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Sonntag, 16. Dezember 2018

„Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ herausgegeben von Elena Giannoulis

Endlich wurde mal wieder eine Anthologie veröffentlicht, die dem Leser Erzählungen und Kurzgeschichten in Neuübersetzung bietet. Die Herausgeberin Elena Giannoulis schreibt im Nachwort über die Veröffentlichung:

„Ein Anliegen der Anthologie ist es, dem deutschen Leser japanische Literatur jenseits von Haruki Murakami und Banana Yoshimoto näherzubringen und auch bisher im Ausland wenig bekannten Autoren eine Plattform zu bieten.“ (S. 170)

Und tatsächlich sind nur von einer der enthaltenen Autorinnen, nämlich Hiromi Kawakami, bisher mehrere ins Deutsche übersetzte Werke verfügbar. Shinji Ishii, Atsuko Suga, Yasutaka Tsutsui und Hiromi Ito sind dem einen oder anderen Leser vielleicht auch noch bekannt, weil ein bis zwei Texte oder bestenfalls Romane ihren Weg ins Übersetzungsbüro gefunden haben. Die anderen Autoren finden mit „Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ das erste Mal auch im Deutschen statt.

Die einzelnen Werke der Anthologie bieten ein großes Spektrum an literarischen Stilen: Ich-Erzählung, mystisch angehauchter Text, Science Fiction, Essay, Slapstick, Avantgarde… Um bei den realistischsten Werken anzufangen, soll es erst um die Essays von Atsuko Suga und Toshiyuki Horie gehen. Atsuko Suga, die lange Zeit in Italien lebte, ist mit zwei Essays vertreten: In „Geruch von fernem Nebel“ erzählt sie von ihren Erlebnissen im nebligen Mailand, während sie in „Neapel sehen und sterben“ die Eigenheiten der neapolitanischen Lebensweise illustriert und persönliche Erfahrungen einfließen lässt.

Auch Toshiyuki Hories „Der Dichter mit dem Anrufbeantworter“ ist in Europa angesiedelt. In Paris begibt sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach Postkarten mit Nilpferdmotiven, da Valery Larbaud seinerzeit solche Karten gerne verschickt hat. Dabei spürt er den einstigen Nilpferden im Pariser Zoo nach und macht eine interessante Begegnung.

Um zwischenmenschliche Beziehungen geht es – wie eigentlich immer bei Hiromi Kawakami – in „Der Fluss“: Der kurze Text wirkt wie eine Momentaufnahme der romantischen Beziehung von Hatoko und ihres Freundes Ichiro. Ist ihre Beziehung nicht genauso im Fluss wie der Fluss, an dem sie gerade essen und trinken?

Ein bisschen fantastischer wird es in Keiichiro Hiranos „Die verschwundenen Honigbienen“. Was zunächst wie die Beschreibung eines eher langweiligen Postboten auf dem Land wirkt, entwickelt sich dann doch in eine andere Richtung, als eine illustre Gabe des Briefträgers offenbar wird.

Dann ist es auch schon vorbei mit dem Realismus: Yasutaka Tsutsui lässt in „Der Raucher in der Luft“ einen rauchenden Rentner fliegen und Sumako in „Der Traum von Verstopfung“ ihre Gedärme bis in den Himmel entleeren.

Vom Stil ähnlich wirkt Ramo Nakajimas „Das Lamm Dolly“. In Anlehnung an das Klon-Schaf Dolly entwirft der Autor ein Szenario, in dem auch Menschen geklont werden können. Da der Ich-Erzähler ein fauler Autor ist, lässt er sich einen Doppelgänger kreieren, der künftig die Arbeit übernehmen soll. Da sein Klon freilich genauso bequem, narzisstisch und trinkfreudig wie das Original ist, geht der Plan nicht so ganz auf.

Shinji Ishii präsentiert mit „Grüner Frühling“ ein Werk, das sicherlich besonders schwer zu übersetzen war. Es werden Farben personifiziert: Grün mag Blau so gar nicht und beschwert sich bei Sakura-Mama und Braun über den frechen Blau. Das Nachwort von Elena Giannoulis klärt auf: Im Japanischen kann „ao“ (青) sowohl grün als auch blau bedeuten – kein Wunder, dass Grün eifersüchtig auf Blau ist.

