Seit Kosuke Kindaichis letztem Fall ist einige Zeit vergangen. Das liegt allerdings nicht daran, dass sich kein Verbrechen ereignet hat, was der Detektiv hätte lösen können, sondern am zweiten Weltkrieg: Auch Kosuke wurde zum Militärdienst einberufen. Als Soldat lernt er Chimata Kito kennen, mit dem er sich anfreundet. Chimata hat eine seltsame Angst vor dem Sterben. Er überlebt den Krieg – aber das Schicksal meint es nicht gut mit ihm: Nach Kriegsende rafft es ihn ausgerechnet auf der Rückfahrt in die Heimat dahin. Kosuke nimmt er im Delirium ein Versprechen ab: Kosuke soll an seiner Stelle auf seine Heimatinsel Gokumon reisen. Seine drei jüngeren Schwestern würden in Lebensgefahr schweben, sollte er nicht lebend aus dem Krieg zurückkehren.
Und so begibt sich Kosuke auf die Insel Gokumon, die einst von Piraten und weiteren Verbrechern bevölkert war, um der Familie Kito mitzuteilen, dass Chimata nicht mehr unter den Lebenden weilt. Kosuke lernt dabei die wichtigsten Personen der Insel kennen: den Priester, den Bürgermeister und den Arzt. Doch was ist mit Chimatas Vater, der eigentlich der Erbe des größten Fischereiunternehmens ist. Und was ist mit der verfeindeten Zweigfamilie, die einen Schönling beherbergt, der Chimatas Schwestern schöne Augen macht?
Kosukes Aufenthalt auf Gokumon ist nicht lange erquicklich – denn bald geschieht ein Mord, den es aufzuklären gilt. Doch es bedarf einiges an Zeit, Kommunikation und Kombinationsgabe, um die äußerst verwirrenden Geschehnisse richtig einzuordnen und den komplexen Fall zu lösen.
„Mord auf der Insel Gokumon“ hat mir weit besser gefallen als Seishi Yokomizos erster Kosuke Kindaichi-Roman „Die rätselhaften Honjin-Morde“. Der allwissende Erzähler rückt stark in den Hintergrund und die Protagonisten treiben selbst die Handlung an. Damit wird der Leser gleich stärker in den Plot gesogen und die Figuren werden greifbarer.
Der Fall selbst ist so verzwickt, dass man zwar an der einen oder anderen Stelle eine Ahnung hat, wer vielleicht der Täter sein könnte. Aber die eigentliche Aufklärung muss man Kosuke – Japans bestem Privatdetektiv – selbst überlassen.
Für Juni 2024 ist mit „Das Dorf der acht Gräber“ schon der nächse Kosuke Kindaichi-Fall angekündigt. Im englischen sind schon zwei weitere erschienen und ein dritter für den Herbst geplant. Sieht so aus, als dürften wir uns auch noch auf weitere deutsche Übersetzungen freuen.
Bibliographische Angaben:
Yokomizo, Seishi (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula): „Mord auf der Insel Gokumon“, Blumenbar, Berlin 2023, ISBN 978-3-351-05119-8
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Mittwoch, 17. April 2024
Dienstag, 5. März 2019
"Alte Freunde" von Osamu Dazai
Osamu Dazais "Alte Freunde" ist sicherlich eher ein Buch für Liebhaber. Für den doch stolzen Preis von 18 Euro erhält der Leser 25 Seiten Prosatext, sieben Seiten mit Illustrationen und fünfeinhalb Seiten Nachwort. Die Illustrationen von Susanne Theumer sind freilich Geschmackssache, dafür ist der Text ein Träumchen – bestimmt nicht nur für Osamu-Dazai Fans.
Der Protagonist und Ich-Erzähler scheint identisch mit dem Autor selbst zu sein. Im September 1946 lebt der Ich-Erzähler Shuji als Ausgebombter in seiner alten Heimat. Da bekommt er Besuch von einem "alten Freund" namens Hirata, der sich als Ausgeburt der Dreistigkeit herausstellen wird. Nicht nur, dass sich der Bauer Hirata nur als ehemaliger Mitschüler ausgibt, um an den von Shuji gebunkerten, raren Alkohol ran zu kommen. Er bedient sich immer weiteren Kniffs, um nachgeschenkt zu bekommen.
Obwohl Shuji sich des Betrugs sehr wohl bewusst ist, muss er sich in Langmut fügen. Nicht auszudenken, wenn der besoffene Kerl aggressiv werden sollte und die Wohnung demoliert, die Shuji und seine Familie als Ausgebombte nur gestellt bekommen haben. Shuji muss sich eingestehen, dass es Hirata zu faustdick hinter den Ohren hat, um es mit ihm aufzunehmen.
Die ganze Situation wirkt auf den ersten Blick so unangenehm, dass man sich als Leser fragen könnte, warum man so etwas denn lesen soll. Doch das erzählerische Talent von Osamu Dazai macht selbst daraus noch Gold: Humorvoll und sich selbst nicht zu ernst nehmend schwadroniert der Autor über das Geschehnis, das "in ganz sonderbarer Weise unerträglich" (S. 7) war, und über seine Vergangenheit als Säufer und Weiberheld in Tokio.
Ich hoffe für die Erzählung, dass der Cass Verlag sie vielleicht eines Tages als kostengünstigeres Ebook herausgeben wird. Wäre doch zu schade, wenn sie den Liebhabern vorbehalten bleiben würde!
Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: "Alte Freunde" von Osamu Dazai (Übersetzung aus dem Japanischen: Stalph, Jürgen), Cass Verlag, Löhne 2017, ISBN 978-3-944751-14-6
Der Protagonist und Ich-Erzähler scheint identisch mit dem Autor selbst zu sein. Im September 1946 lebt der Ich-Erzähler Shuji als Ausgebombter in seiner alten Heimat. Da bekommt er Besuch von einem "alten Freund" namens Hirata, der sich als Ausgeburt der Dreistigkeit herausstellen wird. Nicht nur, dass sich der Bauer Hirata nur als ehemaliger Mitschüler ausgibt, um an den von Shuji gebunkerten, raren Alkohol ran zu kommen. Er bedient sich immer weiteren Kniffs, um nachgeschenkt zu bekommen.
Obwohl Shuji sich des Betrugs sehr wohl bewusst ist, muss er sich in Langmut fügen. Nicht auszudenken, wenn der besoffene Kerl aggressiv werden sollte und die Wohnung demoliert, die Shuji und seine Familie als Ausgebombte nur gestellt bekommen haben. Shuji muss sich eingestehen, dass es Hirata zu faustdick hinter den Ohren hat, um es mit ihm aufzunehmen.
Die ganze Situation wirkt auf den ersten Blick so unangenehm, dass man sich als Leser fragen könnte, warum man so etwas denn lesen soll. Doch das erzählerische Talent von Osamu Dazai macht selbst daraus noch Gold: Humorvoll und sich selbst nicht zu ernst nehmend schwadroniert der Autor über das Geschehnis, das "in ganz sonderbarer Weise unerträglich" (S. 7) war, und über seine Vergangenheit als Säufer und Weiberheld in Tokio.
Ich hoffe für die Erzählung, dass der Cass Verlag sie vielleicht eines Tages als kostengünstigeres Ebook herausgeben wird. Wäre doch zu schade, wenn sie den Liebhabern vorbehalten bleiben würde!
Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: "Alte Freunde" von Osamu Dazai (Übersetzung aus dem Japanischen: Stalph, Jürgen), Cass Verlag, Löhne 2017, ISBN 978-3-944751-14-6
Montag, 9. März 2015
„Pflaumenblüten in der Nacht“ von Masuji Ibuse
Den in verschiedenen Anthologien verteilten Erzählungen von Masuji Ibuse konnte ich bisher – leider – nicht allzu viel abgewinnen. Mit „Pflaumenblüten in der Nacht“ hat sich meine Wertschätzung für die Erzählungen des Autors jedoch um einiges erhöht. Erst nach der Lektüre des Bandes ist mir spät, aber immerhin, die Qualität der Erzählkunst des Literaten bewusst geworden. In den vorliegenden Erzählungen werden Stimmungen geschaffen, die den Leser regelrecht in die Handlungen einsaugen, die nicht selten in einem amüsiert-ironischen Ton dargelegt werden und hie und da Sozialkritik enthalten.
Der Band beginnt mit „Der Salamander“, einer Erzählung, die laut des Nachworts von Jürgen Berndt in viele Schulbücher aufgenommen wurde. Jürgen Berndt zitiert Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“:
Die 1923 entstandene Erzählung handelt von einem Salamander, dessen Kopfumfang zu groß geworden ist, um aus seiner Höhle herausschlüpfen zu können. Er sitzt im wahrsten Sinne des Wortes fest. Der Salamander schwankt zwischen Wut und Resignation. Als sich ein Frosch in seine Höhle verirrt, verwehrt er ihm kurzer Hand die Rückkehr in die Freiheit. Vor dem Hintergrund der staatlichen Unterdrückung der Arbeiterbewegung und der damit einhergehenden Stimmung in Japan, lässt sich Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“ einordnen.
In der autobiographisch angehauchten Kurzgeschichte „Der Karpfen“ bekommt der Ich-Erzähler einen Karpfen geschenkt. Er verspricht seinem Kumpan, der ihm dieses Geschenk macht, den Karpfen nicht zu töten. Und so kümmert sich der Ich-Erzähler um den Karpfen, selbst als sein Freund gestorben ist.
Die Erzählung „Pflaumenblüten in der Nacht“ schlägt eine Tonalität an, die man Osamu Dazai zugeschreiben könnte. Der Ich-Erzähler ist ein Boheme; natürlich immer knapp bei Kasse und recht unvernünftig, was seine Ausgaben betrifft. Eines Abends trifft er auf einen Kerl, der sich gerade geprügelt hat. Der blutende Tunichtgut hat Angst um seinen Job und versucht den Ich-Erzähler zu überzeugen, bei der Polizei eine Falschaussage zu machen, um seinem Arbeitgeber glaubhaft zu versichern, er sei Opfer widriger Umstände geworden. Doch der Ich-Erzähler überzeugt ihn, dem Vorgesetzten eine Ausrede aufzutischen. Als Dank erhält er 10 Yen, die er aber zurückgeben will. Doch wie es so kommt: Die 10 Yen sind schneller verbraucht als gedacht. Und so lebt der Ich-Erzähler in permanenter Angst, der Prügelknabe könnte nun ihn verprügeln kommen.
