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Montag, 9. März 2015

„Pflaumenblüten in der Nacht“ von Masuji Ibuse

Den in verschiedenen Anthologien verteilten Erzählungen von Masuji Ibuse konnte ich bisher – leider – nicht allzu viel abgewinnen. Mit „Pflaumenblüten in der Nacht“ hat sich meine Wertschätzung für die Erzählungen des Autors jedoch um einiges erhöht. Erst nach der Lektüre des Bandes ist mir spät, aber immerhin, die Qualität der Erzählkunst des Literaten bewusst geworden. In den vorliegenden Erzählungen werden Stimmungen geschaffen, die den Leser regelrecht in die Handlungen einsaugen, die nicht selten in einem amüsiert-ironischen Ton dargelegt werden und hie und da Sozialkritik enthalten.

Der Band beginnt mit „Der Salamander“, einer Erzählung, die laut des Nachworts von Jürgen Berndt in viele Schulbücher aufgenommen wurde. Jürgen Berndt zitiert Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“:

„Als ich ‚Der Salamander’ las [, …] wurde ich so aufgeregt, dass ich nicht mehr stillsitzen konnte.“ (S. 235)

Die 1923 entstandene Erzählung handelt von einem Salamander, dessen Kopfumfang zu groß geworden ist, um aus seiner Höhle herausschlüpfen zu können. Er sitzt im wahrsten Sinne des Wortes fest. Der Salamander schwankt zwischen Wut und Resignation. Als sich ein Frosch in seine Höhle verirrt, verwehrt er ihm kurzer Hand die Rückkehr in die Freiheit. Vor dem Hintergrund der staatlichen Unterdrückung der Arbeiterbewegung und der damit einhergehenden Stimmung in Japan, lässt sich Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“ einordnen.

In der autobiographisch angehauchten Kurzgeschichte „Der Karpfen“ bekommt der Ich-Erzähler einen Karpfen geschenkt. Er verspricht seinem Kumpan, der ihm dieses Geschenk macht, den Karpfen nicht zu töten. Und so kümmert sich der Ich-Erzähler um den Karpfen, selbst als sein Freund gestorben ist.

Die Erzählung „Pflaumenblüten in der Nacht“ schlägt eine Tonalität an, die man Osamu Dazai zugeschreiben könnte. Der Ich-Erzähler ist ein Boheme; natürlich immer knapp bei Kasse und recht unvernünftig, was seine Ausgaben betrifft. Eines Abends trifft er auf einen Kerl, der sich gerade geprügelt hat. Der blutende Tunichtgut hat Angst um seinen Job und versucht den Ich-Erzähler zu überzeugen, bei der Polizei eine Falschaussage zu machen, um seinem Arbeitgeber glaubhaft zu versichern, er sei Opfer widriger Umstände geworden. Doch der Ich-Erzähler überzeugt ihn, dem Vorgesetzten eine Ausrede aufzutischen. Als Dank erhält er 10 Yen, die er aber zurückgeben will. Doch wie es so kommt: Die 10 Yen sind schneller verbraucht als gedacht. Und so lebt der Ich-Erzähler in permanenter Angst, der Prügelknabe könnte nun ihn verprügeln kommen.

„Sawan auf dem Dach“ ist eine wehmütige Geschichte über eine Wildgans, deren gestutzte Federn sie am Fliegen hindern. Wie eine Katze wird sie vom Ich-Erzähler gehalten. Doch sobald andere freie Wildgänse in Sawans Nähe kommen, beginnt Sawan herzergreifend zu klagen.

„Zu Hause bei Herrn Tange“, „Die Pilgerherberge“, „Heute keine Sprechstunde“ und „Opa Stiertiger“ wirken dagegen eher wie Milieustudien. Herr Tange lebt auf dem Land und hat einen gar unnützen Diener, der ihm als Kind regelrecht zugelaufen kam.

„Die Pilgerherberge“ hat sich über die Jahre zu einem Asyl entwickelt: Mädchen werden hier gerne ausgesetzt und wachsen in der Herberge ohne Eltern auf.

„Heute keine Sprechstunde“ ist die längste Erzählung des Bandes. Hier wird das Leben und Wirken eines Frauenarztes im Tokio der Nachkriegszeit illustriert. Da gibt es einerseits die hochgestellten Damen, die sich vom Arzt hofieren lassen, andererseits die Patienten, die für die Behandlungskosten nicht aufkommen können. Da büchst schon mal der eine oder andere Kranke aus, um die Zahlung zu prellen. Und wenn’s ganz blöd läuft, stirbt ein Patient lieber, als sich behandeln zu lassen.

„Opa Stiertiger“ ist ein Auslaufmodell, wenn auch ein besonders erfolgreiches: Für seine Zuchtbullen wird er mehrfach ausgezeichnet, geht aber trotz seines hohen Alters weiter mit seinen drei Bullen auf Tour durch die Dörfer, um für die Besamung von Kühen Geld zu verdienen.

Besonders im Kopf hängen bleibt die Erzählung „Ehrerbietung aus der Ferne“: Yuichi ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, seit er eine Kriegsverletzung erlitten hat. Selbst als der Krieg zu Ende ist, glaubt er sich als General an der Front. So drangsaliert er die jungen Männer seines Dorfes, sobald er wieder einen Anfall hat und der Meinung ist, ein Angriff stehe kurz bevor. Erst als einer seiner Untergebenen einem Dorfbewohner die Geschichte von Yukichis Verletzung verrät, wird bekannt, weswegen sich der Kerl so am Kopf gestoßen hat, dass er von seiner Mutter eingesperrt wird, sobald er einen Anfall bekommt.

„Der Autobus“ lässt das alte Militärregime in Form eines diktatorischen Busfahrers und die neue Generation von jungen Nonkonformisten in Form eines frischgebackenen Ehepaars aufeinandertreffen. Da wird sich der eine oder andere eine blutige Nase holen…

Zurück ins 17. Jahrhundert geht es in „Yosaku der Siedler“. Zum Zweck der Urbarmachung der Senyo-Heide versucht die Regierung Siedlern das unfruchtbare Land schmackhaft zu machen. Es kommt, wie’s kommen muss: Allerlei Gschwerl lässt sich nieder und so ist’s kein Wunder, dass das heilige Steingrab in der Gegend für ganz profane Dinge herhalten muss: Hier lagern die Bauern ihre Vorräte und der eine oder andere Siedler trifft sich dort zum karteln. Diese Blasphemie muss von den Autoritäten geahndet werden – und so kommt Yosaku auf den Schirm der Polizei.

„Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ nimmt den Leser mit auf die Iojima, auf der die letzten Tages des Pazifikkriegs angebrochen sind. Okuyama ist Teil der Besatzung eines Nachschubfrachters und schildert in der Rückschau die letzte Begegnung mit einem dem Tode geweihten Oberst.

Bibliographische Angaben:
Ibuse, Masuji: „Pflaumenblüten in der Nacht“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bernd, Jürgen), Insel, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-458-16705-6

Mittwoch, 24. September 2014

„Japan erzählt“ herausgegeben von Margarete Donath

Einen schönen Überblick über die japanische Literatur bietet der Band „Japan erzählt“, der von Margarete Donath herausgegeben wurde – insbesondere durch das Nachwort der Herausgeberin, das erklärt, warum welche Autoren ausgewählt wurden.

Ryunosuke Akutagawas „Der Faden der Spinne“ macht den Anfang in „Japan erzählt“. Der Autor stellt ein Bindeglied zu vielen anderen in dem Band vertreten Schriftstellern her, haben diese doch schließlich den Akutagawa-Literaturpreis erhalten oder wurden dafür nominiert. Ryunosuke Akutagawas Erzählung entführt in die buddhistische Hölle. Hier quält sich der Räuber Kandata im Blutteich. Buddha im Paradies erinnert sich an eine gute Tat des Räubers und schickt ihm den sprichwörtlichen seidenen Faden. Ist dies die Rettung Kandatas oder wird der Räuber die gebotene Chance nicht nutzen?

Junichiro Tanizaki ist mit seiner ersten Erzählung „Tätowierung“ vertreten, die dem Autor zu großer Bekanntheit verholfen hatte und die schließlich auch verfilmt wurde. Sadomasochismus und eine Femme fatale sind die Themen des Debütwerks: Der Tätowiermeister Seikichi pflegt seine Kundschaft mit seiner Nadel besonders gern zu quälen und ergötzt sich an dem Leid der Gepeinigten. Sein großer Wunsch ist es, die perfekte Frau mit einer Tätowierung zu schmücken. Durch Zufall soll diese in seine Wohnung gelangen. Es zeigt sich, dass die jugendliche Maid selbst für sadistische Anwandlungen zu haben ist. Seikichis Tätowierung lässt ihr ihre wahre Bestimmung bewusst werden.

Naoya Shiga stellt in „Die Verbrechen des Han“ die Frage nach Schuld und Unschuld: Der Zirkusartist Han hat vor versammeltem Publikum seine Ehefrau und Show-Partnerin beim Messerwerfen getötet. War es ein tragischer Unfall oder hat Han absichtlich auf den Körper seiner Frau gezielt? Schließlich lagen Han und seine Gemahlin schon lange im Streit. Doch selbst Han ist sich über seine bewussten und unbewussten Handlungen nicht im Klaren.

Yasushi Inoues „Ein Brief aus der Wüste“ ist an einen längst verstorbenen Freund des Ich-Erzählers gerichtet. Der Ich-Erzähler befindet sich fernab der Zivilisation in der Wüste Takla Makan. Als ihm ein Soldat anbietet, die Post nach Japan mitzunehmen, damit sie schneller ihr Ziel erreicht, kommt er ins Grübeln: Wem soll er denn bitte bloß einen Brief schreiben? Da kommt ihm sein verstorbener Jugendfreund ins Gedächtnis, der in ihm einst mit dem Gedicht

„Hart
klirren die Kieselsteine.
Es ist Herbst.“ (S. 38)

das Interesse an der Literatur geweckt hatte.

Mit „Der Bergasket“ nimmt Kenji Nakagami den Leser mit auf eine surrealistische Pilgerreise. Der Protagonist erlegt sich die Bergwanderung als Buße auf – hat er doch oftmals seine Frau geprügelt, die sich am liebsten von ihm trennen würde. Wie in einem Fieberwahn wird er Zeuge von metaphysischen Erfahrungen, die ihm hoffentlich zur Besserung verhelfen.

Tagelang fällt schon „Regen“ in Shotaro Yasuokas Erzählung. Der Ich-Erzähler hat das Wetter, das ihm in Mark und Bein kriecht, langsam satt. Das Geld ist fast zu Ende und so kauft er sich ein Hackebeil, um einen Einbruch zu begehen. Doch was er auch anstellt, um ein Verbrechen zu begehen – so richtig mag es nicht gelingen.

Yukio Mishima erzählt in „Rosinenbrot“ von dem Nihilisten Jack, der sich auf eine Party von Gleichgesinnten begibt, die sich an einem abgeschiedenen Strand tummeln. Es geht gar ekstatisch zu: Kongas werden geschlagen, archaische Tänze werden vollführt und ein lebendes Huhn wird der Tollheit geopfert. Zwar sind sich die versammelten Herrschaften einig, dass „die Welt ohne Sinn und alle Menschen minderwertig seien“ (S. 76), dennoch wird Jack als ein „durchsichtiger Kristall“ (S. 70) beschrieben und sieht die „Heiligung im Schmerz“ (S. 79). Soviel zu Minderwertigkeit und genereller Sinnlosigkeit – und Kohärenz in der Erzählung. Der zweite Teil der Erzählung findet in Jacks Wohnung statt: Jack liest Lautréamonts „Die Gesänge des Maldoror“, macht sich dann aber auf die ganz profane Suche nach Essbaren in seinem leeren Kühlschrank. Es findet sich ein Stück von Ameisen befallenem Rosinenbrot, das er noch kaut, als sein Kumpel Gogi in Jacks Bude aufkreuzt, um sich mit seiner neuen Freundin ein Stelldichein zu geben.

