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Mittwoch, 24. September 2014

„Japan erzählt“ herausgegeben von Margarete Donath

Einen schönen Überblick über die japanische Literatur bietet der Band „Japan erzählt“, der von Margarete Donath herausgegeben wurde – insbesondere durch das Nachwort der Herausgeberin, das erklärt, warum welche Autoren ausgewählt wurden.

Ryunosuke Akutagawas „Der Faden der Spinne“ macht den Anfang in „Japan erzählt“. Der Autor stellt ein Bindeglied zu vielen anderen in dem Band vertreten Schriftstellern her, haben diese doch schließlich den Akutagawa-Literaturpreis erhalten oder wurden dafür nominiert. Ryunosuke Akutagawas Erzählung entführt in die buddhistische Hölle. Hier quält sich der Räuber Kandata im Blutteich. Buddha im Paradies erinnert sich an eine gute Tat des Räubers und schickt ihm den sprichwörtlichen seidenen Faden. Ist dies die Rettung Kandatas oder wird der Räuber die gebotene Chance nicht nutzen?

Junichiro Tanizaki ist mit seiner ersten Erzählung „Tätowierung“ vertreten, die dem Autor zu großer Bekanntheit verholfen hatte und die schließlich auch verfilmt wurde. Sadomasochismus und eine Femme fatale sind die Themen des Debütwerks: Der Tätowiermeister Seikichi pflegt seine Kundschaft mit seiner Nadel besonders gern zu quälen und ergötzt sich an dem Leid der Gepeinigten. Sein großer Wunsch ist es, die perfekte Frau mit einer Tätowierung zu schmücken. Durch Zufall soll diese in seine Wohnung gelangen. Es zeigt sich, dass die jugendliche Maid selbst für sadistische Anwandlungen zu haben ist. Seikichis Tätowierung lässt ihr ihre wahre Bestimmung bewusst werden.

Naoya Shiga stellt in „Die Verbrechen des Han“ die Frage nach Schuld und Unschuld: Der Zirkusartist Han hat vor versammeltem Publikum seine Ehefrau und Show-Partnerin beim Messerwerfen getötet. War es ein tragischer Unfall oder hat Han absichtlich auf den Körper seiner Frau gezielt? Schließlich lagen Han und seine Gemahlin schon lange im Streit. Doch selbst Han ist sich über seine bewussten und unbewussten Handlungen nicht im Klaren.

Yasushi Inoues „Ein Brief aus der Wüste“ ist an einen längst verstorbenen Freund des Ich-Erzählers gerichtet. Der Ich-Erzähler befindet sich fernab der Zivilisation in der Wüste Takla Makan. Als ihm ein Soldat anbietet, die Post nach Japan mitzunehmen, damit sie schneller ihr Ziel erreicht, kommt er ins Grübeln: Wem soll er denn bitte bloß einen Brief schreiben? Da kommt ihm sein verstorbener Jugendfreund ins Gedächtnis, der in ihm einst mit dem Gedicht

„Hart
klirren die Kieselsteine.
Es ist Herbst.“ (S. 38)

das Interesse an der Literatur geweckt hatte.

Mit „Der Bergasket“ nimmt Kenji Nakagami den Leser mit auf eine surrealistische Pilgerreise. Der Protagonist erlegt sich die Bergwanderung als Buße auf – hat er doch oftmals seine Frau geprügelt, die sich am liebsten von ihm trennen würde. Wie in einem Fieberwahn wird er Zeuge von metaphysischen Erfahrungen, die ihm hoffentlich zur Besserung verhelfen.

Tagelang fällt schon „Regen“ in Shotaro Yasuokas Erzählung. Der Ich-Erzähler hat das Wetter, das ihm in Mark und Bein kriecht, langsam satt. Das Geld ist fast zu Ende und so kauft er sich ein Hackebeil, um einen Einbruch zu begehen. Doch was er auch anstellt, um ein Verbrechen zu begehen – so richtig mag es nicht gelingen.

