Was bin ich froh, dass ich kein Teenager mehr bin. Eigentlich wünscht man sich ja gern zurück in die „gute, alte Zeit“, aber nach der Lektüre von Rin Usamis „Idol in Flammen“ wird einem wieder bewusst, wie sehr man die Zeit doch verklärt. Wahrscheinlich findet sich jeder ein bisschen in Rin Usamis Protagonistin Akari wider. Schule ist doof, Eltern sind doof, der eigene Körper ist doof und so richtig wohl fühlt man sich nur in einer Gruppe Gleichgesinnter.
Akari ist Fan der J-Pop-Band „Mazamaza“ und insbesondere von dem Sänger Masaki. Masaki wird zu Akaris Rückgrat. Sie bloggt über ihn, schuftet in einer Kneipe, um sich Merchandising-Kram und Konzerttickets leisten zu können, richtet ihr Zimmer in blau ein, weil Blau Masakis Lieblingsfarbe ist.
Akari erfreut allein die abgöttische Schwärmerei – eine echte Beziehung mit Masaki braucht sie nicht. Sie flüchtet vor der Realität und bezahlt dafür nicht nur mit dem Lohn, den sie durch ihren Nebenjob verdient.
Rin Usamis Erzählstil ist reduziert. Auch wenn sich Akari der Schwärmerei hingibt, wird die Sprache nicht blumig. Gute 120 Seiten zählt der Kurzroman, dessen Lektüre sicherlich keinen Spaß macht. Der Schwermut Akaris springt auf den Leser über. Und irgendwie macht „Idol in Flammen“ auch wütend. Den jugendlichen Fans wird mit abstrusen Produkten und Wahlaktionen, wer das beliebteste Bandmitglied ist, das Geld aus der Tasche gezogen. Die Band ist ein Produkt, das bis zum Exzess konsumiert werden soll. Akari ist wie ein Junkie süchtig nach dem Produkt – und die Erwachsenen stehen hilflos daneben und wissen der Süchtigen nicht zu helfen.
Verstärkt wird die Sucht noch durch Social Media. Lifestreams suggerieren Zugänglichkeit, Shitstorms fordern die Fans in ihrer Treue heraus. Teenager-Sein war früher wahrscheinlich doch ein bisschen einfacher…
Bibliographische Angaben:
Usami, Rin: „Idol in Flammen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023, 978-3462003024
Posts mit dem Label Adoleszenz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Adoleszenz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Dienstag, 9. April 2024
Sonntag, 23. September 2018
„Unter der Mitternachtssonne“ von Keigo Higashino
Im Osaka der 70er Jahre findet ein Junge beim Versteckenspielen in einem verlassenen Gebäude die Leiche des Pfandleihers Kirihara. Mit mehreren Messerstichen wurde der Mann ermordet. Doch trotz intensiver Ermittlungen kann die Polizei den Mörder nicht dingfest machen. Alle Verdächtigen scheinen Alibis zu haben. Und ein Jahr später scheiden gar zwei davon unter seltsamen Bedingungen aus dem Leben. So müssen die Ermittlungen erfolglos eingestellt werden.
Aus unterschiedlichen Perspektiven werden in Folge Geschehnisse aus den kommenden 20 Jahren sowohl in Osaka als auch Tokio illustriert. Immer wieder kommt es zu Verbrechen wie Missbrauch, Vergewaltigung, Industriespionage oder Hacker-Angriffen. Dabei greift der Autor Keigo Higashino Themen auf, die für die jeweilige Zeit hochaktuell waren. Sei es die Einführung von Bankkarten oder Computerspiele, die im Trend lagen. Diese Themen werden immer wieder zum Aufhänger für neue Verbrechen.
Während die bisherigen Krimi-Übersetzungen von Keigo Higashino dem Whodunit-Genre zuzuordnen sind, schert „Unter der Mitternachtssonne“ diesmal aus. Denn es wird sehr schnell klar, dass zwei Personen auf mysteriöse Art und Weise in die Unglücke verkettet sind, die in ihrem Umfeld stattfinden. Kommissar Sasagaki bedient sich des Bildes vom Knallkrebs und der Grundel: Der Knallkrebs lässt die Grundel in seiner Höhle wohnen. Die Grundel wiederum warnt den Knallkrebs vor drohender Gefahr – eine perfekte Symbiose. Doch der Kriminalbeamte kann seine Theorie weder beweisen, noch den Verdächtigen habhaft werden. Und so fiebert der Leser mit, dass den beiden Bösewichten doch bitte endlich jemand das Handwerk legt, bevor sie noch weiteres Unheil stiften können.
Mit mehr als 700 Seiten ist „Unter der Mitternachtssonne“ zwar enorm lang, dafür aber so spannend, dass man gerne auch mal bis nach Mitternacht liest. Und das obwohl der Leser sehr schnell ahnt, wer hinter den bösen Machenschaften steckt. „Unter der Mitternachtssonne“ führt zwar viele Personen ein, was eine Herausforderung an den Leser ist, aber mir scheint, dass der Roman gerade durch die Vielfalt an Perspektiven so interessant wird. Jede neue Figur wird in ihren Eigenschaften genau herausziseliert und wächst einem manchmal sogar ein bisschen ans Herz. Umso schlimmer, wenn die Bösewichte dem liebgewonnenen Charakter dann etwas antun sollten.
Insgesamt gefällt mir persönlich „Unter der Mitternachtssonne“ viel besser als die Whodunit-Krimis des Autors, die mir manchmal zu konstruiert wirken.
Bibliographische Angaben:
Higashino, Keigo: „Unter der Mitternachtssonne“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Tropen, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-608-50348-7
Aus unterschiedlichen Perspektiven werden in Folge Geschehnisse aus den kommenden 20 Jahren sowohl in Osaka als auch Tokio illustriert. Immer wieder kommt es zu Verbrechen wie Missbrauch, Vergewaltigung, Industriespionage oder Hacker-Angriffen. Dabei greift der Autor Keigo Higashino Themen auf, die für die jeweilige Zeit hochaktuell waren. Sei es die Einführung von Bankkarten oder Computerspiele, die im Trend lagen. Diese Themen werden immer wieder zum Aufhänger für neue Verbrechen.
Während die bisherigen Krimi-Übersetzungen von Keigo Higashino dem Whodunit-Genre zuzuordnen sind, schert „Unter der Mitternachtssonne“ diesmal aus. Denn es wird sehr schnell klar, dass zwei Personen auf mysteriöse Art und Weise in die Unglücke verkettet sind, die in ihrem Umfeld stattfinden. Kommissar Sasagaki bedient sich des Bildes vom Knallkrebs und der Grundel: Der Knallkrebs lässt die Grundel in seiner Höhle wohnen. Die Grundel wiederum warnt den Knallkrebs vor drohender Gefahr – eine perfekte Symbiose. Doch der Kriminalbeamte kann seine Theorie weder beweisen, noch den Verdächtigen habhaft werden. Und so fiebert der Leser mit, dass den beiden Bösewichten doch bitte endlich jemand das Handwerk legt, bevor sie noch weiteres Unheil stiften können.
Mit mehr als 700 Seiten ist „Unter der Mitternachtssonne“ zwar enorm lang, dafür aber so spannend, dass man gerne auch mal bis nach Mitternacht liest. Und das obwohl der Leser sehr schnell ahnt, wer hinter den bösen Machenschaften steckt. „Unter der Mitternachtssonne“ führt zwar viele Personen ein, was eine Herausforderung an den Leser ist, aber mir scheint, dass der Roman gerade durch die Vielfalt an Perspektiven so interessant wird. Jede neue Figur wird in ihren Eigenschaften genau herausziseliert und wächst einem manchmal sogar ein bisschen ans Herz. Umso schlimmer, wenn die Bösewichte dem liebgewonnenen Charakter dann etwas antun sollten.
Insgesamt gefällt mir persönlich „Unter der Mitternachtssonne“ viel besser als die Whodunit-Krimis des Autors, die mir manchmal zu konstruiert wirken.
Bibliographische Angaben:
Higashino, Keigo: „Unter der Mitternachtssonne“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Tropen, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-608-50348-7
Labels:
Adoleszenz,
Keigo Higashino,
Krimi,
Mord,
Rezensionen,
Vergewaltigung
Samstag, 22. September 2018
"64" von Hideo Yokoyama
Wer einen klassischen Krimi lesen will, der wird von Hideo Yokoyamas "64" gegebenenfalls enttäuscht werden. Denn der Roman nimmt sehr, sehr langsam Fahrt auf. Wer sich durch das circa 750 Seiten starke Werk wühlt, dem wird schon einiges an Durchhaltevermögen aufgebürdet.
Einerseits geht es schon auch mal um einen Cold Case: Zum Ende der Showa-Zeit (1989 = 64 Showa-Zeit) kommt es zu einem dramatischen Entführungsfall, bei dem das 7-jährige Opfer nach der Lösegeldübergabe tot aufgefunden wird. Trotz detaillierter Polizeiarbeit bleibt das Verbrechen ungelöst. Kurz vor der Verjährung soll der Fall Pubilicity-stark nochmal in den Blickpunkt der Medien gerückt werden mit der Botschaft, dass man den Mörder und Entführer nicht davonkommen lassen will.
Andererseits nimmt die spannungsgeladene Situation des Polizei-Pressesprechers Mikami die meisten Seiten in Beschlag: Mikami ist eigentlich ein klassischer Ermittler, der seine Versetzung in die Verwaltung als große Strafe betrachtet. In seiner Funktion als Pressesprecher meiden ihn die alten Kollegen aus der Kriminaluntersuchung. Doch nur wenn Mikami seinen derzeitigen Job gut erfüllt, dann hat er die Chance, wieder auf einen Ermittlerposten zurückversetzt zu werden. Zudem hat er als Führungskraft auch die Verantwortung für seine Mitarbeiter. Mikami steckt in einer Zwickmühle.
Dazu gesellen sich auch noch private Probleme. Mikamis Tochter ist verschwunden. Das Teenager-Mädchen leidet unter ihrem Aussehen. Leider hat sie nicht die Schönheit der Mutter, sondern die Gesichtszüge des wenig ansehnlichen Vaters geerbt. Und mit Mikamis Art kommt sie auch nicht klar. Eines Tages kehrt sie einfach nicht in ihr Elternhaus zurück.
Hideo Yokoyama räumt der Darstellung von Mikamis Arbeit als Pressesprecher enorm viel Raum ein. Zudem erfährt der Leser viel über die Strukturen bei der Polizei. Das mag für Japan-Freaks sicherlich noch irgendwie interessant sein. Doch mit der Zeit werden die Scharmützel zwischen PR-Abteilung und Presse bzw. Verwaltung und Kriminaluntersuchung ein bisschen fade und man fragt sich, wohin das denn noch alles führen und was das zur Klärung des Cold Case beitragen soll.
Es sei verraten, dass der Roman immerhin ab dem letzten Drittel doch endlich spannend wird. Wer sich so weit durchgekämpft hat, wird immerhin doch noch belohnt, wenn auch am Schluss einige Fragen offen bleiben.
Bibliographische Angaben:
Yokoyama, Hideo: „64“ (Übersetzung aus dem Englischen: Roth, Sabine & Stingl, Nikolaus), Atrium, Zürich 2018, ISBN 978-3-85535-017-9
Einerseits geht es schon auch mal um einen Cold Case: Zum Ende der Showa-Zeit (1989 = 64 Showa-Zeit) kommt es zu einem dramatischen Entführungsfall, bei dem das 7-jährige Opfer nach der Lösegeldübergabe tot aufgefunden wird. Trotz detaillierter Polizeiarbeit bleibt das Verbrechen ungelöst. Kurz vor der Verjährung soll der Fall Pubilicity-stark nochmal in den Blickpunkt der Medien gerückt werden mit der Botschaft, dass man den Mörder und Entführer nicht davonkommen lassen will.
Andererseits nimmt die spannungsgeladene Situation des Polizei-Pressesprechers Mikami die meisten Seiten in Beschlag: Mikami ist eigentlich ein klassischer Ermittler, der seine Versetzung in die Verwaltung als große Strafe betrachtet. In seiner Funktion als Pressesprecher meiden ihn die alten Kollegen aus der Kriminaluntersuchung. Doch nur wenn Mikami seinen derzeitigen Job gut erfüllt, dann hat er die Chance, wieder auf einen Ermittlerposten zurückversetzt zu werden. Zudem hat er als Führungskraft auch die Verantwortung für seine Mitarbeiter. Mikami steckt in einer Zwickmühle.
Dazu gesellen sich auch noch private Probleme. Mikamis Tochter ist verschwunden. Das Teenager-Mädchen leidet unter ihrem Aussehen. Leider hat sie nicht die Schönheit der Mutter, sondern die Gesichtszüge des wenig ansehnlichen Vaters geerbt. Und mit Mikamis Art kommt sie auch nicht klar. Eines Tages kehrt sie einfach nicht in ihr Elternhaus zurück.
