Grotesk – so ist die japanische Gesellschaft und so werden die Menschen, die in ihr leben. Natsuo Kirino, bekannt dafür, Gesellschaftskritik und Hard-boiled-Genre zu verbinden, beschreibt das Schicksal von vier Schülerinnen bis zum Alter von Ende 30: Die namenlose Ich-Erzählerin hat eine wunderhübsche jüngere Schwester namens Yuriko, die nymphomanisch veranlagt ist. Durch ihre Schönheit wird sie sofort in den Insiderinnen-Kreis der Schule aufgenommen. Die Ich-Erzählerin fährt eine Vermeidungsstrategie: Da sie sich bewusst ist, in Konkurrenz zu Yuriko immer zu verlieren, geht sie erst gar nicht auf jedweden Kampf um Beliebtheit, Schönheit und Intelligenz ein. Sie bleibt am Rand des schulischen Mikrokosmos, der als Symbol für die Gesellschaft Japans steht: Ein ständiger Leistungsdruck lastet auf den Schülerinnen, immer die Beste in jedwedem Lebensbereich zu sein, wenn sie nicht ohnehin schon zu den Reichsten der Reichen gehören. Auch Mitsuru und Kazue glauben daran, dass sie nur genug lernen müssen, um schließlich einen erfolgreichen Karriereweg einschlagen zu können. Doch während Mitsuru von Natur aus höchst intelligent ist und Wissen wie ein Schwamm aufsaugt, versucht Kazue die ihr fehlenden Kapazitäten mit Fleiß auszugleichen. Jedes der vier Mädchen versucht auf seine Weise, das Leben zu meistern. Yurikos Waffe ist der Sex, mit dem sie Macht über Männer ausüben kann. Mitsuru verlässt sich auf ihre Intelligenz. Die Ich-Erzählerin baut sich eine Mauer aus Hass auf. Und Kazue mag es am schlimmsten treffen: Auf der permanenten Jagd nach Anerkennung ihrer Schönheit und ihres Wissens verliert sie jedweden Bezug zur Realität. Jahre später werden Yuriko und Kazue, beide zwischenzeitlich Prostituierte auf dem Straßenstrich Tokios, zeitversetzt aber auf dieselbe Weise ermordet.
Wie in „Die Umarmung des Todes“ wird „Grotesk“ aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der Protagonistinnen erzählt: Die Tagebücher der beiden toten Frauen, ein schriftliches Geständnis des mutmaßlichen Mörders, Briefe an Mitsuru, Gerichtsakten und die Erinnerungen der Ich-Erzählerin. Doch während der Perspektivenwechsel in „Die Umarmung des Todes“ die Spannung wunderbar anheizen kann, hat „Grotesk“ dadurch seine Längen, auch wenn sich der knapp 650-seitige Wälzer insgesamt sehr flüssig liest.
„Die Umarmung des Todes“ lässt noch einen Befreiungsschlag der Frauen zu. Doch „Grotesk“ zeichnet ein sehr negatives Bild: Die Frau in Japan ist zum Scheitern verurteilt. Nur durch Sex kann sie kurzzeitig Macht über einen Mann ausüben.
Auch an privaten Oberschulen lässt Kirino Natsuo kein gutes Haar: Die reichsten Töchter, die schon seit der Grundschule auf eine Privatschule gehen können, bleiben unter sich und quälen die weniger gut situierten Mitschülerinnen. Markenwahn zwingt die Outsiderinnen zur Anpassung. Chancengleichheit ist nichts als Illusion.
„Grotesk“ zeigt den Abstieg der Frauen, die als Oberschülerinnen noch glaubten, eine glänzende Zukunft haben zu können. Und auch wenn der Roman nicht an die Spannung von „Die Umarmung des Todes“ heranreicht und ein eher unstimmiges Ende nimmt, ist er ein eindrückliches Stück Gesellschaftskritik.
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Sonntag, 17. Juli 2011
Sonntag, 15. Mai 2011
„Teufelskind“ von Natsuo Kirino
„Teufelskind“ von Natsuo Kirino ist im Japanischen als „Es tut mir leid, Mutter“ erschienen. Dieser Titel erscheint mir ein bisschen besser geeignet als „Teufelskind“. Denn ein Kind ist die Protagonistin Aiko schon lange nicht mehr. Vielleicht war sie nie richtig Kind: Die Frau in den 40ern wuchs in einem Bordell als verstoßene Tochter einer Prostituierten auf. Liebe hatte sie nie erfahren, sondern musste als Fußabtreter für die Launen der Huren herhalten. Die Schule konnte sie erst besuchen, als die Puffmutter starb und sich das Bordell auflöste. Doch Aiko blieb das Gespött im Kinderheim: Sie hat keine Mutter, weiß nichts über ihre Herkunft und spricht mit der einzigen Hinterlassenschaft ihrer Mutter, ausgetretenen Pantoffeln, die sie wie einen Schatz hütet. Doch Aiko beginnt sich zu rächen; Brandanschläge sind ihr Spezialgebiet.
