Labels

Posts mit dem Label Rotlichtviertel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rotlichtviertel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 4. Februar 2016

„Sandakan Bordell Nr. 8“ von Tomoko Yamazaki

Tomoko Yamazakis „Sandakan Bordell Nr. 8“ kann einem gewaltig aufs Gemüt schlagen. Denn die Autorin hat sich einem besonders bitteren Thema verschrieben – nämlich die Schicksale von Japans Auslandsprostituierten, den Karayukisan, nachzuzeichnen. Und so begleitet der Leser Tomoko Yamazaki auf den Amakusa-Archipel, wo sie ehemalige Karayukisan ausfindig machen will. Doch die Schriftstellerin merkt schnell, dass sie nur ganz behutsam Zugang zu den ehemaligen Prostituierten finden kann. Über die Karayukisan will so schnell niemand mit einer Fremden sprechen.

In einem kleinen Restaurant macht Tomoko Yamazaki die Bekanntschaft mit der alten und völlig verarmten Osaki. Vermutlich ist Osaki eine ehemalige Karayukisan. Um ihr Vetrauen zu gewinnen, nistet sich Tomoko Yamazaki für einige Wochen bei ihr ein. Wie eine Ethnologin erlebt sie so den Alltag von Osaki mit und lässt sich nach und nach deren Lebensgeschichte erzählen, die eine sehr bittere ist.

Osaki wird Ende des 19. Jahrhunderts geboren. Als ihr Vater stirbt, stürzt die Familie in absolute Armut. Die Mutter heiratet erneut, Osaki und ihre Geschwister sind künftig auf sich alleine gestellt. Aufgrund der großen Armut auf dem Amakusa-Archipel ist es nichts Ungewöhnliches, dass junge Mädchen als Prostituierte ins Ausland verkauft werden. Die kleine Osaki hat keine Ahnung, was sie sich antut, als sie im Alter von 10 Jahren einwilligt, ins Ausland zu gehen. Ein Mädchenhändler nimmt sie mit nach Sandakan auf Borneo. Zunächst ist Osaki noch eher Haushaltshilfe, aber mit 13 Jahren muss auch sie anschaffen gehen. Bis zu 30 Freier am Tag hat sie zu bedienen. Und trotzdem werden ihre Schulden, die sie bei ihrem Zuhälter abarbeiten soll, glatt nicht weniger. Irgendwann wird Osaki dann die Nebenfrau eines Engländers, was einen gesellschaftlichen Aufstieg und Zugang zu Geld bedeutet. So kann sie endlich ihren Bruder in der Heimat finanziell unterstützen.

Als der Engländer Borneo verlässt, kehrt auch Osaki einstweilen heim nach Japan. Obwohl ihr Bruder dank des von ihr erwirtschafteten Geldes ein Haus bauen und heiraten kann, ist sie alles andere als ein gern gesehener Gast. Schließlich geht sie erneut ins Ausland und arbeitet als Bardame. Immerhin findet sie einen annehmbaren Ehemann und bekommt einen Sohn. Doch der Mann stirbt und nach Kriegsende lebt sie von der Hand in den Mund. Selbst der eigene Sohn will bald nichts mehr mit ihr zu tun haben. Er schämt sich für seine ungebildete Mutter, die sich in jungen Jahren prostituiert hat. Ein bisschen Geld schickt er ihr monatlich – gerade so viel, dass sie nicht verhungern muss. Sie fristet ihr Dasein in einem Dreckloch, in das Tomoko Yamazaki kurzzeitig mit einzieht.

Neben Osakis Schicksal zeichnet die Autorin auch die Lebenswege von Osakis ehemaligen Kolleginnen auf. Waren deren Leben als Karayukisan schon schrecklich, so trifft es sie nach Kriegsende erneut hart. Die eine geht an einer spät auftretenden Syphilis zu Grunde, die andere ist so verzweifelt, dass sie sich selbst das Leben nimmt.