Hideo Yokoyama räumt der Darstellung von Mikamis Arbeit als Pressesprecher enorm viel Raum ein. Zudem erfährt der Leser viel über die Strukturen bei der Polizei. Das mag für Japan-Freaks sicherlich noch irgendwie interessant sein. Doch mit der Zeit werden die Scharmützel zwischen PR-Abteilung und Presse bzw. Verwaltung und Kriminaluntersuchung ein bisschen fade und man fragt sich, wohin das denn noch alles führen und was das zur Klärung des Cold Case beitragen soll.
Es sei verraten, dass der Roman immerhin ab dem letzten Drittel doch endlich spannend wird. Wer sich so weit durchgekämpft hat, wird immerhin doch noch belohnt, wenn auch am Schluss einige Fragen offen bleiben.
Bibliographische Angaben:
Yokoyama, Hideo: „64“ (Übersetzung aus dem Englischen: Roth, Sabine & Stingl, Nikolaus), Atrium, Zürich 2018, ISBN 978-3-85535-017-9
Samstag, 7. April 2018
"Die Maske" von Fuminori Nakamura
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschließt der 60-jährige
Familienpatriarch Yosuke Kuki, daß er zum Ende seines Lebens nochmals
Vater werden möchte. Doch nicht, um sich an dem jungen Leben zu
erfreuen, sondern um der Welt nach seinem Ableben ein Geschwür in Form
von missratenem Nachwuchs zu hinterlassen. Dementsprechend hart werden
die Erziehungsmethoden angewandt und der zweite Weltkrieg tut ein
Übriges, um die Brut völlig zum Pychopathen zu transformieren. Das
Geschwür soll und wird Böses in die Welt setzen.
Fuminori Nakamuras "Die Maske" setzt aber später ein, als der elfjährige Fumihiro Kuki vor seinen furchteinflössenden Vater zitiert wird. Dieser eröffnet dem Jungen, dass er nur gezeugt wurde, um die Familientradition der Geschwüre fortzuführen. Der Vater hat sich einen perfiden Plan ausgedacht, um in Fumihiros Herz das Teuflische zu pflanzen: Er adoptiert die junge, bezaubernde Kaori und lässt die beiden Gleichaltrigen sich anfreunden. Doch eines Tages will er Kaori so quälen, dass Fumihiro dem Wahnsinn verfällt und sich dem Bösen zuwendet.
Doch Fumihiro denkt gar nicht daran, sich in sein Schicksal zu ergeben. Er verliebt sich unsterblich in Kaori und jedes Mittel soll ihm recht sein, die Geliebte zu beschützen. Er gibt sich dem Vater gegenüber übertrieben kindlich und schmiedet insgeheim an seinem Plan, der ihm für immer seine seelische Ruhe rauben wird.
Jahre später begegnet der erwachsene Fumihiro dem Leser erneut. Doch zwischenzeitlich hat er eine andere Identität angenommen und sich durch plastische Chirurgie auch optisch völlig verändert. Die Vergangenheit scheint Fumihiro trotzdem einzuholen. Kaori droht erneut Gefahr und Fumihiro muss wieder alles aufs Spiel setzen, um sie zu retten.
Fuminori Nakamura, der als Noir-Autor bekannt ist, steigt wahrlich düster in den Roman ein. Die Handlung steigert sich bis zu einem enorm spannenden ersten Höhepunkt und bei dem Gedanken an Fumihiros gruseligen Vater stellt es einem richtiggehend die Nackenhaare auf.
Ganz anders wirkt dagegen der Teil, der dem erwachsenen Fumihiro gewidmet ist. Hier geht's zwischendurch fast schon clownesk-grotesk zu, als Fumihiro ein zweites Geschwür des Kuki-Clans kennenlernt. Dieser zweite missratene Sohn der Familie betätigt sich in einer dubiosen Terrorgruppe, die von Politikern Karaokeinterpretationen als verkleidete Popsternchen erpresst. Einerseits sind unter dieser Tonalität die sympathischeren Wendungen möglich, andererseits hätte es mich auch brennend interessiert, wie eine düsterere Version des Romans verlaufen wäre. Ich kann nur spekulieren, dass der Nachhall des Werks dann größer gewesen und stärker unter die Haut gegangen wäre. So verpufft er leider relativ schnell, was das Lesevergnügen selbst allerdings nicht schmälert. Hochspannend ist "Die Maske" aber auch in dieser Version.
Bibliographische Angaben:
Nakamura, Fuminori: "Die Maske" (Übersetzung aus dem Japansichen: Eggenberg, Thomas), Diogenes Verlag, Zürich 2018, ISBN 978-3-257-86337-6
Fuminori Nakamuras "Die Maske" setzt aber später ein, als der elfjährige Fumihiro Kuki vor seinen furchteinflössenden Vater zitiert wird. Dieser eröffnet dem Jungen, dass er nur gezeugt wurde, um die Familientradition der Geschwüre fortzuführen. Der Vater hat sich einen perfiden Plan ausgedacht, um in Fumihiros Herz das Teuflische zu pflanzen: Er adoptiert die junge, bezaubernde Kaori und lässt die beiden Gleichaltrigen sich anfreunden. Doch eines Tages will er Kaori so quälen, dass Fumihiro dem Wahnsinn verfällt und sich dem Bösen zuwendet.
Doch Fumihiro denkt gar nicht daran, sich in sein Schicksal zu ergeben. Er verliebt sich unsterblich in Kaori und jedes Mittel soll ihm recht sein, die Geliebte zu beschützen. Er gibt sich dem Vater gegenüber übertrieben kindlich und schmiedet insgeheim an seinem Plan, der ihm für immer seine seelische Ruhe rauben wird.
Jahre später begegnet der erwachsene Fumihiro dem Leser erneut. Doch zwischenzeitlich hat er eine andere Identität angenommen und sich durch plastische Chirurgie auch optisch völlig verändert. Die Vergangenheit scheint Fumihiro trotzdem einzuholen. Kaori droht erneut Gefahr und Fumihiro muss wieder alles aufs Spiel setzen, um sie zu retten.
Fuminori Nakamura, der als Noir-Autor bekannt ist, steigt wahrlich düster in den Roman ein. Die Handlung steigert sich bis zu einem enorm spannenden ersten Höhepunkt und bei dem Gedanken an Fumihiros gruseligen Vater stellt es einem richtiggehend die Nackenhaare auf.
Ganz anders wirkt dagegen der Teil, der dem erwachsenen Fumihiro gewidmet ist. Hier geht's zwischendurch fast schon clownesk-grotesk zu, als Fumihiro ein zweites Geschwür des Kuki-Clans kennenlernt. Dieser zweite missratene Sohn der Familie betätigt sich in einer dubiosen Terrorgruppe, die von Politikern Karaokeinterpretationen als verkleidete Popsternchen erpresst. Einerseits sind unter dieser Tonalität die sympathischeren Wendungen möglich, andererseits hätte es mich auch brennend interessiert, wie eine düsterere Version des Romans verlaufen wäre. Ich kann nur spekulieren, dass der Nachhall des Werks dann größer gewesen und stärker unter die Haut gegangen wäre. So verpufft er leider relativ schnell, was das Lesevergnügen selbst allerdings nicht schmälert. Hochspannend ist "Die Maske" aber auch in dieser Version.
Bibliographische Angaben:
Nakamura, Fuminori: "Die Maske" (Übersetzung aus dem Japansichen: Eggenberg, Thomas), Diogenes Verlag, Zürich 2018, ISBN 978-3-257-86337-6
Samstag, 24. September 2016
„Der Bergmann“ von Soseki Natsume
Vor 100 Jahren starb Soseki – anlässlich dieses hundertsten Todestages veröffentlicht der Bebra Verlag den Roman „Der Bergmann“. Auch wenn der Ich-Erzähler im Werk an diversen Stellen immer wieder darauf hinweist, dass sein literarischer Erguss gar kein Roman sein kann, so kann dennoch vermutet werden, dass dies eher als eine kritische Spitze gegen den in der Meiji-Zeit idealisierten Ich-Roman zu verstehen ist.
Auch der Titel führt ein bisschen in die Irre. Denn in dem Roman geht es im Kern keinesfalls um das harte Leben eines Bergmanns. Vielmehr ist da ein 19-jähriges, verwöhntes Bürschlein aus Tokio, das aufgrund von unglückseligen Liebesbeziehungen von zu Hause ausbüchst. Eigentlich will er Selbstmord begehen, aber im entscheidenden Moment macht er doch immer wieder einen Rückzieher. Daher will er sich zumindest an einen möglichst abgeschiedenen Ort begeben, um im Dunkeln dahin zu darben.
Doch kaum ein paar Stündchen unterwegs, trifft er auf Chozo, der als Schlepper fürs Bergwerk fungiert. Im Ich-Erzähler findet Chozo ein williges Opfer für seinen Anheuerungsversuch: Wo, wenn nicht im Bergwerk, ist der Tod so nahe und das Dunkel so undurchdringlich? Ohne viel nachzudenken willigt der Ich-Erzähler ein – Chozo verfrachtet ihn schließlich mit zwei weiteren angeworbenen jungen Männern direkt ins Bergwerk.
Für den Ich-Erzähler brechen harte Tage an: Als verwöhntes Söhnchen aus Tokio zieht er den Spott der abgehärteten Bergmänner auf sich. Die Bettwanzen verhindern das gemütliche Einschlafen. Zu Essen gibt es nur billigen Reis, der wie Mörtel schmeckt. Und dann ist da natürlich auch noch das Bergwerk, in dem unter widrigsten Bedingungen härteste Arbeit verrichtet werden muss.
Einerseits fließen diverse psychologische Betrachtungen in den Roman mit ein, wie z.B. ob es einen festen Charakter einer Person gibt. Andererseits entbehren die Schilderungen auch nicht einer gewissen Komik, die dem Leser ein Grinsen ins Gesicht zaubern.
Der Übersetzer Franz Hintereder-Emde bettet in seinem Nachwort den Roman in den historischen Kontext ein (alternativ für Interessierte gibt es hier einen Text des Übersetzers als PDF): Etwa ein gutes, halbes Jahr vor der Veröffentlichung des Fortsetzungsromans in der Zeitung Asahi fanden der Kupfermine von Ashio Unruhen statt. Die Arbeiter protestierten gegen die Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein Zeitzeuge suchte Soseki auf, um Informationen für eine Geschichte zu den Unruhen und dem Leben als Bergmann zu verkaufen.
Eigentlich war für die Asahi der Roman „Frühling“ von Toson Shimazaki vorgesehen gewesen. Doch der Autor konnte nicht pünktlich liefern. Bei der Asahi musste die Literaturseite daher schleunigst anderweitig gefüllt werden. Soseki, der damals erst kurz bei der Asahi arbeitete, sprang ein und kreierte 96 Kapitel(chen) von „Der Bergmann“.
Sozialkritik klingt in dem Roman durchaus an, doch scheint das Werk für Soseki vor allem eine stilistische Spielwiese gewesen zu sein. Auch wenn aus der Ich-Perspektive geschrieben wird, so ist „Der Bergmann“ eben kein Ich-Roman im typischen Sinne.
Die humoristischen Betrachtungen, die psychologischen Reflexionen, die Coming-of-Age-Story und die Beschreibungen des Lebens der Bergmänner ergeben einen äußerst facettenreichen Roman, der leider viel zu schnell ausgelesen ist.
Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Der Bergmann“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Franz Hintereder-Emde), Bebra, Berlin 2016, ISBN 978-3-86124-920-7
Auch der Titel führt ein bisschen in die Irre. Denn in dem Roman geht es im Kern keinesfalls um das harte Leben eines Bergmanns. Vielmehr ist da ein 19-jähriges, verwöhntes Bürschlein aus Tokio, das aufgrund von unglückseligen Liebesbeziehungen von zu Hause ausbüchst. Eigentlich will er Selbstmord begehen, aber im entscheidenden Moment macht er doch immer wieder einen Rückzieher. Daher will er sich zumindest an einen möglichst abgeschiedenen Ort begeben, um im Dunkeln dahin zu darben.
Doch kaum ein paar Stündchen unterwegs, trifft er auf Chozo, der als Schlepper fürs Bergwerk fungiert. Im Ich-Erzähler findet Chozo ein williges Opfer für seinen Anheuerungsversuch: Wo, wenn nicht im Bergwerk, ist der Tod so nahe und das Dunkel so undurchdringlich? Ohne viel nachzudenken willigt der Ich-Erzähler ein – Chozo verfrachtet ihn schließlich mit zwei weiteren angeworbenen jungen Männern direkt ins Bergwerk.
Für den Ich-Erzähler brechen harte Tage an: Als verwöhntes Söhnchen aus Tokio zieht er den Spott der abgehärteten Bergmänner auf sich. Die Bettwanzen verhindern das gemütliche Einschlafen. Zu Essen gibt es nur billigen Reis, der wie Mörtel schmeckt. Und dann ist da natürlich auch noch das Bergwerk, in dem unter widrigsten Bedingungen härteste Arbeit verrichtet werden muss.
