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Montag, 25. März 2024

„Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami

Ich bin ja eigentlich kein großer Fan von Klappentexten. Manchmal spoilern sie, manchmal passen sie noch nicht mal zur Story. Im Fall von Haruki Murakamis „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ klingt die Handlung bereits mit den ersten Zeilen des Klappentexts sehr nach „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Wenn man sich die weniger guten Rezensionen auf Amazon anschaut, dann hätten diese teilweise sicherlich durch klarere Kommunikation vermieden werden können. Ein Vorwort zusätzlich zum Nachwort oder ein entsprechender Klappentext hätte vielleicht die eine oder andere Enttäuschung vermieden, dass der erste Teil bis Seite 187 im Grunde genommen schon über „Hard-boiled Wonderland“ bekannt ist und „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ eine Abwandlung des schon bekannten Themas ist. Haruki Murakami gibt im Nachwort ohnehin an:

„Jorge Luis Borgos zufolge gibt es im Grunde nur eine begrenzte Anzahl von Geschichten, die ein Schriftsteller im Laufe seines Lebens richtig erzählen kann. Wir können diese begrenzte Anzahl von Motiven nur in verschiedenen Formen und mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bearbeiten, könnte man sagen.“ (S. 636)

Sprich: Absolut neue Dinge sind vom Autor, der nun 75 Jahre alt ist, wohl nicht mehr zu erwarten. Und so findet sich nach besagten „Hard-boiled Wonderland“-Teil in den folgenden Teilen zwei und drei auch wieder allerlei Bekanntes: eine Bibliothek, ein namenloser Protagonist, Einsamkeit, Warten, Jazz, ein Keller (statt des Brunnenlochs), Essensvorbereitungen, Katzen… Alles keine Überraschungen, fühlt sich aber so wie Heimkommen an. Man weiß halt, was man bekommt. Allzu viel mehr möchte ich über die Handlung gar nicht mehr verraten. Nur vielleicht noch so viel:

Der geheimnisvolle Junge M**, der nahezu immer einen Beatles-Pullover mit dem Motiv des gelben Unterseeboots trägt, hat mich dann doch noch ein bisschen über das Lied „Yellow Submarine“ nachrecherchieren lassen. Ich dachte immer, dass eine geläufige Deutung der Songzeile „We all live in a yellow submarine“ dafür steht, dass jeder von uns in seinem eigenen Mikrokosmos lebt, was nur allzu gut zur ummauerten Stadt gepasst hätte. Allerdings scheinen die Beatles tatsächlich nur ein Kinderlied komponiert zu haben und jede Deutung darüber hinaus würde zu weit gehen. Nichtsdestotrotz scheint ursprünglich der Beginn des Liedes in einer ersten Version „In the place where I was born, noone cared, noone cared ...“ gelautet zu haben. Und leider ist das auch das Schicksal des Jungen. Niemand schert sich so wirklich um ihn, er ist in der Realität fehl am Platz. Sein Ausweg: die Stadt… dank des Jungen nimmt die Geschichte, die zwischendurch ein bisschen vor sich hindümpelt, wieder Fahrt auf. 

Tatsächlich war ich anfangs auch ein bisschen angefressen, dass die ersten knapp 200 Seiten nur eine Abwandlung von „Hard-boiled Wonderland“ waren. Schließlich und endlich ist die neue Version mit „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ aber doch ein äußerst gelungenes Werk und ich wäre gar nicht mal so traurig, wenn es den runden Abschluss des literarischen Schaffens des Haruki Murakami bilden würde. 

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont Verlag, Köln 2024, ISBN 978-3832168391

Dienstag, 1. Mai 2018

"Die Ermordung des Commendatore" von Haruki Murakami

Ein Porträtmaler wird überraschend von seiner Ehefrau verlassen. Nachdem er erst ziellos durch Japan gefahren ist, überlässt ihm ein Studienfreund das Haus seines Vaters in den Bergen bei Odawara. Dieser Vater, der ein berühmter Maler war, vegetiert derzeit in einem Pflegeheim. Nun ist der Porträtmaler einerseits der Housesitter, andererseits kann er das Atelier nutzen, um sich ganz der Malerei zu widmen. Doch die Leinwand bleibt zunächst leer - dem Maler fehlt die richtige Inspiration.

Schließlich lässt der mysteriöse Millionär Menshiki, der auf der anderen Seite des Tals lebt, ein Porträt anfragen. Eigentlich wollte der Maler der Porträtmalerei abschwören und sich einen neuen künstlerischen Ausdruck erarbeiten, aber Menshikis Angebot ist zu lukrativ, um es auszuschlagen.

Zwischenzeitlich entdeckt der Maler auf dem Dachboden des Hauses ein verstecktes Gemälde des früheren Bewohners. Das Sujet zieht ihn absolut in den Bann: Es stellt die Ermordung des Commendatore aus der Oper Don Giovanni dar. Jedoch werden die Personen in die Atsuka-Zeit versetzt und eine der dargestellten Figuren wirkt wie fehl am Platz: Ein langgesichtiger Beobachter guckt aus einer Luke im Boden und gehört sicherlich nicht zu den Akteuren im Don Giovanni.

Eines Nachts beginnen unheimliche Dinge vor dem Haus. Glöckchen bimmeln den Protagonisten aus dem Schlaf. Als er sich auf die Suche nach der Ursache macht, glaubt er, das Geräusch müsse aus einer verschlossenen Grube bei einem Schrein kommen. Als er Menshiki zu Rate zieht, beschließen die beiden, dass sie die Grube öffnen, um nachzusehen. Damit nehmen wunderliche Begebenheiten ihren Lauf.

Wer andere Haruki Murakami-Bücher gelesen hat, der findet in "Die Ermordung des Commendatore" diverse Ähnlichkeiten mit früheren Werken. Da ist ein eher durchschnittlicher Mann, der von seiner Frau verlassen wird. Da ist eine mysteriöse Grube, die an einen Brunnen erinnert. Da kommt ein junges Mädchen ins Spiel, das in Gefahr zu schweben scheint. Ein anderer Mann hortet die Kleidung seiner verstorbenen Geliebten. Alltagshandlungen nehmen großen Raum ein. Schließlich muss der Protagonist eine dubiose Unterwelt durchwandern. Insofern liefert "Die Ermordung des Commendatore" nicht wirklich neuen Stoff, sondern setzt auf Altbewährtes und ist daher leider auch recht erwartbar.

Mich hat der Roman leider nicht so ganz überzeugt. Einerseits war er in meinen Augen so wenig überraschend. Andererseits fand ich das Ende auch nicht sehr geglückt. Für mich als alte Zitatesammlerin von Haruki Murakami-Weisheiten hat vor allem der erste Band wenig geboten. Und so ganz mag ich Haruki Murakami auch nicht seinen Protagonisten abnehmen, der ja Kunst studiert haben soll. Sonst neigt der Autor ja gerne zum Fachsimpeln, aber was zum Thema Kunst kommt, ist dagegen eher simpel.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: "Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2018, ISBN 978-3-8321-9891-6
Murakami, Haruki: "Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2018, ISBN 978-3-8321-9892-3

Mittwoch, 11. Januar 2017

„Von Beruf Schriftsteller“ von Haruki Murakami

Mit „Von Beruf Schriftsteller“ gewährt Haruki Murakami seinen Fans einen mehr als interessanten Einblick in seine Schreibwerkstatt. Darüber hinaus erfährt der Leser auch mehr über die Person des Haruki Murakami; wie der Autor denn generell so tickt:

„Man unterteilt Menschen ja manchmal in Hunde- und Katzentypen. Ich halte mich vornehmlich für einen Katzencharakter. Sobald mir jemand sagt, ich solle nach links gehen, gehe ich nach rechts und umgekehrt. Mitunter schäme ich mich etwas dafür, aber es ist im Guten wie im Schlechten meine Natur.“ (S. 154)

Aber zurück zum Thema Literatur à la Haruki Murakami. Wer sich schon etwas mit dem Autor beschäftigt hat, der weiß, dass ihm die Idee, einen Roman zu schreiben, mehr oder weniger spontan während eines Baseballspiels im Jahre 1978 kam. Daraufhin entstanden seine „Küchentisch-Romane“ „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“, die er am Feierabend, nach Schließung seiner Jazz-Bar, am heimischen Küchentisch schrieb. Für Haruki Murakami bedeutet dies, schriftstellerisch tätig zu sein:

„Ein Schriftsteller erzählt Geschichten. Das ist die Basis. Und Geschichten zu erzählen bedeutet mit anderen Worten, in die unteren Schichten des Bewusstseins vorzudringen. Auf den Grund der Dunkelheit des Herzens. Je größer die Geschichte ist, die ein Autor erzählen will, desto tiefer muss er hinabsteigen. Es ist nichts anderes, als wenn man ein großes Gebäude bauen will und für das Fundament einen sehr tiefen Keller ausheben muss. Und je dichter er die Geschichte erzählen will, desto massiver und beklemmender wird die Dunkelheit in diesem Keller.“ (S. 135)

Da muss man doch direkt an die Handlung von „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ denken oder das Motiv des Brunnens z.B. in „Mister Aufziehvogel“.