Osakis Leben geht einem sehr schnell sehr nahe. Mit einfachen Worten wird da ein Schicksal geschildert, das ab dem Zeitpunkt zum Scheitern verurteilt ist, als sie in die Prostitution verkauft wird. Sie opfert sich für die Männer in ihrem Leben auf und erntet nichts weiter als Verachtung. Da tut es gut, im Nachwort der englischen Ausgabe, die teilweise über Google Books verfügbar ist, zu lesen, wie wichtig es für Osaki war, dass ihr als ehemalige Karayukisan und als Analphabetin durch Tomoko Yamazakis Buch endlich eine Stimme verliehen wurde. Dank der Veröffentlichung konnten sich Osakis Lebensverhältnisse wenigstens etwas zum Besseren wenden.

Trotzdem ist „Sandakan Bordell Nr. 8“ harte Kost und der Leser kann sich darauf einstellen, diverse negative Gefühle während der Lektüre zu durchlaufen. Nichtsdestotrotz kann ich das Buch nur jedem ans Herz legen, der sich für japanische Frauenschicksale interessiert. Osakis Leben hat es verdient, erzählt und gelesen zu werden.

Bibliographische Angaben:
Yamazaki, Tomoko: „Sandakan Bordell Nr. 8“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Sumoto-Schwan, Yukiko & Schwan, Friedrich B.), Iudicium, München 2005, ISBN 3-89129-406-9

Sonntag, 17. Januar 2016

„Yonosuke – Der dreitausendfache Liebhaber“ von Saikaku Ihara

Saikaku Ihara entführt den Leser mit „Yonosuke – Der dreitausendfache Liebhaber“ erneut in die Freudenviertel Japans des 17. Jahrhunderts. Sein Protagonist Yonosuke hat es schon als Kind faustdick hinter den Ohren: Er verführt die Damen, wann und wo er nur kann, und ist auch nicht abgeneigt von der Liaison mit dem einen oder anderen Mann. Dank seiner reichen Eltern kann er sich diverse Eskapaden leisten. Doch irgendwann schlägt er so über die Stränge, dass sein Vater ihn verstößt.

Ein Leben als buddhistischer Mönch ist nur von allzu kurzer Dauer – die „vergängliche Welt“ ruft nach ihm; er kann von den Frauengeschichten einfachen nicht die Finger lassen. Ohne Geld in der Tasche zu haben, kann Yonosuke freilich nur mittels solventer Gönner weiterhin in den Freudenvierteln verkehren. Seine amourösen Abenteuer erlebt er nun mit diversen Frauen – gern auch mal mit der einen oder anderen verheirateten. So ist der Ärger vorprogrammiert, der ihn unter anderem sogar ins Gefängnis bringt.

Als sein Vater stirbt, erbt Yonosuke ein unermessliches Vermögen. Keinen Deut weiser als zuvor beschleißt Yonosuke, das Geld in den Freudenvierteln von ganz Japan zu verprassen. Saikaku Ihara schildert nun diverse Geschichten aus den Kuruwas (= Rotlichtvierteln), mal mehr aus Yonosukes Perspektive, mal mehr aus der von verschiedenen Kurtisanen. Diese kurzen Episoden erlauben einen vielfältigen Einblick in das Leben der Prostituierten. So verkehrt Yonosuke primär mit Tayus, den ranghöchsten Kurtisanen, die so populär sind, dass sie sogar gut zahlende Gäste abweisen können.

Die bekanntesten Kuruwas liegen in Kioto, Edo und Osaka; jedes hat seinen eigenen Reiz:

„Die Kuruwas der Städte haben jeweils ihre Eigentümlichkeiten, die Kurtisanen in Shimabara in Kyoto sind fein, vornehm und charmant, die Kurtisanen in Yoshiwara in Edo legen mehr Gewicht auf Stolz, Intelligenz und raschen und flinken Witz.
Was jedoch Pracht und Luxus der Teehäuser anlangt, so steht das Kuruwa von Osaka an erster Stelle.“ (S. 210)

Über die Entstehung von Kuruwas weiß Saikaku Ihara folgendes zu berichten:

„Die Ursprungsorte der Kuruwa-Systeme unseres Landes waren Asatsuma in der Provinz Omi und Murotsu in der Provinz Harima, von diesen beiden Orten aus verbreitete sich das System mit der Zeit über das ganze Land.“ (S. 163)