„Sawan auf dem Dach“ ist eine wehmütige Geschichte über eine Wildgans, deren gestutzte Federn sie am Fliegen hindern. Wie eine Katze wird sie vom Ich-Erzähler gehalten. Doch sobald andere freie Wildgänse in Sawans Nähe kommen, beginnt Sawan herzergreifend zu klagen.
„Zu Hause bei Herrn Tange“, „Die Pilgerherberge“, „Heute keine Sprechstunde“ und „Opa Stiertiger“ wirken dagegen eher wie Milieustudien. Herr Tange lebt auf dem Land und hat einen gar unnützen Diener, der ihm als Kind regelrecht zugelaufen kam.
„Die Pilgerherberge“ hat sich über die Jahre zu einem Asyl entwickelt: Mädchen werden hier gerne ausgesetzt und wachsen in der Herberge ohne Eltern auf.
„Heute keine Sprechstunde“ ist die längste Erzählung des Bandes. Hier wird das Leben und Wirken eines Frauenarztes im Tokio der Nachkriegszeit illustriert. Da gibt es einerseits die hochgestellten Damen, die sich vom Arzt hofieren lassen, andererseits die Patienten, die für die Behandlungskosten nicht aufkommen können. Da büchst schon mal der eine oder andere Kranke aus, um die Zahlung zu prellen. Und wenn’s ganz blöd läuft, stirbt ein Patient lieber, als sich behandeln zu lassen.
„Opa Stiertiger“ ist ein Auslaufmodell, wenn auch ein besonders erfolgreiches: Für seine Zuchtbullen wird er mehrfach ausgezeichnet, geht aber trotz seines hohen Alters weiter mit seinen drei Bullen auf Tour durch die Dörfer, um für die Besamung von Kühen Geld zu verdienen.
Besonders im Kopf hängen bleibt die Erzählung „Ehrerbietung aus der Ferne“: Yuichi ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, seit er eine Kriegsverletzung erlitten hat. Selbst als der Krieg zu Ende ist, glaubt er sich als General an der Front. So drangsaliert er die jungen Männer seines Dorfes, sobald er wieder einen Anfall hat und der Meinung ist, ein Angriff stehe kurz bevor. Erst als einer seiner Untergebenen einem Dorfbewohner die Geschichte von Yukichis Verletzung verrät, wird bekannt, weswegen sich der Kerl so am Kopf gestoßen hat, dass er von seiner Mutter eingesperrt wird, sobald er einen Anfall bekommt.
„Der Autobus“ lässt das alte Militärregime in Form eines diktatorischen Busfahrers und die neue Generation von jungen Nonkonformisten in Form eines frischgebackenen Ehepaars aufeinandertreffen. Da wird sich der eine oder andere eine blutige Nase holen…
Zurück ins 17. Jahrhundert geht es in „Yosaku der Siedler“. Zum Zweck der Urbarmachung der Senyo-Heide versucht die Regierung Siedlern das unfruchtbare Land schmackhaft zu machen. Es kommt, wie’s kommen muss: Allerlei Gschwerl lässt sich nieder und so ist’s kein Wunder, dass das heilige Steingrab in der Gegend für ganz profane Dinge herhalten muss: Hier lagern die Bauern ihre Vorräte und der eine oder andere Siedler trifft sich dort zum karteln. Diese Blasphemie muss von den Autoritäten geahndet werden – und so kommt Yosaku auf den Schirm der Polizei.
„Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ nimmt den Leser mit auf die Iojima, auf der die letzten Tages des Pazifikkriegs angebrochen sind. Okuyama ist Teil der Besatzung eines Nachschubfrachters und schildert in der Rückschau die letzte Begegnung mit einem dem Tode geweihten Oberst.
Bibliographische Angaben:
Ibuse, Masuji: „Pflaumenblüten in der Nacht“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bernd, Jürgen), Insel, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-458-16705-6
Der Band beginnt mit „Der Salamander“, einer Erzählung, die laut des Nachworts von Jürgen Berndt in viele Schulbücher aufgenommen wurde. Jürgen Berndt zitiert Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“:
„Als ich ‚Der Salamander’ las [, …] wurde ich so aufgeregt, dass ich nicht mehr stillsitzen konnte.“ (S. 235)
Die 1923 entstandene Erzählung handelt von einem Salamander, dessen Kopfumfang zu groß geworden ist, um aus seiner Höhle herausschlüpfen zu können. Er sitzt im wahrsten Sinne des Wortes fest. Der Salamander schwankt zwischen Wut und Resignation. Als sich ein Frosch in seine Höhle verirrt, verwehrt er ihm kurzer Hand die Rückkehr in die Freiheit. Vor dem Hintergrund der staatlichen Unterdrückung der Arbeiterbewegung und der damit einhergehenden Stimmung in Japan, lässt sich Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“ einordnen.
In der autobiographisch angehauchten Kurzgeschichte „Der Karpfen“ bekommt der Ich-Erzähler einen Karpfen geschenkt. Er verspricht seinem Kumpan, der ihm dieses Geschenk macht, den Karpfen nicht zu töten. Und so kümmert sich der Ich-Erzähler um den Karpfen, selbst als sein Freund gestorben ist.
Die Erzählung „Pflaumenblüten in der Nacht“ schlägt eine Tonalität an, die man Osamu Dazai zugeschreiben könnte. Der Ich-Erzähler ist ein Boheme; natürlich immer knapp bei Kasse und recht unvernünftig, was seine Ausgaben betrifft. Eines Abends trifft er auf einen Kerl, der sich gerade geprügelt hat. Der blutende Tunichtgut hat Angst um seinen Job und versucht den Ich-Erzähler zu überzeugen, bei der Polizei eine Falschaussage zu machen, um seinem Arbeitgeber glaubhaft zu versichern, er sei Opfer widriger Umstände geworden. Doch der Ich-Erzähler überzeugt ihn, dem Vorgesetzten eine Ausrede aufzutischen. Als Dank erhält er 10 Yen, die er aber zurückgeben will. Doch wie es so kommt: Die 10 Yen sind schneller verbraucht als gedacht. Und so lebt der Ich-Erzähler in permanenter Angst, der Prügelknabe könnte nun ihn verprügeln kommen.
„Sawan auf dem Dach“ ist eine wehmütige Geschichte über eine Wildgans, deren gestutzte Federn sie am Fliegen hindern. Wie eine Katze wird sie vom Ich-Erzähler gehalten. Doch sobald andere freie Wildgänse in Sawans Nähe kommen, beginnt Sawan herzergreifend zu klagen.
„Zu Hause bei Herrn Tange“, „Die Pilgerherberge“, „Heute keine Sprechstunde“ und „Opa Stiertiger“ wirken dagegen eher wie Milieustudien. Herr Tange lebt auf dem Land und hat einen gar unnützen Diener, der ihm als Kind regelrecht zugelaufen kam.
„Die Pilgerherberge“ hat sich über die Jahre zu einem Asyl entwickelt: Mädchen werden hier gerne ausgesetzt und wachsen in der Herberge ohne Eltern auf.
„Heute keine Sprechstunde“ ist die längste Erzählung des Bandes. Hier wird das Leben und Wirken eines Frauenarztes im Tokio der Nachkriegszeit illustriert. Da gibt es einerseits die hochgestellten Damen, die sich vom Arzt hofieren lassen, andererseits die Patienten, die für die Behandlungskosten nicht aufkommen können. Da büchst schon mal der eine oder andere Kranke aus, um die Zahlung zu prellen. Und wenn’s ganz blöd läuft, stirbt ein Patient lieber, als sich behandeln zu lassen.
„Opa Stiertiger“ ist ein Auslaufmodell, wenn auch ein besonders erfolgreiches: Für seine Zuchtbullen wird er mehrfach ausgezeichnet, geht aber trotz seines hohen Alters weiter mit seinen drei Bullen auf Tour durch die Dörfer, um für die Besamung von Kühen Geld zu verdienen.
Besonders im Kopf hängen bleibt die Erzählung „Ehrerbietung aus der Ferne“: Yuichi ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, seit er eine Kriegsverletzung erlitten hat. Selbst als der Krieg zu Ende ist, glaubt er sich als General an der Front. So drangsaliert er die jungen Männer seines Dorfes, sobald er wieder einen Anfall hat und der Meinung ist, ein Angriff stehe kurz bevor. Erst als einer seiner Untergebenen einem Dorfbewohner die Geschichte von Yukichis Verletzung verrät, wird bekannt, weswegen sich der Kerl so am Kopf gestoßen hat, dass er von seiner Mutter eingesperrt wird, sobald er einen Anfall bekommt.
„Der Autobus“ lässt das alte Militärregime in Form eines diktatorischen Busfahrers und die neue Generation von jungen Nonkonformisten in Form eines frischgebackenen Ehepaars aufeinandertreffen. Da wird sich der eine oder andere eine blutige Nase holen…
Zurück ins 17. Jahrhundert geht es in „Yosaku der Siedler“. Zum Zweck der Urbarmachung der Senyo-Heide versucht die Regierung Siedlern das unfruchtbare Land schmackhaft zu machen. Es kommt, wie’s kommen muss: Allerlei Gschwerl lässt sich nieder und so ist’s kein Wunder, dass das heilige Steingrab in der Gegend für ganz profane Dinge herhalten muss: Hier lagern die Bauern ihre Vorräte und der eine oder andere Siedler trifft sich dort zum karteln. Diese Blasphemie muss von den Autoritäten geahndet werden – und so kommt Yosaku auf den Schirm der Polizei.
„Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ nimmt den Leser mit auf die Iojima, auf der die letzten Tages des Pazifikkriegs angebrochen sind. Okuyama ist Teil der Besatzung eines Nachschubfrachters und schildert in der Rückschau die letzte Begegnung mit einem dem Tode geweihten Oberst.
Bibliographische Angaben:
Ibuse, Masuji: „Pflaumenblüten in der Nacht“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bernd, Jürgen), Insel, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-458-16705-6
Sonntag, 13. Juli 2014
„Die drei Alten“ von Sawako Ariyoshi
Die drei Alten, das sind Matsuko, Komayo und Taki. Der Mann, der sie einst verband, ist längst tot. Takeichi Kozo war Ehemann von Matsuko, Geliebter der ehemaligen Geisha Komayo und Bruder von Taki. Zu Lebzeiten von Takeichi litt Matsuko darunter, dass sie in dessen Leben keinerlei Rolle spielte. Komayo wurde von Kozo verwöhnt, hatte jedoch gehörigen Respekt vor Taki. Nach Kriegsende starb Takeichi plötzlich und bat die drei Frauen, sich doch bitte zu vertragen.
Doch das ist einfacher gesagt als getan. Die drei Frauen richten es sich nach und nach auf Takeichis Grundstück ein, auf dem verschiedene Teehäuser stehen. Matsuko als Ehefrau ist die legitime Erbin der Immobilie. Doch Taki erhebt als Schwester des Verstorbenen ebenfalls Anspruch auf ein Wohnrecht. Insbesondere da sie Takeichi während dem Krieg zeitweilig in ihrem eigenen Haus Unterschlupf gewährte. Und Komayo scheint zunächst nur vorübergehend ein Dach über dem Kopf zu suchen. Will sie doch schließlich ein Restaurant eröffnen und bald auf eigenen Füßen stehen.
Die drei alleinstehenden, in die Jahre gekommenen Damen haben es nicht sonderlich einfach miteinander und allzu bald verhehlen sie ihren Unmut gegenüber den anderen nicht mehr. Doch hatte nicht Takeichi sie gebeten, gut miteinander auszukommen? Sollten die drei Frauen sich nicht besser gegenseitig unterstützen, als die Animositäten aus der Zeit, als Takeichi noch lebte, weiter zu befeuern?
Sawako Ariyoshi erzählt in „Die drei Alten“ ohne Wertung vom Leben der drei Alten. Dennoch lässt sich aus dem Text herauslesen, dass sie mit der alternden Frauengeneration, die nach dem Krieg vor dem Nichts stand, mitfühlt. Während Takeichi sich als Initiator der zwischenmenschlichen Probleme aus dem Leben flüchtet, müssen sich die Damen aufraffen, um im Alter mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen.
Bibliographische Angaben:
Ariyoshi, Sawako: „Die drei Alten“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Wöss, Fleur), Galrev, Berlin 1989, ISBN 3-925230-05-X
Doch das ist einfacher gesagt als getan. Die drei Frauen richten es sich nach und nach auf Takeichis Grundstück ein, auf dem verschiedene Teehäuser stehen. Matsuko als Ehefrau ist die legitime Erbin der Immobilie. Doch Taki erhebt als Schwester des Verstorbenen ebenfalls Anspruch auf ein Wohnrecht. Insbesondere da sie Takeichi während dem Krieg zeitweilig in ihrem eigenen Haus Unterschlupf gewährte. Und Komayo scheint zunächst nur vorübergehend ein Dach über dem Kopf zu suchen. Will sie doch schließlich ein Restaurant eröffnen und bald auf eigenen Füßen stehen.
Die drei alleinstehenden, in die Jahre gekommenen Damen haben es nicht sonderlich einfach miteinander und allzu bald verhehlen sie ihren Unmut gegenüber den anderen nicht mehr. Doch hatte nicht Takeichi sie gebeten, gut miteinander auszukommen? Sollten die drei Frauen sich nicht besser gegenseitig unterstützen, als die Animositäten aus der Zeit, als Takeichi noch lebte, weiter zu befeuern?
Sawako Ariyoshi erzählt in „Die drei Alten“ ohne Wertung vom Leben der drei Alten. Dennoch lässt sich aus dem Text herauslesen, dass sie mit der alternden Frauengeneration, die nach dem Krieg vor dem Nichts stand, mitfühlt. Während Takeichi sich als Initiator der zwischenmenschlichen Probleme aus dem Leben flüchtet, müssen sich die Damen aufraffen, um im Alter mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen.
Bibliographische Angaben:
Ariyoshi, Sawako: „Die drei Alten“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Wöss, Fleur), Galrev, Berlin 1989, ISBN 3-925230-05-X
Samstag, 1. Februar 2014
„Die Kirschblütenreise“ von Miki Sakamoto
„Jeder trät ein Buch im Herzen“ (S. 345) sagte einst Miki Sakamotos Großmutter Nao. „Die Kirschblütenreise“ ist nun vielleicht nicht Naos Herzensbuch, aber ein historischer Roman, der die Familienbiographie skizziert oder imaginiert und ein großes Gewicht auf den Kontext legt. Nao wird im Jahr 1895 geboren. Neue Zeiten sind in Japan angebrochen: Unter dem Label „Modernisierung“ muss das Althergebrachte langsam dem Neuen weichen. Yoshi, Naos Mutter, ist sehr dem alten Samurai-Geist verbunden, während ihr Ehemann Naotaro fortschrittsgläubig ist. Über einen weiten Teil des Buches hinweg, sind Yoshi und Naotaro die Protagonisten des Romans, anhand deren Erlebnisse und Gespräche zeitgeschichtliche und soziokulturelle Hintergründe beleuchtet werden: So lastet auf Yoshi und später auch auf Nao der Druck, einen Sohn und männlichen Stammhalter zu gebären. Yoshi glaubt an die Rechtmäßigkeit der Ständegesellschaft und hat keinen Blick für die Not der armen Gesellschaftsschichten. Naotaro reist nach dem Krieg gegen China in die besetzten chinesischen Gebiete und erlebt den Hass der Bevölkerung auf die Besatzer am eigenen Leib. Als Nao schließlich mit Eiichi verheiratet werden soll, wird der Leser mit ins No-Theater zum ersten Kennenlernen des baldigen Ehepaares mitgenommen und erfährt mehr über diesen traditionellen Teil der japanischen Hochkultur und seine Abgrenzung zum unterhaltsamen Kabuki.
So verflicht Miki Sakamoto die Geschichte ihrer Familie immer wieder mit Informationen zur japanischen Gesellschaft, Kultur und Geschichte. Seien es Geishas, Ikebana, Teezeremonie, Kalligraphie, Kriege, Entbehrungen während des zweiten Weltkriegs, Kamikaze-Flieger, die Atombombe, die Nachkriegszeit. Ein bisschen anstrengend wird dies vor allem gegen Ende des Buches, wenn durch die Einführung von neuen Figuren immer weitere Facetten in den Roman hineingedrängt werden – insbesondere die Geschichte des Paul Takashi Nagai, der hier als Freund von Naos Schwiegersohn präsentiert wird.
Für Leser, die sich bereits mit Japan befasst haben, ist Miki Sakamotos „Die Kirschblütenreise“ weder Fisch noch Fleisch. Denn die landesspezifischen Hintergründe sind zum Großteil sicherlich schon bekannt. Da hierauf jedoch ein großer Fokus liegt, leidet die imaginativ-belletristische Kraft des Romans. So werden beispielsweise nach Naos Verheiratung nur noch exemplarische Episoden aus verschiedenen Blickwinkeln aus verschiedenen Zeiten präsentiert, die untereinander keinen oder wenig Zusammenhang haben und nicht vermögen, die Entwicklung der Protagonisten im Verlauf darzustellen. Insbesondere die Protagonistin Nao bleibt einem fern; deren Eltern Yoshi und Naotaro bleiben viel prägnanter im Gedächtnis. Wer allerdings nach einem „Einsteiger-Buch“ sucht, der findet in „Die Kirschblütenreise“ sicherlich einen kurzweiligen Überblick über viele Japan-relevante Themen.
Miki Sakamoto hat den Roman auf Deutsch verfasst, wofür ihr der größte Respekt gebührt. Allerdings hätte das Lektorat des Nymphenburger Verlags noch ein bisschen nachpolieren können, da manche Wendungen im Deutschen so nicht üblich sind. Der Leser versteht sicherlich den Sinn, doch wird der Lesefluss etwas gestört. Nur ein Beispiel von mehreren:
Das Morgenrot hat sicherlich nicht geblutet. Auch hat es kein Massaker in der Dämmerung gegeben, sondern der Himmel färbte sich blutrot. Man möge mich einen Wortklauber nennen, aber nicht nur hier wäre das Lektorat gefragt gewesen.
Bibliographische Angaben:
Sakamoto, Miki: „Die Kirschblütenreise“, Nymphenburger, München 2011, ISBN 978-3-485-01338-3
So verflicht Miki Sakamoto die Geschichte ihrer Familie immer wieder mit Informationen zur japanischen Gesellschaft, Kultur und Geschichte. Seien es Geishas, Ikebana, Teezeremonie, Kalligraphie, Kriege, Entbehrungen während des zweiten Weltkriegs, Kamikaze-Flieger, die Atombombe, die Nachkriegszeit. Ein bisschen anstrengend wird dies vor allem gegen Ende des Buches, wenn durch die Einführung von neuen Figuren immer weitere Facetten in den Roman hineingedrängt werden – insbesondere die Geschichte des Paul Takashi Nagai, der hier als Freund von Naos Schwiegersohn präsentiert wird.
