Jedem Yukio Mishima-Einsteiger sei der Band „Gesammelte Erzählungen“ (auch erschienen als „Tod im Hochsommer“) sehr ans Herz gelegt. Er bietet ein sensationelles Preis-Leistungs-Verhältnis, da unter anderem die auch als Einzelpublikationen erschienen Erzählungen bzw. Kurzromane „Patriotismus“ und „Die Brandung“ enthalten sind.
Der Band startet mit der tragischen Erzählung „Tod im Hochsommer“: Die dreifache Mutter Tomoko verliert bei einem Badeunfall sowohl zwei ihrer Kinder als auch die Schwägerin, die den Nachwuchs eigentlich hätte beaufsichtigen sollen. Zum Schock gesellen sich Schuldgefühle; die Beziehung zu ihrem Mann leidet. Sie versucht sich an verschiedenen Strategien, um auf den Weg in die Normalität zurück zu finden.
„Drei Millionen Yen“ sind er Betrag, von dem Kenzo und seine Frau Kiyoko träumen. Noch leisten sich die beiden nur drei Kekse, die wie je ein eine Million Yen-Schein gestaltet sind. Vielleicht versprechen die Kekse den beiden Glück für den kommenden Abend, denn es scheint ein Auftrag zu winken, der sowohl etwas dubios, dafür aber auch lukrativ ist.
„Thermosflaschen“ spielen eine verräterische Rolle in Yukio Mishimas gleichnamiger Erzählung. Wieso hat der kleine Sohn von Kawase nur so eine Angst vor Thermoskannen?
In einer Zeit, in der die Erfindung von Thermoskannen noch lange nicht ansteht, spielt „Der Priester des Tempels in Shiga und seine Liebe“: Der tugendhafte Priester von Shiga hat dem Diesseits schon lange abgeschworen. Doch als er eine besonders liebreizende Hofdame des Kaisers erblickt, ist es um seinen kontemplativen Zustand geschehen. Alle Versuche, die Konkubine des Herrschers aus seinen Gedanken zu verdrängen, scheitern. Die Hofdame wiederum ist von ihrem diesseitigen Leben schon längst völlig übersättigt und glaubt wie der Priester an den Lotos-Buddhismus. Steht die verrückte Liebe dem Eingang ins buddhistische Paradies entgegen oder mag sie beiden den Weg dorthin ebnen?
Die zwei Geishas Koyumi und Kanako und die Gastwirtstochter Masako wollen in einer Vollmondnacht eine stille Prozession abhalten. In „Die sieben Brücken“ folgen die drei einem Aberglauben: Wer schweigend und betend sieben Brücken im nächtlichen Tokio überquert, dem geht ein Wunsch in Erfüllung. Masako wird von ihrer Mutter der Bauerntrampel Mina mit auf den Weg gegeben. Es stellt sich heraus, dass die sieben Brücken gar nicht so einfach zu passieren sind.
Yukio Mishimas „Patriotismus“ wirkt hinsichtlich des späteren Seppukus des Autors doppelt abstoßend: Im Jahr 1936 hat Leutnant Takeyama keine Teilhabe an einem missglückten Putschversuch seiner Kameraden. Seine Freunde hatten den seit kurzem vermählten Takeyama aus Rücksicht auf die frische Ehe nicht in den Plan eingeweiht. Doch nun soll Takeyama gegen die Kameraden vorgehen – eine ausweglose Situation für sein Ehrgefühl. Da bleibt ihm nur eines, um sowohl seinen Kameraden als auch seiner Pflicht treu ergeben zu bleiben: Takeyama beschließt, sich den Bauch aufzuschlitzen. Seine Ehefrau Reiko ist ihm derart ergeben, dass sie ihm in den Tod folgen wird. Bei der Lektüre drängt sich der Eindruck auf, dass Yukio Mishima mit „Patriotismus“ sein Idealbild des eigenen Todes skizziert hat. Da verwundert auch nicht, dass er selbst die Rolle des Takeyama in der Verfilmung (anzusehen z.B. hier auf Youtube) angenommen hat. Der Schwarz-Weiß-Film wird den bildhaften Schilderungen der Erzählung jedoch kaum gerecht. Mishima erzeugt im Kopf des Lesers weit drastischere Bilder, die man lieber wieder vergessen mag. Hier zeigt sich einerseits die Erzählkunst des Autors; andererseits offenbart sich seine Besessenheit von einer Todesästhetik, die man ganz weit von sich weisen mag.
Yukio Mishima, der zwar verheiratet war, dem aber auch homosexuelle Neigungen nachgesagt werden, schreibt mit „Der Onnagata“ über ein Thema, was in Japan Tradition hat: über die gleichgeschlechtliche Liebe zu einem Kabuki-Schauspieler. Der Onnagata Mangiku schlüpft als Kabuki-Darsteller in weibliche Rollen und benimmt sich auch in seiner Freizeit mehr wie eine Frau als ein Mann. Masuyama bewundert den Schauspieler schon seit langem und schließlich beginnt er sogar für das Theater zu arbeiten, in dem Mangiku engagiert ist. Als der junge Kawasaki als Regisseur für ein neues Stück eingestellt wird, bringt er nicht nur neuen Wind, sondern auch viel Missstimmung ins Theater. Masuyama obliegt es, zwischen dem modernen Regisseur und den traditionellen Kabuki-Schauspielern zu vermitteln. Keine leichte Aufgabe, insbesondere da überraschende Gefühle am Werke sind.
„Die Perle“ ist eine humorvolle Betrachtung der Beziehungen zwischen einigen reichen Damen und deren Intrigen. Auf der Geburtstagsfeier von Frau Sasaki kommt eine Perle abhanden. Eine der eingeladenen Damen hat sich da wohl einen bösen Scherz erlaubt, der alle Gäste gleichsam in die Bredouille bringen und das Beziehungsgeflecht der Damen untereinander beeinflussen wird.
Die Kurzgeschichte „Windeln“ umfasst nur sechs Seiten, fesselt aber vielleicht sogar mehr als einige längere Erzählung in dem Band: Toshiko wird Zeuge der überraschenden Niederkunft ihres neuen Hausmädchens. Das uneheliche Kind wird Toshikos Schicksal bestimmen.
„Die Brandung“ ist eher Roman als Erzählung. Yukio Mishima adaptiert hier die klassisch-griechische Liebesgeschichte von Daphnis und Chloe: In den 50er Jahren lebt der 18-jährige Halbwaise Shinji zusammen mit Mutter und Bruder auf der Fischerinsel Uta-jima. Als die schöne Hatsue auf die Insel zu ihrem Vater zurückkehrt, verliebt sich Shinji zum ersten Mal. Für die Inselbewohner ist klar, dass Hatsue bald verheiratet werden soll. Wer würde da besser passen, als Yasuo, der sich immer exzellent in Szene zu setzen weiß, aber eigentlich ein recht fauler Hund ist. Der stille, arme Shinji erscheint überhaupt nicht auf dem Radar der Erwachsenen als potenzieller Partner von Hatsue. Doch Hatsue findet dafür umso mehr Gefallen an Shinji. Jedoch bleiben die amourösen Gefühle der beiden nicht unentdeckt. Hatsues Vater, eine graue Eminenz der Insel, bestraft seine Tochter mit Stubenarrest. Trotz aller Repressalien bleiben sich die beiden Liebenden treu. Ob ihnen ein Happy End vergönnt sein wird?
Yukio Mishima zeigt sich in „Gesammelte Erzählungen“ als ein Autor, der der Atmosphäre eine Dichte geben kann, die fast schon – wie in „Patriotismus“ – unerträglich werden kann. Teilweise wirken seine Darstellungen extrem überästhetisiert, teilweise kann man sich in die Beschreibungen bestens einfühlen. Eine gewisse Ambivalenz empfindet man ob Mishimas Biographie und Lebenseinstellung an vielen Stellen des Bandes – was die Lektüre aber sicherlich bereichert und für die Auswahl der Werke spricht.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Gesammelte Erzählungen“ (Übersetzung aus dem Amerikanischen: Hengst, Ulla bzw. Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar & Uslar, Gerda v.), Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-498-09280-4
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Sonntag, 22. Februar 2015
Montag, 28. Juli 2014
„Patriotismus“ von Yukio Mishima
In Anbetracht von Yukio Mishimas Tod durch Seppuku nach einem misslungenen (Pseudo-)Putschversuch stellen sich einem bei der Lektüre von „Patriotismus“ umso mehr die Nackenhaare auf. Denn auf gewisse Weise nimmt die Erzählung Yukio Mishimas eigenes Schicksal vorweg und sie zeichnet ein Bild vor, wie der Autor sich einen erhabenen Selbstmord aus Lauterkeit und Soldatenehre vorstellt:
Wir schreiben das Jahr 1936, mit dem „2-26-Zwischenfall“ ist ein Putschversuch von konservativen Militärs im Gange. Der Leutnant Shinji Takeyama ist nicht von der Partie – seine Kameraden hatten den verheirateten Soldaten vom Umsturz ausgeschlossen und so trifft es ihn besonders hart, dass der Befehl ergeht, gegen die Freunde militärisch vorzugehen. Shinji Takeyama ist nun zum Äußersten entschlossen – seine Treue gilt den Kameraden und der Aufrichtigkeit und daher bleibt ihm nur der Selbstmord. Seine ihm treu ergebene Ehefrau Reiko geht mit ihm in den Tod, weil sie sich dazu als Soldatenfrau verpflichtet fühlt.
Yukio Mishima zeichnet die letzten Stunden des zum Selbstmord entschlossenen Ehepaars nach. Während draußen tödliche Gefechte toben, ergeben sich Shinji und Reiko ein letztes, rauschendes Mal in den „petite mort“, um sich schließlich selbst zu richten. Insbesondere Shinjis bluttriefendes Ende wird sehr detailliert beschrieben, worauf ich dann doch lieber verzichtet hätte.
Auch die Schilderungen rund um die Shinjis „Erziehungsmaßnahmen“, Reiko den Geist einer gehorsamen Soldatenfrau einzubläuen, die ohne Weiteres ihr Leben drangibt, wirken heutzutage befremdlich bis abstoßend.
Yukio Mishima schildert in „Patriotismus“ den überästhetisierten Heldentod seines Protagonisten, der in einer Blut- und Kotzorgie mündet. Die Epauletten blinken, die Körper der makellosen Liebenden strahlen und die geistige Tadellosigkeit wird hochstilisiert. Von Yukio Mishimas Standpunkt mag das Schicksal des Paares Vorbildcharakter haben – doch wirkt seine Erzählung heutzutage eher wie eine Groteske. Gott sei Dank wie eine Groteske...
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Patriotismus“ (Übersetzung: Hengst, Ulla & Teichmann, Wulf), Alexander Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-923854-35-8
Wir schreiben das Jahr 1936, mit dem „2-26-Zwischenfall“ ist ein Putschversuch von konservativen Militärs im Gange. Der Leutnant Shinji Takeyama ist nicht von der Partie – seine Kameraden hatten den verheirateten Soldaten vom Umsturz ausgeschlossen und so trifft es ihn besonders hart, dass der Befehl ergeht, gegen die Freunde militärisch vorzugehen. Shinji Takeyama ist nun zum Äußersten entschlossen – seine Treue gilt den Kameraden und der Aufrichtigkeit und daher bleibt ihm nur der Selbstmord. Seine ihm treu ergebene Ehefrau Reiko geht mit ihm in den Tod, weil sie sich dazu als Soldatenfrau verpflichtet fühlt.
Yukio Mishima zeichnet die letzten Stunden des zum Selbstmord entschlossenen Ehepaars nach. Während draußen tödliche Gefechte toben, ergeben sich Shinji und Reiko ein letztes, rauschendes Mal in den „petite mort“, um sich schließlich selbst zu richten. Insbesondere Shinjis bluttriefendes Ende wird sehr detailliert beschrieben, worauf ich dann doch lieber verzichtet hätte.
Auch die Schilderungen rund um die Shinjis „Erziehungsmaßnahmen“, Reiko den Geist einer gehorsamen Soldatenfrau einzubläuen, die ohne Weiteres ihr Leben drangibt, wirken heutzutage befremdlich bis abstoßend.
Yukio Mishima schildert in „Patriotismus“ den überästhetisierten Heldentod seines Protagonisten, der in einer Blut- und Kotzorgie mündet. Die Epauletten blinken, die Körper der makellosen Liebenden strahlen und die geistige Tadellosigkeit wird hochstilisiert. Von Yukio Mishimas Standpunkt mag das Schicksal des Paares Vorbildcharakter haben – doch wirkt seine Erzählung heutzutage eher wie eine Groteske. Gott sei Dank wie eine Groteske...
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Patriotismus“ (Übersetzung: Hengst, Ulla & Teichmann, Wulf), Alexander Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-923854-35-8
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Donnerstag, 24. April 2014
„Das große Japan Lesebuch“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt
Siegfried Schaarschmidts „Das große Japan Lesebuch“ kann man jedem Einsteiger in die japanische Literatur mit bestem Gewissen empfehlen. Der Band aus den 90ern enthält freilich keine Werke von Autoren wie Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto. Dafür werden aber einzelne Erzählungen von den Literaturnobelpreisträgern Kenzaburo Oe und Yasunari Kawabata vorgestellt. Darüber hinaus dürfen natürlich Größen wie Ryunosuke Akutagawa, Junichirio Tanizaki, Yasushi Inoue, Kobo Abe, Osamu Dazai und Yukio Mishima nicht fehlen.
„Das große Japan Lesebuch“ startet mit Junichiro Tanizakis vielleicht bekanntester Erzählung, nämlich mit „Die Tätowierung“: Im mittelalterlichen Japan machen Tätowierer als Künstler von sich reden. Ein besonders exzentrischer ist Seikichi. Sadistisch verlangt erfreut er sich an den Schmerzen, mit denen er beim Tätowieren seine Kunden quält. Seikichi ist ein Getriebener: Er ist auf der Suche nach dem perfekten Frauenkörper, den er mit seinen Tätowierungen zieren möchte. Eines Tages erblickt er diese wunderbare Frau, verliert sie jedoch wieder aus den Augen. Ob er dennoch an sein Ziel gelangt?
„Der Chrysanthemenball“ ist die Festivität, die die Protagonistin von Ryunosuke Akutagawas Erzählung besucht. Akiko besucht in Begleitung ihres Vaters zum ersten Mal einen Ball im europäischen Stil. Die Schönheit blendet die Besucher und fasziniert insbesondere einen französischen Militär der besonderen Art.
Naoya Shigas „Kuniko“ war der Auslöser für Shigas Ehefrau, nie wieder eines der Werke ihres Mannes zu lesen. Denn nachdem Naoya Shiga fremd gegangen war, verarbeitete er diese Erfahrung in der Erzählung „Kuniko“. Die Figur der Kuniko ist die Ehefrau eines untreuen Ehemanns. Sie begeht – ganz im Gegensatz zu Naoya Shigas Ehefrau – Selbstmord, da sie mit der Situation nicht zurecht kommt. Der Ich-Erzähler beschreibt Kunikos Weg in den Tod aus Sicht des treulosen Gatten.
Auch Ineko Sata legte ihre eigenen Erfahrungen in die Erzählung „Aus der Bonbonfabrik“: Die Autorin, die selbst schon früh in einer Bonbonfabrik arbeiten musste, zeigt anhand des Schicksals der Schülerin und alsbald Arbeiterin Hiroko die ausbeuterischen Züge der Kinderarbeit auf.
„Der Salamander“ ist der Protagonist in Masuji Ibuses Werk aus dem Jahr 1923: Wie mag vor diesem zeitlichen Hintergrund ein faschistisch anmutender Salamander zu deuten sein, der durch seinen plötzlichen Körperwuchs nicht mehr aus einer Höhle herauskommt und einen Frosch als seinen zwangsrekrutierten Gesellschafter dort mit einsperrt?
„Von Vögeln und Tieren“ erzählt Yasunari Kawabatas Protagonist. Die 1933 publizierte Erzählung enthält sich jeglicher politischer Botschaft. Stattdessen wird das Leben eines alleinstehenden Mannes geschildert, der zu Tieren einen bessern Zugang hat als zu den ihn umgebenden Menschen.
„Von Frauen“ wird dagegen in Osamu Dazais Erzählung gesprochen. 1936 sitzt der Ich-Erzähler am Tage einer Offiziersrevolte zusammen. In Unkenntnis des versuchten Umsturzes ergehen sich die beiden in Phantasien um Frauengestalten. Doch was wird hier imaginiert und was entstammt dem eigenen Erfahrungsschatz?
„Geliebtes Gesicht“ von Kafu Nagai entführt in das Tokio der 30er Jahre. Da ist ein Taxifahrer, der in einer heißen Sommernacht von der Liebe seines Lebens berichtet. Und von einer Revue-Tänzerin, die der verstorbenen Ehefrau fast bis aufs Haar gleicht.
Ein besonders bekanntes Werk von Ango Sakaguchi ist mit „Unter der vollen Blüte im Kirschbaumwald“ in „Das große Japan Lesebuch“ enthalten. In der Groteske aus dem Jahr 1947 werden Machtverhältnisse umgedreht: Ein Bergbandit entführt eine bildhübsche Frau, nachdem er ihren Begleiter kaltblütig ermordet hat. Doch die Dame weiß ihn, der ihr hemmungslos verfallen ist, perfekt zu manipulieren. Der Bandit tanzt bald nach ihrer Pfeife. Freilich wird es der Schönen in den Bergen bald zu fade – in die Hauptstadt soll er mit ihr ziehen. Dort wird er als Tölpel verspottet, doch des Nächtens zieht er aus, um auf Befehl seiner Gebieterin, Menschen zu enthaupten und ihr die Köpfe darzubringen. Nichts findet die Dame erquickender, als mit den verwesenden Schädeln zu spielen und allerlei Rollenspielchen aufzuführen. Doch der Bandit hält es alsbald nicht mehr in der Stadt aus; es zieht in zurück in die Berge. Ausgerechnet das Symbol des Japanischsten schlechthin, nämlich die Kirschblüte, soll zum Verhängnis werden.