Oscar Benl schreibt in seinem Nachwort, dass Saikaku Ihara, der sicherlich kein Kind von Traurigkeit war, wahrscheinlich als Inspirationsquelle das lexikonartige Werk „Große Spiegel der Liebeskunst“ nutzte. Mit „Yonosuke – Der dreitausendfache Liebhaber“ begründete Saikaku Ihara das Genre des Ukiyo-zoshi, das sich der flüchtigen, veränglichen Welt der Liebe widmete. Überhaupt war das Werk das erste veröffentlichte Prosawerk des Autors, der vorher primär als Poet schriftstellerisch tätig war.

Als einen Roman kann man „Yonosuke – Der dreitausendfache Liebhaber“ eigentlich nicht bezeichnen, da diverse Episoden aneinandergereiht werden, die man (fast) unabhängig voneinander lesen kann. Wer sich für die Kuruwas, die damaligen Methoden, Liebschaften zu pflegen und das Leben von Tayus interessiert, der wird mit „Yonosuke – Der dreitausendfache Liebhaber“ seine helle Freude haben!

Bibliographische Angaben:
Ihara, Saikaku:
„Yonosuke – Der dreitausendfache Liebhaber“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Kani, Kazuo), Europäischer Buchklub, Stuttgart/Zürich/Salzburg 1966

Freitag, 14. November 2014

„Saikaku-oridome“ von Saikaku Ihara

Saikaku Ihara gilt als DER Autor des Chonin-Milieus, des städtischen Handelsmilieus des 17. Jahrhunderts. Mit „Saikaku-oridome“ glaubt sich der Leser in einem authentischen Sittengemälde wiederzufinden – insbesondere mit einem Einblick in die Kurtisanenkultur der damaligen Zeit. Das postum veröffentlichte Werk ist geprägt von der buddhistischen Lehre der Vergeltung von guten und schlechten Taten – Fleiß allein genügt für die Protagonisten nicht, Reichtum zu erlangen. Vielmehr legt Saikaku Ihara den Finger in die Wunde, dass Kapital zu Kapital wandert, während die Armen sich abstrampeln können, soviel sie wollen – der Erfolg wird ihnen nicht sicher sein.

Acht Geschichten enthält die deutsche Übersetzung von „Saikaku-oridome“. Den Beginn macht „Nur der Kiefernpilz kommt scheinbar aus dem Nichts wie die Bälle des Gauklers“. Die Erzählung illustriert das Leben von Kaufleuten ohne Eigenkapital: Der Gewinn durch den Handel wird durch die Zinsen an die Kapitalgeber, bei denen man sich immer wieder einschmeicheln muss, direkt wieder aufgefressen. Ein findiges Ehepaar jedoch macht aus der Not eine Tugend.

In „Der Lauf des Hozu-Flusses und ein reicher Mann aus Yamazaki“ nimmt ein Händler einen blinden Affen bei sich auf und umsorgt ihn. Als der Kaufmann am Ende des Jahres wegen einer geringen Summe seine Schulden nicht begleichen kann, beschließt er mit Sack und Pack Reißaus zu nehmen. Den Affen muss er leider zurücklassen, doch das Haustier scheint zum Retter in der Not zu werden.

„Der stillzufriedene Salzverkäufer“ ist ein Musterbeispiel an Ehrlichkeit und Genügsamkeit: Mit dem Salzhandel macht er keine sonderlichen Umsätze und lebt so von einem Tag in den nächsten. Selbst als er eines Tages eine prall gefüllte Geldbörse findet, wacht er redlich darüber, bis sich der wahre Besitzer bei ihm einstellt.

