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Sonntag, 31. August 2014

„Stille Berge“ von Sunao Tokunaga

„August 1945… Wie auf ein Kommando hören im Bezirk Nagano die Schornsteine der zahlreichen Werke und Fabriken rund um den Suwasee zu rauchen auf. Der Krieg ist aus – Japan hat kapituliert.“ (S. 5)

Dies ist die Ausgangslage in Sunao Tokunagas „Stille Berge“. Die jungen Arbeiterinnen versuchen verzweifelt, möglichst schnell nach Hause zu kommen – es gehen Gerüchte um, dass die amerikanischen Besatzer die Frauen vergewaltigen werden. Die Großgrundbesitzer der Familie Torisawa haben Angst um die Zukunft, soll doch eine Bodenreform kommen. Unter den Kleinbauern herrschen Zwistigkeiten: Heimkehrer fordern ihr Pachtland zurück – doch wovon sollen die Familien leben, die kein Land zu bestellen haben? Die Leitung der Tokio-Electro-Company versteckt noch schnell Armeebestände auf dem Land der Familie Torisawa.

In den ersten Kapiteln stellt Sunao Tokunaga eine Flut von Personen und Problemlagen vor. Einige der Charaktere sollen in „Stille Berge“ nur einen Auftritt erhalten, andere werden bis zum Ende in Aktion treten. Daher ist der Einstieg in den Roman eher etwas anstrengend, da auch kein Personenregister enthalten ist. Doch schließlich grenzen sich die Hauptakteure auf ca. ein gutes halbes Dutzend Charaktere ein.

Da ist Araki, der Obermeister der Dreherei im Werk der Tokio-Electro-Company am Suwasee, dessen Bruder als bekennender Kommunist inhaftiert und im Gefängnis gestorben war. Araki wird sich bald für die Gründung einer Gewerkschaft einsetzen.

Ikenobe ist ein einfacher Arbeiter, der unter anderem durch Araki mit der kommunistischen Ideologie in Berührung kommt. Ren Torisawa, Tochter des Großgrundbesitzers, die während des Krieges bei der Tokio-Electro-Company arbeitet, verliebt sich in ihn – Konflikte aufgrund der unterschiedlichen Abstammung sind vorprogrammiert.

Der heimkehrende Oberleutnant Komatsu ist ein entfernter Verwandter von Ren, die er sicherlich nur allzu gern sein Eigen nennen würde. Auch er arbeitet bald bei der Tokio-Electro-Company. Gemeinsam mit Direktor Sagara steht er an vordersten Front gegen die Bestrebungen der Arbeiterschaft um eine Gewerkschaft und bessere Arbeitsbedingungen.

Auch Furukawa kehrt von der Front heim. Er ist ein Freund Ikenobes und erhält seine Anstellung bei der Tokio-Electro-Company zurück, die er vor seiner Verpflichtung bei der Armee inne hatte. Furukawa ist besonders desillusioniert: Er hat die Schrecken des Kriegs hautnah miterlebt. Seine Mutter ist unter dem Bombenhagel über Tokio verbrannt. Sein Geld versäuft er am liebsten. Noch ist er dem Kaiser treu ergeben, doch als er erkennt, dass auch der Kaiser nur ein Mensch ist, findet er einen neuen Halt im Kommunismus.

Hatsue ist Zimmerälteste im Frauenwohnheim der Tokio-Electro-Company. Auch die Frauen beginnen sich nach Kriegsende für den Kommunismus zu interessieren. Die patriarchalischen Strukturen werden in Frage gestellt und die stillen Arbeitsbienen werden aktiv und entdecken eine bisher nie gekannte Ungezwungenheit.

Sunao Tokunaga schildert in „Stille Berge“ den Kampf der Belegschaft für die Gründung einer Gewerkschaft und den Weg dreier junger Männer, bis sie sich für den Eintritt in die Kommunistische Partei entscheiden. Insbesondere letzteres wird enorm ideologisch aufgeladen und wirkt eher wie eine Konvertierung in eine Sekte. Kleines Beispiel gefällig?