Zwei kurze Erzählungen von Kobo Abe hat Siegfried Schaarschmidt mit „Der rote Kokon“ und „Hochwasser“ in den Band aufgenommen. In „Der rote Kokon“ wird Heimatlosigkeit und Verlorensein thematisiert. Die Erzählung nimmt eine kafkaeske Wendung. Dagegen wirkt „Hochwasser“ eher wie ein Science Fiction: Vornehmlich Arbeiter verwandeln sich in Wasser – droht eine Sintflut?
Shotaro Yasuokas „Das Kaninchensyndrom“ ist in den Nachkriegsjahren angesiedelt. Der Ich-Erzähler kuriert sich im Haus seiner Eltern aus. Der Vater, ein ehemaliger Militär, ist nun arbeitslos und ist auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Da setzt ihm jemand den Floh ins Ohr, er solle sich doch Kaninchen halten – die Angorawolle würde sich bestens verkaufen lassen. Und so nehmen die Kaninchen bald das Wohnhaus in Beschlag – und auch die Bewohner gleichen den Kaninchen immer mehr.
Morio Kitas kindliche Protagonistin betrachtet „Geflügelte Ameisen am Hang“. Das Mädchen hat ihre Mutter begleitet; zusammen sitzen sie mit einem ihr fremden Mann in einem ihr fremden Garten. Schritt für Schritt entspannt sich für den Leser in Dialogen zwischen der Mutter und dem Mann das Beziehungsgeflecht zwischen den Personen.
Mit „Der Fang“ von Kenzaburo Oe ist im vorliegenden Erzählband ein weiteres sehr bekanntes Werk der japanischen Literatur enthalten: Amerikanische Flugzeuge beginnen während des zweiten Weltkriegs in den japanischen Luftraum einzudringen. Als eines davon in der Nähe eines Dorfes abstürzt, kann ein afroamerikanischer Soldat lebend gefangen werden. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Jungen erzählt, für den „Der Fang“ eine Sensation darstellt. Der Soldat wird erst einmal provisorisch im Keller des Speichers eingesperrt, in dem der Junge mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder haust. Bald soll er ihm sogar mit schlotternden Knien das Essen bringen. Noch haben alle Dorfbewohner Angst vor dem Soldaten, doch nach kurzer Zeit wird er eher wie ein Haustier empfunden. Wenn die Behörden ihn doch nur nicht in die Finger bekommen wollten… In Kenzaburo Oes wird nicht nur die Geschichte einer Annäherung während eines drückenden Sommers erzählt, sondern auch die Entwicklung eines Kindes hin zum Erwachsenen dargestellt.
Auf „Die Brückenprobe“ begeben sich einige Damen in Yukio Mishimas Erzählung. Denn bei Vollmond gilt es, sieben Brücken schweigend zu überqueren, damit ein besonderer Wunsch in Erfüllung geht. Zwei Geishas, eine Wirtstochter und deren Dienstmagd stellen sich der Herausforderung, die sich als nicht allzu einfach gestaltet. Dabei mag der Leser mehr von den „geheimen“ Wünschen der Frauen erfahren.
Harumi Setouchi erzählt in „Einmal hat Makiko gestohlen“ von einer jungen Frau, die ihren Ehemann und ihr Kind wegen einer Affäre aufgibt. Damit nimmt sie ein Thema auf, das stark autobiografisch geprägt ist. Makiko selbst scheint recht unbedarft und nimmt die Dinge wie sie kommen. Ihr Mann setzt sie ohne Hab und Gut vor die Tür; ihr neuer Geliebter will alsbald nichts mehr von ihr wissen. So schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch. Wenn nicht ein Bekannter ihr den Floh ins Ohr setzen würde, sie solle sich doch zumindest ihre Lebensmittelkarte und ihre Kleidung zurückholen.
„Das Duell“ von Takeshi Kaiko handelt von einem Tagesausflug eines älteren und eines jüngeren Mannes. Sie wollen dem Kampf eines Mungos gegen eine Habu-Schlange beiwohnen. Dabei werden parallelen zum Schwertkampf des Ganryu gezogen.
Kenji Nakagami schickt seinen Protagonisten in „Der Bergasket“ ins Gebirge. Er ist ein eher grobschlächtiger Kerl mit cholerischen Anwandlungen. Um seine Ehe zu retten, begibt er sich wie ein Pilger ist Gebirge und macht dort metaphysische Erfahrungen, die wie ein Fieberwahn wirken. Erlebt er hier eine Katharsis?
In Makoto Odas „Der Kommandeur“ erinnert sich der Ich-Erzähler, dass er als Kind einmal eine scharfe, vorwurfsvolle Stimme gehört haben mag, die seinem Vater Fehlverhalten im Krieg vorgeworfen hat. Auf der Beerdigung seines Vaters macht er die Entdeckung, dass dies die Stimme von Namba war, der als „General des Teufels“ bezeichnet wurde. So sehr Namba während des Kriegs für militärischen Drill sorgte, so sehr versagt er aber bei der Erziehung seines Sohnes, der in Opposition zur Gesellschaft geht.
Mitsuharu Inoue begleitet in „Die Nacht davor“ eine werdende Mutter durch eine Geburt – einen Tag vor dem Atombombenabwurf über Nagasaki. Während der Leser bereits das Unheil ahnt, was über die Menschen von Nagasaki bald hereinbrechen wird, sind diese noch ganz im Alltag verhaftet. Obwohl in „Die Nacht davor“ nicht sonderlich viel geschieht, wirkt die Erzählung wie ein Schauer – denn die handelnden Charaktere werden nicht mehr allzu lange zu leben haben, bis eine atomare Katastrophe sie verschlingt.
„Ein Brief aus der Wüste“ wird von Yasushi Inoues Protagonisten geschrieben. Er hat sich auf eine Reise durch die Wüste Takla Makan begeben. Als ein Soldat ihm anbietet, seine Briefe mitzunehmen, geht er in sich und fragt sich, wem er bloß einen Brief schreiben solle. Da fällt ihm nur sein verstorbener Jugendfreund ein. Er beginnt mit dem Schreiben eines Briefs an einen Verstorbenen und reflektiert dabei den Einfluss, den dieser auf ihn hatte.
Einige der Erzählungen in „Das große Japan Lesebuch“ finden sich auf in Siegfried Schaarschmidts Band „Ein Brief aus der Wüste“, der im Ostasien-Verlag herauskam. „Das große Japan Lesebuch“ bietet jedoch mehr Erzählungen und damit einen weit besseren Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur.
Bibliographische Angaben:
Schaarschmidt, Siegfried (Hrsg.): „Das große Japan Lesebuch“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Iwabuchi, Tatsuji/Schaarschmidt, Siegfried/Schmidt, Elisabeth), Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-09886-6
„Das große Japan Lesebuch“ startet mit Junichiro Tanizakis vielleicht bekanntester Erzählung, nämlich mit „Die Tätowierung“: Im mittelalterlichen Japan machen Tätowierer als Künstler von sich reden. Ein besonders exzentrischer ist Seikichi. Sadistisch verlangt erfreut er sich an den Schmerzen, mit denen er beim Tätowieren seine Kunden quält. Seikichi ist ein Getriebener: Er ist auf der Suche nach dem perfekten Frauenkörper, den er mit seinen Tätowierungen zieren möchte. Eines Tages erblickt er diese wunderbare Frau, verliert sie jedoch wieder aus den Augen. Ob er dennoch an sein Ziel gelangt?
„Der Chrysanthemenball“ ist die Festivität, die die Protagonistin von Ryunosuke Akutagawas Erzählung besucht. Akiko besucht in Begleitung ihres Vaters zum ersten Mal einen Ball im europäischen Stil. Die Schönheit blendet die Besucher und fasziniert insbesondere einen französischen Militär der besonderen Art.
Naoya Shigas „Kuniko“ war der Auslöser für Shigas Ehefrau, nie wieder eines der Werke ihres Mannes zu lesen. Denn nachdem Naoya Shiga fremd gegangen war, verarbeitete er diese Erfahrung in der Erzählung „Kuniko“. Die Figur der Kuniko ist die Ehefrau eines untreuen Ehemanns. Sie begeht – ganz im Gegensatz zu Naoya Shigas Ehefrau – Selbstmord, da sie mit der Situation nicht zurecht kommt. Der Ich-Erzähler beschreibt Kunikos Weg in den Tod aus Sicht des treulosen Gatten.
Auch Ineko Sata legte ihre eigenen Erfahrungen in die Erzählung „Aus der Bonbonfabrik“: Die Autorin, die selbst schon früh in einer Bonbonfabrik arbeiten musste, zeigt anhand des Schicksals der Schülerin und alsbald Arbeiterin Hiroko die ausbeuterischen Züge der Kinderarbeit auf.
„Der Salamander“ ist der Protagonist in Masuji Ibuses Werk aus dem Jahr 1923: Wie mag vor diesem zeitlichen Hintergrund ein faschistisch anmutender Salamander zu deuten sein, der durch seinen plötzlichen Körperwuchs nicht mehr aus einer Höhle herauskommt und einen Frosch als seinen zwangsrekrutierten Gesellschafter dort mit einsperrt?
„Von Vögeln und Tieren“ erzählt Yasunari Kawabatas Protagonist. Die 1933 publizierte Erzählung enthält sich jeglicher politischer Botschaft. Stattdessen wird das Leben eines alleinstehenden Mannes geschildert, der zu Tieren einen bessern Zugang hat als zu den ihn umgebenden Menschen.
„Von Frauen“ wird dagegen in Osamu Dazais Erzählung gesprochen. 1936 sitzt der Ich-Erzähler am Tage einer Offiziersrevolte zusammen. In Unkenntnis des versuchten Umsturzes ergehen sich die beiden in Phantasien um Frauengestalten. Doch was wird hier imaginiert und was entstammt dem eigenen Erfahrungsschatz?
„Geliebtes Gesicht“ von Kafu Nagai entführt in das Tokio der 30er Jahre. Da ist ein Taxifahrer, der in einer heißen Sommernacht von der Liebe seines Lebens berichtet. Und von einer Revue-Tänzerin, die der verstorbenen Ehefrau fast bis aufs Haar gleicht.
Ein besonders bekanntes Werk von Ango Sakaguchi ist mit „Unter der vollen Blüte im Kirschbaumwald“ in „Das große Japan Lesebuch“ enthalten. In der Groteske aus dem Jahr 1947 werden Machtverhältnisse umgedreht: Ein Bergbandit entführt eine bildhübsche Frau, nachdem er ihren Begleiter kaltblütig ermordet hat. Doch die Dame weiß ihn, der ihr hemmungslos verfallen ist, perfekt zu manipulieren. Der Bandit tanzt bald nach ihrer Pfeife. Freilich wird es der Schönen in den Bergen bald zu fade – in die Hauptstadt soll er mit ihr ziehen. Dort wird er als Tölpel verspottet, doch des Nächtens zieht er aus, um auf Befehl seiner Gebieterin, Menschen zu enthaupten und ihr die Köpfe darzubringen. Nichts findet die Dame erquickender, als mit den verwesenden Schädeln zu spielen und allerlei Rollenspielchen aufzuführen. Doch der Bandit hält es alsbald nicht mehr in der Stadt aus; es zieht in zurück in die Berge. Ausgerechnet das Symbol des Japanischsten schlechthin, nämlich die Kirschblüte, soll zum Verhängnis werden.
Zwei kurze Erzählungen von Kobo Abe hat Siegfried Schaarschmidt mit „Der rote Kokon“ und „Hochwasser“ in den Band aufgenommen. In „Der rote Kokon“ wird Heimatlosigkeit und Verlorensein thematisiert. Die Erzählung nimmt eine kafkaeske Wendung. Dagegen wirkt „Hochwasser“ eher wie ein Science Fiction: Vornehmlich Arbeiter verwandeln sich in Wasser – droht eine Sintflut?
Shotaro Yasuokas „Das Kaninchensyndrom“ ist in den Nachkriegsjahren angesiedelt. Der Ich-Erzähler kuriert sich im Haus seiner Eltern aus. Der Vater, ein ehemaliger Militär, ist nun arbeitslos und ist auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Da setzt ihm jemand den Floh ins Ohr, er solle sich doch Kaninchen halten – die Angorawolle würde sich bestens verkaufen lassen. Und so nehmen die Kaninchen bald das Wohnhaus in Beschlag – und auch die Bewohner gleichen den Kaninchen immer mehr.
Morio Kitas kindliche Protagonistin betrachtet „Geflügelte Ameisen am Hang“. Das Mädchen hat ihre Mutter begleitet; zusammen sitzen sie mit einem ihr fremden Mann in einem ihr fremden Garten. Schritt für Schritt entspannt sich für den Leser in Dialogen zwischen der Mutter und dem Mann das Beziehungsgeflecht zwischen den Personen.
Mit „Der Fang“ von Kenzaburo Oe ist im vorliegenden Erzählband ein weiteres sehr bekanntes Werk der japanischen Literatur enthalten: Amerikanische Flugzeuge beginnen während des zweiten Weltkriegs in den japanischen Luftraum einzudringen. Als eines davon in der Nähe eines Dorfes abstürzt, kann ein afroamerikanischer Soldat lebend gefangen werden. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Jungen erzählt, für den „Der Fang“ eine Sensation darstellt. Der Soldat wird erst einmal provisorisch im Keller des Speichers eingesperrt, in dem der Junge mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder haust. Bald soll er ihm sogar mit schlotternden Knien das Essen bringen. Noch haben alle Dorfbewohner Angst vor dem Soldaten, doch nach kurzer Zeit wird er eher wie ein Haustier empfunden. Wenn die Behörden ihn doch nur nicht in die Finger bekommen wollten… In Kenzaburo Oes wird nicht nur die Geschichte einer Annäherung während eines drückenden Sommers erzählt, sondern auch die Entwicklung eines Kindes hin zum Erwachsenen dargestellt.
Auf „Die Brückenprobe“ begeben sich einige Damen in Yukio Mishimas Erzählung. Denn bei Vollmond gilt es, sieben Brücken schweigend zu überqueren, damit ein besonderer Wunsch in Erfüllung geht. Zwei Geishas, eine Wirtstochter und deren Dienstmagd stellen sich der Herausforderung, die sich als nicht allzu einfach gestaltet. Dabei mag der Leser mehr von den „geheimen“ Wünschen der Frauen erfahren.
Harumi Setouchi erzählt in „Einmal hat Makiko gestohlen“ von einer jungen Frau, die ihren Ehemann und ihr Kind wegen einer Affäre aufgibt. Damit nimmt sie ein Thema auf, das stark autobiografisch geprägt ist. Makiko selbst scheint recht unbedarft und nimmt die Dinge wie sie kommen. Ihr Mann setzt sie ohne Hab und Gut vor die Tür; ihr neuer Geliebter will alsbald nichts mehr von ihr wissen. So schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch. Wenn nicht ein Bekannter ihr den Floh ins Ohr setzen würde, sie solle sich doch zumindest ihre Lebensmittelkarte und ihre Kleidung zurückholen.
„Das Duell“ von Takeshi Kaiko handelt von einem Tagesausflug eines älteren und eines jüngeren Mannes. Sie wollen dem Kampf eines Mungos gegen eine Habu-Schlange beiwohnen. Dabei werden parallelen zum Schwertkampf des Ganryu gezogen.
Kenji Nakagami schickt seinen Protagonisten in „Der Bergasket“ ins Gebirge. Er ist ein eher grobschlächtiger Kerl mit cholerischen Anwandlungen. Um seine Ehe zu retten, begibt er sich wie ein Pilger ist Gebirge und macht dort metaphysische Erfahrungen, die wie ein Fieberwahn wirken. Erlebt er hier eine Katharsis?
In Makoto Odas „Der Kommandeur“ erinnert sich der Ich-Erzähler, dass er als Kind einmal eine scharfe, vorwurfsvolle Stimme gehört haben mag, die seinem Vater Fehlverhalten im Krieg vorgeworfen hat. Auf der Beerdigung seines Vaters macht er die Entdeckung, dass dies die Stimme von Namba war, der als „General des Teufels“ bezeichnet wurde. So sehr Namba während des Kriegs für militärischen Drill sorgte, so sehr versagt er aber bei der Erziehung seines Sohnes, der in Opposition zur Gesellschaft geht.
Mitsuharu Inoue begleitet in „Die Nacht davor“ eine werdende Mutter durch eine Geburt – einen Tag vor dem Atombombenabwurf über Nagasaki. Während der Leser bereits das Unheil ahnt, was über die Menschen von Nagasaki bald hereinbrechen wird, sind diese noch ganz im Alltag verhaftet. Obwohl in „Die Nacht davor“ nicht sonderlich viel geschieht, wirkt die Erzählung wie ein Schauer – denn die handelnden Charaktere werden nicht mehr allzu lange zu leben haben, bis eine atomare Katastrophe sie verschlingt.
„Ein Brief aus der Wüste“ wird von Yasushi Inoues Protagonisten geschrieben. Er hat sich auf eine Reise durch die Wüste Takla Makan begeben. Als ein Soldat ihm anbietet, seine Briefe mitzunehmen, geht er in sich und fragt sich, wem er bloß einen Brief schreiben solle. Da fällt ihm nur sein verstorbener Jugendfreund ein. Er beginnt mit dem Schreiben eines Briefs an einen Verstorbenen und reflektiert dabei den Einfluss, den dieser auf ihn hatte.
Einige der Erzählungen in „Das große Japan Lesebuch“ finden sich auf in Siegfried Schaarschmidts Band „Ein Brief aus der Wüste“, der im Ostasien-Verlag herauskam. „Das große Japan Lesebuch“ bietet jedoch mehr Erzählungen und damit einen weit besseren Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur.