„Die Vergnügungen des Menschen sind kurz wie ein Tag, der im Morgengrauen entsteht und im Abenddämmern stirbt. Wenn man es recht bedenkt, ist das Menschenleben ein Traum während eines kurzen Schlafes.“ (S. 32)

So leitet Saikaku Ihara die Erzählung „Aus einer Unbesonnenheit des Augenblicks entstand die Sinneslust“ ein und spricht die „fließend-vergängliche Welt“ an. Fließend-vergänglich ist aber auch der Reichtum eines jungen, knauserigen Mannes, der plötzlich seinen Gefallen an der käuflichen Liebe entdeckt. Zunächst gibt er sich noch mit einem Bademädchen zufrieden, dann kauft er sich eine Kakoi, schließlich eine Tenjin, bis er schließlich sein Geld für eine Kurtisane des höchsten Ranges, eine Tayu, verprasst. Wie lange er sich die Tayu wohl noch leisten kann?

Eine Lästerei über „Die große Nase der Hauswirtin“ führt dazu, dass ein Ehepaar die bisherige Wohnung verlassen muss. Die Wohnungssuche führt zu allerlei Unbequemlichkeiten: In der einen Nachbarschaft zieht eine Verrückte umher, in einem anderen Haus scheint es zu spuken, wo anders wimmelt es vor Kakerlaken. Ob die Ehe dieser Belastung Stand halten wird?

„Von einem Tag auf den anderen in der Dienstbotenherberge leben“ porträtiert das Leben von Dienstmädchen, die aufgrund der schlechten Wirtschaftslage auf dem Land in die Stadt drängen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, während „Auch Helm und Rüstung zum Pfandleiher“ diverse Absonderlichkeiten illustriert, die die Menschen ins Pfandhaus tragen. So verpfänden die Kurtisanen beispielsweise „Gelöbnisbriefe“ mit erfundenen Peinlichkeiten, die sie ziemlich in die Bredouille bringen könnten, sollten sie das geliehene Geld nicht zurückzahlen.

„Der unbeständige Sinn einer Hofdame“ beschreibt den sozialen Abstieg der Hofdame Uguisu no Tsubone, der beginnt, als sie aus einer Unbesonnenheit heraus einen Bürgerlichen heiratet.

Wer sich insbesondere für die damaligen Gepflogenheiten im Freudenviertel interessiert, der dürfte durch den Zeitgenossen Saikaku Ihara viel Authentisches erfahren. Die vielen Fußnoten erläutern detailliert, was damals Usus war: Blieb eine Kurtisane z.B. an einem Feiertag ohne Freier, so musste sie ihrem Zuhälter den entgangenen Gewinn aus eigener Tasche erstatten. Doch auch das Leben der Dienstboten und Händler wird anschaulich illustriert. Daher wirkt „Saikaku-oridome“ wie ein Guckloch in eine längst vergangene Zeit.

Bibliographische Angaben:
Ihara, Saikaku: „Saikaku-oridome“ (Übersetzung aus dem Japanischen: May, Ekkehard), Reclam, Stuttgart 1973, ISBN 3-15-009493-3

Donnerstag, 7. August 2014

„Regenschauer“ von Junnosuke Yoshiyuki

Hideo Yamamura ist Junnosuke Yoshiyukis Protagonist (und Alter Ego) in der Erzählung „Regenschauer“. Yamamura besucht in den 50er Jahren regelmäßig das Freudenviertel von Tokio, um sich die „Hygiene der Seele, deren Ausgeglichenheit“ (S. 8) zu erhalten. Ansonsten hat der Salaryman keine ausgeprägten Hobbies oder Interessen.

Doch die Prostituierte Michiko scheint es ihm besonders angetan zu haben und dies zerrüttet langsam auch den Seelenzustand des Protagonisten. Er versetzt ein Familienerbstück und verwendet zudem sein gesamtes Gehalt darauf, sich mit Michiko zu treffen.

Als sein Kollege Goro, mit dem er sich gerne in den Bordellen herumgetrieben hat, ein Mädchen aus gutem Hause heiratet, wird Hideo besonders mit seinen eigenen Gefühlen konfrontiert. Was bindet ihn an Michiko? Ist er wirklich verliebt in sie? Kann es eine Zukunft für einen Salary Man und eine Prostituierte geben? In Hideo gärt zudem die Eifersucht…

Darüber hinaus erlaubt die mit dem Akutagawa-Literaturpreis ausgezeichnete Erzählung „Regenschauer“ einen Blick in das Rotlichtviertel Tokios der 50er Jahre. Dem Autor und Lebemann Junnosuke Yoshiyuki nimmt man als Leser ab, dass mit „Regenschauer“ eine authentische Beschreibung des Milieus entstanden ist.