Laut Haruki Murakami zeichnet einen langfristig erfolgreichen Autor vor allem seine Beharrlichkeit aus. Ein schriftstellerisches Talent kann direkt an der Oberfläche liegen oder tief vergraben – und wie bei Haruki Murakami selbst erst durch eine plötzliche Eingebung zu Tage treten. Zudem muss ein Schriftsteller Material sammeln, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen, um sich ein inneres Archiv anzulegen:

„Die Welt mag langweilig wirken, doch in Wirklichkeit wimmelt es auf ihr von magischen, geheimnisvollen Rohdiamanten, die darauf warten, geschliffen zu werden. Schriftsteller sind Menschen, die einen besonderen Blick dafür haben, sie zu finden. Und das Wunderbare ist, sie sind kostenlos. Man braucht nur scharfe Augen, dann hat man die freie Wahl und kann so viele von diesen Kostbarkeiten aufsammeln, wie man nur will.“ (S. 100)

Geht es ans konkrete Schreiben, so zieht Haruki Murakami Parallelen zum Jazz: Der Rhythmik des Werks kommt besondere Bedeutung zu. Zudem sind außergewöhnliche Charaktere unentbehrlich. Der Autor muss sich für die einzelnen Etappen genügend Zeit nehmen – für die Vorbereitung, das Schreiben und vor allem die Überarbeitung. Zudem aber auch Zeit, um körperlich fit zu bleiben (dazu lohnt sich sicherlich auch die Lektüre von „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“).

Ein bisschen fühlt man sich auch an Niklas Luhmanns Systemtheorie erinnert, wenn Haruki Murakami schreibt:

„Schöpfer der Figuren ist natürlich der Autor, aber wirklich lebendige Figuren trennen sich an einem gewissen Punkt von ihrem Autor und beginnen eigenständig zu agieren.“ (S. 179)

So komponiert sich der Roman quasi selbst, der Autor formuliert nur noch die Handlung aus. Haruki Murakami bringt als Beispiel, dass „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ursprünglich gar nicht als Roman angedacht war. Doch die Figur der Sara Kimoto habe den Impuls gegeben, dass die Handlung weiter geführt werden müsse. Oder aber auch, dass Aomame in „1Q84“ den Autor quasi beim Schreiben permanent angetrieben habe.

Wie eingangs schon erwähnt: Für Fans bietet „Von Beruf Schriftsteller“ die einmalige Gelegenheit, Haruki Murakami quasi über die Schulter zu schauen. Wer dessen Werke allerdings nicht kennt oder sich ausführliche Tipps im Sinne von Schreibanleitungen verspricht, der sollte lieber zu einem anderen Buch greifen.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Von Beruf Schriftsteller“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2016, ISBN 978-3-8321-9843-5

Samstag, 14. November 2015

„Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ von Haruki Murakami

Der Band „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ vereint Haruki Murakami-Erzählungen aus dem gesamten Spektrum des Autors. Da sind zum Beispiel die fantastischen Erzählungen „TV-People“, „Das grüne Monster“ und „Der tanzende Zwerg“. Während in den ersten beiden Erzählungen die Realität der Protagonisten jäh durchbrochen wird, als ungewöhnliche Wesen in deren Alltag eintreten, spielt „Der tanzende Zwerg“ bereits in einer ganz anderen Realität. Das Motiv der „TV-People“ erinnert etwas an die „Little People“, denen der Leser im Haruki Murakami-Roman „1Q84“ begegnet.

Dann gibt es Erzählungen, die aus der Sicht eines männlichen Studenten geschrieben sind. In „Das Fenster“ und „Der letzte Rasen am Nachmittag“ machen die Ich-Erzähler über ihre Nebenjobs ungewöhnliche Frauenbekanntschaften. Während sich der Protagonist in „Das Fenster“ als Lehrer fürs Briefeschreiben verdingt und eine seiner älteren Schülerinnen eines Tags trifft, mäht der Student in „Der letzte Rasen am Nachmittag“ einen Sommer lang die Rasen seiner Kundschaft. An seinem letzten Arbeitstag kürzt er den Rasen einer etwas kuriosen Witwe.

Andere Erzählungen greifen dann wiederum das Leben von Schülern auf: In „Das Schweigen“ geht es um Mobbing an dem etwas zurückgezogenen Schüler Osawa. Aufgrund gekränkter Eitelkeit setzt ein anderer Schüler böse Gerüchte über ihn in die Welt. Fast droht der bald völlig isolierte Osawa an der Situation zu zerbrechen. In der Kurzgeschichte  „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ geht es in der Binnenhandlung um ein verliebtes Schülerpärchen. Jedoch würde ich den kurzen Text eher als die sensationellste Anmachidee schlechthin bezeichnen.

In „Lederhosen“ und „Familiensache“ geht es um Änderungen in den Familiensituationen. Während es in „Lederhosen“ um eine Trennung geht, findet in „Familiensache“ ein Paar zusammen – zum Ärger des Bruders der Verlobten.

Besonders gut sind die Stimmungen gelungen, die Haruki Murakami mit wenigen und kurzen Sätzen beschreibt. So fühlt der Leser die Sommerhitze beim Rasenmähen geradezu auf der Haut prickeln, erlebt die Wut des gemobbten Schülers hautnah und er kann sogar in die phantastische Welt von „Der tanzende Zwerg“ komplett eintauchen, in der Elefanten in einer Fabrik gefertigt werden, die Menschen Metacol trinken und ein tanzender Zwerg vom Körper eines Arbeiters Besitz ergreift.

Durch die vielfältigen, aber typischen Motive ist „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ sicherlich ein ideales Buch für Haruki Murakami-Einsteiger, die in den Stil des Autors erst mal nur hineinschnuppern möchten. Und für die Haruki Murakami-Fans reiht sich ein literarischer Leckerbissen an den anderen.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Berlin Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8333-0046-9

Donnerstag, 4. Juni 2015

„Wenn der Wind singt & Pinball 1973“ von Haruki Murakami

Endlich sind sie ins Deutsche übersetzt – die ersten beiden Kurzromane von Haruki Murakami. In „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ wird die Vorgeschichte des Ich-Erzählers und seines Kumpans Ratte erzählt, die Haruki Murakami-Leser bereits aus „Wilde Schafsjagd“ und „Tanz mitdem Schafsmann“ kennen.

In dem Vorwort gibt der Autor höchstpersönlich einen interessanten Einblick in die Entstehungsgeschichte der Kurzromane und er weiß von einer Art Erweckungserlebnis zu berichten: Keinesfalls war es der langgehegte Plan Haruki Murakamis, Autor zu werden. Zunächst betrieb er in den 70er Jahren recht erfolgreich zwei Jazz-Kneipen. Mitten während eines Baseballspiels im Jingu-Stadion jedoch kam ihm eine Erleuchtung – warum nicht einen Roman schreiben? Doch sicherlich ist aller Anfang schwer: Die erste Version seines ersten Romans enttäuschte ihn. Mittels einer Krücke fand Haruki Murakami zu seinem Stil: Zunächst verfasste er den Text in einfachem Englisch – komplett ohne die stilistischen Verkünstelungen, zu denen man in der Muttersprache sicherlich neigt. In der Rückübersetzung ins Japanische entstand ein einfacher, aber umso prägnanterer Text. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum der Haruki Murakami-Stil als sehr untypisch für japanische Autoren gilt.

Haruki Murakami nennt die beiden Erstlinge „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ seine Küchentischromane, da sie in seiner spärlichen Freizeit am Küchentisch entstanden. Wäre „Wenn der Wind singt“ nicht für einen Nachwuchspreis nominiert worden – vielleicht hätte Haruki Murakami, wie er selbst angibt, keine weiteren Romane geschrieben. So kann man der Zeitschrift Gunzo nur in Dankbarkeit verbunden sein, dass damals Haruki Murakami mit dem Preis ausgezeichnet wurde. Sonst wären die vielen großartigen Werke des Autors eventuell nie entstanden.

Interessant an den beiden Erstlingen ist, dass sie sich bereits wie typsische Haruki Murakami-Werke lesen und viele typische Elemente enthalten. So bezieht sich der namenlose Ich-Erzähler gern auf einen Autor (in „Wenn der Wind singt“ ist es Derek Hartfield), er hat komplizierte Frauengeschichten am Hals, das Gefühl, ein niemand zu sein, ist sowohl bei ihm als auch seinem Freund Ratte kennzeichnend, Dreh- und Angelpunkt ist eine Bar, hinzu kommen Schächte, Brunnen, Grenzgänge, Ein- und Ausgänge…

Über „Wenn der Wind singt“ sagt der Ich-Erzähler


„Meine Geschichte beginnt am 08. August1970 und endet achtzehn Tage später, am 26. August desselben Jahrs.“ (S. 28)


Doch in zahlreichen Rückblenden wird der Bericht über einige Tage während der Sommerferien des studentischen Ich-Erzählers, der aus Tokio zurück in seine Heimatstadt am Meer gekommen ist, angereichert: Wie er Ratte kennengelernt hat, welche Frauengeschichten er in der Vergangenheit erlebt hat und wie seine Kindheit aussah. Und natürlich wird über den Sinn des Lebens und die Gesellschaft palavert.