Für Leser, die sich bereits mit Japan befasst haben, ist Miki Sakamotos „Die Kirschblütenreise“ weder Fisch noch Fleisch. Denn die landesspezifischen Hintergründe sind zum Großteil sicherlich schon bekannt. Da hierauf jedoch ein großer Fokus liegt, leidet die imaginativ-belletristische Kraft des Romans. So werden beispielsweise nach Naos Verheiratung nur noch exemplarische Episoden aus verschiedenen Blickwinkeln aus verschiedenen Zeiten präsentiert, die untereinander keinen oder wenig Zusammenhang haben und nicht vermögen, die Entwicklung der Protagonisten im Verlauf darzustellen. Insbesondere die Protagonistin Nao bleibt einem fern; deren Eltern Yoshi und Naotaro bleiben viel prägnanter im Gedächtnis. Wer allerdings nach einem „Einsteiger-Buch“ sucht, der findet in „Die Kirschblütenreise“ sicherlich einen kurzweiligen Überblick über viele Japan-relevante Themen.
Miki Sakamoto hat den Roman auf Deutsch verfasst, wofür ihr der größte Respekt gebührt. Allerdings hätte das Lektorat des Nymphenburger Verlags noch ein bisschen nachpolieren können, da manche Wendungen im Deutschen so nicht üblich sind. Der Leser versteht sicherlich den Sinn, doch wird der Lesefluss etwas gestört. Nur ein Beispiel von mehreren:
„Die Nacht war mit einem blutigen Morgenrot in den Tag übergegangen.“ (S. 323)
Das Morgenrot hat sicherlich nicht geblutet. Auch hat es kein Massaker in der Dämmerung gegeben, sondern der Himmel färbte sich blutrot. Man möge mich einen Wortklauber nennen, aber nicht nur hier wäre das Lektorat gefragt gewesen.
Bibliographische Angaben:
Sakamoto, Miki: „Die Kirschblütenreise“, Nymphenburger, München 2011, ISBN 978-3-485-01338-3
Montag, 13. Mai 2013
„Japanische Dreigroschenoper“ von Takeshi Kaiko
Auf 1,2 Millionen Quadratmetern erstreckt sich das Bergwerk Sugiyama – nur durch einen Abwasserkanal von Osakas Elendsviertel getrennt. Der ehemalige Sitz einer Waffenfabrik wird in den 50er Jahren zum Revier der Apachen, von organisierten und unorganisierten Kleinkriminellen, die im Elendsviertel hausen, Altmetalle aus dem Bergwerk ausbuddeln und sich bei Händlern versilbern lassen. Ständig verfolgt von der Polizei haben sie den Spitznamen Apachen bekommen: In kleinen Gruppen fallen sie im Bergwerk ein, sind besonders leichtfüßig und verständigen sich in einer unverständlichen Sprache (unter anderem auf Koreanisch) und gleichen so dem legendären Indianerstamm.
Der Landstreicher Fukusuke wird vom Bandenchef Kim rekrutiert. Im goldenen Zeitalter der Apachen ist jeder Helfer recht, denn es gibt genügend Altmetalle für alle, die „angelacht“, sprich: stibitzt, werden können. Eine anarchische Stimmung herrscht im Elendsviertel und dennoch kommt keiner zu kurz; für jeden wird eine bezahlte Aufgabe beim Metallklau gefunden. Fukusuke wird von Kim angelernt. Für seine Lehrstunden muss er jedoch in Tasche greifen. Bald ist Fukusuke ein festes Mitglied von Kims Bande und kommt hinter einige Tricks, wie der Bestechung der Wächter und dem besten Umgang mit der Polizei.
Doch je dreister die Apachen werden, desto größer ihr Ruhm, desto mehr Gesindel lässt sich bei ihnen nieder und desto größer fällt die Gegenwehr der Polizei aus. Ein immerwährendes Katz-und-Maus-Spiel startet und beginnt, die Apachen aufzureiben.
Als von einem Silberfund berichtet wird, versuchen die Apachen sich ein letztes Mal aufzubäumen und diesen Schatz in die Finger zu bekommen.
Takeshi Kaikos „Japanische Dreigroschenoper“ ist freilich an Bert Brechts „Dreigroschenoper“ angelehnt. So kritisiert auch Takeshi Kaiko die Bourgeoisie, die den Apachen keinen Spielraum zum Überleben lässt, sich hinter Bürokratie verschanzt und auf Rechtslagen pocht. Die Diskriminierung von Koreanern tut ihr übriges. Trotzdem ist die Lektüre des Buches eine Heidengaudi, wenn die verschrobenen Charaktere ausziehen, um die Polizei zum Narren zu halten, Pech und Schwefel nach einem Tauchgang im Abwasserkanal zu spucken und sich wie die Glücksritter jede Nacht aufs Neue Waren „anzulachen“. Die Dialoge im Gangsterjargon zeichnen ein lebendiges Bild vom Dasein im Elendsviertel.
Bibliographische Angaben:
Kaiko, Takeshi: „Japanische Dreigroschenoper“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Volk & Welt, Berlin 1967
Der Landstreicher Fukusuke wird vom Bandenchef Kim rekrutiert. Im goldenen Zeitalter der Apachen ist jeder Helfer recht, denn es gibt genügend Altmetalle für alle, die „angelacht“, sprich: stibitzt, werden können. Eine anarchische Stimmung herrscht im Elendsviertel und dennoch kommt keiner zu kurz; für jeden wird eine bezahlte Aufgabe beim Metallklau gefunden. Fukusuke wird von Kim angelernt. Für seine Lehrstunden muss er jedoch in Tasche greifen. Bald ist Fukusuke ein festes Mitglied von Kims Bande und kommt hinter einige Tricks, wie der Bestechung der Wächter und dem besten Umgang mit der Polizei.
Doch je dreister die Apachen werden, desto größer ihr Ruhm, desto mehr Gesindel lässt sich bei ihnen nieder und desto größer fällt die Gegenwehr der Polizei aus. Ein immerwährendes Katz-und-Maus-Spiel startet und beginnt, die Apachen aufzureiben.
Als von einem Silberfund berichtet wird, versuchen die Apachen sich ein letztes Mal aufzubäumen und diesen Schatz in die Finger zu bekommen.
Takeshi Kaikos „Japanische Dreigroschenoper“ ist freilich an Bert Brechts „Dreigroschenoper“ angelehnt. So kritisiert auch Takeshi Kaiko die Bourgeoisie, die den Apachen keinen Spielraum zum Überleben lässt, sich hinter Bürokratie verschanzt und auf Rechtslagen pocht. Die Diskriminierung von Koreanern tut ihr übriges. Trotzdem ist die Lektüre des Buches eine Heidengaudi, wenn die verschrobenen Charaktere ausziehen, um die Polizei zum Narren zu halten, Pech und Schwefel nach einem Tauchgang im Abwasserkanal zu spucken und sich wie die Glücksritter jede Nacht aufs Neue Waren „anzulachen“. Die Dialoge im Gangsterjargon zeichnen ein lebendiges Bild vom Dasein im Elendsviertel.
Bibliographische Angaben:
Kaiko, Takeshi: „Japanische Dreigroschenoper“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Volk & Welt, Berlin 1967
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50er,
Armut,
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Japanische Dreigroschenoper,
Koreaner in Japan,
Nachkriegsjahre,
Rezensionen,
Takeshi Kaiko
Donnerstag, 14. März 2013
„Die Sieben Rosen von Tokyo“ von Hisashi Inoue
Auf über 650 Seiten verfolgt der Leser in Hisashi Inoues „Die Sieben Rosen von Tokyo“ die fiktiven Tagebucheinträge des Fächermachers Shinsuke. Am 25. April 1945 beginnt das Tagebuch, als Shinsukes Familie noch vollzählig in Nezu versammelt ist. Die Entbehrungen während des Kriegs sind groß, was sich auch auf die bevorstehende Hochzeit seiner ältesten Tochter Kinuko auswirkt. Sie kann sich einen Hochzeitskimono ausleihen, auf eine Hochzeitsperücke muss sie allerdings verzichten – die Leihperücken wurden allesamt für Truppentheater requiriert. Doch immerhin sorgt die Familie des Bräutigams dank diverser Schwarzmarktaktivitäten für ein Festmahl, das für die schwierigen Kriegszeiten außerordentlich reichhaltig ausfällt. Ohnehin kann Kinuko froh sein, überhaupt einen Ehemann zu finden, wenn alle jungen Männer als Soldaten an die Front geschickt werden.
Doch der nächste ernste Luftangriff auf Tokio lässt leider nicht lange auf sich warten und fordert viele Opfer in Shinsukes Familie. Der etwas trottelige Shinsuke ist auch weiterhin nicht gerade von Glück gesegnet. Sein frecher Sohn brockt Shinsuke den Abtransport der Fäkalien der Gemeinde ein. Und schließlich wird er gar als Volksverräter denunziert, da es jemand auf sein rares Motordreirad abgesehen hat. Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, hat Japan bereits bedingungslos kapituliert und die einstmals verhassten Amerikaner werden nun von seinen Mitbürgern fasst schon vergöttert. Insbesondere Shinsukes Töchter scheinen auf sehr vertrautem Fuße mit einigen einflussreichen US-amerikanischen Militärs zu stehen und versorgen die Familie mit wertvollen Nahrungsmitteln aus den Beständen der ehemaligen Feinde, während in Tokio täglich viele andere Menschen verhungern.
Dass die Töchter sich mit den Amis abgeben, ist Shinsuke ein riesiger Dorn im Auge. Eine treibt sich dann ausgerechnet noch mit dem Sprachwissenschaftler Hall herum, der die japanische Schrift durch das Alphabet ersetzen will. Wenn das nicht einmal die größte Unverfrorenheit der Besatzer ist! Dem muss Shinsuke unbedingt entgegen wirken.
Zwar sorgt die Vereitelung von Halls Alphabetisierungsplänen gegen Ende von „Die Sieben Rosen von Tokyo“ für Spannung, doch über weite Passagen des Romans wird der Alltag während der letzten Kriegsmonate und der ersten Nachkriegsmonate mit den flankierenden Umwälzungen dargestellt: Was tun, wenn die Toilette nicht mehr regelmäßig entleert wird? Wie erfolgt die tägliche Hygiene? Welche Art von Genussmittel steht überhaupt noch zur Verfügung? Wie kommt man an Schwarzmarktware?
Und wie schnell ändern die Menschen ihre politischen Überzeugungen? Wie begehrt die Jugend auf? Und wieso wollen sich die Frauen nach der Kapitulation nicht weiterhin bevormunden lassen?