Einerseits fließen diverse psychologische Betrachtungen in den Roman mit ein, wie z.B. ob es einen festen Charakter einer Person gibt. Andererseits entbehren die Schilderungen auch nicht einer gewissen Komik, die dem Leser ein Grinsen ins Gesicht zaubern.
Der Übersetzer Franz Hintereder-Emde bettet in seinem Nachwort den Roman in den historischen Kontext ein (alternativ für Interessierte gibt es hier einen Text des Übersetzers als PDF): Etwa ein gutes, halbes Jahr vor der Veröffentlichung des Fortsetzungsromans in der Zeitung Asahi fanden der Kupfermine von Ashio Unruhen statt. Die Arbeiter protestierten gegen die Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein Zeitzeuge suchte Soseki auf, um Informationen für eine Geschichte zu den Unruhen und dem Leben als Bergmann zu verkaufen.
Eigentlich war für die Asahi der Roman „Frühling“ von Toson Shimazaki vorgesehen gewesen. Doch der Autor konnte nicht pünktlich liefern. Bei der Asahi musste die Literaturseite daher schleunigst anderweitig gefüllt werden. Soseki, der damals erst kurz bei der Asahi arbeitete, sprang ein und kreierte 96 Kapitel(chen) von „Der Bergmann“.
Sozialkritik klingt in dem Roman durchaus an, doch scheint das Werk für Soseki vor allem eine stilistische Spielwiese gewesen zu sein. Auch wenn aus der Ich-Perspektive geschrieben wird, so ist „Der Bergmann“ eben kein Ich-Roman im typischen Sinne.
Die humoristischen Betrachtungen, die psychologischen Reflexionen, die Coming-of-Age-Story und die Beschreibungen des Lebens der Bergmänner ergeben einen äußerst facettenreichen Roman, der leider viel zu schnell ausgelesen ist.
Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Der Bergmann“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Franz Hintereder-Emde), Bebra, Berlin 2016, ISBN 978-3-86124-920-7
Dienstag, 4. August 2015
„Coin Locker Babys“ von Ryu Murakami
Hashis und Kikus Start ins Leben ist mehr als hart – ein Wunder, dass die beiden Protagonisten aus Ryu Murakamis „Coin Locker Babys“ überhaupt überleben. Denn ihre Mütter deponieren sie jeweils mehr tot als lebendig in Schließfächern, um den missliebigen Nachwuchs loszuwerden. Unglaubliches Glück und Überlebenswille bescheren Hashi und Kiku eine zweite Geburt – statt aus einer Gebärmutter aus einem brütendheißen Schließfach.
Im katholischen Kinderheim treffen Hashi und Kiku aufeinander und werden beste Freunde, später sogar Brüder als sie von derselben Familie adoptiert werden. Doch an Normalität ist bei dem Geburtstrauma nicht zu denken. Die Mutter ein Schließfach, der Papa der Herr im Himmel – noch während ihrer Zeit im Waisenhaus werden Hashi und Kiku durch Hypnose therapiert. Als sie schließlich adoptiert werden und auf eine abgelegene Insel ziehen, scheint ein idyllisches Familienleben zum Greifen nach – wenn da nicht eine erneute Hypnose alte Wunden aufreißen würde…
Allzu viel mehr sollte man glatt nicht von der Handlung von Ryu Murakamis „Coin Locker Babys“ verraten. Das Werk, das vielleicht ganz gut als Coming-of-Age-Endzeitroman beschrieben werden könnte, zeichnet sich durch mehrere Höhepunkte aus. Gerade als man denkt, jetzt sollte sich die Geschichte dem Ende nähern, holt Ryu Murakami neu aus, bringt neue Charaktere, neue Ziele und neue Probleme ins Spiel. Das ist zwar ein bisschen irritierend, tut dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch, wenn man sich darauf einlässt, sich wieder in komplett neues Setting einzufühlen. Recht atmosphärisch lassen sich die Beschreibungen der Szenerien an ohne dabei zu langweilen.
Der Klappentext zu „Coin Locker Babys“ führt allerdings ein bisschen in die Irre: Hashi und Kiku verlassen zwar tatsächlich die heimatliche Insel und streben nach Tokio. Doch keineswegs deshalb, weil sie ihre Mütter aufspüren und töten möchten. Der sanfte, verletzliche Hashi möchte die Welt der Töne erforschen und Sänger werden. Daher geht er in die Hauptstadt, um hier die erstrebte Karriere einzuschlagen. Der maskuline Kiku kommt ihn schließlich suchen. Im Giftghetto, wo sich Verbrecher, Taugenichtse und Wahnsinnige versammeln, treffen die beiden wieder aufeinander, um aber schließlich auf die je eigene Weise ihre Bestimmung zu finden.
Einzig und allein: Ich bin mit dem recht spröden Charakter des Kiku nicht so recht warm geworden. Mag er noch so sehr aussehen, wie ein junger Gott, wenn er weißgekleidet und braungebrannt auf einem Motorrad dahindüst. Hashi dagegen wirkt selbst im Wahn noch irgendwie liebenswert.
Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „Coin Locker Babys“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime, Wien 2015, ISBN 978-3-902711-35-9
Im katholischen Kinderheim treffen Hashi und Kiku aufeinander und werden beste Freunde, später sogar Brüder als sie von derselben Familie adoptiert werden. Doch an Normalität ist bei dem Geburtstrauma nicht zu denken. Die Mutter ein Schließfach, der Papa der Herr im Himmel – noch während ihrer Zeit im Waisenhaus werden Hashi und Kiku durch Hypnose therapiert. Als sie schließlich adoptiert werden und auf eine abgelegene Insel ziehen, scheint ein idyllisches Familienleben zum Greifen nach – wenn da nicht eine erneute Hypnose alte Wunden aufreißen würde…
Allzu viel mehr sollte man glatt nicht von der Handlung von Ryu Murakamis „Coin Locker Babys“ verraten. Das Werk, das vielleicht ganz gut als Coming-of-Age-Endzeitroman beschrieben werden könnte, zeichnet sich durch mehrere Höhepunkte aus. Gerade als man denkt, jetzt sollte sich die Geschichte dem Ende nähern, holt Ryu Murakami neu aus, bringt neue Charaktere, neue Ziele und neue Probleme ins Spiel. Das ist zwar ein bisschen irritierend, tut dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch, wenn man sich darauf einlässt, sich wieder in komplett neues Setting einzufühlen. Recht atmosphärisch lassen sich die Beschreibungen der Szenerien an ohne dabei zu langweilen.
Der Klappentext zu „Coin Locker Babys“ führt allerdings ein bisschen in die Irre: Hashi und Kiku verlassen zwar tatsächlich die heimatliche Insel und streben nach Tokio. Doch keineswegs deshalb, weil sie ihre Mütter aufspüren und töten möchten. Der sanfte, verletzliche Hashi möchte die Welt der Töne erforschen und Sänger werden. Daher geht er in die Hauptstadt, um hier die erstrebte Karriere einzuschlagen. Der maskuline Kiku kommt ihn schließlich suchen. Im Giftghetto, wo sich Verbrecher, Taugenichtse und Wahnsinnige versammeln, treffen die beiden wieder aufeinander, um aber schließlich auf die je eigene Weise ihre Bestimmung zu finden.
Einzig und allein: Ich bin mit dem recht spröden Charakter des Kiku nicht so recht warm geworden. Mag er noch so sehr aussehen, wie ein junger Gott, wenn er weißgekleidet und braungebrannt auf einem Motorrad dahindüst. Hashi dagegen wirkt selbst im Wahn noch irgendwie liebenswert.
Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „Coin Locker Babys“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime, Wien 2015, ISBN 978-3-902711-35-9
Montag, 19. August 2013
„Schwimmen mit Elefanten“ von Yoko Ogawa
„Größerwerden ist eine Tragödie.“ (S. 250) – zu dieser Einsicht ist der Junge gekommen, der sich Kleiner Aljechin nennt und daraufhin beschließt, nicht mehr zu wachsen. Denn konnte nicht das Elefantenbaby, das seinerzeit auf einem Kaufhausdach aufgewachsen ist und schließlich zu groß für den Fahrstuhl geworden war, nicht mehr ins Erdgeschoss zurückkehren und musste sein Leben auf der Terrasse verbringen? Oder war sein Schachlehrer nicht schon fast zu dick geworden, um den Bus, in dem er wohnte, zu verlassen? Und was ist mit Miira, die als Kind in einen Spalt zwischen zwei Wohnhäuser gefallen war und nun dazu verdammt war, in der Enge weiterzuleben? Aber eigentlich mag der Junge es ja ganz gern beengt. Gut, dass sein Großvater so verständig ist und ihm einen abgeschlossenen Alkoven für sein Bett errichtet hat – denn hier fühlt sich der Kleine Aljechin besonders wohl.
Abgesehen von seinen imaginierten Freunden Miira und dem Elefanten Indira hat der Junge keinen Anschluss. Doch eines Tages lernt er seinen Meister kennen – der Hausmeister mit einem ungezügelten Appetit auf Süßigkeiten lehrt dem Jungen das Schachspielen und begeistert ihn für die Faszination des Schachs. Hier entfaltet der Junge, der ein Poet auf dem Schachbrett wie der legendäre Spieler Aljechin ist, ein großes Talent und wagt sich das erste Mal hinaus auf einen Ozean der unbeschränkten (Zug-)Möglichkeiten. Doch auch beim Spielen zeigt sich, dass der Kleine Aljechin den Rückzug als Sicherheit benötigt: Statt vor dem Schachbrett zu sitzen, liegt er lieber darunter. Was auch seinen Eintritt in einen renommierten Schachclub behindern soll.
Gut, dass es selbst für den Kleinen Aljechin einen passenden Job gibt. Da er so kleinwüchsig ist, passt er perfekt in einen Schachautomaten, der den Spielern vorgaukeln soll, sie würden gegen eine Maschine spielen. Hier assistiert dem Jungen ein Mädchen, das seiner imaginierten Freundin Miira aufs Haar gleicht – endlich findet der kleine Aljechin wieder eine Freundin aus Fleisch und Blut. Doch bald wird der Junge empfindlich aus seinem Alltag gerissen.
Yoko Ogawa ist mit „Schwimmen mit Elefanten“ ein wehmütiges Märchen gelungen. Wer kann es dem Kleinen Aljechin verübeln, wenn er für sich die Zeit anhalten mag, in einer geschützten Atmosphäre agieren will. Erst im Schachspiel wird er wagemutig und stellt sich multioptionalen Möglichkeiten. So findet der Junge seine Berufung.
Und sicherlich lebt der Roman nicht nur von der Darstellung des Protagonisten. Wieder einmal zeichnet Yoko Ogawa verschrobene Charaktere, die in „Schwimmen mit Elefanten“ besonders liebenswert sind: Die Großmutter, die seit dem Tod der eigenen Tochter permanent ein bestimmtes, zwischenzeitlich völlig derangiertes Geschirrtuch als Talisman mit sich herumträgt. Der dicke Schachlehrer, der die besten Süßspeisen zubereiten kann. Miira, die immer eine Taube auf der Schulter sitzen hat… So ist nicht nur das Schachspiel des Kleinen Aljechins von Poesie geprägt – sie findet sich überall in dem zauberhaften Roman von Yoko Ogawa wieder.
Bibliographische Angaben:
Ogawa, Yoko: „Schwimmen mit Elefanten“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Liebeskind, München 2013, ISBN 978-3-95438-013-8
Abgesehen von seinen imaginierten Freunden Miira und dem Elefanten Indira hat der Junge keinen Anschluss. Doch eines Tages lernt er seinen Meister kennen – der Hausmeister mit einem ungezügelten Appetit auf Süßigkeiten lehrt dem Jungen das Schachspielen und begeistert ihn für die Faszination des Schachs. Hier entfaltet der Junge, der ein Poet auf dem Schachbrett wie der legendäre Spieler Aljechin ist, ein großes Talent und wagt sich das erste Mal hinaus auf einen Ozean der unbeschränkten (Zug-)Möglichkeiten. Doch auch beim Spielen zeigt sich, dass der Kleine Aljechin den Rückzug als Sicherheit benötigt: Statt vor dem Schachbrett zu sitzen, liegt er lieber darunter. Was auch seinen Eintritt in einen renommierten Schachclub behindern soll.
Gut, dass es selbst für den Kleinen Aljechin einen passenden Job gibt. Da er so kleinwüchsig ist, passt er perfekt in einen Schachautomaten, der den Spielern vorgaukeln soll, sie würden gegen eine Maschine spielen. Hier assistiert dem Jungen ein Mädchen, das seiner imaginierten Freundin Miira aufs Haar gleicht – endlich findet der kleine Aljechin wieder eine Freundin aus Fleisch und Blut. Doch bald wird der Junge empfindlich aus seinem Alltag gerissen.
