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Dienstag, 27. September 2016

„Winterherz – ein Mädchenleben in Japan“ von Ayako Miura

Ayako Miura setzt mit „Winterherz – ein Mädchenleben in Japan“ auf einen Plot, der in abgewandelter Form an ihre Autobiographie „Auf einem andern Weg“ erinnert:

Da ist ein junges Mädchen namens Kiyomi, das unter unschönen Bedingungen aufwächst. Schon seit ihrer Kindheit wird sie regelmäßig von ihrer alleinerziehenden Mutter für einige Stunden vor die Tür gesetzt. Die Mutter prostituiert sich derweil in den eigenen vier Wänden; wird später die Geliebte eines Geschäftsmannes. Kiyomi erzählt die Mutter, der Vater sei schon vor langer Zeit gestorben, so dass die Tochter ihn nie kennenlernen konnte. Eines Tages vergeht sich gar der Geliebte der Mutter an Kiyomi. Bald darauf trennt sich dieser von der Mutter.

Durch den wenige Jahre älteren Freund Akira lernt Kiyomi nicht nur die Welt er Literatur kennen. Sie erhält von ihm eine Bibel, mit der sie sich nach einem großen Streit mit Akira verstärkt auseinandersetzt. Die oft gehänselte Kiyomi befasst sich bald mit Themen wie Feindes- und Elternliebe – beides Dinge, die ihr aus verständlichen Gründen schwer fallen.

„Winterherz – ein Mädchenleben in Japan“ ist als schriftliches Glaubensbekenntnis an Kiyomis Pater gerichtet, da sie sich mit dem Gedanken trägt, das Sakrament der Taufe zu empfangen. In ihren Aufzeichnungen schwingen viele Zweifel mit, ob sie aufgrund ihrer sündigen Gedanken wie Rachsucht und Verachtung in der christlichen Kirche richtig aufgehoben ist.

Der Roman ist sicherlich ein solides Buch über eine schwere Kindheit, schwierige familiäre Verhältnisse und eine Läuterung im Zeichen des Christentums. Zudem wird das Ganze garniert mit einer romantischen Liebesgeschichte. Allerdings lehnt sich die Story so sehr an Ayako Miuras Autobiographie „Auf einem andern Weg“ an, dass das Ende vorhersehbar ist und „Winterherz – ein Mädchenleben in Japan“ wie eine aufgewärmte Adaption wirkt. Irgendwie schade, denn aus den Zutaten hätte sich sicherlich mehr machen lassen können...

Bibliographische Angaben:
Miura, Ayako: „Winterherz – ein Mädchenleben in Japan“ (Übersetzung aus dem Englischen (?): Horn, Friederike), Hänssler, Neuhausen-Stuttgart 1992, ISBN 3-7751-1844-6

Dienstag, 12. Januar 2016

„Auf einem andern Weg“ von Ayako Miura

Der autobiographische Roman „Auf einem andern Weg“ ist sicherlich primär für die Leser interessant, die sich für die Person der Autorin Ayako Miura (geborene Hotta) und ihren bewegten Lebensweg begeistern können. Sprachlich ist das Werk sehr einfach gehalten, was jedoch nicht negativ zu verstehen ist. Vielmehr liest sich die Autobiographie so, als würde uns eine gute Bekannte aus ihrem Leben erzählen. Und so leidet man mit der Autorin mit und kann sich das eine oder andere Mal ein Tränchen kaum verkneifen. Denn krankheitsbedingt musste Ayako Miura einiges auf sich nehmen und hatte dabei das Glück, an besonders verständnisvolle Männer zu geraten.

„Auf einem andern Weg“ setzt ein mit dem Schock, den die Lehrerin Ayako mit der Kapitulation Japans nach dem zweiten Weltkrieg erlitt. Vieles von dem, was sie noch während des Krieges unterrichtete, soll nun plötzlich falsch sein. Zusammen mit den Schülern werden Stellen aus den Lehrbüchern geschwärzt und somit für nichtig erklärt. Für Ayako bricht eine Welt zusammen und sie verliert ihren Halt. Sie kann ihren ehemaligen Schülern nicht einmal mehr in die Augen schauen. Um aus dem Lehrerberuf ausscheiden zu können, flüchtet sie sich in die Verlobung mit Ichiro Nishinaka.