Die „Erdbeeren“, die der Mann der Autovertreterin Mieko Mizawa als Snack reichen mag, führen zu einer ungewöhnlichen und intimen Unterhaltung: Mieko muss die Erdbeeren ablehnen, denn die kleinen Kernchen würden unangenehm unter ihr Gebiss rutschen. Sie kommt in Erklärungsnot, als der Mann nachfragt, warum eine so junge Frau bereits keine Zähne mehr im Unterkiefer hat. Da erzählt sie von ihrem Ehemann und einer Freundin, beides Gebissträger, und dem Wunsch, den beiden nachzueifern. Junnosuke Yoshiyukis Erzählung ist geprägt von einer subtilen Erotik von Geheimnissen, Erdbeeren und roten Lippen.

Fumiko Enchi beschreibt in „Ahorn im Winter“ eine Frau im Herbst ihrer Jahre. Yoko ist ihr Name und als TV-Schauspielerin probt sie gerade ihre Rolle als alternde Frau, deren Tochter mit einem älteren Mann liiert ist. Das Bild eines Liebespaares mit großem Altersunterschied zieht sich als großes Thema durch die Erzählung. Während die Konstellation älterer Mann und jüngere Frau gesellschaftsfähig ist, ist die umgekehrte Variante verpönt bis unmöglich. Fumiko Enchi lässt dieses Beziehungsparadox unkommentiert stehen, weswegen die Erzählung erst im Nachklang zu sacken beginnt.

Die Autorin Ineko Sata, die der proletarischen Literaturbewegung angehörte, thematisiert in „Ihr eigenes Herz“ das Phänomen des O-miais: Fumiko soll verheiratet werden, hat aber wenig Lust auf eine arrangierte Hochzeit. Sie ist zwar eine gehorsame Tochter und geht auch brav auf die Treffen mit den Ehekandidaten, ihr ist jedoch das Gefühl zuwider, wie eine Ware taxiert zu werden. Ihre jüngere Schwester hat dagegen eine Liebesheirat durchgesetzt und damit gegen die Konventionen vor der älteren Schwester geheiratet. Auch ist ihr Umgang mit dem Ehemann weit weniger als üblich von patriarchalischen Werten gekennzeichnet.

Sawako Ariyoshi entführt den Leser in die kleine Bar „Laternchen“, die sich in einer Seitenstraße der Ginza befindet. Hier geht es relativ gemütlich zu: Die Räumlichkeiten sind so klein, dass die Bar mit nur wenigen Besuchern voll wirkt und die Mama gibt den Männern gleich das Gefühl, Stammgäste zu sein. Das Erfolgsrezept des „Laternchen“ lautet:

„In einer Bar, wo die Besitzerin kein guter Mensch ist, finden sich auch keine Gäste ein, denn Trinker sind unbestechlich.“ (S. 143)

Zwei Mädchen unterstützen die Mama, doch aus tragischen Gründen ist eine der Barmädchenstellen gerade vakant. Aus Gutmütigkeit nimmt die Mama die hypersensible Shizu bei sich auf. Ob ihr der Job im Laternchen gut tut?

Minako Oba lässt ihre Ich-Erzählerin in „Blauer Fuchs“ recht unkonventionell aus dem klassischen Rollenmuster fallen: Die konfuzianische Pietät gegenüber ihrem Vater ist ihr recht schnurz. Sie lebt mit ihrem Partner zusammen, den sie Grille nennt, geht aber mit dem blauen Fuchs eine Affäre ein, der ihr vor Jahren einen Heiratsantrag gemacht hat.

Mieko Kanais Erzählung „Platonische Liebe“, die dem gleichnamigen Erzählband entnommen ist, der 1979 mit dem Izumi-Kyoka-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, greift ein typisches Thema der Schriftstellerin auf: Das Selbstverständnis der Ich-Erzählerin, die Autorin ist, wird durch eine unbekannte Frau bedroht, die sich brieflich nach jeder Veröffentlichung der Protagonistin meldet und behauptet, die eigentliche Verfasserin der schriftstellerischen Werke zu sein. Die Ich-Erzählerin beginnt bald selbst an sich zu zweifeln. Ist sie wirklich eine Autorin oder nur eine Plagiatorin?

Auch das Sujet von Yuko Tsushimas „Heimlicher Handel“ ist ein recht typisches: Eine alleinerziehende Mutter sinniert über die Funktion von Tieren für Kinder, die ohne Vater aufwachsen. Sind sie vielleicht sogar ein Vaterersatz?

Taeko Konos „Der Eisenfisch“ erzählt die traurige Geschichte einer Kriegswitwe. Kaum verheiratet wurde ihr Ehemann eingezogen – er sollte als maritimer Kamikaze in einem bemannten Torpedo sterben. Erst Jahrzehnte später stellt sich die Witwe der Vergangenheit, als sie zum Yasukuni-Schrein aufbricht, in dem ihr Mann angeblich als Gott verehrt wird. Es werden alte Wunden aufbrechen, als sie einen der tödlichen „Eisenfische“ in Realität sehen wird.

In Masuji Ibuses „Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ reflektiert Okuyama seine Erinnerungen an den Pazifik-Krieg. In seiner Funktion in einer Transporteinheit traf er auf Oberst Nishi, der kurze Zeit später sterben sollte. Über das Lied „Alte Kameraden“ hat Okuyama damals in bitterer Notlage gesprochen – in der Jetzt-Zeit wird dieses Lied für unlautere Zwecke missbraucht.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Stolz der Toten“ ein Stimmungsbild der Studenten der ausgehenden 50er Jahre: Es ist ein Leben der Hoffnungslosigkeit; die Studenten funktionieren einfach. Ein erneuter Krieg wird vielleicht alles endgültig in den Abgrund reißen. Als Metapher für die Sinnlosigkeit lässt Kenzaburo Oe seinen studentischen Protagonisten eine recht grauslige Aushilfstätigkeit verrichten: Er soll helfen, konservierte Leichen von einem Aufbewahrungsbecken in ein anderes umzulagern. Doch wie es sich zeigen soll, wird diese Mühe völlig umsonst sein.

„Japan erzählt“ aus den 90ern enthält drei für diesen Band neu übersetzte Erzählungen; vier wurden aus dem gleichnamigen Buch aus den 60ern entnommen. Die restlichen zehn Erzählungen stammen aus anderen Anthologien. Daher trifft man in „Japan erzählt“ auf viele bereits bekannte Werke, wenn man sich schon etwas mit japanischer Literatur auseinandergesetzt hat. Dennoch ist die Mischung sehr gelungen, auch wenn man die eine oder andere Erzählung in diversen anderen Anthologien ebenfalls findet und gegebenenfalls schon dort gelesen hat.

