allein erziehende Mutter, aufs Land in das leerstehende Haus des Kindervaters zu ziehen. Sie selbst geht zum Arbeiten in ein Kurhotel, während die Kinder versteckt auf dem Gelände des alten Hauses aufwachsen.
Die Mutter macht ihnen glauben, dass außerhalb der Mauern des Grundstücks der böse Hund lauert, der die jüngste Tochter kurz vor deren Tod gebissen hat. Demonstrativ bewaffnet sich die Mutter jeden Morgen, wenn sie zur Arbeit ins Kurhotel aufbricht, um sich im Falle eines Angriffs gegen den Hund verteidigen zu können.
Die Kinder sollen nicht nur die Außenwelt vergessen, sondern bestenfalls auch ihre bisherigen Namen. Als die älteste Schwester dazu aufgefordert wird, blättert sie eine beliebige Stelle in einem Nachschlagewerk auf und erhält den Namen des dort erklärten Begriffs: Opal. Das zweitälteste Kind, ein Junge, wird künftig Bernstein genannt, der jüngste Sohn heißt nun Achat. Eingeschlossen in die Mauern des Anwesens erleben sie eine Kindheit voller Fantasie, gekleidet in kindliche Kostüme, die die Mutter näht. Doch bereits ganz am Anfang des Buches wird klar, dass der abgeschottete Aufenthalt auf dem Grundstück nicht von Dauer sein wird.
"Augenblicke in Bernstein" ist für mich eher ein Buch für ruhige Winterabende, weswegen ich das Buch eher in ein Herbst-/Winterverlagsprogramm gesteckt hätte. Für den Sommer war mir der Roman ein bisschen zu ruhig. Aber dennoch wirkt die Handlung noch nach. Auch wenn der Grad der Freiheitsliebe unterschiedlich ist: Alle Kinder haben das Bedürfnis, die Welt da draußen zu entdecken und haben ihre eigenen Wege, wie sie das fremde Terrain für sich selbst entdecken. So wirft Bernstein Kletten über die Mauer. Sie reisen an seiner Stelle nach draußen, um ihrer Bestimmung gerecht zu werden. Den kleinen Achat lockt eine Katze nach außen. Und Opal wird von einem Hausierer becirct, der eines Tages das Gelände betritt. Auch die Mutter fährt regelmäßig in die nächste, größere Stadt, um Komplimente für ihr Aussehen einzuheimsen. Durch die angeborene Neugier der Kinder ist der Rückzug aus der Welt natürlich auf längere Sicht zum Scheitern verurteilt.
Auf mich wirkt Bernstein, der die zentrale Figur des Romans ist, leider stets etwas blass. Viel herzerwärmender sind der kleine Achat, der einen eingebildeten Lehrmeister namens Meister Signal hat, oder auch Opal, die im Tutu nachts, beschienen vom Mondlicht, durch den Garten tanzt.
Bibliographische Angaben:
Ogawa, Yoko: "Augenblicke in Bernstein" (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Liebeskind, München 2019, ISBN 978-3-95438-100-5
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Donnerstag, 15. August 2019
Samstag, 30. September 2017
„Die Insel der Freundschaft“ von Durian Sukegawa
Auf „Die Insel der Freundschaft“ verschlägt es drei
Hilfsarbeiter. Da ist zunächst der Protagonist Ryosuke, der nach einem
gescheiterten Selbstmordversuch sein Leben wieder ordnen muss. Der Rumtreiber
Tachikawa hält keinen Job lange durch und hat seinen Aufenthalt auf der Insel
einer fixen Idee zu verdanken. Und dann ist da noch die tätowierte und
gepiercte Kaoru, die durch ihr krasses Aussehen ihre seelischen Verletzungen
übertünchen will.
Die Inselbewohner begegnen den drei Neuankömmlingen jedoch so gar nicht in Freundschaft. Sie werden als Sonderlinge erachtet, die so gar nicht zu dem Inselmilieu passen. So geht der Plan des Dorfvorsitzenden leider nicht auf: Er hatte sich erhofft, die drei würden frischen Wind auf die Insel bringen und einen Ausgleich zur Abwanderung darstellen. Die Gemeinschaft leidet an Überalterung und die Männer finden keine Ehefrauen. Doch Ryosuke, Tachikawa und Kaoru sind nicht die erhofften Heilsbringer. Ryosuke wirkt wie ein Depressiver, der langhaarige Tachikawa wie ein Nichtsnutz und Kaoru taugt nicht zur braven Ehefrau. Nach den Bauarbeiten, bei denen die drei eingesetzt werden, sollen sie möglichst gleich wieder verschwinden.