Yoko Ogawa ist mit „Schwimmen mit Elefanten“ ein wehmütiges Märchen gelungen. Wer kann es dem Kleinen Aljechin verübeln, wenn er für sich die Zeit anhalten mag, in einer geschützten Atmosphäre agieren will. Erst im Schachspiel wird er wagemutig und stellt sich multioptionalen Möglichkeiten. So findet der Junge seine Berufung.
Und sicherlich lebt der Roman nicht nur von der Darstellung des Protagonisten. Wieder einmal zeichnet Yoko Ogawa verschrobene Charaktere, die in „Schwimmen mit Elefanten“ besonders liebenswert sind: Die Großmutter, die seit dem Tod der eigenen Tochter permanent ein bestimmtes, zwischenzeitlich völlig derangiertes Geschirrtuch als Talisman mit sich herumträgt. Der dicke Schachlehrer, der die besten Süßspeisen zubereiten kann. Miira, die immer eine Taube auf der Schulter sitzen hat… So ist nicht nur das Schachspiel des Kleinen Aljechins von Poesie geprägt – sie findet sich überall in dem zauberhaften Roman von Yoko Ogawa wieder.
Bibliographische Angaben:
Ogawa, Yoko: „Schwimmen mit Elefanten“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Liebeskind, München 2013, ISBN 978-3-95438-013-8
Freitag, 21. Juni 2013
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ herausgegeben von Noboru Miyazaki
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt sieben Erzählungen, die Menschen in extremen, ungewöhnlichen Situationen porträtieren. Der Band beginnt mit Kei Nakazawas „Wohlgehütete Pfirsiche“: Die Protagonistin Mizue ist schwanger – schwanger von ihrem Ex-Freund. Daher möchte sie das Kind nicht austragen, sondern abtreiben. Der Leser begleitet die alleinstehende, junge Frau auf dem Weg zu ihrem Freund, dessen Zustimmung zur Abtreibung sie einholt, in die Arbeit, in der sie den Kollegen einen anderen Grund für ihre baldigen Abwesenheit vorschwindelt, und schließlich in die Klinik zum Eingriff.
Haruki Murakamis „Der Spieluhrvogel“ ist das erste Kapitel von „Mr. Aufziehvogel“. Daher ist diese „Erzählung“ etwas unbefriedigend, weil die Geschichte gerade erst etwas in Gänge kommt, Fragen aufwirft und dann auch gleich wieder abbricht: Wer ist die unbekannte Frau, die zu Hause beim Ich-Erzähler anruft und mit ihm, dem braven, arbeitslosen Ehemann, der die Wohnung hütet, über Sex sprechen will? Und wo ist bloß die Katze geblieben?
„Zombie – Tränen“ von Wahei Tatematsu ist eine etwas ungewöhnliche Erzählung: Yoshida ist Filmemacher von trashigen Splatter-Filmen – Hauptsache das Blut fließt. Seinen Ausdruck findet er vor allem beim Filmen – während es an Kommunikation und Verständnis innerhalb seiner Familie mangelt. Von Ehefrau und Tochter hat er sich ziemlich entfremdet. Darüber hinaus ist er gerade besonders fasziniert von abgerissenen Ohren…
Masahiko Shimada beschreibt „Das ‚real life’ eines Pseudo-Schriftstellers“: Ms einziger Freund ist ein streunender Hund, den der Grundschüler auf den Namen Mieze tauft. Als Mieze an Altersschwäche stirbt, wendet sich M der Welt der Bücher zu. Schließlich beschließt M, inzwischen ein Student, sich in eine Kommilitonin zu verlieben, mit der er sich intellektuelle Wortgefechte gibt. Als M eine Assemblage aus allen bisher gelesenen Romanen erstellt, wird er zum Pseudo-Schriftsteller.
Mizuko Masudas Protagonistin Kaori in „Das neue Leben“ hat eine Affäre mit ihrem verheirateten (Ex-)Chef. Sie kündigt ihren Job und zieht in die Nähe der Wohnung ihres Geliebten – doch liebt sie diesen überhaupt?
„Machikos Nachtlandschaft“ von Michitsuna Takahashi hat kein schönes Sujet: Machiko, eine ehemalige Prostituierte, ist mit einem Yakuza verheiratet, der sie schlägt und vergewaltigt. Als es ihr endlich gelingt, vor der Ehehölle zu fliehen, wird in Rückblenden Machikos Vergangenheit beleuchtet: Die schöne, auffallende Schülerin aus gutem Hause rutscht ins Rotlichtmilieu ab und hat in ihrer Ehe viel zu erdulden. Leider mangelt es „Machikos Nachtlandschaft“ etwas an der Darstellung der Motivationen Machikos. Und auch das Ende ist seltsam lapidar (ich sage nur: Stichwort Kino).
Das Thema von Yuko Tsushimas „Über die Traurigkeit“ ist sehr biographisch: Die Ich-Erzählerin ist genauso wie die Autorin eine alleinerziehende Mutter, die ihr jüngstes Kind verloren hat. Sie beschreibt ihren Verlust, ihren veränderten Alltag aber auch ihre Trauer, die keine echte zu sein scheint.
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt Erzählung von einigen Autoren, deren Werke bisher kaum ins Deutsche übersetzt wurden (wenn man von Haruki Murakami freilich absieht). Ein Highlight ist hier die Erzählung von Masahiko Shimada, wohingegen mir Michitsuna Takahashis Werk ein bisschen unausgegoren vorkam. Und natürlich impliziert der Titel des Bandes schon das primäre Thema: Es geht gerne traurig zu in den versammelten Erzählungen. Wer kurzweiliges Entertainment sucht, der ist mit „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ sicherlich falsch beraten.
Bibliographische Angaben:
Miyazaki, Noboru (Hrsg.): „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hitomi, Kenji/Komachi, Hanae/Miyazaki, Noboru/Ruppelt, Eva/Windelen, Sabine), konkursbuch, Tübingen 1992, ISBN 3-88769-057-5
Haruki Murakamis „Der Spieluhrvogel“ ist das erste Kapitel von „Mr. Aufziehvogel“. Daher ist diese „Erzählung“ etwas unbefriedigend, weil die Geschichte gerade erst etwas in Gänge kommt, Fragen aufwirft und dann auch gleich wieder abbricht: Wer ist die unbekannte Frau, die zu Hause beim Ich-Erzähler anruft und mit ihm, dem braven, arbeitslosen Ehemann, der die Wohnung hütet, über Sex sprechen will? Und wo ist bloß die Katze geblieben?
„Zombie – Tränen“ von Wahei Tatematsu ist eine etwas ungewöhnliche Erzählung: Yoshida ist Filmemacher von trashigen Splatter-Filmen – Hauptsache das Blut fließt. Seinen Ausdruck findet er vor allem beim Filmen – während es an Kommunikation und Verständnis innerhalb seiner Familie mangelt. Von Ehefrau und Tochter hat er sich ziemlich entfremdet. Darüber hinaus ist er gerade besonders fasziniert von abgerissenen Ohren…
Masahiko Shimada beschreibt „Das ‚real life’ eines Pseudo-Schriftstellers“: Ms einziger Freund ist ein streunender Hund, den der Grundschüler auf den Namen Mieze tauft. Als Mieze an Altersschwäche stirbt, wendet sich M der Welt der Bücher zu. Schließlich beschließt M, inzwischen ein Student, sich in eine Kommilitonin zu verlieben, mit der er sich intellektuelle Wortgefechte gibt. Als M eine Assemblage aus allen bisher gelesenen Romanen erstellt, wird er zum Pseudo-Schriftsteller.
Mizuko Masudas Protagonistin Kaori in „Das neue Leben“ hat eine Affäre mit ihrem verheirateten (Ex-)Chef. Sie kündigt ihren Job und zieht in die Nähe der Wohnung ihres Geliebten – doch liebt sie diesen überhaupt?
„Machikos Nachtlandschaft“ von Michitsuna Takahashi hat kein schönes Sujet: Machiko, eine ehemalige Prostituierte, ist mit einem Yakuza verheiratet, der sie schlägt und vergewaltigt. Als es ihr endlich gelingt, vor der Ehehölle zu fliehen, wird in Rückblenden Machikos Vergangenheit beleuchtet: Die schöne, auffallende Schülerin aus gutem Hause rutscht ins Rotlichtmilieu ab und hat in ihrer Ehe viel zu erdulden. Leider mangelt es „Machikos Nachtlandschaft“ etwas an der Darstellung der Motivationen Machikos. Und auch das Ende ist seltsam lapidar (ich sage nur: Stichwort Kino).
Das Thema von Yuko Tsushimas „Über die Traurigkeit“ ist sehr biographisch: Die Ich-Erzählerin ist genauso wie die Autorin eine alleinerziehende Mutter, die ihr jüngstes Kind verloren hat. Sie beschreibt ihren Verlust, ihren veränderten Alltag aber auch ihre Trauer, die keine echte zu sein scheint.
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt Erzählung von einigen Autoren, deren Werke bisher kaum ins Deutsche übersetzt wurden (wenn man von Haruki Murakami freilich absieht). Ein Highlight ist hier die Erzählung von Masahiko Shimada, wohingegen mir Michitsuna Takahashis Werk ein bisschen unausgegoren vorkam. Und natürlich impliziert der Titel des Bandes schon das primäre Thema: Es geht gerne traurig zu in den versammelten Erzählungen. Wer kurzweiliges Entertainment sucht, der ist mit „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ sicherlich falsch beraten.
Bibliographische Angaben:
Miyazaki, Noboru (Hrsg.): „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hitomi, Kenji/Komachi, Hanae/Miyazaki, Noboru/Ruppelt, Eva/Windelen, Sabine), konkursbuch, Tübingen 1992, ISBN 3-88769-057-5
Labels:
Abtreibung,
Adoleszenz,
Erzählungen,
Gewalt,
Kei Nakazawa,
Masahiko Shimada,
Michitsuna Takahashi,
Mizuko Masuda,
Rezensionen,
Tod,
Vereinsamung,
Vergewaltigung,
Wahei Tatematsu,
Yuko Tsushima
Dienstag, 2. April 2013
„Shizukos Tochter“ von Kyoko Mori
Kyoko Moris „Shizukos Tochter“ wird eher als Jugendroman gehandelt, wobei die Thematik so traurig ist, dass ich persönlich das Buch keinem Jugendlichen empfehlen würde: Das erste Kapitel beschreibt den Selbstmord der Ehefrau und Mutter Shizuko. Shizukos Ehe ist zerrüttet, der Ehemann hat sich eine Geliebte angeschafft, verbringt kaum noch Zeit mit Ehefrau und Tochter und ist ohnehin mit besonders wenig sozialer Kompetenz ausgestattet. Im Falle einer Scheidung würde Shizukos Tochter Yuki bei ihrem Ehemann bleiben müssen, wie es die japanische Tradition vorsieht.
Yuki, für die die Mutter ein und alles war, wird durch den Selbstmord ihrer Mutter in ein hassenswertes Familienleben katapultiert: Der Vater heiratet ein Jahr nach dem Selbstmord der Mutter seine Geliebte, die jegliche Erinnerungsstücke an Shizuko aus Yukis Zuhause tilgen möchte. Gesprochen wird nur noch das allernötigste, da die Stimmung angespannt ist. Um ein harmonisches Familienleben vorzugaukeln, wird Yuki von ihrer Verwandtschaft mütterlicherseits abgeschirmt.
„Shizukos Tochter“ ist sehr einfach geschrieben, um sicherlich auch einem jugendlichen Publikum gerecht zu werden. Besonders Blumen werden immer wieder zum Auslöser für die Charaktere, sich an die Verstorbene oder an vergangene Erlebnisse zu erinnern. Das Thema des Todes zieht sich durch den ganzen Roman; Yuki kann den Selbstmord ihrer Mutter einfach nicht überwinden.
„Shizukos Tochter“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Roman stark autobiographisch geprägt ist. Trotzdem reflektiert die Autorin auch das Schicksal der Geliebten und späteren (bösen) Stiefmutter: Auch sie hat große Opfer gebracht und bezahlt ihre Affäre damit, dass sie keine eigenen Kinder mehr bekommen kann, als sie endlich als Ehefrau legitimiert wird.
Bibliographische Angaben:
Mori, Kyoko: „Shizukos Tochter“ (Übersetzung aus dem Englischen: Steinberg, Sabine), Econ, Berlin/Düsseldorf 1993, ISBN 3-612-27095-8
Yuki, für die die Mutter ein und alles war, wird durch den Selbstmord ihrer Mutter in ein hassenswertes Familienleben katapultiert: Der Vater heiratet ein Jahr nach dem Selbstmord der Mutter seine Geliebte, die jegliche Erinnerungsstücke an Shizuko aus Yukis Zuhause tilgen möchte. Gesprochen wird nur noch das allernötigste, da die Stimmung angespannt ist. Um ein harmonisches Familienleben vorzugaukeln, wird Yuki von ihrer Verwandtschaft mütterlicherseits abgeschirmt.
