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Samstag, 3. Januar 2015

„Frau Yasui“ von Ogai Mori

Ogai Moris „Frau Yasui“ ist ein schmales Büchlein von gerade mal gut 30 Seiten, herausgegeben im Toyo Verlag. Das Werk ist ein Porträt des 1799 geborenen Chuhei (Sokken) Yasui und dessen Ehefrau Sayo. Mit

„Neben dem Gerücht: ‚Aus Herrn Chuhei wird einmal etwas Außerordentliches werden’, ging auch eine andere Rede im ganzen Dorf Kiyotake um, nämlich: ‚Ein hässlicher Mensch ist er doch!’“ (S. 1)

beginnt Ogai Moris „Frau Yasui“. Und wahrlich – Chuheis Gesicht ist seit einer Pockenerkrankung schrecklich vernarbt und zudem ließ die Infektion sein rechtes Auge erblinden. Neben dem stattlichen, älteren Bruder Bunji wirkt Chuheis Aussehen umso hässlicher. Chuhei studiert die chinesischen Klassiker in Edo und wird 29-jährig Lehrer in des Vaters Schule. Dieser befindet, dass es Zeit ist, dass Chuhei heiraten soll. Aufgrund Chuheis Vernarbungen im Gesicht soll die Ehefrau in der Verwandtschaft gefunden werden. Die erste Wahl fällt auf Chuheis Cousine Toyo, die den Heiratsantrag jedoch rundweg ablehnt. Die Überraschung ist groß, als Toyos jüngere Schwester Sayo, die hübscher und dabei doch bescheidener ist, den Wunsch äußert, Chuheis zu ehelichen.

Sayo wandelt sich von einem schüchternen Mädchen zu einer würdigen Ehefrau. Als Chuhei wegen seiner Ämter nach Edo ziehen muss, folgt ihm Sayo bald mit den Kindern nach.

Mit 51 Jahren stirbt Sayo als mustergültige, bescheidene Ehefrau, die ihre Wünsche hinter der Karriere des Ehemanns zurückstellt. Warum mag Sayo freiwillig dieses Leben gewählt haben? Ogai Mori mutmaßt:

„Niemand wird glauben, dass Frau Osayo sich nicht vorstellen konnte, wie angenehm ein üppiges Leben wäre. Niemand kann glauben, dass sie eben nur eine Frau war, von Natur aus anspruchslos, sowohl geistig, wie auch materiell. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sie ein Lebensziel vor Augen, vor dem alles Irdische nichts anderes als ein Staubkörnchen war.“ (S. 30 f.)

Der dokumentarische Charakter des Texts wird so auf den letzten Seiten mit Gedanken des Autors angereichert. Dennoch wirkt das Werk sehr trocken und erlaubt nur wenig Identifikation mit den Handelnden. Daher ist „Frau Yasui“ sicherlich primär für die Leser interessant, die sich für die Person des Chuhei (Sokken) Yasui begeistern.

Bibliographische Angaben:
Mori, Ogai: „Frau Yasui“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Koike, Kenji & Zobel, Günter), Toyo Verlag, Tokio 1978

Samstag, 2. August 2014

„Das Geschlecht der Abe/Sanshodayu“ von Ogai Mori

Mit „Das Geschlecht der Abe“ und „Sanshodayu“  erzählt Ogai Mori zwei japanische Klassiker aus der Tokugawa- bzw. Heian-Zeit.

„Das Geschlecht der Abe“ erfährt einen Wendepunkt als der Daimyo Tadatoshi im Sterben liegt. Zahlreiche Vasallen bitten ihn um „Junshi“; um die Erlaubnis, Selbstaufopferung begehen zu dürfen und ihren Daimyo nach einem Seppuku in den Tod zu folgen. So will auch Yaichiuemon Abe von dem Sterbenden die Einwilligung zu seiner Selbstaufopferung erhalten. Doch der denkt gar nicht daran, sondern verweigert seine Zustimmung. Nachdem die 18 Männer, die das Einverständnis von ihrem verstorbenen Herrn zum Selbstmord erhalten haben, jeweils Seppuku begangen haben, leidet Yaichiuemon unter übler Nachrede. Einerseits lästern die Spötter, er habe nicht den Mumm, sich zu entleiben; andererseits weiß er, dass er ohne die Erlaubnis des Daimyo keinen ehrenvollen, sondern nur einen „Hundetod“ sterben wird. Nichtsdestotrotz ruft er seine Söhne zusammen und begeht Seppuku. So beginnt der Abstieg der Familie Abe, die in der Gunst von Tadatoshis Nachfolger immer weiter sinkt und schließlich zum Außenseiter wird. Eine Übersprungshandlung eines Familienmitglieds wird schließlich als Freveltat geahndet und der gesamte Clan sieht nur noch einen einzigen, blutigen Ausweg, um die Ehre der Familie wiederherzustellen.