Bibliographische Angaben:
Schaarschmidt, Siegfried (Hrsg.): „Das große Japan Lesebuch“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Iwabuchi, Tatsuji/Schaarschmidt, Siegfried/Schmidt, Elisabeth), Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-09886-6
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Donnerstag, 23. Januar 2014
„Blüten im Wind“ herausgegeben von Barbara Yoshida-Krafft
17 Essays von 16 Autoren versammelt Barbara Yoshida-Krafft in dem Band „Blüten im Wind“. In ihrem Vorwort beschreibt die Herausgeberin die Funktion des japanischen Essays:
Die Essays erinnern an tagebuchartige Einträge oder beschreiben längst vergangene Situationen. Die Texte wirken wie frei erzählt, sollen sie doch einem echten, spontanen Gefühl entsprechen und nicht streng durchkomponiert erscheinen. So sind die japanischen Essays ein Tor zum Leben der Autoren, da sie sehr viele autobiographische Informationen enthalten.
So erzählt der 94-jährige Maler Seifu Tsuda in der „Plauderei eines Langlebigen“ über seinen Alltag: Wie er frühstückt, wie er die Zeitung, zu allererst die Todesanzeigen, liest und dabei stolz auf sein hohes Alter ist. Dass er Ringkämpfe liebt, komplizierte Bücher dagegen gar nicht. Auch auf das Malen kommt er zu sprechen: Die Natur bildlich abzubilden ist seine Leidenschaft. Der Methusalem beendet seinen Essay mit:
Im hohen Alter von 98 Jahren sollte Seifu Tsuda schließlich selbst sterben.
Ebenfalls auf Blumen bezieht sich der Universitätsprofessor und Essayist Takaki Okubo in „Kosmeen im Parc de Bagatelle“. Mitten in Europa, im Pariser Parc de Bagatelle, findet sich Takaki Okubo ganz überraschend im japanischen Herbst wieder. Nachdem er die verschwenderische Blumenanpflanzung bewundert, steht er plötzlich vor Kosmeen, die für ihn Wehmut und Stille repräsentieren. Von den Blumen kommt der Autor auf das ausgeprägte Jahreszeitverständnis der Japaner zu sprechen.
Der Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata ist mit „Im Schein der Öllampe“ in „Blüten im Wind“ vertreten. Der Essay gewährt einen intimen Einblick in das Familienleben des Autors, als er zusammen mit seinem kranken Großvater lebte; dasselbe Thema, dem sich Yasunari Kawabata auch in der Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ gewidmet hat.
Über die „Leiden der Literatur“ schreibt Kazumi Takahashi. Wie der Titel impliziert, ist der Essay von einer sehr negativen Stimmung geprägt. So schreibt der Autor:
Hier bezieht sich Kazumi Takahashi auf die Vorwürfe, die sich Kan Kikuchi nach dem Selbstmord seines Freundes Ryunosuke Akutagawa machte. Doch auch Kazumi Takahashi liebäugelt des nächtens hin und wieder mit dem Gedanken an den Freitod, während er sich tagsüber seinen Studenten als würdevollen Dozenten präsentiert. Kazumi Takahashi offenbart in dem sehr persönlichen Essay seine dunkle Seite und spricht davon, dass er innerlich verdorrt ist und er sein bisheriges Leben so nicht weiterleben kann. Er hadert mit der Anständigkeit und Rechtschaffenheit, die seinen Geist verderben.
In „Mit 18 und mit 34 Jahren – zwei Porträts“ schreibt Yukio Mishima über zwei seiner Lebensphasen. Mit 18 schwebt der Tod wie ein Schreckensgespenst über Yukio Mishima und seinen Mitschülern – der zweite Weltkrieg tobt und die jungen Männer rechnen fest damit, ihr leben lassen zu müssen. So fügt sich Yukio Mishima auch dem Wunsch seines Vaters, Jura zu studieren. Er glaubt ohnehin, dass sein Leben nicht von allzu langer Dauer sein wird. Mit Leib und Seele ist Yukio Mishima bereits Literat: Er gibt zusammen mit anderen eine Literaturzeitschrift heraus, verschlingt Romane anderer Autoren, an denen er vor allem die Metaphern bewundert und liebt es, am Schreibtisch zu sitzen, um zu schreiben. Mit 34 wirkt die Selbstbeschreibung weniger schmeichelhaft, wenn auch selbstironisch: Der Autor ist recht selbstverliebt und hat die intellektuellen Vorlieben gegen Unterhaltungsfilme und Beef Steaks eingetauscht. Auch das Thema des Todes behandelt er in seinem Essay: Bevor ihn eine Krankheit dahinrafft, möchte er lieber von einem Gewehrschuss getötet werden. Bereit ist er nicht für den Tod, er räumt jedoch ein:
Shohei Ooka illustriert in „Erinnerung an Schnee“ nicht irgendwelche Gedanken an die weiße Pracht. Er geht auf seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Putschversuch vom 26. Februar 1936 ein, als Teile des Militärs die Macht an sich reißen wollten. Die Ruhe eines Schneetages wirkte an jenem verschneiten Februar doppelt dicht. Straßensperren legten den Verkehr still, die Menschen mussten teilweise ihre Wohnungen räumen. Kurz nach dem Coup d’Etat verließ Shohei Ooka Tokio Richtung Kamakura – die Hauptstadt war ihm verleidet…
Shohei Ooka begegnet dem Leser in Tsuneari Fukudas Essay „Teufel“ gleich nochmals. Dem schlafmittelabhängigen Fukuda entlockte Ooka so manches Geheimnis, nachdem Erster seine Medikamente eingenommen hatte. Ohne sich an die eigenen Enthüllungen erinnern zu können, harrt Fukuda den Veröffentlichungen von Ooka und hofft, nicht darin entblößt zu werden.
Über Musik handeln die Essays „Ein Ton“ von Toru Takemitsu und „Gesang der Rheintöchter – an einem Regentag“ von Hidekazu Yoshida. Der Komponist Toru Takemitsu philosophiert über den Ton und die Pause in der japanischen Musik und ihren Gegensatz zur westlichen. Auch der Musikkritiker Hidekazu Yoshida plaudert amüsant über westliche Musik. Da kommt insbesondere die deutsche Klassik nicht besonders gut weg: So beschwört Hidekazu Yoshida gern das Bild des Nebels in deutschen Wäldern und die Sehnsucht nach der Sonne des Südens, die er aus Brahms und Wagner heraushören will. Von Hidekazu Yoshida ist mit „Nakahara Chuya – ein Dichterporträt“ ein zweiter Essay in „Blüten im Wind“ enthalten. Als Student mietet sich Hidekazu Yoshida bei einem Professor ein, über den er den Dichter Chuya Nakahara kennenlernt. Er zieht zusammen mit dem Lyriker um die Häuser, übernachtet bei ihm und lässt sich von ihm Französisch beibringen. Anhand von eingeflochtenen Gedichten von Chuya Nakahara beschreibt er den Charakter des Dichters und weist insbesondere auch die Tragik um den Tod von Chuya Nakaharas Kind hin, der bereits seinen Schatten auf den baldigen Tod des Dichters selbst warf.
Chiyo Uno gesteht in „Der richtige Moment“, dass ihr im Alter von 40 Jahren die Erkenntnis kam, dass sie kein Talent hatte, bei den Lesern wahres Interesse für die Handlungen ihrer Werke zu wecken. Darüber hinaus gewährt die Autorin dem Leser einen Einblick in ihre ganz persönliche Schreibpraxis.
Minako Oba erzählt von ihren „Erinnerungen an die ‚Geschichte vom Prinzen Genji’“: So war nach dem Ende des zweiten Weltkriegs fast nur klassische Literatur zu bekommen und Minako Oba begann also als Teenager die „Geschichte vom Prinzen Genji“ zu lesen und zu lieben. Obwohl sich die Autorin mehr und mehr der europäischen Literatur zuwandte, blieb der höfische Roman doch stets ein Wegbegleiter, sogar bis in die USA.
Auch Takako Takahashi, die Ehefrau von Kazumi Takahashi, berichtet über den Schreibprozess, in dem sie besonderes Augenmerk auf „Das Haus als Schauplatz der Erzählung“ legt. Bereits in der Entwurfphase stellt sich die Schriftstellerin genau vor, in welchen Räumlichkeiten die Handlung ablaufen wird. Ob dies wohl daran liegt, dass sie selbst in einem großen Haus aufgewachsen ist?
Der Druckgraphiker und Künstler Masuo Ikeda spricht in „Das Morgen gestalten“ von seinen anfänglichen Minderwertigkeitskomplexen, „nur“ ein Druckgraphiker zu sein, und präsentiert sein derzeitiges Selbstverständnis.
Mit Shuichi Katos „William Turner und England“ wird ein kunstgeschichtlicher Essay präsentiert. Der Autor hüpft von Constable zu Shakespeare, um dann bei Monet zu landen und mit Turner zu vergleichen.
Um Kunst und Antiquitäten geht es auch in Hideo Kobayashis „Echtes und Gefälschtes“. Mit amüsiertem und amüsierenden Blick werden die Sammelleidenschaft porträtiert und psychologische Effekte dargestellt, wenn sich eine Antiquität als Fälschung herausstellen sollte.
Ryoichi Ikushima schreibt in „Über No als empirisches Erlebnis“, dass sich für ihn im No der japanische Schönheitssinn am vollkommensten offenbart. Als Metapher für das Raffinement gelten ihm die weißen Tabi der No-Meister. Zudem geht Ryoichi Ikushima auf die Macht ein, die in den No-Masken inne zu wohnen scheint.
Ich gebe zu, dass Essays nicht gerade meine Lieblingslektüre sind. Jedoch gelingt es Barbara Yoshida-Krafft, den Leser für das Genre zu begeistern. Die Auswahl der Essays ist sehr gelungen, das Vorwort aufschlussreich und insbesondere die Anmerkungen zu den Autoren stellen die Werke nochmals in einen Sinnzusammenhang. Auf diesem Wege werden nicht nur einzelne Essays präsentiert, sondern die intimen Werke mit dem Werdegang der Autoren verknüpft. So kann sogar ich mich für Essays begeistern!
Bibliographische Angaben:
Yoshida-Krafft, Barbara (Hrsg.): „Blüten im Wind“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Edition Erdmann, Tübingen 1981, ISBN 3-88639-506-5
„Wenn der Essay Erinnerung wachruft – und er tut es häufig – gerinnt die Erinnerung des einen Autors zur Erinnerung aller. Der Essay [ist] also auch das Gedächtnis der Nation.“ (S. 19)
Die Essays erinnern an tagebuchartige Einträge oder beschreiben längst vergangene Situationen. Die Texte wirken wie frei erzählt, sollen sie doch einem echten, spontanen Gefühl entsprechen und nicht streng durchkomponiert erscheinen. So sind die japanischen Essays ein Tor zum Leben der Autoren, da sie sehr viele autobiographische Informationen enthalten.
So erzählt der 94-jährige Maler Seifu Tsuda in der „Plauderei eines Langlebigen“ über seinen Alltag: Wie er frühstückt, wie er die Zeitung, zu allererst die Todesanzeigen, liest und dabei stolz auf sein hohes Alter ist. Dass er Ringkämpfe liebt, komplizierte Bücher dagegen gar nicht. Auch auf das Malen kommt er zu sprechen: Die Natur bildlich abzubilden ist seine Leidenschaft. Der Methusalem beendet seinen Essay mit:
„Im Fallen noch bleibt die weiße Päonie schön.“ (S. 31)
Im hohen Alter von 98 Jahren sollte Seifu Tsuda schließlich selbst sterben.
Ebenfalls auf Blumen bezieht sich der Universitätsprofessor und Essayist Takaki Okubo in „Kosmeen im Parc de Bagatelle“. Mitten in Europa, im Pariser Parc de Bagatelle, findet sich Takaki Okubo ganz überraschend im japanischen Herbst wieder. Nachdem er die verschwenderische Blumenanpflanzung bewundert, steht er plötzlich vor Kosmeen, die für ihn Wehmut und Stille repräsentieren. Von den Blumen kommt der Autor auf das ausgeprägte Jahreszeitverständnis der Japaner zu sprechen.
Der Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata ist mit „Im Schein der Öllampe“ in „Blüten im Wind“ vertreten. Der Essay gewährt einen intimen Einblick in das Familienleben des Autors, als er zusammen mit seinem kranken Großvater lebte; dasselbe Thema, dem sich Yasunari Kawabata auch in der Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ gewidmet hat.
Über die „Leiden der Literatur“ schreibt Kazumi Takahashi. Wie der Titel impliziert, ist der Essay von einer sehr negativen Stimmung geprägt. So schreibt der Autor:
„Die Luft der Realität ist zu befleckt, mit allzuviel Lärm erfüllt, mit zu vielen Bedingungen erschwert, als dass auch nur ein schwacher Ausdruck der dunklen Seite des Herzens zustandekommen könnte.“ (S. 48)
Hier bezieht sich Kazumi Takahashi auf die Vorwürfe, die sich Kan Kikuchi nach dem Selbstmord seines Freundes Ryunosuke Akutagawa machte. Doch auch Kazumi Takahashi liebäugelt des nächtens hin und wieder mit dem Gedanken an den Freitod, während er sich tagsüber seinen Studenten als würdevollen Dozenten präsentiert. Kazumi Takahashi offenbart in dem sehr persönlichen Essay seine dunkle Seite und spricht davon, dass er innerlich verdorrt ist und er sein bisheriges Leben so nicht weiterleben kann. Er hadert mit der Anständigkeit und Rechtschaffenheit, die seinen Geist verderben.
In „Mit 18 und mit 34 Jahren – zwei Porträts“ schreibt Yukio Mishima über zwei seiner Lebensphasen. Mit 18 schwebt der Tod wie ein Schreckensgespenst über Yukio Mishima und seinen Mitschülern – der zweite Weltkrieg tobt und die jungen Männer rechnen fest damit, ihr leben lassen zu müssen. So fügt sich Yukio Mishima auch dem Wunsch seines Vaters, Jura zu studieren. Er glaubt ohnehin, dass sein Leben nicht von allzu langer Dauer sein wird. Mit Leib und Seele ist Yukio Mishima bereits Literat: Er gibt zusammen mit anderen eine Literaturzeitschrift heraus, verschlingt Romane anderer Autoren, an denen er vor allem die Metaphern bewundert und liebt es, am Schreibtisch zu sitzen, um zu schreiben. Mit 34 wirkt die Selbstbeschreibung weniger schmeichelhaft, wenn auch selbstironisch: Der Autor ist recht selbstverliebt und hat die intellektuellen Vorlieben gegen Unterhaltungsfilme und Beef Steaks eingetauscht. Auch das Thema des Todes behandelt er in seinem Essay: Bevor ihn eine Krankheit dahinrafft, möchte er lieber von einem Gewehrschuss getötet werden. Bereit ist er nicht für den Tod, er räumt jedoch ein:
„Und doch ist der Todesgedanke die süßeste Mutter meiner Arbeit.“ (S. 58)
Shohei Ooka illustriert in „Erinnerung an Schnee“ nicht irgendwelche Gedanken an die weiße Pracht. Er geht auf seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Putschversuch vom 26. Februar 1936 ein, als Teile des Militärs die Macht an sich reißen wollten. Die Ruhe eines Schneetages wirkte an jenem verschneiten Februar doppelt dicht. Straßensperren legten den Verkehr still, die Menschen mussten teilweise ihre Wohnungen räumen. Kurz nach dem Coup d’Etat verließ Shohei Ooka Tokio Richtung Kamakura – die Hauptstadt war ihm verleidet…
Shohei Ooka begegnet dem Leser in Tsuneari Fukudas Essay „Teufel“ gleich nochmals. Dem schlafmittelabhängigen Fukuda entlockte Ooka so manches Geheimnis, nachdem Erster seine Medikamente eingenommen hatte. Ohne sich an die eigenen Enthüllungen erinnern zu können, harrt Fukuda den Veröffentlichungen von Ooka und hofft, nicht darin entblößt zu werden.
Über Musik handeln die Essays „Ein Ton“ von Toru Takemitsu und „Gesang der Rheintöchter – an einem Regentag“ von Hidekazu Yoshida. Der Komponist Toru Takemitsu philosophiert über den Ton und die Pause in der japanischen Musik und ihren Gegensatz zur westlichen. Auch der Musikkritiker Hidekazu Yoshida plaudert amüsant über westliche Musik. Da kommt insbesondere die deutsche Klassik nicht besonders gut weg: So beschwört Hidekazu Yoshida gern das Bild des Nebels in deutschen Wäldern und die Sehnsucht nach der Sonne des Südens, die er aus Brahms und Wagner heraushören will. Von Hidekazu Yoshida ist mit „Nakahara Chuya – ein Dichterporträt“ ein zweiter Essay in „Blüten im Wind“ enthalten. Als Student mietet sich Hidekazu Yoshida bei einem Professor ein, über den er den Dichter Chuya Nakahara kennenlernt. Er zieht zusammen mit dem Lyriker um die Häuser, übernachtet bei ihm und lässt sich von ihm Französisch beibringen. Anhand von eingeflochtenen Gedichten von Chuya Nakahara beschreibt er den Charakter des Dichters und weist insbesondere auch die Tragik um den Tod von Chuya Nakaharas Kind hin, der bereits seinen Schatten auf den baldigen Tod des Dichters selbst warf.
Chiyo Uno gesteht in „Der richtige Moment“, dass ihr im Alter von 40 Jahren die Erkenntnis kam, dass sie kein Talent hatte, bei den Lesern wahres Interesse für die Handlungen ihrer Werke zu wecken. Darüber hinaus gewährt die Autorin dem Leser einen Einblick in ihre ganz persönliche Schreibpraxis.
Minako Oba erzählt von ihren „Erinnerungen an die ‚Geschichte vom Prinzen Genji’“: So war nach dem Ende des zweiten Weltkriegs fast nur klassische Literatur zu bekommen und Minako Oba begann also als Teenager die „Geschichte vom Prinzen Genji“ zu lesen und zu lieben. Obwohl sich die Autorin mehr und mehr der europäischen Literatur zuwandte, blieb der höfische Roman doch stets ein Wegbegleiter, sogar bis in die USA.
Auch Takako Takahashi, die Ehefrau von Kazumi Takahashi, berichtet über den Schreibprozess, in dem sie besonderes Augenmerk auf „Das Haus als Schauplatz der Erzählung“ legt. Bereits in der Entwurfphase stellt sich die Schriftstellerin genau vor, in welchen Räumlichkeiten die Handlung ablaufen wird. Ob dies wohl daran liegt, dass sie selbst in einem großen Haus aufgewachsen ist?