In „Pinball 1973“ wird’s bereits etwas phantastischer: So findet sich der Ich-Erzähler – nun bereits Gründer eines Übersetzungsbüros nach abgeschlossenem Studium – unvermittelt in der Gesellschaft eines weiblichen Zwillingspärchens, das sich bei ihm einquartiert hat, wieder. Einziges Unterscheidungsmerkmal der beiden Damen scheint ein unterschiedlich nummeriertes Sweatshirt zu sein. So nennt er sie getreu den Nummern 208 und 209.

Währenddessen macht Ratte in der alten Heimat eine schwere Zeit durch:


„Für Ratte schien der Fluss der Zeit an irgendeiner Stelle durchtrennt worden zu sein. Warum das geschehen war, wusste er nicht. Er konnte nicht einmal die Schnittstelle finden.“ (S. 157)


Insbesondere seit er sein Studium geschmissen hat, liegt seine Gefühlswelt im Argen. Auch eine Frauengeschichte macht ihm zu schaffen.

Der Ich-Erzähler wiederum bekommt wie aus dem Nichts einen Anstoß: Als er in Begleitung der Zwillinge auf einem nahegelegenen Golfplatz herumstromert, kommt ihm seine Leidenschaft fürs Flippern wieder in den Sinn. Doch nicht irgendein Flipper hat ihm angetan: Sowohl in seiner alten Heimatstadt (genauer: in Jays Bar) hat er auf dem Modell Spaceship zusammen mit seinem Freund Ratte Stunden um Stunden geflippert – und auf demselben Modell in einer Spielhölle in Tokio ebenfalls ausgiebig dem Flippern gefrönt. Seine Suche nach dem Modell Spaceship beginnt, denn dummerweise hat Jay seinen Flipper ausgemustert und die Spielhölle wurde geschlossen.

Dabei sieht der Ich-Erzäler das Flippern jedoch durchaus nicht in einem positiven Licht:


„Zwischen Hitlers Vormarsch und dem des Flipperautomaten gibt es Parallelen. Beide stiegen durch gewisse Umwälzungen wie Schaum aus dem Bodensatz ihrer Epoche an die Oberfläche und verdankten ihre mythische Aura eher der Geschwindigkeit ihres Aufstiegs als besonderen Fähigkeiten. Drei Faktoren beschleunigten diese Entwicklung: Technologie, Kapital und, nicht zu vergessen, die primitivsten Instinkte des Menschen.“ (S. 147)


So ist der Flipper vielleicht auch als Sinnbild der Desillusionierung der revoltierenden Studenten der ausgehenden 60er Jahre/beginnenden 70er Jahre zu verstehen? Oder auch als eine Analogie zum Wind in „Wenn der Wind singt“: Genauso wenig wie der Mensch weiß, in welche Richtung ihn der Wind des Schicksals weht, genauso wenig weiß es die Kugel, die über das Spielfeld des Flippers rollt.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Wenn der Wind singt & Pinball 1973“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2015, ISBN 978-3-8321-9782-7

Sonntag, 26. Oktober 2014

„Von Männern, die keine Frauen haben“ von Haruki Murakami

Nur ein halbes Jahr mussten Haruki Murakami-Fans auf die die deutsche Übersetzung des japanischen Originals von „Von Männern, die keine Frauen haben“ warten. Optisch hat der Dumont-Verlag ein fantastisches Cover kreiert – auf dem jedoch ein sperriger Titel prangt. Die englische Version geht mit „Men without Women“ schon viel leichter über die Lippen.

„What I wish to convey in this collection is, in a word, isolation, and what it means emotionally.“, sagt Haruki Murakami im Interview mit dem New Yorker über seinen Erzählband.

Das Gefühl der Isolation durchsetzt mit schwierigen Beziehungen zum anderen Geschlecht ist ohnehin ein klassisches Murakami-Thema. Mit „Von Männern, die keine Frauen haben“ präsentiert der Autor sieben neue „long short stories“ zu diesem Bereich.

Mit „Drive my Car“ betätigt Haruki Murakami den Anlasser des Bandes – und rekurriert nach „Norwegian Wood“ (aka „Naokos Lächeln“) erneut auf einen Beatles-Song. Auch wenn die Liedzeilen von „Drive my Car“ nicht wirklich zur Handlung der gleichnamigen Erzählung passen, so kommen doch einige Motive darin vor: ein Schauspieler, eine Chauffeurin und Sex. Der Schauspieler Kafuku ist von seiner Agentur dazu verdonnert worden, sich eine Weile fahren zu lassen, statt selbst seinen Saab durch die Stadt zu lenken. Auch wenn Kafuku von Frauen als Autofahrerinnen nicht allzu viel hält, stellt er die raubeinige Misaki auf eine Empfehlung hin ein. Ihr offenbart er während der gemeinsamen Autofahrten intime Details aus seiner Vergangenheit und seiner Ehe mit seiner zwischenzeitlich verstorbenen Ehefrau.

Mit „Yesterday“ wird das Beatles-Thema wiederum aufgenommen. Kitaru, ein Freund des Ich-Erzählers aus Studententagen, verballhornt und trällert den Beatles-Hit mit Nonsense-Übersetzungen ins Japanische. Wie ein düsteres Omen hängen diese Textzeilen über Kitarus Beziehung zu dessen Jugendliebe Erika.

Die dritte Erzählung „Das eigenständige Organ“ fällt für mich etwas aus dem Band heraus, weil der Protagonist Tokai kaum greifbar wird. Es wird zwar viel über ihn berichtet, aber sein Bild und sein Leid, als er sich unglücklich verliebt, bleiben diffus.

Geheimnisvoll wie tausendundeine Nacht wird es in „Scheherazade“: Aus ungenannten Gründen muss Habara abtauchen. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist eine Hausfrau, die Habara Scheherazade nennt – denn genauso wie die arabische Märchengestalt erzählt die Frau ihm Geschichten, die an einem Höhepunkt abbrechen. Jedoch schläft sie nicht des Nächtens mit ihm, sondern am Spätnachmittag. Während eines dieser Stelldicheins erzählt sie Habara unter anderem von ihrer Karriere als jugendlicher Stalkerin.

„Kinos Bar“ ist keine Kneipe, in der das Leben tobt – vielmehr ist sie ein Rückzugsort für ihren Besitzer Kino. Hier leckt Kino seine Wunden, die ihm die Trennung von seiner Ehefrau zugefügt hat. Doch das bequeme, aber leere Leben sollte Kino besser nicht länger weiterführen…

„Samsa in Love“ verspricht eine Umkehrung von Kafkas „Verwandlung“: Eines Tages wacht „er“ als Gregor Samsa auf – und muss sich nicht nur an das Leben als Mensch gewöhnen, sondern verliebt sich auch noch Knall auf Fall in eine bucklige Frau vom Schlüsseldienst.

Der Selbstmord seiner ehemaligen Geliebten ist der Auslöser für den Ich-Erzähler, sich Gedanken „Von Männern, die keine Frauen haben“ zu machen:

„Zu Männern, die keine Frauen haben, zu werden ist ganz leicht. Man braucht nur eine Frau leidenschaftlich zu lieben, die dann verschwindet. […] Und sobald ihr einmal Männer seid, die keine Frauen haben, dringt die Farbe der Einsamkeit tief in eure Körper ein. Wie verschütteter Rotwein in einen hellen Teppich.“ (S. 249)

„Das eigenständige Organ“ und die Erzählung „Von Männern, die keine Frauen haben“ haben mit am wenigsten in den typischen Murakami-Bann gezogen. Die mysteriösen bzw. kafkaesken Erzählungen „Kinos Bar“ und „Samsa in Love“ zählen für mich zu den Highlights des Bandes, die nur allzu sehr für eine Fortschreibung als Roman taugen würden.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Von Männern, die keine Frauen haben“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2014, ISBN 978-3-8321-9781-0

Freitag, 25. April 2014

„Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ von Haruki Murakami

In Haruki Murakamis „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ begegnen wir wieder einmal einem namenlosen Ich-Erzähler. Es ist weniger die Persönlichkeit als vielmehr die Profession, die zunächst in den Mittelpunkt gerückt wird: Er ist ein Kalkulator, der Daten für das „System“ verschlüsselt, um sie vor Datendieben in Form von den Semioten zu schützen. Im Job funktioniert der Kalkulator, sein Privatleben liegt dagegen brach: Die Ehe kaputt, keine Freunde…

Eines Tages bekommt der Ich-Erzähler einen ominösen Auftrag: Ein verquerer Alter ruft ihn zu sich in sein unterirdisches Labor und weist ihn an, Daten mit einer streng geheimen und eigentlich zwischenzeitlich verbotenen Methode zu kodieren. Das Ende der Welt sei von den Fähigkeiten und der Professionalität des Kalkulators abhängig. Neben den Datendieben sollen auch die Schwärzlinge, die im Untergrund leben und Menschen fressen, hinter den verschlüsselten Informationen her sein. Es handle sich dabei um äußerst sensible Forschungsergebnisse: Der Alte mag herausgefunden haben, wie man die Gedanken von Menschen und Tieren aus dem jeweiligen Schädel herauslesen kann. Nicht auszudenken, dass Folter durch Enthauptungen ersetzt werden könnte, um an geheime Informationen zu kommen.