„Sanshodayu“ handelt von dem Geschwisterpaar Anju und Zushio. Die beiden sind mit ihrer Mutter unterwegs, um ihren verbannten Vater aufzusuchen, als sie in die Hände von Menschenhändler fallen. Die Geschwister werden von der Mutter getrennt und werden an das Gut das Sanshodayu verkauft, der die zarten Jugendlichen Salzwasser schleppen lässt und zum Brennholz schneiden schickt. Anju als die Ältere der beiden spinnt einen Plan, um die Leibeigenschaft zu beenden, der aber für sie fatale Folgen haben soll.

„Sanshodayu“ liest sich eher wie ein Märchen, während „Das Geschlecht der Abe“ anfangs von Beschreibungen von Verwandtschaftsbeziehungen und Aufzählungen geprägt ist. Wer sich für das Thema Selbstaufopferung und Beziehungsgeflechte in der Tokugawa-Zeit interessiert, für den mag diese Erzählung besonders interessant sein. Für alle anderen Leser ist der Einstieg in „Das Geschlecht der Abe“ jedoch zäh – bis überhaupt von der Familie Abe die Rede ist, müssen erst (Kurz-)Beschreibungen von 18 Seppuku-Taten überstanden werden.

Bibliographische Angaben:
Mori, Ogai: „Das Geschlecht der Abe/Sanshodayu“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Koike, Kenji), Japanisch-Deutsche Gesellschaft, Tokio 1960

Samstag, 10. August 2013

„Japanische Meister der Erzählung“ herausgegeben von Kakuji Watanabe

Elf Erzählungen von neun Autoren sind in „Japanische Meister der Erzählung“ versammelt. Mein unangefochtenes, persönliches Highlight des Bandes ist die Übersetzung von Ryunosuke Akutagawas „Kappa“. In der Erzählung wird die Geschichte des Kranken Nr. 23 aufgezeichnet, der steif und fest behauptet, im Land der Kappas, der Wasserkobolde gewesen zu sein. Inspiriert von „Gullivers Reisen“ spinnt Ryunosuke Akutagawa eine satirische Story, die die japanische Gesellschaft karikiert und die Akutagawa politisches Engagement attestiert. In „Kappa“ gelangt ein Wanderer und Ich-Erzähler unversehens ins Land der Kappas. Der Mensch wird freundlich aufgenommen und erlernt die quakende Sprache der Kobolde. Im Alltag im Kappaland fallen dem beobachtenden Erzähler allerhand Ungereimtheiten auf, auf die die Kappas allerdings meist ein äquivalentes Problem in Japan zur Hand haben. So zum Beispiel wird im Kappaland um „Vererbungswillige“ gebuhlt: Kappas, heiratet Proletarier, um ein bestmögliche Vermischung der Gene zu erzielen! In Japan wiederum wird der Genpool durch die Liebesaffären zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Milieus durchmixt. Im Kappaland werden primär Konzerte von der Polizei gestürmt und verboten – denn wer kein Ohr für Musik hat, kann leicht Unsittlichkeit in sie hineininterpretieren. In Japan ist in den 20ern ebenfalls die Zensur ein beliebtes Mittel, Künstler zum Schweigen zu bringen. Werden Arbeiter im Kappaland aus Rationalisierungsprozessen ausgesperrt, greift das Gesetz der Arbeiterschlachtung. Giftgas erspart ihnen das Schicksal, zu verhungern oder sich aus der Not selbst zu töten. In Japan dagegen werden junge Mädchen wie Sklavinnen in die Prostitution verkauft, wenn es die materiellen Umstände der Familie erfordern. Wie in Japan, so herrscht auch in Kappaland das Kapital: Die Großindustriellen steuern sowohl die Politik als auch die Medien. Oh, pardon… korrekterweise sind es im Kappaland die Frauen der Großindustriellen und Mächtigen, die das Land kontrollieren. Eine hervorragende Analyse von „Kappa“ findet sich auch auf dem Blog „Behold My Swarthy Face“,  der insbesondere auch auf Ryunosuke Akutagawas Verhältnis zur proletarischen Literaturbewegung eingeht.

Vom selben Autor stammen die Werke „Raschomon“ und „Zauberkünste“, die ebenfalls in „Japanische Meister der Erzählung“ enthalten sind: Ein entlassener Knecht steht unschlüssig am Kiotoer Tor Raschomon und weiß sich nicht zu helfen. Über Kioto ist in den letzten Jahren eine Katastrophe nach der nächsten hereingebrochen; die Stadt gleicht einer Wildnis. Was bleibt dem mittel- und arbeitslosen Knecht hier anderes übrig, als nun kriminell zu werden? Im Torhaus von Raschomon werden namenlose Leichen aufgebahrt – und der Knecht benötigt eine Unterkunft für die Nacht. Doch nicht nur er kommt auf die Idee, sich nachts im Leichenhaus herum zu treiben.

Ein bisschen okkult geht es dagegen in „Zauberkünste“ zu. Der Ich-Erzähler lässt sich von einem indischen Magier einige Zaubertricks vorführen. Völlig gebannt von der Kunst des Inders äußert der Protagonist den Wunsch, diese Magie zu erlernen. Doch er wird gewarnt – nur ein Mann, der frei ist von Habgier, kann die Zauberei erlernen. Ob der Ich-Erzähler diesem Anspruch gewachsen ist?