Mythologisch wird es in Hiromi Itos Erzählung „Chiko und Raiko“, die im siebten/achten Jahrhundert angesiedelt ist: Chiko und Raiko sind Freunde und buddhistische Schüler, die danach streben, ins Reine Land einzugehen. Während Raiko früh stirbt, gärt in Chiko die Eifersucht auf den Mönch Gyoki. Als Chiko schwer krank wird und selbst stirbt, muss er sich einer schweren Prüfung im Jenseits stellen.

Mit „Perfekte Tage, um Bananen zu schälen“ ist Toh Enjoe mit Science Fiction vertreten: Eine Raumsonde durchquert einsam das All und stellt sich vor Langeweile einen Freund namens Chucky vor. Doch das System soll effizient arbeiten und sich keinen Imaginationen hingeben – daraufhin muss Chucky gelöscht werden.

Richtiggehend abgedreht geht es in Masaya Nakaharas „Das Lied einsamer Schritte, die auf einem dunklen Flur erklingen“ und Yuko Chigaras „Katzentöter-Maggie“ zu. In Masaya Nakaharas Erzählung werden die Rotorblätter eines Helikopters als Messerklingen eingesetzt, um zu töten; die Menschen tragen den „intelligenten Gorillaanzug“ – und sollten sie auf einen Menschen ohne Anzug treffen, gibt es ein großes Gemetzel. Und auch ansonsten geht’s blutig zu.

Yuko Chigaras „Katzentöter-Maggie“ wird im Nachwort als avantgardistische Popliteratur bezeichnet – der Realitätsgrad geht gegen Null: Katzentöter-Maggie lebt mit dem Doktor, der gerne Frauen schändet und tötet, zusammen und lernt Gänseblümchen kennen lernen. Gemeinsam erleben sie allerlei Abstrusitäten, wie zum Beispiel von einem Fisch verdaut zu werden. Garniert wird das Ganze mit Illustrationen.

Zugegebenermaßen konnte ich mit den letzten beiden genannten Erzählungen am wenigsten anfangen. Die waren mir zu zusammenhanglos und alptraumhaft. Dagegen ist beispielsweise „Das Lamm Dolly“ großartiges Entertainment. Insgesamt präsentiert die Anthologie wahrlich einen guten Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur und lässt den Leser neue Autoren kennen lernen. Da viele Verlage derzeit ja primär auf die Übersetzung von Bestsellern zu setzen scheinen, ist die Anthologie sicherlich besonders wertvoll und ambitioniert.

Bibliographische Angaben:
Elena, Giannoulis (Hrsg.): „Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Giannoulis, Elena/Hane, Reika/Ono, Elisa/Petermann, Christoph/Stadler, Hajime/Timmerarens, Chaline/van Eikels, Kai/Wiesenberg, Sandro/Wittig, Matthias), be.bra, Berlin 2018, ISBN 978-3-95410-213-6

Samstag, 23. Juni 2012

„SF aus Japan“ herausgegeben von Ken Okura, Peter Wilfert & Werner Zillig

In „SF aus Japan“ findet der Leser literarische Kostproben einiger der bekanntesten Science Fiction-Autoren Japans.

Mit Aritsune Toyoda geht es in „Ein anderes Japan“: Der Japanologe Ken Douglas ist auf dem Weg nach Japan. Und zwar in geheimer Mission für die amerikanische Regierung. Er soll herausfinden, was in dem Land vor sich geht, das einst auf dem Weg war, die größte Wirtschaftsmacht zu werden und sich nun aber in völlige Abschottung begeben hat. Am Flughafen von Tokio angelangt, ist Ken irritiert: Alles wirkt überzogen pseudo-traditionell. Was es damit nur auf sich hat?

Den Protagonisten von Akira Horis „Die Hand des kosmischen Affen“ zieht es ins Weltall. Am besten immer weiter weg von der Erde ins Outer Space. Als er den Auftrag erhält, einen mächtigen Funktionär zu einem der letzten Außenposten des Sonnensystems zu begleiten, erfährt er von der Hand des kosmischen Affen.

Yasutaka Tsutsuis Held aus „Man spricht über mich“ kann es nicht glauben: Über seinen Alltag wird plötzlich in den Massenmedien berichtet. Ist er verrückt geworden oder spielt ihm da jemand einen ganz bösen Streich?