Jiro Kawamura kontrastiert in einem kurzen Nachwort die Werke von Yukio Mishima und Junnosuke Yoshiyuki. Beide gelten ihm als Meister der Kurzgeschichte, doch während Mishima eine verzerrte, idealisierte Ordnung der Dinge darzustellen versucht, erscheint im Yoshiyuki sensibler für das Chaos der Moderne, das in dessen Erzählungen vermittelt wird.

In der Tat lebt die Erzählung von starken Bildern, die den Seelenzustand des Protagonisten beschreiben und als Ausblick auf die kommenden Geschehnisse gelesen werden können. Daher ist es auch mehr als bedauerlich, dass bisher nur diese erste Erzählung Junnosuke Yoshiyukis übersetzt worden ist. „Regenschauer“ macht definitiv Lust auf mehr Lesestoff des Autors.

Bibliographische Angaben:
Yoshiyuki, Junnosuke: „Regenschauer“ (Übersetzung aus dem Japanischen: von Collani, Claudia & Elart/Ebert, Jorinde/Furusawa, Yuko/Hirao, Kozo), Dogakusha Verlag, Tokio 1982

Mittwoch, 17. Juli 2013

„Mond überm Dachfirst“ von Ichiyo Higuchi

Ichiyo Higuchis Erzählband heißt zwar nach dem gleichnamigen Werk „Mond überm Dachfirst“, doch ist dies nicht die längste und auch nicht die eindrücklichste Erzählung in dem kleinen Büchlein des Manesse-Verlags. Für mich war dies vielmehr „Solange sie ein Kind war“. Hier beschreibt Ichiyo Higuchi das Leben eines heranwachsenden Mädchens in dem Freudenviertel Yoshiwara. Zwar klingt leise auch Sozialkritik an, doch aus der Perspektive der Protagonistin Midori ist das Leben noch unbeschwert. Die hübsche Kleine bekommt von ihrer älteren Schwester, die als begehrte Prostituierte gut verdient, genügend Geld, um sorglos alles und jedes für sich und ihre Freunde zu kaufen; sie steht im Mittelpunkt ihrer Clique. Wenn da nur nicht der Streit zwischen zwei Jugendbanden und der erste Anflug einer unglücklichen Verliebtheit wäre.

Überhaupt ziehen sich verzweifelte Liebschaften wie ein roter Faden durch Ichiyo Higuchis Erzählungen: In „Kirschblüten in der Finsternis“ verliebt sich Chiyo in den Nachbarsjungen und darbt an unerwiderter Liebe. In „Mond überm Dachfirst“ trauert eine verheiratete junge Mutter ihrem einstigen Herrn nach, dem sie den Haushalt führte und dem sie zur Geliebten wurde. „Eine leere Zikadenhülle“ symbolisiert den Zustand von Yukiko: Nachdem ihr Geliebter in den Tod ging, ist sie dem Wahnsinn verfallen. In „Meister Bitter“ wird O-Cho zum Spielball in einer Intrige, die der Mäzen ihres Bruders strickt. „Ein Schneetag“ handelt wiederum von einer Ich-Erzählerin, die ihre Zukunft ihrer ersten großen Liebe geopfert hat. Einzig in „Am Scheideweg“ ist das Motiv nicht vornehmlich eine unglückliche Liebe eines Mädchens: Hier wird von dem Schirmmacherlehrling Kichi berichtet, der in der Näherin O-Kyo eine einzige Vertraute findet. Doch O-Kyo zieht fort, um Mätresse zu werden.

Wäre „Solange sie ein Kind war“ nicht gewesen, wäre mir Ichiyo Higuchis Bändchen ein bisschen zu eintönig gewesen. Denn das Darben wegen einer unglücklichen Liebe erinnert etwas an romantisierende Kleinmädchenphantasien von der einen, großen Liebe, für die man das Leben gerne opfert. Ausgerechnet die Erzählung über ein Kleinmädchen war dann jedoch das Highlight. Zwar mag auch hier Yoshiwara schön gefärbt werden. Doch gerade hierin lag für mich der exotische Reiz der Erzählung.