Bibliographische Angaben:
Donath, Margarete (Hrsg.): „Japan erzählt“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Berndt, Jürgen/Brasch, Heinz/Donath, Diana/Donath, Margarete/Gössmann, Hilaria/Hijiya-Kirschnereit, Irmela/Gelbrich, Ekkehard/Gelbrich, Itsuko/Schaarschmidt, Siegfried & Yoshida-Krafft, Barbara), Fischer, Frankfurt/Main 1991, ISBN 3-596-10162-X

Donnerstag, 24. April 2014

„Das große Japan Lesebuch“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt

Siegfried Schaarschmidts „Das große Japan Lesebuch“ kann man jedem Einsteiger in die japanische Literatur mit bestem Gewissen empfehlen. Der Band aus den 90ern enthält freilich keine Werke von Autoren wie Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto. Dafür werden aber einzelne Erzählungen von den Literaturnobelpreisträgern Kenzaburo Oe und Yasunari Kawabata vorgestellt. Darüber hinaus dürfen natürlich Größen wie Ryunosuke Akutagawa, Junichirio Tanizaki, Yasushi Inoue, Kobo Abe, Osamu Dazai und Yukio Mishima nicht fehlen.

„Das große Japan Lesebuch“ startet mit Junichiro Tanizakis vielleicht bekanntester Erzählung, nämlich mit „Die Tätowierung“:  Im mittelalterlichen Japan machen Tätowierer als Künstler von sich reden. Ein besonders exzentrischer ist Seikichi. Sadistisch verlangt erfreut er sich an den Schmerzen, mit denen er beim Tätowieren seine Kunden quält. Seikichi ist ein Getriebener: Er ist auf der Suche nach dem perfekten Frauenkörper, den er mit seinen Tätowierungen zieren möchte. Eines Tages erblickt er diese wunderbare Frau, verliert sie jedoch wieder aus den Augen. Ob er dennoch an sein Ziel gelangt?

„Der Chrysanthemenball“ ist die Festivität, die die Protagonistin von Ryunosuke Akutagawas Erzählung besucht. Akiko besucht in Begleitung ihres Vaters zum ersten Mal einen Ball im europäischen Stil. Die Schönheit blendet die Besucher und fasziniert insbesondere einen französischen Militär der besonderen Art.

Naoya Shigas „Kuniko“ war der Auslöser für Shigas Ehefrau, nie wieder eines der Werke ihres Mannes zu lesen. Denn nachdem Naoya Shiga fremd gegangen war, verarbeitete er diese Erfahrung in der Erzählung „Kuniko“. Die Figur der Kuniko ist die Ehefrau eines untreuen Ehemanns. Sie begeht – ganz im Gegensatz zu Naoya Shigas Ehefrau – Selbstmord, da sie mit der Situation nicht zurecht kommt. Der Ich-Erzähler beschreibt Kunikos Weg in den Tod aus Sicht des treulosen Gatten.

Auch Ineko Sata legte ihre eigenen Erfahrungen in die Erzählung „Aus der Bonbonfabrik“: Die Autorin, die selbst schon früh in einer Bonbonfabrik arbeiten musste, zeigt anhand des Schicksals der Schülerin und alsbald Arbeiterin Hiroko die ausbeuterischen Züge der Kinderarbeit auf.

„Der Salamander“ ist der Protagonist in Masuji Ibuses Werk aus dem Jahr 1923: Wie mag vor diesem zeitlichen Hintergrund ein faschistisch anmutender Salamander zu deuten sein, der durch seinen plötzlichen Körperwuchs nicht mehr aus einer Höhle herauskommt und einen Frosch als seinen zwangsrekrutierten Gesellschafter dort mit einsperrt?

„Von Vögeln und Tieren“ erzählt Yasunari Kawabatas Protagonist. Die 1933 publizierte Erzählung enthält sich jeglicher politischer Botschaft. Stattdessen wird das Leben eines alleinstehenden Mannes geschildert, der zu Tieren einen bessern Zugang hat als zu den ihn umgebenden Menschen.

„Von Frauen“ wird dagegen in Osamu Dazais Erzählung gesprochen. 1936 sitzt der Ich-Erzähler am Tage einer Offiziersrevolte zusammen. In Unkenntnis des versuchten Umsturzes ergehen sich die beiden in Phantasien um Frauengestalten. Doch was wird hier imaginiert und was entstammt dem eigenen Erfahrungsschatz?

„Geliebtes Gesicht“ von Kafu Nagai entführt in das Tokio der 30er Jahre. Da ist ein Taxifahrer, der in einer heißen Sommernacht von der Liebe seines Lebens berichtet. Und von einer Revue-Tänzerin, die der verstorbenen Ehefrau fast bis aufs Haar gleicht.

Ein besonders bekanntes Werk von Ango Sakaguchi ist mit „Unter der vollen Blüte im Kirschbaumwald“ in „Das große Japan Lesebuch“ enthalten. In der Groteske aus dem Jahr 1947 werden Machtverhältnisse umgedreht: Ein Bergbandit entführt eine bildhübsche Frau, nachdem er ihren Begleiter kaltblütig ermordet hat. Doch die Dame weiß ihn, der ihr hemmungslos verfallen ist, perfekt zu manipulieren. Der Bandit tanzt bald nach ihrer Pfeife. Freilich wird es der Schönen in den Bergen bald zu fade – in die Hauptstadt soll er mit ihr ziehen. Dort wird er als Tölpel verspottet, doch des Nächtens zieht er aus, um auf Befehl seiner Gebieterin, Menschen zu enthaupten und ihr die Köpfe darzubringen. Nichts findet die Dame erquickender, als mit den verwesenden Schädeln zu spielen und allerlei Rollenspielchen aufzuführen. Doch der Bandit hält es alsbald nicht mehr in der Stadt aus; es zieht in zurück in die Berge. Ausgerechnet das Symbol des Japanischsten schlechthin, nämlich die Kirschblüte, soll zum Verhängnis werden.