„In der ganzen Welt führen die Proletarier einen unablässigen Kampf, und ihr Vortrupp ist überall die Kommunistische Partei. Könnte man doch Kommunist werden, dachte Furukawa, und Schulter an Schulter mit ihnen schreiten! Ja, dafür würde er mit Freuden sein Leben hingeben.“ (S. 391)

Sunao Tokunagas „Stille Berge“ krankt etwas daran, dass der Autor gar so viel Handlung in ein Buch presst. Allein der heimkehrende Furukwawa mit seinen Kriegstraumata, Suff-Erfahrungen und der Abwendung vom Kaisertum hätte genug Stoff für einen eigenen Roman hergegeben. Auch die verzogene, reiche Ren, die sich für den Kommunismus zu interessieren beginnt, sich verliebt, vergewaltigt wird und bisher nicht gekannte Demütigungen hinnehmen muss, hätte noch viel eingehender und gerade hinsichtlich ihres Traumas nach der Vergewaltigung besser beschrieben werden können.

Zwar ist „Stille Berge“ durchaus unter einem zeitgeschichtlichen Aspekt sehr interessant, jedoch wirkt mir das Ende dann doch zu propagandistisch-heroisch und lässt viele Fragen offen. Diesem Umstand ist es jedoch sicherlich zu verdanken, dass das Werk überhaupt ins Deutsche übersetzt und in den 50er Jahren im ostdeutschen Berlin veröffentlicht wurde.

Bibliographischen Angaben:
Tokunaga, Sunao: „Stille Berge“, Volk und Welt, Berlin 1954

Dienstag, 27. August 2013

„Ito Noe – Frauen in der Revolution – Wilde Blume auf unfreiem Feld“ herausgegeben von Akiko Terasaki & Ilse Lenz

Schon öfters bin ich in japanischen Romanen über die Namen Sakae Osugi und Noe Ito gestolpert. Das tragische Anarchistenpaar, das von der Polizei nach dem großen Kanto-Erdbeben umgebracht wurde, birgt eine gewisse Faszination in sich. Wer sich mit den beiden näher beschäftigen will, der findet in „Ito Noe – Frauen in der Revolution – Wilde Blume auf unfreiem Feld“ ausgiebig Stoff. Eingeleitet wird der Band mit einer ausführlichen Biographie Noe Itos, die im Zentrum des Interesses der Herausgeberinnen steht.

In „Trennung“ schreibt Noe Ito über die Trennung von ihrem ersten Ehemann Jun Tsuji. In dieser Ehe fand sich die Autorin in die Rolle der unterwürfigen Frau gedrängt. Das Zusammentreffen mit Sakae Osugi verstärkte Noe Itos Wunsch nach einer Trennung und schließlich arrangierte sie sich mit Sakae Osugis Vorstellung von „freier Liebe“:

„Wenn Osugi mehrere Geliebte hätte und ich das gebe, was nur ich ihm geben kann und nur das nehme, was ich mir wünsche, und damit mein eigenes Leben erweitern kann, wäre ich damit wohl zufrieden und würde mich ermutigt fühlen, meinen eigenen Weg zu gehen.“ (S. 40)

In „Von einer Frau an ihren Ehemann“ legt die Feministin Noe Ito ihr eigenes Rollenverhalten unters Mikroskop und bemerkt, dass sie in der Ehe mit Sakae Osugi sehr traditionell reagiert – am liebsten möchte sie ihren Mann schon kratzen, bevor es juckt. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie nur auf Distanz zu ihrem Ehemann sie selbst sein kann, indem sie sich selbst zum Maßstab setzt.

Neben diesen sehr persönlichen Werken enthält der Band aber auch Texte mit stärkerem gesellschaftskritischem Gewicht. In „Realität ohne Regierung“ thematisiert Noe Ito die ländliche Dorfgemeinschaft, die ihre Angelegenheiten ohne Autoritäten regelt und sich selbst organisiert, als ein funktionierendes Beispiel für anarchistischen Kommunismus. In „Gespräche mit streikenden Frauen“ zeigt die Autorin Missstände im produzierenden Gewerbe auf. So war es beispielsweise keine Seltenheit, dass eine Arbeiterin gegen sieben Uhr morgens zu arbeiten begann und erst um elf Uhr abends „Feierabend“ machen konnte. In einem „Grußwort“ spricht Noe Ito die Kluft zwischen Arbeiterinnen und Frauen der Mittelschicht an. In „Klassenantipathien“ nimmt sie dieses Thema nochmals aus einem persönlichen Blickwinkel auf: Noe Ito fühlte sich, seitdem sie in ein Arbeiterviertel gezogen war, fehl am Platz. In „Frauen, die zur Speise dienen“ prangert sie den Usus an, dass Familien ihre Töchter wie Sklavinnen in die Prostitution verkaufen.