„Shizukos Tochter“ ist sehr einfach geschrieben, um sicherlich auch einem jugendlichen Publikum gerecht zu werden. Besonders Blumen werden immer wieder zum Auslöser für die Charaktere, sich an die Verstorbene oder an vergangene Erlebnisse zu erinnern. Das Thema des Todes zieht sich durch den ganzen Roman; Yuki kann den Selbstmord ihrer Mutter einfach nicht überwinden.
„Shizukos Tochter“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Roman stark autobiographisch geprägt ist. Trotzdem reflektiert die Autorin auch das Schicksal der Geliebten und späteren (bösen) Stiefmutter: Auch sie hat große Opfer gebracht und bezahlt ihre Affäre damit, dass sie keine eigenen Kinder mehr bekommen kann, als sie endlich als Ehefrau legitimiert wird.
Bibliographische Angaben:
Mori, Kyoko: „Shizukos Tochter“ (Übersetzung aus dem Englischen: Steinberg, Sabine), Econ, Berlin/Düsseldorf 1993, ISBN 3-612-27095-8
Sonntag, 31. März 2013
„Reißt die Knospen ab…“ von Kenzaburo Oe
„Es war eine Zeit des Mordens. Gleich einem lange andauernden Hochwasser überflutete der Krieg mit seinem kollektiven Wahnsinn die feinsten Verästelungen menschlicher Gefühle, die verstecktesten Winkel ihrer Körper, die Wälder, die Straßen und den Himmel. […]
Es ist der Aufzeichnung wert, dass man in jener Zeit, als wahnsinnige Erwachsene verzweifelt durch die Straßen irrten, mit seltsamer Leidenschaft fortgesetzt Menschen hinter Gitter brachte, die am ganzen Körper eine glatte Haut aufwiesen oder nur einen kastanienbraunen Flaum, Menschen, die sich unerheblicher Vergehen schuldig gemacht hatten, darunter auch welche, denen man lediglich Neigungen zu jugendlicher Kriminalität zuschrieb.“
(S. 14f.)
Mitten in dieser Zeit des Mordens soll ein gutes Dutzend minderjähriger Straftäter aus einer Besserungsanstalt aufs Land evakuiert werden. Doch dem Erzieher fällt es schwer, einen geeigneten Platz für die Kinder und Jugendlichen zu finden – keines der Dörfer, das sie zu Fuß aufsuchen, will sie aufnehmen. Die kleinen Fluchtversuche der Jungs sind für die Katz: Sie werden, verprügelt von Bauern und Polizisten, immer wieder zur Gruppe zurückgebracht. Auch der Ich-Erzähler ist mit seinem jüngeren Bruder auf dem Weg in die Evakuierung. Sein Vater hatte auf die Bitte des Erziehungsheims, man möge die Kinder doch nach Hause nehmen, überraschend reagiert: Statt dem Ich-Erzähler die Entlassung aus der Anstalt zu ermöglichen, hatte er auch noch den jüngeren Bruder dort abgeladen, da er diesen andernfalls nicht hätte selbst evakuieren können.
Schließlich gelingt es dem Erzieher, die Jungs in einem abgeschiedenen Bergdorf unterzubringen. Er selbst verlässt das Dorf im Anschluss, um eine zweite Gruppe jugendlicher Delinquenten dorthin zu begleiten. Die Jungs stoßen währenddessen auf große Ablehnung: Sie werden in ihrer Unterkunft des nächtens eingesperrt und bekommen kein besseres Essen als die Schweine der Bauern. Mit vorgehaltenem Gewehr werden sie zum Arbeiten angehalten: Sie sollen an einer Seuche verstorbene Tiere verscharren. Die Dorfbewohner selbst scheuen die Berührung mit den Kadavern wegen der Ansteckungsgefahr – da kommen die auswärtigen Kleinkriminellen gerade recht, um für sie die Drecksarbeit zu verrichten.
Als auch Menschen an der Seuche sterben, brechen die Dorfbewohner heimlich auf, um in einer anderen Ortschaft Unterschlupf zu finden. Den einzigen Weg aus dem Dorf verrammeln sie, damit die Jungen im Dorf eingesperrt bleiben. Diese sind nun auf sich allein gestellt und müssen ihr Leben selbst organisieren.
In einer Welt, in der die Erwachsenen ohne Mitgefühl agieren, sind es ausgerechnet diese jugendlichen Straftäter, die menschlich bleiben. Sie kümmern sich nicht nur um ein Mädchen, das die Dorfbewohner zurückgelassen haben, sondern scheren sich auch nichts um Vorteile Koreanern gegenüber. Einen gejagten Deserteur nehmen sie ebenfalls in ihren Reihen auf. Wen mal bloß nicht die brutalen Erwachsenen zurückkehren…
Bis auf zwei Personen, nämlich den Kumpan Minami und den Koreaner Li, und einen Hund erhalten die Charaktere in Kenzaburo Oes „Reißt die Knospen ab…“ keine Eigennamen. Da ist die Rede vom Bruder, vom Schmied, vom Dorfschulzen, vom Arzt und vom Deserteur. Damit gelingt es dem Autor, idealtypische Figuren zu schaffen. Insbesondere beim jüngeren Bruder glückt es ihm besonders gut: Wer wie ich selbst einen jüngeren Bruder hat, glaubt in der Figur den eigenen Verwandten wieder zu erkennen und ihn beschützen zu wollen.
„Reißt die Knospen ab…“ ist (bisher) mein Kenzaburo Oe-Lieblingsroman. Der Roman des Literaturnobelpreisträgers ist ein frühes Werk aus dem Jahr 1958. Zwar wird gerne gesagt, dass Oe erst nach der Geburt seines behinderten Sohns Hikari zu vollster literarischer Größe herangereift ist. Doch mir sind die späteren Romane teilweise zu verkopft. „Reißt die Knospen ab…“ lässt den Leser mühelos in eine Welt eintauchen, die ihm eigentlich sowohl zeitlich als auch räumlich fremd anmuten sollte. Zwar zeichnet der Roman ein recht widerwärtiges Bild der Erwachsenen, doch bleibt die Hoffnung, dass die Knospen der Gesellschaft – die Jugend – nicht vollständig gerupft werden und spätestens nach Kriegsende blühen, um anders zu agieren, als die Generation vor ihnen.
Und noch ein kleiner Tipp für die Lektüre: Bitte möglichst das Inhaltsverzeichnis mit den jeweiligen Kapitelüberschriften ignorieren – Spoilergefahr!
Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Reißt die Knospen ab…“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Putz, Otto), Fischer, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-14419-1
Montag, 11. März 2013
„Kuhtse der Weizenstampfer“ von Shinji Ishii
Tam, tatam
Das ist der Rhythmus, der Katze durchs Leben begleitet. In seinen Träumen und auf dem Speicher begegnet ihm Kuhtse, der mit seinen schweren Stiefeln Weizen stampft.
Tam, tatam
Katze, der Protagonist und Ich-Erzähler in Shinji Ishiis Roman „Kuhtse der Weizenstampfer“, ist ein überdurchschnittlich großes Kind. Deswegen muss er im Klassenzimmer auch immer ganz hinten sitzen, um seinen Mitschülern nicht die Sicht auf die Tafel zu versperren. Katze hat sicherlich auch einen normalen Namen. Aber jeder nennt ihn Katze, weil er so gut wie eine Katze miauen kann. Mehr noch: Er miaut sogar wie die ideale Katze.
Sein Großvater hat ihm das Miauen beigebracht. Dieser ist mit Katze und dessen Vater in das kleine Hafenstädtchen am Meer gezogen. Seine Mutter hat Katze nie kennen gelernt. Ob sie wohl bei seiner Geburt auseinandergeplatzt ist? Schließlich ist Katze ja für sein Alter ein Riese.
Als die kleine Familie sich in dem Hafenstädtchen nieder lässt, bringt der Großvater erst mal das ortsansässige Orchester auf Trab. Die Musik stiftet den Gemeinschaftssinn der Stadt, das Orchester wird zum Dreh- und Angelpunkt der Nachbarn. Der Hausmeister der Schule ist einer der größten Anhänger des Großvaters. Auf seine alten Tage beginnt er mit dem Komponieren: z.B. die „Serenade für einen jammernden Dinosaurier“ und die „Fanfare für raufende Kinder“. Als es eines Tages jedoch Mäuse in der Stadt regnet, bricht das Chaos in die städtische Idylle herein.
Mit Katze begegnet der Leser den verschiedensten, großartigen Persönlichkeiten. Da wäre der Schmetterlingsmann, ein tätowierter, ehemaliger Profi-Boxer, der nach einem Kampf erblindet ist und zwischenzeitlich ein fantastisches Gehör entwickelt hat. Oder die Schwester des Postdirektors, die nach dem Tod ihres Mannes keine Uhren mehr sehen will und zum Sterben leckere kulinarische Köstlichkeiten zubereiten kann. Oder ein kleinwüchsiger, impotenter Cellist, der am liebsten in einem Bärenoverall herumläuft und Räder schlägt, wenn er begeistert ist. „Kuhtse der Weizenstampfer“ sprüht förmlich vor ausgefallenen Charakteren, die ihre Spleens pflegen.
Der Autor Shinji Ishii entführt mit seinem modernen Märchen „Kuhtse der Weizenstampfer“ in eine Welt voller Musik, Rhythmen und Klängen. Angereichert ist dies mit kleinen, poetischen Lebensweisheiten wie
und verrückten Anekdoten, die der Hausmeister und Katze aus Journalen zusammensammeln, die ihnen von Matrosen mitgebracht werden. Shinji Ishii verknüpft dies im wahrsten Sinne virtuos und schreibt mit „Kuhtse der Weizenstampfer“ ein Buch, von dem man nicht genug bekommt. Standing Ovations! Und: Bravissimo!
Bibliographische Angaben:
Ishii, Shinji: „Kuhtse der Weizenstampfer“, Bebra, Berlin 2013, ISBN 978-3-86124-916-0
Das ist der Rhythmus, der Katze durchs Leben begleitet. In seinen Träumen und auf dem Speicher begegnet ihm Kuhtse, der mit seinen schweren Stiefeln Weizen stampft.
Tam, tatam
Katze, der Protagonist und Ich-Erzähler in Shinji Ishiis Roman „Kuhtse der Weizenstampfer“, ist ein überdurchschnittlich großes Kind. Deswegen muss er im Klassenzimmer auch immer ganz hinten sitzen, um seinen Mitschülern nicht die Sicht auf die Tafel zu versperren. Katze hat sicherlich auch einen normalen Namen. Aber jeder nennt ihn Katze, weil er so gut wie eine Katze miauen kann. Mehr noch: Er miaut sogar wie die ideale Katze.
Sein Großvater hat ihm das Miauen beigebracht. Dieser ist mit Katze und dessen Vater in das kleine Hafenstädtchen am Meer gezogen. Seine Mutter hat Katze nie kennen gelernt. Ob sie wohl bei seiner Geburt auseinandergeplatzt ist? Schließlich ist Katze ja für sein Alter ein Riese.
Als die kleine Familie sich in dem Hafenstädtchen nieder lässt, bringt der Großvater erst mal das ortsansässige Orchester auf Trab. Die Musik stiftet den Gemeinschaftssinn der Stadt, das Orchester wird zum Dreh- und Angelpunkt der Nachbarn. Der Hausmeister der Schule ist einer der größten Anhänger des Großvaters. Auf seine alten Tage beginnt er mit dem Komponieren: z.B. die „Serenade für einen jammernden Dinosaurier“ und die „Fanfare für raufende Kinder“. Als es eines Tages jedoch Mäuse in der Stadt regnet, bricht das Chaos in die städtische Idylle herein.
Mit Katze begegnet der Leser den verschiedensten, großartigen Persönlichkeiten. Da wäre der Schmetterlingsmann, ein tätowierter, ehemaliger Profi-Boxer, der nach einem Kampf erblindet ist und zwischenzeitlich ein fantastisches Gehör entwickelt hat. Oder die Schwester des Postdirektors, die nach dem Tod ihres Mannes keine Uhren mehr sehen will und zum Sterben leckere kulinarische Köstlichkeiten zubereiten kann. Oder ein kleinwüchsiger, impotenter Cellist, der am liebsten in einem Bärenoverall herumläuft und Räder schlägt, wenn er begeistert ist. „Kuhtse der Weizenstampfer“ sprüht förmlich vor ausgefallenen Charakteren, die ihre Spleens pflegen.