„Die Sieben Rosen von Tokyo“ gilt als Hisashi Inoues Hauptwerk. 17 Jahre schrieb er an dem Roman, der ursprünglich auf nur einige wenige Folgen, die in der Bungei Shunju erscheinen sollten, ausgelegt war. „Die Sieben Rosen von Tokyo“ schildert auf charmante Weise den kargen (Nach-)Kriegsalltag, während der gebeutelte Shinsuke auf Slapstick-Art durch Tokio stolpert. Dieser Erzählstil, so erfährt man aus einem Hisashi Inoue-Zitat im Nachwort, ist typisch für den Autor:
Bibliographische Angaben:
Inoue, Hisashi: „Die Sieben Rosen von Tokyo“, Bebra, Berlin 2013, ISBN 978-3-86124-917-7
Doch der nächste ernste Luftangriff auf Tokio lässt leider nicht lange auf sich warten und fordert viele Opfer in Shinsukes Familie. Der etwas trottelige Shinsuke ist auch weiterhin nicht gerade von Glück gesegnet. Sein frecher Sohn brockt Shinsuke den Abtransport der Fäkalien der Gemeinde ein. Und schließlich wird er gar als Volksverräter denunziert, da es jemand auf sein rares Motordreirad abgesehen hat. Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, hat Japan bereits bedingungslos kapituliert und die einstmals verhassten Amerikaner werden nun von seinen Mitbürgern fasst schon vergöttert. Insbesondere Shinsukes Töchter scheinen auf sehr vertrautem Fuße mit einigen einflussreichen US-amerikanischen Militärs zu stehen und versorgen die Familie mit wertvollen Nahrungsmitteln aus den Beständen der ehemaligen Feinde, während in Tokio täglich viele andere Menschen verhungern.
Dass die Töchter sich mit den Amis abgeben, ist Shinsuke ein riesiger Dorn im Auge. Eine treibt sich dann ausgerechnet noch mit dem Sprachwissenschaftler Hall herum, der die japanische Schrift durch das Alphabet ersetzen will. Wenn das nicht einmal die größte Unverfrorenheit der Besatzer ist! Dem muss Shinsuke unbedingt entgegen wirken.
Zwar sorgt die Vereitelung von Halls Alphabetisierungsplänen gegen Ende von „Die Sieben Rosen von Tokyo“ für Spannung, doch über weite Passagen des Romans wird der Alltag während der letzten Kriegsmonate und der ersten Nachkriegsmonate mit den flankierenden Umwälzungen dargestellt: Was tun, wenn die Toilette nicht mehr regelmäßig entleert wird? Wie erfolgt die tägliche Hygiene? Welche Art von Genussmittel steht überhaupt noch zur Verfügung? Wie kommt man an Schwarzmarktware?
Und wie schnell ändern die Menschen ihre politischen Überzeugungen? Wie begehrt die Jugend auf? Und wieso wollen sich die Frauen nach der Kapitulation nicht weiterhin bevormunden lassen?
„Die Sieben Rosen von Tokyo“ gilt als Hisashi Inoues Hauptwerk. 17 Jahre schrieb er an dem Roman, der ursprünglich auf nur einige wenige Folgen, die in der Bungei Shunju erscheinen sollten, ausgelegt war. „Die Sieben Rosen von Tokyo“ schildert auf charmante Weise den kargen (Nach-)Kriegsalltag, während der gebeutelte Shinsuke auf Slapstick-Art durch Tokio stolpert. Dieser Erzählstil, so erfährt man aus einem Hisashi Inoue-Zitat im Nachwort, ist typisch für den Autor:
„Ich möchte Kompliziertes einfach, Einfaches tief, Tiefes lustig und Lustiges ernsthaft beschreiben.“ (S. 653)
Bibliographische Angaben:
Inoue, Hisashi: „Die Sieben Rosen von Tokyo“, Bebra, Berlin 2013, ISBN 978-3-86124-917-7
Samstag, 13. Oktober 2012
„Kiharu – Memoiren einer Geisha“ von Kiharu Nakamura
Im Jahr 1982 beginnt die inzwischen knapp 70-jährige ehemalige Geisha Kiharu Nakamura ihre Memoiren zu verfassen. Nachdem ihr erstes Buch, das ihre zehnjährige Karriere als Geisha im Shimbashi der 30er Jahre beschreibt, zum Bestseller wird, schreibt sie noch zwei weitere Bücher, die ihr Leben im Nachkriegsjapan und ihren weiteren Lebensweg in den USA illustrieren. Alle drei Bücher sind in der deutschen Ausgabe „Kiharu – Memoiren einer Geisha“ zusammengefasst.
Die Memoiren sind hier auch wirklich als Erinnerungsfragmente zu verstehen; eine stringente Handlung wird nicht verfolgt. Stattdessen sinniert Kiharu Nakamura über dies und jenes, schwenkt einer Eingebung folgend dann auf ein anderes Thema über und berichtet von allerlei Personen, die kurz vorgestellt werden und zumeist später kein zweites Mal erwähnt werden.
So begleitet der Leser sie auf diversen Geisha-Festivitäten, auf denen sie unter anderem Babe Ruth und Charlie Chaplin kennen lernt. Als ihre Jungfräulichkeit an einen ältlichen Minister verkauft werden soll, beschwatzt sie den Alten so lange, bis er sich lieber nur mit ihr unterhält und ihr schließlich und endlich sogar eine damals sehr teure Schreibmaschine schenken will. Heimlich lernt Kiharu englisch, was ihr insbesondere in der Nachkriegszeit sehr zu Gute kommen soll. Als die Polizei sie drängt, künftig als Spitzel zu fungieren, beschließt sie, ihre Geisha-Karriere zu beenden und heiratet einen Diplomaten – gegen den Willen von dessen Familie. Zusammen mit ihrem Ehemann geht sie nach Kalkutta, wo sie sich als eine kleine, japanische Mata Hara betätigt. Mit Ausbruch des zweiten Weltkriegs wird das Ehepaar zusammen mit anderen Japanern interniert und schließlich nach Japan zurückgeschickt.
Buch zwei schildert Kiharu Nakamuras Leben in Japan während des Kriegs. Da ihr Mann nach Burma versetzt wurde, hat sie allein für den gemeinsamen Sohn und die eigene Mutter und Großmutter zu sorgen. Mit allerlei Jobs schlägt sie sich durch, da ihr von ihrem Mann und dessen Familie keinerlei Unterstützung zu Teil wird. Nach Kriegsende blüht das „Blumen- und Weidenviertel“ – das Geisha-Viertel – wieder auf; viele amerikanische Gäste tummeln sich dort. Da Kiharu Nakamura englisch spricht, wird sie gebraucht und hat in den schwierigen Nachkriegszeiten ein gutes Auskommen. Schließlich kehrt ihr Ehemann nach Hause. Doch statt ein freudiges Wiedersehen zu feiern, erlebt Kiharu Nakamura ein böses Erwachen: Ihr Mann hat zwischenzeitlich eine andere geheiratet und hat mit der neuen Ehefrau bereits zwei Kinder. In Japan beginnt sich Kiharu Nakamura immer unwohler zu fühlen. Als Ex-Geisha hat sie mit vielen Ressentiments zu kämpfen.
Buch drei setzt ein, als Kiharu Nakamura in die USA geht. Zunächst war geplant, dass sie nur wenige Monate in New York leben soll – doch schließlich bleibt sie in Amerika. Hier fühlt sie sich frei und als Ex-Geisha akzeptiert. Nur ihre eigenen Landsleute machen ihr deswegen noch das Leben schwer. Die Amerikaner sind von der Japanerin, die grundsätzlich Kimonos trägt, fasziniert. Wie ein Tausendsassa übernimmt sie diverseste Tätigkeiten und zieht innerhalb der USA einige Male um. Doch schließlich kehrt sie nach New York zurück.
Wer von „Kiharu – Memoiren einer Geisha“ allzu viele Informationen über das Geisha-Leben erwartet, wird sicherlich enttäuscht. Noch nicht einmal ein Drittel des Buchs ist diesem Thema gewidmet. Vielmehr zeichnen Kiharu Nakamuras Erinnerungen ein Porträt einer Frau, die wie eine Katze selbst nach tiefem Fall immer wieder auf die Füße kommt. Trotz allen Schicksalsschlägen strahlt sie einen unumstößlichen Optimismus aus und lässt sich nie unter kriegen.
Bibliographische Angaben:
Nakamura, Kiharu: „Kiharu – Memoiren einer Geisha“, Europaverlag, München/Wien 1997, ISBN 3-203-80500-6
Die Memoiren sind hier auch wirklich als Erinnerungsfragmente zu verstehen; eine stringente Handlung wird nicht verfolgt. Stattdessen sinniert Kiharu Nakamura über dies und jenes, schwenkt einer Eingebung folgend dann auf ein anderes Thema über und berichtet von allerlei Personen, die kurz vorgestellt werden und zumeist später kein zweites Mal erwähnt werden.
So begleitet der Leser sie auf diversen Geisha-Festivitäten, auf denen sie unter anderem Babe Ruth und Charlie Chaplin kennen lernt. Als ihre Jungfräulichkeit an einen ältlichen Minister verkauft werden soll, beschwatzt sie den Alten so lange, bis er sich lieber nur mit ihr unterhält und ihr schließlich und endlich sogar eine damals sehr teure Schreibmaschine schenken will. Heimlich lernt Kiharu englisch, was ihr insbesondere in der Nachkriegszeit sehr zu Gute kommen soll. Als die Polizei sie drängt, künftig als Spitzel zu fungieren, beschließt sie, ihre Geisha-Karriere zu beenden und heiratet einen Diplomaten – gegen den Willen von dessen Familie. Zusammen mit ihrem Ehemann geht sie nach Kalkutta, wo sie sich als eine kleine, japanische Mata Hara betätigt. Mit Ausbruch des zweiten Weltkriegs wird das Ehepaar zusammen mit anderen Japanern interniert und schließlich nach Japan zurückgeschickt.