Doch auch zwei Texte von Sakae Osugi sind in dem vorliegenden Band enthalten: In „Die freie Liebe, nach der ich mich sehne“ schreibt Sakae Osugis darüber, dass wahre, freie Liebe nur dann gelebt werden kann, wenn ökonomische Zwänge und Abhängigkeiten entfallen. In dem Text aus dem Jahr 1905 gesteht er den Frauen dieselbe sexuelle Freizügigkeit wie Männern zu.

In Sakae Osugis „Geschichte, wie ich einen Geist gesehen habe“ wird es wieder sehr persönlich: Hier beschreibt der Autor den Mordversuch von Ichiko Kamichika an ihm und er zeigt die Hintergründe der Tat auf. Mit einem weiteren Text ist sogar Ichiko Kamichikas Aussage bei der Polizei enthalten.

Abgeschlossen wird der Band mit einem Nachwort der Herausgeberinnen, in dem sie auf die Erkenntnisse der Anarchistin Itsue Takamure zur historischen Rolle der Frau in Japan eingehen.

Mit „Ito Noe – Frauen in der Revolution – Wilde Blume auf unfreiem Feld“ ist ein spannendes Sammelsurium gelungen, das neben feministischen und sozialen Themen auch intime Dramen (wie den Mordversuch von Ichiko Kamichika) enthält. Die tragischen Figuren von Noe Ito und Sakae Osugi werden durch persönliche Texte zugänglich gemacht und gleichzeitig werden die gesellschaftlichen Hintergründe beleuchtet.

Bibliographische Angaben:
Terasaki, Akiko & Lenz, Ilse (Hrsg. & Übers.): „Ito Noe – Frauen in der Revolution – Wilde Blume auf unfreiem Feld“, Karin Kramer Verlag, Berlin 1978

Sonntag, 20. Januar 2013

„Dialoge in der Dunkelheit“ von Ryunosuke Akutagawa

Ryunosuke Akutagawa beging 1927 Selbstmord. Sein Text „Dialoge in der Dunkelheit“ aus dem gleichen Jahr schildert seinen Kampf mit den inneren Dämonen in Dialogform und thematisiert unter anderem einen möglichen Freitod und Akutagawas Wunsch nach innerem Frieden.

Darüber hinaus beinhaltet der ebenfalls „Dialoge in der Dunkelheit“ betitelte Band 16 weitere Texte: „Zehn Nadelstiche“ gleicht einer Spruchsammlung, in der Ryunosuke Akutagawa mit seinen Mitmenschen und hochtrabenden Träumen hart ins Gericht geht.

„Ein Sozialist“ beschreibt den Werdegang eines einst begeisterten Sozialisten, der sich nach seiner Familiengründung mehr und mehr in der gesellschaftlichen Mitte verortet und nur in einer romantisierenden Rückschau seinen Überzeugungen der Jugendjahre gedenkt:

„Auch jetzt sitzt er in seinem Korbsessel, genießt eine Zigarre und erinnert sich seiner Jugendzeit – menschlich, vielleicht allzu menschlich“ (S. 92)

Mit „Im Asakusa-Park“ schreibt Ryunosuke Akutagawa gar ein Drehbuch für einen surrealistisch anmutenden Kurzfilm, an dem Salvador Dali seine Freude gehabt hätte.

„Das bisherige Leben des Daidoji Shinsuke“ bricht einfach ab; bleibt unvollendet, nachdem unter anderem Shinsukes Qual geschildert wird, als Junge aus der unteren Mittelschicht seine geringen finanziellen Mittel möglichst zu verschleiern zu versuchen.