„Japanische Meister der Erzählung“ enthält zudem ein Werk von Kan Kikuchi, der seinerzeit den Akutagawa-Literaturpreis ins Leben gerufen hat. In „Jenseits von Liebe und Hass“ wird nüchtern die Geschichte von Ichikuro erzählt: Weil seine Affäre mit der Nebenfrau seines Herrn aufgeflogen ist, wird Ichikuro von dem entehrten Nakagawa angegriffen. Doch Ichikuro wehrt sich erbittert und tötet dabei seinen Herrn Nakagawa. Zusammen mit seiner Geliebten Oyumi flieht er aus Yedo – und wird mehr und mehr zum Verbrecher. Das Pärchen beginnt mit Erpressungen und schließlich drängt die gierige Oyumi den willfährigen Ichikuro zum wiederholten Male zum Raubmord. Doch schließlich zeigt sich Ichikuros Gewissen. Er flieht vor Oyumi, wird Mönch in einem Tempel, um schließlich als Wanderpriester durch Japan zu wandern und Gutes zu tun. Er findet seine Möglichkeit, Sühne zu leisten, indem er an einer gefährlichen Wegstrecke, die schon manchem das Leben kostete, einen Weg durch einen Fels treiben will. Jahrelang hackt Ichikuro auf das Massiv ein und kommt nur minimal mit seiner Arbeit voran. Zwischenzeitlich ist Nakagawas Sohn erwachsen und begibt sich auf die Suche nach Ichikuro, um an ihm Rache zu üben.

Von Masao Kume liegt mit „Der Tod meines Vaters“ eine sehr autobiographische Erzählung vor. Sein Vater, der Schuldirektor war, beging Selbstmord, nachdem die Bilder des Kaisers und der Kaiserin bei einem Schulbrand zerstört wurden. Diese heutzutage unglaubliche Tat zeichnet Masao Kume aus der Sicht des kleinen Sohns auf.

„Das Geleitschiff“ von Ogai Mori handelt von dem verurteilten Verbrecher Kiske, der auf eine Gefängnisinsel transportiert wird. Im Gespräch mit dem Beamten Haneda werden Fragen über die Schuld von Kiske aufgeworfen, der seinen eigenen Bruder ermordet haben soll.

In den Jahren 1925 bis 1926 veröffentlichte Naoya Shiga vier Teile von „Aus dem Leben eines Malers“. In „Die weiße Glyzinie“ wird der Leser mit dem Ischias-kranken Maler Ryudo Yajima bekannt gemacht, der von seiner schwerhörigen Schwester Tane gepflegt wird. Nicht nur seine Schwester quält Yajima mit seinem Gemüt – er hetzt auch seinen Schüler von Glyzinie zu Glyzinie, um deren Wuchs zu untersuchen. Mit „Rot-Obi“ macht Yajima in einem Badeort Bekanntschaft. Das Mädchen mit dem roten Obi bezaubert ihn von Weitem – aus der Nähe betrachtet wirkt sie jedoch eher wie ein Dorftrampel. Zurück zu Hause kommt Yajima der plötzliche Einfall, er wolle ein „Wasserhuhn“ halten. Doch dem angeschafften Hühnchen bekommt der Aufenthalt bei Yajima gar nicht gut. Und gleich mit einem weiteren Federvieh bekommt es Yajima zu tun, als ein „Neuntöter“ mit einer Schlange kämpft.

Eine tragische Liebesgeschichte erzählt Tatsuo Hori mit „Die heilige Familie“: Nach dem Tod von Kuki, hinter dem sich Ryunosuke Akutagawa verbergen soll, lernt die Witwe Saiki den jungen Henri kennen. Henri und Saikis Tochter Kinuko verlieben sich ineinander, können sich diese Liebe aber nicht gestehen. Sind die Saikis zu heilig für Henri oder ist er ohnehin durch seine Bekanntschaft mit Kuki dem Tode bereits nah?

Auch in Fumiko Hayashis Erzählung „Akkordeon und Stadt der Fische“ wird es autobiographisch: Als Mädchen tourte die Autorin mit ihrem Stiefvater, der Hausierer war, durch Japan. So ergeht es auch der Ich-Erzählerin, die mit Vater und Mutter unterwegs ist. In einem Städtchen steigen sie aus dem Zug, da der Vater hier Verdienstmöglichkeiten wittert. Fumiko Hayashi zeichnet das Leben der Hausierertochter auf, die eingeschult wird und sich in den Sohn des Fischhändlers verliebt. Wenn doch nur ihr Vater nicht anfangen wurde, Schmarrn zu verkaufen…

Saisei Murou erzählt von „Gott oder Weib“ – eigentlich jedoch mehr von „Weib“, da sein Protagonist ein ziemlicher Weiberheld ist und sich allerhand Geliebte hält. Da wären Aliko, Shinoe, Kazuko und Harue. Keine der Frauen ist freilich glücklich mit der momentanen Situation.