Der Druckgraphiker und Künstler Masuo Ikeda spricht in „Das Morgen gestalten“ von seinen anfänglichen Minderwertigkeitskomplexen, „nur“ ein Druckgraphiker zu sein, und präsentiert sein derzeitiges Selbstverständnis.
Mit Shuichi Katos „William Turner und England“ wird ein kunstgeschichtlicher Essay präsentiert. Der Autor hüpft von Constable zu Shakespeare, um dann bei Monet zu landen und mit Turner zu vergleichen.
Um Kunst und Antiquitäten geht es auch in Hideo Kobayashis „Echtes und Gefälschtes“. Mit amüsiertem und amüsierenden Blick werden die Sammelleidenschaft porträtiert und psychologische Effekte dargestellt, wenn sich eine Antiquität als Fälschung herausstellen sollte.
Ryoichi Ikushima schreibt in „Über No als empirisches Erlebnis“, dass sich für ihn im No der japanische Schönheitssinn am vollkommensten offenbart. Als Metapher für das Raffinement gelten ihm die weißen Tabi der No-Meister. Zudem geht Ryoichi Ikushima auf die Macht ein, die in den No-Masken inne zu wohnen scheint.
Ich gebe zu, dass Essays nicht gerade meine Lieblingslektüre sind. Jedoch gelingt es Barbara Yoshida-Krafft, den Leser für das Genre zu begeistern. Die Auswahl der Essays ist sehr gelungen, das Vorwort aufschlussreich und insbesondere die Anmerkungen zu den Autoren stellen die Werke nochmals in einen Sinnzusammenhang. Auf diesem Wege werden nicht nur einzelne Essays präsentiert, sondern die intimen Werke mit dem Werdegang der Autoren verknüpft. So kann sogar ich mich für Essays begeistern!
Bibliographische Angaben:
Yoshida-Krafft, Barbara (Hrsg.): „Blüten im Wind“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Edition Erdmann, Tübingen 1981, ISBN 3-88639-506-5
Samstag, 22. Juni 2013
„Die Todesmale des Engels“ von Yukio Mishima
Mit dem letzten Teil „Die Todesmale des Engels“ beendet Yukio Mishima nicht nur seine Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“ (nach „Schnee im Frühling“, „Unter dem Sturmgott“ und „Der Tempel der Morgendämmerung“). Das Werk war zugleich sein letztes, bevor er wie Isao einen absurden Aufstand anzettelte und dann Seppuku beging.
Der Titel die „Todesmale des Engels“ rekurriert auf den buddhistischen Glauben: Auch hier gibt es Engel, die zum Sterben verurteilt sind, wenn gewisse Male an ihnen auftreten.
Honda ist inzwischen über 70 und fragt sich, wann auch seine Lebenszeit abgelaufen sein mag. Seine Ehefrau Rie ist zwischenzeitlich gestorben und er verbringt freundschaftliche Zeit mit seiner ehemaligen Nachbarin Keiko. Bei einem gemeinsamen Ausflug mit Keiko lernen die beiden den sechzehnjährigen Toru kennen, der auf einer Signalstation am Meer arbeitet. Der junge Mann, der den interessierten Alten eine kleine Aussicht aus der Station gewährt, trägt dabei nur ein Unterhemd. Dadurch kann Honda einen Blick auf Torus Oberkörper werfen – und entdeckt die Leberflecke, die bereits Kiyoaki, Isao und Ying Chan trugen. Honda stellt daraufhin Nachforschungen an und beschließt, den Waisen Toru zu adoptieren, insbesondere da er selbst kinderlos geblieben ist. Doch insgeheim erkennt Honda auch einen bösen Charakterzug in Toru, in dem der Teenager ihm selbst gleicht.
Für den mittellosen Toru ist die Adoption eine große Chance für den gesellschaftlichen Aufstieg. Honda nimmt Toru nach Tokio und lässt ihm eine gute Ausbildung angedeihen. Doch Honda liegt auf der Lauer – weder Kioyaki, Isao noch Ying Chan wurden 21 Jahre alt. Wenn Toru deren Wiedergeburt ist, dann hat er nicht mehr lange zu leben. Daher erträgt Honda auch die Gemeinheiten des boshaften Toru. Als es mit Hondas Gesundheit langsam bergab geht, macht er sich auf den Weg, um ein Wiedersehen mit Satoko, Kiyoakis einstiger großer Liebe und nun Priesterin, zu arrangieren.
Nach dem unsäglichen „Der Tempel der Morgendämmerung“ ist „Die Todesmale des Engels“ Gott sei Dank wieder interessanter, ja gar spannend. Die Geschehnisse werden auch aus Torus Sichtweise geschildert, was einen Einblick in seine verwirrte Seele erlaubt. Das Ende ist ungewöhnlich und passt dennoch hervorragend zu Hondas spirituellem Interesse, das sich durch die Tetralogie zieht.
Ein bisschen übertrieben fand ich dagegen den Einsatz der Marke Coca Cola, die Mishima immer wieder als Symbol für das modernisierte Japan verwendet und überstrapaziert. Mit der Zeit liegt man als Leser fast schon auf der Lauer und grinst in sich hinein, wenn wieder von Coca Cola-Reklame und Coca Cola-Dosen die Rede ist.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Die Todesmale des Engels“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1988, ISBN 3-446-14615-6
Der Titel die „Todesmale des Engels“ rekurriert auf den buddhistischen Glauben: Auch hier gibt es Engel, die zum Sterben verurteilt sind, wenn gewisse Male an ihnen auftreten.
Honda ist inzwischen über 70 und fragt sich, wann auch seine Lebenszeit abgelaufen sein mag. Seine Ehefrau Rie ist zwischenzeitlich gestorben und er verbringt freundschaftliche Zeit mit seiner ehemaligen Nachbarin Keiko. Bei einem gemeinsamen Ausflug mit Keiko lernen die beiden den sechzehnjährigen Toru kennen, der auf einer Signalstation am Meer arbeitet. Der junge Mann, der den interessierten Alten eine kleine Aussicht aus der Station gewährt, trägt dabei nur ein Unterhemd. Dadurch kann Honda einen Blick auf Torus Oberkörper werfen – und entdeckt die Leberflecke, die bereits Kiyoaki, Isao und Ying Chan trugen. Honda stellt daraufhin Nachforschungen an und beschließt, den Waisen Toru zu adoptieren, insbesondere da er selbst kinderlos geblieben ist. Doch insgeheim erkennt Honda auch einen bösen Charakterzug in Toru, in dem der Teenager ihm selbst gleicht.
Für den mittellosen Toru ist die Adoption eine große Chance für den gesellschaftlichen Aufstieg. Honda nimmt Toru nach Tokio und lässt ihm eine gute Ausbildung angedeihen. Doch Honda liegt auf der Lauer – weder Kioyaki, Isao noch Ying Chan wurden 21 Jahre alt. Wenn Toru deren Wiedergeburt ist, dann hat er nicht mehr lange zu leben. Daher erträgt Honda auch die Gemeinheiten des boshaften Toru. Als es mit Hondas Gesundheit langsam bergab geht, macht er sich auf den Weg, um ein Wiedersehen mit Satoko, Kiyoakis einstiger großer Liebe und nun Priesterin, zu arrangieren.
Nach dem unsäglichen „Der Tempel der Morgendämmerung“ ist „Die Todesmale des Engels“ Gott sei Dank wieder interessanter, ja gar spannend. Die Geschehnisse werden auch aus Torus Sichtweise geschildert, was einen Einblick in seine verwirrte Seele erlaubt. Das Ende ist ungewöhnlich und passt dennoch hervorragend zu Hondas spirituellem Interesse, das sich durch die Tetralogie zieht.
Ein bisschen übertrieben fand ich dagegen den Einsatz der Marke Coca Cola, die Mishima immer wieder als Symbol für das modernisierte Japan verwendet und überstrapaziert. Mit der Zeit liegt man als Leser fast schon auf der Lauer und grinst in sich hinein, wenn wieder von Coca Cola-Reklame und Coca Cola-Dosen die Rede ist.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Die Todesmale des Engels“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1988, ISBN 3-446-14615-6
Donnerstag, 30. Mai 2013
„Der Tempel der Morgendämmerung“ von Yukio Mishima
„Der Tempel der Morgendämmerung“, der dritte Teil von Yukio Mishimas Tetralogie „Meer der Fruchtbarkeit“ nach „Schnee im Frühling“ und „Unter dem Sturmgott“ hat mich bisher am wenigsten mitgerissen, vielleicht sogar richtiggehend enttäuscht. Die Story wirkt entsetzlich konstruiert, teilweise nur irgendwie zusammen geschustert. Die Entwicklung des Protagonisten Honda im zweiten Teil des Buches ist kaum nachzuvollziehen, genauso wenig wie seine Motivationen im ersten Teil.
Yukio Mishimas Roman beginnt im Jahr 1940, als Honda in Bangkok weilt. Hier erfährt er von der siebenjährigen Prinzessin Ying Chan, die steif und fest behauptet, in ihrem früheren Leben ein Japaner gewesen zu sein, weswegen man sie für verrückt hält. Hondas Interesse ist jedoch geweckt und er erhält dank seiner ehemaligen Beziehungen zum thailändischen Hof eine Audienz bei der Prinzessin. Sie scheint Honda direkt wieder zu erkennen, kann auf Hondas Fragen zum Leben von Kiyoaki und Isao korrekt antworten. Nur leider scheint Ying Chan nicht über dieselben Leberflecke wie Kiyoaki und Isao zu verfügen.
Bis zu diesem Teil der Geschichte kann man den Motivationen Hondas noch folgen, aber der Herr scheint noch nicht einmal überrascht von dieser Entdeckung zu sein, noch wird seine Neugier entfacht. Er nimmt diese Entwicklungen einfach so hin wie die Wettervorhersage. Kurz darauf bricht er auf eine Reise nach Indien auf, auf die in geradezu lästiger Weise später rekurriert wird. Zurück in Japan beginnt Honda mit seinen theoretischen Studien zur Wiedergeburt, die in „Der Tempel der Morgendämmerung“ ziemlich ausgewalzt werden und streckenweise langweilen.
Im Jahr 1952 setzt die Handlung des zweiten Teils ein: Honda ist zu großem Vermögen gekommen und Ying Chan kommt zum Studium nach Tokio. Der Vernunftsmensch Honda hat sich aus irgendwelchen Gründen zum Spanner entwickelt. Deswegen hat er auf seinem Landsitz auch ein Guckloch von seinem Arbeitszimmer ins nebenan liegende Gästezimmer installieren lassen. Er verkehrt mit Dichterinnen und Intellektuellen, hat sich von seiner Ehefrau Rie aber entfremdet. Er beginnt eine Intrige um Ying Chan zu spinnen: Er möchte herausfinden, ob sie dieselben Leberflecke wie Kiyoaki und Isao hat. Er beginnt zudem, sich in die schöne Exotin zu verlieben. Und obwohl sowohl die Liebe als auch die Neugier um die Leberflecke ein leidenschaftliches Unterfangen sein sollten, erscheint Honda dabei kalt. Dadurch wirkt die Handlung des zweiten Buches unzugänglich und die Lektüre macht gelinde gesagt so überhaupt keinen Spaß. Das fade Ende krönt die ohnehin nicht gerade spannende Handlung. Wäre Ying Chan wie Kiyoaki in „Schnee im Frühling“ und Isao in „Unter dem Sturmgott“ in den Fokus gerückt worden, wäre dies dem Roman sicherlich zu Gute gekommen. Statt dessen avanciert Honda zum langweiligen Protagonisten.
Bleibt nur zu hoffen, dass der vierte und letzte Teil „Die Todesmale des Engels“ nicht genauso ermüdend ist wie „Der Tempel der Morgendämmerung“.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Der Tempel der Morgendämmerung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1987, ISBN 3-446-14614-8
Yukio Mishimas Roman beginnt im Jahr 1940, als Honda in Bangkok weilt. Hier erfährt er von der siebenjährigen Prinzessin Ying Chan, die steif und fest behauptet, in ihrem früheren Leben ein Japaner gewesen zu sein, weswegen man sie für verrückt hält. Hondas Interesse ist jedoch geweckt und er erhält dank seiner ehemaligen Beziehungen zum thailändischen Hof eine Audienz bei der Prinzessin. Sie scheint Honda direkt wieder zu erkennen, kann auf Hondas Fragen zum Leben von Kiyoaki und Isao korrekt antworten. Nur leider scheint Ying Chan nicht über dieselben Leberflecke wie Kiyoaki und Isao zu verfügen.
Bis zu diesem Teil der Geschichte kann man den Motivationen Hondas noch folgen, aber der Herr scheint noch nicht einmal überrascht von dieser Entdeckung zu sein, noch wird seine Neugier entfacht. Er nimmt diese Entwicklungen einfach so hin wie die Wettervorhersage. Kurz darauf bricht er auf eine Reise nach Indien auf, auf die in geradezu lästiger Weise später rekurriert wird. Zurück in Japan beginnt Honda mit seinen theoretischen Studien zur Wiedergeburt, die in „Der Tempel der Morgendämmerung“ ziemlich ausgewalzt werden und streckenweise langweilen.
Im Jahr 1952 setzt die Handlung des zweiten Teils ein: Honda ist zu großem Vermögen gekommen und Ying Chan kommt zum Studium nach Tokio. Der Vernunftsmensch Honda hat sich aus irgendwelchen Gründen zum Spanner entwickelt. Deswegen hat er auf seinem Landsitz auch ein Guckloch von seinem Arbeitszimmer ins nebenan liegende Gästezimmer installieren lassen. Er verkehrt mit Dichterinnen und Intellektuellen, hat sich von seiner Ehefrau Rie aber entfremdet. Er beginnt eine Intrige um Ying Chan zu spinnen: Er möchte herausfinden, ob sie dieselben Leberflecke wie Kiyoaki und Isao hat. Er beginnt zudem, sich in die schöne Exotin zu verlieben. Und obwohl sowohl die Liebe als auch die Neugier um die Leberflecke ein leidenschaftliches Unterfangen sein sollten, erscheint Honda dabei kalt. Dadurch wirkt die Handlung des zweiten Buches unzugänglich und die Lektüre macht gelinde gesagt so überhaupt keinen Spaß. Das fade Ende krönt die ohnehin nicht gerade spannende Handlung. Wäre Ying Chan wie Kiyoaki in „Schnee im Frühling“ und Isao in „Unter dem Sturmgott“ in den Fokus gerückt worden, wäre dies dem Roman sicherlich zu Gute gekommen. Statt dessen avanciert Honda zum langweiligen Protagonisten.
Bleibt nur zu hoffen, dass der vierte und letzte Teil „Die Todesmale des Engels“ nicht genauso ermüdend ist wie „Der Tempel der Morgendämmerung“.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Der Tempel der Morgendämmerung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1987, ISBN 3-446-14614-8
Dienstag, 16. April 2013
„Unter dem Sturmgott“ von Yukio Mishima
Susanoo ist der shintoistische Sturmgott, der Gott der Zerstörung. Yukio Mishimas Protagonist Isao ist ganz vom Geiste Susanoos beseelt: Nur Zerstörung, Attentate können Japans Weg in den Abgrund stoppen. Der junge Mann verortet sich im rechten Milieu und hat Feuer für den Göttersturm-Bund gefangen, der in der Meiji-Ära gegen das Militär vorgegangen war und den wenig aussichtsreichen Kampf mit Seppuku beendete. Isao begeistert sich für die „Lauterkeit“ der Aufständischen – und hebt einen eigenen Geheimbund aus. Als Ziele ihrer Attentate werden raffgierige, unpatriotische Industrielle ausgemacht, die das gemeine Volk ausbluten lassen.
Isao ist der Sohn von Inuma, der zeitweilig als Erzieher von Kiyoaki tätig war, der dem Leser im ersten Teil von Mishimas Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“, in „Schnee im Frühling“ begegnet ist. Kiyoakis bester Freund Honda ist zwischenzeitlich Richter in Osaka und trifft auf Isao, als er einen Vorgesetzten als Ehrengast bei einem Kendo-Turnier vertritt: Auf einem heiligen Berg will sich Honda unter einem Wasserfall reinigen, wo sich bereits der junge Kendo-Kämpfer Isao wäscht. So entdeckt Honda an Isao dieselben Leberflecke, die er auch an Kiyoaki gesehen hat. Mehr noch – hatte Kiyoaki nicht vor seinem Tod gesagt, Honda würde ihn ganz bestimmt unter einem Wasserfall wieder sehen? Der rationale Honda kommt sich wie vor den Kopf geschlagen vor. Ist Isao womöglich die Wiedergeburt Kiyoakis? Dass ausgerechnet ein entschlossener, patriotischer Kendo-Kämpfer die Wiedergeburt des frevlerisch veranlagten Müßiggängers Kiyoakis sein soll, mutet besonders gewagt an. Insbesondere da Kiyoaki Kendo-Kämpfer verachtet hatte.
„Unter dem Sturmgott“ ist eine etwas beschwerliche Lektüre. Da ist zum einen der Bericht über den Göttersturm-Bund: Mehr als 50 Seiten werden dem sinnlosen Gemetzel gewidmet, das mit mannigfaltigem eigenhändigem Bauch-Aufschlitzen beendet wird. Hinzu kommen Isaos ausführlichste Überlegungen zur „Lauterkeit“, die irgendwann ziemlich ermüdend werden. Diese Detailliertheit der Gefühlslage steht in krassem Gegensatz zu den letzten Seiten des Romans, auf denen die Beweggründe des Protagonisten kaum mehr thematisiert werden. Zwar mag Isao dem Prinzip, dass Denken und Handeln eines sind, folgen – doch kann man als Leser die Motive dieses Handelns nur erahnen.