In „Beschriebene Blätter“ klingen gar emanzipatorische Töne an. Dem Autor fällt ein Brief einer unbekannten, jungen Frau in die Hände, die sich über das Schicksal der Frauen beklagt, die aufgrund schlechter Ausbildung eine Ehe als Versorgungsgemeinschaft eingehen und ihre eigenen Wünsche zurückstellen müssen. Ryunosuke Akutagawa kennt das Problem aus einer anderen Warte:

„Ich warf die Blätter in die Schublade meines Schreibtischs, wo bereits meine eigenen Träume, in einem Stapel alter Briefe, allmählich vergilbten…“ (S. 50)

Der Klappentext von Ryunosuke Akutagawas „Dialoge in der Dunkelheit“ verspricht nicht zuviel, wenn von „experimentierfreudige[r] stilistische[r] Vielfalt“ und der „sprachlichen Eleganz“ des Autors die Rede ist. Sicherlich sind die Texte aber eher in Häppchen zu genießen, als an einem Nachmittag durchzulesen.

Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Dialoge in der Dunkelheit“, Iudicium, München 2010, ISBN 978-3-86205-009-3

Donnerstag, 27. Dezember 2012

„Wanderjahre“ von Koreya Senda

1975 veröffentlichte Koreya Senda in Japan seine „Geschichte des Shingeki – ganz anders betrachtet“. Kapitel 6 und 7 wurden ins Deutsche übersetzt und als „Wanderjahre“ publiziert. „Wanderjahre“ umfasst primär die Jahre 1927 bis 1932 und damit Koreya Sendas Zeit in Berlin, wo er sich mit linkem, proletarischem Theater befasste. Während in Japan die proletarische Bewegung bereits starker Überwachung ausgesetzt war, findet Koreya Senda in Deutschland noch günstigere Bedingungen für die politische Bewegung wieder. Doch zunächst findet die Frohnatur Senda in Berlin Gefallen an anderen Aktivitäten: Im Café Victoria, wo sich die den japanischen Gästen zugetanen Berliner Fräuleins aufhalten, wird so manche Reichsmark vertrunken – und Koreya Senda zieht sich gleich noch eine Geschlechtskrankheit zu, deren Heilung sein durch den Alkoholkonsum ohnehin strapaziertes Budget noch weiter belastet. Gut, dass ihm ein Statistenjob beim Film angetragen wird. In dem Streifen „Natur und Liebe“ soll er sich zuerst nur im Lendenschurz bekleidet zeigen – und schließlich verlangt der Regisseur gar, dass seine letzte Hülle zu fallen hat.

Doch schließlich wendet sich Koreya Senda doch dem Studium des Theaters zu, weswegen er nach Deutschland gekommen war. Mit den Aufführungen der Piscator-Bühne kann er sich weniger anfreunden. Koreya Senda macht unter anderem die Bekanntschaft von Lu Märten, Gustav von Wangenheim, Arthur Pieck und Maxim Vallentin und verschreibt sich daraufhin Agitproptruppen, tritt in die deutsche KP ein. Zudem engagiert sich der umtriebige Japaner für diverse internationale Theaterverbandsarbeit.

In Berlin lernt Koreya Senda auch seine erste Ehefrau Irmgard Kliem kennen, die ihn bei seiner Rückkehr nach Japan über Moskau im Jahr 1931 begleitet. Wie auch in den Erinnerungen der gemeinsamen Tochter Momoko Nakagawa, die sie in „Der japanische Vater“ niederschrieb, hinterlässt Irma auch in „Wanderjahre“ einen besonders starken Eindruck. Unverblümt, liebenswert und unbekümmert schreitet die politisch engagierte Frau auch in Japan zur Tat. Sie möbelt die heruntergekommene Bleibe auf, kümmert sich aufopfernd um den zeitweilig inhaftierten Koreya Senda und ist durch ihr offenes Wesen gleich allseits beliebt.

In Japan wird das Klima für politisches Theater immer schlechter: Schauspieler werden gar direkt von der Bühne wegverhaftet. Berufsschauspieler haben kein Auskommen mehr und müssen sogar soweit gehen und sich prostituieren, um Geld zum Überleben zu beschaffen. Interne Streitigkeiten tun ein Übriges, um die Situation noch weiter zu Erschweren.