Wie auch in „Die Umarmung des Todes“ wird die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Da ist die ehemalige Erzieherin Misae, die zwischenzeitlich das nun erwachsene Heimkind Minoru geheiratet hat und nach wie vor dessen „Mama“ ist. Ryuzo, zeitweise Aikos Pflegevater, entdeckt seine Leidenschaft für das Tragen von Frauenkleidern – am liebsten die seiner bettlägerigen Ehefrau. Shizuko, bei der Aiko als Haushälterin anheuert, managt die Hotels ihres Ehemanns, eines bekannten Schürzenjägers, der keine Gelegenheit auslässt, Shizuko zu hintergehen. Masayo, die nur ganz kurz Aikos Weg kreuzt, ist die frustrierte Ehefrau eines Wäschereibesitzers: Ihre Ehe gleicht einem Haussklavinnendasein. Und dann sind da die diversen Schicksale der gealterten Prostituierten aus dem Bordell, in dem Aiko aufwuchs.
Ein Nachwort von Elke Kreil beschreibt die Motivation Natsuo Kirinos, auf die Perspektivlosigkeit von japanischen Frauen aufmerksam zu machen. Vor diesem Hintergrund machen die kurz angerissenen Schicksale der einzelnen Frauen insbesondere Sinn.
„Teufelskind“ ist ein spannender Roman mit einer sehr unsympathischen Anti-Heldin. Natsuo Kirino gelingt es, den Leser ab der ersten Seite in den Bann zu ziehen, wenn auch mit teilweise sehr absonderlichen Gegebenheiten und Geschichten.
Wie auch in „Die Umarmung des Todes“ wird die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Da ist die ehemalige Erzieherin Misae, die zwischenzeitlich das nun erwachsene Heimkind Minoru geheiratet hat und nach wie vor dessen „Mama“ ist. Ryuzo, zeitweise Aikos Pflegevater, entdeckt seine Leidenschaft für das Tragen von Frauenkleidern – am liebsten die seiner bettlägerigen Ehefrau. Shizuko, bei der Aiko als Haushälterin anheuert, managt die Hotels ihres Ehemanns, eines bekannten Schürzenjägers, der keine Gelegenheit auslässt, Shizuko zu hintergehen. Masayo, die nur ganz kurz Aikos Weg kreuzt, ist die frustrierte Ehefrau eines Wäschereibesitzers: Ihre Ehe gleicht einem Haussklavinnendasein. Und dann sind da die diversen Schicksale der gealterten Prostituierten aus dem Bordell, in dem Aiko aufwuchs.
Ein Nachwort von Elke Kreil beschreibt die Motivation Natsuo Kirinos, auf die Perspektivlosigkeit von japanischen Frauen aufmerksam zu machen. Vor diesem Hintergrund machen die kurz angerissenen Schicksale der einzelnen Frauen insbesondere Sinn.
„Teufelskind“ ist ein spannender Roman mit einer sehr unsympathischen Anti-Heldin. Natsuo Kirino gelingt es, den Leser ab der ersten Seite in den Bann zu ziehen, wenn auch mit teilweise sehr absonderlichen Gegebenheiten und Geschichten.
Mittwoch, 16. Februar 2011
„Die Umarmung des Todes“ von Natsuo Kirino
Der „Umarmung des Todes“ von Natsuo Kirino wird ein Zitat von Flannery O’Connor vorangestellt: „Der Weg in die Verzweiflung besteht in der Weigerung, jegliche Art von Erfahrung zu machen.“
Verzweifelt sind alle vier Hauptakteurinnen, die zusammen in einer Firma für Lunchpakete Fließbandarbeit in der Nachtschicht verrichten. Masako ist enttäuscht von der japanischen Arbeitswelt, in der sie als Frau keine Aufstiegschancen hat und in der Ambitionen von Frauen abgestraft werden. Ihr Ehemann hat sich von der Familie zurückgezogen und ihr Sohn spricht nicht mehr mit ihr. Kuniko ist hoch verschuldet, da sie glaubt, nur durch Konsum glücklich zu werden und ist chronisch unzufrieden mit ihrem Aussehen. Die Witwe Yoshie ist an ihre pflegebedürftige Schwiegermutter gebunden. In der Nachtschicht kann sie zur Sozialhilfe etwas dazuverdienen, während sie sich tagsüber ausschließlich um den Pflegefall kümmern muss. Trotz der Einnahmen lebt sie am absoluten Limit. Yayois Ehemann Kenji ist dem Glücksspiel und einer attraktiven Hostess verfallen und verprasst nicht nur seine kompletten Einnahmen, sondern auch alle Ersparnisse. Yayois Lohn aus der Nachtschicht muss herhalten, um die Familie inklusive der beiden Söhne über Wasser zu halten.
In einem nächtlichen Streit erwürgt Yayoi ihren Ehemann – und bittet ihre Kollegin Masako um Hilfe. Gemeinsam mit den beiden anderen Frauen wird Kenjis Leiche entsorgt, während Yayoi vor der Polizei die trauernde Witwe gibt. Den Vieren spielt in die Hände, dass Kenji am Tage seines Todes mit einem Yakuza Satake in Streit geraten war, der nun als Hauptverdächtiger gilt. Somit könnte sich alles in Wohlgefallen auflösen, wäre da nicht Kunikos Gier und Satakes Rachegedanken.