Doch auch Ryosuke verfolgt mit seiner Tätigkeit auf der Insel noch ein anderes Ziel: Er möchte den Freund und Geschäftspartner seines verstorbenen Vaters ausfindig machen und ihm etwas übergeben, was er ganz tief in seinem Rucksack versteckt hat. Als Ryosuke den unerfüllten Lebenstraum seines Vaters auf der Insel gar umsetzen mag, gerät er mit den Traditionen der Bevölkerung in Konflikt. Ryosuke kämpft bald gegen Windmühlen, will er doch unter keinen Umständen wie sein Vater versagen.
Durian Sukegawas „Insel der Freundschaft" reißt gleich viele Themen an: Da ist z.B. der Themenkomplex der Landflucht. Dann der Widerstreit von archaischen Traditionen mit Werten der Moderne. Das Dilemma, dem tierliebe Fleischesser ausgesetzt sind. Selbstmordgedanken, Versagensängste, unbedingtes Erfolgsstreben, Depression. Zudem kommt noch die verzwickte Familiensituation von Ryosuke dazu. Alles in allem waren mir im Roman dadurch zu viele Themenkomplexe angerissen, die nicht weiter oder nicht konsequent genug verfolgt wurden. So wird dem Leser z.B. die komplizierte Gefühlslage des Protagonisten nicht wirklich nachvollziehbar dargestellt. Am Ende bleiben jedenfalls sehr viele Fragen offen, was den Roman leider irgendwie unausgegoren wirken lässt.
Bibliographische Angaben:
Sukegawa, Durian: „Insel der Freundschaft“ (Übersetzung aus
dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Dumont, Köln 2017, ISBN 978-3-8321-9861-9
Samstag, 24. September 2016
„Der Bergmann“ von Soseki Natsume
Vor 100 Jahren starb Soseki – anlässlich dieses hundertsten Todestages veröffentlicht der Bebra Verlag den Roman „Der Bergmann“. Auch wenn der Ich-Erzähler im Werk an diversen Stellen immer wieder darauf hinweist, dass sein literarischer Erguss gar kein Roman sein kann, so kann dennoch vermutet werden, dass dies eher als eine kritische Spitze gegen den in der Meiji-Zeit idealisierten Ich-Roman zu verstehen ist.
Auch der Titel führt ein bisschen in die Irre. Denn in dem Roman geht es im Kern keinesfalls um das harte Leben eines Bergmanns. Vielmehr ist da ein 19-jähriges, verwöhntes Bürschlein aus Tokio, das aufgrund von unglückseligen Liebesbeziehungen von zu Hause ausbüchst. Eigentlich will er Selbstmord begehen, aber im entscheidenden Moment macht er doch immer wieder einen Rückzieher. Daher will er sich zumindest an einen möglichst abgeschiedenen Ort begeben, um im Dunkeln dahin zu darben.
Doch kaum ein paar Stündchen unterwegs, trifft er auf Chozo, der als Schlepper fürs Bergwerk fungiert. Im Ich-Erzähler findet Chozo ein williges Opfer für seinen Anheuerungsversuch: Wo, wenn nicht im Bergwerk, ist der Tod so nahe und das Dunkel so undurchdringlich? Ohne viel nachzudenken willigt der Ich-Erzähler ein – Chozo verfrachtet ihn schließlich mit zwei weiteren angeworbenen jungen Männern direkt ins Bergwerk.
Für den Ich-Erzähler brechen harte Tage an: Als verwöhntes Söhnchen aus Tokio zieht er den Spott der abgehärteten Bergmänner auf sich. Die Bettwanzen verhindern das gemütliche Einschlafen. Zu Essen gibt es nur billigen Reis, der wie Mörtel schmeckt. Und dann ist da natürlich auch noch das Bergwerk, in dem unter widrigsten Bedingungen härteste Arbeit verrichtet werden muss.