Doch fast direkt darauf folgt die Diagnose der Tuberkulose, die Ayako lange Zeit ans Krankenbett fesseln wird. Ichiro steht zu seiner Verlobten, besucht die Kranke und unterstützt sie finanziell. Auch ein Jugendfreund namens Tadashi Maekawa beginnt, Ayako regelmäßig zu besuchen. Der Christ Tadashi ist ebenfalls an Tuberkulose erkrankt. Er erkennt, dass Ayako den Halt verloren hat und versucht, ihr den christlichen Glauben näher zu bringen. Dabei sind ihm keine Mühen zu groß, um Ayako wieder Lebensmut einzuhauchen. Der ist auch bitter nötig, denn die Kranke löst ihre Verlobung, da sie Ichiro nicht länger hinhalten möchte. Kurz danach misslingt ihr ein Selbstmordversuch. Halt findet Ayako schließlich doch im Christentum; sie lässt sich taufen.

Der gütige Tadashi ist bald mehr als nur ein guter Freund. Die beiden Tuberkulose-Kranken verloben sich. Doch die Krankheit wird bei Tadashi einen tödlichen Ausgang haben, während Ayako regungsunfähig im Gipsbett liegt. Nicht einmal bei seiner Beerdigung kann sie dabei sein. Wie ein Geschenk des Himmels wirkt da das Kennenlernen des Christs Mitsuyo Miura, der Tadashi Maekawa nicht nur optisch, sondern auch in seiner Haltung gleicht. Aber Ayako kann sich (noch) nicht von der Vorstellung frei machen, sie würde Tadashi verraten, wenn sie eine neue Beziehung eingeht. Zudem fühlt sie sich als Kranke nicht würdig, mit einem gesunden Mann anzubändeln.

Von Ayako Miuras Lebensweg kann man nur beeindruckt sein. Nicht nur krankheitsbedingt hat sie viele Krisen durchgemacht, sich dann aber dennoch irgendwie durchgebissen. Darüberhinaus hat sie anderen Kranken durch briefliche Korrespondenz beigestanden und so die Hilfe weitergegeben, die sie selbst einmal erhalten hat.

Bibliographische Angaben:
Miura, Ayako: „Auf einem andern Weg“ (Übersetzung aus dem Englischen: Noack, Hans-Georg), Christliche Verlagsanstalt, Konstanz 1978, ISBN 3-7673-3355-4

Sonntag, 8. März 2015

„Weg zu Japan“ von Hisako Matsubara

Mit „Weg zu Japan“ versucht Hisako Matsubara einen Einblick in die japanische Mentalität und ins japanische Denken zu geben. Die Autorin steigt ein mit der Bambusweisheit, die den Japanern oft schon den Vorwurf der Verlogenheit eingebracht haben mag:

„Biegsam sein und sich unter dem Ansturm einer Gefahr neigen, ist eine alte Weisheit. Sie ist aus der Erfahrung mit der Natur erwachsen. Sie ist japanische Volksweisheit. Sie ist ein Stück Volksschläue. Was nützt es, wenn man trotzig aufrecht steht und dann bricht? Viel besser ist es, biegsam zu sein und seine Stärke für die Zeit nach dem Sturm zu bewahren. Das ist die Bambusweisheit.“ (S. 12f.)

Europäer reagieren in zwischenmenschlichen Konflikten mit Aggression, während Japaner mit Sanftheit reagieren. So wirken die Kommunikationsmechanismen wie die von Hund und Katze – Missverständnisse sind vorprogrammiert.

Hisako Matsubara versteht es darüber hinaus, wesentliche Geschehnisse in Japans Geschichte spannend nachzuerzählen: Sie beginnt mit den Großen Wirren, als im 16. Jahrhundert der Ashikaga-Clan in Erbstreitigkeiten lag, und denen Oda Nobunaga ein Ende setzte. Hisako Matsubara porträtiert den großen Feldherrn sehr anschaulich: Um seine politischen Gegner zu täuschen, gab er sich

„als der verrückteste aller Daimyo, dumm und harmlos, als ein Pferdenarr, der ständig in seinem Gebiet herumritt, Nüsse kaute und Obstkerne spuckte.“ (S. 57)

Dank des unter Nobunaga entstehenden Leistungsprinzips konnte Toyotomi Hideyoshi zum nächsten großen Herrscher in Japan aufsteigen. Als Bauerssohn begann er seine Karriere als Nobunagas Schuhknecht und wurde schließlich Kampaku, der Regent Japans.