Bibliographische Angaben:
Higuchi, Ichiyo: „Mond überm Dachfirst“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Stein, Michael), Manesse, Zürich 2008, ISBN 978-3-7175-2162-4

Sonntag, 9. Dezember 2012

„Gold Rush“ von Miri Yu

Koganecho – die Stadt des Goldes – ist Yokohamas runtergekommenes Rotlichtviertel: Huren, Yakuza und Glückspieler tummeln sich dort. Und auch der Junge namens Kazuki streicht seit Jahren im Viertel umher. Sein Vater Hidetomo betreibt in Koganecho eine Pachinko-Halle, weswegen der Stadtteil zu Kazukis Heimat wird. Dort treibt er sich mit dem Yakuza Kanamoto rum und kehrt im Imbiss „Goldener Pavillon“ ein, deren Betreiber er Opa Sada und Oma Shige nennt. Doch Kazuki ist nicht mehr der kleine Junge, den die Prostituierten gerne auf den Schoß nahmen und schaukelten. Mit 14 Jahren ist er mehr als unzugänglich, nimmt Drogen, schwänzt die Schule und spielt sich in der Spielhalle seines Vaters als Chef auf. Wenn seine Angst und Wut aufeinanderprallen, entlädt sich Kazukis Gewaltpotenzial: So erschlägt er eines Tages mit dem Golfschläger einen der beiden Dobermänner seines Vaters, verletzt den anderen so schwer, dass er eingeschläfert werden muss.

Kazukis Familienverhältnisse sind alles andere als harmonisch: Seine Mutter hat die Familie verlassen. Kazukis älterer Bruder Koki ist geistig behindert und benötigt permanente Pflege. Seine ältere Schwester Miho treibt sich wie Kazuki in der Stadt herum; schläft für Geld mit älteren Männern, um der eigenen Leere zu entkommen. Hidetomo schlägt seine provokante Tochter vor den Söhnen, die unfähig sind, einzuschreiten. Hidetomo betrachtet Kazuki als seinen Erben und verrät ihm das Versteck für das an der Steuer vorbei gehortete Gold.

Als Hidetomo Kazuki droht, ihn in die Obhut eines strengen Lehrers zu geben, sieht Kazuki rot. Wut und Angst prallen aufeinander und er tötet den despotischen Vater mit einem  Samurai-Schwert, verscharrt den Leichnam im Keller. Endlich ist der Störenfried beseitigt, der ein harmonisches Familienleben unmöglich machte. Kazuki träumt von einer liebevollen Familie – doch ob sich dies vor dem Hintergrund des Mordes realisieren lässt?

Die Autorin Miri Yu wurde von dem Fall des Schülers Sakakibara so aufgewühlt, dass sie mit „Gold Rush“ eventuelle Gemeinsamkeiten mit Gewalttätern ausloten wollte. Sakakibara ermordete 14-jährig eine 10-jährige Schülerin und einen 11-jährigen geistig behinderten Jungen in Kobe. Seine Morde bezeichnete er als Spiel. In den Ermittlungsakten wurde Sakakibara als Junge A geführt. Miri Yu nimmt dies auf und spricht über Kazuki meist von „dem Jungen“.

Doch auch eigene Erlebnisse der Autorin fließen in „Gold Rush“ mit ein: Ihr Vater arbeitete ebenfalls in einer Pachinko-Halle in Koganecho, sie selbst verbrachte als Jugendliche ihre Freizeit in diesem Rotlichtviertel. Familiäre Gewalt erlebte sie zur Genüge. Daher machte sie ähnliche Erfahrungen wie Kazukis Familie: Wenn die Kommunikation scheitert, dann bleibt als letztes Mittel die Gewalt.