Ich gebe auch gerne zu, dass mir der Kult um Seppuku, die Todessehnsucht Isaos hinsichtlich Yukio Mishimas eigenem Aufstand mit anschließendem Seppuku umso suspekter ist.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Unter dem Sturmgott“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1986, ISBN 3-446-14628-8
Isao ist der Sohn von Inuma, der zeitweilig als Erzieher von Kiyoaki tätig war, der dem Leser im ersten Teil von Mishimas Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“, in „Schnee im Frühling“ begegnet ist. Kiyoakis bester Freund Honda ist zwischenzeitlich Richter in Osaka und trifft auf Isao, als er einen Vorgesetzten als Ehrengast bei einem Kendo-Turnier vertritt: Auf einem heiligen Berg will sich Honda unter einem Wasserfall reinigen, wo sich bereits der junge Kendo-Kämpfer Isao wäscht. So entdeckt Honda an Isao dieselben Leberflecke, die er auch an Kiyoaki gesehen hat. Mehr noch – hatte Kiyoaki nicht vor seinem Tod gesagt, Honda würde ihn ganz bestimmt unter einem Wasserfall wieder sehen? Der rationale Honda kommt sich wie vor den Kopf geschlagen vor. Ist Isao womöglich die Wiedergeburt Kiyoakis? Dass ausgerechnet ein entschlossener, patriotischer Kendo-Kämpfer die Wiedergeburt des frevlerisch veranlagten Müßiggängers Kiyoakis sein soll, mutet besonders gewagt an. Insbesondere da Kiyoaki Kendo-Kämpfer verachtet hatte.
„Unter dem Sturmgott“ ist eine etwas beschwerliche Lektüre. Da ist zum einen der Bericht über den Göttersturm-Bund: Mehr als 50 Seiten werden dem sinnlosen Gemetzel gewidmet, das mit mannigfaltigem eigenhändigem Bauch-Aufschlitzen beendet wird. Hinzu kommen Isaos ausführlichste Überlegungen zur „Lauterkeit“, die irgendwann ziemlich ermüdend werden. Diese Detailliertheit der Gefühlslage steht in krassem Gegensatz zu den letzten Seiten des Romans, auf denen die Beweggründe des Protagonisten kaum mehr thematisiert werden. Zwar mag Isao dem Prinzip, dass Denken und Handeln eines sind, folgen – doch kann man als Leser die Motive dieses Handelns nur erahnen.
Ich gebe auch gerne zu, dass mir der Kult um Seppuku, die Todessehnsucht Isaos hinsichtlich Yukio Mishimas eigenem Aufstand mit anschließendem Seppuku umso suspekter ist.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Unter dem Sturmgott“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1986, ISBN 3-446-14628-8
Samstag, 30. März 2013
„Schnee im Frühling“ von Yukio Mishima
Melancholie, Müßiggang und Träumereien prägen das Leben des 18-jährigen Kiyoaki. Als Sohn eines Marquis kann er sich das auch leisten, denn außer zum Gakushuin, der Eliteschule für Adelige, zu gehen, hat der nicht gerade gelehrige Teenager nicht viel zu tun. Was ihn vielmehr fesselt, ist die obskure Hassliebe zu Satoko, mit der er aufgewachsen ist, um in einer anderen Familie die Verfeinerungen des Hofadels zu erlernen. Die ältere Satoko scheint den jüngeren Kiyoaki nicht für ganz voll zu nehmen und dennoch fühlt auch sie sich zu dem hübschen Jugendfreund hingezogen.
Obwohl die beiden immerhin bereits ein bisschen intim geworden sind, flammt die Liebe in Kiyoaki erst wirklich auf, als Satoko mit einem Prinzen der kaiserlichen Familie verheiratet werden soll. Kiyoaki, der sich ohnehin seit jeher an Sakrilegen erfreuen konnte, spinnt einen Plan, Satoko vor ihrer Verlobung zu verführen – auch wenn er bis dato noch keine sexuelle Erfahrung vorweisen kann.
Kiyoakis einziger Freund, sein Mitschüler Honda, ist so ganz anders als Kiyoaki. Der analytische Honda beschäftigt sich mit (Rechts-)Philosophie und ist gebannt von religiösen Mysterien und ihren Deutungsmöglichkeiten. Honda diskutiert mit dem uninteressierten Kiyoaki die gesellschaftlichen Veränderungen der Taisho-Zeit und ist Kyoakis Stütze während dessen Liebens- und Leidenswegs, der wohl kaum in ein Happy End münden kann.
Dass Kiyoaki dem Autor gleicht, tritt im Laufe der Geschichte immer stärker zu Tage: Genauso wie Yukio Mishima ist Kiyoaki ein hübsches, blasses und eher schwächliches Kind, das nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwächst. Er geht ebenso wie der Schriftsteller auf das Gakushuin und drückt sich durch eine fingierte Krankheit vor seinen Pflichten. Und auch eine engere Bekanntschaft zu einer späteren Verlobten und Ehefrau eines Mitglieds des kaiserlichen Hofes kann Yukio Mishima aufweisen: So trug er sich wohl in den 50er Jahren mit dem Gedanken, Michiko Shoda, die spätere Kaiserin Michiko, zu ehelichen.
Für mich nahm „Schnee im Frühling“ ein bisschen zu langsam Fahrt auf. Das wäre zu verkraften gewesen, wenn die Faszination, die das junge Liebespaar für den jeweils anderen empfindet, klar geworden wäre. Es scheint aber, als ob primär die Schönheit des Partners die „Liebe“ entfacht. Ob das nicht ein bisschen zu wenig ist, um gegen die kaiserliche Familie zu opponieren? Mir ist die Figur des unnahbaren Kiyoaki jedenfalls sehr fremd geblieben.
„Schnee im Frühling“ ist der erste Teil der Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“. Ich bin gespannt auf die anknüpfenden Romane „Unter dem Sturmgott“, „Der Tempel der Morgendämmerung“ und „Die Todesmale des Engels“ – aufgrund des Themas der Seelenwanderung wird der eine oder andere Charakter sicherlich erneut seinen Auftritt haben.
Bibliographischen Angaben:
Mishima, Yukio: „Schnee im Frühling“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Goldmann, München 1987, ISBN 3-442-08856-9
Obwohl die beiden immerhin bereits ein bisschen intim geworden sind, flammt die Liebe in Kiyoaki erst wirklich auf, als Satoko mit einem Prinzen der kaiserlichen Familie verheiratet werden soll. Kiyoaki, der sich ohnehin seit jeher an Sakrilegen erfreuen konnte, spinnt einen Plan, Satoko vor ihrer Verlobung zu verführen – auch wenn er bis dato noch keine sexuelle Erfahrung vorweisen kann.
Kiyoakis einziger Freund, sein Mitschüler Honda, ist so ganz anders als Kiyoaki. Der analytische Honda beschäftigt sich mit (Rechts-)Philosophie und ist gebannt von religiösen Mysterien und ihren Deutungsmöglichkeiten. Honda diskutiert mit dem uninteressierten Kiyoaki die gesellschaftlichen Veränderungen der Taisho-Zeit und ist Kyoakis Stütze während dessen Liebens- und Leidenswegs, der wohl kaum in ein Happy End münden kann.
Dass Kiyoaki dem Autor gleicht, tritt im Laufe der Geschichte immer stärker zu Tage: Genauso wie Yukio Mishima ist Kiyoaki ein hübsches, blasses und eher schwächliches Kind, das nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwächst. Er geht ebenso wie der Schriftsteller auf das Gakushuin und drückt sich durch eine fingierte Krankheit vor seinen Pflichten. Und auch eine engere Bekanntschaft zu einer späteren Verlobten und Ehefrau eines Mitglieds des kaiserlichen Hofes kann Yukio Mishima aufweisen: So trug er sich wohl in den 50er Jahren mit dem Gedanken, Michiko Shoda, die spätere Kaiserin Michiko, zu ehelichen.
Für mich nahm „Schnee im Frühling“ ein bisschen zu langsam Fahrt auf. Das wäre zu verkraften gewesen, wenn die Faszination, die das junge Liebespaar für den jeweils anderen empfindet, klar geworden wäre. Es scheint aber, als ob primär die Schönheit des Partners die „Liebe“ entfacht. Ob das nicht ein bisschen zu wenig ist, um gegen die kaiserliche Familie zu opponieren? Mir ist die Figur des unnahbaren Kiyoaki jedenfalls sehr fremd geblieben.
„Schnee im Frühling“ ist der erste Teil der Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“. Ich bin gespannt auf die anknüpfenden Romane „Unter dem Sturmgott“, „Der Tempel der Morgendämmerung“ und „Die Todesmale des Engels“ – aufgrund des Themas der Seelenwanderung wird der eine oder andere Charakter sicherlich erneut seinen Auftritt haben.
Bibliographischen Angaben:
Mishima, Yukio: „Schnee im Frühling“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Goldmann, München 1987, ISBN 3-442-08856-9
Samstag, 16. Februar 2013
„Der Tempelbrand“ von Yukio Mishima
Am 2. Juli 1950 steckte der Zen-Novize Yoken Hayashi den Goldenen Pavillon, den Kinaku-ji in Kioto, in Brand. Der Tempel brannte komplett nieder – und Yoken Hayashi wurde zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt. Da ihm Schizophrenie und Verfolgungswahn attestiert wurden, kam er bereits früher frei. Yukio Mishima, der den Brandstifter im Gefängnis besucht hatte, veröffentlichte 1956 den Roman „Der Tempelbrand“, der auf dem Ereignis beruht, jedoch weithin fiktiv ist. Im selben Jahr starb Yoken Hayashi an Tuberkulose.
In Yukio Mishimas „Der Tempelbrand“ nimmt der Novize Mizoguchi den Platz von Yoken Hayashi ein. Wie dieser leidet Mizoguchi seit jeher unter seinem Stottern; fühlt sich wie ein Ausgestoßener. Sein Vater, ein Liebhaber der Goldenen Halle und Zen-Priester, weckt auch in Mizoguchi die Begeisterung für die Ästhetik des Bauwerks. Als der Vater stirbt, nimmt der Prior des Tempels Mizoguchi als Novize auf. Mizoguchi erliegt einer Obsession für die Schönheit der Halle, während er sich in der Alltagswelt kaum zu behaupten weiß. Sein Mitnovize Tsurukawa scheint auf der hellen Seite des Lebens zu stehen, während Mizoguchi sich auf der dunklen Seite verortet.
Als Mizoguchi den klumpfüßigen Kashiwagi kennen lernt, eröffnen sich ihm neue Perspektiven, zu seiner selbst empfundenen Hässlichkeit zu stehen. Kashiwagi ist ein Teufel, dem es gerade aufgrund seiner Behinderung gelingt, Frauen zu verführen, auszunehmen und vor den Kopf zu stoßen.
Mizoguchi fasst schließlich einen Entschluss: Nur eine Tat kann die Welt verändern – die Goldene Halle muss brennen.
Mishimas „Der Tempelbrand“ ist vielschichtig. Es wird nicht nur aufgezeigt, wie ein Außenseiter, der auf die meisten Menschen völlig unauffällig wirkt, zum Brandstifter wird. Mizoguchi und Kashiwagi diskutieren anhand der buddhistischen Erzählung „Nansen tötet die Katze“ die Rolle der Schönheit, als auch von Tat versus Erkenntnis. Trotz aller Liebe zur Ästhetik geht es auch recht brutal zu in „Der Tempelbrand“: Der Ikebana-Fan Kashiwagi schlägt sein Verehrerin, nachdem er Blumen arrangiert hat. Mizoguchi tritt einer schwangeren Prostituierten auf Anweisung ihres US-amerikanischen Freundes vor der Goldenen Halle so lange in den Bauch, bis sie eine Fehlgeburt erleidet.
Der Erfolg von Mishimas „Der Tempelbrand“ in Japan beruht aber nebst des spektakulären, realen Tempelbrands auch auf seiner Kritik am gelebten Zen-Buddhismus: Der Prior hält seine Novizen kurz, die Einnahmen des Tempels verprasst er im Geisha-Viertel Gion.
Ein bisschen gestört hat mich jedoch die Übersetzung des Japanologen Walter Donat. So kommen Begrifflichkeiten und Redwendungen vor, die gestelzt oder falsch übersetzt wirken. „Dank diesem Jucken würde sie später das Recht erwerben, gegen mich zu zeugen.“ (S. 241) heißt es da beispielsweise. „Gegen mich auszusagen“ war wohl nicht hochgestochen genug – aber wäre „gegen mich Zeugnis abzulegen“ nicht die bessere Alternative gewesen? Aus dem Rotlichtviertel wird auf S. 250 ein „Fremdenviertel“ – wäre nicht „Freudenviertel“ der passendere Ausdruck gewesen? Auch Sätze mit einem „Je, …“ einzuleiten mutet seltsam an, wenn damit eher ein „Tja“ gemeint ist.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Der Tempelbrand“, Goldmann, München 1988, ISBN 3-442-08933-6
In Yukio Mishimas „Der Tempelbrand“ nimmt der Novize Mizoguchi den Platz von Yoken Hayashi ein. Wie dieser leidet Mizoguchi seit jeher unter seinem Stottern; fühlt sich wie ein Ausgestoßener. Sein Vater, ein Liebhaber der Goldenen Halle und Zen-Priester, weckt auch in Mizoguchi die Begeisterung für die Ästhetik des Bauwerks. Als der Vater stirbt, nimmt der Prior des Tempels Mizoguchi als Novize auf. Mizoguchi erliegt einer Obsession für die Schönheit der Halle, während er sich in der Alltagswelt kaum zu behaupten weiß. Sein Mitnovize Tsurukawa scheint auf der hellen Seite des Lebens zu stehen, während Mizoguchi sich auf der dunklen Seite verortet.
Als Mizoguchi den klumpfüßigen Kashiwagi kennen lernt, eröffnen sich ihm neue Perspektiven, zu seiner selbst empfundenen Hässlichkeit zu stehen. Kashiwagi ist ein Teufel, dem es gerade aufgrund seiner Behinderung gelingt, Frauen zu verführen, auszunehmen und vor den Kopf zu stoßen.
Mizoguchi fasst schließlich einen Entschluss: Nur eine Tat kann die Welt verändern – die Goldene Halle muss brennen.
Mishimas „Der Tempelbrand“ ist vielschichtig. Es wird nicht nur aufgezeigt, wie ein Außenseiter, der auf die meisten Menschen völlig unauffällig wirkt, zum Brandstifter wird. Mizoguchi und Kashiwagi diskutieren anhand der buddhistischen Erzählung „Nansen tötet die Katze“ die Rolle der Schönheit, als auch von Tat versus Erkenntnis. Trotz aller Liebe zur Ästhetik geht es auch recht brutal zu in „Der Tempelbrand“: Der Ikebana-Fan Kashiwagi schlägt sein Verehrerin, nachdem er Blumen arrangiert hat. Mizoguchi tritt einer schwangeren Prostituierten auf Anweisung ihres US-amerikanischen Freundes vor der Goldenen Halle so lange in den Bauch, bis sie eine Fehlgeburt erleidet.
Der Erfolg von Mishimas „Der Tempelbrand“ in Japan beruht aber nebst des spektakulären, realen Tempelbrands auch auf seiner Kritik am gelebten Zen-Buddhismus: Der Prior hält seine Novizen kurz, die Einnahmen des Tempels verprasst er im Geisha-Viertel Gion.
Ein bisschen gestört hat mich jedoch die Übersetzung des Japanologen Walter Donat. So kommen Begrifflichkeiten und Redwendungen vor, die gestelzt oder falsch übersetzt wirken. „Dank diesem Jucken würde sie später das Recht erwerben, gegen mich zu zeugen.“ (S. 241) heißt es da beispielsweise. „Gegen mich auszusagen“ war wohl nicht hochgestochen genug – aber wäre „gegen mich Zeugnis abzulegen“ nicht die bessere Alternative gewesen? Aus dem Rotlichtviertel wird auf S. 250 ein „Fremdenviertel“ – wäre nicht „Freudenviertel“ der passendere Ausdruck gewesen? Auch Sätze mit einem „Je, …“ einzuleiten mutet seltsam an, wenn damit eher ein „Tja“ gemeint ist.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Der Tempelbrand“, Goldmann, München 1988, ISBN 3-442-08933-6
Dienstag, 17. Juli 2012
„Drachen und tote Gesichter“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering
Neben einer kurzen Erzählung des Herausgebers Janwillem van de Wetering enthält „Drachen und tote Gesichter“ Werke der Autoren Junichiro Tanizaki, Masako Togawa, Ryunosuke Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue, Yukio Mishima, Kyotaro Nishimura, Tohru Myoshi und Tadao Sohno.
Junichiro Tanizaki widmet sich in „Der Dieb“ dem Psychogramm eines Langfingers.
Masako Togawas „Der Vampir“ zeichnet eine verstörende Situation: Jiro mit der Blutgruppe AB-Rhesus-negativ hat eine besondere Stellung im Schlafsaal inne, denn sein Blut ist besonders selten. Im Gegensatz zu den anderen wird er nur selten zum Vampir zur Blutspende geschickt. Dem folgt meist die Abnahme von „weißem Blut“ durch die Krankenschwester. Als einer von Jiros Kollegen aus dem Schlafsaal flieht, wird die Situation nicht nur für die Krankenhausangestellten immer brenzliger.
Ryunosuke Akutagawas „Der Höllenschirm“ führt in ein höfisches Milieu zu einem Maler, der besonders realgetreu malen kann, wenn er das entsprechende Modell vor sich hat. Als er einen Wandschirm mit einem Höllenmotiv bemalen soll, wird sein Vorgehen immer entsetzlicher.
Edogawa Rampos tragischer Held in „Die verspiegelte Hölle“ hängt einer Besessenheit nach: Er ist fasziniert von Spiegeleffekten und Linsen. Was zunächst als harmlose Spielerei in Form von Zaubertricks beginnt, endet im Wahn.
Der „Vollmond“ begleitet Yasushi Inoues Protagonisten bei Aufstieg und Fall.