Und tatsächlich statten einige illustre Gestalten dem Kalkulator einen Besuch ab; unter anderem, um einen Schädel, den der Alte dem Kalkulator geschenkt hat und der sich als der eines Einhorns herausstellt, zu stehlen. Doch auch die dicke Enkelin des Alten wird vorstellig: Ihr Großvater scheint in den unterirdischen Katakomben, in denen sich sein Labor befindet, verschwunden zu sein. Ob die Schwärzlinge, die zwischenzeitlich gemeinsame Sache mit den Semioten machen, ihn entführt haben? Der Kalkulator soll dem Mädchen helfen, ihn ausfindig zu machen.

Zu diesem Erzählstrang namens „Hard-boiled Wonderland“, der sich wie ein Science-Fiction liest und in einem lakonisch-sarkastischen Tonfall gehalten ist, gesellt sich ein zweiter, märchenhafter mit „Das Ende der Welt“. Ein wiederum namenloser Ich-Erzähler tritt in eine ihm unbekannte Stadt ein. Doch dafür muss er erst einmal Abschied von seinem Schatten nehmen. Ein Wächter nimmt ihm den Schatten ab und will sich fortan um diesen kümmern. Dem Ich-Erzähler wird die Funktion des Traumlesers zugewiesen. Als solcher soll er künftig in der Bibliothek der Stadt Träume aus Einhornschädeln lesen.

Kaum ein anderer Haruki Murakami-Roman ist so offensichtlich von den Motiven der Grenzgänge und der Parallelität unterschiedlicher Realitätsebenen geprägt wie „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Die Spiegelungen von einer Welt in die andere sind leicht zu identifizieren und machen einen Teil des Reizes von „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ aus. Nach „Kafka am Strand“ ist „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ mein zweitliebster Haruki Murakami-Roman. Er sei jedem ans Herz gelegt, der sich auf ein Gedankenexperiment einlassen mag: Schlummert nicht in jedem einzelnen Menschen eine eigene Realität, die nur ihm zugänglich ist? Ist nicht ohnehin unsere Wahrnehmung so partiell, dass wir nur immer Teilbereiche der externen Welt erfassen können? Und wie beeinflussen oder gar bedingen sich das Innen und das Außen?

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Ortmanns, Annelie), btb, München 2007, ISBN 978-3-442-73627-0

Samstag, 11. Januar 2014

„Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami

Die „Années de Pèlerinage“ von Franz Liszt, die Pilgerjahre, und insbesondere das Stück „Le mal du pays“ begleiten den zwischenzeitlich 36-jährigen Tsukuru Tazaki seit seiner Schulzeit. Die engelsgleiche Shiro hatte damals das Klavierstück öfter gespielt. Doch zu Shiro hat Tsukuru seit 16 Jahren keinen Kontakt mehr. Denn irgendetwas ist vorgefallen, das Anlass war, Tsukuru für immer aus seiner Clique zu verstoßen. Diese Clique war gar mehr als ein Freundeskreis; sie war die perfekt austarierte Harmonie, fünf Teenager die einen optimalen Kreis bildeten. Mit einem kleinen Schönheitsfehler: Während vier davon in ihrem Nachnamen eine Farbe (Aka, Ao, Shiro und Kuro = Rot, Blau, Weiß und Schwarz) trugen, war das bei Tsukuru nicht der Fall. Er war in diesem Sinne farblos.

Als Tsukuru nach Tokio zum Studieren gegangen war, erhielt er einen überraschenden Anruf eines der Freunde – er solle sich gefälligst nie wieder bei ihnen melden, sie wollen nie wieder Kontakt mit ihm haben. Diese Nachricht stürzte ihn in eine tiefe Depression, die ihm den Tod immer näher brachte. Doch Tsukuru überwand diese schwierige Phase und lebte fort – wenn auch nicht in Saus und Braus, doch überlebte er den Verstoß durch die Freunde, die ihm die Welt bedeutetet hatten. Dennoch fühlte sich Tsukuru leer, farblos und langweilig. Zwischenzeitlich fand er nur einen Freund (mit einer Farbe im Namen), der ihn jedoch auch bald für immer verließ.

Als Tsukuru mit 36 die zwei Jahre ältere Sara kennenlernt, bemerkt diese, dass Tsukuru ein unverarbeiteter Schmerz inne wohnt. Bevor sie sich mit ihm einlassen will, stellt sie ihm die Bedingung, sich mit seinen vier Freunden auszusprechen. Sie steht im mit Rat und Tat bei Seite, um die jeweiligen Treffen zu arrangieren. Schritt für Schritt erfährt Tsukuru, warum seine Freunde ihn aus ihrer Mitte verstoßen haben.

Dem ersten Kapitel von Haruki Murakamis „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ gelingt es noch nicht, den Leser zu fesseln. Das mag an den Personenbeschreibungen liegen, die an faktische Aufzählungen erinnern und so ein recht nüchternes Bild der Charaktere zeichnen. Auch die tiefe Verzweiflung des Tsukuru war für mich nicht recht greifbar. Gott sei Dank rücken die Figuren in den folgenden Kapiteln etwas näher; man beginnt mit Tsukuru mitzuleiden.

Aus der Erzählstruktur wurde mir nicht hundertprozentig klar, ob es sich um einen auktorialen Erzähler handelt. Zu Beginn deutet nur ein Satz darauf hin, dass eine Reflektorfigur erzählen könnte:

„Ich weiß nicht, ob man es einen Zufall nennen kann…“ (S. 11)

Gegen den auktorialen Erzähler spricht, dass Tsukuru anfangs als eine Figur ohne wesentliche Eigenschaften geschildert wird, Tsukurus Freunde dem später aber vehement widersprechen. Die Widersprüchlichkeit von (scheinbarer) Faktizität und der Subjektivität der Charkatere muss der Leser mit sich aushandeln.

Viele typische Murakami-Elemente tauchen auch in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ auf: Die wunderbare und geheimnisvolle Frau; Schwimmen; ungewöhnliche Namen; ein Musikstück, das den Protagonisten begleitet; plötzliches Verschwinden von Personen; das Verlorensein in der Großstadt; das Gefühl, ein Versager zu sein. Die Grenzgänge, die manche Murakami-Romane beherrschen, sind jedoch nicht ganz so ausgeprägt.

Eine Identifikation mit dem Protagonisten fällt in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ etwas schwerer als mit den Charakteren anderer Murakami-Werke. Das mag daran liegen, dass die schicksalhafte Wendung 16 Jahre in der Vergangenheit angesiedelt ist und man Tsukuru als Menschen kennenlernt, in dem die Traurigkeit und die Einsamkeit bereits tief verwurzelt sind. Trotzdem geht einem der Schmerz freilich zu Herzen, doch betrachtet man Tsukuru stets aus einer beobachtenden Distanz und beginnt, ihn zu bemitleiden, statt sich mit ihm zu identifizieren. Sicherlich ist „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ gute Unterhaltung, die auch ernste Fragen (Kernfrage für mich: Wäre man heute der-/dieselbe, wenn damals dieses oder jenes nicht passiert wäre?) aufwirft, doch an ältere Murakami-Werke reicht der Roman für mich nicht heran.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2014, ISBN 978-3-8321-9748-3

Freitag, 30. August 2013

„Die unheimliche Bibliothek“ von Haruki Murakami

Man nehme eine Bibliothek, einen Jungen und einen Vogel und man denkt an „Kafka am Strand“. Man nehme ein unterirdisches Labyrinth, eine Bibliothek und Schädel und man denkt an „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Man nehme einen Schafsmann, ein bezauberndes Mädchen und ein Bandwurmuniversum und man denkt an „Wilde Schafsjagd“. Man nehme alle diese Zutaten zusammen, dann willkommen in Haruki Murakamis „Die unheimliche Bibliothek“.

Man könnte nun ja vermuten, dass die Erzählung daher ein besonders großer Wurf ist. Ich war jedoch eher etwas enttäuscht. Ein fader Protagonist, glatt keine Murakami’schen Lebensweisheiten und leider reißen es die Illustrationen von Kat Menschik auch nicht raus. Letzteres mag vielleicht auch daran liegen, dass der Text nicht allzu verspulte Inhalte hergibt, weswegen die Illustrationen teilweise auch nicht so psychedelisch wirken wie beispielsweise in „Schlaf“.

Die Erzählung beginnt, als ein Junge (ein ziemliches Muttersöhnchen und ein Ja-Sager) in der Bibliothek, in der er seit Jahr und Tag ein und aus geht, Bücher zurückgibt. Aus unerfindlichen Gründen wird er von der Bibliothekarin in den Keller geschickt, wohin sich der kleine Befehlsempfänger auch sofort begibt. In Zimmer 107 trifft er auf einen unheimlichen Mann, der ihm die gewünschten Bücher zum Thema „Steuereintreibung im Osmanischen Reich“ (das „spannende“ Thema Steuereintreibung beschäftigt Teenager natürlich üblicherweise) übergibt. Da die Ausleihe nach Hause nicht möglich ist, wird der Junge in einen verliesartigen Lesesaal gelockt – und eingesperrt. Denn der alte Mann hat Grausiges mit ihm vor. Doch unversehens bekommt der jugendliche Gefangene Hilfe von illustren Gestalten.