Und schließlich enthält „Japanische Meister der Erzählung“ auch Junichiro Tanizakis „Tätowierung“ (identisch mit „Das Opfer“ in dem Sammelband „Mond auf dem Wasser“): Seikichi ist ein Tätowiermeister in Yedo, der sadistisch veranlagt ist. Es macht ihm eine diebische Freude, wenn sich die Kunden unter seiner Nadel vor Schmerzen winden. Doch sein Herzenswunsch ist ihm bisher verwehrt geblieben – er möchte die ideale Frau tätowieren. Eines Tages hat Seikichi das ungemeine Glück, dass die perfekte Frau als Botin zu ihm geschickt wird. Der Tätowiermeister zeigt dem jungen Mädchen sadistische Rollbilder und bemerkt, dass sie sich in den Motiven wiederzufinden scheint. Schließlich betäubt er sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken, die ihre Fähigkeit symbolisieren soll, Männer zu ihren Opfern zu machen. Seikichi selbst soll ihr erstes werden.

In Kakuji Watanabes „Japanische Meister der Erzählung“ tummeln sich damit allerhand lesenswerte Erzählungen. Wem der Band aus dem Jahr 1960 in einem Antiquariat in die Hände fällt, der sollte nicht zögern, sondern zuschlagen. Insbesondere Ryunosuke Akutagawas „Kappa“ sollte das Geld wert sein!

Bibliographische Angaben:
Watanabe, Kakuji (Hrsg.): „Japanische Meister der Erzählung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Watanabe, Kakuji), Walter Dorn Verlag, Bremen 1960

Mittwoch, 7. August 2013

„Im Umbau“ von Ogai Mori

Dank des besonders informativen Nachworts von Wolfgang Schamoni wird „Im Umbau“ zum Ogai Mori-Leckerbissen. Denn der Band enthält nicht nur die biographisch angelehnten Erzählungen „Die Tänzerin“ (aka „Das Ballettmädchen“), „Wellenschaum“ und „Der Bote“, die jeweils in Deutschland spielen, sondern auch weitere Werke, die einen Einblick in die Vergangenheit und die Ansichten des Ogai Mori zulassen.

Elise Weigert war in der Realität Ogai Moris Freundin in Berlin, die er aufgrund von äußerem Druck in Deutschland zurücklassen musste – eine Ehe des japanischen Militärarztes mit der Deutschen war schlichtweg undenkbar. Dieser unglücklichen Liebe ist „Die Tänzerin“ gewidmet: Ein japanischer Student lernt die Halbwaise und Tänzerin Elise kennen. Verunglimpft durch seine Landsleute verliert der Student sein Stipendium und zieht aus Geldnot bei Elise und deren Mutter ein. Doch als er die Möglichkeit erhält, sich bei den Japanern zu rehabilitieren, wird er vor die Wahl gestellt: Japan oder Elise…

Besonders fasziniert hat mich aber die Erzählung „Wellenschaum“, die in München und am Starnberger See spielt. Wiederum ein japanischer Student wird von dem Maler Exter in die Studentengemeinschaft der Münchner Kunstakademie eingeführt. Treffpunkt der angehenden Künstler ist das Café Minerva in der Akademiestraße 9. Hier macht der Japaner Kose mit einer adretten, aber rätselhaften jungen Frau Bekanntschaft. Es stellt sich nicht nur heraus, dass Kose sie bei einem vorhergehenden München-Aufenthalt aus einer prekären Lage gerettet hat, sondern dass sie ohnehin eine sehr ungewöhnliche Vergangenheit hat, die sich auch auf das Schicksal Ludwigs II. auswirken wird. Zwar ist die Geschichte um den bayerischen Kini freilich in der Phantasie angesiedelt, die Beschreibung von München und der Studentenszene fußt jedoch auf eigenen Erfahrungen von Ogai Mori und dessen Freund Naojiro Harada, der als erster Japaner an der Münchner Kunstakademie studierte und auch tatsächlich mit dem Maler Exter bekannt war.

Darüber hinaus enthält „Im Umbau“ aber auch Erzählungen, die im Japan zu Ogai Moris Lebenszeit spielen und solche, die Ereignisse aus der japanischen Geschichte aufnehmen. Insbesondere letztere zeigen leicht versteckte Kritik an der japanischen Gesellschaft und deren Moralvorstellungen. Alles in allem zeigt der Band viele verschiedene Facetten des Literaten Ogai Mori. Dank der zahlreichen Fußnoten lassen sich viele Andeutungen gut einordnen; insbesondere wenn es um Ogai Moris Geliebte Elise und seine Erlebnisse in Deutschland geht.

Bibliographische Angaben:
Mori, Ogai: „Im Umbau“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schamoni, Wolfgang), Insel Verlag, Frankfurt/Main 1989, ISBN 3-458-16015-9

Dienstag, 5. Februar 2013

„Mond auf dem Wasser“ herausgegeben von Marianne Bretschneider

„Mond auf dem Wasser“ versammelt 14 Erzählungen von bekannten und weniger bekannten japanischen Autoren. Für Junichiro Tanizaki-Fans hält der Band aus den 70er Jahren die erste Erzählung des Enfant Terribles bereit: „Das Opfer“ (auch bekannt als „Tätowierung“ oder verfilmt als „Irezumi – Spider Tattoo“) das ist nicht nur eines, sondern nur das erste. Der Tätowiermeister Seikichi ergötzt sich an den Schmerzen seiner Kunden. Doch ihn drängt es, eine bestimmte junge Frau ausfindig zu machen, der er ein wahres Meisterwerk tätowieren mag. Durch Zufall wird genau diese Frau, eine angehende Geisha, als Botin zu ihm geschickt. Er betäubt sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken – ein Symbol für ihre Fähigkeit, Männer einzufangen und ausbluten zu lassen. Das erste Opfer findet die Schönheit im Tätowiermeister.