Sicherlich ist „Wanderjahre“ primär für Leser interessant, die ein Faible für linkes Theater und die proletarische Bewegung haben. Insbesondere, wer sich für proletarische Literatur begeistert, trifft in „Wanderjahre“ auf alte Bekannte: In Moskau begegnet Koreya Senda der Schriftstellerin Yuriko Miyamoto, die dort heimlich die Bekanntschaft von KP-Politikern macht und sich schließlich der proletarischen Bewegung zuwendet. Einen Umzug kann sich Koreya Senda nur leisten, nachdem ihm ein Verlag für die Übersetzung von Sunao Tokunagas „Straße ohne Sonne“ einen Vorschuss gegeben hatte. Zusammen mit Trude Eschenbach übersetzt er wenig später Takiji Kobayashis „Der 15. März 1928“.

Doch Koreya Sendas Erzählstil macht einfach auch Spaß; die Frohnatur kam während des Klassenkampfes sichtlich auch auf seine Kosten. Sicherlich mag dies durch den zeitlichen Abstand von mehr als 40 Jahren von Niederschrift zu den Geschehnissen resultieren und für etwas Verklärung sorgen  – ein Aufenthalt im japanischen Gefängnis war bestimmt kein Zuckerschlecken.

Bibliographische Angaben:
Senda, Koreya: „Wanderjahre“, Henschelverlag, Berlin 1985

Donnerstag, 4. Oktober 2012

„Die Straße ohne Sonne“ von Sunao Tokunaga

Rund um „Die Straße ohne Sonne“ in Tokio tummeln sich die Wellblechhütten der Ärmsten der Arbeiter, die vornehmlich in den Fabriken des reichen Kapitalisten Okawa arbeiten. Der hat vor kurzem die Arbeiter einer ganzen Abteilung entlassen – ihre 3.000 Kollegen haben aus Solidarität einen Streik ausgerufen. Und so wird der Leser Zeuge eines Arbeitskampfs in den 20er Jahren, der auch in der Realität so – oder so ähnlich – stattgefunden hat. Denn der Autor Sunao Tokunaga verarbeitet in seinem Roman seine eigenen Erlebnisse als Streikender.

Takae ist eine der zentralen Figuren: Die emanzipierte Frau steht hundertprozentig hinter dem Streik und opponiert damit gegen den Vater. Sie und ihre jüngere, schwangere Schwester O-Kayo werden verhaftet und für einige Zeit inhaftiert. Hagimura ist ein Stratege, der sich in der Streikleitung engagiert. Auch er lebt gefährlich: Die Polizei und die Werksfaschisten haben es auf ihn abgesehen. Miyaji gehört einer Geheimabteilung der Streikenden an. Als er sich der Polizei freiwillig stellt, wird er gefoltert und altert innerhalb von Tagen um Jahre. Hin und wieder wechselt die Perspektive auf die wohlhabende Gegenseite und illustriert die Weltfremdheit des Kronprinzen und die Kaltherzigkeit der Kapitalisten.

Sunao Tokunaga appelliert mit „Die Straße ohne Sonne“ an den Zusammenhalt der Arbeiter gegen die unterdrückende Oberschicht. Durch Intrigen und Bestechungen gelangen die Kapitalisten doch an ihr Ziel: Die Solidarität zerfällt und der Streik wird zu den Bedingungen der Arbeitgeber beendet. Interessant ist dabei vor allem, dass Sunao Tokunaga den diversen Einzelschicksalen ein Gesicht gibt. Einige überleben den Arbeitskampf nicht, andere verrotten in Gefängnissen, Frauen prostituieren sich, um eine neue Einnahmequelle zu erschließen.

Freilich entbehrt „Die Straße ohne Sonne“ nicht einer gewissen Polemik, was z.B. die Glorifizierung der roten Fahne betrifft. Dennoch ist der Roman gegen Ende mehr als spannend und fordert Respekt für die Arbeitergeneration heraus, für die der Begriff „Arbeitskampf“ noch wörtlich zu verstehen war.

Bibliographische Angaben:
Tokunaga, Sunao: „Die Straße ohne Sonne“, Dietz, Berlin 1960

Sonntag, 9. September 2012

„Die Banshu-Ebene“ von Yuriko Miyamoto

Der Band „Die Banshu-Ebene“ von Yuriko Miyamoto enthält neben der gleichnamigen autobiographischen Erzählung noch zwei weitere namens „Die Brust“ und „Fuchiso“.