Einerseits fließen diverse psychologische Betrachtungen in den Roman mit ein, wie z.B. ob es einen festen Charakter einer Person gibt. Andererseits entbehren die Schilderungen auch nicht einer gewissen Komik, die dem Leser ein Grinsen ins Gesicht zaubern.
Der Übersetzer Franz Hintereder-Emde bettet in seinem Nachwort den Roman in den historischen Kontext ein (alternativ für Interessierte gibt es hier einen Text des Übersetzers als PDF): Etwa ein gutes, halbes Jahr vor der Veröffentlichung des Fortsetzungsromans in der Zeitung Asahi fanden der Kupfermine von Ashio Unruhen statt. Die Arbeiter protestierten gegen die Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein Zeitzeuge suchte Soseki auf, um Informationen für eine Geschichte zu den Unruhen und dem Leben als Bergmann zu verkaufen.
Eigentlich war für die Asahi der Roman „Frühling“ von Toson Shimazaki vorgesehen gewesen. Doch der Autor konnte nicht pünktlich liefern. Bei der Asahi musste die Literaturseite daher schleunigst anderweitig gefüllt werden. Soseki, der damals erst kurz bei der Asahi arbeitete, sprang ein und kreierte 96 Kapitel(chen) von „Der Bergmann“.
Sozialkritik klingt in dem Roman durchaus an, doch scheint das Werk für Soseki vor allem eine stilistische Spielwiese gewesen zu sein. Auch wenn aus der Ich-Perspektive geschrieben wird, so ist „Der Bergmann“ eben kein Ich-Roman im typischen Sinne.
Die humoristischen Betrachtungen, die psychologischen Reflexionen, die Coming-of-Age-Story und die Beschreibungen des Lebens der Bergmänner ergeben einen äußerst facettenreichen Roman, der leider viel zu schnell ausgelesen ist.
Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Der Bergmann“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Franz Hintereder-Emde), Bebra, Berlin 2016, ISBN 978-3-86124-920-7
Auch der Titel führt ein bisschen in die Irre. Denn in dem Roman geht es im Kern keinesfalls um das harte Leben eines Bergmanns. Vielmehr ist da ein 19-jähriges, verwöhntes Bürschlein aus Tokio, das aufgrund von unglückseligen Liebesbeziehungen von zu Hause ausbüchst. Eigentlich will er Selbstmord begehen, aber im entscheidenden Moment macht er doch immer wieder einen Rückzieher. Daher will er sich zumindest an einen möglichst abgeschiedenen Ort begeben, um im Dunkeln dahin zu darben.
Doch kaum ein paar Stündchen unterwegs, trifft er auf Chozo, der als Schlepper fürs Bergwerk fungiert. Im Ich-Erzähler findet Chozo ein williges Opfer für seinen Anheuerungsversuch: Wo, wenn nicht im Bergwerk, ist der Tod so nahe und das Dunkel so undurchdringlich? Ohne viel nachzudenken willigt der Ich-Erzähler ein – Chozo verfrachtet ihn schließlich mit zwei weiteren angeworbenen jungen Männern direkt ins Bergwerk.
Für den Ich-Erzähler brechen harte Tage an: Als verwöhntes Söhnchen aus Tokio zieht er den Spott der abgehärteten Bergmänner auf sich. Die Bettwanzen verhindern das gemütliche Einschlafen. Zu Essen gibt es nur billigen Reis, der wie Mörtel schmeckt. Und dann ist da natürlich auch noch das Bergwerk, in dem unter widrigsten Bedingungen härteste Arbeit verrichtet werden muss.
Einerseits fließen diverse psychologische Betrachtungen in den Roman mit ein, wie z.B. ob es einen festen Charakter einer Person gibt. Andererseits entbehren die Schilderungen auch nicht einer gewissen Komik, die dem Leser ein Grinsen ins Gesicht zaubern.
Der Übersetzer Franz Hintereder-Emde bettet in seinem Nachwort den Roman in den historischen Kontext ein (alternativ für Interessierte gibt es hier einen Text des Übersetzers als PDF): Etwa ein gutes, halbes Jahr vor der Veröffentlichung des Fortsetzungsromans in der Zeitung Asahi fanden der Kupfermine von Ashio Unruhen statt. Die Arbeiter protestierten gegen die Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein Zeitzeuge suchte Soseki auf, um Informationen für eine Geschichte zu den Unruhen und dem Leben als Bergmann zu verkaufen.