Shotaro Yasuokas Protagonist in „Die Glasschuhe“ verbringt einen ungewöhnlichen Sommer: Nachts arbeitet er als Wachdienst in einem Waffengeschäft, tagsüber verbringt er seine Zeit bei Etsuko, die das Haus eines Amerikaners hütet. Die Stimmung zwischen den beiden ist losgelöst, etwas verrückt und sicherlich naiv – doch die Sommerferien des Amerikaners neigen sich zu Ende und damit die unschuldige Zeit des Paares.

Seiichi Funabashis „Die Distelwolke“ ist mehr als tragisch: Der Witwer Ichimatsu verliebt sich in eine weitläufige Verwandte seiner verstorbenen Ehefrau. Das junge Mädchen Chika hat sich jedoch bereits mit einem Soldaten verlobt, der in den Pazifikkrieg zieht. Auch sie fühlt sich zu dem Witwer hingezogen, obwohl die Familie von Ichimatsu eine Beziehung der beiden verurteilt. Doch Ichimatsu ist mehr als vorbildlich: Obwohl sich mehrere Möglichkeiten bieten, rührt er Chika nicht an. Er will warten, ob Chikas Verlobter lebend aus dem Krieg zurückkehrt und dann Chika vor eine Entscheidung stellen. Doch leider kommt schließlich alles anders.

Kyoshi Takehama erzählt in „Ikaruga-monogatari“ von Omichi, die sich unglücklich in einen Mönch verliebt.

Ryunosuke Akutagawas Erzählung „Kesa und Morito“ handelt von einem Verbrechen, das in zwei Selbstgesprächen geführt wird. Morito ist ein alter Verehrer von Kesa. Doch sie hat einen anderen geheiratet und hat ihre Schönheit über die Jahre eingebüßt. Morito vergeht sich bei einem Wiedersehen an Kesa, will sie sogar dazu überreden, gemeinsam Kesas Ehemann umzubringen. Doch Kesa hat andere Pläne.

Shusei Tokuda zeichnet mit „Der Orden“ das Bild einer unglücklichen Ehe. Kanoko geht erst eine Ehe ein, als sie vom Berufsleben enttäuscht wurde. Doch auch ihr Ehemann ist eine Enttäuschung: Er kann nicht mit Geld umgehen, macht Spielschulden, schert sich kaum um seine Ehefrau und ist obendrein noch unfruchtbar. Mehrfach versucht Kanoko sich von ihm zu lösen, doch scheitert sie jedes Mal erneut.

Kafu Nagais Erzählung „Geliebtes Gesicht“ spielt – wo auch sonst – in den Freuden- und Vergnügungsvierteln Tokios. Zwei Taxi-Chauffeure verbringen die Nacht vor den Toren Yoshiwaras. Toyo beginnt in einer rührseligen Stimmung seinem Kollegen Tame von seiner verstorbenen Ehefrau und deren Ebenbild, einer Tänzerin aus Asakusa, zu erzählen.

Auch Fumiko Hayashis „Tokio“ ist eine tragische Liebesgeschichte: Ryo verkauft im ausgebombten Tokio der Nachkriegsjahre Tee. Die verheiratete Frau wartet auf die Rückkehr ihres Ehemanns, der in Sibirien in Kriegsgefangenschaft ist. Doch während ihrer Verkaufstour von Baracke zu Baracke lernt sie Tsuruishi kennen und lieben. Leider ist den beiden kein Happy End vergönnt.

Mit „Mond auf dem Wasser“ lässt Yasunari Kawabata Kyoko an ihren verstorbenen Ehemann denken. Von seiner Krankheit schwer geschwächt, war dem Mann Kyokos Handspiegel ein Fenster zur Welt. Doch auch seinen eigenen Verfall konnte er damit beobachten.

„Im Wiederaufbau“ befindet sich ein Hotel, in dem sich Ogai Moris Protagonist Watanabe mit einer Europäerin trifft, mit der er einst intim war. Die Sängerin tourt mit ihrem Pianisten Kosinski durch die Welt und vielleicht auch durch die Betten. Ob der Wiederaufbau der Beziehung der Europäerin mit Watanabe gelingen wird?

Shimei Futabateis Ich-Erzähler wird sich während seines Studiums des eigenen „Mittelmaß“ bewusst. Er quartiert sich bei entfernten Verwandten ein, die ihn primär als Diener behandeln. Er schluckt die Demütigung herunter, hat er sich doch in die Tochter des Hauses Yukie verliebt.