In einer halben Stunde ist die Geschichte, die leider nicht sonderlich mitreißt, ausgelesen. Der Einstieg wirkt mir zu konstruiert. Mit dem Protagonisten werde ich mal so gar nicht warm. Und die Handlung erscheint mir zu sprunghaft und unausgegoren. Auch wenn ich Haruki Murakamis Werke generell mag – „Die unheimliche Bibliothek“ hat mich nicht überzeugt.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die unheimliche Bibliothek“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2013, ISBN 978-3-8321-9717-9

Sonntag, 11. August 2013

„Kafka am Strand“ von Haruki Murakami

Das Schöne an diesem Blog ist, dass ich einen Grund habe, meine Haruki Murakami-Bücher nochmals zu lesen, um sie zu rezensieren. „Kafka am Strand“ war mein erster Haruki Murakami und auch mein Einstieg in die japanische Literatur überhaupt. Ich war bei der zweiten Lektüre gespannt, ob sich dieselbe Faszination wie beim ersten Mal erneut auslösen würde. Und ja, für „Kafka am Strand“ kann ich immer noch nur die lobendsten Worte finden. Der Roman ist und bleibt einfach mein liebster Haruki Murakami. Die Protagonisten gehen einem zu Herzen, die Handlung ist phantastisch ohne ins Fantasy-Genre abzudriften und bietet Platz für eigenen Interpretationsspielraum. Eine glasklare Lösung darf der Leser freilich nicht erwarten. Denn „Kafka am Strand“ steckt voller Grenzgänge, die sich nicht einfach auflösen lassen: Grenzgänge zwischen Erinnerungen und Gegenwart, Leben und Tod, Innen und Außen, zwischen Realitätsebenen, Geschlechtergrenzen, verschiedenen Seiten des Ichs, Zeiten…

Im Zentrum der Geschehnisse steht der Teenager Kafka Tamura, der von Zuhause ausreißt. Zuhause ist in Tokio bei seinem alleinerziehenden Vater, einem berühmten Bildhauer. Dieser hat Kafka eine düstere Prophezeiung gemacht – Kafka nimmt lieber Reißaus, bevor ihn sein Vater zu etwas machen kann, das er nicht sein möchte. Ohne im Vorfeld zu wissen, wohin er gehen soll, landet Kafka an einem Ort, den er zwar nicht aktiv gesucht hat, der ihm aber das Gefühl gibt, hier richtig zu sein. Es ist eine privat betriebene Bibliothek, in der Oshima und Saeki arbeiten. Oshima ist weder Mann noch Frau, Saeki lebt in ihren Erinnerungen und ist nur körperlich anwesend; gedanklich ist sie in der Vergangenheit bei ihrem verstorbenen Liebsten. Mit Saeki glaubt Kafka seine verschwundene Mutter getroffen zu haben.

In einer zweiten Erzählebene begegnet man dem 60-jährigen Nakata, der als Junge sein Gedächtnis verloren hat – ebenso wie die Dichte seines Schattens. Zwar ist Nakata nicht mehr fähig, zu lesen und sich außerhalb seines Viertels zu Recht zu finden, dafür kann er aber mit Katzen sprechen. Seine Sozialhilfe bessert er damit auf, verschwundene Katzen aufzuspüren. Doch eines Tages kreuzt ein Katzenmörder namens Johnny Walker seinen Weg – und drängt Nakata zu Dingen, die er unter normalen Umständen nie tun würde. Als Folge muss Nakata aus Tokio verschwinden, lässt Sardinen, Makrelen und Blutegel regnen und findet unversehens einen getreuen Helfer in dem Fernfahrer Hoshino. Als Ziel kristallisiert sich die Bibliothek heraus, in der sich Kafka gerade aufhält. Ein Kreis scheint sich zu schließen – denn auch Saeki hat nur einen halb so dichten Schatten wie andere Menschen.

Typisch Haruki Murakami werden auch philosophisch angehauchte Gespräche geführt; primär zwischen Oshima, der guten Seele der Bibliothek, und Kafka, wie z.B.

„Je dringender man etwas sucht, desto weniger findet man es. Aber wenn man einer Sache entkommen will, stößt man wie von selbst auf sie.“ (S. 215)

So wird Oshima zum Berater von Kafka, der sich in einer multiplen Krise befindet: Er verliebt sich zum ersten Mal unglücklich, wird eines Mordes verdächtigt, hat einen Gedächtnisaussetzer und weiß bald nicht mehr, wohin mit sich selbst. Die Dialoge zwischen Oshima und Kafka tragen die Handlung zwar nur bedingt weiter, sind aber dennoch unverzichtbar für den Charme, der „Kafka am Strand“ ausmacht. Ein bisschen verdutzt war ich trotzdem auf Seite 391, als ich auf das Tschechow Zitat „Wenn man im 1. Akt eine Pistole auf die Bühne bringt, muss sie im letzten Akt abgefeuert werden“ gestoßen bin. Dies hat der Autor auch in dem letzten Roman „1Q84“ als Aufhänger für eine Diskussion unter den Charakteren genutzt. Ging dem großen Haruki Murakami denn in „1Q84“ der Stoff für tiefschürfende Dialoge aus?

„Kafka am Strand“ kann gut und gerne als Märchen für Erwachsene durchgehen. Und die Moral von der Geschicht? Vielleicht diese hier:

„Es klingt platt, aber was geschehen wird, weiß man erst, wenn es wirklich geschehen ist. Mitunter sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen.“ (S. 475)

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Kafka am Strand“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), btb, München 2006, ISBN 978-3-442-73323-1

Dienstag, 30. Oktober 2012

„Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ von Haruki Murakami

Auch dem Buchrücken von Haruki Murakamis „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ steht bereits so treffend „Für Leser und Läufer: Murakamis persönlichstes Buch“. Das sollte man eher als Vorwarnung als als Beschreibung verstehen: Wer sich nicht für die Sportphilosophie eines Marathonläufers interessiert oder als Murakami-Fan nicht mehr über den Autor erfahren will, für den wird das Buch eventuell enttäuschend ausfallen. In „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ gibt es keinen spannenden Plot oder überraschende Wendungen, sondern primär Reflektionen des Autors über sich, seine Eigenschaften und warum ihm Sportarten, die seine Zähigkeit herausfordern, besonders liegen. Und weil Haruki Murakami gerne seine Grenzen auslotet, ist er wohl auch der Schriftsteller, der er ist:

„Sich selbst bis an seine persönlichen Grenzen verausgaben ist die Essenz des Laufens und eine Metapher für das Leben überhaupt (und für mich auch für das Schreiben).“ (S. 76)

Ich gebe zu, dass ich als Sportniete mit den Beschreibungen der sportlichen Aktivitäten (vom Marathon nach Marathon, Ultramarathon und Triathlon) nicht besonders viel anfangen konnte. Die Analogie des Sports zum Schreiben fand ich umso interessanter. In „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ wird insbesondere geschildert, wie aus dem Barbesitzer Murakami der Autor (und Sportler) Murakami wurde. Dass er ein passionierter Schallplattensammler ist und gerne schwimmt – genauso wie viele seiner männlichen Protagonisten.

Insofern sei „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ wirklich nur Haruki Murakami-Liebhabern ans Herz gelegt. Der als eher scheu bekannte Autor gibt hier Einblick in seinen (sportlichen) Alltag und seine Lebensphilosophie, was sicherlich nicht für jeden spannend ist. Zwar werden immer wieder nette Anekdoten eingestreut, doch seitenweise berichtet der Autor nur von seinen Trainingsfortschritten und Marathonläufen.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“, btb, München 2010, ISBN 978-3-442-73945-5

Montag, 2. April 2012

„Tanz mit dem Schafsmann“ von Haruki Murakami

Mit „Tanz mit dem Schafsmann“ spinnt Haruki Murakami die „Wilde Schafsjagd“ weiter. Vier Jahre sind vergangen, der namenlose Ich-Erzähler ist zurück in Tokio und widmet sich journalistischem „Schneeschaufeln“ – er schreibt bedeutungslose Artikel am Fließband. In beruflicher Hinsicht funktionert er einfach und arbeitet zugeteilte Aufgaben effizient und zur vollen Zufriedenheit seiner Auftraggeber ab. Doch seelisch ist er zerrüttet, denn seit seinem Abenteuer vor vier Jahren, als er auf „Wilde Schafsjagd“ ging, sind ihm alle Freunde abhanden gekommen. Ihm wird nun bewusst, dass er zurück zum Hotel Delfin muss, an den Ort, an dem sich damals die Jagd in die entscheidende Richtung entwickelte. In Sapporo angekommen, staunt der Protagonist nicht schlecht: Statt des heruntergekommenen Hotels, das er erwartet hat, steht nun an derselben Stelle und unter demselben Namen ein Hotel der Luxusklasse. Der Neubau macht seine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit dem Schafsmann zunächst zunichte.