Eigentlich war für die Asahi der Roman „Frühling“ von Toson Shimazaki vorgesehen gewesen. Doch der Autor konnte nicht pünktlich liefern. Bei der Asahi musste die Literaturseite daher schleunigst anderweitig gefüllt werden. Soseki, der damals erst kurz bei der Asahi arbeitete, sprang ein und kreierte 96 Kapitel(chen) von „Der Bergmann“.
Sozialkritik klingt in dem Roman durchaus an, doch scheint das Werk für Soseki vor allem eine stilistische Spielwiese gewesen zu sein. Auch wenn aus der Ich-Perspektive geschrieben wird, so ist „Der Bergmann“ eben kein Ich-Roman im typischen Sinne.
Die humoristischen Betrachtungen, die psychologischen Reflexionen, die Coming-of-Age-Story und die Beschreibungen des Lebens der Bergmänner ergeben einen äußerst facettenreichen Roman, der leider viel zu schnell ausgelesen ist.
Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Der Bergmann“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Franz Hintereder-Emde), Bebra, Berlin 2016, ISBN 978-3-86124-920-7
Samstag, 19. April 2014
„Eine persönliche Erfahrung“ von Kenzaburo Oe
Im Sommer 1961 wird Birds Sohn geboren. Doch der werdende 27-jährige Vater freut sich vorab nicht wirklich auf den Nachwuchs. Afrika, das Ziel seiner Reisesehnsüchte, wird er so wohl nie betreten. Sein Leben wird sich zukünftig wohl in gutbürgerlichen Bahnen zu bewegen.
Doch als Bird den Anruf aus dem Krankenhaus erhält, sein Kind sei geboren, aber alles andere als gesund, scheint sich sowohl die Afrikareise als auch das gutbürgerliche, harmonische Familienleben zu zerschlagen. Sein Sohn ist mit einer Geschwulst am Kopf geboren; die Ärzte geben ihm nur noch wenige Tage zu leben. Birds Frau wird weis gemacht, das Kind werde wegen einer anderen Gesundheitsbeeinträchtigung dringend in eine Spezialklinik verlegt. Sie soll das Baby, das aussieht, als würde ein zweiter Kopf aus dem eigentlichen wachsen, möglichst gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Für Bird ist das Neugeborene ohnehin schon nichts anderes als ein Monster.
Bird lässt seinen Sohn zum Sterben in der Spezialklinik und flüchtet sich zu seiner Freundin Himiko, die er noch aus seinen Studentenzeiten kennt. Himiko lebt seit dem Selbstmord ihres Ehemanns ein unkonventionelles Leben: Unter Tags verlässt sie kaum das Haus, abends braust sie mit ihrem Sportwagen durch die Stadt und lässt sich mit allerlei Männern ein. Bei ihr findet Bird eine Höhle, in der er seine Wunden lecken kann. Hier lässt er sich volllaufen und hat Sex mit Himiko, während er auf den Anruf der Klinik wartet, dass sein Kind endlich stirbt. Doch das Baby denkt gar nicht daran, das Zeitliche zu segnen. Es wird sogar von Tag zu Tag kräftiger. So bittet Bird den behandelnden Arzt bald darauf, die Nahrungszufuhr zu reduzieren und den Sohn verhungern zu lassen. Als ein Spezialist den Kleinen operieren will, nimmt Bird das Baby zu sich, um es von einem zwielichtigen Arzt um die Ecke zu bringen zu lassen.
Doch die Entscheidung nagt an Bird. Soll er sich den Tod des behinderten Kindes zu Schulden kommen lassen, seine Ehefrau dadurch verlieren, aber dadurch frei für eine Afrikareise mit Himiko werden? Bird neigt zum Selbstbetrug, ringt aber mit sich, um den richtigen Weg doch noch zu finden.
Kenzaburo Oe zeichnet mit „Eine persönliche Erfahrung“ ein schwüles, beklemmendes Sommerszenario, das auf eigenen Erlebnissen beruht: Im Jahr 1963 kam Kenzaburo Oes Sohn Hikari mit einer Behinderung zur Welt. Hikari Oes Existenz beeinflusste fortan seinen Vater in seinem literarischen Schaffen.