„Tod im Hochsommer“ bei Yukio Mishima: Eine Mutter verliert bei einem Badeurlaub sowohl zwei Kinder als auch die Schwägerin. Selbstvorwürfe und ein Ehemann, der mit der Situation nicht so recht umgehen kann, begleiten Tomoko lange Zeit, bis sie sich von dem Schock und dem Verlust langsam erholen kann.
„Der freundliche Erpresser“ taucht in Shinkichis Friseurladen auf. In Kyotaro Nishimuras Erzählung muss der unglückliche Friseur ordentlich Geld bluten für eine blutige Angelegenheit der Vergangenheit.
„Der Brief aus der Vergangenheit“ lässt Tohru Myoshis Protagonisten nicht mehr los: Der Zeitungsredakteur wittert seine Chance, einen als Selbstmord deklarierten Mord aufzuklären. Um seine Karriere anzuschieben, fängt er auf eigene Faust an, zu ermitteln.
Als ein menschlicher Schädel im Müll gefunden wird, soll eine „Rekonstruktion eines Gesichts“ erfolgen. Tadao Sohnos Held Koike wird damit beauftragt, dem Schädel sein menschliches Aussehen zurück zu geben. Aus einer unerwarteten Richtung kommt ihm dabei Unterstützung zu Gute.
In „Drachen und tote Gesichter“ findet sich ein kurzweiliges Potpourri von Erzählungen japanischer Autoren. Jedoch irritiert die Auswahl des mit „Japanische Kriminalstories 1“ untertitelten Bandes etwas. Wenn man unter Kriminalstories Geschichten versteht, die sich um die Aufklärung eines Verbrechens drehen, dann gehören die Erzählungen von Ryunoskue Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue und Yukio Mishima hier nicht dazu. Mein persönliches Highlight: „Der Vampir" von Masako Togawa.
Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Drachen und tote Gesichter“, Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-43036-3
Junichiro Tanizaki widmet sich in „Der Dieb“ dem Psychogramm eines Langfingers.
Masako Togawas „Der Vampir“ zeichnet eine verstörende Situation: Jiro mit der Blutgruppe AB-Rhesus-negativ hat eine besondere Stellung im Schlafsaal inne, denn sein Blut ist besonders selten. Im Gegensatz zu den anderen wird er nur selten zum Vampir zur Blutspende geschickt. Dem folgt meist die Abnahme von „weißem Blut“ durch die Krankenschwester. Als einer von Jiros Kollegen aus dem Schlafsaal flieht, wird die Situation nicht nur für die Krankenhausangestellten immer brenzliger.
Ryunosuke Akutagawas „Der Höllenschirm“ führt in ein höfisches Milieu zu einem Maler, der besonders realgetreu malen kann, wenn er das entsprechende Modell vor sich hat. Als er einen Wandschirm mit einem Höllenmotiv bemalen soll, wird sein Vorgehen immer entsetzlicher.
Edogawa Rampos tragischer Held in „Die verspiegelte Hölle“ hängt einer Besessenheit nach: Er ist fasziniert von Spiegeleffekten und Linsen. Was zunächst als harmlose Spielerei in Form von Zaubertricks beginnt, endet im Wahn.
Der „Vollmond“ begleitet Yasushi Inoues Protagonisten bei Aufstieg und Fall.
„Tod im Hochsommer“ bei Yukio Mishima: Eine Mutter verliert bei einem Badeurlaub sowohl zwei Kinder als auch die Schwägerin. Selbstvorwürfe und ein Ehemann, der mit der Situation nicht so recht umgehen kann, begleiten Tomoko lange Zeit, bis sie sich von dem Schock und dem Verlust langsam erholen kann.
„Der freundliche Erpresser“ taucht in Shinkichis Friseurladen auf. In Kyotaro Nishimuras Erzählung muss der unglückliche Friseur ordentlich Geld bluten für eine blutige Angelegenheit der Vergangenheit.
„Der Brief aus der Vergangenheit“ lässt Tohru Myoshis Protagonisten nicht mehr los: Der Zeitungsredakteur wittert seine Chance, einen als Selbstmord deklarierten Mord aufzuklären. Um seine Karriere anzuschieben, fängt er auf eigene Faust an, zu ermitteln.
Als ein menschlicher Schädel im Müll gefunden wird, soll eine „Rekonstruktion eines Gesichts“ erfolgen. Tadao Sohnos Held Koike wird damit beauftragt, dem Schädel sein menschliches Aussehen zurück zu geben. Aus einer unerwarteten Richtung kommt ihm dabei Unterstützung zu Gute.
In „Drachen und tote Gesichter“ findet sich ein kurzweiliges Potpourri von Erzählungen japanischer Autoren. Jedoch irritiert die Auswahl des mit „Japanische Kriminalstories 1“ untertitelten Bandes etwas. Wenn man unter Kriminalstories Geschichten versteht, die sich um die Aufklärung eines Verbrechens drehen, dann gehören die Erzählungen von Ryunoskue Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue und Yukio Mishima hier nicht dazu. Mein persönliches Highlight: „Der Vampir" von Masako Togawa.
Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Drachen und tote Gesichter“, Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-43036-3
Labels:
Drachen und tote Gesichter,
Edogawa Rampo,
Erzählungen,
Junichiro Tanizaki,
Krimi,
Kyotaro Nishimura,
Masako Togawa,
Rezensionen,
Ryunosuke Akutagawa,
Tadao Sohno,
Tohru Myoshi,
Yasushi Inoue,
Yukio Mishima
Samstag, 7. Juli 2012
„Geständnis einer Maske“ von Yukio Mishima
Der Protagonist in Yukio Mishimas „Geständnis einer Maske“ entblößt vor dem Leser sein wahres Gesicht. Er beginnt sein Geständnis mit Erinnerungen an seine Kindheit. Mit Argwohn betrachtet er in einem illustrieren Buch die als Ritter gekleidete Jeanne d’Arc, doch er selbst hat ein Faible dafür, sich als wie eine Frau zu kleiden. Als er eine Abbildung des Heiligen Sebastians während dessen Märtyrertods zu Gesicht bekommt, ist dies für ihn eine sexuelle Offenbarung. Er fühlt sich von dem leidenden Adonis angezogen und hat fortan Phantasien von blutenden, jungen Männern, die so weit gehen, dass er sich gar vorstellt, wie er sie selbst mit einem Messer abschlachtet und die sterbenden Lippen küsst.
Es ist ihm bewusst, dass er anders ist als seine gleichaltrigen Geschlechtsgenossen und verbirgt sich hinter einer Maske der Normalität. Auch als er sich in einen Mitschüler verliebt, kann er dies erfolgreich verbergen. Mit 20 Jahren versucht er verkrampft, sich in Sonoko, die Schwester eines Freundes zu verlieben. Doch während Sonoko sich in ihn verliebt, fühlt er sich nur wohl in ihrer Gegenwart – sexuell lässt sie ihn völlig kalt. Als die junge Frau einen Heiratsantrag von ihm erwartet, macht er einen Rückzieher. Und selbst bei Prostituierten versagt sein bestes Stück. So muss er von dem Kumpan, mit dem er seinen Ausflug ins Rotlichtviertel begonnen hatte, fürchten, als impotent geoutet zu werden.
„Geständnis einer Maske“ liest sich auf zweierlei Weise etwas schwer: Der Protagonist neigt zur ständigen Reflektion, die passagenweise ziemlich gestelzt wirkt. Und trotzdem bleibt er für den Leser – oder zumindest für mich – recht unzugänglich. Das Leid des Außenseiters oder seine Suche nach Erfüllung wird nicht plastisch, sondern überintellektualisiert. Dazu kommen die verstörenden, homosexuellen Gewalt-Phantasien, die über Sadomasochismus weit hinausgehen und bluttriefend den Tod des Objekts der Begierde heraufbeschwören. Daher kann man als Leser nur hoffen, dass der Protagonist nie sexuelle Erfüllung finden mag, wenn diese nur durch Mord realisiert werden kann.
Ein bisschen glaubt man, den Autor, der seinen Körper mit Bodybuilding stählte und einen besonders blutigen Selbstmord wählte, ein bisschen besser nach der Lektüre von „Geständnis einer Maske“ verstehen zu können. Zart besaitete Leser sollten jedoch lieber die Finger von dem autobiographisch geprägten Roman lassen.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Geständnis einer Maske“, Rowohlt, Reinbek 1988, ISBN 3-499-15652-0
Es ist ihm bewusst, dass er anders ist als seine gleichaltrigen Geschlechtsgenossen und verbirgt sich hinter einer Maske der Normalität. Auch als er sich in einen Mitschüler verliebt, kann er dies erfolgreich verbergen. Mit 20 Jahren versucht er verkrampft, sich in Sonoko, die Schwester eines Freundes zu verlieben. Doch während Sonoko sich in ihn verliebt, fühlt er sich nur wohl in ihrer Gegenwart – sexuell lässt sie ihn völlig kalt. Als die junge Frau einen Heiratsantrag von ihm erwartet, macht er einen Rückzieher. Und selbst bei Prostituierten versagt sein bestes Stück. So muss er von dem Kumpan, mit dem er seinen Ausflug ins Rotlichtviertel begonnen hatte, fürchten, als impotent geoutet zu werden.
„Geständnis einer Maske“ liest sich auf zweierlei Weise etwas schwer: Der Protagonist neigt zur ständigen Reflektion, die passagenweise ziemlich gestelzt wirkt. Und trotzdem bleibt er für den Leser – oder zumindest für mich – recht unzugänglich. Das Leid des Außenseiters oder seine Suche nach Erfüllung wird nicht plastisch, sondern überintellektualisiert. Dazu kommen die verstörenden, homosexuellen Gewalt-Phantasien, die über Sadomasochismus weit hinausgehen und bluttriefend den Tod des Objekts der Begierde heraufbeschwören. Daher kann man als Leser nur hoffen, dass der Protagonist nie sexuelle Erfüllung finden mag, wenn diese nur durch Mord realisiert werden kann.
Ein bisschen glaubt man, den Autor, der seinen Körper mit Bodybuilding stählte und einen besonders blutigen Selbstmord wählte, ein bisschen besser nach der Lektüre von „Geständnis einer Maske“ verstehen zu können. Zart besaitete Leser sollten jedoch lieber die Finger von dem autobiographisch geprägten Roman lassen.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Geständnis einer Maske“, Rowohlt, Reinbek 1988, ISBN 3-499-15652-0
Freitag, 1. Juni 2012
„Liebesdurst“ von Yukio Mishima
Etsuko ist die Protagonistin in Yukio Mishimas Roman aus dem Jahr 1949, die den „Liebesdurst“ verspürt, der sich nicht stillen lässt: Ihr inzwischen verstorbener Ehemann hatte primär nur Spott für sie übrig. Spott, den sie für ihre Anhänglichkeit trotz seiner außerehelichen Affäre erntete. Erst als der Ehemann mit Typhus im Sterben liegt, scheint Etsuko die Ehe vollkommen. Endlich kann sie sich für den Mann aufopfern und hat gleichzeitig vollkommene Macht über seine letzten Tage.
Nach dem Tod des Ehemanns zieht die Witwe Etsuko aufs Land zu ihrem Schwiegervater. Der hat eindeutige Absichten: Die attraktive, jedoch distanzierte Etsuko soll seine Geliebte werden. Leicht angewidert lässt sie seine Annäherungsversuche zu und lebt angeödet und gelangweilt von Tag zu Tag. Wenn da nicht der junge Hausangestellte Saburo wäre. Der ist zwar ein rechter Dorftrampel, aber der durchtrainierte Körper des 18-Jährigen hat Etsuko in den Bann geschlagen.
Die weiteren Familienmitglieder im Haushalt zerreißen sich nun nicht mehr nur ihr Maul darüber, dass Etsuko den alten Herrn beglückt, sondern auch dass sie sich in den jungen Kerl verschossen hat. Der wiederum ist ein bisschen stupide und merkt nicht, wie er von seiner Herrin angehimmelt wird. Schließlich nimmt eine Tragödie ihren Lauf.
Analog zu Yukio Mishima, der die Ansicht vertrat, dass alles Handeln seinen Sinn erst im Tod findet, müsste man auch behaupten, dass jeder Roman vom Ende her zu beurteilen ist. Und leider liegt hier die Schwäche des Werks: Die Wendungen zum Schluss sind recht unnachvollziehbar und plötzlich. Da sollte wohl partout noch ein tragisches Ende her.
Trotzdem: Die Mishimas Charaktere werden so ausgefeilt illustriert, dass man sie geradezu bildlich vor Augen hat. Da ist der knochige alte Schwiegervater, der sich nach seinem Rückzug aus dem Berufsleben als Führungskraft in seiner Autorität untergraben fühlt. Sein ältester Sohn und dessen Ehefrau, die sich ganz als überlegene Intellektuelle fühlen, aber außer hohlen Reden nichts zustande bekommen. Die Landpomeranze Miyo, die von Saburo schwanger wird. Saburo selbst, der zwar ein Adonis vom Land ist, aber alles andere als helle wirkt. Und natürlich Etsuko mit dem ihr eigenen, psychopathischen Drang, den Liebesdurst zu stillen.
Nach dem Tod des Ehemanns zieht die Witwe Etsuko aufs Land zu ihrem Schwiegervater. Der hat eindeutige Absichten: Die attraktive, jedoch distanzierte Etsuko soll seine Geliebte werden. Leicht angewidert lässt sie seine Annäherungsversuche zu und lebt angeödet und gelangweilt von Tag zu Tag. Wenn da nicht der junge Hausangestellte Saburo wäre. Der ist zwar ein rechter Dorftrampel, aber der durchtrainierte Körper des 18-Jährigen hat Etsuko in den Bann geschlagen.
Die weiteren Familienmitglieder im Haushalt zerreißen sich nun nicht mehr nur ihr Maul darüber, dass Etsuko den alten Herrn beglückt, sondern auch dass sie sich in den jungen Kerl verschossen hat. Der wiederum ist ein bisschen stupide und merkt nicht, wie er von seiner Herrin angehimmelt wird. Schließlich nimmt eine Tragödie ihren Lauf.
Analog zu Yukio Mishima, der die Ansicht vertrat, dass alles Handeln seinen Sinn erst im Tod findet, müsste man auch behaupten, dass jeder Roman vom Ende her zu beurteilen ist. Und leider liegt hier die Schwäche des Werks: Die Wendungen zum Schluss sind recht unnachvollziehbar und plötzlich. Da sollte wohl partout noch ein tragisches Ende her.
Trotzdem: Die Mishimas Charaktere werden so ausgefeilt illustriert, dass man sie geradezu bildlich vor Augen hat. Da ist der knochige alte Schwiegervater, der sich nach seinem Rückzug aus dem Berufsleben als Führungskraft in seiner Autorität untergraben fühlt. Sein ältester Sohn und dessen Ehefrau, die sich ganz als überlegene Intellektuelle fühlen, aber außer hohlen Reden nichts zustande bekommen. Die Landpomeranze Miyo, die von Saburo schwanger wird. Saburo selbst, der zwar ein Adonis vom Land ist, aber alles andere als helle wirkt. Und natürlich Etsuko mit dem ihr eigenen, psychopathischen Drang, den Liebesdurst zu stillen.
Montag, 7. Mai 2012
„Der Seemann, der die See verriet“ von Yukio Mishima
Yukio Mishimas Roman „Der Seemann, der die See verriet“ nimmt im Sommer in Yokohamas Hafen seinen Ausgangspunkt: Fusako, Mutter des von der Seefahrt begeisterten 13-jährigen Noboru, trifft auf einer privaten Schiffsbesichtigung zusammen mit ihrem Sohn auf den Offizier Ryuji. Eine schicksalhafte Begegnung: Für Ryuji ist Fusako die ideale Frau, nach der er sich schon seit jeher gesehnt hat. Fusako ist seit mehreren Jahren Witwe und hat Sehnsucht nach einem Mann an ihrer Seite. Noboru wiederum ist (zunächst) angetan von der heldenhaften Atmosphäre, die den äußerst männlich wirkenden Ryuji umgibt. Ryuji und Fusako verleben wenige, besonders leidenschaftlich Stunden, bis Ryujis Frachter wieder in exotische Länder ausläuft.
Im Winter läuft das Schiff erneut in Yokohama ein. Ryuji, der einst Seemann wurde, um sich als Held, als ein ganz besonderer Mensch zu beweisen, realisiert, dass sein Traum von Ehre, Liebe und Tod sich nicht mehr erfüllen wird. Doch in Fusako hat er eine verführerische Frau gefunden und beschließt, das Leben auf See aufzugeben und sie zu ehelichen. Doch die Rechnung ist ohne Noboru gemacht: Der naseweise Jugendliche hat nicht nur ein Loch in der Wand entdeckt, durch das er das Paar beim Sex beobachtet. Er gehört auch einer Bande nihilistischer Gleichaltriger an, die sich als Elite der Gesellschaft fühlen. In den Augen der Teenager sind vor allem Väter die Pest. Noch sind alle Bandenmitglieder unter 14 Jahren und damit nicht strafrechtlich zu belangen – was den Anführer auf die Idee bringt, jetzt sei die Zeit, um noch einmal etwas Ungeheuerliches anzuzetteln…
„Der Seemann, der die See bedient“ kreist um den Wunsch nach Heldentum. Ryuji muss sein Ziel, Heldenhaftes zu vollbringen aufgeben und entschließt sich, ein normales Leben an Land zu führen. Noboru sieht in Ryuji zunächst einen Helden der See. Doch diese idealisierte Vorstellung wird allzu schnell enttäuscht und durch Ryujis permanente Rückkehr an Land völlig zu Nichte gemacht. Noboru und seine Kumpanen sehen sich dagegen als Anti-Helden, die es der armseligen Erwachsenengesellschaft heimzahlen wollen.
Der Roman fesselt vor allem durch Perversionen: Noboru ist nicht nur ein ganz unsympathischer Spanner. Zusammen mit den anderen Bandenangehörigen versucht er, seine Empfindungen abzutöten. Deswegen muss er als Mutprobe ein Kätzchen mit eigenen Händen töten. Der Bandenchef seziert es im Anschluss. Alles widerlich, aber trotzdem muss man weiter lesen.