Yukio Mishima erzählt in „Rosinenbrot“ von dem Nihilisten Jack, der sich auf eine Party von Gleichgesinnten begibt, die sich an einem abgeschiedenen Strand tummeln. Es geht gar ekstatisch zu: Kongas werden geschlagen, archaische Tänze werden vollführt und ein lebendes Huhn wird der Tollheit geopfert. Zwar sind sich die versammelten Herrschaften einig, dass „die Welt ohne Sinn und alle Menschen minderwertig seien“ (S. 76), dennoch wird Jack als ein „durchsichtiger Kristall“ (S. 70) beschrieben und sieht die „Heiligung im Schmerz“ (S. 79). Soviel zu Minderwertigkeit und genereller Sinnlosigkeit – und Kohärenz in der Erzählung. Der zweite Teil der Erzählung findet in Jacks Wohnung statt: Jack liest Lautréamonts „Die Gesänge des Maldoror“, macht sich dann aber auf die ganz profane Suche nach Essbaren in seinem leeren Kühlschrank. Es findet sich ein Stück von Ameisen befallenem Rosinenbrot, das er noch kaut, als sein Kumpel Gogi in Jacks Bude aufkreuzt, um sich mit seiner neuen Freundin ein Stelldichein zu geben.

Die „Erdbeeren“, die der Mann der Autovertreterin Mieko Mizawa als Snack reichen mag, führen zu einer ungewöhnlichen und intimen Unterhaltung: Mieko muss die Erdbeeren ablehnen, denn die kleinen Kernchen würden unangenehm unter ihr Gebiss rutschen. Sie kommt in Erklärungsnot, als der Mann nachfragt, warum eine so junge Frau bereits keine Zähne mehr im Unterkiefer hat. Da erzählt sie von ihrem Ehemann und einer Freundin, beides Gebissträger, und dem Wunsch, den beiden nachzueifern. Junnosuke Yoshiyukis Erzählung ist geprägt von einer subtilen Erotik von Geheimnissen, Erdbeeren und roten Lippen.

Fumiko Enchi beschreibt in „Ahorn im Winter“ eine Frau im Herbst ihrer Jahre. Yoko ist ihr Name und als TV-Schauspielerin probt sie gerade ihre Rolle als alternde Frau, deren Tochter mit einem älteren Mann liiert ist. Das Bild eines Liebespaares mit großem Altersunterschied zieht sich als großes Thema durch die Erzählung. Während die Konstellation älterer Mann und jüngere Frau gesellschaftsfähig ist, ist die umgekehrte Variante verpönt bis unmöglich. Fumiko Enchi lässt dieses Beziehungsparadox unkommentiert stehen, weswegen die Erzählung erst im Nachklang zu sacken beginnt.

Die Autorin Ineko Sata, die der proletarischen Literaturbewegung angehörte, thematisiert in „Ihr eigenes Herz“ das Phänomen des O-miais: Fumiko soll verheiratet werden, hat aber wenig Lust auf eine arrangierte Hochzeit. Sie ist zwar eine gehorsame Tochter und geht auch brav auf die Treffen mit den Ehekandidaten, ihr ist jedoch das Gefühl zuwider, wie eine Ware taxiert zu werden. Ihre jüngere Schwester hat dagegen eine Liebesheirat durchgesetzt und damit gegen die Konventionen vor der älteren Schwester geheiratet. Auch ist ihr Umgang mit dem Ehemann weit weniger als üblich von patriarchalischen Werten gekennzeichnet.

Sawako Ariyoshi entführt den Leser in die kleine Bar „Laternchen“, die sich in einer Seitenstraße der Ginza befindet. Hier geht es relativ gemütlich zu: Die Räumlichkeiten sind so klein, dass die Bar mit nur wenigen Besuchern voll wirkt und die Mama gibt den Männern gleich das Gefühl, Stammgäste zu sein. Das Erfolgsrezept des „Laternchen“ lautet:

„In einer Bar, wo die Besitzerin kein guter Mensch ist, finden sich auch keine Gäste ein, denn Trinker sind unbestechlich.“ (S. 143)

Zwei Mädchen unterstützen die Mama, doch aus tragischen Gründen ist eine der Barmädchenstellen gerade vakant. Aus Gutmütigkeit nimmt die Mama die hypersensible Shizu bei sich auf. Ob ihr der Job im Laternchen gut tut?

Minako Oba lässt ihre Ich-Erzählerin in „Blauer Fuchs“ recht unkonventionell aus dem klassischen Rollenmuster fallen: Die konfuzianische Pietät gegenüber ihrem Vater ist ihr recht schnurz. Sie lebt mit ihrem Partner zusammen, den sie Grille nennt, geht aber mit dem blauen Fuchs eine Affäre ein, der ihr vor Jahren einen Heiratsantrag gemacht hat.