„Die Brust“ aus dem Jahr 1935 war eines der letzen Werke der proletarischen Literaturbewegung, das noch veröffentlicht werden konnte. Wie Jürgen Berndt im Vorwort bereits beschreibt, wirkt diese Erzählung noch etwas ungeschliffen. Sie handelt von der jungen Hiroko, deren Ehemann Jukichi als politischer Gefangener einsitzt. Auch Hiroko betätigt sich für die Belange der Arbeiter. Sie arbeitet in einem Kindergarten der „Arbeiter-und-Bauern-Hilfe“ und setzt sich für Gewerkschaftler ein. Im Kindergarten taucht hin und wieder der zwielichtige Usui auf – hat Hiroko den richtigen Riecher, dass dieser Kerl nicht hinter der linken Bewegung steht?

In „Die Banshu-Ebene“ begegnen wir Hiroko wieder. Die Jahre sind ins Land gegangen und Hiroko, deren Ehemann noch immer inhaftiert ist, erlebt in der Evakuierung die Kapitulation Japans am 15. August 1945. In Rückblenden erfährt der Leser, wie es ihr und ihrem Ehemann zwischenzeitlich ergangen ist. Als sie Post von ihrer Schwiegermutter erhält, dass Hirokos Schwager als vermisst gilt, schlägt sich Hiroko in die Heimat ihres Ehemanns durch, um der alten Schwiegermutter beizustehen. Sie ist rechtzeitig zur Stelle, als eine Überschwemmung das Haus der Schwiegermutter heimsucht. Als sie erfährt, dass am 10. Oktober 1945 die politischen Häftlinge entlassen werden, hält Hiroko nichts mehr: Sie muss nach Tokio, denn sie ist sich sicher, dass ihr Jukichi sie dort suchen wird. Aufgrund von Überschwemmungen und Kriegsschäden sind die Bahnstrecken kaum befahrbar. Doch irgendwie muss es Hiroko nach Tokio schaffen – immerhin war ihr Ehemann zwölf lange Jahr inhaftiert und nun ist das lang ersehnte Wiedersehen in Freiheit zum Greifen nahe.

„Fuchiso“ setzt ein, als es Jukichi endlich geschafft hat, Hiroko in Tokio aufzuspüren. Zuerst scheint es, als ob die beiden endlich ein harmonisches Eheleben führen könnten. Doch Hiroko ist über die lange und harte Zeit des Alleinlebens zu einer starken Frau geworden, was Jukichi missfällt. Er wirft ihr vor; wie die Protagonistin einer Erzählung Akutagawas zu wirken, wie eine eigensinnige und starrköpfige Witwe. Jukichi wiederum ist zart besaitet und verträgt Hirokos Scherze über seine Qualität als Ehemann nicht. Trotzdem können sich beide wieder zusammenraufen, während Jukichi sich für die Zeitschrift Akahata und den Aufbau der Kommunistischen Partei engagiert.

Yuriko Miyamoto gibt mit ihren Erzählungen einen intensiven, höchst interessanten und manchmal schockierenden Einblick in das Leben der politischen Gefangenen und deren Angehörigen während der Gültigkeit des berüchtigten Gesetzes zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Friedens, das Verhaftungen Andersdenkender legitimierte. Yuriko Miyamoto hatte die unmenschlichen Haftbedingungen am eigenen Leib erlebt und einen lebensgefährlichen Hitzschlag erlitten, dessen Folgen ihre Gesundheit fortan beeinträchtigten. Dennoch sprechen aus ihren Erzählungen die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Jukichi und eine enorme Standhaftigkeit:

„Wenn jemand in den Krieg geschickt wird und über seinen Verstümmelungen sogar das Vertrauen zur Liebe verliert, so ist das schlimmer, als in kleine Stücke zerschnitten zu werden. Standhaft sein! Tapfer sein!“ (S. 125 f.)
Bibliographische Angaben:
Miyamoto, Yuriko: „Die Banshu-Ebene“, Aufbau, Berlin 1960

Freitag, 7. September 2012

„Der 15. März 1928“ von Takiji Kobayashi

Der 15. März 1928 war ein düsterer Tag für die japanischen Sozialisten und Kommunisten. In einer Verhaftungswelle wurden 1.652 Personen inhaftiert, die unter Verdacht standen, der verbotenen Kommunistischen Partei Japans anzugehören oder mit ihr zu sympathisieren. Ca. 500 der Inhaftierten wurden schließlich auch strafrechtlich belangt. Im Zuge dieser anti-kommunistischen Aktion wurden auch weitere linke Parteien und Organisationen verboten.