„Der Zeitwirbel“ von Shinichi Hoshi legt sich über das Weltgeschehen: Ab dem Tag 0 wird jeden Tag aufs Neue auf Reset gedrückt. Die Zigaretten, die man gestern geraucht hat, sind wieder im Päckchen; das Essen, das man am Tag zuvor verspeist hat, liegt wieder unberührt im Kühlschrank. Als dann auch noch ungewöhnlicher Besuch ins Haus steht, ist die Erstaunung erst recht groß…

„Der Sake“ ist der Grund, warum Ryo Hanmuras Erzähler so gerne auf der Erde weilt. In einem Monolog klärt er den Sohn seines toten Freundes über dessen Herkunft auf.

Nur „Das Nachbild“ bleibt zurück, wenn sich Murashima mit seiner Ex-Frau Yu trifft. Wie mag das Beziehungsleben der Zukunft aussehen, das der Autor Masami Fukushima hier skizziert?

In „Das Pastorale“ von Tensei Kono bekommt ein Familienvater sehr zerstreuten Besuch: Ein junger Mann steht unversehens in der Wohnung und spricht in Rätseln.

Shinji Kajo erzählt von den „Perlen für Mia“: In einem sensationellen Vorhaben wird ein junger Mann in eine Zeitkapsel gesteckt, in der während eines Tags nur die Zeit von einer Sekunde vergeht. Der Ich-Erzähler und Verwalter findet eines Tages eine junge Frau vor der Apparatur, die wehmütig und traurig zum Versuchskaninchen blickt. Welch tragische Liebesgeschichte mag sich zugetragen haben?

Nach einem Autounfall wird der Ich-Erzähler „Ein erfolgreicher Mann“. Doch irgendwo muss ein Haken in Taku Mayumuras Kurzgeschichte sein…

Eine „Friede auf Erden“-Stimmung scheint für Japan weit entfernt zu sein. Denn der Tenno verkündet im August 1945 nicht die Kapitulation. Der Kampf in Japan geht weiter und lässt Teenager in einen aussichtslosen Krieg ziehen. Doch hat in Sakyo Komatsus Erzählung nicht irgendjemand ganz böse Intrigen gesponnen?

„SF in Japan“ ist weit weniger außerirdisch, als die Illustration des Buchcovers vermuten lässt. Vielmehr spielen die Erzählungen mit dem Phantastischen. Yasutaka Tsutsuis charmantes Gedankenspiel „Man spricht über mich“ ist gar mehr Slapstick-Fiction als Science-Fiction. Das Cover sollte daher nicht abschrecken: „SF in Japan“ bietet eine tolle Themenmischung mit unvermuteten Wendungen fernab von Aliens und Kriegen im Weltall.

Dienstag, 21. Februar 2012

„Verführerischer Adlerfarn“ herausgegeben von Hannelore Eisenhofer-Halim & Peter Pörtner

Der von Hannelore Eisenhofer-Halim und Peter Pörtner herausgegebene, 400-seitige Band „Verführerischer Adlerfarn“ enthält Erzählungen, Kurzgeschichten und Essays von 21 japanischen Autoren und bildet ein facettenreiches Potpourri an tragischen, ernsten, aber auch fantastischen und bizarren Geschichten.

Taka Isawa erzählt mit „Das Restaurant Applaus“ vom tragischen Schicksal zweier gescheiterter Boxer. Beide bezahlen den Traum einer Boxerkarriere mit ihrer Gesundheit. Während Saburi noch mit zwei gebrochenen Fingern davon kommt, muss sein einstiger Widersacher Yagami mit weit größeren Schäden leben.

Der „Lebensabend eines Kindes“ von Eimi Yamada (auch: Amy Yamada) beginnt mit einem Hundebiss. Denn die gebissene 10-Jährige ist sich sicher: Der Hund hatte Tollwood und ihr bleiben nicht mehr viele Tage zu leben. Zunächst unbemerkt von den Erwachsenen, verlebt das Mädchen einen schrulligen, vermeintlichen Lebensabend.