Über einen dritten großen Mann der japanischen Geschichte, Ieyasu Tokugawa, der das Geschlecht der Tokugawa-Shogune begründete, weiß Hisako Matsubara ebenfalls viel zu berichten, z.B.

„Er nahm sich viele Nebenfrauen, legte aber wenig Wert auf deren Abstammung, Bildung oder Schönheit. Ihm war es wichtiger, dass sie ihm viele Söhne gebaren. Weil man bei einer unverheirateten Frau nie ganz sicher sein kann, ob sie Kinder haben wird, nahm er am liebsten junge Witwen, die schon geboren hatten.“ (S. 144)

Zentralen Stellenwert haben in „Weg zu Japan“ vor allem die Entwicklungen, die die christlichen Missionare in Japan heraufbeschwörten. Heutzutage ist (hoffentlich) jedem bekannt, dass die Missionare nicht nur den Glauben verbreiten, sondern vor allem Machtinteressen wahren wollten. Hisako Matsubara zeigt diesbegzüglich einige interessante historische Fakten auf, wie z.B. dass für die ersten Märtyrer eigentlich ein weniger schmerzhafter Tod angedacht war, die Wahl auf die Kreuzigung aber auf Initiative der Jesuiten fiel. Schließlich sollte mit dem Tod der Hingerichteten ein langfristiges Zeichen für die Leidensfähigkeit der Kirishitan gesetzt werden. Bisher unbekannt war mir auch, dass die Portugiesen japanische Kinder zu tausenden als Sklaven nach Europa schafften – leider überlebten die wenigsten die Überfahrt. Geradezu grotesk liest sich, dass zeitweilig eine Art von Märtyrertourismus einsetzte: Immer mehr katholische Mönche setzten nach Japan über, nur um doch bitte hingerichtet zu werden und den Märtyrertod sterben zu dürfen. Kein Wunder, dass die Weißen den Japanern nicht geheuer waren – und schließlich der Weg in die Isolation eingeschlagen wurde.

Ein bisschen nervig wirkt das Buch jedoch an den Stellen, an denen Hisako Matsubara immer wieder darauf insistiert, dass Japan nicht so „rückständig“ war, wie es von Europa oft betrachtet wurde. Z.B. hatte Tokio bereits Mitte des 18. Jahrhunderts circa 1,5 Mio. Einwohner, während die europäischen Hauptstädte noch sehr viel kleiner waren. Ich hoffe auch an dieser Stelle, dass man heutzutage niemandem mehr erklären muss, dass Europa nicht der Nabel der Welt ist (naja... einige wirre Geister natürlich ausgenommen...). Sicherlich ist seit den 80er Jahren, als „Weg zu Japan“ erschien, einige Zeit vergangen und ich kann es mir eigentlich nicht erlauben, zu beurteilen, ob Hisako Matsubaras Aufklärungsarbeit damals noch nötig war. Aber aus heutiger Sicht wirkt die oftmalige Rechtfertigungshaltung der Autorin etwas anstrengend.

Nichtsdestotrotz: „Weg nach Japan“ bietet viel Hintergrundwissen zur japanischen Geschichte – insbesondere auch aus religiöser und wirtschaftlicher Sicht. Dabei ist das Werk anschaulich und kurzweilig verfasst, dass es zum großen Teil Spaß macht, sich mit den Fakten zu beschäftigen.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Weg zu Japan“, Albrecht Knaus, Hamburg 1983, ISBN 3-8135-0560-X

Montag, 9. Februar 2015

„Shiokari Pass“ von Ayako Miura

Nobuo Nagano wächst in der Meiji-Zeit dem Glauben auf, dass seine Mutter kurz nach seiner Geburt verstorben ist. Erst nach dem Tod der traditionell eingestellten Großmutter, die den Jungen erzogen hat, wird er mit der Wahrheit konfrontiert: Die Mutter war nicht gestorben, sondern wurde von der Großmutter verstoßen, da sie dem verpönten christlichen Glauben anhing. Der Vater hatte die Mutter weiterhin im Geheimen besucht und so kehren nach dem Ableben der Großmutter nicht nur die Mutter, sondern auch eine kleine Schwester zurück.