Der Autor Shinji Ishii entführt mit seinem modernen Märchen „Kuhtse der Weizenstampfer“ in eine Welt voller Musik, Rhythmen und Klängen. Angereichert ist dies mit kleinen, poetischen Lebensweisheiten wie
„Einmal gefallener Regen kann nicht mehr in den Himmel zurückgebracht werden. Wenn Menschen etwas verloren haben, müssen sie dort weitermachen, wo sie nach dem Verlust stehen.“ (S. 180)
und verrückten Anekdoten, die der Hausmeister und Katze aus Journalen zusammensammeln, die ihnen von Matrosen mitgebracht werden. Shinji Ishii verknüpft dies im wahrsten Sinne virtuos und schreibt mit „Kuhtse der Weizenstampfer“ ein Buch, von dem man nicht genug bekommt. Standing Ovations! Und: Bravissimo!
Bibliographische Angaben:
Ishii, Shinji: „Kuhtse der Weizenstampfer“, Bebra, Berlin 2013, ISBN 978-3-86124-916-0
Freitag, 8. März 2013
„GO!“ von Kazuki Kaneshiro
„No soy coreano, ni soy japones, yo soy desarraigado“ steht auf dem Buchcover von „GO!“, dem Roman des koreanisch-stämmigen Japaners Kazuki Kaneshiro: „Ich bin weder Koreaner, noch Japaner, ich bin entwurzelt“.
Den spanischen Satz sagt Sugiharas Vater, als Sugihara am liebsten nach Norwegen auswandern will. Denn Sugiharas Vater war vor Jahren in derselben psychischen Verfassung wie Sugihara, der eigentlich Lee mit Nachnamen heißt: Möglichst schnell Japan verlassen, möglichst weit wegfahren – Sugiharas Vater wollte damals nach Spanien. Denn als in Japan geborener Koreaner ist Sugihara zwar in Japan zu Hause, wird hier jedoch als „Ausländer“ nur geduldet und oftmals diskriminiert.
Kazuki Kaneshiros semi-autobiographischer Roman schildert nicht nur die Familiengeschichte und den Werdegang von Sugihara, sondern ist auch eine Liebesgeschichte: Sugihara lernt auf einer Party Sakurai kennen. Da sie auf eine andere Schule wie Sugihara geht, weiß sie nicht, dass er ein Zainichi-Koreaner ist – und er verschweigt ihr dies wohlweislich. Denn was sagt denn eine Staatsangehörigkeit schon aus… Ob die frische Liebe diese Heimlichkeit verkraften wird?
Die Zutaten von „GO!“ klingen erst einmal recht ernst, wenn nicht gar tragisch. Doch die Coming-of-Age-Story sprüht regelrecht vor Witz. Und auch Sugihara, der an seiner Schule als unangenehmer Schläger und Einzelgänger auffällt, wird einem mords sympathisch. Insbesondere der Anfang des Romans erinnert vom Schreibstil etwas an Ryu Murakamis „69“. Die Darstellung von Sugiharas Eltern tut mit schwarzem Humor ein Übriges, um das Amüsement zu erhöhen: So erklärt die Mutter dem Vater augenzwinkernd, sie würde ihm deswegen mehr zu essen geben, damit er endlich an Diabetes erkrankt und hält ihm daraufhin die Headline eines Zeitungsartikels unter die Nase „Teufelsweib mischt gewalttätigem Ehemann wiederholt Arsen ins Abendessen!“, während auf dem Gesicht der „Mutter hinter der Zeitschrift [.] ein Lächeln wie bei Jack Nicholson“ (S. 30) klebt.
Nichtsdestotrotz ist „GO!“ auch eine Kampfansage gegen die Diskriminierung von koreanisch-stämmigen Japanern/in Japan lebenden koreanischen Staatsbürgern. An nationalen Feiertagen gehen die Rechten auf „Koreaner-Jagd“; wer nicht die japanische Staatsbürgerschaft hat, muss sich als Ausländer permanent ausweisen können, sonst drohen empfindliche Strafen; wer auf Auslandsreise gehen will, der muss sich vorab eine „Wiedereinreiseerlaubnis“ holen; Koreaner werden von vielen Japanern ob ihres „unreinen“ Bluts verachtet…
Die Lektüre hat Spaß gemacht! Gut, dass Kazuki Kaneshiro nicht Anwalt, sondern Autor geworden ist!
Bibliographische Angaben:
Kaneshiro, Kazuki: „GO!“, Cass, Löhne 2011, ISBN 978-3-9809022-5-0
Den spanischen Satz sagt Sugiharas Vater, als Sugihara am liebsten nach Norwegen auswandern will. Denn Sugiharas Vater war vor Jahren in derselben psychischen Verfassung wie Sugihara, der eigentlich Lee mit Nachnamen heißt: Möglichst schnell Japan verlassen, möglichst weit wegfahren – Sugiharas Vater wollte damals nach Spanien. Denn als in Japan geborener Koreaner ist Sugihara zwar in Japan zu Hause, wird hier jedoch als „Ausländer“ nur geduldet und oftmals diskriminiert.
Kazuki Kaneshiros semi-autobiographischer Roman schildert nicht nur die Familiengeschichte und den Werdegang von Sugihara, sondern ist auch eine Liebesgeschichte: Sugihara lernt auf einer Party Sakurai kennen. Da sie auf eine andere Schule wie Sugihara geht, weiß sie nicht, dass er ein Zainichi-Koreaner ist – und er verschweigt ihr dies wohlweislich. Denn was sagt denn eine Staatsangehörigkeit schon aus… Ob die frische Liebe diese Heimlichkeit verkraften wird?
Die Zutaten von „GO!“ klingen erst einmal recht ernst, wenn nicht gar tragisch. Doch die Coming-of-Age-Story sprüht regelrecht vor Witz. Und auch Sugihara, der an seiner Schule als unangenehmer Schläger und Einzelgänger auffällt, wird einem mords sympathisch. Insbesondere der Anfang des Romans erinnert vom Schreibstil etwas an Ryu Murakamis „69“. Die Darstellung von Sugiharas Eltern tut mit schwarzem Humor ein Übriges, um das Amüsement zu erhöhen: So erklärt die Mutter dem Vater augenzwinkernd, sie würde ihm deswegen mehr zu essen geben, damit er endlich an Diabetes erkrankt und hält ihm daraufhin die Headline eines Zeitungsartikels unter die Nase „Teufelsweib mischt gewalttätigem Ehemann wiederholt Arsen ins Abendessen!“, während auf dem Gesicht der „Mutter hinter der Zeitschrift [.] ein Lächeln wie bei Jack Nicholson“ (S. 30) klebt.
Nichtsdestotrotz ist „GO!“ auch eine Kampfansage gegen die Diskriminierung von koreanisch-stämmigen Japanern/in Japan lebenden koreanischen Staatsbürgern. An nationalen Feiertagen gehen die Rechten auf „Koreaner-Jagd“; wer nicht die japanische Staatsbürgerschaft hat, muss sich als Ausländer permanent ausweisen können, sonst drohen empfindliche Strafen; wer auf Auslandsreise gehen will, der muss sich vorab eine „Wiedereinreiseerlaubnis“ holen; Koreaner werden von vielen Japanern ob ihres „unreinen“ Bluts verachtet…
Die Lektüre hat Spaß gemacht! Gut, dass Kazuki Kaneshiro nicht Anwalt, sondern Autor geworden ist!
Bibliographische Angaben:
Kaneshiro, Kazuki: „GO!“, Cass, Löhne 2011, ISBN 978-3-9809022-5-0
Montag, 31. Dezember 2012
„Die Hand des Riesen“ von Otohiko Kaga
In „Die Hand des Riesen“ verflechtet Otohiko Kaga Japans Kapitulation, den Kyujo-Vorfall und den Putschversuch vom 26. Februar 1936 (2-26-Vorfall) mit der Beschreibung des Alltags in einer Militärakademie während der letzten Kriegsjahre und des Bombenhagels auf Tokio.
1943 tritt der 13-jährige Shoji auf Wunsch seiner Eltern in eine Kadettenschule in Mitteljapan ein. Eigentlich noch Kinder erleben seine Mitschüler und er den militärischen Drill und werden ganz auf den Heldentod als Soldat eingeschwört. Denn der gefallene Soldat wird zur Gottheit und als solche im Yasukuni-Schrein verehrt. Der Tenno gilt als Mensch gewordene Gottheit; sein Wille ist göttliche Gewalt. Die kaiserlichen Erlasse müssen von den jungen Kadetten auswendig gelernt werden, jeden Tag rezitiert werden und werden die ultimative Doktrin.
Shoji hat vor allem mit den physischen Anforderungen der Kadettenschule zu kämpfen. Er ist eher schwächlich und hat seine Schwierigkeiten, beim Sport mitzuhalten. Dennoch wird er zum Liebling zweier älterer Schüler – homoerotische Avancen machen ihm beide. Durch die älteren Schüler erfährt Shoji auch vom fehlgeschlagenen Putschversuch vom 26. Februar 1936, als knapp 1.500 Soldaten Tokio für drei Tage fast gänzlich unter ihre Kontrolle brachten, um die Regierungsclique auszuschalten und eine Art „Showa-Restauration“ einzuleiten. Da sie sich als Kämpfer des Tennos erachteten, verehren die älteren Schüler die Putschisten – insbesondere da einige der Rädelsführer aus derselben Kadettenschule entstammen.
Im Jahr 1945 befindet sich Shoji in der letzten Klasse der Kadettenschule. Zwischenzeitlich kann er die von ihm abgeforderten physischen Leistungen erbringen und muss als Vorbild für die jüngeren Klassen der Schule fungieren. Auch Shoji hat sich nun einen Liebling unter den Jüngeren ausgeguckt, der ihn sexuell und doch noch recht unschuldig anzieht. Sein Vater dokumentiert in Briefen an ihn die Zerstörung Tokios durch den Bombenhagel. Und sein Jugendfreund Kito berichtet Shoji, wie er durch bewusste Provokation seine Entlassung aus der Kadettenschule provozierte, um der beengenden Welt der Schule zu entkommen. Dennoch sieht auch Kito seinen Tod für den Tenno als unausweichlich.
Als am 15. August 1945 der Tenno die Kapitulation Japans über das Radio verkündet, stürzt die Kadettenschule ins emotionale Chaos. Es bilden sich zwei Fronten: Der Großteil der Lehrer und Schüler nehmen die Kapitulation als den göttlichen Willen des Tennos und somit als Befehl hin – zumindest als der erste Schock über die für sie unvorhersehbare Entwicklung verdaut ist; hatten sie doch bis vor kurzem daran geglaubt, ihr Leben im Kampf auf den Hauptinseln für den Tenno hingeben zu dürfen. Der kleinere Teil vermutet ein Komplott der Regierungsclique, die den Tenno zur Kapitulation gezwungen hat. In diesem Zusammenhang treten ehemalige Schüler der Kadettenschule aufs Parkett, die am Kyujo-Vorfall beteiligt waren, um die Kapitulation zu verhindern.
Shoji ist von den Geschehnissen völlig verwirrt. Er war davon ausgegangen, sein Leben für den Tenno zu opfern und kaum ein Alter von 20 Jahren zu überschreiten. Der Sinn seines Soldatenlebens hätte sich eben erst durch den eigenen Tod erfüllt. Durch Gerüchte erfährt er vom Selbstmord einiger führender Militärs und erwartet nun ebenfalls vom Tenno als oberstem Militärführer die Selbstentleibung. Auch unter den Schülern entfachen sich Diskussionen über den eigenen Selbstmord. Wird die ausgebrochene Orientierungslosigkeit noch weitere Opfer fordern?
„Die Hand des Riesen“ schildert die unaufhörliche Indoktrinierung der jugendlichen Kadetten mit den Prinzipien des Heldentods für Tenno und Vaterland, dass die für unsereins völlig abwegig erscheinende Selbstmorde der Militärs verständlicher werden. Als die Kapitulation ausgesprochen wird, wird der Irrweg eines „heiligen Kriegs“ vor allem für die Jugendlichen brutal offenbar.
Nur schade, dass „Die Hand des Riesen“ kein Nachwort enthält. So bleibt offen, inwieweit sich Otohiko Kaga in den Schilderungen der beiden Putschversuche an die Fakten gehalten hat und wo seine Imagination beginnt.
Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Die Hand des Riesen“, DVA, Stuttgart, 1976, ISBN 3-421-01763-8
1943 tritt der 13-jährige Shoji auf Wunsch seiner Eltern in eine Kadettenschule in Mitteljapan ein. Eigentlich noch Kinder erleben seine Mitschüler und er den militärischen Drill und werden ganz auf den Heldentod als Soldat eingeschwört. Denn der gefallene Soldat wird zur Gottheit und als solche im Yasukuni-Schrein verehrt. Der Tenno gilt als Mensch gewordene Gottheit; sein Wille ist göttliche Gewalt. Die kaiserlichen Erlasse müssen von den jungen Kadetten auswendig gelernt werden, jeden Tag rezitiert werden und werden die ultimative Doktrin.