Takiji Kobayashi hat mit seiner Erzählung „Der 15. März 1928“ diesem Ereignis ein Zeitzeugnis gesetzt. Er beschreibt aus dem Blickwinkel verschiedener Gefangener die Geschehnisse dieses und die der folgenden Märztage in der Stadt Otaru: Ryukitji hat aufgrund vorhergehender Verhaftungen seine Anstellung als Lehrer verloren. Als er von der Polizei am Morgen des 15. März aus dem Schlaf gerissen und verhaftet wird, sind Frau und Kind versteinert vor Schreck.

Die Gewerkschaftler Ssusumoto, Ssakanishi, Ssaito, Shibata, Ishida und Watari haben für den 15. März eine Protestkundgebung geplant und übernachten im Gewerkschaftsbüro. Doch viel Schlaf ist ihnen nicht vergönnt – sie werden von der Polizei wach geprügelt und abgeführt. Den Sekretär der Gewerkschaft, Kudo, erwischt es wie Ryukitji zu Hause.

Ssata, der sich seiner Mutter zuliebe von den Linken distanziert hatte, wird erst nach dem 15. März inhaftiert. Während die zurückbleibenden Frauen, die Ehefrauen und Mütter, plötzlich auf sich allein gestellt sind – schließlich fehlen die Einnahmen des Mannes – , werden einige der Inhaftierten brutalst von der Polizei gefoltert. Zwar ergeht sich der Autor in einschwörenden Äußerungen wie

„in ihnen allen steigt ein Empfinden auf, ein Ton, eine Farbe, eine Richtung, das Gefühl, das sie nie in den Stunden der Gefahr verlässt: Solidarität. Jene Solidarität, die das Proletariat zu einer Front zusammenschweißt.“

differenziert jedoch beim Feindbild: Die Polizei wird nicht als grundlegend schlecht erachtet. Zwar tummeln sich unter den Beamten sadistische Folterknechte, aber auch menschliche Züge werden illustriert: Polizisten, die den Gefangenen anbieten, den wartenden Ehefrauen Nachrichten zu überbringen und solche, die sich selbst gegen unwürdige Arbeitsbedingungen wehren wollen.

Tragische Ironie des Schicksals ist, dass der Autor seinen gefolterten Charakteren die Worte „Tötet mich doch lieber!“ in den Mund legt und 1933 selbst unter Polizeifolter ums Leben kommt.

Noch ein kleiner Hinweis: Diese Rezension basiert auf der online verfügbaren Version von „Der 15. März 1928“ auf Marxist’s Internet Archive/Nemesis. Daher auch keine Seitenzahlen bei den Zitaten. Die deutsche Originalausgabe aus dem Jahr 1932 wurde 1938 von den Nationalsozialisten verboten und auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt.

Bibliographische Angaben:
Kobayashi, Takiji: „Der 15. März 1928“, Mopr, Berlin 1932

Sonntag, 1. Januar 2012

„Das nackte Auge“ von Yoko Tawada

Die jugendliche Vietnamesin und Ich-Erzählerin wird als vietnamesische Abordnung zu einem Kongress in die DDR geschickt. In Ost-Berlin trifft sie auf den aus Bochum stammenden Jörg, der ihr penetrant von der westlichen Freiheit erzählt und sie schließlich nach West-Deutschland entführt. Den unfreiwilligen Westaufenthalt will sie beenden und die Bahn nach Moskau nehmen, um von dort aus nach Vietnam zurück zu kehren. Doch der Zug führt in die entgegengesetzte Richtung und die Protagonistin findet sich in Paris wieder. Ohne Geld und ohne Visum schlägt sie sich durch: Sie lebt bei der Prostituierten Marie, findet Unterschlupf bei einer Landsfrau, anschließend bei einem Landsmann, um schließlich doch wieder bei Marie im Keller zu leben.