Nobuo ist arg verstört von der neuen Situation. Warum hat ihn die Mutter verlassen? War ihr dieser christliche Gott wirklich wichtiger als er, der leibliche Sohn? Der christliche Glaube wird wie eine Mauer zwischen ihm und der Mutter stehen.

Große Teile von Ayako Miuras Roman „Shiokari Pass“, der sich fast wie ein Jugendbuch liest, sind Nobuos Kindheit und Jugend gewidmet. Während der Schulzeit findet Nobuo in Yoshikawa einen Freund fürs Leben. Später wird Nobuo wie Yoshikawa nach Hokkaido gehen. Nobuo beginnt Yoshikawas kranke Schwester Fujiko zu lieben und schwört, sie zu heiraten, sobald sie gesundet. Fujiko ist im Krankenbett zum Christentum konvertiert. Nobuo ist so fasziniert von der inneren Stärke der Kranken, dass er sich doch stärker mit dem Christentum und der Bibel befasst, obwohl er seit seiner Kindheit eine starke Abneigung gegen den christlichen Glauben entwickelt hat. Schließlich wird auch Nobuo in den Bann der Bibel gezogen und er wird zum glühenden Verfechter des Christentums. Nobuo gilt bald als mustergültiger Christ par excellence.

Bereits auf dem Cover wird auf den „erschütternden Höhepunkt am Pass“ hingewiesen. Ayako Miura erzählt mit „Shiokari Pass“ eine wahre Begebenheit nach, die [Achtung: Spoiler!] an eine Märtyrergeschichte erinnert. So ganz will einem allerdings nicht einleuchten, dass der Märtyrertod die einzige realistische Lösung gewesen sein soll. Vielmehr mag man fast unterstellen, dass dieser vielleicht bewusst gesucht wurde – und das vergällt mir das Ende des Romans.

Dank Ayako Miuras Popularität erreichte „Shiokari Pass“ hohe Auflagen, während andere christliche Literatur nur in Kleinstauflagen verlegt wurde. Zudem wurde der Roman verfilmt – wer Lust hat, der kann den Film, der erst zu Nobuos Zeit in Hokkaido einsetzt, hier auf Bibel TV in deutscher Übersetzung ansehen.

Bibliographische Angaben:
Miura, Ayako: „Shiokari Pass“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Engelmohr, Karl), VLM, Bad Liebenzell 1985, ISBN 3-88002-131-7

Donnerstag, 17. Juli 2014

„Mein Sohn Takiji“ von Ayako Miura

Nichts mag für eine Mutter so schlimm sein, wie ihr geliebtes Kind durch gewaltsamen Tod zu verlieren. Ayako Miura lässt in „Mein Sohn Takiji“ die 88-jährige Sen zu Wort kommen, die das Leben und den Tod ihres Sohnes Takiji Revue passieren lässt. Bei Takiji handelt es sich dabei nicht um eine imaginierte Person, sondern um den Autor der proletarischen Literaturbewegung Takiji Kobayashi, der im Jahr 1933 verhaftet und zu Tode gefoltert wurde. Ayako Miuras „Mein Sohn Takiji“ basiert auf den realen Geschehnissen; der Monolog der Mutter Sen ist freilich ein Produkt von Ayako Miuras literarischer Schaffenskraft: 

Da sitzt Sen im Haus ihrer Tochter Chima und spricht direkt zum Leser. Sie beginnt mit ihrem eigenen Schicksal wie sie in ärmlichsten Verhältnissen aufwächst und als Teenager verheiratet wird. Die Familie der Kobayashis ist ebenfalls verarmt, doch gebildet. Nach dem Tod des ältesten Sohns Takiro zieht die Familie von Otaru nach Hokkaido. Takiji als Zweitgeborener wird dort von seinem Onkel gefördert und kann Wirtschaftswissenschaften studieren. Takiji entwickelt sich zu einem gerechtigkeitsliebenden, fröhlichen jungen Mann, der alles in seiner Macht stehende leistet, seine Familie finanziell zu unterstützen. Er träumt den Traum, die Gesellschaft zu verbessern, hat er doch bereits schon früh die Härten der armen, arbeitenden Bevölkerung erlebt: Seine Eltern begeben sich bei Bauarbeiten in Lebensgefahr, Arbeiter werden schlimmer als Vieh behandelt und junge Mädchen werden in die Prostitution verkauft. Indem Takiji Romane schreibt, will er seinen Beitrag leisten, die Lebensumstände zu verbessern.