So ganz anfreunden kann man sich als Leser allerdings nicht mit dem Protagonisten Bird. Er wirkt komplett passiv hinsichtlich seiner persönlichen Angelegenheiten, zeigt dafür aber Engagement, wenn es um die Zukunft irgendeines Bekannten geht. Nervig werden mit der Zeit auch die ständigen Metaphern und Vergleiche, die teilweise extrem abgehoben wirken und dadurch nicht zur Situation passen wollen. So wird der doppelköpfige Sohn mehrfach mit dem unter einer Kopfverletzung leidenden Apollinaire verglichen. Oder die Schwiegermutter wird wie folgt beschrieben:
Noch ein bisschen abstruser wird es dann an anderer Stelle: Birds seit der Geburt des Sohnes plötzlich aufsteigende Abneigung gegen Sex mit Frauen wird genauso schnell wieder durch Analsex mit Himiko geheilt. Ohnehin ist die Darstellung von Sexszenen nicht gerade die Stärke von Kenzaburo Oe.
Sicherlich ist die Thematik von „Eine persönliche Erfahrung“ die Lektüre wert – nur mag dem einen die Ausführung durch Kenzaburo Oe mehr liegen als dem anderen…
Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Eine persönliche Erfahrung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39249-2
Doch als Bird den Anruf aus dem Krankenhaus erhält, sein Kind sei geboren, aber alles andere als gesund, scheint sich sowohl die Afrikareise als auch das gutbürgerliche, harmonische Familienleben zu zerschlagen. Sein Sohn ist mit einer Geschwulst am Kopf geboren; die Ärzte geben ihm nur noch wenige Tage zu leben. Birds Frau wird weis gemacht, das Kind werde wegen einer anderen Gesundheitsbeeinträchtigung dringend in eine Spezialklinik verlegt. Sie soll das Baby, das aussieht, als würde ein zweiter Kopf aus dem eigentlichen wachsen, möglichst gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Für Bird ist das Neugeborene ohnehin schon nichts anderes als ein Monster.
Bird lässt seinen Sohn zum Sterben in der Spezialklinik und flüchtet sich zu seiner Freundin Himiko, die er noch aus seinen Studentenzeiten kennt. Himiko lebt seit dem Selbstmord ihres Ehemanns ein unkonventionelles Leben: Unter Tags verlässt sie kaum das Haus, abends braust sie mit ihrem Sportwagen durch die Stadt und lässt sich mit allerlei Männern ein. Bei ihr findet Bird eine Höhle, in der er seine Wunden lecken kann. Hier lässt er sich volllaufen und hat Sex mit Himiko, während er auf den Anruf der Klinik wartet, dass sein Kind endlich stirbt. Doch das Baby denkt gar nicht daran, das Zeitliche zu segnen. Es wird sogar von Tag zu Tag kräftiger. So bittet Bird den behandelnden Arzt bald darauf, die Nahrungszufuhr zu reduzieren und den Sohn verhungern zu lassen. Als ein Spezialist den Kleinen operieren will, nimmt Bird das Baby zu sich, um es von einem zwielichtigen Arzt um die Ecke zu bringen zu lassen.
Doch die Entscheidung nagt an Bird. Soll er sich den Tod des behinderten Kindes zu Schulden kommen lassen, seine Ehefrau dadurch verlieren, aber dadurch frei für eine Afrikareise mit Himiko werden? Bird neigt zum Selbstbetrug, ringt aber mit sich, um den richtigen Weg doch noch zu finden.
Kenzaburo Oe zeichnet mit „Eine persönliche Erfahrung“ ein schwüles, beklemmendes Sommerszenario, das auf eigenen Erlebnissen beruht: Im Jahr 1963 kam Kenzaburo Oes Sohn Hikari mit einer Behinderung zur Welt. Hikari Oes Existenz beeinflusste fortan seinen Vater in seinem literarischen Schaffen.