Im Vertrauen berichtet die junge Rezeptionistin Yumiyoshi jedoch von mysteriösen Vorgängen im Hotel Delfin: Als sie eines Abends im Personalstockwerk aus dem Lift aussteigen wollte, befand sie sich statt dessen in einem völlig dunklen, modrigen Flur, der von etwas Unheimlichen bewohnt wurde. Auch der Ich-Erzähler gelangt schließlich in diese verborgene Etage und trifft auf den Bewohner – den Schafsmann. Dieser gibt den Protagonisten einen Rat, den er künftig befolgen soll:

„‚Tanze’, sagte der Schafsmann. ‚Das ist der einzige Weg. […] Ich kann dir nur sagen: tanze. So gut du nur kannst. Du hast keine andere Wahl.’“ (S. 110)

Doch ob dem Ich-Erzähler dadurch das ersehnte Glück vergönnt sein wird, kann der Schafsmann nicht garantieren.

Der Tanz beginnt: Der Protagonist wird zum Beschützer und Begleiter der 13-jährigen Künstlertochter Yuki, die über hellseherische Fähigkeiten verfügt; freundet sich mit seinem ehemaligen Mitschüler Gotanda an, der nun Filmstar, aber genauso einsam wie der Ich-Erzähler ist; wird zu unrecht als Prostituiertenmörder verdächtigt und verliert vor allem erneut Menschen, die ihm nahe stehen. Wird es ihm trotzdem gelingen, in der Liebe seine Erfüllung zu finden?

Typisch Haruki Murakami geht auch in „Tanz mit dem Schafsmann“ die Handlung nicht allzu schnell voran: Der Protagonist philosophiert beispielsweise ausführlich über die Namen von Pop- und Rockbands und übt Kapitalismuskritik:

„Wir leben schließlich in einer hochkapitalistischen Gesellschaft. Verschwendung gilt hier als höchste Tugend.“ (S. 26)

Und:

„Verschwendung ist der Treibstoff, der Widersprüche erzeugt, und Widersprüche kurbeln die Wirtschaft an, und eine angekurbelte Wirtschaft führt wiederum zu mehr Verschwendung“ (S. 34f)

„Tanz mit dem Schafsmann“ enthält – wiederum typisch Haruki Murakami – verschiedene Wirklichkeitsebenen: Ist der Schafsmann Realität oder nur ein Hirngespinst? Der Filmstar Gotanda kann nicht mehr zuordnen, was wirklich geschehen ist und was er sich einbildet. Und Yuki hat mysteriöse Visionen.

Wer Haruki Murakamis Erzählweise mag, für den ist „Tanz mit dem Schafsmann“ ganz großes Kino: Ein kauziger, aber sympathischer Loser-Typ auf der phantastischen Suche nach Erfüllung.

„Wilde Schafsjagd“ muss man nicht zwangsweise vor „Tanz mit dem Schafsmann“ gelesen haben. Dennoch fehlen ansonsten der Witz an der Namensgebung von Sardine, die Erinnerung an Kikis magische Ohren und die Spannung, was wohl aus dem alten Hotel Delfin geworden sein mag.

Freitag, 28. Oktober 2011

„1Q84“ von Haruki Murakami

Die Fitnesstrainerin Aomame geht einem gefährlichen Zweitjob nach: Sie ist Profi-Killerin und gerade auf dem Weg, einen Mann ins Jenseits zu befördern, als sie unversehens vom Jahr 1984 ins Jahr 1Q84 transportiert wird. Die Welt in dieser anderen Realitätsebene ähnelt der gewohnten sehr stark – doch am Himmel stehen zwei Monde und die illustre Sekte der Vorreiter treibt ihr Unwesen. Aomame wird beauftragt, dem gefährlichen und gut abgeschirmten Sektenführer das Leben zu nehmen.

Der zweite Erzählstrang wird aus der Sicht von Tengo erzählt, der den Auftrag erhält, als Ghostwriter den Erstlingsroman von Fukaeri zu überarbeiten. Fukaeri ist aus der Gemeinschaft der Vorreiter ausgebrochen und schreibt mit „Die Puppe aus Luft“ einen fantastischen Roman über zwergenhafte Gestalten namens „Little People“. Die Veröffentlichung des Romans wird wirtschaftlich zu einem großen Erfolg, doch reagieren die Vorreiter äußerst empfindlich. Sie setzen Ushikawa, einen unangenehmen Privatdetektiv auf Tengo an. Der Verleger der „Puppe aus Luft“ verschwindet spurlos und Fukaeri hält sich versteckt.

Knapp 1.600 Seiten umfassen die drei Bücher von „1Q84“, die in zwei Bänden veröffentlicht sind. Im dritten Buch erhält Ushikawa einen eigenen, dritten Erzählstrang. Ushikawa, der als Figur bereits in Haruki Murakamis Roman „Mister Aufziehvogel“ einen Auftritt hatte, verfolgt Aomame und heftet sich deshalb an Tengos Fersen, da er die äußerst private, romantische Verbindung der beiden aufdeckt.

Gemessen an der hohen Seitenzahl geschieht in „1Q84“ nicht allzu viel. Was in den ersten beiden Büchern nicht viel ausmacht, da jeder Exkurs interessant und typisch Murakami ist. Etwas zäh beginnt jedoch das dritte Buch mit einer Rekapitulation der vergangenen Geschehnisse und den vorerst redundanten Informationen, die Ushikawa in Erfahrung bringt. Zudem besteht das dritte Buch vor allem aus Warten: Tengo wartet am Krankenbett seines komatösen Vaters auf eine Änderung des Zustands des Patienten. Aomame wartet darauf, Tengo endlich wieder zu sehen. Und Ushikawa wartet in seinem Versteck, dass ihm Aomame in die Falle geht. Natürlich gibt es auch genügend spannende Momente, doch insgesamt zieht sich das dritte Buch doch sehr.

Und auch auf die Gefahr hin, für spitzfindig erklärt zu werden: Der sonst so genaue Haruki Murakami, der im dritten Buch sogar so weit geht, die Wirkungsweise eines Schwangerschaftstests zu erklären, begeht den Recherchefehler, die unbefleckte Empfängnis als Schwangerschaft ohne Geschlechtsverkehr zu halten. Unbefleckt ist die Empfängnis nicht aus Keuschheit, sondern weil die werdende Mutter selbst ohne Erbsünde geboren ist.

Leider empfand ich das Ende von „1Q84“ ein bisschen zu lapidar, was trotz der rührenden Liebesgeschichte zwischen Aomame und Tengo ein etwas schales Licht auf das 1.600-seitige Werk wirft. Zudem noch eine kleine Unterstellung: Das Thema rund um die „Little People“ und die Sekte der Vorreiter erinnert doch etwas arg an „Wilde Schafsjagd“. Eine mystische Macht nimmt Besitz von einem Menschen, um eine schlagkräftige Geheimorganisation aufzubauen. Mein Lieblings-Murakami „Kafka am Strand“ wird jedenfalls von „1Q84“ nicht abgelöst...

Samstag, 15. Oktober 2011

„Wilde Schafsjagd“ von Haruki Murakami

Der namenlose Ich-Erzähler von „Wilde Schafsjagd“ ist der klassische Haruki Murakami-Protagonist: Der Idealismus der Jugendjahre ist längst verpufft und weicht einer gewissen depressiven Lethargie. Die Ehefrau hat die Nase voll und wünscht die Trennung. Der Alltag ist unaufregend und wenn die „Wilde Schafsjagd“ nicht ihren Lauf genommen hätte, dann

„säße ich jetzt garantiert irgendwo in einer Bar, äße ein Omelette und tränke Whiskey dazu. Die richtige Jahreszeit, um zur rechten Stunde an einem soliden, aus einem Stamm gehauenen Tresen zu hocken, abends nach dem Regen, Whiskey mit frisch vom Block gehacktem Eis, Stunden, in denen die Zeit gemächlich fließt wie ein stiller Strom.“ (S. 251)

Als der Ich-Erzähler aber ein Schaf-Foto, das er von seinem verschollenen Freund Ratte erhalten hat, veröffentlicht, gerät er unversehens ins „Bandwurmuniversum“, in dem Verhalten und Kausalität einer anderen Logik unterworfen sind. Denn das Foto zeigt das geheimnis- und machtvolle Schaf, das einen Politiker eine gewaltige Organisation aufbauen hat lassen, indem es ihn als sein Werkzeug missbraucht hat. Seitdem das Schaf den Politiker verlassen hat, liegt er im Sterben. Dessen Assistent, ein gefährlich und unangenehm wirkender, schwarz gekleideter Mann, will den Ich-Erzähler zwingen, das Schaf für ihn ausfindig zu machen.

Doch der Protagonist will sich zunächst keinen fremden Willen aufzwingen lassen. Er hat nichts zu verlieren, hängt nicht an Besitz und lässt sich auch nicht mit dem Vorwurf der Mittelmäßigkeit reizen. Seine neue Freundin jedoch, die sich durch phantastische Ohren und Zukunftsvisionen auszeichnet, überredet ihn schließlich, gemeinsam auf „Wilde Schafsjagd“ zu gehen. Wo auf Hokkaido mag sich dieses machtvolle Schaf nur aufhalten? Und was hat sein Freund Ratte damit zu tun?