Der koreanisch-stämmige Kakuei Kin erzählt in „Die Trauer der Erde“ in Briefform die Lebensgeschichte seines Protagonisten Jinichi. Sowohl Jinichis Großvater als auch sein Vater waren bzw. sind brutale Choleriker. Die Opfer der Gewalt sind die Ehefrauen. Jinichis Großmutter, die zusammen mit dem Großvater aus Korea nach Japan kam, beging Selbstmord, indem sie sich vor einen Zug warf. Zu Jinichis Bestürzung existiert weder ein Foto der Großmutter, noch ein Grab, da ihre Leiche irgendwo an der Bahnlinie verscharrt wurde. Dies alles schreibt der Protagonist in einem Brief an seine erste Liebe nieder.

Hiroshi Onuma (auch: Tan Onuma) schreibt über das „Wasser“, das plötzlich wieder in dem Viertel des Protagonisten zu fließen beginnt, als ein ausgetrockneter Kanal wieder geflutet wird. Er erinnert sich an Begegnungen am Fluss während seiner Jugend und entdeckt Neues am Flusslauf.

Keizo Hino entführt mit „Schwarzer Engel“ in eine Zukunftsvision, in der Phonoimages hergestellt werden können, die über elektromagnetische Wellen direkt ins Gehirn geschickt werden können. Wie auch in Keizo Hinos Roman „Die Trauminsel“ spielt die Handlung primär auf dem Neuland, das an der Küste von Tokio gewonnen wird. Und auch hat eine Femme Fatale ihren Auftritt, die den Protagonisten nicht nur mit ihrem künstlerischen Schaffen in den Bann zieht.

Michiko Ikeda zeichnet „Spuren wirrer Wege“ innerhalb des Barackenviertels Sanya. Die Protagonistin engagiert sich für die Rechte der Arbeiter und begegnet in Sanya den unterschiedlichsten Charakteren: Dem alten Pfarrer Kobayashi, in dessen Haus regelmäßige Versammlungen stattfinden; Universitätsprofessoren, die sich in Trainingsanzüge werfen, um in der Arbeiterstadt nicht aufzufallen und Ex-Studenten, die lieber auf dem Bau schuften, anstatt weiter auf die Universität zu gehen.

Ken Kaikos „Das Meer in der Hand“ ist die tragische Erzählung über den einsamen Professor Takada, den der Ich-Erzähler in einer Bar kennen lernt. 

In Tomoko Yoshidas „Verführerischer Adlerfarn“ wird es fantastisch: Beim Sammeln von Adlerfarn begegnet die Protagonistin einer kauzigen Alten, die sie auffordert, ihr zu folgen. Die beiden Treffen auf eine Gruppe seltsamer Wallfahrer, die der Protagonistin nicht so fremd sind, wie es zunächst den Anschein hat.

Shohei Ookas Essay „Schnee in Santa Fe“ handelt von seiner Reise durch die USA, die ihn zu Frieda Lawrence, der Witwe von D. H. Lawrence, führt.

Kobo Abes „Hand“ ist bizarr: Die Hand, das ist der Tierpfleger einer Brieftaube, die im Krieg einen Orden erhalten hat. Doch was nützen tierische Helden nach dem Krieg – die Taube wird in Bares umgetauscht. Die Taube wird der Hand noch mehrmals begegnen. Das letzte Mal wird sich das wehrlose Tier in etwas Gefährliches verwandelt haben.

Shun Medorumas Erzählung „Wassertropfen“ wurde 1997 mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Sie erzählt von Tokusho, dessen Bein plötzlich dick anschwillt und er daraufhin in einen Koma-ähnlichen Zustand fällt. Da seine Frau nichts von Krankenhäusern hält und ohnehin keine befriedigende Diagnose gestellt werden kann, wird Tokusho, aus dessen Fuß Wasser austritt, zu Hause gepflegt. Während Tokusho in seinen Wahnträumen seine Vergangenheit als Soldat im zweiten Weltkrieg aufarbeitet, entdeckt sein nichtsnutziger Vetter Seiyu eine interessante Eigenschaft des Wassers kennen, das aus Tokushos Fuß tropft.