Zwei kurze Erzählungen von Kobo Abe hat Siegfried Schaarschmidt mit „Der rote Kokon“ und „Hochwasser“ in den Band aufgenommen. In „Der rote Kokon“ wird Heimatlosigkeit und Verlorensein thematisiert. Die Erzählung nimmt eine kafkaeske Wendung. Dagegen wirkt „Hochwasser“ eher wie ein Science Fiction: Vornehmlich Arbeiter verwandeln sich in Wasser – droht eine Sintflut?

Shotaro Yasuokas „Das Kaninchensyndrom“ ist in den Nachkriegsjahren angesiedelt. Der Ich-Erzähler kuriert sich im Haus seiner Eltern aus. Der Vater, ein ehemaliger Militär, ist nun arbeitslos und ist auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Da setzt ihm jemand den Floh ins Ohr, er solle sich doch Kaninchen halten – die Angorawolle würde sich bestens verkaufen lassen. Und so nehmen die Kaninchen bald das Wohnhaus in Beschlag – und auch die Bewohner gleichen den Kaninchen immer mehr.

Morio Kitas kindliche Protagonistin betrachtet „Geflügelte Ameisen am Hang“. Das Mädchen hat ihre Mutter begleitet; zusammen sitzen sie mit einem ihr fremden Mann in einem ihr fremden Garten. Schritt für Schritt entspannt sich für den Leser in Dialogen zwischen der Mutter und dem Mann das Beziehungsgeflecht zwischen den Personen.

Mit „Der Fang“ von Kenzaburo Oe ist im vorliegenden Erzählband ein weiteres sehr bekanntes Werk der japanischen Literatur enthalten: Amerikanische Flugzeuge beginnen während des zweiten Weltkriegs in den japanischen Luftraum einzudringen. Als eines davon in der Nähe eines Dorfes abstürzt, kann ein afroamerikanischer Soldat lebend gefangen werden. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Jungen erzählt, für den „Der Fang“ eine Sensation darstellt. Der Soldat wird erst einmal provisorisch im Keller des Speichers eingesperrt, in dem der Junge mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder haust. Bald soll er ihm sogar mit schlotternden Knien das Essen bringen. Noch haben alle Dorfbewohner Angst vor dem Soldaten, doch nach kurzer Zeit wird er eher wie ein Haustier empfunden. Wenn die Behörden ihn doch nur nicht in die Finger bekommen wollten… In Kenzaburo Oes wird nicht nur die Geschichte einer Annäherung während eines drückenden Sommers erzählt, sondern auch die Entwicklung eines Kindes hin zum Erwachsenen dargestellt.

Auf „Die Brückenprobe“ begeben sich einige Damen in Yukio Mishimas Erzählung. Denn bei Vollmond gilt es, sieben Brücken schweigend zu überqueren, damit ein besonderer Wunsch in Erfüllung geht. Zwei Geishas, eine Wirtstochter und deren Dienstmagd stellen sich der Herausforderung, die sich als nicht allzu einfach gestaltet. Dabei mag der Leser mehr von den „geheimen“ Wünschen der Frauen erfahren.

Harumi Setouchi erzählt in „Einmal hat Makiko gestohlen“ von einer jungen Frau, die ihren Ehemann und ihr Kind wegen einer Affäre aufgibt. Damit nimmt sie ein Thema auf, das stark autobiografisch geprägt ist. Makiko selbst scheint recht unbedarft und nimmt die Dinge wie sie kommen. Ihr Mann setzt sie ohne Hab und Gut vor die Tür; ihr neuer Geliebter will alsbald nichts mehr von ihr wissen. So schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch. Wenn nicht ein Bekannter ihr den Floh ins Ohr setzen würde, sie solle sich doch zumindest ihre Lebensmittelkarte und ihre Kleidung zurückholen.

„Das Duell“ von Takeshi Kaiko handelt von einem Tagesausflug eines älteren und eines jüngeren Mannes. Sie wollen dem Kampf eines Mungos gegen eine Habu-Schlange beiwohnen. Dabei werden parallelen zum Schwertkampf des Ganryu gezogen.

Kenji Nakagami schickt seinen Protagonisten in „Der Bergasket“ ins Gebirge. Er ist ein eher grobschlächtiger Kerl mit cholerischen Anwandlungen. Um seine Ehe zu retten, begibt er sich wie ein Pilger ist Gebirge und macht dort metaphysische Erfahrungen, die wie ein Fieberwahn wirken. Erlebt er hier eine Katharsis?

In Makoto Odas „Der Kommandeur“ erinnert sich der Ich-Erzähler, dass er als Kind einmal eine scharfe, vorwurfsvolle Stimme gehört haben mag, die seinem Vater Fehlverhalten im Krieg vorgeworfen hat. Auf der Beerdigung seines Vaters macht er die Entdeckung, dass dies die Stimme von Namba war, der als „General des Teufels“ bezeichnet wurde. So sehr Namba während des Kriegs für militärischen Drill sorgte, so sehr versagt er aber bei der Erziehung seines Sohnes, der in Opposition zur Gesellschaft geht.

Mitsuharu Inoue begleitet in „Die Nacht davor“ eine werdende Mutter durch eine Geburt – einen Tag vor dem Atombombenabwurf über Nagasaki. Während der Leser bereits das Unheil ahnt, was über die Menschen von Nagasaki bald hereinbrechen wird, sind diese noch ganz im Alltag verhaftet. Obwohl in „Die Nacht davor“ nicht sonderlich viel geschieht, wirkt die Erzählung wie ein Schauer – denn die handelnden Charaktere werden nicht mehr allzu lange zu leben haben, bis eine atomare Katastrophe sie verschlingt.

„Ein Brief aus der Wüste“ wird von Yasushi Inoues Protagonisten geschrieben. Er hat sich auf eine Reise durch die Wüste Takla Makan begeben. Als ein Soldat ihm anbietet, seine Briefe mitzunehmen, geht er in sich und fragt sich, wem er bloß einen Brief schreiben solle. Da fällt ihm nur sein verstorbener Jugendfreund ein. Er beginnt mit dem Schreiben eines Briefs an einen Verstorbenen und reflektiert dabei den Einfluss, den dieser auf ihn hatte.