Buch zwei schildert Kiharu Nakamuras Leben in Japan während des Kriegs. Da ihr Mann nach Burma versetzt wurde, hat sie allein für den gemeinsamen Sohn und die eigene Mutter und Großmutter zu sorgen. Mit allerlei Jobs schlägt sie sich durch, da ihr von ihrem Mann und dessen Familie keinerlei Unterstützung zu Teil wird. Nach Kriegsende blüht das „Blumen- und Weidenviertel“ – das Geisha-Viertel – wieder auf; viele amerikanische Gäste tummeln sich dort. Da Kiharu Nakamura englisch spricht, wird sie gebraucht und hat in den schwierigen Nachkriegszeiten ein gutes Auskommen. Schließlich kehrt ihr Ehemann nach Hause. Doch statt ein freudiges Wiedersehen zu feiern, erlebt Kiharu Nakamura ein böses Erwachen: Ihr Mann hat zwischenzeitlich eine andere geheiratet und hat mit der neuen Ehefrau bereits zwei Kinder. In Japan beginnt sich Kiharu Nakamura immer unwohler zu fühlen. Als Ex-Geisha hat sie mit vielen Ressentiments zu kämpfen.
Buch drei setzt ein, als Kiharu Nakamura in die USA geht. Zunächst war geplant, dass sie nur wenige Monate in New York leben soll – doch schließlich bleibt sie in Amerika. Hier fühlt sie sich frei und als Ex-Geisha akzeptiert. Nur ihre eigenen Landsleute machen ihr deswegen noch das Leben schwer. Die Amerikaner sind von der Japanerin, die grundsätzlich Kimonos trägt, fasziniert. Wie ein Tausendsassa übernimmt sie diverseste Tätigkeiten und zieht innerhalb der USA einige Male um. Doch schließlich kehrt sie nach New York zurück.
Wer von „Kiharu – Memoiren einer Geisha“ allzu viele Informationen über das Geisha-Leben erwartet, wird sicherlich enttäuscht. Noch nicht einmal ein Drittel des Buchs ist diesem Thema gewidmet. Vielmehr zeichnen Kiharu Nakamuras Erinnerungen ein Porträt einer Frau, die wie eine Katze selbst nach tiefem Fall immer wieder auf die Füße kommt. Trotz allen Schicksalsschlägen strahlt sie einen unumstößlichen Optimismus aus und lässt sich nie unter kriegen.
Bibliographische Angaben:
Nakamura, Kiharu: „Kiharu – Memoiren einer Geisha“, Europaverlag, München/Wien 1997, ISBN 3-203-80500-6
Donnerstag, 20. September 2012
„Schafsgesänge“ von Shuichi Kato
Das Schaf gilt nicht unbedingt als die Personifizierung des Mutes und hat als Herdentier nicht gerade das Image eines willensstarken Individuums. Shuichi Kato, im Jahr des Schafes 1919 geboren, etablierte sich jedoch schon früh als Beobachter mit individuellem Standpunkt. Mit der Literaturgruppe „Matinée Poetique" war er kein Regime-treuer Literat während des zweiten Weltkriegs. Später entwickelte er sich gar zu einer moralischen Instanz.
Mit „Schafsgesänge“ schrieb Shuichi Kato seinen Lebensweg bis ins Jahr 1960 nieder. Der erste Teil der Gesänge, in dem seine Kindheit, Jugend und Studienjahre geschildert werden, liegt derzeit noch nicht in Übersetzung vor. Der zweite, ins Deutsche übersetzte Teil, setzt im September 1945 ein. Noch in Japan darf der Leser den Autor auf Forschungsmission begleiten, als er die Folgen des Atombombenabwurfs über Hiroshima untersucht. Mehr schlecht als recht kann er sich mit den US-amerikanischen Forscherkollegen verständigen.
Und so landet Shuichi Kato in Paris, im 14. Arrondissment, im „Japan-Haus“. Da nur wenige Japaner in Paris weilen, macht er vielfältige, internationale Bekanntschaften. So lernt er beispielsweise die französischen Literaten der „Klostergruppe“ kennen. Shuichi Kato begleitet bald den Dichter René Arcos auf eine Tagung des PEN-Clubs nach Südfrankreich und zieht gar in dessen Haus mit ein. Auf einer Reise nach Italien lernt er eine ebenfalls herumreisende Wienerin kennen – und lieben. Er besucht sie in Wien, später in London und verlässt später gar seine Quasi-Verlobte für die Europäerin. Als Literat führt es ihn schließlich bis nach Taschkent für Vorbereitungen für den Afro-Asiatischen Schriftstellerkongress.
Shuichi Katos „Schafsgesänge“ sind nicht nur ein äußerst interessantes Zeitzeugnis. Der Autor sieht sich vor allem in der Rolle eines Beobachters und zieht Vergleiche zwischen den Kulturen. Seine pazifistische Gesinnung wird zudem transportiert. Nur leider wurde meine Neugierde nicht ganz befriedigt: Gab es ein Happy End für die Liebe zwischen der Wienerin und dam Autor/Mediziner aus Japan?
Bibliographische Angaben:
Kato, Shuichi: „Schafsgesänge“, Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 1997, ISBN 3-458-16842-7
Mit „Schafsgesänge“ schrieb Shuichi Kato seinen Lebensweg bis ins Jahr 1960 nieder. Der erste Teil der Gesänge, in dem seine Kindheit, Jugend und Studienjahre geschildert werden, liegt derzeit noch nicht in Übersetzung vor. Der zweite, ins Deutsche übersetzte Teil, setzt im September 1945 ein. Noch in Japan darf der Leser den Autor auf Forschungsmission begleiten, als er die Folgen des Atombombenabwurfs über Hiroshima untersucht. Mehr schlecht als recht kann er sich mit den US-amerikanischen Forscherkollegen verständigen.
„Im Herbst 1945 in die japanische Nachkriegsgesellschaft aufgebrochen, machte ich mich im Herbst 1951 auf den Weg, mir den Westen anzuschauen – der zweite Aufbruch in meinem Leben“ (S. 53)
Und so landet Shuichi Kato in Paris, im 14. Arrondissment, im „Japan-Haus“. Da nur wenige Japaner in Paris weilen, macht er vielfältige, internationale Bekanntschaften. So lernt er beispielsweise die französischen Literaten der „Klostergruppe“ kennen. Shuichi Kato begleitet bald den Dichter René Arcos auf eine Tagung des PEN-Clubs nach Südfrankreich und zieht gar in dessen Haus mit ein. Auf einer Reise nach Italien lernt er eine ebenfalls herumreisende Wienerin kennen – und lieben. Er besucht sie in Wien, später in London und verlässt später gar seine Quasi-Verlobte für die Europäerin. Als Literat führt es ihn schließlich bis nach Taschkent für Vorbereitungen für den Afro-Asiatischen Schriftstellerkongress.
Shuichi Katos „Schafsgesänge“ sind nicht nur ein äußerst interessantes Zeitzeugnis. Der Autor sieht sich vor allem in der Rolle eines Beobachters und zieht Vergleiche zwischen den Kulturen. Seine pazifistische Gesinnung wird zudem transportiert. Nur leider wurde meine Neugierde nicht ganz befriedigt: Gab es ein Happy End für die Liebe zwischen der Wienerin und dam Autor/Mediziner aus Japan?
Bibliographische Angaben:
Kato, Shuichi: „Schafsgesänge“, Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 1997, ISBN 3-458-16842-7
Mittwoch, 18. Juli 2012
„Das Grab der Leuchtkäfer“ von Akiyuki Nosaka
Neben der gleichnamigen Erzählung enthält Akiyuki Nosakas „Das Grab der Leuchtkäfer“ ein weiteres Werk mit „Algen aus Amerika“.
Als wahrscheinlich bekannteste Erzählung Akiyuki Nosaka gilt wohl „Das Grab der Leuchtkäfer“. Die Geschichte ist stark autobiographisch gefärbt: Nach dem Tod der Mutter musste der damals 14-jährige Autor die letzten Kriegsmonate allein für sich und seine kleine Schwester sorgen. Seine Schwester starb an Unterernährung.
„Das Grab der Leuchtkäfer“ setzt mit den letzten Stunden im Leben des Kriegswaisen Seita ein. Er stirbt in einer Bahnhofshalle in seinen Exkrementen, bevor ihn staatliche Hilfen erreichen hätte können und vor den Augen seiner Mitmenschen, die Seita bereits abgeschrieben haben. Eine Rückblende beleuchtet die letzten Kriegsmonate: Seitas Mutter stirbt an den Folgen von Verbrennungen, die sie sich im Bombenhagel zugezogen hat. Seita ist nun für seine kleine Schwester Setsuko verantwortlich. Einige Wochen kommen sie bei einer Tante unter, die die Geschwister aber zunehmend als Last empfindet. Seita und Setsuko ziehen daraufhin in ein Erdloch um. Unfähig, sowohl sich als auch die Schwester zu ernähren, muss Seita zusehen, wie Setsuko immer schwächlicher wird und schließlich an Unterernährung stirbt. Nur die Leuchtkäfer begleiten die Geschwister während ihrer letzten Monate: Sie sorgen für ein bisschen Licht in der Erdhöhle und wohnen der Verbrennung von Setsuko bei. Als Setsukos Knochen achtlos nach Seitas Tod auf dem Boden landen, geben ihnen nur die Leuchtkäfer ein letztes Geleit.
Dank des Nachworts von Irmela Hijiya-Kirschnereit wird die Doppeldeutigkeit des Wortes „Leuchtkäfer“ klar – im Japanischen mit den Zeichen für „vom Himmel fallendes Feuer“ geschrieben und damit auf den Bombenhagel verweisend. „Das Grab der Leuchtkäfer“ ist ein trauriges Zeugnis der Grausamkeit des Krieges, der die Mitmenschen kalt werden lässt. Durch den nüchternen Schreibstil wird die Kälte zudem unterstrichen – es geht nur noch ums blanke Überleben.