Der Originaltitel von „Die Umarmung des Todes“ lautet „Out“ – und Outsider sind die Protagonisten des Romans. Daher ist der Roman nur bedingt ein Thriller oder Kriminalroman. Er ist vielmehr ein „feminist noir“: Es geht um Frauen, die sich mit mehr als drastischen Methoden emanzipieren und sich von ihrem bisherigen Leben befreien.
Die Erzählperspektive des Romans wechselt mit jedem Kapitel. Sowohl die Motivationen der verschwenderischen Kuniko als auch die des sadistischen Satake werden dem Leser plausibel und die Darsteller somit trotz aller Fehler sogar ein bisschen sympathisch.
Einzig die Gedankensprünge und Motivationen von Masko auf den letzten Seiten des Romans waren mir nicht ganz nachvollziehbar. Insgesamt aber ein Buch, das einen nicht mehr loslässt!
Verzweifelt sind alle vier Hauptakteurinnen, die zusammen in einer Firma für Lunchpakete Fließbandarbeit in der Nachtschicht verrichten. Masako ist enttäuscht von der japanischen Arbeitswelt, in der sie als Frau keine Aufstiegschancen hat und in der Ambitionen von Frauen abgestraft werden. Ihr Ehemann hat sich von der Familie zurückgezogen und ihr Sohn spricht nicht mehr mit ihr. Kuniko ist hoch verschuldet, da sie glaubt, nur durch Konsum glücklich zu werden und ist chronisch unzufrieden mit ihrem Aussehen. Die Witwe Yoshie ist an ihre pflegebedürftige Schwiegermutter gebunden. In der Nachtschicht kann sie zur Sozialhilfe etwas dazuverdienen, während sie sich tagsüber ausschließlich um den Pflegefall kümmern muss. Trotz der Einnahmen lebt sie am absoluten Limit. Yayois Ehemann Kenji ist dem Glücksspiel und einer attraktiven Hostess verfallen und verprasst nicht nur seine kompletten Einnahmen, sondern auch alle Ersparnisse. Yayois Lohn aus der Nachtschicht muss herhalten, um die Familie inklusive der beiden Söhne über Wasser zu halten.
In einem nächtlichen Streit erwürgt Yayoi ihren Ehemann – und bittet ihre Kollegin Masako um Hilfe. Gemeinsam mit den beiden anderen Frauen wird Kenjis Leiche entsorgt, während Yayoi vor der Polizei die trauernde Witwe gibt. Den Vieren spielt in die Hände, dass Kenji am Tage seines Todes mit einem Yakuza Satake in Streit geraten war, der nun als Hauptverdächtiger gilt. Somit könnte sich alles in Wohlgefallen auflösen, wäre da nicht Kunikos Gier und Satakes Rachegedanken.
Der Originaltitel von „Die Umarmung des Todes“ lautet „Out“ – und Outsider sind die Protagonisten des Romans. Daher ist der Roman nur bedingt ein Thriller oder Kriminalroman. Er ist vielmehr ein „feminist noir“: Es geht um Frauen, die sich mit mehr als drastischen Methoden emanzipieren und sich von ihrem bisherigen Leben befreien.
Die Erzählperspektive des Romans wechselt mit jedem Kapitel. Sowohl die Motivationen der verschwenderischen Kuniko als auch die des sadistischen Satake werden dem Leser plausibel und die Darsteller somit trotz aller Fehler sogar ein bisschen sympathisch.
Einzig die Gedankensprünge und Motivationen von Masko auf den letzten Seiten des Romans waren mir nicht ganz nachvollziehbar. Insgesamt aber ein Buch, das einen nicht mehr loslässt!
Donnerstag, 20. Januar 2011
Natsuo Kirino
Natsuo Kirino (geboren 1951 in Kanazawa als Hashioka Mariko) bezeichnet ihre Romane sehr treffend als „feminist noir“. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften machte sie viele negative Erfahrungen als Frau im Arbeitsleben, was sich in ihren jüngeren Werken niederschlägt. Zunächst schrieb sie Liebesromane, bevor sie ins Thriller-Genre wechselte. Der Drang nach Selbstbestimmung und Selbstbehauptung ist ihren Hauptdarstellerinnen eigen. Neben der Benachteiligung der Frau in der japanischen Gesellschaft finden sich weitere gesellschaftskritische Themen in ihren Romanen: Das japanische Prekariat, Konsumzwang und die trostlose Pflege von Familienangehörigen etc.
Mit „Die Umarmung des Todes“ gelang Natsuo Kirino der internationale Durchbruch.
Interessante Links:
Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:
Mit „Die Umarmung des Todes“ gelang Natsuo Kirino der internationale Durchbruch.
Interessante Links:
- Natsuo Kirinos offizielle Homepage
- Random House: Autorenporträt Natsuo Kirino
- Universität Frankfurt, Institut für Japanologie: Sehr lesenswerter Artikel über Natsuo Kirino
- Japan Review: Interview mit Natsuo Kirino
- Indiebound: Interview mit Natsuo Kirino
Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:
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