Als Takiji nach Tokio geht, beginnen seine Probleme mit der Polizei. Er wird mehrfach verhaftet und geht schließlich in den Untergrund. Als ihn ein Spitzel verrät, wird er erneut verhaftet und schließlich zu Tode gefoltert. Seine Mutter trifft der Verlust besonders hart. Wie kann es einen Gott geben, wenn dieser zulässt, dass ihr Sohn, der die Nächstenliebe verkörpert, auf so schlimme Weise gemartert wird und sein Leben lassen muss. Hier zieht die christliche Autorin Ayako Miura einen Vergleich zu Jesus: War nicht auch Jesus von der Nächstenliebe beseelt, wurde nicht auch er verraten und musste nicht auch er wegen seinen Überzeugungen sterben? Langsam nähert sich Sen dem Christentum an und scheint im Alter endlich ihren Frieden finden zu können.

Indem Ayako Miura Sen frei erzählen lässt, erscheint es dem Leser, als würde man tatsächlich exklusiv von Takiji Kobayashis Mutter dessen Lebensgeschichte erzählt bekommen. Die Erzählweise ist äußerst lebendig, manchmal aber auch sprunghaft. Mit der Zeit wächst einem die alte Dame immer mehr ans Herz. Umso tragischer erlebt der Leser auch das Ende von Takiji Kobayashi mit. Allzu christliche Literatur liegt mir zwar nicht sonderlich, aber Ayako Miura gelingt es in „Mein Sohn Takiji“, die richtige Dosis einzusetzen. Sen ist nicht getauft, aber findet zumindest etwas Trost im christlichen Glauben. Auch wenn das Thema von Ayako Miuras „Mein Sohn Takiji“ schwere Kost ist – der Kurzroman lohnt sich enorm!

Bibliographische Angaben:
Miura, Ayako: „Mein Sohn Takiji“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierwirth, Gerhard & Moriwaki, Arno), Iudicium, München 2014, ISBN 978-3-86205-391-9

Donnerstag, 19. Juni 2014

„Himmelszeichen“ von Hisako Matsubara

Wir schreiben das Jahr 1612 und befinden uns auf der Shimabara-Halbinsel. Der zum Christentum konvertierte Daimyo Harunobo, auch als Don Protasio bekannt, ist wegen Hochverrats hingerichtet worden. Die portugiesischen Pater sind besorgt – wer wird als Daimyo auf Don Protasio folgen? Wird es sein christlich geprägter Sohn Don Joao sein, oder der zweitgeborene Sohn Yoshitomo, der den Einzug der alten Götter auf der Shimabara-Halbinsel protegiert?

Die Autorin Hisako Matsubara baut auf der Basis von historischen Fakten einen imaginierten Roman auf, in dessen Zentrum die junge Mika steht. Als Tochter von Don Protasio ist sie mit Leib und Seele Christin. Sie ist schockiert von der Nachricht der Hinrichtung des geliebten Vaters, kann den Vorwürfen des Hochverrats keinen Glauben schenken. Doch Mika werden bald die Augen geöffnet: Bringen die portugiesischen Patern wirklich den einzig wahren Glauben und die Nächstenliebe nach Japan? Oder sind ihre Beweggründe nicht doch mehr irdischer Natur – geht es den Glaubensvertretern nicht nur um Macht und Einfluss? Als der Niederländer Hendrik gefangen genommen wird, muss sich Mika der bitteren Realität stellen und ihren tief verwurzelten Glauben in Frage stellen.

Hochwürden Ferreira ist derweil dabei, im Hintergrund die Strippen zu ziehen: Er muss Don Joaos Macht stärken, nachdem der Shogun Yoshitomo zum Daimyo ernannt hat. Er wiegelt die christlichen Handwerker auf, keinesfalls bei der Wiedererrichtung der buddhistischen Tempel zu helfen, die Yoshitomo veranlasst hat. Und er hat dafür Sorge zu tragen, den christlichen Glauben so tief in den Herzen der Gläubigen zu verankern, dass sie sich keinesfalls von Deus lossagen werden, egal welche Widrigkeiten ihnen drohen sollten.