Insbesondere im ersten Kapitel, das im Sommer spielt, übertreibt es mir Yukio Mishima jedoch ein bisschen mit seinen permanenten Beschreibungen von Licht und Schatten. Keine Szene vergeht, ohne dass der Autor etwas in gleißende Sonne stellt oder dunkle Schatten über etwas anderes werfen lässt. Hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen.
Im Winter läuft das Schiff erneut in Yokohama ein. Ryuji, der einst Seemann wurde, um sich als Held, als ein ganz besonderer Mensch zu beweisen, realisiert, dass sein Traum von Ehre, Liebe und Tod sich nicht mehr erfüllen wird. Doch in Fusako hat er eine verführerische Frau gefunden und beschließt, das Leben auf See aufzugeben und sie zu ehelichen. Doch die Rechnung ist ohne Noboru gemacht: Der naseweise Jugendliche hat nicht nur ein Loch in der Wand entdeckt, durch das er das Paar beim Sex beobachtet. Er gehört auch einer Bande nihilistischer Gleichaltriger an, die sich als Elite der Gesellschaft fühlen. In den Augen der Teenager sind vor allem Väter die Pest. Noch sind alle Bandenmitglieder unter 14 Jahren und damit nicht strafrechtlich zu belangen – was den Anführer auf die Idee bringt, jetzt sei die Zeit, um noch einmal etwas Ungeheuerliches anzuzetteln…
„Der Seemann, der die See bedient“ kreist um den Wunsch nach Heldentum. Ryuji muss sein Ziel, Heldenhaftes zu vollbringen aufgeben und entschließt sich, ein normales Leben an Land zu führen. Noboru sieht in Ryuji zunächst einen Helden der See. Doch diese idealisierte Vorstellung wird allzu schnell enttäuscht und durch Ryujis permanente Rückkehr an Land völlig zu Nichte gemacht. Noboru und seine Kumpanen sehen sich dagegen als Anti-Helden, die es der armseligen Erwachsenengesellschaft heimzahlen wollen.
Der Roman fesselt vor allem durch Perversionen: Noboru ist nicht nur ein ganz unsympathischer Spanner. Zusammen mit den anderen Bandenangehörigen versucht er, seine Empfindungen abzutöten. Deswegen muss er als Mutprobe ein Kätzchen mit eigenen Händen töten. Der Bandenchef seziert es im Anschluss. Alles widerlich, aber trotzdem muss man weiter lesen.
Insbesondere im ersten Kapitel, das im Sommer spielt, übertreibt es mir Yukio Mishima jedoch ein bisschen mit seinen permanenten Beschreibungen von Licht und Schatten. Keine Szene vergeht, ohne dass der Autor etwas in gleißende Sonne stellt oder dunkle Schatten über etwas anderes werfen lässt. Hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen.
Dienstag, 21. Februar 2012
„Verführerischer Adlerfarn“ herausgegeben von Hannelore Eisenhofer-Halim & Peter Pörtner
Der von Hannelore Eisenhofer-Halim und Peter Pörtner herausgegebene, 400-seitige Band „Verführerischer Adlerfarn“ enthält Erzählungen, Kurzgeschichten und Essays von 21 japanischen Autoren und bildet ein facettenreiches Potpourri an tragischen, ernsten, aber auch fantastischen und bizarren Geschichten.
Taka Isawa erzählt mit „Das Restaurant Applaus“ vom tragischen Schicksal zweier gescheiterter Boxer. Beide bezahlen den Traum einer Boxerkarriere mit ihrer Gesundheit. Während Saburi noch mit zwei gebrochenen Fingern davon kommt, muss sein einstiger Widersacher Yagami mit weit größeren Schäden leben.
Der „Lebensabend eines Kindes“ von Eimi Yamada (auch: Amy Yamada) beginnt mit einem Hundebiss. Denn die gebissene 10-Jährige ist sich sicher: Der Hund hatte Tollwood und ihr bleiben nicht mehr viele Tage zu leben. Zunächst unbemerkt von den Erwachsenen, verlebt das Mädchen einen schrulligen, vermeintlichen Lebensabend.
Der koreanisch-stämmige Kakuei Kin erzählt in „Die Trauer der Erde“ in Briefform die Lebensgeschichte seines Protagonisten Jinichi. Sowohl Jinichis Großvater als auch sein Vater waren bzw. sind brutale Choleriker. Die Opfer der Gewalt sind die Ehefrauen. Jinichis Großmutter, die zusammen mit dem Großvater aus Korea nach Japan kam, beging Selbstmord, indem sie sich vor einen Zug warf. Zu Jinichis Bestürzung existiert weder ein Foto der Großmutter, noch ein Grab, da ihre Leiche irgendwo an der Bahnlinie verscharrt wurde. Dies alles schreibt der Protagonist in einem Brief an seine erste Liebe nieder.
Hiroshi Onuma (auch: Tan Onuma) schreibt über das „Wasser“, das plötzlich wieder in dem Viertel des Protagonisten zu fließen beginnt, als ein ausgetrockneter Kanal wieder geflutet wird. Er erinnert sich an Begegnungen am Fluss während seiner Jugend und entdeckt Neues am Flusslauf.
Keizo Hino entführt mit „Schwarzer Engel“ in eine Zukunftsvision, in der Phonoimages hergestellt werden können, die über elektromagnetische Wellen direkt ins Gehirn geschickt werden können. Wie auch in Keizo Hinos Roman „Die Trauminsel“ spielt die Handlung primär auf dem Neuland, das an der Küste von Tokio gewonnen wird. Und auch hat eine Femme Fatale ihren Auftritt, die den Protagonisten nicht nur mit ihrem künstlerischen Schaffen in den Bann zieht.
Michiko Ikeda zeichnet „Spuren wirrer Wege“ innerhalb des Barackenviertels Sanya. Die Protagonistin engagiert sich für die Rechte der Arbeiter und begegnet in Sanya den unterschiedlichsten Charakteren: Dem alten Pfarrer Kobayashi, in dessen Haus regelmäßige Versammlungen stattfinden; Universitätsprofessoren, die sich in Trainingsanzüge werfen, um in der Arbeiterstadt nicht aufzufallen und Ex-Studenten, die lieber auf dem Bau schuften, anstatt weiter auf die Universität zu gehen.
Ken Kaikos „Das Meer in der Hand“ ist die tragische Erzählung über den einsamen Professor Takada, den der Ich-Erzähler in einer Bar kennen lernt.
In Tomoko Yoshidas „Verführerischer Adlerfarn“ wird es fantastisch: Beim Sammeln von Adlerfarn begegnet die Protagonistin einer kauzigen Alten, die sie auffordert, ihr zu folgen. Die beiden Treffen auf eine Gruppe seltsamer Wallfahrer, die der Protagonistin nicht so fremd sind, wie es zunächst den Anschein hat.
Shohei Ookas Essay „Schnee in Santa Fe“ handelt von seiner Reise durch die USA, die ihn zu Frieda Lawrence, der Witwe von D. H. Lawrence, führt.
Kobo Abes „Hand“ ist bizarr: Die Hand, das ist der Tierpfleger einer Brieftaube, die im Krieg einen Orden erhalten hat. Doch was nützen tierische Helden nach dem Krieg – die Taube wird in Bares umgetauscht. Die Taube wird der Hand noch mehrmals begegnen. Das letzte Mal wird sich das wehrlose Tier in etwas Gefährliches verwandelt haben.
Shun Medorumas Erzählung „Wassertropfen“ wurde 1997 mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Sie erzählt von Tokusho, dessen Bein plötzlich dick anschwillt und er daraufhin in einen Koma-ähnlichen Zustand fällt. Da seine Frau nichts von Krankenhäusern hält und ohnehin keine befriedigende Diagnose gestellt werden kann, wird Tokusho, aus dessen Fuß Wasser austritt, zu Hause gepflegt. Während Tokusho in seinen Wahnträumen seine Vergangenheit als Soldat im zweiten Weltkrieg aufarbeitet, entdeckt sein nichtsnutziger Vetter Seiyu eine interessante Eigenschaft des Wassers kennen, das aus Tokushos Fuß tropft.
Die folgenden vier Erzählungen und Kurzgeschichten „Der Ausritt“, „Das Meer und das Abendrot“, „Die Rose“ und „Die Geschichte vom Mandala“ von Yukio Mishima wirken nach Shun Medorumas „Wassertropfen“ ein bisschen farblos: In „Der Ausritt“ möchte eine gut situierte Dame die junge Frau unter die Lupe nehmen, die ihren Sohn verführt hat, und trifft dabei auf einen ehemaligen und in die Jahre gekommenen Verehrer. „Das Meer und das Abendrot“ betrachtet der Tempeldiener Anri, während er von seinem Schicksal erzählt, das im mittelalterlichen Frankreich als Schafhirte begann: Der Junge Anri hatte eine göttliche Erscheinung und führt die Kinder der Cevennen nach Marseille, um von dort aus Jerusalem zu erobern. Doch anstatt einen Sieg zu erringen, ereilt die Kinder ein anderes Schicksal. „Die Rose“ hat den Tod von Rainer Maria Rilke zum Thema. „Die Geschichte vom Mandala“ erinnert an ein orientalisches Märchen: Der König wünscht von seinen Untertanen die Anfertigung eines Mandalas zu Ehren seines Geburtstages.
Yasunari Kawabatas „Am Abend der Tanzaufführung“ ist eine Kurzgeschichte über Schicksale, die sich streifen und wieder auseinanderdriften.
„Kreta Kano“, die Figur, die Haruki Murakami-Fans bereits aus „Mister Aufziehvogel“ kennen, stellt sich ebenfalls in einer Kurzgeschichte vor und erzählt von ihrem harten Los, permanent zum Vergewaltigungsopfer zu werden, weswegen sie sich in die Abgeschiedenheit zu ihrer Schwester Malta Kano begibt.
„Früher oder später“ kommt der Tod auf die über 80-jährige Autorin Ineko Sata zu. Sie reflektiert in ihrem Essay nicht nur über das Sterben, sondern auch über die Lebenswege kürzlich verstorbener Freunde, den letzten Besuch bei einer der wenigen gleichaltrigen Bekannten und ihr eigenes Verhalten, das sich mit dem Näherrücken des Todes ändert.
Shumon Miura macht sich Gedanken über „Kinder und Enkel“, über Vererbung und Genetik, über die Pflege von bettlägerigen, Alzheimer-kranken Verwandten.
Der Science Fiction Autor Yasutaka Tsutsui entführt in eine verstörende Zukunft: „Der Stamm der Menschenfresser“ hat ein eigenes Territorium, in das sich der Protagonist dummerweise verirrt. Er gerät in die Falle eines Menschfressers und wird als dessen Reiseproviant mit in die Hauptstadt genommen. Da hilft auch kein Jammern und kein Flehen.
Ryunosuke Akutagawas „Tod eines Christen“ kommt wie eine katholische Märtyrer-Geschichte daher: Der schöne Waisenjunge Lorenzo wird aus der christlichen Gemeinschaft unschuldig verstoßen und muss sich fortan alleine durchs Leben schlagen.
Katai Tayamas Protagonist ist „Krank nach jungen Frauen“ – wenn ihm dies bloß nicht zum Verhängnis wird…
Skurril ist Juro Karas „Gogols Tochter“: Taguchi nimmt sich einem Fundstück, einer 50cm großen Puppe an. Diese Puppen haben einerseits reißenden Absatz bei Männern, die sie als Geliebte hegen und pflegen, aber auch genügend Feinde. Alle Anwohner sind aufgefordert, ihre Sexpuppen demnächst in einer gemeinschaftlichen Aktion zu verbrennen. Der Spielesoftware-Entwickler Taguchi nimmt dies zum Anlass, ein Konzept für ein fantastisches Rollenspiel zu schreiben. Doch seine Visionen drängen in die Realität.
Masahiko Shimadas „Der Delphin in der Wüste“ bildet einen fulminanten Abschluss des Erzählbandes: Augenzwinkernd erzählt ein gefallener Engel von seinen Erfahrungen im modernen Tokio.
„Verführerischer Adlerfarn“ ist ein toll illustriertes Buch mit Liebe zum Detail. Nur schade, dass nicht noch etwas mehr Zeit in die Fußnoten investiert wurde. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen tut sich der Leser manchmal etwas schwer (z.B. bei Ineko Satas Essay, da die beschriebenen Personen wohl nur Japanologen bekannt sein dürften). Insgesamt jedoch bietet „Verführerischer Adlerfarn“ eine wunderbare Sammlung der verschiedenen Spektren japanischer Literatur.
Taka Isawa erzählt mit „Das Restaurant Applaus“ vom tragischen Schicksal zweier gescheiterter Boxer. Beide bezahlen den Traum einer Boxerkarriere mit ihrer Gesundheit. Während Saburi noch mit zwei gebrochenen Fingern davon kommt, muss sein einstiger Widersacher Yagami mit weit größeren Schäden leben.
Der „Lebensabend eines Kindes“ von Eimi Yamada (auch: Amy Yamada) beginnt mit einem Hundebiss. Denn die gebissene 10-Jährige ist sich sicher: Der Hund hatte Tollwood und ihr bleiben nicht mehr viele Tage zu leben. Zunächst unbemerkt von den Erwachsenen, verlebt das Mädchen einen schrulligen, vermeintlichen Lebensabend.
Der koreanisch-stämmige Kakuei Kin erzählt in „Die Trauer der Erde“ in Briefform die Lebensgeschichte seines Protagonisten Jinichi. Sowohl Jinichis Großvater als auch sein Vater waren bzw. sind brutale Choleriker. Die Opfer der Gewalt sind die Ehefrauen. Jinichis Großmutter, die zusammen mit dem Großvater aus Korea nach Japan kam, beging Selbstmord, indem sie sich vor einen Zug warf. Zu Jinichis Bestürzung existiert weder ein Foto der Großmutter, noch ein Grab, da ihre Leiche irgendwo an der Bahnlinie verscharrt wurde. Dies alles schreibt der Protagonist in einem Brief an seine erste Liebe nieder.
Hiroshi Onuma (auch: Tan Onuma) schreibt über das „Wasser“, das plötzlich wieder in dem Viertel des Protagonisten zu fließen beginnt, als ein ausgetrockneter Kanal wieder geflutet wird. Er erinnert sich an Begegnungen am Fluss während seiner Jugend und entdeckt Neues am Flusslauf.
Keizo Hino entführt mit „Schwarzer Engel“ in eine Zukunftsvision, in der Phonoimages hergestellt werden können, die über elektromagnetische Wellen direkt ins Gehirn geschickt werden können. Wie auch in Keizo Hinos Roman „Die Trauminsel“ spielt die Handlung primär auf dem Neuland, das an der Küste von Tokio gewonnen wird. Und auch hat eine Femme Fatale ihren Auftritt, die den Protagonisten nicht nur mit ihrem künstlerischen Schaffen in den Bann zieht.
Michiko Ikeda zeichnet „Spuren wirrer Wege“ innerhalb des Barackenviertels Sanya. Die Protagonistin engagiert sich für die Rechte der Arbeiter und begegnet in Sanya den unterschiedlichsten Charakteren: Dem alten Pfarrer Kobayashi, in dessen Haus regelmäßige Versammlungen stattfinden; Universitätsprofessoren, die sich in Trainingsanzüge werfen, um in der Arbeiterstadt nicht aufzufallen und Ex-Studenten, die lieber auf dem Bau schuften, anstatt weiter auf die Universität zu gehen.
Ken Kaikos „Das Meer in der Hand“ ist die tragische Erzählung über den einsamen Professor Takada, den der Ich-Erzähler in einer Bar kennen lernt.
In Tomoko Yoshidas „Verführerischer Adlerfarn“ wird es fantastisch: Beim Sammeln von Adlerfarn begegnet die Protagonistin einer kauzigen Alten, die sie auffordert, ihr zu folgen. Die beiden Treffen auf eine Gruppe seltsamer Wallfahrer, die der Protagonistin nicht so fremd sind, wie es zunächst den Anschein hat.
Shohei Ookas Essay „Schnee in Santa Fe“ handelt von seiner Reise durch die USA, die ihn zu Frieda Lawrence, der Witwe von D. H. Lawrence, führt.
Kobo Abes „Hand“ ist bizarr: Die Hand, das ist der Tierpfleger einer Brieftaube, die im Krieg einen Orden erhalten hat. Doch was nützen tierische Helden nach dem Krieg – die Taube wird in Bares umgetauscht. Die Taube wird der Hand noch mehrmals begegnen. Das letzte Mal wird sich das wehrlose Tier in etwas Gefährliches verwandelt haben.
Shun Medorumas Erzählung „Wassertropfen“ wurde 1997 mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Sie erzählt von Tokusho, dessen Bein plötzlich dick anschwillt und er daraufhin in einen Koma-ähnlichen Zustand fällt. Da seine Frau nichts von Krankenhäusern hält und ohnehin keine befriedigende Diagnose gestellt werden kann, wird Tokusho, aus dessen Fuß Wasser austritt, zu Hause gepflegt. Während Tokusho in seinen Wahnträumen seine Vergangenheit als Soldat im zweiten Weltkrieg aufarbeitet, entdeckt sein nichtsnutziger Vetter Seiyu eine interessante Eigenschaft des Wassers kennen, das aus Tokushos Fuß tropft.
Die folgenden vier Erzählungen und Kurzgeschichten „Der Ausritt“, „Das Meer und das Abendrot“, „Die Rose“ und „Die Geschichte vom Mandala“ von Yukio Mishima wirken nach Shun Medorumas „Wassertropfen“ ein bisschen farblos: In „Der Ausritt“ möchte eine gut situierte Dame die junge Frau unter die Lupe nehmen, die ihren Sohn verführt hat, und trifft dabei auf einen ehemaligen und in die Jahre gekommenen Verehrer. „Das Meer und das Abendrot“ betrachtet der Tempeldiener Anri, während er von seinem Schicksal erzählt, das im mittelalterlichen Frankreich als Schafhirte begann: Der Junge Anri hatte eine göttliche Erscheinung und führt die Kinder der Cevennen nach Marseille, um von dort aus Jerusalem zu erobern. Doch anstatt einen Sieg zu erringen, ereilt die Kinder ein anderes Schicksal. „Die Rose“ hat den Tod von Rainer Maria Rilke zum Thema. „Die Geschichte vom Mandala“ erinnert an ein orientalisches Märchen: Der König wünscht von seinen Untertanen die Anfertigung eines Mandalas zu Ehren seines Geburtstages.