„Gold Rush“ ist sicherlich keine Belletristik im wörtlichen Sinn: Denn schön ist die Auseinandersetzung mit einem minderjährigen Mörder, der in Rage gebracht zu Gewaltexzessen neigt, sicherlich nicht. Doch legt die Autorin den Finger in die Wunde: Wenn der Vater Probleme mit Gewalt löst und dem Sohn vorlebt, dass dies Macht verschafft, scheint der Junge ein zu guter Schüler zu sein, wenn er schließlich den Vater tötet. Der Junge bleibt dennoch ein Kind – wünscht er sich doch nichts anderes als familiäre Geborgenheit.

Bibliographische Angaben:
Yu, Miri: „Gold Rush“, be.bra Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86124-911-5

Mittwoch, 5. September 2012

„Romanze östlich des Sumidagawa“ von Kafu Nagai

Der Flaneur Kafu Nagai in seinem ureigensten Element: Er lässt seinen Protagonisten und Alter-Ego Tadasu Oe im Jahr 1936 durch das Tokioter Rotlichtviertel Tamanoi streifen. Tadasu ist freilich Autor und freilich auf Recherchetour für eine Erzählung, die von dem pensionierten Lehrer Taneda handeln und „Untergetaucht“ heißen soll. Denn Taneda will seinem lieblosen Familienleben entfliehen und bei der jungen Kellnerin Sumiko untertauchen. Zufällig lernt Tadasu während eines Spaziergangs durch Tamanoi die Prostituierte O-Yuki kennen. Sie erinnert ihn an die alten Edo-Zeiten und bald ist er Stammgast von O-Yuki. Sie wiederum ersehnt Tadasus Besuche ebenfalls.

Die Romanze des Romans steht jedoch nicht wirklich im Vordergrund. „Romanze östlich des Sumidagawa“ gleicht vielmehr einer Collage: Tadasu streift durch Tamanoi und beschreibt die Örtlichkeiten und die geschichtliche Entwicklung der Rotlichtviertel Tamanoi und Yoshiwara. Kafu Nagai setzt seinen verstorbenen Freunden ein Denkmal, indem er Anekdoten über sie erzählt. Er übt Kritik am aufkeimenden, übersteigerten Nationalismus. Er trauert den guten, alten Edo-Zeiten nach. Und er erzählt mit „Untergetaucht“ eine Geschichte in der Geschichte. Das macht „Romanze östlich des Sumidagawa“ zu einem sehr abwechslungsreichen Roman, der dadurch jedoch ohne stringente Handlung und ohne Höhepunkt auskommen muss. Da als Fortsetzungsroman in einer Zeitung erschienen, ist die Romanze sehr episodenhaft. Alles in allem ist „Romanze östlich des Sumidagawa“ für manch einen sicherlich etwas gewöhnungsbedürftig. Doch das Abtauchen in die fremde Welt des Tokioter Rotlichtviertels, das nicht exotisiert wird, erscheint so zugänglich, als sei man zusammen mit Kafu Nagai auf Erkundungstour.

Dank des hervorragenden Nachworts von Barbara Yoshida-Krafft werden der Autor Kafu Nagai vorgestellt und sein Sinn für Ästhetik und sein Schreibstil intensiv dargestellt. So soll der Autor während des Jahres 1936 wohl tatsächlich eine Beziehung zu einer jungen Prostituierten unterhalten haben. Im Sinne des japanischen Ich-Romans, der authentische, vom Autor selbst erlebte Situationen schildert, wäre dies alles andere als abwegig.

Wer mehr über Kafu Nagai erfahren will, dem sei „Tagebuch. Das Jahr 1937“ ans Herz gelegt. Der passionierte Tagebuchschreiber streift natürlich wieder durch Tokio und hat gerade eben erst „Romanze östlich des Sumidagawa“ veröffentlicht.