Mieko Kanais Erzählung „Platonische Liebe“, die dem gleichnamigen Erzählband entnommen ist, der 1979 mit dem Izumi-Kyoka-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, greift ein typisches Thema der Schriftstellerin auf: Das Selbstverständnis der Ich-Erzählerin, die Autorin ist, wird durch eine unbekannte Frau bedroht, die sich brieflich nach jeder Veröffentlichung der Protagonistin meldet und behauptet, die eigentliche Verfasserin der schriftstellerischen Werke zu sein. Die Ich-Erzählerin beginnt bald selbst an sich zu zweifeln. Ist sie wirklich eine Autorin oder nur eine Plagiatorin?

Auch das Sujet von Yuko Tsushimas „Heimlicher Handel“ ist ein recht typisches: Eine alleinerziehende Mutter sinniert über die Funktion von Tieren für Kinder, die ohne Vater aufwachsen. Sind sie vielleicht sogar ein Vaterersatz?

Taeko Konos „Der Eisenfisch“ erzählt die traurige Geschichte einer Kriegswitwe. Kaum verheiratet wurde ihr Ehemann eingezogen – er sollte als maritimer Kamikaze in einem bemannten Torpedo sterben. Erst Jahrzehnte später stellt sich die Witwe der Vergangenheit, als sie zum Yasukuni-Schrein aufbricht, in dem ihr Mann angeblich als Gott verehrt wird. Es werden alte Wunden aufbrechen, als sie einen der tödlichen „Eisenfische“ in Realität sehen wird.

In Masuji Ibuses „Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ reflektiert Okuyama seine Erinnerungen an den Pazifik-Krieg. In seiner Funktion in einer Transporteinheit traf er auf Oberst Nishi, der kurze Zeit später sterben sollte. Über das Lied „Alte Kameraden“ hat Okuyama damals in bitterer Notlage gesprochen – in der Jetzt-Zeit wird dieses Lied für unlautere Zwecke missbraucht.

Kenzaburo Oe zeichnet mit „Stolz der Toten“ ein Stimmungsbild der Studenten der ausgehenden 50er Jahre: Es ist ein Leben der Hoffnungslosigkeit; die Studenten funktionieren einfach. Ein erneuter Krieg wird vielleicht alles endgültig in den Abgrund reißen. Als Metapher für die Sinnlosigkeit lässt Kenzaburo Oe seinen studentischen Protagonisten eine recht grauslige Aushilfstätigkeit verrichten: Er soll helfen, konservierte Leichen von einem Aufbewahrungsbecken in ein anderes umzulagern. Doch wie es sich zeigen soll, wird diese Mühe völlig umsonst sein.

„Japan erzählt“ aus den 90ern enthält drei für diesen Band neu übersetzte Erzählungen; vier wurden aus dem gleichnamigen Buch aus den 60ern entnommen. Die restlichen zehn Erzählungen stammen aus anderen Anthologien. Daher trifft man in „Japan erzählt“ auf viele bereits bekannte Werke, wenn man sich schon etwas mit japanischer Literatur auseinandergesetzt hat. Dennoch ist die Mischung sehr gelungen, auch wenn man die eine oder andere Erzählung in diversen anderen Anthologien ebenfalls findet und gegebenenfalls schon dort gelesen hat.

Bibliographische Angaben:
Donath, Margarete (Hrsg.): „Japan erzählt“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar/Berndt, Jürgen/Brasch, Heinz/Donath, Diana/Donath, Margarete/Gössmann, Hilaria/Hijiya-Kirschnereit, Irmela/Gelbrich, Ekkehard/Gelbrich, Itsuko/Schaarschmidt, Siegfried & Yoshida-Krafft, Barbara), Fischer, Frankfurt/Main 1991, ISBN 3-596-10162-X

Donnerstag, 19. April 2012

„Frauen in Japan“ herausgegeben von Barbara Yoshida-Krafft

„Frauen in Japan“ lässt zehn japanische Schriftstellerinnen zu Wort kommen, die mit ihren Erzählungen die (sich wandelnde) Frauenrolle in der japanischen Gesellschaft illustrieren.

Taeko Konos Erzählung „Knochenfleisch“ (auch in dem Volk und Welt-Band „Das verhasste Alter“ als „Fleischbröckchen“ erschienen) ist die skurrile Geschichte einer Trennung. Nachdem der Mann die Frau verlassen hat, verliert sie ihren Geschmackssinn. Während der Beziehung hatte sie noch so gerne mit ihrem damaligen Partner geschlemmt. Am liebsten würde sie nun alles verbrennen, das an den Mann erinnert: Seine zurückgelassenen Besitztümer, ihre Wohnung, ja gar sich selbst.

Fumiko Enchi beschreibt in „Das Ehepaar“ die Beziehung des in die Jahre gekommenen Ehepaars Tomimori: Der Ehemann Kaichi ist ein Relikt aus der Meiji-Zeit und hält an dem steifen und lieblos wirkenden Verhalten gegenüber seiner Ehefrau Ikuyo fest – selbst als sie krank wird.

Rie Yoshiyukis „Im Brunnen die Sterne“ zeichnet die Lebenswege zweier ungleicher Zwillingsschwestern: Die Jüngere heiratet aus Liebe und führt ein selbstständiges Leben. Die ältere Schwester Shoko lernt ihren Ehemann über ein Omiai kennen. Die Schwiegermutter zieht bald zu dem Ehepaar und ist die neue Herrin des Hauses. Shoko wird kurz gehalten, bevormundet und bald nicht mehr dieselbe…

Auch Tomoko und Takako aus Taeko Tomiokas „Heirat" sind Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Tomoko ist eine alte Jungfer, hat im Alter jedoch ein Omiai absolviert und sich entschlossen, doch noch zu heiraten. Takako hatte sich mit einem sehr viel jüngeren Mann verheiratet, der sie jedoch bald wieder verlassen hatte. Dennoch ist sie auf dem Papier immer noch verheiratet. Bricht nun die jahrzehntelange Allianz der Schwestern wegen einem Mann, den Tomoko nur über ein Omiai kennt, auseinander?

Ineko Sata thematisiert in „Ihr eigenes Herz“ ebenfalls ein Omiai. Doch Fumiko hat eigentlich so gar keine Lust auf eine arrangierte Ehe – sie fühlt sich wie eine Ware, die es beim Omiai besonders gut anzupreisen gilt. Auch die Eltern taktieren, ob nicht ein solventerer Ehemann für Fumiko aufzutreiben ist und versuchen, sie an einen anderen zu verkuppeln. Dagegen hat Fumikos Schwester ihren Mann im Studium kennen gelernt und hält nichts von unterwürfigem Verhalten ihrem Partner gegenüber.

Chiyo Unos „Glück“ enthält wie ihr autobiografischer Roman „Die Geschichte einer gewissen Frau“ einige Anhaltspunkte, dass es sich bei der Protagonistin Kazue um die die Autorin selbst handelt. Kazue ist eine glückliche Frau, vor allem deswegen, weil sie sich selbst dafür hält und nicht, weil ihr allzu viel Glück widerfährt. Sie lebt ein unkonventionelles, sogar sprunghaftes Leben, hat viele Partner und hat einen Hang dazu, sich – ebenso wie die Autorin – gerne bei größeren Veränderungen ein neues Haus zu bauen.

Fumiko Enchi ist mit „Ahorn im Winter“ gleich ein zweites Mal in „Frauen in Japan“ vertreten: Die Protagonistin Yoko ist eine Schauspielerin um die 50 Jahre. Eigentlich wollte sie den viel jüngeren Tachibana mit ihrer Nichte verkuppeln – doch wie’s der Teufel will verliebt sie sich selbst in ihn. Ihr etwa gleichaltriger Schauspielerkollege Fujiki hat’s als Mann da schon weit einfacher mit seiner neuen Flamme, die gerade einmal Mitte 20 ist.

„In Versuchung“ ist Takako Takahashis Ich-Erzählerin. Während diese im Shinkansen sitzt, lässt sie ihren Erinnerungen freien Lauf und reflektiert über diverse Männerbekanntschaften, die doch alle auf das Bild „jenes Mannes“ einzahlen.

Die drei Teile von Yuko Tsushimas „Unsere Väter“ werden je von den drei Schwestern einer vaterlosen Familie erzählt. Nach dem Tod der Großmutter ziehen sie zusammen mit der Mutter aus dem altmodischen Haus aus, um in einer Reihenhaussiedlung ihr neues Zuhause zu finden. Doch richtig glücklich werden sie dort nicht. Die Mutter wendet sich dem Christentum – und dem Pater näher zu.