Shoji hat vor allem mit den physischen Anforderungen der Kadettenschule zu kämpfen. Er ist eher schwächlich und hat seine Schwierigkeiten, beim Sport mitzuhalten. Dennoch wird er zum Liebling zweier älterer Schüler – homoerotische Avancen machen ihm beide. Durch die älteren Schüler erfährt Shoji auch vom fehlgeschlagenen Putschversuch vom 26. Februar 1936, als knapp 1.500 Soldaten Tokio für drei Tage fast gänzlich unter ihre Kontrolle brachten, um die Regierungsclique auszuschalten und eine Art „Showa-Restauration“ einzuleiten. Da sie sich als Kämpfer des Tennos erachteten, verehren die älteren Schüler die Putschisten – insbesondere da einige der Rädelsführer aus derselben Kadettenschule entstammen.
Im Jahr 1945 befindet sich Shoji in der letzten Klasse der Kadettenschule. Zwischenzeitlich kann er die von ihm abgeforderten physischen Leistungen erbringen und muss als Vorbild für die jüngeren Klassen der Schule fungieren. Auch Shoji hat sich nun einen Liebling unter den Jüngeren ausgeguckt, der ihn sexuell und doch noch recht unschuldig anzieht. Sein Vater dokumentiert in Briefen an ihn die Zerstörung Tokios durch den Bombenhagel. Und sein Jugendfreund Kito berichtet Shoji, wie er durch bewusste Provokation seine Entlassung aus der Kadettenschule provozierte, um der beengenden Welt der Schule zu entkommen. Dennoch sieht auch Kito seinen Tod für den Tenno als unausweichlich.
Als am 15. August 1945 der Tenno die Kapitulation Japans über das Radio verkündet, stürzt die Kadettenschule ins emotionale Chaos. Es bilden sich zwei Fronten: Der Großteil der Lehrer und Schüler nehmen die Kapitulation als den göttlichen Willen des Tennos und somit als Befehl hin – zumindest als der erste Schock über die für sie unvorhersehbare Entwicklung verdaut ist; hatten sie doch bis vor kurzem daran geglaubt, ihr Leben im Kampf auf den Hauptinseln für den Tenno hingeben zu dürfen. Der kleinere Teil vermutet ein Komplott der Regierungsclique, die den Tenno zur Kapitulation gezwungen hat. In diesem Zusammenhang treten ehemalige Schüler der Kadettenschule aufs Parkett, die am Kyujo-Vorfall beteiligt waren, um die Kapitulation zu verhindern.
Shoji ist von den Geschehnissen völlig verwirrt. Er war davon ausgegangen, sein Leben für den Tenno zu opfern und kaum ein Alter von 20 Jahren zu überschreiten. Der Sinn seines Soldatenlebens hätte sich eben erst durch den eigenen Tod erfüllt. Durch Gerüchte erfährt er vom Selbstmord einiger führender Militärs und erwartet nun ebenfalls vom Tenno als oberstem Militärführer die Selbstentleibung. Auch unter den Schülern entfachen sich Diskussionen über den eigenen Selbstmord. Wird die ausgebrochene Orientierungslosigkeit noch weitere Opfer fordern?
„Die Hand des Riesen“ schildert die unaufhörliche Indoktrinierung der jugendlichen Kadetten mit den Prinzipien des Heldentods für Tenno und Vaterland, dass die für unsereins völlig abwegig erscheinende Selbstmorde der Militärs verständlicher werden. Als die Kapitulation ausgesprochen wird, wird der Irrweg eines „heiligen Kriegs“ vor allem für die Jugendlichen brutal offenbar.
Nur schade, dass „Die Hand des Riesen“ kein Nachwort enthält. So bleibt offen, inwieweit sich Otohiko Kaga in den Schilderungen der beiden Putschversuche an die Fakten gehalten hat und wo seine Imagination beginnt.
Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Die Hand des Riesen“, DVA, Stuttgart, 1976, ISBN 3-421-01763-8
Sonntag, 9. Dezember 2012
„Gold Rush“ von Miri Yu
Koganecho – die Stadt des Goldes – ist Yokohamas runtergekommenes Rotlichtviertel: Huren, Yakuza und Glückspieler tummeln sich dort. Und auch der Junge namens Kazuki streicht seit Jahren im Viertel umher. Sein Vater Hidetomo betreibt in Koganecho eine Pachinko-Halle, weswegen der Stadtteil zu Kazukis Heimat wird. Dort treibt er sich mit dem Yakuza Kanamoto rum und kehrt im Imbiss „Goldener Pavillon“ ein, deren Betreiber er Opa Sada und Oma Shige nennt. Doch Kazuki ist nicht mehr der kleine Junge, den die Prostituierten gerne auf den Schoß nahmen und schaukelten. Mit 14 Jahren ist er mehr als unzugänglich, nimmt Drogen, schwänzt die Schule und spielt sich in der Spielhalle seines Vaters als Chef auf. Wenn seine Angst und Wut aufeinanderprallen, entlädt sich Kazukis Gewaltpotenzial: So erschlägt er eines Tages mit dem Golfschläger einen der beiden Dobermänner seines Vaters, verletzt den anderen so schwer, dass er eingeschläfert werden muss.
Kazukis Familienverhältnisse sind alles andere als harmonisch: Seine Mutter hat die Familie verlassen. Kazukis älterer Bruder Koki ist geistig behindert und benötigt permanente Pflege. Seine ältere Schwester Miho treibt sich wie Kazuki in der Stadt herum; schläft für Geld mit älteren Männern, um der eigenen Leere zu entkommen. Hidetomo schlägt seine provokante Tochter vor den Söhnen, die unfähig sind, einzuschreiten. Hidetomo betrachtet Kazuki als seinen Erben und verrät ihm das Versteck für das an der Steuer vorbei gehortete Gold.
Als Hidetomo Kazuki droht, ihn in die Obhut eines strengen Lehrers zu geben, sieht Kazuki rot. Wut und Angst prallen aufeinander und er tötet den despotischen Vater mit einem Samurai-Schwert, verscharrt den Leichnam im Keller. Endlich ist der Störenfried beseitigt, der ein harmonisches Familienleben unmöglich machte. Kazuki träumt von einer liebevollen Familie – doch ob sich dies vor dem Hintergrund des Mordes realisieren lässt?
Die Autorin Miri Yu wurde von dem Fall des Schülers Sakakibara so aufgewühlt, dass sie mit „Gold Rush“ eventuelle Gemeinsamkeiten mit Gewalttätern ausloten wollte. Sakakibara ermordete 14-jährig eine 10-jährige Schülerin und einen 11-jährigen geistig behinderten Jungen in Kobe. Seine Morde bezeichnete er als Spiel. In den Ermittlungsakten wurde Sakakibara als Junge A geführt. Miri Yu nimmt dies auf und spricht über Kazuki meist von „dem Jungen“.
Doch auch eigene Erlebnisse der Autorin fließen in „Gold Rush“ mit ein: Ihr Vater arbeitete ebenfalls in einer Pachinko-Halle in Koganecho, sie selbst verbrachte als Jugendliche ihre Freizeit in diesem Rotlichtviertel. Familiäre Gewalt erlebte sie zur Genüge. Daher machte sie ähnliche Erfahrungen wie Kazukis Familie: Wenn die Kommunikation scheitert, dann bleibt als letztes Mittel die Gewalt.
„Gold Rush“ ist sicherlich keine Belletristik im wörtlichen Sinn: Denn schön ist die Auseinandersetzung mit einem minderjährigen Mörder, der in Rage gebracht zu Gewaltexzessen neigt, sicherlich nicht. Doch legt die Autorin den Finger in die Wunde: Wenn der Vater Probleme mit Gewalt löst und dem Sohn vorlebt, dass dies Macht verschafft, scheint der Junge ein zu guter Schüler zu sein, wenn er schließlich den Vater tötet. Der Junge bleibt dennoch ein Kind – wünscht er sich doch nichts anderes als familiäre Geborgenheit.
Bibliographische Angaben:
Yu, Miri: „Gold Rush“, be.bra Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86124-911-5
Kazukis Familienverhältnisse sind alles andere als harmonisch: Seine Mutter hat die Familie verlassen. Kazukis älterer Bruder Koki ist geistig behindert und benötigt permanente Pflege. Seine ältere Schwester Miho treibt sich wie Kazuki in der Stadt herum; schläft für Geld mit älteren Männern, um der eigenen Leere zu entkommen. Hidetomo schlägt seine provokante Tochter vor den Söhnen, die unfähig sind, einzuschreiten. Hidetomo betrachtet Kazuki als seinen Erben und verrät ihm das Versteck für das an der Steuer vorbei gehortete Gold.
Als Hidetomo Kazuki droht, ihn in die Obhut eines strengen Lehrers zu geben, sieht Kazuki rot. Wut und Angst prallen aufeinander und er tötet den despotischen Vater mit einem Samurai-Schwert, verscharrt den Leichnam im Keller. Endlich ist der Störenfried beseitigt, der ein harmonisches Familienleben unmöglich machte. Kazuki träumt von einer liebevollen Familie – doch ob sich dies vor dem Hintergrund des Mordes realisieren lässt?
Die Autorin Miri Yu wurde von dem Fall des Schülers Sakakibara so aufgewühlt, dass sie mit „Gold Rush“ eventuelle Gemeinsamkeiten mit Gewalttätern ausloten wollte. Sakakibara ermordete 14-jährig eine 10-jährige Schülerin und einen 11-jährigen geistig behinderten Jungen in Kobe. Seine Morde bezeichnete er als Spiel. In den Ermittlungsakten wurde Sakakibara als Junge A geführt. Miri Yu nimmt dies auf und spricht über Kazuki meist von „dem Jungen“.
Doch auch eigene Erlebnisse der Autorin fließen in „Gold Rush“ mit ein: Ihr Vater arbeitete ebenfalls in einer Pachinko-Halle in Koganecho, sie selbst verbrachte als Jugendliche ihre Freizeit in diesem Rotlichtviertel. Familiäre Gewalt erlebte sie zur Genüge. Daher machte sie ähnliche Erfahrungen wie Kazukis Familie: Wenn die Kommunikation scheitert, dann bleibt als letztes Mittel die Gewalt.
„Gold Rush“ ist sicherlich keine Belletristik im wörtlichen Sinn: Denn schön ist die Auseinandersetzung mit einem minderjährigen Mörder, der in Rage gebracht zu Gewaltexzessen neigt, sicherlich nicht. Doch legt die Autorin den Finger in die Wunde: Wenn der Vater Probleme mit Gewalt löst und dem Sohn vorlebt, dass dies Macht verschafft, scheint der Junge ein zu guter Schüler zu sein, wenn er schließlich den Vater tötet. Der Junge bleibt dennoch ein Kind – wünscht er sich doch nichts anderes als familiäre Geborgenheit.
Bibliographische Angaben:
Yu, Miri: „Gold Rush“, be.bra Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86124-911-5
Montag, 1. Oktober 2012
„Battle Royale“ von Koushun Takami
Koushun Takami zeichnet ein düsteres Japanbild aus einer parallelen Realitätsebene: Japan hat sich von der Welt abgekapselt und wird von einem faschistischen Diktator regiert. Per Zufallsprinzip werden jedes Jahr Klassen von Neuntklässlern für „das Programm“ ausgewählt: Die Jugendlichen werden in abgeschiedenen Gegenden ausgesetzt und mit Waffen versorgt – sie sollen sich gegenseitig töten, bis nur noch ein Sieger lebendig zurückbleibt.
Shuya und seine Klassenkameraden denken nichts Böses, als sie auf Klassenausflug fahren. Doch der harmlos anmutende Ausflug entpuppt sich als Horrortrip. Auf der Busfahrt werden sie eingeschläfert und beim Aufwachen mit der grausamen Nachricht konfrontiert: Sie sind für das Programm ausgewählt und sollen sich auf einer evakuierten Insel gegenseitig niedermetzeln. Per Zufallsprinzip erhält jeder der Schüler eine Waffe – von der Automatikpistole bis zur Gabel – ausgehändigt und wird hinaus in die Nacht geschickt.
Shuyas bester Freund wird das menschenunwürdige Spiel gar nicht erst beginnen können: An ihm statuieren die überwachenden Soldaten ein Exempel und erschießen ihn, als er sich dem Spielleiter widersetzt. Shuya beschließt, die ebenfalls von den Soldaten angeschossene Noriko unter seine Fittiche zu nehmen, und „das Programm“ gemeinsam zu durchlaufen.
Aus den Blickwinkeln der unterschiedlichen Schüler beschreibt Koushun Takami die Geschehnisse: Einige wenige Schüler verweigern sich dem Spiel und dem Töten. Einige andere werden zu Einzelkämpfern und metzeln frontal oder mit Heimtücke nieder. Wenige versuchen, gegen die staatliche Gewalt auf der Insel anzugehen. Alle menschlichen Beziehungen werden mit Misstrauen überzogen – wer will einen töten, wer meint es ehrlich, wem kann man noch vertrauen? Das kleinste Missverständnis kann eine Welle der Gewalt auslösen.