Der Leser begleitet den Ich-Erzähler durch das Bandwurmuniversum der „Wilden Schafsjagd“, die so wild gar nicht ist. Denn auch dies ist charakteristisch Murakami: Die eigentliche Handlung hätte sich auch in weniger als der Hälfte der Seiten unterbringen lassen können. Das Erzähltempo ist gemächlich, der Ich-Erzähler lässt seine Gedanken mal in diese oder jene Richtung abschweifen (z.B. zu Musik und Literatur), ist mit alltäglichen Dingen wie Kochen beschäftigt, lässt die Vergangenheit Revue passieren. Das ist ein Stil, auf den man sich als Leser erst einmal einlassen muss. Doch gerade die Nebensächlichkeiten machen „Wilde Schafsjagd“ so lesenswert: Wieso wird ein Kater auf den Namen Bückling getauft? Wie empfindet ein junger Ainu die Besiedelung des unwirtlichen Hokkaidos? Und warum sind Ohren so faszinierend?

Weitergeführt wird die „Wilde Schafsjagd“ in dem Roman „Tanz mit dem Schafsmann“. Ob er will oder nicht, der Ich-Erzähler muss das Tanzen lernen...

Dienstag, 30. August 2011

„Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ von Haruki Murakami

Haruki Murakamis Buch „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ schlägt ein bisschen aus der Reihe. Denn hier handelt es sich (leider) nicht um erfundene Geschichten, sondern um tragische Zeitgeschichte. Haruki Murakami lässt in „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ Betroffene und Zeugen des Giftgasanschlags in Tokio zu Wort kommen. Am 20. März 1995 setzten fanatische Anhänger der Aum-Sekte das Giftgas Sarin in mehreren Zügen der Tokioter U-Bahn frei. Zwölf Menschen starben, Tausende wurden verletzt.

Haruki Murakami gibt den Hinterbliebenen und Überlebenden, die teilweise immer noch unter massiven Schäden leiden, mit „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ eine Stimme. Wertungsfrei lässt der Autor die Menschen von ihren subjektiven Eindrücken erzählen, was beim Leser ein ums andere Mal für Beklemmung sorgt. Es zeigt sich, wie zerbrechlich der Alltag doch ist: Ein verpasster Linienbus, ein Meeting in einem anderen Büro, ein späteres Frühstück und schon sorgt ein Zufall dafür, dass man eine Katastrophe durchlebt.

Den abstrakten Opferzahlen stellt Haruki Murakami die individuellen Schicksale gegenüber und illustriert das Grauen des Anschlags so authentisch, dass man beim Lesen vor Erschütterung eine Gänsehaut bekommt.

In der deutschsprachigen Version von „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ sind den Interviews der Betroffenen die von Sektenangehörigen nachgestellt. Im Japanischen erschien der erste Teil separat und erst auf Nachfrage der interessierten Öffentlichkeit interviewte Haruki Murakami auch Mitglieder der Aum-Sekte. Die Sektenangehörigen haben somit eigentlich nicht das letzte Wort, wie der Blick ins deutsche Inhaltsverzeichnis vermuten lässt.

Diverse (Ex-)Aum-Anhänger schildern ihren Weg in die Sekte, die Reaktionen auf den Anschlag und ihren Alltag danach. Dabei scheinen Haruki Murakamis Erkenntnisse über die Motive der Sektenangehörigen Theodor Adorno Recht zu geben: Der moderne Mensch sehnt sich gewissermaßen zurück zur Unmündigkeit eines Kindes, das durch die Eltern angeleitet wird. Den großen Führer fanden die Aum-Anhänger in Shoko Asahara. Und auch eine weitere Erkenntnis ist höchst soziologisch: Die Gründe, sich einer Sekte anzuschließen, sind der jeweiligen Gesellschaft immanent. Eine Trennung in die Fanatiker und die Normalen ist insofern nicht zulässig.

Haruki Murakamis „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ ist ein bestürzendes Stück Zeitgeschichte, das ähnlich wie seine Romane aufzeigt, dass selbst die schockierendsten Visionen Realität werden können.

Sonntag, 21. August 2011

„Frosch rettet Tokyo“ von Haruki Murkami

„Frosch rettet Tokyo“ von Haruki Murakami enthält die drei Erzählungen „Frosch rettet Tokyo“, „Thailand“ und „Birthday Girl“ (erstere beiden sind auch in „Nach dem Beben“ enthalten).

In der phantastischen Geschichte „Frosch rettet Tokio“, wie könnte es auch anders sein, rettet ein Frosch Tokio: Zusammen mit dem unerschrockenen und doch geradlinigen Geldeintreiber Katagiri gilt es, einen Kampf gegen Wurm auszufechten, der Tokio mit einem Erdbeben zerstören will…

„Thailand“ erzählt von der Ärztin Satsuki, die nach einem Kongress Entspannung in Thailand sucht. Satsuki ist verbittert und wünscht einem ehemaligen Liebhaber in Kobe, dass er durch das Erdbeben umgekommen ist. Wie ein Stein liegt dieser Wunsch auf Satsukis Seele. Doch hoffentlich bringt der Urlaub in Thailand die Erlösung…

Das „Birthday Girl“ muss an ihrem zwanzigsten Geburtstag in einem Restaurant arbeiten, da niemand für sie einspringen kann. Vor kurzem ist die Beziehung zu ihrem Freund in die Brüche gegangen. Da ist es ihr auch nicht ganz unrecht, den Geburtstag mit Arbeiten zu verbringen. Als der Geschäftsführer plötzlich krank wird, muss sie für ihn einspringen und dem Inhaber des Restaurants, den außer dem Geschäftsführer bisher niemand zu Gesicht bekommen hat, das Abendessen bringen. Durch diese Wendung wird ihr ihr zwanzigster Geburtstag doch noch in einer mystischen Erinnerung bleiben…

Freilich liefert „Nach dem Beben“ mit sechs Erzählungen einen etwas besseren Gegenwert als „Frosch rettet Tokyo“ – doch das Büchlein ist durch die Aufmachung ein toller Hingucker und eignet sich dadurch insbesondere hervorragend als Geschenk für einen Murakami-Einsteiger.

Mittwoch, 10. August 2011

„Sputnik Sweetheart“ von Haruki Murakami

Grenzgänge und ein männlicher Losertyp sind typische Haruki Murakami-Themen – so auch in „Sputnik Sweetheart“: Der Grundschullehrer K. ist in seine Studienfreundin Sumire verliebt. Diese ist jedoch nur an seiner Freundschaft interessiert, leidenschaftlich entbrannt ist sie vorerst nur für Literatur und das Schreiben. Auf ihr Äußeres und auf materiellen Besitz gibt sie nicht viel.

Eines Tages jedoch lernt die 22-jährige Sumire die ältere Miu kennen und verliebt sich Hals über Kopf. Auch Miu ist Sumire sympathisch; sie gibt der bisher wenig erfolgreichen Autorin eine Stelle als ihre Assistentin. Sumires Leben ändert sich gewaltig: Sie trägt fortan Make-up, tauscht ihre Schlabberklamotten gegen bürotaugliche Kleider, hört mit dem Rauchen auf und geht einem geregelten Lebensstil nach. Doch sie büßt dafür die Fähigkeit ein, zu schreiben.

Als Sumire und Miu nach einer geschäftlichen Europareise in Griechenland ausspannen wollen, geschieht es: Miu meldet sich bei K. – er soll baldmöglichst nach Griechenland kommen, denn Sumire ist spurlos verschwunden. Hat Sumire eine Tür geöffnet, die in eine andere Realität führt? Und hat nicht auch Miu ein Geheimnis um ein einschneidendes Erlebnis, weswegen sie sich nur noch wie ein halber Mensch fühlt und von einem auf den anderen Tag weißes Haar bekam?

Für K. ist der Verlust von Sumire eklatant: Da sie seine einzige Freundin war, fühlt er sich entsetzlich einsam. Er sinniert:

„Warum müssen die Menschen so einsam sein? Wozu soll das gut sein? Stets sind wir auf der Suche nach der Nähe der anderen und dennoch sind wir so allein. Wozu? Dreht sich dieser Planet nur, um die Einsamkeit der Menschen zu nähren?“ (S. 191 f.)

Auch K. verlässt damit die bisherige Realität und wird ein anderer. Zurück in Tokio kappt er schließlich auch noch einen weiteren wichtigen Sozialkontakt. Ob Sumire jemals wieder zurückkehren wird?

„Sputnik Sweetheart“ ist ein eher leises Haruki Murakami-Buch, das den Leser nicht so stark in die Geschichte hineinsaugt wie andere Werke des japanischen Kultautors. Dennoch wirft es grundlegende Fragen auf über Realitätsebenen und das „sich als ganz Erleben“ auf. Das Ende und die Deutung der Geschehnisse bleiben offen – und symbolisch.