Masuji Ibuses Protagonisten wird der „Besuch einer Frau“ angekündigt – sehr zum Missfallen seiner frischgebackenen Ehefrau. Denn es handelt sich bei der Frau um Aiko, die vor Jahren den Heiratsantrag des Ich-Erzählers abgelehnt hatte.

„Eine Glocke aus Fukagawa“ klingelt in Matsutaro Kawaguchis Erzählung, wenn der Ich-Erzähler seine Nächte mit der Witwe O-ito verbringt. Der Protagonist hat sich über dem Sushi-Lokal von O-ito eingemietet, um Literatur zu schaffen und ein bedeutender Autor zu werden. Um nicht von seiner brotlosen Kunst abhängig zu sein, trägt er sich mit dem Gedanken, O-ito zu ehelichen. Doch als der Ich-Erzähler die ersten Früchte seines literarischen Engagements erntet, entschließt sich O-ito anders.

In „Manazuru“ von Naoya Shiga macht ein Junge seine erste Erfahrung mit dem Gefühl der Liebe und geht einen ersten Schritt Richtung Erwachsenwerden.

Zwar sollen die Erzählungen in „Mond auf dem Wasser“ „Moderne japanische Liebesgeschichten“ sein, doch trifft dies nicht unbedingt auf alle der versammelten Werke zu. So sind die Protagonisten in Ryunosuke Akutagawas „Kesa und Morito“ eher von Abscheu getrieben; Junichiro Tanizaki spielt in seiner ersten Erzählung bereits mit den sadomasochistischen Fantasien, die sich auch durch sein späteres Werk ziehen.

Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne (Hrsg.): „Mond auf dem Wasser“, Volk & Welt, Berlin 1978

Sonntag, 2. Dezember 2012

„Blut in der Morgenröte“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering

„Blut in der Morgenröte“, der dritte und letzte Teil der japanischen Kriminalstories, die Janwillem van de Wetering herausgegeben hat, zeichnet sich wie der erste Teil „Drachen und tote Gesichter“ dadurch aus, dass man die Krimis in dem Band suchen muss. Insbesondere da das Buchcover mit „Thriller“ gekennzeichnet ist, weckt es leider falsche Erwartungen: Der Großteil der neun Erzählungen japanischer Autoren fällt nicht in dieses Genre.

„Der Drache“ soll in Ryunosuke Akutagawas Erzählung demnächst aus einem See in den Himmel auffahren. Doch dieser Mythos, der bei den Bewohnern des Städtchens am See umgeht, geht auf einen sich verselbständigenden Scherz des langnasigen Mönchs Hanazo zurück.

Der Student Fukiya ist clever – aber arm. Um seinen Kontostand aufzubessern, heckt er einen Mord an der reichen Witwe aus, bei der sein Kommilitone Saito wohnt. Als beide verdächtigt werden, die Witwe getötet zu haben, wendet Kogoro Akechi, Japans Sherlock Holmes, eine List an: „Der psychologische Test“ soll in Edogawa Rampos Erzählung den wahren Täter überführen.

„Der Mord im Pfandleihhaus“ ist eine verzwickte Sache. Der Geschäftsführer Tsunemoto wird eines Morgens tot aufgefunden: Er ist im Tresorraum eingeschlossen worden und erstickt. Zwei wertvolle Diamantringe sind entwendet worden. Der Verdacht fällt auf die beiden Angestellten und die Inhaberin des Pfandleihhauses. Zusammen mit ihrem Verehrer löst die weibliche Angestellte Naomi den Fall in Shizuko Natsukis Kriminalgeschichte.

In „Das Rasiermesser“ zeichnet Naoya Shiga das Bild eines Barbiers, dessen Nerven im Fieberwahn mit ihm durchgehen.

„Böse Kameraden“ hat Shotaro Yasuokas Protagonist und Ich-Erzähler: Der Teenager macht die Bekanntschaft des schmuddeligen, koreanisch-stämmigen Komahiko. Komahiko wird zum Helden des Ich-Erzählers und dessen besten Freund Kurata. Denn Komahiko ist ein kleiner Rebell: Er prellt die Zeche, kennt sich im Rotlichtviertel bestens aus und ist dabei auch noch intellektuell bewandert. Die Coming-of-age-Erzählung, die während des zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs kurz vor Japans Angriff auf Pearl Harbour spielt, gleicht einem Tanz auf dem Drahtseil, der eine verrückt gewordene Welt spiegelt. Der Ich-Erzähler rebelliert gegen das Althergebrachte, will sich von seiner kleinbürgerlichen Familie abnabeln – und übt schließlich Verrat. Für mich ist Shotaro Yasuokas Erzählung das Highlight in „Blut in der Morgenröte“. Der Stoff hätte zum Roman gereicht.

In „Metro à gogo“ erzählt Kyotaro Nishimura von einer lächelnden Leiche, die erstochen in einem Kanal aufgefunden wird. In Rückblenden wird die Vergangenheit beleuchtet – und warum die Leiche im Tod so glücklich gewesen sein mag.