Die zweite Erzählung „Algen aus Amerika“ setzt sich mit der Amerika-Allergie auseinander, die der Protagonist Toshio empfindet. Als 14-jähriger hat er den Beginn der Landung der amerikanischen Soldaten in Japan miterlebt – und wie er und seine Landsleute zu Bettlern um Kaugummi wurden. Als seine Ehefrau Kyoko das US-amerikanisches Pärchen der Higgins, das sie im Urlaub kennen gelernt hat, nach Japan einlädt, wird Toshio mit seinen Ressentiments konfrontiert. Den US-amerikanischen Soldaten konnte der damalige Teenager Toshio nichts anhaben – doch Herrn Higgins möchte er irgendwie in die Knie zwingen. Entweder durch Alkohol oder durch Sexabenteuer…
„Algen aus Amerika“ schlägt mehr in die Richtung von „Japanische Freuden“ und streut Salz in die Wunde der japanisch-amerikanischen Beziehungen.
Bibliographische Angaben:
Nosaka, Akiyuki: „Das Grab der Leuchtkäfer“, Rowohlt, Reinbek 1992, ISBN 3-499-13109-9
Als wahrscheinlich bekannteste Erzählung Akiyuki Nosaka gilt wohl „Das Grab der Leuchtkäfer“. Die Geschichte ist stark autobiographisch gefärbt: Nach dem Tod der Mutter musste der damals 14-jährige Autor die letzten Kriegsmonate allein für sich und seine kleine Schwester sorgen. Seine Schwester starb an Unterernährung.
„Das Grab der Leuchtkäfer“ setzt mit den letzten Stunden im Leben des Kriegswaisen Seita ein. Er stirbt in einer Bahnhofshalle in seinen Exkrementen, bevor ihn staatliche Hilfen erreichen hätte können und vor den Augen seiner Mitmenschen, die Seita bereits abgeschrieben haben. Eine Rückblende beleuchtet die letzten Kriegsmonate: Seitas Mutter stirbt an den Folgen von Verbrennungen, die sie sich im Bombenhagel zugezogen hat. Seita ist nun für seine kleine Schwester Setsuko verantwortlich. Einige Wochen kommen sie bei einer Tante unter, die die Geschwister aber zunehmend als Last empfindet. Seita und Setsuko ziehen daraufhin in ein Erdloch um. Unfähig, sowohl sich als auch die Schwester zu ernähren, muss Seita zusehen, wie Setsuko immer schwächlicher wird und schließlich an Unterernährung stirbt. Nur die Leuchtkäfer begleiten die Geschwister während ihrer letzten Monate: Sie sorgen für ein bisschen Licht in der Erdhöhle und wohnen der Verbrennung von Setsuko bei. Als Setsukos Knochen achtlos nach Seitas Tod auf dem Boden landen, geben ihnen nur die Leuchtkäfer ein letztes Geleit.
Dank des Nachworts von Irmela Hijiya-Kirschnereit wird die Doppeldeutigkeit des Wortes „Leuchtkäfer“ klar – im Japanischen mit den Zeichen für „vom Himmel fallendes Feuer“ geschrieben und damit auf den Bombenhagel verweisend. „Das Grab der Leuchtkäfer“ ist ein trauriges Zeugnis der Grausamkeit des Krieges, der die Mitmenschen kalt werden lässt. Durch den nüchternen Schreibstil wird die Kälte zudem unterstrichen – es geht nur noch ums blanke Überleben.
Die zweite Erzählung „Algen aus Amerika“ setzt sich mit der Amerika-Allergie auseinander, die der Protagonist Toshio empfindet. Als 14-jähriger hat er den Beginn der Landung der amerikanischen Soldaten in Japan miterlebt – und wie er und seine Landsleute zu Bettlern um Kaugummi wurden. Als seine Ehefrau Kyoko das US-amerikanisches Pärchen der Higgins, das sie im Urlaub kennen gelernt hat, nach Japan einlädt, wird Toshio mit seinen Ressentiments konfrontiert. Den US-amerikanischen Soldaten konnte der damalige Teenager Toshio nichts anhaben – doch Herrn Higgins möchte er irgendwie in die Knie zwingen. Entweder durch Alkohol oder durch Sexabenteuer…
„Algen aus Amerika“ schlägt mehr in die Richtung von „Japanische Freuden“ und streut Salz in die Wunde der japanisch-amerikanischen Beziehungen.
Bibliographische Angaben:
Nosaka, Akiyuki: „Das Grab der Leuchtkäfer“, Rowohlt, Reinbek 1992, ISBN 3-499-13109-9
Freitag, 1. Juni 2012
„Liebesdurst“ von Yukio Mishima
Etsuko ist die Protagonistin in Yukio Mishimas Roman aus dem Jahr 1949, die den „Liebesdurst“ verspürt, der sich nicht stillen lässt: Ihr inzwischen verstorbener Ehemann hatte primär nur Spott für sie übrig. Spott, den sie für ihre Anhänglichkeit trotz seiner außerehelichen Affäre erntete. Erst als der Ehemann mit Typhus im Sterben liegt, scheint Etsuko die Ehe vollkommen. Endlich kann sie sich für den Mann aufopfern und hat gleichzeitig vollkommene Macht über seine letzten Tage.
Nach dem Tod des Ehemanns zieht die Witwe Etsuko aufs Land zu ihrem Schwiegervater. Der hat eindeutige Absichten: Die attraktive, jedoch distanzierte Etsuko soll seine Geliebte werden. Leicht angewidert lässt sie seine Annäherungsversuche zu und lebt angeödet und gelangweilt von Tag zu Tag. Wenn da nicht der junge Hausangestellte Saburo wäre. Der ist zwar ein rechter Dorftrampel, aber der durchtrainierte Körper des 18-Jährigen hat Etsuko in den Bann geschlagen.
Die weiteren Familienmitglieder im Haushalt zerreißen sich nun nicht mehr nur ihr Maul darüber, dass Etsuko den alten Herrn beglückt, sondern auch dass sie sich in den jungen Kerl verschossen hat. Der wiederum ist ein bisschen stupide und merkt nicht, wie er von seiner Herrin angehimmelt wird. Schließlich nimmt eine Tragödie ihren Lauf.
Analog zu Yukio Mishima, der die Ansicht vertrat, dass alles Handeln seinen Sinn erst im Tod findet, müsste man auch behaupten, dass jeder Roman vom Ende her zu beurteilen ist. Und leider liegt hier die Schwäche des Werks: Die Wendungen zum Schluss sind recht unnachvollziehbar und plötzlich. Da sollte wohl partout noch ein tragisches Ende her.
Trotzdem: Die Mishimas Charaktere werden so ausgefeilt illustriert, dass man sie geradezu bildlich vor Augen hat. Da ist der knochige alte Schwiegervater, der sich nach seinem Rückzug aus dem Berufsleben als Führungskraft in seiner Autorität untergraben fühlt. Sein ältester Sohn und dessen Ehefrau, die sich ganz als überlegene Intellektuelle fühlen, aber außer hohlen Reden nichts zustande bekommen. Die Landpomeranze Miyo, die von Saburo schwanger wird. Saburo selbst, der zwar ein Adonis vom Land ist, aber alles andere als helle wirkt. Und natürlich Etsuko mit dem ihr eigenen, psychopathischen Drang, den Liebesdurst zu stillen.
Nach dem Tod des Ehemanns zieht die Witwe Etsuko aufs Land zu ihrem Schwiegervater. Der hat eindeutige Absichten: Die attraktive, jedoch distanzierte Etsuko soll seine Geliebte werden. Leicht angewidert lässt sie seine Annäherungsversuche zu und lebt angeödet und gelangweilt von Tag zu Tag. Wenn da nicht der junge Hausangestellte Saburo wäre. Der ist zwar ein rechter Dorftrampel, aber der durchtrainierte Körper des 18-Jährigen hat Etsuko in den Bann geschlagen.
Die weiteren Familienmitglieder im Haushalt zerreißen sich nun nicht mehr nur ihr Maul darüber, dass Etsuko den alten Herrn beglückt, sondern auch dass sie sich in den jungen Kerl verschossen hat. Der wiederum ist ein bisschen stupide und merkt nicht, wie er von seiner Herrin angehimmelt wird. Schließlich nimmt eine Tragödie ihren Lauf.
Analog zu Yukio Mishima, der die Ansicht vertrat, dass alles Handeln seinen Sinn erst im Tod findet, müsste man auch behaupten, dass jeder Roman vom Ende her zu beurteilen ist. Und leider liegt hier die Schwäche des Werks: Die Wendungen zum Schluss sind recht unnachvollziehbar und plötzlich. Da sollte wohl partout noch ein tragisches Ende her.
Trotzdem: Die Mishimas Charaktere werden so ausgefeilt illustriert, dass man sie geradezu bildlich vor Augen hat. Da ist der knochige alte Schwiegervater, der sich nach seinem Rückzug aus dem Berufsleben als Führungskraft in seiner Autorität untergraben fühlt. Sein ältester Sohn und dessen Ehefrau, die sich ganz als überlegene Intellektuelle fühlen, aber außer hohlen Reden nichts zustande bekommen. Die Landpomeranze Miyo, die von Saburo schwanger wird. Saburo selbst, der zwar ein Adonis vom Land ist, aber alles andere als helle wirkt. Und natürlich Etsuko mit dem ihr eigenen, psychopathischen Drang, den Liebesdurst zu stillen.
Mittwoch, 23. Mai 2012
„Urlaub für die Ewigkeit“ von Akira Abe
Der Protagonist Teisuke in „Urlaub für die Ewigkeit“ erlebt gerade wahrlich keine schöne Zeit: Seinem Vater ist unheilbarer Krebs attestiert worden, die Ärzte geben ihm nur noch wenige Monate zu leben. Dem Vater soll die Diagnose verschwiegen werden, was Teisuke irgendwie gerade recht kommt: So kann er weiterhin abends mit seinen Kollegen saufen gehen und sein distanziertes Verhältnis zum Vater beibehalten. So richtig entsetzt über den baldigen Krebstod ist die unmittelbare Verwandtschaft ebenfalls nicht: Für die eigene Ehefrau, die der Vater seit jeher wie eine Sklavin herumkommandiert hatte, wäre sein Tod eine Befreiung. Und der zweitgeborene Sohn Ryoji war ohnehin seit Jahren mit ihm verstritten.