So ganz anfreunden kann man sich als Leser allerdings nicht mit dem Protagonisten Bird. Er wirkt komplett passiv hinsichtlich seiner persönlichen Angelegenheiten, zeigt dafür aber Engagement, wenn es um die Zukunft irgendeines Bekannten geht. Nervig werden mit der Zeit auch die ständigen Metaphern und Vergleiche, die teilweise extrem abgehoben wirken und dadurch nicht zur Situation passen wollen. So wird der doppelköpfige Sohn mehrfach mit dem unter einer Kopfverletzung leidenden Apollinaire verglichen. Oder die Schwiegermutter wird wie folgt beschrieben:
„Die Schwiegermutter saß unbewegt wie zuvor, als hätte der melancholischste Bauchredner dieses Erdkreises gesprochen.“ (S. 34)
Noch ein bisschen abstruser wird es dann an anderer Stelle: Birds seit der Geburt des Sohnes plötzlich aufsteigende Abneigung gegen Sex mit Frauen wird genauso schnell wieder durch Analsex mit Himiko geheilt. Ohnehin ist die Darstellung von Sexszenen nicht gerade die Stärke von Kenzaburo Oe.
Sicherlich ist die Thematik von „Eine persönliche Erfahrung“ die Lektüre wert – nur mag dem einen die Ausführung durch Kenzaburo Oe mehr liegen als dem anderen…
Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Eine persönliche Erfahrung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39249-2
Dienstag, 27. März 2012
„Der verbrannte Stadtplan“ von Kobo Abe
Kobe Abes „Der verbrannte Stadtplan“ beginnt wie eine klassische Detektivgeschichte: Der private Ermittler und Ich-Erzähler erhält den Auftrag, nach dem vermissten Ehemann von Frau Nemuro zu suchen. Auf dem Weg zu einer Aktenübergabe ist der leitende Angestellte plötzlich spurlos verschwunden. Die Anhaltspunkte sind mehr als spärlich: Dem Detektiv stehen gerade einmal ein Passfoto und eine Streichholzschachtel als Hinweise zur Verfügung.
Weder eine Geliebte noch Probleme in der Arbeit scheinen für ein freiwilliges Verschwinden von Herrn Nemuro zu sprechen. Der Ermittler kann ein Verbrechen nicht mehr ausschließen, spätestens als der zwielichtige Bruder der verlassenen Ehefrau und damit Schwager des Vermissten auf dem Parkett erscheint.
Doch Kobo Abe wäre nicht Kobo Abe, wenn es ihm nur um einen harmlosen Kriminalroman ginge. Erneut ist die Stadt, das Labyrinth der wachsenden Metropole, sein Thema. Die Bewältigungsstrategien in diesem Labyrinth sind von Großstadtbewohner zu Großstadtbewohner unterschiedlich: Die einen bringen den Mut auf, von heute auf morgen zu verschwinden und alles zurück zu lassen. Die anderen scheitern am Ziel, von anderen beachtet zu werden und flüchten in den Selbstmord. Die nächsten igeln sich zu Hause ein und leben in ihrer eigenen Phantasiewelt. Wiederum andere glauben, das System kriminell ausnutzen zu können und werden schließlich Opfer der Gewalt, die sie selbst herausgefordert haben. Und der Ich-Erzähler, der ebenfalls eine verlassene Seele ist, wird mit einer ganz anderen Art des Ausscheidens aus dem Alltag konfrontiert.
„Der verbrannte Stadtplan“ ist weit weniger phantastisch als „Die Känguruhhefte“ und „Der Schachtelmann“, dafür aber sehr viel zugänglicher, ohne auf den Anspruch an den Leser zu verzichten, die Handlung für sich selbst deuten zu müssen.
Weder eine Geliebte noch Probleme in der Arbeit scheinen für ein freiwilliges Verschwinden von Herrn Nemuro zu sprechen. Der Ermittler kann ein Verbrechen nicht mehr ausschließen, spätestens als der zwielichtige Bruder der verlassenen Ehefrau und damit Schwager des Vermissten auf dem Parkett erscheint.
Doch Kobo Abe wäre nicht Kobo Abe, wenn es ihm nur um einen harmlosen Kriminalroman ginge. Erneut ist die Stadt, das Labyrinth der wachsenden Metropole, sein Thema. Die Bewältigungsstrategien in diesem Labyrinth sind von Großstadtbewohner zu Großstadtbewohner unterschiedlich: Die einen bringen den Mut auf, von heute auf morgen zu verschwinden und alles zurück zu lassen. Die anderen scheitern am Ziel, von anderen beachtet zu werden und flüchten in den Selbstmord. Die nächsten igeln sich zu Hause ein und leben in ihrer eigenen Phantasiewelt. Wiederum andere glauben, das System kriminell ausnutzen zu können und werden schließlich Opfer der Gewalt, die sie selbst herausgefordert haben. Und der Ich-Erzähler, der ebenfalls eine verlassene Seele ist, wird mit einer ganz anderen Art des Ausscheidens aus dem Alltag konfrontiert.