„Battle Royale“ ist definitiv nichts für zart Besaitete. Nicht umsonst ist das Buch genauso wie die Verfilmung sehr kontrovers diskutiert worden. Konsumiert man den Roman als pure Action, so saugt einen die Handlung sofort ein. Bis zur allerletzten Seite bleibt er so spannend, dass man die Nacht durchlesen kann, ohne dass einem die Augen zu fallen. Doch wirft „Battle Royale“ auch die Frage auf, wie man selbst in einer derartigen Situation handeln würde. Wäre man fähig, auf die Loyalität der anderen völlig zu vertrauen oder wäre einem nur das eigene Leben lieb und teuer?
Nachdem der Heyne-Verlag „Battle Royale“ im September diesen Jahres endlich neu aufgelegt hat, ist der Roman auch wieder zu einem vernünftigen, nicht überteuerten Preis zu erstehen.
Bibliographische Angaben:
Koushun, Takami: „Battle Royale“, Heyne, München 2012, ISBN 978-3-453-43721-0
Shuya und seine Klassenkameraden denken nichts Böses, als sie auf Klassenausflug fahren. Doch der harmlos anmutende Ausflug entpuppt sich als Horrortrip. Auf der Busfahrt werden sie eingeschläfert und beim Aufwachen mit der grausamen Nachricht konfrontiert: Sie sind für das Programm ausgewählt und sollen sich auf einer evakuierten Insel gegenseitig niedermetzeln. Per Zufallsprinzip erhält jeder der Schüler eine Waffe – von der Automatikpistole bis zur Gabel – ausgehändigt und wird hinaus in die Nacht geschickt.
Shuyas bester Freund wird das menschenunwürdige Spiel gar nicht erst beginnen können: An ihm statuieren die überwachenden Soldaten ein Exempel und erschießen ihn, als er sich dem Spielleiter widersetzt. Shuya beschließt, die ebenfalls von den Soldaten angeschossene Noriko unter seine Fittiche zu nehmen, und „das Programm“ gemeinsam zu durchlaufen.
Aus den Blickwinkeln der unterschiedlichen Schüler beschreibt Koushun Takami die Geschehnisse: Einige wenige Schüler verweigern sich dem Spiel und dem Töten. Einige andere werden zu Einzelkämpfern und metzeln frontal oder mit Heimtücke nieder. Wenige versuchen, gegen die staatliche Gewalt auf der Insel anzugehen. Alle menschlichen Beziehungen werden mit Misstrauen überzogen – wer will einen töten, wer meint es ehrlich, wem kann man noch vertrauen? Das kleinste Missverständnis kann eine Welle der Gewalt auslösen.
„Battle Royale“ ist definitiv nichts für zart Besaitete. Nicht umsonst ist das Buch genauso wie die Verfilmung sehr kontrovers diskutiert worden. Konsumiert man den Roman als pure Action, so saugt einen die Handlung sofort ein. Bis zur allerletzten Seite bleibt er so spannend, dass man die Nacht durchlesen kann, ohne dass einem die Augen zu fallen. Doch wirft „Battle Royale“ auch die Frage auf, wie man selbst in einer derartigen Situation handeln würde. Wäre man fähig, auf die Loyalität der anderen völlig zu vertrauen oder wäre einem nur das eigene Leben lieb und teuer?
Nachdem der Heyne-Verlag „Battle Royale“ im September diesen Jahres endlich neu aufgelegt hat, ist der Roman auch wieder zu einem vernünftigen, nicht überteuerten Preis zu erstehen.
Bibliographische Angaben:
Koushun, Takami: „Battle Royale“, Heyne, München 2012, ISBN 978-3-453-43721-0
Labels:
Adoleszenz,
Battle Royale,
Gewalt,
Koushun Takami,
Mord,
Rezensionen
Mittwoch, 7. September 2011
„Hotel Iris“ von Yoko Ogawa
Yoko Ogawa gilt als Meistererzählerin von schaudrigen Geschichten. Auch mit „Hotel Iris“ gelingt es ihr, beim Leser eine unwohlige Stimmung entstehen zu lassen: Die junge Mari muss seit dem Tod einiger Angehörigen ihre Mutter beim Betrieb des familieneigenen Hotels am Meer unterstützen. Die Mutter kommandiert sie herum, quält sie jeden morgen damit, ihr die Haare streng zurück zu frisieren. Als ein alter Herr eines Tages im Hotel übernachtet, kommt es zu einem Skandal: Eine Prostituierte, die er zu sich bestellt hat, wird von ihm vor die Zimmertür geworfen, da sie sich weigert, ihm in der gewünschten Weise zur Verfügung zu stehen. Lauthals beschimpft sie den Mann, bis das ganze Hotel in Aufruhr ist. Während Maris Mutter wieder für Ruhe sorgt, ist Mari wie gebannt von der Reaktion des Freiers: In autoritärem Befehlston sagt er nur „Schweig, Hure“ zu der Prostituierten.
Wenige Tage später begegnet Mari dem alten Mann zufällig beim Einkaufen und verfolgt ihn scheinbar unbeobachtet. Doch dem Mann ist dies nicht entgangen und er stellt Mari zur Rede. Ganz langsam kommen sich die beiden etwas näher, schreiben sich Briefe und treffen sich, wenn es Mari gelingt, sich heimlich aus dem straff organiserten Hotelbetrieb davon zu stehlen. Mari erfährt, dass er Übersetzer ist und auf einer Insel lebt, die man mittels einer Fähre von Maris Heimatort aus erreichen kann. Auf dem Festland ist der alte Herr ein unsicherer, unbeholfener Mann. Doch als sie ihn auf der Insel besucht, zeigt er seine autoritäre Seite, die Mari so im Hotel fasziniert hat. Mari liefert sich ihm mit Wonne aus, wird gefesselt, geschlagen und bestraft, muss gehorchen und dem alten Mann zu Diensten sein. So gehorcht Mari in ihren beiden Welten: Im Hotel und auf der Insel. Begibt sie sich von der einen in die andere Abhängigkeit? Oder versucht sie ihrer Mutter gegenüber zu rebellieren?
„Hotel Iris“ ist trotz des Themas aufgrund der nüchternen Sprache von Yoko Ogawa meiner Meinung eher nicht als erotische Literatur einzustufen. Vielmehr löst die völlige Hingabe der jungen Frau ein unangenehmes Befremden beim Leser aus. Zudem wird der Übersetzer alles andere als anziehend beschrieben: In alltäglichen Situationen wirkt er sogar bemitleidenswert. Sein alter Körper ist schlaff und so überhaupt nicht erotisch. Damit sorgt Yoko Ogawa wieder einmal für ganz unbehagliche Gänsehaut.
Wenige Tage später begegnet Mari dem alten Mann zufällig beim Einkaufen und verfolgt ihn scheinbar unbeobachtet. Doch dem Mann ist dies nicht entgangen und er stellt Mari zur Rede. Ganz langsam kommen sich die beiden etwas näher, schreiben sich Briefe und treffen sich, wenn es Mari gelingt, sich heimlich aus dem straff organiserten Hotelbetrieb davon zu stehlen. Mari erfährt, dass er Übersetzer ist und auf einer Insel lebt, die man mittels einer Fähre von Maris Heimatort aus erreichen kann. Auf dem Festland ist der alte Herr ein unsicherer, unbeholfener Mann. Doch als sie ihn auf der Insel besucht, zeigt er seine autoritäre Seite, die Mari so im Hotel fasziniert hat. Mari liefert sich ihm mit Wonne aus, wird gefesselt, geschlagen und bestraft, muss gehorchen und dem alten Mann zu Diensten sein. So gehorcht Mari in ihren beiden Welten: Im Hotel und auf der Insel. Begibt sie sich von der einen in die andere Abhängigkeit? Oder versucht sie ihrer Mutter gegenüber zu rebellieren?
„Hotel Iris“ ist trotz des Themas aufgrund der nüchternen Sprache von Yoko Ogawa meiner Meinung eher nicht als erotische Literatur einzustufen. Vielmehr löst die völlige Hingabe der jungen Frau ein unangenehmes Befremden beim Leser aus. Zudem wird der Übersetzer alles andere als anziehend beschrieben: In alltäglichen Situationen wirkt er sogar bemitleidenswert. Sein alter Körper ist schlaff und so überhaupt nicht erotisch. Damit sorgt Yoko Ogawa wieder einmal für ganz unbehagliche Gänsehaut.
Labels:
Adoleszenz,
Hotel Iris,
Rezensionen,
SM,
Unterwürfigkeit,
Yoko Ogawa
Donnerstag, 1. September 2011
„69“ von Ryu Murakami
„69“ ist ein herrlich komischer, Kulturen und Generationen übergreifender Roman über das Erwachsenwerden, der so gar nichts mit den anderen, brutaleren Romanen von Ryu Murakami gemein hat.
Wir schreiben das Jahr 1969, die Studenten weltweit üben Protest gegen den Vietnam-Krieg, philosophieren über Marx und kosten das Leben aus vollen Zügen – nur in Kens Heimatstadt, einem kleinen Kaff an der japanischen Küste aus dem die Jets der amerikanischen Besatzer aufsteigen, herrscht alles andere als revolutionärer Geist. Im Grunde genommen gibt es hier nur eines: Gähnende Langeweile. Ken ist ein Angeber mit gefährlichem Halbwissen, der sich vor seinen Mitschülern und vor allem Mitschülerinnen mit seinem pseudo-weltmännischen, pseudo-kommunistischen Geschwätz erfolgreich produziert. Wie sollte er auch ansonsten Eindruck vor den Mädels schinden, wenn er sich nicht als Revoluzzer gegen das kriegstreiberische System darstellen kann? Um ein Zeichen zu setzen, planen er und seine Kumpane die Verbarrikadierung der Schule – selbstverständlich nicht aus politischen Gründen, sondern um die Angebetete endlich ins Bett zu bekommen. Und bevor die Langeweile wieder die Oberhand gewinnt, müssen Ken und seine Kumpane nun auch noch das "Morgenlatten-Festival" organisieren. Doch nicht alle männlichen Teenager sind von dem Vorhaben begeistert, sind Ken & Co. doch gerade dabei, die heißesten Partien abzustauben.
Ryu Murakami, der wegen der wegen einer Demonstration auf dem Dach seiner Oberschule tatsächlich von ebensolcher verwiesen wurde, schreibt mit „69“ seine eigene Geschichte und zeigt den Teenager Ken in sympathischer Weise um Coolness ringen, ohne einen Fremdschäm-Effekt hervorzurufen. Beste Leselaune ist mit "69" jedenfalls garantiert! Einzig und allein ein bisschen störend: Allzu oft ergeht sich der Protagonist in Übertreibungen, die er im nächsten Satz schon gleich mit einem "ganz so war's dann doch nicht" wieder relativiert. Hier wäre weniger mehr gewesen.
Wir schreiben das Jahr 1969, die Studenten weltweit üben Protest gegen den Vietnam-Krieg, philosophieren über Marx und kosten das Leben aus vollen Zügen – nur in Kens Heimatstadt, einem kleinen Kaff an der japanischen Küste aus dem die Jets der amerikanischen Besatzer aufsteigen, herrscht alles andere als revolutionärer Geist. Im Grunde genommen gibt es hier nur eines: Gähnende Langeweile. Ken ist ein Angeber mit gefährlichem Halbwissen, der sich vor seinen Mitschülern und vor allem Mitschülerinnen mit seinem pseudo-weltmännischen, pseudo-kommunistischen Geschwätz erfolgreich produziert. Wie sollte er auch ansonsten Eindruck vor den Mädels schinden, wenn er sich nicht als Revoluzzer gegen das kriegstreiberische System darstellen kann? Um ein Zeichen zu setzen, planen er und seine Kumpane die Verbarrikadierung der Schule – selbstverständlich nicht aus politischen Gründen, sondern um die Angebetete endlich ins Bett zu bekommen. Und bevor die Langeweile wieder die Oberhand gewinnt, müssen Ken und seine Kumpane nun auch noch das "Morgenlatten-Festival" organisieren. Doch nicht alle männlichen Teenager sind von dem Vorhaben begeistert, sind Ken & Co. doch gerade dabei, die heißesten Partien abzustauben.
Ryu Murakami, der wegen der wegen einer Demonstration auf dem Dach seiner Oberschule tatsächlich von ebensolcher verwiesen wurde, schreibt mit „69“ seine eigene Geschichte und zeigt den Teenager Ken in sympathischer Weise um Coolness ringen, ohne einen Fremdschäm-Effekt hervorzurufen. Beste Leselaune ist mit "69" jedenfalls garantiert! Einzig und allein ein bisschen störend: Allzu oft ergeht sich der Protagonist in Übertreibungen, die er im nächsten Satz schon gleich mit einem "ganz so war's dann doch nicht" wieder relativiert. Hier wäre weniger mehr gewesen.
Labels:
60er,
69,
Adoleszenz,
Aufbegehren,
Rezensionen,
Ryu Murakami
Abonnieren
Posts (Atom)
