Die folgenden vier Erzählungen und Kurzgeschichten „Der Ausritt“, „Das Meer und das Abendrot“, „Die Rose“ und „Die Geschichte vom Mandala“ von Yukio Mishima wirken nach Shun Medorumas „Wassertropfen“ ein bisschen farblos: In „Der Ausritt“ möchte eine gut situierte Dame die junge Frau unter die Lupe nehmen, die ihren Sohn verführt hat, und trifft dabei auf einen ehemaligen und in die Jahre gekommenen Verehrer. „Das Meer und das Abendrot“ betrachtet der Tempeldiener Anri, während er von seinem Schicksal erzählt, das im mittelalterlichen Frankreich als Schafhirte begann: Der Junge Anri hatte eine göttliche Erscheinung und führt die Kinder der Cevennen nach Marseille, um von dort aus Jerusalem zu erobern. Doch anstatt einen Sieg zu erringen, ereilt die Kinder ein anderes Schicksal. „Die Rose“ hat den Tod von Rainer Maria Rilke zum Thema. „Die Geschichte vom Mandala“ erinnert an ein orientalisches Märchen: Der König wünscht von seinen Untertanen die Anfertigung eines Mandalas zu Ehren seines Geburtstages.

Yasunari Kawabatas „Am Abend der Tanzaufführung“ ist eine Kurzgeschichte über Schicksale, die sich streifen und wieder auseinanderdriften.

„Kreta Kano“, die Figur, die Haruki Murakami-Fans bereits aus „Mister Aufziehvogel“ kennen, stellt sich ebenfalls in einer Kurzgeschichte vor und erzählt von ihrem harten Los, permanent zum Vergewaltigungsopfer zu werden, weswegen sie sich in die Abgeschiedenheit zu ihrer Schwester Malta Kano begibt.

„Früher oder später“ kommt der Tod auf die über 80-jährige Autorin Ineko Sata zu. Sie reflektiert in ihrem Essay nicht nur über das Sterben, sondern auch über die Lebenswege kürzlich verstorbener Freunde, den letzten Besuch bei einer der wenigen gleichaltrigen Bekannten und ihr eigenes Verhalten, das sich mit dem Näherrücken des Todes ändert.

Shumon Miura macht sich Gedanken über „Kinder und Enkel“, über Vererbung und Genetik, über die Pflege von bettlägerigen, Alzheimer-kranken Verwandten.

Der Science Fiction Autor Yasutaka Tsutsui entführt in eine verstörende Zukunft: „Der Stamm der Menschenfresser“ hat ein eigenes Territorium, in das sich der Protagonist dummerweise verirrt. Er gerät in die Falle eines Menschfressers und wird als dessen Reiseproviant mit in die Hauptstadt genommen. Da hilft auch kein Jammern und kein Flehen.

Ryunosuke Akutagawas „Tod eines Christen“ kommt wie eine katholische Märtyrer-Geschichte daher: Der schöne Waisenjunge Lorenzo wird aus der christlichen Gemeinschaft unschuldig verstoßen und muss sich fortan alleine durchs Leben schlagen.

Katai Tayamas Protagonist ist „Krank nach jungen Frauen“ – wenn ihm dies bloß nicht zum Verhängnis wird…

Skurril ist Juro Karas „Gogols Tochter“: Taguchi nimmt sich einem Fundstück, einer 50cm großen Puppe an. Diese Puppen haben einerseits reißenden Absatz bei Männern, die sie als Geliebte hegen und pflegen, aber auch genügend Feinde. Alle Anwohner sind aufgefordert, ihre Sexpuppen demnächst in einer gemeinschaftlichen Aktion zu verbrennen. Der Spielesoftware-Entwickler Taguchi nimmt dies zum Anlass, ein Konzept für ein fantastisches Rollenspiel zu schreiben. Doch seine Visionen drängen in die Realität.

Masahiko Shimadas „Der Delphin in der Wüste“ bildet einen fulminanten Abschluss des Erzählbandes: Augenzwinkernd erzählt ein gefallener Engel von seinen Erfahrungen im modernen Tokio.

„Verführerischer Adlerfarn“ ist ein toll illustriertes Buch mit Liebe zum Detail. Nur schade, dass nicht noch etwas mehr Zeit in die Fußnoten investiert wurde. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen tut sich der Leser manchmal etwas schwer (z.B. bei Ineko Satas Essay, da die beschriebenen Personen wohl nur Japanologen bekannt sein dürften). Insgesamt jedoch bietet „Verführerischer Adlerfarn“ eine wunderbare Sammlung der verschiedenen Spektren japanischer Literatur.