„Das nackte Auge“ von Yoko Tawada behandelt das Thema des Fremd-Seins: Ohne einen sprachlichen Zugang zu ihrer Umwelt, kann sich die Protagonistin nur auf ihr Auge verlassen. Deswegen sucht sie im Kino ihre Geborgenheit. Insbesondere die Filme einer gewissen französischen Schauspielerin haben es ihr angetan. So vermischen sich die Erlebnisebenen: Traum, Wirklichkeit und Film ergeben ein psychedelisches, literarisches Potpourri, das fernab einer dramatischen Schilderung des Lebens als Illegale angesiedelt ist.

Die 13 Kapitel von "Das nackte Auge" tragen als Überschriften die Titel der Filme der französischen Schauspielerin und führen so unter anderem nach Indochina, in die Prostitution, in die Vampirwelt und in die UdSSR. Die Protagonistin unterhält sich in einem inneren Monolog mit der Schauspielerin, ohne (zunächst) auf Antwort hoffen zu können

Freitag, 30. Dezember 2011

„Und unsere Tage waren es doch“ von Sho Shibata

Tokio in den 50er Jahren: Der Ich-Erzähler und Student Fumio findet ganz unerwartet in einem Antiquariat die Gesamtausgabe des Autors H., die erst vor kurzem komplett erschienen ist. Fumio ist verwundert, dass er sie so kurz nach Veröffentlichung günstig erstehen kann, und da die Bücher eine rätselhafte Anziehungskraft auf ihn ausüben, kann er nicht widerstehen, sie zu kaufen.

Als Fumios Freundin Setsuko einen Blick in die Bücher wirft, erkennt sie das Exlibris wieder. Ihr Kommilitone Sano hatte ihr ein Buch mit demselben Exlibris geliehen, bevor er auf Weisung der Kommunistischen Partei in den Untergrund ging. Setsuko ist neugierig, was aus Sano geworden ist und beginnt, ihre gemeinsamen Bekannten zu befragen.

So löst Fumios Buchkauf eine ganze Kette von Ereignissen aus, durch die der Leser nicht nur Fumio und Setsuko, sondern auch deren Freundeskreis kennen lernt: Fumio und Setsuko kennen sich seit ihrer Kindheit. Da Setsukos Familie in Fumio einen idealen Ehemann sieht, verloben sich die beiden. Doch die Beziehung erscheint eher platonisch als leidenschaftlich. Sano meint, sein Herz schlüge nur für die KP – und enttäuscht sich selbst maßlos beim Mayday-Zwischenfall: Als es zum Zusammenstoß mit der Polizei kommt, flieht er statt sich wie seine Parteifreunde dem Kampf zu stellen. Seitdem fühlt er sich als Versager. Sone ist ebenfalls kommunistisch eingestellt, steht den Weisungen der KP jedoch kritisch gegenüber. Sones Kollege Miyashita hat über Omiai Setsukos Arbeitskollegin Kazuko kennen gelernt. Bevor er sie heiratet, bittet er Fumio um eine kleine Recherche über die Charaktereigenschaften Kazukos. Fumio weiß mehr, als er Miyashita gegenüber zugeben möchte: Kazuko und ihr ehemaliger Professor sind unglücklich ineinander verliebt. Um Kazuko versorgt zu wissen, hatte der Professor das Omiai eingefädelt. Und dann gibt es noch Nose, der sich ebenfalls der KP verschrieben hat und nach deren Weisung, den bewaffneten Widerstand aufzugeben, völlig desillusioniert und hilflos ist.

„Und unsere Tage waren es doch“ von Sho Shibata ist trotz der Handlung rund um die KP kein politischer Roman. Vielmehr illustriert er das Lebensgefühl der Studenten im Japan der 50er Jahre und ihre diversen individuellen Schicksale. Dadurch dass Setsuko als emanzipierte Frau beschrieben wird, gilt Sho Shibatas Roman als eines der ersten emanzipatorischen literarischen Werke Japans.