Yasunari Kawabatas „Am Abend der Tanzaufführung“ ist eine Kurzgeschichte über Schicksale, die sich streifen und wieder auseinanderdriften.
„Kreta Kano“, die Figur, die Haruki Murakami-Fans bereits aus „Mister Aufziehvogel“ kennen, stellt sich ebenfalls in einer Kurzgeschichte vor und erzählt von ihrem harten Los, permanent zum Vergewaltigungsopfer zu werden, weswegen sie sich in die Abgeschiedenheit zu ihrer Schwester Malta Kano begibt.
„Früher oder später“ kommt der Tod auf die über 80-jährige Autorin Ineko Sata zu. Sie reflektiert in ihrem Essay nicht nur über das Sterben, sondern auch über die Lebenswege kürzlich verstorbener Freunde, den letzten Besuch bei einer der wenigen gleichaltrigen Bekannten und ihr eigenes Verhalten, das sich mit dem Näherrücken des Todes ändert.
Shumon Miura macht sich Gedanken über „Kinder und Enkel“, über Vererbung und Genetik, über die Pflege von bettlägerigen, Alzheimer-kranken Verwandten.
Der Science Fiction Autor Yasutaka Tsutsui entführt in eine verstörende Zukunft: „Der Stamm der Menschenfresser“ hat ein eigenes Territorium, in das sich der Protagonist dummerweise verirrt. Er gerät in die Falle eines Menschfressers und wird als dessen Reiseproviant mit in die Hauptstadt genommen. Da hilft auch kein Jammern und kein Flehen.
Ryunosuke Akutagawas „Tod eines Christen“ kommt wie eine katholische Märtyrer-Geschichte daher: Der schöne Waisenjunge Lorenzo wird aus der christlichen Gemeinschaft unschuldig verstoßen und muss sich fortan alleine durchs Leben schlagen.
Katai Tayamas Protagonist ist „Krank nach jungen Frauen“ – wenn ihm dies bloß nicht zum Verhängnis wird…
Skurril ist Juro Karas „Gogols Tochter“: Taguchi nimmt sich einem Fundstück, einer 50cm großen Puppe an. Diese Puppen haben einerseits reißenden Absatz bei Männern, die sie als Geliebte hegen und pflegen, aber auch genügend Feinde. Alle Anwohner sind aufgefordert, ihre Sexpuppen demnächst in einer gemeinschaftlichen Aktion zu verbrennen. Der Spielesoftware-Entwickler Taguchi nimmt dies zum Anlass, ein Konzept für ein fantastisches Rollenspiel zu schreiben. Doch seine Visionen drängen in die Realität.
Masahiko Shimadas „Der Delphin in der Wüste“ bildet einen fulminanten Abschluss des Erzählbandes: Augenzwinkernd erzählt ein gefallener Engel von seinen Erfahrungen im modernen Tokio.
„Verführerischer Adlerfarn“ ist ein toll illustriertes Buch mit Liebe zum Detail. Nur schade, dass nicht noch etwas mehr Zeit in die Fußnoten investiert wurde. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen tut sich der Leser manchmal etwas schwer (z.B. bei Ineko Satas Essay, da die beschriebenen Personen wohl nur Japanologen bekannt sein dürften). Insgesamt jedoch bietet „Verführerischer Adlerfarn“ eine wunderbare Sammlung der verschiedenen Spektren japanischer Literatur.
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Yukio Mishima
Sonntag, 30. Oktober 2011
„Die Brandung“ von Yukio Mishima
„Die Brandung“ von Yukio Mishima gilt als Adaption der antiken, griechischen Liebesgeschichte von „Daphnis und Chloe“, die unter Schäfern aufwachsen. Yukio Mishimas Protagonisten sind Shinji und Hatsue, ein Fischer und eine Taucherin. Damit verlegt Mishima die Handlung ins japanische Fischermilieu.
Als Hatsue, die fern ihres Elternhauses aufgewachsen ist, auf ihre kleine Heimatinsel zurückkehrt, verliebt sich der junge, arme Fischer Shinji auf den ersten Blick in die schöne und uneigennützige Hatsue. Auch Hatsue fühlt sich von dem ehrlichen, bodenständigen und sympathischen Shinji angezogen.
Doch auch Yasuo, Sohn reicher Eltern, hat sein Auge auf Hatsue geworfen und wähnt sich schon als deren zukünftiger Ehemann. Als Chiyoko, die wiederum in Shinji unglücklich verliebt ist, Yasuo davon berichtet, Shinji und Hatsue gemeinsam gesehen zu haben, bringt Yasuo das Gerücht unter die Leute, Shinji hätte Hatsue die Unschuld geraubt. Hatsues Vater ist daraufhin außer sich und lässt seine Tochter nicht mehr aus dem Haus.
Die beiden Konkurrenten Shinji und Yasuo werden auserkoren, auf einem Frachtschiff Dienst zu tun und sich hier zu beweisen.
Wie auch bei „Daphnis und Chloe“ kommt auch bei „Die Brandung“ der Schilderung der Natur und des naturverbundenen Arbeitens eine große Rolle zu. Das harte Dasein als Fischer wird als Bestimmung und nicht als Last empfunden. Dasselbe gilt für die Taucherinnen: Die körperliche Arbeit vereint die Frauen zu einer Gemeinschaft und gibt ihnen eine Aufgabe auch außerhalb des familiären Haushalts.
„Die Brandung“ spielt nach dem Koreakrieg in den 50er Jahren. Auf der Heimatinsel von Shinji und Hatsue sind die alten patriarchalischen Strukturen noch gefestigt und moderne Bequemlichkeiten wie ein Kinobesuch führen auf Schulausflügen in die Großstadt zu Verwunderung und Begeisterung. Zudem ist eine große Verbundenheit zu den Göttern spürbar: Die Götter werden schon dafür sorgen, dass Shinji und Hatsue ein Happy End vergönnt ist.
Als Hatsue, die fern ihres Elternhauses aufgewachsen ist, auf ihre kleine Heimatinsel zurückkehrt, verliebt sich der junge, arme Fischer Shinji auf den ersten Blick in die schöne und uneigennützige Hatsue. Auch Hatsue fühlt sich von dem ehrlichen, bodenständigen und sympathischen Shinji angezogen.
Doch auch Yasuo, Sohn reicher Eltern, hat sein Auge auf Hatsue geworfen und wähnt sich schon als deren zukünftiger Ehemann. Als Chiyoko, die wiederum in Shinji unglücklich verliebt ist, Yasuo davon berichtet, Shinji und Hatsue gemeinsam gesehen zu haben, bringt Yasuo das Gerücht unter die Leute, Shinji hätte Hatsue die Unschuld geraubt. Hatsues Vater ist daraufhin außer sich und lässt seine Tochter nicht mehr aus dem Haus.
Die beiden Konkurrenten Shinji und Yasuo werden auserkoren, auf einem Frachtschiff Dienst zu tun und sich hier zu beweisen.
Wie auch bei „Daphnis und Chloe“ kommt auch bei „Die Brandung“ der Schilderung der Natur und des naturverbundenen Arbeitens eine große Rolle zu. Das harte Dasein als Fischer wird als Bestimmung und nicht als Last empfunden. Dasselbe gilt für die Taucherinnen: Die körperliche Arbeit vereint die Frauen zu einer Gemeinschaft und gibt ihnen eine Aufgabe auch außerhalb des familiären Haushalts.
„Die Brandung“ spielt nach dem Koreakrieg in den 50er Jahren. Auf der Heimatinsel von Shinji und Hatsue sind die alten patriarchalischen Strukturen noch gefestigt und moderne Bequemlichkeiten wie ein Kinobesuch führen auf Schulausflügen in die Großstadt zu Verwunderung und Begeisterung. Zudem ist eine große Verbundenheit zu den Göttern spürbar: Die Götter werden schon dafür sorgen, dass Shinji und Hatsue ein Happy End vergönnt ist.
Donnerstag, 4. August 2011
„Nach dem Bankett“ von Yukio Mishima
Mein erster Roman von dem großen japanischen Autor Yukio Mishima „Nach dem Bankett“ hat mich wenig mitgerissen. Die Protagonistin Kazu ist eine „Neureiche“. Sie hat sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet und besitzt nun mit 50 Jahren ein großzügiges, bei einflussreichen Politikern beliebtes Restaurant in Tokio. Sie ist glücklicher Single, bis der ehemalige Minister Noguchi in ihr Leben tritt. Kazu wittert nicht nur die Chance des gesellschaftlichen Aufstiegs; viel wichtiger ist es ihr, dass sie als Noguchis Ehefrau nach ihrem Tod in dessen Familiengrab beigesetzt wird. Als Noguchi beschließt, erneut für ein politisches Amt zu kandidieren, verschuldet sich Kazu aus eigenem Antritt, um ihm den Wahlkampf zu finanzieren.
Das Eheleben von Kazu und Noguchi ist alles andere als harmonisch: Noguchi ist ein Intellektueller, verbringt seine Zeit mit dem Studium von Literatur und möchte ein möglichst geruhsames Leben führen. Kazu hingegen möchte das Leben genießen, unter Menschen sein. Der Konflikt ist vorprogrammiert, da der moralisierende Noguchi in Kazu nicht die folgsame Ehefrau findet, wie sie in den 50er Jahren in Japan noch existiert haben mag.
Leider wird die Protagonistin in Mishimas „Nach dem Bankett“ nicht wirklich zugänglich. Einerseits ist sie Ratgeberin für die Beziehungsprobleme anderer Leute, sucht sich selbst aber ausgerechnet den Mann aus, der so gar nicht zu ihr passt. Sie spricht von Liebe zu Noguchi, doch was ist so liebenswert an dem Grantler? Eingeführt wird Kazu als die perfekte, kommunikative Gastgeberin; im Verlauf des Romans wirkt sie aber mehr und mehr wie eine dicke, peinliche Frau.
Nett sind in „Nach dem Bankett“ vor allem die Wahlkampftricks der konkurrierenden Parteien. Und man merke: In der Gastronomie ist „Nach dem Bankett“ „Vor dem Bankett“.
Das Eheleben von Kazu und Noguchi ist alles andere als harmonisch: Noguchi ist ein Intellektueller, verbringt seine Zeit mit dem Studium von Literatur und möchte ein möglichst geruhsames Leben führen. Kazu hingegen möchte das Leben genießen, unter Menschen sein. Der Konflikt ist vorprogrammiert, da der moralisierende Noguchi in Kazu nicht die folgsame Ehefrau findet, wie sie in den 50er Jahren in Japan noch existiert haben mag.
Leider wird die Protagonistin in Mishimas „Nach dem Bankett“ nicht wirklich zugänglich. Einerseits ist sie Ratgeberin für die Beziehungsprobleme anderer Leute, sucht sich selbst aber ausgerechnet den Mann aus, der so gar nicht zu ihr passt. Sie spricht von Liebe zu Noguchi, doch was ist so liebenswert an dem Grantler? Eingeführt wird Kazu als die perfekte, kommunikative Gastgeberin; im Verlauf des Romans wirkt sie aber mehr und mehr wie eine dicke, peinliche Frau.
Nett sind in „Nach dem Bankett“ vor allem die Wahlkampftricks der konkurrierenden Parteien. Und man merke: In der Gastronomie ist „Nach dem Bankett“ „Vor dem Bankett“.
Mittwoch, 3. August 2011
Yukio Mishima
Yukio Mishima wurde 1925 unter dem Namen Kimitake Hiraoka geboren. Er wuchs bei seiner Großmutter auf und kehrte erst im Alter von 12 Jahren in den Haushalt der Eltern zurück. Mit seiner Mutter verband ihn eine enge Bindung, während der Vater auf militärischen Drill setzte. Auf Drängen seiner Großmutter besuchte Yukio Mishima eine elitäre staatliche Schule, auf der er sich eingehend mit Literatur beschäftigte.
Da ihm irrtümlich eine Tuberkulose attestiert wurde, war er vom Militärdienst während des zweiten Weltkriegs befreit und schloss 1947 sein Jurastudium ab. Nach nur einem Jahr Arbeitstätigkeit im Finanzministerium kündigte er und widmete sich ganz dem Schreiben. 1949 erschien der autobiographische Roman „Geständnis einer Maske“, mit dem sich Mishima als Homosexueller outete. Dennoch heiratet er 1958 Yoko Sugiyama, mit der er zwei Kinder hatte. Zuvor war bereits auch eine Hochzeit mit der späteren Kaiserin Michiko in Betracht gezogen worden. "Geständnis einer Maske" war so erfolgreich, dass der 24-jährige Mishima zum Literaturstar wurde.
Doch Mishima war nicht nur schriftstellerisch, sondern auch politisch aktiv. 1968 gründete er die rechtsgerichtete Privatmiliz Tatenokai, die sich dem Schutz des Tennos verschrieb. 1970 nahmen Mishima und seine Anhänger den diensthabenden Kommandanten der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte als Geisel und riefen die Soldaten dazu auf, das Parlament zu besetzen und das Kaiserreich wiederherzustellen. Der Putschversuch scheiterte kläglich; die Soldaten wollte Mishima nicht einmal zuhören. Mishima beging daraufhin Seppuku/Harakiri; sein mutmaßlicher Partner Morita Masakatsu sollte ihn als Sekundant enthaupten. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, musste ein anderer Anhänger der Tatenokai diese Aufgabe übernehmen. Auch Morita Masakatsu beging daraufhin Seppuku.
Mishimas Mutter soll bei der Beerdigung gesagt haben: "Zum ersten Mal in seinem Leben hat er getan, was er dringlich und immer tun wollte. Seien Sie glücklich für ihn."
Nicht nur daher ranken sich um diesen spektakulären Selbstmord Mishimas genügend Gerüchte: Richtete er sich selbst, da der Putschversuch so kläglich scheiterte oder war er nur ein Vorwand, um den lange im Voraus geplanten Selbstmord zu rechtfertigen? Oder war es gar ein Doppelselbstmord zweier Liebender?
Mishima schrieb unter anderem 40 Romane, 18 Theaterstücke und 20 Bände mit Kurzgeschichten – einige Werke darunter waren mehr dem schnellen Profit wegen geschrieben worden als aus literarischem Engagement. Sie handeln meist von den Themen Sexualität, Tod, Selbstmord, Opferbereitschaft und politischem Wandel. Mishima wurde dreimal für den Nobelpreis nominiert, ohne ihn jedoch zu erhalten.
Interessante Links:
Hier rezensiert:
Weitere ins Deutsche übersetzte Essays/Romane:
Da ihm irrtümlich eine Tuberkulose attestiert wurde, war er vom Militärdienst während des zweiten Weltkriegs befreit und schloss 1947 sein Jurastudium ab. Nach nur einem Jahr Arbeitstätigkeit im Finanzministerium kündigte er und widmete sich ganz dem Schreiben. 1949 erschien der autobiographische Roman „Geständnis einer Maske“, mit dem sich Mishima als Homosexueller outete. Dennoch heiratet er 1958 Yoko Sugiyama, mit der er zwei Kinder hatte. Zuvor war bereits auch eine Hochzeit mit der späteren Kaiserin Michiko in Betracht gezogen worden. "Geständnis einer Maske" war so erfolgreich, dass der 24-jährige Mishima zum Literaturstar wurde.
Doch Mishima war nicht nur schriftstellerisch, sondern auch politisch aktiv. 1968 gründete er die rechtsgerichtete Privatmiliz Tatenokai, die sich dem Schutz des Tennos verschrieb. 1970 nahmen Mishima und seine Anhänger den diensthabenden Kommandanten der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte als Geisel und riefen die Soldaten dazu auf, das Parlament zu besetzen und das Kaiserreich wiederherzustellen. Der Putschversuch scheiterte kläglich; die Soldaten wollte Mishima nicht einmal zuhören. Mishima beging daraufhin Seppuku/Harakiri; sein mutmaßlicher Partner Morita Masakatsu sollte ihn als Sekundant enthaupten. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, musste ein anderer Anhänger der Tatenokai diese Aufgabe übernehmen. Auch Morita Masakatsu beging daraufhin Seppuku.
Mishimas Mutter soll bei der Beerdigung gesagt haben: "Zum ersten Mal in seinem Leben hat er getan, was er dringlich und immer tun wollte. Seien Sie glücklich für ihn."
Nicht nur daher ranken sich um diesen spektakulären Selbstmord Mishimas genügend Gerüchte: Richtete er sich selbst, da der Putschversuch so kläglich scheiterte oder war er nur ein Vorwand, um den lange im Voraus geplanten Selbstmord zu rechtfertigen? Oder war es gar ein Doppelselbstmord zweier Liebender?
Mishima schrieb unter anderem 40 Romane, 18 Theaterstücke und 20 Bände mit Kurzgeschichten – einige Werke darunter waren mehr dem schnellen Profit wegen geschrieben worden als aus literarischem Engagement. Sie handeln meist von den Themen Sexualität, Tod, Selbstmord, Opferbereitschaft und politischem Wandel. Mishima wurde dreimal für den Nobelpreis nominiert, ohne ihn jedoch zu erhalten.
Interessante Links:
- Zeit Online: Sterben ist Kultur
- Enotes: Yukio Mishima
- Originalaufnahme der Ansprache an die Selbstverteidigungsstreitkräfte kurz vor Mishimas Selbstmord
- Today in Literature: Yukio Mishima’s Seppuku Aesthetics
Hier rezensiert:
- Der Seemann, der die See verriet (identisch mit: Der Held der See - Erscheinung geplant für 12.11.2024)
- Der Tempelbrand (identisch mit: Der Goldene Pavillon)
Weitere ins Deutsche übersetzte Essays/Romane:
- Leben zu verkaufen
- Sonne und Stahl
- Zu einer Ethik der Tat
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