Mittwoch, 17. August 2011

„Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ von Yasutaka Tsutsui

Professor Tadano hat vor kurzem seinen eigenen Lehrstuhl bekommen, befindet sich aber in der Universitätshierarchie immer noch im unteren Mittelfeld. Besonders beliebt ist er ohnehin nicht, fällt er doch durch sein endloses, blödes Geschwätz auf. Im Universitätsalltag wird aber sowieso über jeden gelästert und taktisch gehandelt, Intrigen werden gesponnen und Schleimspuren ausgelegt. Korrupt ist so gut wie jeder und arbeiten lässt man am liebsten die Hilfskräfte. Damit liefert der Autor Yasutaka Tsutsui eine bissige Persiflage auf den Universitätsbetrieb.

Doch als hätte Professor Tadano nicht ohnehin schon genug Probleme, muss er seinen Freund Makiguchi decken, der eigentlich im Ausland auf Universitätskosten Studien nachgehen sollte, sich aber statt dessen in seinem Haus verbarrikadiert hat, um wissenschaftliche Aufsätze zu schreiben. Um Makiguchi einen begehrten Posten an einer anderen Universität zuschanzen zu können, begibt sich Professor Tadano in den Korruptionssumpf. Darüber hinaus plagen ihn die Sorgen um seine eigene Karriere. Da hat er doch begonnen unter einem Pseudonym Kurzgeschichten für eine Zeitschrift zu schreiben, was seinen Ruf in der wissenschaftlichen Welt ruinieren kann:

„Die Universität ist so eine Art Gegenwelt. Je mehr öffentliche Anerkennung man gewinnt, desto mehr entfremdet man sich gleichzeitig von der Universität!“ (S. 44)

 Wenn der geschwätzige Kerl mal bloß nicht auffliegt…

Doch dies ist nur die eine Hälfte des Romans. Denn der Leser begleitet Professor Tadano auch bei seinen Vorlesungen über den russischen Formalismus, die Phänomenologie, die Semiotik etc., die ihres gleichen suchen. Professor Tadano sprüht regelrecht vor anschaulichen Beispielen, übt Theoriekritik und entzieht so manchem Kritiker die theoretische Grundlage.

Seit der Publikation des Romans „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ gilt Yasutaka Tsutsui als der „japanische Guru der Metafiktion“. Und tatsächlich: Der Text ist selbstreferentiell, indem er sich selbst als Beispiel in Tadanos Vorlesungen nennt. Auch der Autor Yasutaka Tsutsui wird hier genannt.

Neben Metafiktion stehen aber auch die Schlagworte Slapstick-Fiction und politische Inkorrektheit für Yasutaka Tsutsui. Professor Tadano wirkt auch wirklich wie eine Witzfigur: Ein kleiner, unansehnlicher Zwerg, der die blödesten Witze in den unpassendsten Situationen reißt. Und was die politische Inkorrektheit angeht, trifft die in „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ AIDS-Kranke. Doch dieses Stilmittel lässt sich Yasutaka Tsutsui nicht verbieten, der aus Protest gegen seine Kritiker sogar für eine Weile in Schreibstreik getreten war. Die AIDS-Witze sind jedenfalls definitiv unter der Gürtellinie angesiedelt und lassen sich auch nicht schönreden.

Im Gegensatz zu „Mein Blut ist das eines anderen“ hält „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ voll und ganz, was man sich vom Autor Yasutaka Tsutsui verspricht: Gesellschaftskritik (an der korrupten Universitätswelt; an einer Wissenschaftswelt, die ein geschlossenes System bildet), Slapstick (durch einen schrulligen Protagonisten, der mit seinen Äußerungen die Lachmuskeln strapaziert) und Metafiktion (durch selbstreferentielle Elemente).

Obwohl der Protagonist Professor Tadano der Meinung ist, japanische Literatur mache depressiv, beweist Yasutaka Tsutsui mit "Professor Tadano an der philosophischen Fakultät" das genaue Gegenteil! Sehr schade, dass man die Anschlussvorlesung nicht belegen kann!