„Der verbrannte Stadtplan“ ist weit weniger phantastisch als „Die Känguruhhefte“ und „Der Schachtelmann“, dafür aber sehr viel zugänglicher, ohne auf den Anspruch an den Leser zu verzichten, die Handlung für sich selbst deuten zu müssen.
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Rezensionen
Sonntag, 5. Juni 2011
„Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt“ von Taichi Yamada
Taichi Yamadas „Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt“ erzählt die fantastischen Geschehnisse von nur wenigen Monaten im Leben des Herrn Taura. Alles beginnt damit, dass der depressive Protagonist sich im Alter von 47 Jahren aus dem zweiten Stock eines Sushi-Restaurants stürzt, sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzieht und im Krankenhaus liegt. Dort hat er eine übersinnliche Vision: In der Nähe wird ein Zug entgleisen. Und tatsächlich: Der Zug verunglückt, die Krankenhauszimmer werden knapp und Herr Taura muss sich aus Platzmangel ein Zimmer mit Mutsuku teilen, die aber darauf besteht, mit einem Paravent abgeschirmt zu werden. In der Nacht haben Herr Taura und Mutsuko Verbalsex, während sie sich selbst befriedigen. Als Herr Taura am nächsten Morgen wieder in ein anderes Zimmer verlegt wird, kann er einen kurzen Blick auf Mutsuko erhaschen – und ist entsetzt: Die grauhaarige Mutsuko muss schon weiter über 60 Jahre alt sein. Die letzte Nacht ist ihm vor diesem Hintergrund sehr peinlich.
Kurz nach seiner Genesung wird Herr Taura zurück nach Tokio versetzt und tut seinen Dienst in der Abteilung, in die die psychisch labilen Mitarbeiter abgeschoben werden. Karriereambitionen kann er ab sofort vergessen.
Währenddessen ist seine Ehefrau vom Erfolg verwöhnt: Nachdem die gemeinsamen Kinder flügge geworden sind, macht sie sich mit einer eigenen Stadtteilzeitung selbstständig und kann sogar Angestellte beschäftigen. Herr Taura fühlt sich minderwertig und entfremdet sich zusehends von Sohn und Ehefrau.
Unversehens meldet sich Mutsuko bei ihm, um ein Wiedersehen zu arrangieren. Herr Taura ist von diesem Ansinnen so gar nicht begeistert: Ihm steckt die Peinlichkeit ihrer ersten Begegnung noch in den Knochen. Obwohl er ein Treffen ablehnt, läuft er Mutsuko auf dem Nachhauseweg von der Arbeit in die Arme. Sie scheint um mindestens 20 Jahre jünger als im Krankenhaus und spricht von einer Verjüngung. Herr Taura ist baff: Geht das mit rechten Dingen zu? Und warum kann er in Mutsukos Gegenwart wieder so gut französisch und englisch sprechen wie zu Studienzeiten; sich an vor langer Zeit gelesene Gedichte erinnern?
Übersinnliches geschieht in Taichi Yamadas „Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt“; das Ende bleibt offen. Die Figur des Herrn Taura in einer späten Midlifecrisis ist ein sympathischer Anti-Held. Doch seine Liebe zu Mutusko kann man als Leser nur bedingt nachvollziehen: Sind es nicht eher die Schönheit Mutuskos und der Wunsch, aus seinem faden Dasein auszubrechen, die ihn so an ihr faszinieren?
Kurz nach seiner Genesung wird Herr Taura zurück nach Tokio versetzt und tut seinen Dienst in der Abteilung, in die die psychisch labilen Mitarbeiter abgeschoben werden. Karriereambitionen kann er ab sofort vergessen.