Junichiro Tanizakis „Aguri“ behandelt ein typisches Tanizaki-Thema: Ein alternder, von Krankheit gezeichneter Mann verausgabt sich, um seiner jungen Geliebten Anguri diverse Gefälligkeiten zu erweisen.

Mit Ogai Mori darf sich der Leser auf „Blutrache“ begeben: Die Erzählung, die auf einem Vorfall aus dem Jahr 1835 zurückgeht, ist zwar eher fad, zeichnet aber ein detailliertes Bild der legalisierten Blutrache.

„Rittlings auf der Leiche“ von Akinari Ueda findet sich auch in „Unter dem Regenmond“ als „Die blaue Kapuze“: Ein Zen-Meister macht es sich zur Aufgabe, einem wahnsinnigen Mönch, der auf der Suche nach essbarem Menschenfleisch ist, Einhalt zu gebieten.

Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Blut in der Morgenröte“, Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-43075-4

Freitag, 31. August 2012

„Vita sexualis“ von Ogai Mori

Professor Kanai, Ogai Moris Alter Ego, zeichnet in „Vita sexualis“ mit nüchterner Sprache seine sexuelle Entwicklung auf. Diese startet im Alter von sechs Jahren: Als der kleine Kanai unversehens ins Haus der Tante Ohara stürmt, überrascht er die Tante, wie sie mit einem jugendlichen Mädchen ein geheimnisvolles Buch betrachtet. Die dargestellten Körperteile kann der Junge nicht recht zuordnen.

Mit sieben muss sich Kanai sexuell anzügliche Sprüche über seine Eltern anhören. Mit zehn findet er im Speicher seines Elternhauses ein Buch derselben Art, wie es damals die Tante Ohara durchgeblättert hatte. Dadurch inspiriert zu anatomischen Studien versucht er, der Tochter von Dienstboten unter den Kimono zu spannen.

Als er auf eine Privatschule kommt, wird er als „Knabe“ zum Objekt der Begierde für einen älteren Schüler. Er entgeht nur knapp einer homosexuellen Vergewaltigung. Mit 13 Jahren zieht Kanai ins Schülerwohnheim. Die Jungen dort teilen sich auf in Fans der illustrierten Bücher und den „Rauhbeinen“, die handschriftliche Heftchen, die die Knabenliebe thematisieren, konsumieren. Kanai wird zum beliebten Opfer der Rauhbeine.

Mit 15 ist Kanais Sexualität noch nicht erwacht, dennoch stromert er mit Freunden durchs Rotlichtviertel Yoshiwara. Mit 17 vernarrt er sich in ein Mädchen und mit 20 soll der heiratsfähige Kanai vermittelt werden. Schließlich besucht er das erste Mal eine Prostituierte.

„Vita sexualis“ erschien 1909 – und wurde kurz darauf wegen moralischer Verwerflichkeit verboten. Als hätte Mori Ogai dies vorhergesehen, schreibt er über seinen Protagonisten Kanai, der seine eigene Niederschrift rekapituliert:

„Und da er nun zu Ende gelesen hatte, fragte er sich, ob er dies der Öffentlichkeit vorlegen könne. Das war ein heikles Problem. Es handelte sich um Dinge, die jeder tat, über die aber niemand sprach. In der von Prüderie beherrschten Welt der Gebildeten, und weil er selber ihr angehörte, wäre das schwierig geworden.“ (S. 131)

Mori Ogai prangert mit „Vita sexualis“ jedoch nicht nur Prüderie an. Er wendet sich auch explizit gegen den Naturalismus, der die Sexualität als primären menschlichen Antrieb definiert. Kanai hinterfragt die These und begibt sich auf eine protokollarische, möglichst objektive Zeitreise seiner eigenen sexuellen Entwicklung.

Bibliographische Angaben:
Mori, Ogai: „Vita sexualis“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-01813-2

Montag, 18. Juni 2012

„Die Wildgans“ von Ogai Mori

Es ist im Jahr 1880 als die schöne, tugendhafte, aber arme Otama durch geschickte Verhandlungen die Zweitfrau des Wucherers Suezo wird. Sie wird zusammen mit einem Dienstmädchen in einem Haus in Muenzaka einquartiert, wo sie den lieben langen Tag nichts anderes zu tun hat, als sich für ihren Herrn Suezo hübsch zu machen und auf dessen Besuch zu warten. Tagein, tagaus blickt sie auf die Straße, wo die jungen Studenten flanieren. Einer davon gefällt ihr besonders gut. Es ist Okada, der beste Freund des Ich-Erzählers. Okada ist die personifizierte Mustergültigkeit und Otama träumt davon, von ihm aus ihrem Schicksal als Zweitfrau befreit zu werden. Otama schmiedet bereits Pläne, wie sie sich dem begehrten Okada am besten nähern soll, als doch alles anders kommt als erwartet.

Ogai Mori präsentiert mit „Die Wildgans“ einen Ausschnitt der japanischen Gesellschaft auf dem Weg in die Moderne: Otama gleicht zwar noch dem demütigen, klassischen Frauenbild, doch die Saat für den Ausbruch aus dem goldenen Käfig ist schon gesät. Die Studenten geben sich bereits weltmännisch-kosmopolitisch und streben internationale Karrieren an. Auch Suezos patriarchalische Rolle schwankt bedenklich: Seiner Ehefrau muss er seine Schattenfrau verschweigen und für diese rühren sich die ersten zärtlichen Gefühle.