Dienstag, 9. August 2011

„Mein Blut ist das eines anderen“ von Yasutaka Tsutsui

Der Buchhalter Ryosuke Kinukawa ist vor zwei Monaten in eine Zweigstelle seiner Baufirma in einer Boomtown versetzt worden. Ryosuke ist ein ruhiger, zurückhaltender Mann Mitte Zwanzig. Doch bereits zweimal hatte er einen gewalttätigen Aussetzer: Das erste Mal wurde er als Kind so von den Nachbarskindern gegängelt, dass er ungewöhnliche Kräfte entwickelte und fast mit einem Sushi-Messer auf sie losgegangen wäre. Das zweite Mal legten sich mehrere Schläger seiner Oberschule mit dem scheinbar einfachen Opfer Ryosuke an, die er allein so aufmischte, dass allen Beteiligten Angst und Bange wurde. Schlimmeres konnte jeweils nur durch ein Eingreifen von Erwachsenen verhindert werden.

Als Ryosuke nun an seinem neuen Wohnort eine Bar besucht, kommt es zum dritten Blackout – und keiner kann ihn mehr zurückhalten: Drei Schlägertypen reizen den vermeintlich schwachen Ryosuke so sehr, dass dieser vor Wut das Bewusstsein verliert und „Escremento“-rufend auf seine Gegner einschlägt, dass diese nur knapp mit dem Leben davonkommen. Als Ryosuke wieder zu sich kommt, beginnen seine Probleme aber erst: Die beiden rivalisierenden Gangster-Familien der Stadt haben ein Auge auf ihn geworfen. Durch einen Trick gelingt es dem Samonji-Clan Ryosuke ihn als Bodyguard für den Anführer zu verpflichten. Aber auch in Ryosukes Buchhaltungsjob liegt einiges im Argen: Seinen Zweitverdienst als Bodyguard muss er geheim halten und zudem entdeckt er, dass sein Vorgesetzter die Bücher frisiert.

Als die Gewalt zwischen den rivalisierenden Yakuza eskaliert, zieht nicht nur Ryosuke vor Wut entbrannt und mordend durch die Stadt.

„Mein Blut ist das eines anderen“ von Yasutaka Tsutsui ist bis zum apokalyptisch-anmutenden Kampf der Familien ein spannender Gangster-Roman. Doch dann wird er erst so richtig brutal: Yasutaka Tsutsui schildert gewalttätige Auseinandersetzungen, in denen das Blut nur so spritzt, die Knochen nur so knacken und die Gehirnmasse nur so ausquillt.

Dem Autor, der die Übertreibung generell als Stilmittel nutzt, um einen Slapstick-Effekt zu erzeugen, gelingt es jedoch nicht allzu gut, die Kämpfe ins Komische zu ziehen. Das Gemetzel zieht sich über fast 100 Seiten hin, bis nur noch wenige Überlebende aus der in Schutt und Asche liegenden Stadt fliehen können. Zwar kann der Leser aufgrund der teilweise abstrusen Handlungen der Protagonisten mehrfach nur den Kopf schütteln – aber ist dies Slapstick oder eher Trash?

Montag, 8. August 2011

Yasutaka Tsutsui

Yasutaka Tsutsui (geboren 1934 in Osaka) studierte an der Doshisha-Universität in Kyoto und gründete 1960 zusammen mit seinen Brüdern das provisorisch anmutende Science-Fiction-Magazin „Null“. Bald darauf veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte. In den 60ern schrieb Yasukata Tsutsui vor allem Science-Fiction; ab den 70er Jahren experimentierte er mit verschiedenen Stilen. Seine Werke wurden mit den bekanntesten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet und dienten vielen Verfilmungen und Animes als Vorbild.

Aufgrund seiner politisch unkorrekten Themen (z.B. satirische Texte über Epileptiker) wurde er zeitweise so kritisiert, dass er zwischen 1993 und 1996 in einen Publikationsstreik trat und nichts veröffentlichte.

Für Yasutaka Tsutsui ist Science-Fiction ein Ansatz der Dekonstruktion der Wirklichkeit vergleichbar mit dem Surrealismus.

Yasutaka Tsutsui gilt insbesondere seit der Veröffentlichung von "Professor Tadano an der philosophischen Fakultät" als der "japanische Guru der Metafiktion".

Interessante Links:
  • Homepage von Yasutaka Tsutsui (leider nur auf Japanisch)

Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert: