Otohiko Kaga lässt in „Kreuz und Schwert“ primär die letzten Jahre des christlichen Daimyo Justo Ukon Takayama Revue passierten. Die Handlung setzt ein, kurz bevor Takayama im Jahr 1614 in Kanazawa im Zuge des Christenverbots zusammen mit seiner Familie verhaftet und auf den Weg in die Verbannung geschickt wird. Flankiert wird dieser Handlungsstrang durch fiktive Briefe des Missionars Clemente, dessen Lebensweg sich mit dem von Takayama öfters kreuzte. So werden sowohl die Perspektiven von überzeugten japanischen Christen als auch europäischen Missionaren dargestellt. Zudem werden viele geschichtliche Hintergründe und Rückblenden eingeflochten, die einen guten Überblick über die Regierungszeiten von Nobunaga, Hideyoshi und Ieyasu bieten und stark auf die Christenverfolgung in Japan eingehen. Otohiko Kaga verliert sich jedoch passagenweise etwas arg in Details, wenn beispielsweise die Lebensläufe von diversen Missionaren beschrieben.
Otohiko Kaga, der im Alter von 58 Jahren zum katholischen Glauben konvertierte, zeichnet ein sehr idealistisches Bild der Missionierung in Japan. Dass der als so clever beschriebene Takayama nicht realisiert haben mag, dass die katholische Kirche im Zuge der Missionierung auch Machtansprüche erheben wollte und kapitalistische Interessen als Lockmittel nutzte, irritiert etwas. Erst gegen Ende des Buches, als Takayama in Manila im Exil weilt, scheint er zu begreifen, dass der Katholizismus nicht nur Positives bewirkt.
Insbesondere nach der Lektüre von Hisako Matsubaras „Himmelszeichen“ war Otohiko Kagas „Kreuz und Schwert“ interessant zu lesen, da die Romane in der gleichen Zeit, an gleichen Orten, jedoch mit unterschiedlicher Wertung spielen.
Otohiko Kagas Historienroman sei jedoch nur Lesern empfohlen, die nicht vor einer enormen Faktenfülle zurückschrecken. Über vier Seiten ist die biographische Namensliste der wichtigsten handelnden Personen lang. Hinzu kommen 14 Seiten der historischen Zeittafel und drei Japankarten.
Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Kreuz und Schwert“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Degen, Ralph), be.bra, Berlin 2006, ISBN 978-3-86124-900-9
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Donnerstag, 31. Juli 2014
Montag, 31. Dezember 2012
„Die Hand des Riesen“ von Otohiko Kaga
In „Die Hand des Riesen“ verflechtet Otohiko Kaga Japans Kapitulation, den Kyujo-Vorfall und den Putschversuch vom 26. Februar 1936 (2-26-Vorfall) mit der Beschreibung des Alltags in einer Militärakademie während der letzten Kriegsjahre und des Bombenhagels auf Tokio.
1943 tritt der 13-jährige Shoji auf Wunsch seiner Eltern in eine Kadettenschule in Mitteljapan ein. Eigentlich noch Kinder erleben seine Mitschüler und er den militärischen Drill und werden ganz auf den Heldentod als Soldat eingeschwört. Denn der gefallene Soldat wird zur Gottheit und als solche im Yasukuni-Schrein verehrt. Der Tenno gilt als Mensch gewordene Gottheit; sein Wille ist göttliche Gewalt. Die kaiserlichen Erlasse müssen von den jungen Kadetten auswendig gelernt werden, jeden Tag rezitiert werden und werden die ultimative Doktrin.
Shoji hat vor allem mit den physischen Anforderungen der Kadettenschule zu kämpfen. Er ist eher schwächlich und hat seine Schwierigkeiten, beim Sport mitzuhalten. Dennoch wird er zum Liebling zweier älterer Schüler – homoerotische Avancen machen ihm beide. Durch die älteren Schüler erfährt Shoji auch vom fehlgeschlagenen Putschversuch vom 26. Februar 1936, als knapp 1.500 Soldaten Tokio für drei Tage fast gänzlich unter ihre Kontrolle brachten, um die Regierungsclique auszuschalten und eine Art „Showa-Restauration“ einzuleiten. Da sie sich als Kämpfer des Tennos erachteten, verehren die älteren Schüler die Putschisten – insbesondere da einige der Rädelsführer aus derselben Kadettenschule entstammen.
Im Jahr 1945 befindet sich Shoji in der letzten Klasse der Kadettenschule. Zwischenzeitlich kann er die von ihm abgeforderten physischen Leistungen erbringen und muss als Vorbild für die jüngeren Klassen der Schule fungieren. Auch Shoji hat sich nun einen Liebling unter den Jüngeren ausgeguckt, der ihn sexuell und doch noch recht unschuldig anzieht. Sein Vater dokumentiert in Briefen an ihn die Zerstörung Tokios durch den Bombenhagel. Und sein Jugendfreund Kito berichtet Shoji, wie er durch bewusste Provokation seine Entlassung aus der Kadettenschule provozierte, um der beengenden Welt der Schule zu entkommen. Dennoch sieht auch Kito seinen Tod für den Tenno als unausweichlich.
Als am 15. August 1945 der Tenno die Kapitulation Japans über das Radio verkündet, stürzt die Kadettenschule ins emotionale Chaos. Es bilden sich zwei Fronten: Der Großteil der Lehrer und Schüler nehmen die Kapitulation als den göttlichen Willen des Tennos und somit als Befehl hin – zumindest als der erste Schock über die für sie unvorhersehbare Entwicklung verdaut ist; hatten sie doch bis vor kurzem daran geglaubt, ihr Leben im Kampf auf den Hauptinseln für den Tenno hingeben zu dürfen. Der kleinere Teil vermutet ein Komplott der Regierungsclique, die den Tenno zur Kapitulation gezwungen hat. In diesem Zusammenhang treten ehemalige Schüler der Kadettenschule aufs Parkett, die am Kyujo-Vorfall beteiligt waren, um die Kapitulation zu verhindern.
Shoji ist von den Geschehnissen völlig verwirrt. Er war davon ausgegangen, sein Leben für den Tenno zu opfern und kaum ein Alter von 20 Jahren zu überschreiten. Der Sinn seines Soldatenlebens hätte sich eben erst durch den eigenen Tod erfüllt. Durch Gerüchte erfährt er vom Selbstmord einiger führender Militärs und erwartet nun ebenfalls vom Tenno als oberstem Militärführer die Selbstentleibung. Auch unter den Schülern entfachen sich Diskussionen über den eigenen Selbstmord. Wird die ausgebrochene Orientierungslosigkeit noch weitere Opfer fordern?
„Die Hand des Riesen“ schildert die unaufhörliche Indoktrinierung der jugendlichen Kadetten mit den Prinzipien des Heldentods für Tenno und Vaterland, dass die für unsereins völlig abwegig erscheinende Selbstmorde der Militärs verständlicher werden. Als die Kapitulation ausgesprochen wird, wird der Irrweg eines „heiligen Kriegs“ vor allem für die Jugendlichen brutal offenbar.
Nur schade, dass „Die Hand des Riesen“ kein Nachwort enthält. So bleibt offen, inwieweit sich Otohiko Kaga in den Schilderungen der beiden Putschversuche an die Fakten gehalten hat und wo seine Imagination beginnt.
Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Die Hand des Riesen“, DVA, Stuttgart, 1976, ISBN 3-421-01763-8
1943 tritt der 13-jährige Shoji auf Wunsch seiner Eltern in eine Kadettenschule in Mitteljapan ein. Eigentlich noch Kinder erleben seine Mitschüler und er den militärischen Drill und werden ganz auf den Heldentod als Soldat eingeschwört. Denn der gefallene Soldat wird zur Gottheit und als solche im Yasukuni-Schrein verehrt. Der Tenno gilt als Mensch gewordene Gottheit; sein Wille ist göttliche Gewalt. Die kaiserlichen Erlasse müssen von den jungen Kadetten auswendig gelernt werden, jeden Tag rezitiert werden und werden die ultimative Doktrin.
Shoji hat vor allem mit den physischen Anforderungen der Kadettenschule zu kämpfen. Er ist eher schwächlich und hat seine Schwierigkeiten, beim Sport mitzuhalten. Dennoch wird er zum Liebling zweier älterer Schüler – homoerotische Avancen machen ihm beide. Durch die älteren Schüler erfährt Shoji auch vom fehlgeschlagenen Putschversuch vom 26. Februar 1936, als knapp 1.500 Soldaten Tokio für drei Tage fast gänzlich unter ihre Kontrolle brachten, um die Regierungsclique auszuschalten und eine Art „Showa-Restauration“ einzuleiten. Da sie sich als Kämpfer des Tennos erachteten, verehren die älteren Schüler die Putschisten – insbesondere da einige der Rädelsführer aus derselben Kadettenschule entstammen.
Im Jahr 1945 befindet sich Shoji in der letzten Klasse der Kadettenschule. Zwischenzeitlich kann er die von ihm abgeforderten physischen Leistungen erbringen und muss als Vorbild für die jüngeren Klassen der Schule fungieren. Auch Shoji hat sich nun einen Liebling unter den Jüngeren ausgeguckt, der ihn sexuell und doch noch recht unschuldig anzieht. Sein Vater dokumentiert in Briefen an ihn die Zerstörung Tokios durch den Bombenhagel. Und sein Jugendfreund Kito berichtet Shoji, wie er durch bewusste Provokation seine Entlassung aus der Kadettenschule provozierte, um der beengenden Welt der Schule zu entkommen. Dennoch sieht auch Kito seinen Tod für den Tenno als unausweichlich.
Als am 15. August 1945 der Tenno die Kapitulation Japans über das Radio verkündet, stürzt die Kadettenschule ins emotionale Chaos. Es bilden sich zwei Fronten: Der Großteil der Lehrer und Schüler nehmen die Kapitulation als den göttlichen Willen des Tennos und somit als Befehl hin – zumindest als der erste Schock über die für sie unvorhersehbare Entwicklung verdaut ist; hatten sie doch bis vor kurzem daran geglaubt, ihr Leben im Kampf auf den Hauptinseln für den Tenno hingeben zu dürfen. Der kleinere Teil vermutet ein Komplott der Regierungsclique, die den Tenno zur Kapitulation gezwungen hat. In diesem Zusammenhang treten ehemalige Schüler der Kadettenschule aufs Parkett, die am Kyujo-Vorfall beteiligt waren, um die Kapitulation zu verhindern.
Shoji ist von den Geschehnissen völlig verwirrt. Er war davon ausgegangen, sein Leben für den Tenno zu opfern und kaum ein Alter von 20 Jahren zu überschreiten. Der Sinn seines Soldatenlebens hätte sich eben erst durch den eigenen Tod erfüllt. Durch Gerüchte erfährt er vom Selbstmord einiger führender Militärs und erwartet nun ebenfalls vom Tenno als oberstem Militärführer die Selbstentleibung. Auch unter den Schülern entfachen sich Diskussionen über den eigenen Selbstmord. Wird die ausgebrochene Orientierungslosigkeit noch weitere Opfer fordern?
„Die Hand des Riesen“ schildert die unaufhörliche Indoktrinierung der jugendlichen Kadetten mit den Prinzipien des Heldentods für Tenno und Vaterland, dass die für unsereins völlig abwegig erscheinende Selbstmorde der Militärs verständlicher werden. Als die Kapitulation ausgesprochen wird, wird der Irrweg eines „heiligen Kriegs“ vor allem für die Jugendlichen brutal offenbar.
Nur schade, dass „Die Hand des Riesen“ kein Nachwort enthält. So bleibt offen, inwieweit sich Otohiko Kaga in den Schilderungen der beiden Putschversuche an die Fakten gehalten hat und wo seine Imagination beginnt.
Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Die Hand des Riesen“, DVA, Stuttgart, 1976, ISBN 3-421-01763-8
Sonntag, 30. Dezember 2012
Otohiko Kaga
Otohiko Kaga wurde 1929 in Tokio geboren. Er studierte in seiner Heimatstadt Psychologie und Kriminologie. Bevor er im Jahr 1957 für einen Studienaufenthalt nach Frankreich ging, arbeitete er zunächst in einem Krankenhaus und im Anschluss in einem Gefängnis. Nachdem er 1960 nach Japan zurückkehrte, betätigte er sich als Universitätsprofessor für Psychologie. Zudem schrieb er Romane über seine Zeit in Frankreich. Ab 1979 widmete er sich komplett dem Schreiben.
Otohiko Kaga wurde mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet; unter anderem erhielt er 1973 den Tanizaki-Preis für „Die Hand des Riesen“. Otohiko Kaga setzt sich aktiv und auch literarisch für die Abschaffung der Todesstrafe ein.
Unter dem Einfluss seines Freundes Shusaku Endo konvertierte Otohiko Kaga 1987 zum katholischen Glauben.
Interessante Links:
Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:
Otohiko Kaga wurde mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet; unter anderem erhielt er 1973 den Tanizaki-Preis für „Die Hand des Riesen“. Otohiko Kaga setzt sich aktiv und auch literarisch für die Abschaffung der Todesstrafe ein.
Unter dem Einfluss seines Freundes Shusaku Endo konvertierte Otohiko Kaga 1987 zum katholischen Glauben.
Interessante Links:
- Japanese Literature Publishing Project: Biographie von Otohiko Kaga
- The Japan Times: Tokyo exhibit shows prizewinning art of death-row inmates
Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:
Dienstag, 1. Mai 2012
„Ein Brief aus der Wüste“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt
Neben Gedichten von Hiroshi Kawasaki und Makoto Ooka finden sich in dem von Siegfried Schaarschmidt herausgegebenen Band „Ein Brief aus der Wüste“ sechs Erzählungen namhafter japanischer Autoren. Abgerundet wird dies durch Kurzbiographien der vorgestellten Schriftsteller und einem 30-seitigen Nachwort des Herausgebers zur modernen japanischen Literatur (freilich ist dieses nicht aktuell bis zu den heutigen, populären Autoren, da der Band bereits in den 80er Jahren veröffentlicht wurde).
„Ein Brief aus der Wüste“ ist das Sujet von Yasushi Inoues kurzer Erzählung aus dem Jahr 1983: Den Protagonisten hat es in ein Örtchen irgendwo in der Wüste von Takla Makan verschlagen. Nachdem ihm ein Soldat angeboten hat, seine Briefe mitzunehmen, damit sie baldmöglichst in Japan ankommen, beginnt der Ich-Erzähler mit dem Schreiben. Doch den Brief braucht er nicht abzuschicken. Der Adressat ist H. F., ein verstorbener Jugendfreund, der dem Protagonisten mit einem Gedicht die Lust am Schreiben näher brachte.
Shinchiro Nakamuras Erzählung „Ferne Musik“ behandelt eine geradezu metaphysische Erfahrung eines Tempelbesuchs: Ein alter Mann erinnert sich unwillkürlich daran, diesen Tempel bereits als Kind aufgesucht zu haben. Seine Erinnerungen überlagern sich mit der Gegenwart, werden ergänzt durch halluzinatorische Wahrnehmungen.
„Das Kaninchensyndrom“ erfasst eine Familie in der Nachkriegszeit. Shotaro Yasuoka erzählt hier die amüsante Geschichte, wie der Familienvater mit dem Verkauf von Angorawolle sein Einkommen verbessern will. Die zu diesem Zweck im Haus gehaltenen Angorakaninchen stellen den Haushalt gehörig auf den Kopf. Und der Familienvater wird den Kaninchen immer ähnlicher…
„Der Kirschbaum“ ist der Auslöser in Otohiko Kagas Erzählung, dass sich der Protagonist an einen verstorbenen Jugendfreund erinnert. Der Ich-Erzähler treibt sich im Stadtviertel, in dem er aufgewachsen ist, herum. Die alten Häuser haben bereits fast alle modernen Gebäuden weichen müssen. Doch ein Kirschbaum sieht so aus wie der, der auf dem Grundstück der Eltern seines Freundes stand. Dies ist der Anlass für den Protagonisten über die Kindheitsjahre nachzusinnen.
Unter Hiroshi Kawasakis Gedichten ist „Der Hilfsarbeiterausweis“ vielleicht das eindrücklichste: Wie man vom Beinahe-Kamikaze-Flieger zum Hilfsarbeiter auf einem US-amerikanischen Flugzeugträger wird.
Von Makoto Ooka sind vier Gedichte vertreten. Das längste unter ihnen namens „So sag’ doch was, ich bitte dich!“ thematisiert die Katastrophe der Atombombenabwürfe über Japan.
„Der Kommandeur“ von Makoto Oda ist die Geschichte dreier Generationen: Yamana hat sich während des zweiten Weltkriegs unter seinen Untergebenen den Ruf erarbeitet, ein Korporal des Teufels zu sein. Namba, dessen Vater Yamanas Kommandeur war, versucht einem rätselhaften Vorfall in seiner Kindheit auf die Spur zu kommen. Und dann ist da noch Yamanas Sohn, der von Namba an der Schule unterrichtet wird und sich während der Studentenunruhen der 60er Jahre gegen alle Autoritäten auflehnt.
Kenji Nakagamis „Der Bergasket“ handelt von der recht wunderlichen, von übersinnlichen Phänomenen begleiteten Wanderung des cholerischen Protagonisten zwischen zwei Dörfern. Ob er hier Läuterung erfahren wird?
Bemerkenswert an „Ein Brief aus der Wüste“ ist das Nachwort mit vielen interessanten Hintergrundinformationen zur japanischen Literatur ab ca. 1900. Ein bisschen irritiert jedoch die Biographie von Kenji Nakagami: Da wird verklausuliert und euphemistisch von einer „der ältesten ausgewiesenen Kultur“ und einer „’Sonderwelt’ innerhalb der allgemein japanischen“ (jeweils S. 126) gesprochen – und das Kind namens Burakumin, einer Diskriminierung ausgesetzter Minderheit, nicht beim Namen genannt.
„Ein Brief aus der Wüste“ ist das Sujet von Yasushi Inoues kurzer Erzählung aus dem Jahr 1983: Den Protagonisten hat es in ein Örtchen irgendwo in der Wüste von Takla Makan verschlagen. Nachdem ihm ein Soldat angeboten hat, seine Briefe mitzunehmen, damit sie baldmöglichst in Japan ankommen, beginnt der Ich-Erzähler mit dem Schreiben. Doch den Brief braucht er nicht abzuschicken. Der Adressat ist H. F., ein verstorbener Jugendfreund, der dem Protagonisten mit einem Gedicht die Lust am Schreiben näher brachte.
Shinchiro Nakamuras Erzählung „Ferne Musik“ behandelt eine geradezu metaphysische Erfahrung eines Tempelbesuchs: Ein alter Mann erinnert sich unwillkürlich daran, diesen Tempel bereits als Kind aufgesucht zu haben. Seine Erinnerungen überlagern sich mit der Gegenwart, werden ergänzt durch halluzinatorische Wahrnehmungen.
„Das Kaninchensyndrom“ erfasst eine Familie in der Nachkriegszeit. Shotaro Yasuoka erzählt hier die amüsante Geschichte, wie der Familienvater mit dem Verkauf von Angorawolle sein Einkommen verbessern will. Die zu diesem Zweck im Haus gehaltenen Angorakaninchen stellen den Haushalt gehörig auf den Kopf. Und der Familienvater wird den Kaninchen immer ähnlicher…
„Der Kirschbaum“ ist der Auslöser in Otohiko Kagas Erzählung, dass sich der Protagonist an einen verstorbenen Jugendfreund erinnert. Der Ich-Erzähler treibt sich im Stadtviertel, in dem er aufgewachsen ist, herum. Die alten Häuser haben bereits fast alle modernen Gebäuden weichen müssen. Doch ein Kirschbaum sieht so aus wie der, der auf dem Grundstück der Eltern seines Freundes stand. Dies ist der Anlass für den Protagonisten über die Kindheitsjahre nachzusinnen.
Unter Hiroshi Kawasakis Gedichten ist „Der Hilfsarbeiterausweis“ vielleicht das eindrücklichste: Wie man vom Beinahe-Kamikaze-Flieger zum Hilfsarbeiter auf einem US-amerikanischen Flugzeugträger wird.
Von Makoto Ooka sind vier Gedichte vertreten. Das längste unter ihnen namens „So sag’ doch was, ich bitte dich!“ thematisiert die Katastrophe der Atombombenabwürfe über Japan.
„Der Kommandeur“ von Makoto Oda ist die Geschichte dreier Generationen: Yamana hat sich während des zweiten Weltkriegs unter seinen Untergebenen den Ruf erarbeitet, ein Korporal des Teufels zu sein. Namba, dessen Vater Yamanas Kommandeur war, versucht einem rätselhaften Vorfall in seiner Kindheit auf die Spur zu kommen. Und dann ist da noch Yamanas Sohn, der von Namba an der Schule unterrichtet wird und sich während der Studentenunruhen der 60er Jahre gegen alle Autoritäten auflehnt.
Kenji Nakagamis „Der Bergasket“ handelt von der recht wunderlichen, von übersinnlichen Phänomenen begleiteten Wanderung des cholerischen Protagonisten zwischen zwei Dörfern. Ob er hier Läuterung erfahren wird?
Bemerkenswert an „Ein Brief aus der Wüste“ ist das Nachwort mit vielen interessanten Hintergrundinformationen zur japanischen Literatur ab ca. 1900. Ein bisschen irritiert jedoch die Biographie von Kenji Nakagami: Da wird verklausuliert und euphemistisch von einer „der ältesten ausgewiesenen Kultur“ und einer „’Sonderwelt’ innerhalb der allgemein japanischen“ (jeweils S. 126) gesprochen – und das Kind namens Burakumin, einer Diskriminierung ausgesetzter Minderheit, nicht beim Namen genannt.
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Yasushi Inoue
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