Einige der Erzählungen in „Das große Japan Lesebuch“ finden sich auf in Siegfried Schaarschmidts Band „Ein Brief aus der Wüste“, der im Ostasien-Verlag herauskam. „Das große Japan Lesebuch“ bietet jedoch mehr Erzählungen und damit einen weit besseren Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur.

Bibliographische Angaben:
Schaarschmidt, Siegfried (Hrsg.): „Das große Japan Lesebuch“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Iwabuchi, Tatsuji/Schaarschmidt, Siegfried/Schmidt, Elisabeth), Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-09886-6

Dienstag, 5. Februar 2013

„Mond auf dem Wasser“ herausgegeben von Marianne Bretschneider

„Mond auf dem Wasser“ versammelt 14 Erzählungen von bekannten und weniger bekannten japanischen Autoren. Für Junichiro Tanizaki-Fans hält der Band aus den 70er Jahren die erste Erzählung des Enfant Terribles bereit: „Das Opfer“ (auch bekannt als „Tätowierung“ oder verfilmt als „Irezumi – Spider Tattoo“) das ist nicht nur eines, sondern nur das erste. Der Tätowiermeister Seikichi ergötzt sich an den Schmerzen seiner Kunden. Doch ihn drängt es, eine bestimmte junge Frau ausfindig zu machen, der er ein wahres Meisterwerk tätowieren mag. Durch Zufall wird genau diese Frau, eine angehende Geisha, als Botin zu ihm geschickt. Er betäubt sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken – ein Symbol für ihre Fähigkeit, Männer einzufangen und ausbluten zu lassen. Das erste Opfer findet die Schönheit im Tätowiermeister.

Shotaro Yasuokas Protagonist in „Die Glasschuhe“ verbringt einen ungewöhnlichen Sommer: Nachts arbeitet er als Wachdienst in einem Waffengeschäft, tagsüber verbringt er seine Zeit bei Etsuko, die das Haus eines Amerikaners hütet. Die Stimmung zwischen den beiden ist losgelöst, etwas verrückt und sicherlich naiv – doch die Sommerferien des Amerikaners neigen sich zu Ende und damit die unschuldige Zeit des Paares.

Seiichi Funabashis „Die Distelwolke“ ist mehr als tragisch: Der Witwer Ichimatsu verliebt sich in eine weitläufige Verwandte seiner verstorbenen Ehefrau. Das junge Mädchen Chika hat sich jedoch bereits mit einem Soldaten verlobt, der in den Pazifikkrieg zieht. Auch sie fühlt sich zu dem Witwer hingezogen, obwohl die Familie von Ichimatsu eine Beziehung der beiden verurteilt. Doch Ichimatsu ist mehr als vorbildlich: Obwohl sich mehrere Möglichkeiten bieten, rührt er Chika nicht an. Er will warten, ob Chikas Verlobter lebend aus dem Krieg zurückkehrt und dann Chika vor eine Entscheidung stellen. Doch leider kommt schließlich alles anders.

Kyoshi Takehama erzählt in „Ikaruga-monogatari“ von Omichi, die sich unglücklich in einen Mönch verliebt.

Ryunosuke Akutagawas Erzählung „Kesa und Morito“ handelt von einem Verbrechen, das in zwei Selbstgesprächen geführt wird. Morito ist ein alter Verehrer von Kesa. Doch sie hat einen anderen geheiratet und hat ihre Schönheit über die Jahre eingebüßt. Morito vergeht sich bei einem Wiedersehen an Kesa, will sie sogar dazu überreden, gemeinsam Kesas Ehemann umzubringen. Doch Kesa hat andere Pläne.

Shusei Tokuda zeichnet mit „Der Orden“ das Bild einer unglücklichen Ehe. Kanoko geht erst eine Ehe ein, als sie vom Berufsleben enttäuscht wurde. Doch auch ihr Ehemann ist eine Enttäuschung: Er kann nicht mit Geld umgehen, macht Spielschulden, schert sich kaum um seine Ehefrau und ist obendrein noch unfruchtbar. Mehrfach versucht Kanoko sich von ihm zu lösen, doch scheitert sie jedes Mal erneut.

Kafu Nagais Erzählung „Geliebtes Gesicht“ spielt – wo auch sonst – in den Freuden- und Vergnügungsvierteln Tokios. Zwei Taxi-Chauffeure verbringen die Nacht vor den Toren Yoshiwaras. Toyo beginnt in einer rührseligen Stimmung seinem Kollegen Tame von seiner verstorbenen Ehefrau und deren Ebenbild, einer Tänzerin aus Asakusa, zu erzählen.

Auch Fumiko Hayashis „Tokio“ ist eine tragische Liebesgeschichte: Ryo verkauft im ausgebombten Tokio der Nachkriegsjahre Tee. Die verheiratete Frau wartet auf die Rückkehr ihres Ehemanns, der in Sibirien in Kriegsgefangenschaft ist. Doch während ihrer Verkaufstour von Baracke zu Baracke lernt sie Tsuruishi kennen und lieben. Leider ist den beiden kein Happy End vergönnt.

Mit „Mond auf dem Wasser“ lässt Yasunari Kawabata Kyoko an ihren verstorbenen Ehemann denken. Von seiner Krankheit schwer geschwächt, war dem Mann Kyokos Handspiegel ein Fenster zur Welt. Doch auch seinen eigenen Verfall konnte er damit beobachten.

„Im Wiederaufbau“ befindet sich ein Hotel, in dem sich Ogai Moris Protagonist Watanabe mit einer Europäerin trifft, mit der er einst intim war. Die Sängerin tourt mit ihrem Pianisten Kosinski durch die Welt und vielleicht auch durch die Betten. Ob der Wiederaufbau der Beziehung der Europäerin mit Watanabe gelingen wird?

Shimei Futabateis Ich-Erzähler wird sich während seines Studiums des eigenen „Mittelmaß“ bewusst. Er quartiert sich bei entfernten Verwandten ein, die ihn primär als Diener behandeln. Er schluckt die Demütigung herunter, hat er sich doch in die Tochter des Hauses Yukie verliebt.

Masuji Ibuses Protagonisten wird der „Besuch einer Frau“ angekündigt – sehr zum Missfallen seiner frischgebackenen Ehefrau. Denn es handelt sich bei der Frau um Aiko, die vor Jahren den Heiratsantrag des Ich-Erzählers abgelehnt hatte.

„Eine Glocke aus Fukagawa“ klingelt in Matsutaro Kawaguchis Erzählung, wenn der Ich-Erzähler seine Nächte mit der Witwe O-ito verbringt. Der Protagonist hat sich über dem Sushi-Lokal von O-ito eingemietet, um Literatur zu schaffen und ein bedeutender Autor zu werden. Um nicht von seiner brotlosen Kunst abhängig zu sein, trägt er sich mit dem Gedanken, O-ito zu ehelichen. Doch als der Ich-Erzähler die ersten Früchte seines literarischen Engagements erntet, entschließt sich O-ito anders.

In „Manazuru“ von Naoya Shiga macht ein Junge seine erste Erfahrung mit dem Gefühl der Liebe und geht einen ersten Schritt Richtung Erwachsenwerden.

Zwar sollen die Erzählungen in „Mond auf dem Wasser“ „Moderne japanische Liebesgeschichten“ sein, doch trifft dies nicht unbedingt auf alle der versammelten Werke zu. So sind die Protagonisten in Ryunosuke Akutagawas „Kesa und Morito“ eher von Abscheu getrieben; Junichiro Tanizaki spielt in seiner ersten Erzählung bereits mit den sadomasochistischen Fantasien, die sich auch durch sein späteres Werk ziehen.

Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne (Hrsg.): „Mond auf dem Wasser“, Volk & Welt, Berlin 1978

Mittwoch, 5. Dezember 2012

„Schwarzer Regen“ von Masuji Ibuse

„Als sich der Qualm wieder verzog, sahen wir, dass das Hindernis eine Leiche war, mit einem toten Baby im Arm. Von da an ging ich immer voran und gab auf alle dunklen Gegenstände, die auf dem Weg lagen, sorgsam Acht. Dennoch stolperten wir noch so manches Mal über Tote und fielen vornüber, wobei wir mit den Händen in den heißen Asphalt einsanken. Einmal blieb ich mit dem Schuh an einer halbverbrannten Leiche hängen, deren Fuß- und Schenkelknochen verstreut herumlagen.“ (S. 111)

Die Hölle auf Erden hat einen Namen, der Hiroshima lautet. Als am 06. August 1945 die Atombombe über der Stadt abgeworfen wird, werden die Bewohner der Stadt mitten in die Apokalypse katapultiert. Der Autor Masuji Ibuse, der zu diesem Zeitpunkt zwar in einem Dorf in der Präfektur Hiroshima lebte, aber erst Stunden später vom Ausmaß der Katastrophe erfuhr, veröffentlichte 1965 die ersten Kapitel seines Werks „Schwarzer Regen“, das Siegfried Schaarschmidt im Nachwort als „dokumentarischen Roman“ bezeichnet. Wo bleibt denn noch Platz für Fiktion, wenn die grausigsten Ereignisse ohnehin schon Realität geworden sind?

Shigematsu Shizuma nimmt die anstehende Verheiratung seiner Nichte Yasuko Anfang der 50er Jahre zum Anlass, seine Tagebucheinträge vom 06. August bis zum 15. August 1945 ins Reine zu schreiben. Shigematsu erlebt den Atombombenabwurf am Bahnhof. Glücklicherweise wird er nur leicht verletzt: Die eine Hälfte seines Gesichts wird seltsam angesengt – er kann die Haut in komisch verfärbten Fusseln abziehen. Er macht sich auf, seine Ehefrau Shigeko und seine Nichte Yasuko zu suchen. Kilometerweise schlägt er sich durch die zerstörte Stadt und muss sich ein Bild der grausamen Zerstörung machen. Wie der Großteil der Überlebenden versuchen auch die drei außerhalb der Stadt eine Bleibe zu finden. Auf dem Weg hören sie von ihren Leidensgenossen deren Erlebnisse während und nach dem Abwurf: Schüler wurden an ihren Schulpulten zu Asche pulverisiert, Soldaten durch die Druckwelle gegen Gebäude geschleudert. Doch fast noch schlimmer erwischt es die, die durch die Strahlung elendig zu Grunde gehen müssen. Das sind neben den Einwohnern auch Hilfstrupps, die aus dem Umland nach Hiroshima kommen. Schließlich stapeln sich die Leichen in der Stadt, die in der hochsommerlichen Hitze schnell verwesen. Die Krematorien sind komplett überlastet; die Leichen müssen in Erdlöchern verbrannt werden. Die Überlebenden kämpfen zudem gegen die Militärbürokratie: Nur die militärische Ausgabestelle darf über das Kohlenlager verfügen. Doch wohin soll man sich wenden, wenn die Ausgabestelle komplett zerstört ist und alle Mitarbeiter gestorben sind?

Zurück in der Rahmenhandlung in den 50ern weist ein potenzieller Heiratskandidat Yasuko zurück: Mit einer Überlebenden der Atombombenkatastrophe, mit einer Hibakusha, möchte er sich nicht einlassen. Obwohl es Yasuko bis dato relativ gut ging, beginnt schließlich doch die Strahlenkrankheit auszubrechen. Die hübsche junge Frau leidet unter großen Schmerzen, bekommt eiternde Furunkel, die Zähne fallen aus.

Dadurch dass „Schwarzer Regen“ die Geschichten unterschiedlicher Personen einfängt, entsteht ein apokalyptisches Panoptikum des Atombombenabwurfs, das einem an so manchen Stellen den Atem stocken lässt. Es wäre schön, wie bei anderen krassen Romanen alles mit einem „ist ja nur ein Buch“ abtun zu können. Doch „Schwarzer Regen“ beruht auf Tatsachen, die in Realität noch viel entsetzlicher gewesen sein mögen.

Bibliographische Angaben:
Ibuse, Masuji: „Schwarzer Regen“, Fischer, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-596-25846-4

Dienstag, 4. Dezember 2012

Masuji Ibuse

Masuji Ibuse (geboren 1898 in der Präfektur Hiroshima) wollte ursprünglich Maler werden. Bereits in der Mittelschule malte er passioniert. Jedoch wurde er von Kansetsu Hashimoto als Schüler abgelehnt. Daher begann er an der Waseda-Universität französische Literatur zu studieren. Sein Studium schloss er jedoch nie ab.