Währenddessen ist seine Ehefrau vom Erfolg verwöhnt: Nachdem die gemeinsamen Kinder flügge geworden sind, macht sie sich mit einer eigenen Stadtteilzeitung selbstständig und kann sogar Angestellte beschäftigen. Herr Taura fühlt sich minderwertig und entfremdet sich zusehends von Sohn und Ehefrau.
Unversehens meldet sich Mutsuko bei ihm, um ein Wiedersehen zu arrangieren. Herr Taura ist von diesem Ansinnen so gar nicht begeistert: Ihm steckt die Peinlichkeit ihrer ersten Begegnung noch in den Knochen. Obwohl er ein Treffen ablehnt, läuft er Mutsuko auf dem Nachhauseweg von der Arbeit in die Arme. Sie scheint um mindestens 20 Jahre jünger als im Krankenhaus und spricht von einer Verjüngung. Herr Taura ist baff: Geht das mit rechten Dingen zu? Und warum kann er in Mutsukos Gegenwart wieder so gut französisch und englisch sprechen wie zu Studienzeiten; sich an vor langer Zeit gelesene Gedichte erinnern?
Übersinnliches geschieht in Taichi Yamadas „Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt“; das Ende bleibt offen. Die Figur des Herrn Taura in einer späten Midlifecrisis ist ein sympathischer Anti-Held. Doch seine Liebe zu Mutusko kann man als Leser nur bedingt nachvollziehen: Sind es nicht eher die Schönheit Mutuskos und der Wunsch, aus seinem faden Dasein auszubrechen, die ihn so an ihr faszinieren?
Mittwoch, 30. März 2011
„Auf der Suche nach einer fernen Stimme“ von Taichi Yamada
Taichi Yamadas Roman „Auf der Suche nach einer fernen Stimme“ zieht einen sofort in den Bann: Bei einer Razzia, bei der Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis festgenommen werden sollen, entflieht einer der Illegalen. Tsuneo Kasama, Beamter der Ausländerbehörde, verfolgt den Flüchtigen auf einen Friedhof. Er stellt den Ausreißer, doch wie eine Woge überrollt ihn eine unkontrollierbare sexuelle Erregung, die ihm den Verstand raubt. Wie paralysiert muss er zusehen, wie der Illegale flieht. Als Tsuneo auch noch eine für andere nicht vernehmbare weibliche Stimme hört, glaubt er endgültig daran, von dem Ausländer verhext worden zu sein. Tsuneo lässt sich dennoch auf ein Gespräch mit der Stimme ein, die in ihm eine ähnlich einsame Seele entdeckt. Denn Tsuneo plagen die Geister der Vergangenheit, die er am liebsten auf ewig verbannen würde. Seit seiner Zeit in den USA verschließt er sich, entschließt sich zu einer wenig verheißungsvollen Laufbahn bei der Ausländerbehörde und bleibt einer Beziehung mit einer Frau fern. Als sein Vorgesetzter ihm eine junge Frau heiratsvermittelt, ist Tsuneo sich sicher: Eine Vernunftehe ist besser als eine Liebesheirat – bis die weibliche Stimme ihre Macht auf ihn ausübt. Tsuneo beginnt, sich der Stimme zu öffnen und erzählt ihr sein allzeit gehütetes Geheimnis über seine Zeit in den Vereinigten Staaten.
Bis zu diesem Punkt ist der Roman von Taichi Yamada mitreißend. Doch ab der Rückblende beginnt die Handlung etwas fade zu werden. Die Motivationen des Protagonisten waren mir unplausibel. Und leider verpatzt der Autor meiner Meinung auch noch das Ende, dass man sich fragen muss: Und was hatte dies nun alles für einen Sinn? Für Tsuneo? Für die weibliche Stimme? Warum spielt Schönheit eine derartig wichtige Rolle bei zwei Liebenden, die sich ohnehin noch nie gesehen haben?
Bis zu diesem Punkt ist der Roman von Taichi Yamada mitreißend. Doch ab der Rückblende beginnt die Handlung etwas fade zu werden. Die Motivationen des Protagonisten waren mir unplausibel. Und leider verpatzt der Autor meiner Meinung auch noch das Ende, dass man sich fragen muss: Und was hatte dies nun alles für einen Sinn? Für Tsuneo? Für die weibliche Stimme? Warum spielt Schönheit eine derartig wichtige Rolle bei zwei Liebenden, die sich ohnehin noch nie gesehen haben?
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