Samstag, 18. Juni 2011

„Nach dem Beben“ von Haruki Murakami

Nach den Erfahrungen des schweren Erdbebens von Kobe entstand Haruki Murakamis „Nach dem Beben“. Alle Erzählungen knüpfen in irgendeiner Weise an das Erdbeben an. „Nach dem Beben“ ist ein Zitat von Goddard vorangestellt:

„[…] Dabei war doch jeder einzelne von ihnen ein Mensch. Wir wissen nichts von ihm. Ob sie ihre Frau geliebt haben, ob sie Kinder hatten, ob sie lieber ins Kino gegangen sind oder ins Theater. Gar nichts weiß man. Man sagt einfach: 115 Tote.“

Man mag unterstellen, dass Haruki Murakami mit „Nach dem Beben“ einen Versuch startet, die abstrakte Zahl der Erdbebentoten in individuelle Schicksale umzuwandeln.

Die erste Erzählung in „Nach dem Beben“ ist „Ufo in Kushiro“: Fünf Tage lang harrt Komuras Frau vor dem Fernseher aus und kann sich nicht von den Bildern der Erdbebenkastrophe losreißen. Doch dann ist sie verschwunden. In einem Abschiedsbrief erklärt die Ehefrau ihre Rückkehr zu den Eltern: Komura kann ihr nichts geben, er ist nur ein Klumpen Luft. Um sich von der Trennung abzulenken, willigt Komura ein, ein dubioses Päckchen nach Hokkaido zu transportieren…

In „Stillleben mit Bügeleisen“ treffen die junge Frau Junko und der ältere Maler Miyake beim Lagerfeuermachen am Strand aufeinander. Miyake hat seine Familie in der Nähe von Kobe verlassen und weiß nichts über deren Schicksal nach dem Erdbeben. Vielmehr beschäftigt ihn sein eigener Tod: Ihn quält der Alptraum, in einem Kühlschrank ersticken zu müssen…

„Alle Kinder Gottes“ ist die Geschichte von Yoshiya, dessen Mutter sich während der Schwangerschaft einer Sekte zugewandt hat. Da er ohne Vater aufgewachsen ist, erklärt die Sekte den „Herrn“ zu seinem Vater. Doch eines Tages, als seine Mutter Hilfsgüter zu den Erdbebenopfern transportiert, begegnet er einem Mann, der sein leiblicher Vater sein könnte…

„Thailand“ erzählt von der Ärztin Satsuki, die nach einem Kongress Entspannung in Thailand sucht. Satsuki ist verbittert und wünscht einem ehemaligen Liebhaber in Kobe, dass er durch das Erdbeben umgekommen sein möge. Wie ein Stein liegt dieser Wunsch auf Satsukis Seele…

In der phantastischen Geschichte „Frosch rettet Tokio“ rettet ein Frosch Tokio: Zusammen mit dem Geldeintreiber Katagiri gilt es, einen Kampf gegen Wurm auszufechten, der Tokio mit einem Erdbeben zerstören will…

Die letzte Geschichte in „Nach dem Beben“ heißt „Honigkuchen“: Die kleine Sara wird seit dem Erdbeben von Alpträumen geplagt. Der Erdbebenmann kommt Nacht für Nacht und will sie in eine Kiste sperren. Junpei, einem Freund von Saras Mutter, gelingt es, das Kind mit Geschichten zu beruhigen. Währenddessen nähern sich Saras Mutter und Junpei an…

„Nach dem Beben“ bietet mit seinen sechs Erzählungen ein wunderbares, murakamieskes Potpourri: Ein fantastisches, versöhnliches, weises, groteskes, schaudriges und auch trauriges Feuerwerk der Erzählkunst.

Mittwoch, 15. Juni 2011

„Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami

Im Zentrum von Haruki Murakamis „Gefährliche Geliebte“ steht Hajime. Als Einzelkind aufgewachsen freundet er sich mit dem einzigen anderen Einzelkind in seiner Klasse an, der leicht gehbehinderten Shimamoto. Bis zum Alter von 12 Jahren sind die beiden Seelenverwandte; Shimamoto bringt in Hajime eine Saite zum klingen. Doch als Hajimes Familie wegzieht und er damit auf eine andere Schule als Shimamoto geht, wird die traute Zweisamkeit jäh beendet. Hajimes baldige neue Freundin ist Izumi. Doch Izumi ist für den Teenager Hajime eher ein Versuchsfeld für Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Nachdem er sie betrogen und zutiefst verletzt hat, will sie ihn nie wieder sehen.

Die Jahre in Hajimes 20ern sind trostlos. Keine Frau weckt den bestimmten Funken in ihm. Auch nach Freundschaften steht ihm nicht der Sinn. Seine Arbeit als Lektor in einem Schulbuchverlag ist fade und dröge. Sein Leben bekommt eine positive Wendung, als er Yukiko kennen und lieben lernt. Das Liebespaar heiratet und dank einer Anschubfinanzierung des Schwiegervaters kann Hajime seinen langweiligen Job als Lektor beenden und zwei Jazz-Clubs in Tokio eröffnen.

Doch die Geister seiner Vergangenheit lassen Hajime nicht los: Durch einen gemeinsamen Bekannten erfährt er vom Schicksal Izumis, die nach Hajimes Betrug nie wieder die Alte geworden war und nun der Schreck der Nachbarskinder ist. Eines Tages bekommt Hajime in einem Jazz-Club gar den lang ersehnten Besuch seiner ersten Liebe Shimamoto…

„Gefährliche Geliebte“ ist aber nicht nur die Geschichte einer ungebührlichen Liebschaft, sondern auch ein Roman über das Hineingezogen-Werdens in eine Gesellschaft, die man als Student noch abgelehnt hatte. Über kleine Wendungen des Schicksals, die ein ganzes Leben für immer verändern können. Und darüber, dass nichts für immer Bestand hat.

Ganz davon abgesehen, dass „Gefährliche Geliebte“ ein genialer Haruki Murakami-Roman ist, ist er bekannt als der Roman, der einen Eklat im Literarischen Quartett heraufbeschworen hat. Wer eine Kostprobe haben will – Löffler vs. Reich-Ranicki gibt’s hier. Nach dieser Sendung verließ Sigrid Löffler das Literarische Quartett.

So ganz unbegründet war Frau Löfflers Kritik wohl aber nicht. Der aus dem Englischen übersetzte Roman enthält manche Sätze, die etwas feinfühliger formuliert werden hätten können. Da über den kostengünstigen Umweg, das Buch aus dem Englischen zu übersetzen, offensichtlich einige typische Murakami-Nuancen verloren gegangen waren, zog der Verlag die Konsequenzen und investiert nunmehr in die direkte Übersetzung aus dem Japanischen. Seit Mai 2013 ist „Gefährliche Geliebte“ unter dem Titel „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ in der Übersetzung von Ursula Gräfe im Handel.

Montag, 30. Mai 2011

„Afterdark“ von Haruki Murakami

„Afterdark“ von Haruki Murakami ist die Geschichte einer Nacht in Tokio. Es ist auch die Geschichte der ungleichen Schwestern Mari und Eri. Eri, ein Model Anfang 20, ist in einen wochenlangen Schlaf gefallen. Sie erwacht immer nur kurz, unbemerkt von ihrer Familie, um zu essen und sich zu waschen, fällt aber wie Dornröschen sofort wieder in einen komatösen Dauerschlaf. Nichts und niemand kann sie wecken.

Die Studentin Mari, die sich zeitlebens wie ein hässliches Entlein neben Eri gefühlt hat, trifft nachts zufällig auf den Bekannten Takahashi, den sie flüchtig aus Schulzeiten kennt. In dieser Nacht begegnen sich die beiden noch zwei weitere Male und kehren voreinander langsam ihr Innerstes nach außen.

Und dann gibt es da auch noch Kaoru, in deren Love Hotel Alphaville eine junge, chinesische Prostituierte von ihrem Freier verprügelt und nackt, ohne Besitztümer zurückgelassen wird. Der Übeltäter ist der Informatiker Shirokawa: Im Beruf extrem rational – aber offensichtlich mit einem zweiten, im Verborgenen liegenden Gesicht.

Haruki Murakami beschreibt die Nacht wie eine zweite Welt, eine zweite Realitätsebene.

„In der Nacht vergeht die Zeit auf ihre Weise. […] Es ist zwecklos, sich dagegen zu wehren.“ (S. 77)

Musik begleitet die Nachtschwärmer: „Five Spot After Dark“ gibt „Afterdark“ den Namen. „Sophisticated Lady“ von Duke Ellington ist die Musik der Nacht. Und „Jealousy“ der Pet Shop Boys trägt den Neid zu Tage, den Mari gegenüber Eri fühlt.

„Afterdark“ nimmt den Leser mit auf eine Beobachtungstour ins nächtliche Tokio. Wie mit einer fliegenden, unsichtbaren Kamera werden die Geschehnisse aufgezeichnet. Hintergründe über die Personen erfährt man fast ausschließlich über deren Gespräche. Durch den Erzählstil im Präsens wirken die Beobachtungen besonders kühl und sachlich. Und dennoch geht von dieser Nacht eine besondere zwischenmenschliche Wärme aus. Neue Freundschaften entwickeln sich und zwei entfremdete Schwestern finden hoffentlich wieder zueinander.