Hisako Matsubaras „Himmelszeichen“ erzählt nicht von tapferen christlichen Märtyrern, sondern zeichnet ein Bild, das der Realität der Missionierung wohl sehr nahe kommt: Den Patern geht es um Macht, den japanischen Machthabern um lukrative Handelsbeziehungen zu den christlichen Europäern. Die Gläubigen werden zum Mittel zum Zweck.

Jedoch wirkt „Himmelszeichen“ dadurch, dass die junge Mika in den Mittelpunkt der Handlung gestellt wird, oft eher wie ein Jugendroman. Weniger Mika und mehr Ferreira und Intrige hätten den Roman spannender gemacht.

Hisako Matsubara, die Tochter eines hohen Shinto-Priesters in Kioto, stellt „Himmelszeichen“ einen von dessen Tagebucheinträgen voran:

„Viele Wege führen zum Gipfel
Über alle breitet der Mond sein Licht
Durch die Zweige und über den Felsenspitzen
Sieht man von überall die gleichen Gestirne“
(S. 6)

Und so liest sich dann auch der Roman; als ein Plädoyer für ein friedliches Nebenher von Religionen ohne Absolutheitsanspruch.

Bibliographischen Angaben:
Matsubara, Hisako: „Himmelszeichen“, Knaus, München 1998, ISBN 3-8135-0089-6

Montag, 17. Februar 2014

„Ground Zero Nagasaki“ von Yuichi Seirai

Nagasaki steht für den zweiten Atombombenabwurf über Japan, aber auch für eine christliche Hochburg und die Christenverfolgung in Japan. Yuichi Seirai widmet seiner Heimatstadt mit „Ground Zero Nagasaki“ sechs Erzählungen, die fiktive Einzelschicksale in Nagasaki illustrieren.

Da ist ein älteres Ehepaar, das sich gezwungen sieht, seinen angestammten Familienbesitz zu veräußern. Dies ist einerseits besonders bitter, da sich früher im Nebenhaus die Angehörigen zur Ausübung des christlichen Glaubens getroffen hatten. Andererseits weil ihr schizophrener Sohn Schuld auf sich geladen hat, die nicht zu tilgen ist.

Da ist ein psychisch zurückgebliebener Mann in den 40ern, dessen Mutter im Sterben liegt. Er kann zwar schnell Schachteln zusammenfalten und sich schnell verlieben, doch nach dem Tod seiner Mutter wäre er hilflos wie ein Kind. Er versucht, Hilfe bei einem Jugendfreund zu finden, der ihn einst vor Hänseleien wie ein Heiliger beschützt hatte. Doch es ist der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, den Freund zu behelligen.

Da ist eine alte Frau, die den Atombombenabwurf verletzt überlebt hat, und aufgewühlt durch eine Postkarte ihr Leben als verkrüppelte Hibakusha Revue passieren lässt. Insbesondere die Liebe ihres Lebens war ihr so nicht gegönnt; der Angebetete heiratete schließlich eine gesunde, unbeschwerte junge Frau. Ein wenig Trost findet sie in ihrem katholischen Glauben.

Da ist eine Ehefrau in den 30ern, die auf einem Grundstück lebt, auf dem Angehörige ihres Mannes beim Atombombenabwurf getötet wurden. Die Beziehung des Paares ist eher eine Zweckehe, daher setzt sie sich zum Ziel, einen 18-jährigen Fahrradmechaniker zu verführen. Am Jahrestag des Atombombenabwurfs hat sie schließlich sturmfrei, da sich ihre Schwiegereltern zu den Gedenkfeierlichkeiten begeben.

Da ist ein verlassener Ehemann, der seit dem Tod seiner kleinen Tochter unter extremen Alpträumen leidet. Das Meer scheint nachts bis in seine Wohnung in einem Hochhaus vorzudringen und es wird zu seiner fixen Idee, dass dies kein Traum ist, sondern Realität. Christliche Mythen und die Erfahrungen einer Hibakusha scheinen ihm einen Weg aus seinen Wahnvorstellungen zu deuten.

Und da ist ein älterer Mann, der seine persönlichen Atombombenerfahrungen zu Papier bringt: nämlich dass in seinem Geburtsregister weder eine Mutter noch ein Vater verzeichnet ist. Als Neugeborener wurde er in den Trümmern der Stadt gefunden und von Adoptiveltern aufgezogen. Als nicht-leiblicher Sohn leidet er unter Komplexen, keinen Bezug zu dem Besitz seiner zwischenzeitlich verstorbenen Adoptiveltern zu haben.