„Die Wildgans“ gilt als der große Klassiker aus der Feder Ogai Moris und erlaubt, in ein Japan einzutauchen, das so nicht mehr existiert.

Dienstag, 8. November 2011

„Das Ballettmädchen“/„Die Tänzerin“ von Ogai Mori

„Das Ballettmädchen“ (bzw. in anderer Übersetzung „Die Tänzerin“) ist Ogai Moris autobiographische Aufzeichnung seiner eigenen Liebesbeziehung zur Berlinerin Elise Wiegert: Der japanische Student Toyataro weilt zu Studienzwecken in Berlin. Er meidet die anderen japanischen Studenten, die einen Klüngel bilden. Vielmehr ist er offen für die europäische Kultur und saugt insbesondere Literatur regelrecht in sich auf.

Eines Tages begegnet er Elis, einer blutjungen Tänzerin, der er aus einer finanziellen Notlage hilft. Die beiden nähern sich mehr und mehr an und sind bald ein Liebespaar. Doch ihnen ist kein langfristiges Glück vergönnt: Toyataros Beziehung zu Elis wird von einem missgünstigen japanischen Kommilitonen angeprangert. Daraufhin verliert Toyataro sein Stipendium und muss sich als Zeitungskorrespondent in Berlin durchschlagen.

Als Toyataros Freund Aizawa nach Berlin kommt, drängt dieser den mittellosen Toyataro, mit ihm nach Japan zurückzukehren und die Beziehung zu der mittlerweile schwangeren Elis zu beenden, um die gesellschaftliche Ächtung aufzuheben. Elis verfällt dem Wahnsinn, als sie von Toyataros Verrat erfährt.

Ogai Moris „Das Ballettmädchen“ markiert einen Meilenstein: Die Novelle ist das erste Werk eines japanischen Autors, das in der ersten Person verfasst ist. Damit ist Ogai Mori Japans erster Ich-Erzähler. Zudem zeugt „Das Ballettmädchen“ von einem epochalen gesellschaftlichen Umbruch: Die konfuzianische Machthörigkeit wird in Frage gestellt. Zwar beugt sich der Protagonist dem gesellschaftlichen Druck, doch ist er sich der Tragik seiner Handlungsweise durchaus bewusst.

Montag, 7. November 2011

Ogai Mori

Ogai Mori
(Creative Commons Lizenz)
Ogai Mori wurde 1862 als Rinatro Mori als erster Sohn des Arztes Shizuo Mori in Westjapan geboren. Der Familientradition folgend sollte auch Ogai Medizin studieren. Im Jahr 1872 ging der Vater mit dem Sohn nach Tokio, um die bestmögliche Ausbildung für Ogai Mori zu garantieren. Da die Regierung deutsche Medizin zum bindenden Standard erklärt hatte, lernte Ogai Mori deutsch. 1877 begann er schließlich mit seinem Medizinstudium, das er vier Jahre später abschloss.

1883 trat er als Militärarzt in die Armee ein. Von 1884 bis 1888 studierte er im Auftrag des Militärs in Deutschland, unter anderem bei Robert Koch und Max von Pettenkofer. Darüber hinaus interessierte er sich insbesondere für europäische Literatur.

Seine unglückliche Liebe zu der Berlinerin Elise Wiegert beschrieb Ogai Mori in „Das Ballettmädchen“: Da ihm als Militärangehöriger eine Beziehung zu einer Ausländerin verboten war, kehrte er nach Japan zurück und wurde in eine arrangierte Ehe gedrängt, die nur ein Jahr andauerte. Später arrangierte seine Mutter eine weitere Ehe, die dann halten sollte.

Bis ins Jahr 1916 verdingte sich Ogai Mori weiter als Militärarzt. Neben dem Verfassen eigener literarischer Werke widmete er sich auch der Übersetzung von europäischer Literatur ins Japanische. So geht beispielsweise die erste Faust-Übersetzung auf Ogai Moris Konto.

1922 starb Ogai Mori, dem erst kurz zuvor Nierenschrumpfung und Tuberkulose attestiert worden waren. Angeblich sollen seine letzte Worte „Oh, wie ettäuschend!“ gelautet haben. Testamentarisch verfügte er, dass ihm keine militärischen Ehren bei der Beerdigung zuteil kommen sollten.

Aus seinen Ehen gingen die zwei Söhne Otto und Louis und die zwei Töchter Marie und Anne hervor. Letztere beiden folgten dem Vorbild des Vaters und wurden Schriftstellerinnen, während Otto den Arztberuf ergriff.

Interessante Links:
  • Noch mehr Bilder der Gedenkstätte und Infos zu Ogai Mori gibt es hier
           
Hier rezensiert:
  • Das Geleitschiff (in „Japanische Meister der Erzählung“/auch erschienen als: Takasebune)

Weitere ins Deutsche übersetzte Werke:
  • Deutschlandtagebuch