Anfang der 20er Jahre veröffentlichte er sein erstes literarisches Werk, das von westlichen Einflüssen geprägt war, aber nicht viel Aufmerksamkeit erntete. Daraufhin wandte er sich einem japanischerem Schreibstil, insbesondere der Ich-Erzählung, zu.

Im zweiten Weltkrieg wurde er mit einer Propaganda-Einheit nach Thailand und Singapur geschickt. Das Ende des Krieges erlebte er in seiner Heimat, der Präfektur Hiroshima. Auch wenn er selbst die Schrecken des Atombombenwurfs nicht direkt erfahren hatte, sollte er 1966 mit „Schwarzer Regen“ den Geschehnissen ein literarisches Denkmal setzen. Für den Roman erhielt er den Noma-Literaturpreis und den japanischen Kulturorden.

Masuji Ibuse fungierte als Mentor von Osamu Dazai.

1993 starb Masuji Ibuse im stolzen Alter von 95 Jahren

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen/Kurzgeschichten/Romane und hier rezensiert:

Dienstag, 29. Mai 2012

„… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ herausgegeben von Josef Bohaczek & Barbara Yoshida-Krafft

„... weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ enthält einige humorvolle Prosa-Skizzen der zumeist ganz großen japanischen Autoren. Da mokiert sich Ryunosuke Akutagawa über die Krawatte von Junichiro Tanizaki. Osamu Dazais betrunkener Ich-Erzähler gerät in ärztlicher Behandlung an einen noch besoffeneren Doktor. Kafu Nagai treibt sich mit Pariser Kokotten herum. Yasunari Kawabata lässt einen hässlichen Mann hochmütig werden. Masuji Ibuses Protagonist erlebt Desillusionierung durch einen Röntgen-Apparat. Und Chiyo Unos Debüterzählung „Zu grell geschminkt“ illustriert den Wettstreit zweier japanischer Frauen um einen europäischen Gönner.

Auf je nur wenigen Seiten präsentieren die Autoren ihre humorvolle Seite, die jedoch nie zum Schenkelklopfen verleitet, sondern vielmehr ein Lächeln herausfordert. Da mag man Yasutaka Tsutsuis Professor Tadano sofort widersprechen: Nein, japanische Literatur macht nicht depressiv.

Das niedliche rechteckige Kleinformat lässt an ein Geschenkbüchlein denken. Und in der Tat ist „… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ sicherlich ein tolles, schön aufgemachtes Präsent für an japanischer Literatur Interessierte und solche, die sich einen ersten Überblick über die großen Literaten des letzten Jahrhunderts einholen wollen.

Sonntag, 9. Oktober 2011

„Das verhasste Alter“ von Fumio Niwa, Kenzaburo Oe, Masuji Ibuse etc.

Der vom Volk und Welt Verlag herausgegebene Band „Das verhasste Alter“ aus der Spektrum-Reihe enthält sechs Erzählungen der japanischen Autoren Masuji Ibuse, Fumio Niwa, Shotaro Yasuoka, Kenzaburo Oe, Taeko Kono und Yoshikichi Furui.

Masuji Ibuse beschreibt das „Leben bei Herrn Tange“. Herr Tange hat einen etwas nichtsnutzigen Diener, der hin und wieder gezüchtigt werden muss. Darüber hinaus geschieht in der kurzen Erzählung allerdings nicht allzu viel, sie gibt vielmehr einen kleinen Einblick in japanisches Alltagsleben zu Beginn des letzten Jahrhunderts.

Fumio Niwas Erzählung „Das verhasste Alter“ steht Pate für den gesamten Erzählband. Der Autor skizziert die Schwierigkeiten mit der Versorgung demenzkranker Angehöriger in den Nachkriegsjahren; sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Die Verwandlung eines geliebten Menschen in eine Last wird eindrucksvoll dargestellt.

„Die Frau des Pfandleihers“ von Shotaro Yasuoka erzählt von einem Studenten in den ersten Kriegsjahren, der das Leben genießen kann, solange er noch nicht eingezogen ist.

Kenzaburo Oes „Angui, das Himmelsungeheuer“ ist für mich die lohnenswerteste unter den Erzählungen. Nach dem Tod seines anscheinend behinderten Kindes fällt ein Komponist in eine schwere Depression und in den Wahn, ein Wesen aus dem Himmel komme ihn hin und wieder besuchen. Der Ich-Erzähler, ein Student, ergattert den einträglichen Nebenjob, mit dem Komponist durch die Stadt zu streifen und Erledigungen für ihn zu übernehmen. „Angui, das Himmelsungeheuer“ enthält sehr komprimiert die wesentlichen Oe-Themen Behinderung, Depression und Selbstmord, die mit ein bisschen Phantastik angereichert werden.

„Fleischbröckchen“ von Taeko Kono ist die skurrile Geschichte einer Trennung. Nachdem der Mann die Frau verlassen hat, verliert sie ihren Geschmackssinn. Während der Beziehung hatte sich noch so gerne mit ihrem damaligen Partner geschlemmt. Am liebsten würde sie nun alles verbrennen, das an den Mann erinnert: Seine zurückgelassenen Besitztümer, ihre Wohnung, ja gar sich selbst.

Mit „Ehebande“ studiert Yoshikichi Furui das Beziehungsgeflecht zwischen den Ehepartnern Hisao und Reiko. Hisao fängt sich eine Sommergrippe ein und ist eine Woche krankgeschrieben. Dies gibt ihm die Gelegenheit, das Alltagsleben in seiner Wohnsiedlung von einer ungewohnten Seite zu erleben und seine Beziehung zu Reiko auf den Prüfstand zu stellen. Zieht sich denn schon ein Riss durch die Ehe?

„Das verhasste Alter“ ist nur noch als Gebrauchtbuch erhältlich, dafür jedoch sehr preisgünstig. Die Anschaffung lohnt vor allem aufgrund Kenzaburo Oes Erzählung „Angui, das Himmelsungeheuer“ und Fumio Niwas „Das verhasste Alter“.