Obwohl Yuichi Seirai laut einem Interview auf der Homepage des Hiroshima Media Peace Center der Meinung ist, dass nur die Atombombenerzählungen von Zeitzeugen realistisch sein können, schreibt der Autor mit „Ground Zero Nagasaki“ Geschichten, die unter die Haut gehen und einem auch das eine oder andere Tränchen ins Auge treiben können. Da sind einerseits die individuellen Schicksale, die berühren. Andererseits werden auch die großen Fragen zum Atombombenabwurf gestellt, die für das christliche Nagasaki typisch sein mögen: Wie kann man noch an einen christlichen Gott glauben, der solches Grauen zulässt?

„Ground Zero Nagasaki“ zeichnet sich auch dadurch aus, dass der Autor Yuichi Seirai die verschiedenartigsten Charaktere hervorragend herausarbeitet. Von der alten Hibakusha über einen liebestollen, aber in seiner Entwicklung zurückgebliebenen Mann in den 40ern bis hin zu einer 30-Jährigen, die sich selbst noch einmal die eigene Attraktivität beweisen möchte, gerinnen alle Figuren zu einer Anschaulichkeit, die man selten in Erzählungen so gelungen findet.

Bibliographische Angaben:
Seirai, Yuichi: „Ground Zero Nagasaki“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-936018-87-5

Sonntag, 24. Februar 2013

„Sterne der Hoffnung“ von Shunu Nakamura

Der Titel von Shunu Nakamuras „Sterne der Hoffnung“ rekurriert auf das Salve Regina; im japanischen Original „Nozomi no hoshi“ ein Teil der Übertragung des lateinischen marianischen Antiphons ins Japanische. Shunu Nakamura, der erst wenige Jahre vor der Veröffentlichung von „Sterne der Hoffnung“ getauft wurde, setzt sich in seinem Werk kritisch mit dem Christentum auseinander und führt in ein von Umbrüchen gekennzeichnetes Japan des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Kotaro Shido ist Student der Theologie und Ziehsohn des Missionars Masato Torikai. Dessen Tochter Chie ist Kotaro schon so gut wie als Ehefrau versprochen. Doch Kotaro quälen die Zweifel an der christlichen Lehre und er gesteht dem Pastor, dass sich sein Glaube nicht mit den Ansichten des Gottesmannes deckt. Als Konsequenz verweist Torikai seinen Ziehsohn des Hauses, die Heirat mit Chie kann sich Kotaro folglich ebenfalls abschminken.

Kotaro sucht Zuflucht in der „Elends-Studenten-Kompanie“. Hier haben sich bereits drei Studenten in einer Kommune häuslich eingerichtet. Tagsüber studieren sie, abends verdingen sie sich als gildelose Wagenzieher, um ihre Ausgaben bestreiten zu können. Doch der schwächliche Kotaro tut sich schwer mit dieser körperlichen Arbeit. Mehr noch: Er kommt mit dem ruchlosen Leben der Nachtschwärmer in Kontakt und kann dies nur schwer mit seinen Überzeugungen vereinen.

Doch auch Chie hat es zu Hause nicht einfach: Ihr Vater will sie zwingen, sich mit einem zum Christentum konvertierten Burakumin verheiraten – schließlich hat er diesem versprochen, dass es im Christentum keine Standesunterschiede gibt und der Burakumin unter den weiblichen Gemeindemitgliedern eine Ehegattin finden kann.

Jürgen Stalph beschreibt Shunu Nakamuras „Sterne der Hoffnung“ im Vorwort als eines von mehreren „lesenswerten Dokumenten des japanischen Großstadtlebens der Jahrhundertwende“ (S. 12). Und tatsächlich bietet „Sterne der Hoffnung“ ein urbanes Panoptikum an jobbenden, ärmlichen Studenten, die ihren Wortschatz mit englischen Begriffen anreichern, Burakumin, die ihrer Diskriminierung ein Ende setzen wollen, einer jungen Frau, die ihren Gefühlen folgt, statt sich dem Willen des Vaters zu unterwerfen - und damit Einblick in eine sich modernisierende Gesellschaft. Die Sterne der Hoffnung leuchten...

Bibliographische Angaben:
Nakamura, Shunu: „Sterne der Hoffnung“, Cass, Löhne 2003, ISBN 3-9809022-1-8