In Rückblenden erzählt Teisuke von dem sehr unschönen Familienleben während der letzten 30 Jahre: Der versoffene Vater hatte als ehemaliger Marineoffizier nach dem Krieg nie wieder Fuß fassen können und als Arbeitsloser von den illegalen Geschäften Ryojis gelebt. Als Ryojis verzweifelte Versuche, Geld für die Familie aufzubringen, aufflogen, verstieß der Vater seinen Sohn. Den erstgeborenen, bereits verstorbenen Sohn hatte er aufgrund dessen geistiger Behinderung kastrieren lassen. Und die Mutter behandelte er wie einen Fußabstreifer. Da war Teisuke, der drittgeborene Sohn, noch am besten weggekommen.
„Urlaub für die Ewigkeit“ wirft die Frage auf, ob man einem Familientyrann vor dessen Tod vergeben kann. Gerade einmal die Schwiegertöchter sind fähig, dem Sterbenden gegenüber den traditionellen Respekt einem Familienoberhaupt gegenüber zu bewahren.
Die autobiographisch gefärbte Erzählung von Akira Abe schildert eine wahrlich tragische Familienhistorie, die viele Aspekte japanischer Sozialgeschichte in sich birgt: Soldaten, die nach dem Krieg wertlos geworden sind und sich in einer entmilitarisierten Gesellschaft nicht mehr zu Recht finden. Patriarchalische Familienoberhäupter, die die Zeichen des Wandels nicht erkennen. Und Söhne, die während des Krieges ohne Väter aufwachsen.
In Rückblenden erzählt Teisuke von dem sehr unschönen Familienleben während der letzten 30 Jahre: Der versoffene Vater hatte als ehemaliger Marineoffizier nach dem Krieg nie wieder Fuß fassen können und als Arbeitsloser von den illegalen Geschäften Ryojis gelebt. Als Ryojis verzweifelte Versuche, Geld für die Familie aufzubringen, aufflogen, verstieß der Vater seinen Sohn. Den erstgeborenen, bereits verstorbenen Sohn hatte er aufgrund dessen geistiger Behinderung kastrieren lassen. Und die Mutter behandelte er wie einen Fußabstreifer. Da war Teisuke, der drittgeborene Sohn, noch am besten weggekommen.
„Urlaub für die Ewigkeit“ wirft die Frage auf, ob man einem Familientyrann vor dessen Tod vergeben kann. Gerade einmal die Schwiegertöchter sind fähig, dem Sterbenden gegenüber den traditionellen Respekt einem Familienoberhaupt gegenüber zu bewahren.
Die autobiographisch gefärbte Erzählung von Akira Abe schildert eine wahrlich tragische Familienhistorie, die viele Aspekte japanischer Sozialgeschichte in sich birgt: Soldaten, die nach dem Krieg wertlos geworden sind und sich in einer entmilitarisierten Gesellschaft nicht mehr zu Recht finden. Patriarchalische Familienoberhäupter, die die Zeichen des Wandels nicht erkennen. Und Söhne, die während des Krieges ohne Väter aufwachsen.
Dienstag, 16. August 2011
„Der Stierkampf“ von Yasushi Inoue
Yasushi Inoue, der selbst jahrelange für Zeitungen schrieb, erzählt mit „Der Stierkampf“ wieder einmal die Geschichte eines Journalisten: Tsugami ist Chefredakteur der „Neue-Osaka-Abendzeitung“, dem Tashiro vorschlägt, gemeinsam Stierringkämpfe in Osaka zu veranstalten, wie es in Tashiros Heimat in der Provinz Iyo üblich ist.
Drei Jahre nach dem Krieg, die Stadt liegt immer noch in Schutt und Asche, sieht Tsugami hier eine Chance: Die Menschen sind gierig nach einem Spektakel und möchten beim Wetten ihr Glück versuchen.
Doch so einfach, wie sich Tsugami die Organisation vorgestellt hat, wird die Durchführung nicht: Allerlei logistische Probleme stellen sich ihm und der "Neue-Osaka-Abendzeitung", die als Veranstalter fungiert, in den Weg. Wie sollen beispielsweise die Eisenbahnwaggons für den Transport der Stiere organisiert werden? In Zeiten der Lebensmittelrationierung ist es nicht einfach, auf legalem Wege an Futter für die Tiere heranzukommen. Es lässt sich nicht verhindern, eine Allianz mit einem dubiosen Geschäftsmann einzugehen. Aber nicht immer trifft Tsugami die wirtschaftlichsten Entscheidungen und scheint noch von einem Schlag zu sein, der sich gegen die aufkommende Werbeindustrie wehren will. Und schließlich spielt das Zünglein an der Waage auch noch das Wetter an den drei geplanten Wettkampftagen.
Doch auch im Privatleben Tsugamis liegt einiges im Argen. Seine Geliebte Sakiko hält er auf Distanz, kühl begegnet er seinen Mitmenschen. Sein Inneres scheint regelrecht zerfressen zu sein. Begeistern kann er sich vielmehr nur für neue Projekte, während Sakiko keine Leidenschaft in ihm wecken kann. Sakiko, die sich einfach nicht aus der unglückseligen Beziehung zu Tsugami lösen kann, überlässt es dem Ausgang des Stierkampfs, ob sie sich nun endlich von Tsugami trennt oder bei ihm bleibt.
„Der Stierkampf“ zeichnet ein Bild der japanischen Großstadt der Nachkriegsjahre. Die Menschen wittern Geschäftschancen, doch die wahren Gewinner sind die, die am Rande der Legalität operieren. Beziehungen, die der Krieg zusammengeschweißt hat, stehen nun wieder zur Disposition.
Drei Jahre nach dem Krieg, die Stadt liegt immer noch in Schutt und Asche, sieht Tsugami hier eine Chance: Die Menschen sind gierig nach einem Spektakel und möchten beim Wetten ihr Glück versuchen.
Doch so einfach, wie sich Tsugami die Organisation vorgestellt hat, wird die Durchführung nicht: Allerlei logistische Probleme stellen sich ihm und der "Neue-Osaka-Abendzeitung", die als Veranstalter fungiert, in den Weg. Wie sollen beispielsweise die Eisenbahnwaggons für den Transport der Stiere organisiert werden? In Zeiten der Lebensmittelrationierung ist es nicht einfach, auf legalem Wege an Futter für die Tiere heranzukommen. Es lässt sich nicht verhindern, eine Allianz mit einem dubiosen Geschäftsmann einzugehen. Aber nicht immer trifft Tsugami die wirtschaftlichsten Entscheidungen und scheint noch von einem Schlag zu sein, der sich gegen die aufkommende Werbeindustrie wehren will. Und schließlich spielt das Zünglein an der Waage auch noch das Wetter an den drei geplanten Wettkampftagen.
Doch auch im Privatleben Tsugamis liegt einiges im Argen. Seine Geliebte Sakiko hält er auf Distanz, kühl begegnet er seinen Mitmenschen. Sein Inneres scheint regelrecht zerfressen zu sein. Begeistern kann er sich vielmehr nur für neue Projekte, während Sakiko keine Leidenschaft in ihm wecken kann. Sakiko, die sich einfach nicht aus der unglückseligen Beziehung zu Tsugami lösen kann, überlässt es dem Ausgang des Stierkampfs, ob sie sich nun endlich von Tsugami trennt oder bei ihm bleibt.
„Der Stierkampf“ zeichnet ein Bild der japanischen Großstadt der Nachkriegsjahre. Die Menschen wittern Geschäftschancen, doch die wahren Gewinner sind die, die am Rande der Legalität operieren. Beziehungen, die der Krieg zusammengeschweißt hat, stehen nun wieder zur Disposition.
Mittwoch, 29. Juni 2011
„Und plötzlich stumm“ von Kenzaburo Oe
Das Setting von „Und plötzlich stumm“ von Kenzaburo Oe, dem „Autor aus der Peripherie", ist ein typisches: Ein abgelegenes japanisches Bergdorf. Die ländliche Idylle wird gestört, als US-Soldaten inklusive eines Übersetzers im Jahr 1945 kurz nach Kriegsende das Dorf durchqueren. Dies ist das erste Zusammentreffen mit der Besatzungsmacht, die Stimmung ist angespannt, die Frauen sind auf einem Bergkamm vor Übergriffen in Sicherheit gebracht worden. Die Begegnung scheint gut zu verlaufen, bis eine Kleinigkeit eine fatale Entwicklung heraufbeschwört.
Die Handlung von „Und plötzlich stumm“ geht unter die Haut: Einem Außenseiter gelingt es, die Situation eskalieren zu lassen. Und dennoch scheint das Schweigen mehr Macht zu besitzen als die Gewehre von Soldaten.
Kenzaburo Oes Erzählung „Und plötzlich stumm“ aus dem Jahr 1958 umfasst nur 31 Seiten und lohnt sich als Anschaffung daher eher für Oe-Fans und Liebhaber toller Druckwaren: Das wunderschön gestaltete Büchlein wird von einem Bambusmotiv auf dem Umschlag und einem Transparentpapier im Innenteil geziert.
Die Handlung von „Und plötzlich stumm“ geht unter die Haut: Einem Außenseiter gelingt es, die Situation eskalieren zu lassen. Und dennoch scheint das Schweigen mehr Macht zu besitzen als die Gewehre von Soldaten.
Kenzaburo Oes Erzählung „Und plötzlich stumm“ aus dem Jahr 1958 umfasst nur 31 Seiten und lohnt sich als Anschaffung daher eher für Oe-Fans und Liebhaber toller Druckwaren: Das wunderschön gestaltete Büchlein wird von einem Bambusmotiv auf dem Umschlag und einem Transparentpapier im Innenteil geziert.
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