Bibliographische Angaben:
Nagai, Kafu: „Romanze östlich des Sumidagawa“, Insel, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-458-16576-2

Montag, 4. Juni 2012

„Tagebuch. Das Jahr 1937“ von Kafu Nagai

Wer wollte nicht schon einmal in den Alltag eines hauptberuflichen, berühmten Schriftstellers hineinschnuppern? Mit „Tagebuch. Das Jahr 1937“ erhält man die einmalige Gelegenheit den Autor Kafu Nagai zu begleiten. Mit 1937 hat sich die Übersetzerin Barbara Yoshida-Krafft ein ganz besonderes Jahr im Leben des passionierten Tagebuchschreibers Kafu Nagai ausgesucht: Sein Roman „Romanze östlich des Sumidagawa“ ist gerade erschienen. Seine Mutter liegt im Sterben, was Erinnerungen an den Streit mit seiner Familie heraufbeschwört. Und das Grollen des Krieges wird immer lauter. Aus Protest lehnt Kafu Nagai offizielle Ehren ab. Doch auch ansonsten ist der Autor eher verschlossen: Selbst Privatleuten mag er die Bücher nicht signieren. Klingelt es an der Tür wird vorsichtshalber nicht aufgemacht, es könnte ja ein nerviger Journalist ein Interview machen wollen.

Viel wohler als zu Hause scheint sich Kafu Nagai zu fühlen, wenn er sich in Tokio herumtreibt. So besucht und fegt er die Gräber von Berühmtheiten und bekannten Prostituierten und macht Fotos seiner Stadt, die er selbst entwickelt. Ins Freudenviertel zieht es ihn sowohl privat als auch zur Recherche. Doch leider scheitert er an der Erzählung, die er gerne über das Rotlichtmilieu geschrieben hätte. Und dann gibt es noch ein, zwei Stammkneipen, in denen er sich mit seinen Bekannten regelmäßig trifft.

Mit geradezu distanzierten, knappen Worten beschreibt Kafu Nagai seine Tage. Meist beginnen die Einträge, die zur Veröffentlichung bestimmt waren, mit der Wetterbeschreibung. Auch wenn manche Tage so gar nichts Neues bringen, zieht Kafu Nagais Alltag den Leser in seinen Bann: Ein authentisches Stück Zeitgeschichte offenbart ein Tokio auf dem Weg in die Moderne.

Sonntag, 27. März 2011

„In der Misosuppe“ von Ryu Murakami

Ryu Murakami, das „enfant terrible“ der japanischen Literaturszene, hat mit „In der Misosuppe“ einen wahrlichen Schocker geschrieben: Kenji ist ein Fremdenführer der besonderen Art – er führt Touristen durch das Rotlichtviertel Tokios, begleitet sie zu Peep-Shows, in Anbandelbars und übergibt sie in die Hände von Prostituierten. Ein wunderbarer Job für einen 20-Jährigen – bis Frank, ein amerikanischer Tourist, sein Kunde für die drei letzten Tage des Jahres wird. Frank umgibt eine schaurige Aura, er scheint zwei Gesichter zu haben und Kenji bereut es bereits zu tiefst, ihm drei Nächte verpflichtet zu sein. Seine Bedenken sind nicht unbegründet: In der zweiten Nacht offenbart Frank seine Psyche in einer grausamen Bluttat, in der auch Kenji um sein Leben bangen muss.

Ich habe mich sehr lange davor gedrückt, „In der Misosuppe“ zu lesen. Die Rezensionen für das Buch sind eher durchwachsen und auf brutale Splatterszenen kann ich sehr gut verzichten. Dennoch war ich begeistert von dem Buch. Einerseits ist es sehr spannend geschrieben. Andererseits bildet die Geschichte um den Psychopathen Frank einen Rahmen, in dem Kenji in Reflektionen Ryu Murakamis Gesellschaftskritik ausdrückt: Japan ist eines der reichsten Länder der Welt – und dennoch sterben Menschen an Karoshi, dem Tod durch Überarbeitung. In anderen Ländern müssen sich die Schulmädchen aus einem Überlebenskampf heraus prostituieren, während japanische Schulmädchen freiwillig für eine Louis Vuitton-Handtasche auf den Strich gehen. Das Buch ist definitiv nichts für zart Besaitete. Dennoch mag ich es all jenen ans Herz legen, die sich nicht nur für traumhafte Banana Yoshimoto-Bücher begeistern, sondern sich von Ryu Murakami auch die dunklen Seiten der japanischen Gesellschaft aufzeigen lassen wollen.