„Kiriko“ trifft in der gleichnamigen Erzählung von Minako Oba auf dem Heiweg den älteren Nachbarn Keiichiro. Es entspannt sich dabei ein Gespräch über das Patriarchat, unterschiedliche Beziehungen zwischen Ehepartnern und Eifersucht.

„Tanzender Ruß“ von Sawako Ariyoshi skizziert ein auf den Kopf gestelltes Familienleben in den 50er Jahren. Der Weltkrieg hat den Vater in seiner beruflichen Karriere so weit zurückgeworfen, dass er den Unterhalt für die vierköpfige Familie nicht mehr allein bestreiten kann. Die Tochter, die bereits 30 Jahre und unverheiratet ist, verdient mit ihrer Arbeit um einiges mehr als der Vater und bestreitet mit ihrem Gehalt einen Löwenanteil der anfallenden Kosten. Deswegen nimmt sie es sich auch heraus, Männerbekanntschaften nachts mit nach Hause zu bringen; meist in betrunkenem Zustand. Der Vater missbilligt dieses Verhalten in höchstem Maße, doch die Tochter begegnet ihm nur mit Verachtung.

„Frauen in Japan“ liefert ein breites Spektrum unterschiedlicher Frauenschicksale innerhalb der sich wandelnden japanischen Gesellschaft. Die Erzählungen variieren sehr stark im Vermögen, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen. Manche wirken mehr wie Assoziationsketten, andere haben Tagebuchcharakter und wiederum andere verfügen über einen kleinen, aber feinen Spannungsbogen.

Ergänzt werden die Erzählungen einerseits durch das sehr lesenswerte Vorwort von Barbara Yoshida-Krafft über die Geschichte der weiblichen Autorinnen in Japan von der Hofdamenliteratur bis hin zur Moderne. Zudem finden sich im Anhang interessante Biografien der Autorinnen auf je ein bis drei Seiten. „Frauen in Japan" ist übrigens eine Lizenzausgabe des Bandes „Das elfte Haus" vom Iudicium-Verlag mit selben Inhalt.

Sonntag, 8. April 2012

„Die Wartejahre“ von Fumiko Enchi

Fumiko Enchis „Die Wartejahre“ porträtiert die traurigen Frauenschicksale der fiktiven Familie Shirakawa während des 19. Jahrhunderts: Yukitomo Shirakawa ist ein entsetzlicher Weiberheld. Damit er sich nicht außerhalb seines Haushaltes herumtreiben muss uns so eventuell seiner politischen Karriere schadet, schickt er ausgerechnet seine Ehefrau Tomo aus, ihm eine geeignete Mätresse zu suchen. Tomo, die sich aufgrund ihres geringen Ausbildungsgrads ausschließlich an ein Wertesystem klammern kann, das absoluten Gehorsam dem Ehemann gegenüber vorsieht, begibt sich in Tokio auf die Suche nach einem jungfräulichen, hübschen Mädchen. In Suga, der Tochter einer verschuldeten Händlerfamilie, wird sie fündig. Gegen einen hohen Geldbetrag und das Versprechen, sich um Suga auch zu kümmern, sobald Yukitomo keinen Gefallen mehr an ihr findet, wird der Teenager den Eltern abgekauft. Suga, die in ihrer Unschuld noch nichts von ihrem weiteren Schicksal ahnt, wird von Herrn Shirakawa mit Schmeicheleien gefügig gemacht. Suga wird auch nicht die einzige Mätresse im Haushalt Shirakawa bleiben. Keine der Frauen wird dort glücklich sein: Tomo, die sich hinter einer Mauer aus Distanziertheit verschanzt, ist nur noch in der Funktion eines Geschäftsführers Teil der Familie. Da sie ihrem Mann den Stammhalter bereits geboren hat, verbringt Yukitomo die Nächte ausschließlich in anderen Betten. Die Mätressen sind wie Sklavinnen gekauft worden. Da sie von Herrn Shirakawa entjungfert worden sind, sind ihre Chancen gleich Null, sich jemals mit einem Mann zu verheiraten, selbst wenn sie Yukitomo aus dem Dienst entlassen würde.

„Die Wartejahre“ sind eine traurige Schilderung der Stellung der Frau in der damaligen japanischen Gesellschaft: Dem Mann sind sämtliche Freiheiten – selbst sexueller Art – erlaubt, während von der Frau absolute Sittsamkeit erwartet wird. Sie ist eine Ware, deren Wert sich an Schönheit und Jungfräulichkeit festmacht.

Montag, 20. Juni 2011

„Die Dichterin und die Masken“/“Frauen, Masken“ von Fumiko Enchi

„Die Dichterin und die Masken“ (auch erschienen als „Frauen, Masken“) von Fumiko Enchi ist die drei Teile „Ryo No Onna“, „Masugami“ und „Fukai“ aufgeteilt. Diese japanischen Namen stehen für Masken der weiblichen Figuren des No-Theaters (das No-Theater wird traditionell von Männern gespielt, die Darsteller tragen meist Masken).

Die „Ryo No Onna“-Maske steht für den rachsüchtigen Geist einer älteren Frau, die noch nach dem Tod von ihrer unglücklichen Liebe geplagt wird. Die rachsüchtige Frau in „Die Dichterin und die Masken“ ist Mieko: Mieko war lange Zeit unglücklich verheiratet und unglücklich verliebt. Zwischenzeitlich hat die Witwe ihren Sohn Akio bei einem Lawinenunglück verloren und bildet eine enge Allianz mit ihrer Schwiegertochter Yasuko. Die Wissenschaftler Ibuki und Mikame verlieben sich beide in Yasuko und werden in die Pläne der starken Mieko und ihrer ergebenen Schwiegertochter hineingezogen. Besitzt Mieko eine uralte weibliche Stärke, die auf schamanistischem Wissen beruht und sie befähigt, Menschen zu manipulieren?

„Masugami“ ist die Maske einer jungen, wahnsinnigen Frau – diese Person wird in „Die Dichterin und die Masken“ von Harume verkörpert. Harume ist die Zwillingsschwester von Miekos totem Sohn Akio. Schon in der Gebärmutter erlitt Harume einen Hirnschaden, da Akio ihr den Platz raubte. Harume wird zum Instrument von Miekos Plänen mit Ibuki.

In „Fukai“ (der Maske einer bekümmerten, resignierten älteren Frau) wird die Geschichte rund um weibliche Rache und Macht schließlich aufgelöst.

„Die Dichterin und die Masken“ gewinnt erst auf den zweiten Blick einen besonderen Reiz. Denn die Details rund um das No-Theater und Miekos Deutungsversuche des japanischen Klassikers „Die Geschichte des Prinzen Genji“ sind für Japan-Unkundige etwas ermüdend. Doch sowohl die Masken des No-Theaters als auch Miekos Artikel über die Frauen in Prinz Genjis Leben sind ein Spiegelbild der Psyche der verschlossenen Mieko.

Fumiko Enchi schildert die Unterdrückung der Frau, die kein Anrecht auf Unabhängigkeit hat. Doch irgendwo im Verborgenen lauert die weibliche Stärke, die im Hintergrund doch die Fäden zieht…

Hier geht es zu einem tollen Artikel von Wayne Pounds, der intensiv auf die geheimen, übernatürlichen Energien von Mieko eingeht. Aber Achtung: Der Text ist ein ziemlicher Spoiler für die, die das Buch noch lesen möchten.

Sonntag, 19. Juni 2011

Fumiko Enchi

Fumiko Enchi wurde 1905 als Fumi Ueda und Tochter des Philologen und Linguisten Kazutoshi Ueda geboren. Da sie als Kind recht kränklich war, wurde sie zuhause unterrichtet. Ihre Großmutter weckte die Begeisterung für „Die Geschichte des Prinzen Genji“ und das Kabuki- und Bunrako-Theater. 1930 heiratete sie den Journalisten Yoshimatsu Enchi, mit dem sie eine Tochter hatte.

In den 20er Jahren verdingte sie sich primär als Theaterautorin und machte Bekanntschaft mit linken Autoren der Proletarierliteratur. In den 50er Jahren wurde Sie als Romanautorin bekannt. Typische Themen von Fumiko Enchi sind die weibliche Psyche, Unterdrückung, Ehebruch, Verführung und Erotik. 1969 erhielt sie den Tanizaki-Preis, 1985 nahm sie den japanischen Kulturorden in Empfang. 1986 starb Fumiko Enchi an Herzversagen.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert: