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Samstag, 30. März 2019

„In Liebe, Dein Vaterland“ von Ryu Murakami

Es ist ein ausländischer Film, den ausgewählte Nordkoreaner zu sehen bekommen, als sie überraschend abkommandiert werden: Während des zweiten Weltkriegs wird ein Spezialkommando der Nazis, getarnt als jüdische Flüchtlinge, nach New York entsendet. Sie besetzten Manhattan unter dem Vorwand, eine deutsche Exilregierung zu bilden. Um sich offiziell aus der Schusslinie zu bringen, bezeichnet Hitler die Exilanten als Abtrünnige, die gerne exekutiert werden dürfen. Zwischenzeitlich bringen die Nazis Manhattan unter ihre Gewalt, um von dort Anschläge auf US-amerikanische Politiker verüben zu können.

Der Film wird für Nordkorea zur Vorlage für die Operation „In Liebe, Dein Vaterland“. Ein Sonderkommando von wenigen, handverlesenen Elitesoldaten wird, als südkoreanische Touristen getarnt, nach Fukuoka geschleust. Sie sollen während eines Baseballspiels die Zuschauer im Fukuoka-Dome als Geiseln nehmen. Während der Geiselnahme sollen 500 weitere nordkoreanische Soldaten nach Fukuoka gebracht werden, um als Vorhut einer größeren Landung von Soldaten den Weg zu ebnen.

Der Zeitpunkt für die Invasion ist perfekt gewählt: Japan ist wirtschaftlich, politisch und militärisch geschwächt. Auf den einstig so starken Bündnispartner USA lässt sich nicht mehr bauen. Die japanische Regierung reagiert nur zaghaft auf die zu allem entschlossenen Nordkoreaner.

Während also zunächst alles für die nordkoreanischen Invasoren nach Plan läuft, gärt etwas in einem Lagerhauskomplex am Rande Fukuokas. Hier hausen von der Gesellschaft ausgestoßene Jugendliche mit ihrem Mentor Iwagaki: Waffennarren, Satanisten, Brandstifter, Mörder… Zwar haben die Jungs wenig Lust, die japanische Gesellschaft zu schützen, aber noch weniger darauf, ihr Land von den Nordkoreanern besetzen zu lassen. Die eigenen Talente sollen genutzt werden, die koreanischen Kampfmaschinen zu schlagen.

Ryu Murakamis Roman „In Liebe, Dein Vaterland“, der 2005 in Japan erschien, ist wie „Coin Locker Babies“ natürlich recht überzeichnet. Aber unrealistisch von der Ausgangslage? Tatsächlich hat sich seit dem Erscheinungstermin einiges getan in der Welt: Die Abenomics stehen im Verdacht zu einem Abegeddon zu eskalieren. Unter der neuen republikanischen Regierung der USA (in „In Liebe, Dein Vaterland“ ist es allerdings eine demokratische) entwickelt sich eine Bromance zwischen Trump und Kim Jong-un. Japan muss sich immer wieder um den Bündnispartner USA bemühen. Insofern ist „In Liebe, Dein Vaterland“ ein höchst aktueller Roman, obwohl er schon fast 15 Jahre auf dem Buckel hat.

Das Werk, das mit seinen zwei Bänden fast tausend Seiten umfasst, zieht den Leser schnell in seinen Bann. Der Autor entwirft ein gewaltig furioses und gewalttätiges Szenario, dessen Geschehnisse von diversen Perspektiven beleuchtet werden. So weiß man als Leser fast nicht mehr, auf welcher Seite man denn stehen soll, da in Ryu Murakamis Roman die Dichotomie „gut/böse“ nicht gilt: Da sind die Nordkoreaner, die unter schrecklichen Lebensbedingungen aufgewachsen sind und eine furchtbare militärische Ausbildung durchlaufen mussten, die die  Folterung eines jeden Soldaten beinhaltet. Natürlich sympathisiert man dann auch mit den Invasoren, die in Japan viel bessere Lebensbedingungen vorfinden. Da sind die normalen Bürger Fukuokas, die um des lieben Frieden willens mit den Nordkoreanern kooperieren, um ihr alltägliches Leben in groben Zügen weiterführen zu können. Und da sind die geschundenen Seelen der Jugendlichen, deren Herzen auf Zerstörung drängen.

Zum Höhepunkt der Handlung hin wird die Spannung fast schon unerträglich und spätestens dann fiebert man mit den jugendlichen Outlaws in ihrem fast aussichtslosen Kampf mit. Episches Entertainment mit Gesellschaftskritik – eine große Leseempfehlung für das Jahr 2019!

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „In Liebe, Dein Vaterland – I: Die Invasion“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime Verlag, Wien 2018, ISBN 978-3-902711-76-2
Murakami, Ryu: „In Liebe, Dein Vaterland – II: Der Untergang“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime Verlag, Wien 2019, ISBN 978-3-902711-80-9

Donnerstag, 21. Februar 2019

„Das Haus der roten Töchter“ von Kazuki Sakuraba

Kazuki Sakurabas Roman „Das Haus der roten Töchter“ stellt drei Frauengenerationen der Familie Akakuchiba in den Mittelpunkt. Die erste dieser Frauen ist Manjo, die die Zeit des Wirtschaftswunders und die langsame Auflösung der alten Traditionen erlebt. Manjo ist ein Findelkind, das einem urtümlichen Bergvolk entstammt und von einer Arbeiterfamilie aufgenommen wird. Tatsu, die Herrin aus der reichen Stahlunternehmerfamilie Akakuchiba, bestimmt Tatsu überraschenderweise als künftige Ehefrau ihres Sohnes. Dass Tatsus Entscheidung zwar im ersten Moment seltsam erscheint, sich aber dann doch als sehr weise erweist, liegt an Manjos Hellsichtigkeit, die der Familie in schwierigen Zeiten noch helfen wird.

Die zweite Frau, die während der rebellischen 70er Jahren aufwächst, ist Kemari und Manjos zweitgeborenes Kind. Sie ist nicht nur im Jahr des Pferdes geboren, sie ist mit ihrem Geburtsjahrgang 1966 gar ein Feuerpferd, was laut des chinesischen Horoskops als besonders wild und unzähmbar gilt. Daher überrascht es niemanden, dass Kemari bald die Anführerin einer weiblichen Bosozoku-Motorradgang wird.

Kemaris Tochter Toko ist ganz Töchterchen aus reichem Hause und muss im Gegensatz zu Gleichaltrigen der Freeter-Generation nicht unbedingt eigenes Geld verdienen. Toko hadert dennoch mit ihrem Leben, fehlt ihr doch die Fähigkeit, sich mit ganzem Herzen für etwas zu begeistern. Erst als Manjo stirbt und ihr mit dem fast letzten Atemzug ein Geheimnis offenbart, scheint sie etwas wie eine Aufgabe gefunden zu haben.

Einerseits sind die drei porträtierten Damen an sich sehr spannende Charaktere: Manjo, die Visionen hat, Kemari das Feuerpferd und die verloren wirkende Toko. Doch in der Umsetzung hätte ich mir bei Manjo mehr Atmosphäre gewünscht. Kemaris Leben ist dagegen fast schon hanebüchen übertrieben geschildert und Toko wirkt irgendwie langweilig und taugt als reiches Mädchen wenig als Identifikationsfigur für die Leserschaft.

Hinzu kommt, dass der Roman sprachlich so einfach gestrickt ist, dass er an einen Teenie-Roman erinnert. Und das liegt sicherlich nicht an der Übersetzung aus dem Englischen.

An sich finde ich persönlich Übersetzungen aus dem Englischen nicht zwangsläufig schlechter als aus dem Japanischen, wenn das Original eher durch Handlung als durch sprachliche Kunstfertigkeit bestechen soll. „Das Haus der roten Töchter“ zählt sicherlich zu ersterem. Allerdings ist die Umsetzung nicht immer besonders geglückt. Das gibt es z.B. Sätze, die für mich nicht wirklich Sinn machen:

"An jenem Abend verließ Manjo ihren Platz und bewegte all die Dinge in ihrem Herzen, die Tatsu ihr mitgeteilt hatte." (S. 85)

Und dann wird der Bedeutung von Schriftzeichen auch nicht Rechnung getragen. Natürlich ergibt sich aus dem Zusammenhang, für was die Schriftzeichen des Hauses Akakuchiba stehen und später wird die gleichnamige Firma gar umfirmiert in die englische Übersetzung und spätestens dann wird klar, warum die Farbe rot immer wieder vorkommt. Aber so ein bisschen mehr Liebe zum Detail und das eine oder andere Fußnötchen hätten dem Roman sicher nicht geschadet. Daher ergeben sich solche Passagen, die einfach schlecht übersetzt sind:

„Kaum hatte seine Mutter das Kind im Arm, gab sie ihm in einem Anflug von Humor den Namen Kaban. Dies bedeutete ‚Tasche’ und war kein besonders angemessener Name für einen Menschen, zumal es ein normales Wort war und keinen Buchstaben für einen Namen enthielt.“ (S. 166f)

Und selbst der deutsche Titel des Romans ist irgendwie abwegig. Die Töchter des Hauses Akakuchiba sind sicherlich nicht rot. Der Familienname beinhaltet das Schriftzeichen für die Farbe rot. Daher ist das Haus (in der Bedeutung des Geschlechts/der Familie der Akakuchibas) doch das, was von roter Farbe ist. Warum den Roman dann nicht korrekterweise „Die Töchter des roten Hauses“ nennen?

Insgesamt verpasst man also nicht wirklich viel, wenn man „Das Haus der roten Töchter“ nicht auf seine Leseliste setzt. Wer aber einfach Lust auf harmloses Entertainment hat, macht mit dem Roman natürlich nichts falsch.

Bibliographische Angaben:
Sakuraba, Kazuki: „Das Haus der roten Töchter“ (Übersetzung aus dem Englischen: Allen, Jocelyne/übertragen von Rahn, Marie), Heyne, München 2019, ISBN 978-3-453-42297-1

Samstag, 14. November 2015

„Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ von Haruki Murakami

Der Band „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ vereint Haruki Murakami-Erzählungen aus dem gesamten Spektrum des Autors. Da sind zum Beispiel die fantastischen Erzählungen „TV-People“, „Das grüne Monster“ und „Der tanzende Zwerg“. Während in den ersten beiden Erzählungen die Realität der Protagonisten jäh durchbrochen wird, als ungewöhnliche Wesen in deren Alltag eintreten, spielt „Der tanzende Zwerg“ bereits in einer ganz anderen Realität. Das Motiv der „TV-People“ erinnert etwas an die „Little People“, denen der Leser im Haruki Murakami-Roman „1Q84“ begegnet.

Dann gibt es Erzählungen, die aus der Sicht eines männlichen Studenten geschrieben sind. In „Das Fenster“ und „Der letzte Rasen am Nachmittag“ machen die Ich-Erzähler über ihre Nebenjobs ungewöhnliche Frauenbekanntschaften. Während sich der Protagonist in „Das Fenster“ als Lehrer fürs Briefeschreiben verdingt und eine seiner älteren Schülerinnen eines Tags trifft, mäht der Student in „Der letzte Rasen am Nachmittag“ einen Sommer lang die Rasen seiner Kundschaft. An seinem letzten Arbeitstag kürzt er den Rasen einer etwas kuriosen Witwe.

Andere Erzählungen greifen dann wiederum das Leben von Schülern auf: In „Das Schweigen“ geht es um Mobbing an dem etwas zurückgezogenen Schüler Osawa. Aufgrund gekränkter Eitelkeit setzt ein anderer Schüler böse Gerüchte über ihn in die Welt. Fast droht der bald völlig isolierte Osawa an der Situation zu zerbrechen. In der Kurzgeschichte  „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ geht es in der Binnenhandlung um ein verliebtes Schülerpärchen. Jedoch würde ich den kurzen Text eher als die sensationellste Anmachidee schlechthin bezeichnen.

In „Lederhosen“ und „Familiensache“ geht es um Änderungen in den Familiensituationen. Während es in „Lederhosen“ um eine Trennung geht, findet in „Familiensache“ ein Paar zusammen – zum Ärger des Bruders der Verlobten.

Besonders gut sind die Stimmungen gelungen, die Haruki Murakami mit wenigen und kurzen Sätzen beschreibt. So fühlt der Leser die Sommerhitze beim Rasenmähen geradezu auf der Haut prickeln, erlebt die Wut des gemobbten Schülers hautnah und er kann sogar in die phantastische Welt von „Der tanzende Zwerg“ komplett eintauchen, in der Elefanten in einer Fabrik gefertigt werden, die Menschen Metacol trinken und ein tanzender Zwerg vom Körper eines Arbeiters Besitz ergreift.

Durch die vielfältigen, aber typischen Motive ist „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ sicherlich ein ideales Buch für Haruki Murakami-Einsteiger, die in den Stil des Autors erst mal nur hineinschnuppern möchten. Und für die Haruki Murakami-Fans reiht sich ein literarischer Leckerbissen an den anderen.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Berlin Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8333-0046-9

Dienstag, 4. August 2015

„Coin Locker Babys“ von Ryu Murakami

Hashis und Kikus Start ins Leben ist mehr als hart – ein Wunder, dass die beiden Protagonisten aus Ryu Murakamis „Coin Locker Babys“ überhaupt überleben. Denn ihre Mütter deponieren sie jeweils mehr tot als lebendig in Schließfächern, um den missliebigen Nachwuchs loszuwerden. Unglaubliches Glück und Überlebenswille bescheren Hashi und Kiku eine zweite Geburt – statt aus einer Gebärmutter aus einem brütendheißen Schließfach.

Im katholischen Kinderheim treffen Hashi und Kiku aufeinander und werden beste Freunde, später sogar Brüder als sie von derselben Familie adoptiert werden. Doch an Normalität ist bei dem Geburtstrauma nicht zu denken. Die Mutter ein Schließfach, der Papa der Herr im Himmel – noch während ihrer Zeit im Waisenhaus werden Hashi und Kiku durch Hypnose therapiert. Als sie schließlich adoptiert werden und auf eine abgelegene Insel ziehen, scheint ein idyllisches Familienleben zum Greifen nach – wenn da nicht eine erneute Hypnose alte Wunden aufreißen würde…

Allzu viel mehr sollte man glatt nicht von der Handlung von Ryu Murakamis „Coin Locker Babys“ verraten. Das Werk, das vielleicht ganz gut als Coming-of-Age-Endzeitroman beschrieben werden könnte, zeichnet sich durch mehrere Höhepunkte aus. Gerade als man denkt, jetzt sollte sich die Geschichte dem Ende nähern, holt Ryu Murakami neu aus, bringt neue Charaktere, neue Ziele und neue Probleme ins Spiel. Das ist zwar ein bisschen irritierend, tut dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch, wenn man sich darauf einlässt, sich wieder in komplett neues Setting einzufühlen. Recht atmosphärisch lassen sich die Beschreibungen der Szenerien an ohne dabei zu langweilen.

Der Klappentext zu „Coin Locker Babys“ führt allerdings ein bisschen in die Irre: Hashi und Kiku verlassen zwar tatsächlich die heimatliche Insel und streben nach Tokio. Doch keineswegs deshalb, weil sie ihre Mütter aufspüren und töten möchten. Der sanfte, verletzliche Hashi möchte die Welt der Töne erforschen und Sänger werden. Daher geht er in die Hauptstadt, um hier die erstrebte Karriere einzuschlagen. Der maskuline Kiku kommt ihn schließlich suchen. Im Giftghetto, wo sich Verbrecher, Taugenichtse und Wahnsinnige versammeln, treffen die beiden wieder aufeinander, um aber schließlich auf die je eigene Weise ihre Bestimmung zu finden.

Einzig und allein: Ich bin mit dem recht spröden Charakter des Kiku nicht so recht warm geworden. Mag er noch so sehr aussehen, wie ein junger Gott, wenn er weißgekleidet und braungebrannt auf einem Motorrad dahindüst. Hashi dagegen wirkt selbst im Wahn noch irgendwie liebenswert.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Ryu: „Coin Locker Babys“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Septime, Wien 2015, ISBN 978-3-902711-35-9

Samstag, 2. August 2014

„Das Geschlecht der Abe/Sanshodayu“ von Ogai Mori

Mit „Das Geschlecht der Abe“ und „Sanshodayu“  erzählt Ogai Mori zwei japanische Klassiker aus der Tokugawa- bzw. Heian-Zeit.

„Das Geschlecht der Abe“ erfährt einen Wendepunkt als der Daimyo Tadatoshi im Sterben liegt. Zahlreiche Vasallen bitten ihn um „Junshi“; um die Erlaubnis, Selbstaufopferung begehen zu dürfen und ihren Daimyo nach einem Seppuku in den Tod zu folgen. So will auch Yaichiuemon Abe von dem Sterbenden die Einwilligung zu seiner Selbstaufopferung erhalten. Doch der denkt gar nicht daran, sondern verweigert seine Zustimmung. Nachdem die 18 Männer, die das Einverständnis von ihrem verstorbenen Herrn zum Selbstmord erhalten haben, jeweils Seppuku begangen haben, leidet Yaichiuemon unter übler Nachrede. Einerseits lästern die Spötter, er habe nicht den Mumm, sich zu entleiben; andererseits weiß er, dass er ohne die Erlaubnis des Daimyo keinen ehrenvollen, sondern nur einen „Hundetod“ sterben wird. Nichtsdestotrotz ruft er seine Söhne zusammen und begeht Seppuku. So beginnt der Abstieg der Familie Abe, die in der Gunst von Tadatoshis Nachfolger immer weiter sinkt und schließlich zum Außenseiter wird. Eine Übersprungshandlung eines Familienmitglieds wird schließlich als Freveltat geahndet und der gesamte Clan sieht nur noch einen einzigen, blutigen Ausweg, um die Ehre der Familie wiederherzustellen.

„Sanshodayu“ handelt von dem Geschwisterpaar Anju und Zushio. Die beiden sind mit ihrer Mutter unterwegs, um ihren verbannten Vater aufzusuchen, als sie in die Hände von Menschenhändler fallen. Die Geschwister werden von der Mutter getrennt und werden an das Gut das Sanshodayu verkauft, der die zarten Jugendlichen Salzwasser schleppen lässt und zum Brennholz schneiden schickt. Anju als die Ältere der beiden spinnt einen Plan, um die Leibeigenschaft zu beenden, der aber für sie fatale Folgen haben soll.

„Sanshodayu“ liest sich eher wie ein Märchen, während „Das Geschlecht der Abe“ anfangs von Beschreibungen von Verwandtschaftsbeziehungen und Aufzählungen geprägt ist. Wer sich für das Thema Selbstaufopferung und Beziehungsgeflechte in der Tokugawa-Zeit interessiert, für den mag diese Erzählung besonders interessant sein. Für alle anderen Leser ist der Einstieg in „Das Geschlecht der Abe“ jedoch zäh – bis überhaupt von der Familie Abe die Rede ist, müssen erst (Kurz-)Beschreibungen von 18 Seppuku-Taten überstanden werden.

Bibliographische Angaben:
Mori, Ogai: „Das Geschlecht der Abe/Sanshodayu“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Koike, Kenji), Japanisch-Deutsche Gesellschaft, Tokio 1960

Donnerstag, 17. Juli 2014

„Mein Sohn Takiji“ von Ayako Miura

Nichts mag für eine Mutter so schlimm sein, wie ihr geliebtes Kind durch gewaltsamen Tod zu verlieren. Ayako Miura lässt in „Mein Sohn Takiji“ die 88-jährige Sen zu Wort kommen, die das Leben und den Tod ihres Sohnes Takiji Revue passieren lässt. Bei Takiji handelt es sich dabei nicht um eine imaginierte Person, sondern um den Autor der proletarischen Literaturbewegung Takiji Kobayashi, der im Jahr 1933 verhaftet und zu Tode gefoltert wurde. Ayako Miuras „Mein Sohn Takiji“ basiert auf den realen Geschehnissen; der Monolog der Mutter Sen ist freilich ein Produkt von Ayako Miuras literarischer Schaffenskraft: 

Da sitzt Sen im Haus ihrer Tochter Chima und spricht direkt zum Leser. Sie beginnt mit ihrem eigenen Schicksal wie sie in ärmlichsten Verhältnissen aufwächst und als Teenager verheiratet wird. Die Familie der Kobayashis ist ebenfalls verarmt, doch gebildet. Nach dem Tod des ältesten Sohns Takiro zieht die Familie von Otaru nach Hokkaido. Takiji als Zweitgeborener wird dort von seinem Onkel gefördert und kann Wirtschaftswissenschaften studieren. Takiji entwickelt sich zu einem gerechtigkeitsliebenden, fröhlichen jungen Mann, der alles in seiner Macht stehende leistet, seine Familie finanziell zu unterstützen. Er träumt den Traum, die Gesellschaft zu verbessern, hat er doch bereits schon früh die Härten der armen, arbeitenden Bevölkerung erlebt: Seine Eltern begeben sich bei Bauarbeiten in Lebensgefahr, Arbeiter werden schlimmer als Vieh behandelt und junge Mädchen werden in die Prostitution verkauft. Indem Takiji Romane schreibt, will er seinen Beitrag leisten, die Lebensumstände zu verbessern.

Als Takiji nach Tokio geht, beginnen seine Probleme mit der Polizei. Er wird mehrfach verhaftet und geht schließlich in den Untergrund. Als ihn ein Spitzel verrät, wird er erneut verhaftet und schließlich zu Tode gefoltert. Seine Mutter trifft der Verlust besonders hart. Wie kann es einen Gott geben, wenn dieser zulässt, dass ihr Sohn, der die Nächstenliebe verkörpert, auf so schlimme Weise gemartert wird und sein Leben lassen muss. Hier zieht die christliche Autorin Ayako Miura einen Vergleich zu Jesus: War nicht auch Jesus von der Nächstenliebe beseelt, wurde nicht auch er verraten und musste nicht auch er wegen seinen Überzeugungen sterben? Langsam nähert sich Sen dem Christentum an und scheint im Alter endlich ihren Frieden finden zu können.

Indem Ayako Miura Sen frei erzählen lässt, erscheint es dem Leser, als würde man tatsächlich exklusiv von Takiji Kobayashis Mutter dessen Lebensgeschichte erzählt bekommen. Die Erzählweise ist äußerst lebendig, manchmal aber auch sprunghaft. Mit der Zeit wächst einem die alte Dame immer mehr ans Herz. Umso tragischer erlebt der Leser auch das Ende von Takiji Kobayashi mit. Allzu christliche Literatur liegt mir zwar nicht sonderlich, aber Ayako Miura gelingt es in „Mein Sohn Takiji“, die richtige Dosis einzusetzen. Sen ist nicht getauft, aber findet zumindest etwas Trost im christlichen Glauben. Auch wenn das Thema von Ayako Miuras „Mein Sohn Takiji“ schwere Kost ist – der Kurzroman lohnt sich enorm!

Bibliographische Angaben:
Miura, Ayako: „Mein Sohn Takiji“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierwirth, Gerhard & Moriwaki, Arno), Iudicium, München 2014, ISBN 978-3-86205-391-9

Sonntag, 30. Juni 2013

„Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“ von Kenzaburo Oe

Da liegt er, der namenlose 35-jährige, mit seinem Leberleiden im Krankenhaus, die Augen beschirmt mit der Taucherbrille seines verstorbenen Vaters, den er und die Mutter nur abfällig den ALTEN nennen, und diktiert einer Protokollantin seine „Geschichte einer Zeitgenossenschaft“.

Dem Leser erschließen sich so Schritt für Schritt die einschneidenden Erlebnisse des Protagonisten, der genauso wie der Autor Kenzaburo Oe im Jahr 1935 geboren und in einem abgelegenen Dorf aufgewachsen ist. Die Lektüre als solche ist anspruchsvoll. Da ist einerseits das Diktat des Kranken, das in der dritten Person gehalten ist und einen flüssigen Lesefluss durch die geschraubten Formulierungen verhindert. Diese Niederschrift wird immer wieder unterbrochen durch die Geschehnisse, Unterhaltungen und Monologe in der Gegenwart, die en bloc und ohne Anführungszeichen formuliert sind.

Zuviel mag ich an dieser Stelle über die Handlung gar nicht verraten, da der Reiz von „Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“ gerade darin liegt, dem Protokoll des Kranken zu folgen und zu beobachten, wie sich das Puzzle langsam von selbst zusammensetzt. Nur soviel: In Kenzaburo Oes Kurzroman trifft man auf typische, wiederkehrende Elemente. Da ist ein abgelegenes Dorf. Da ist ein Speicherhaus, in dem sich jemand versteckt hält. Und schließlich gibt es wieder eine kleine Revolte, in der jemand in einem Karren durch das Dorf gezogen wird. Eingebettet ist das Szenario primär in die letzten Kriegsjahre und in die Kapitulation Japans.

„Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“ wirkt schwermütig wie „Der stumme Schrei“. Doch während ich mich durch letzteren Roman durchgequält habe, die Depression des Protagonisten glatt in die Seele des Lesers unangenehm eingedrungen ist, baut „Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“ eine diffuse Spannung auf, die aus dem Geheimnis um den ALTEN und die „happy days“ des Protagonisten gespeist wird.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenazburo: „Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt“, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1995, ISBN 3-518-01396-3

Freitag, 4. Januar 2013

„Erinnerung an Yamashina“ von Naoya Shiga

„Erinnerung an Yamashina“ präsentiert 24 Erzählungen und Kurzgeschichten von Naoya Shiga. Die chronologisch geordneten Werke beginnen mit „Bis Abashiri“ aus dem Jahr 1910, das in der Erstausgabe der Literaturzeitschrift Shirakaba erschien, und enden mit „Die Aralie mit den achtfingrigen Blättern", in dem Naoya Shiga 1957 als 74-Jähriger über sein Leben als Literat sinniert:

„Im Gegenteil, in den letzten Jahren war ich manchmal nahe dran, zu sagen: ‚Ich bin doch nicht auf dieser Welt, um Romane zu schreiben.’ Mir ist es ernst, wenn ich feststelle, dass ich aus purem Zufall Romane geschrieben habe, eben weil ich nun einmal am Leben bin, und nicht umgekehrt. In erster Linie kommt es doch darauf an, das einem nur ein einziges Mal gegebene Leben gut zu leben, wohingegen es mir nebensächlich erscheint, dass ich währenddessen Romane geschrieben habe.“ (S. 303f.)

Unter den frühen Werken, die im Sinne der Shirakaba-Bewegung die Befreiung des Individuums und Entfaltung der Persönlichkeit thematisieren, nimmt „Das Verbrechen des Han“ eine besondere Stellung ein: Ein chinesisch-stämmiger Zirkusartist tötet während seines Auftritts mit einer Messer-Vorführung seine Partnerin und Ehefrau. Ob die Tat bewusst, unbewusst oder dem Zufall geschuldet ausgeführt wurde, kann Han selbst nicht beurteilen. Auf die japanische Jugend, weiß Edith Rau im Nachwort zu berichten, wirkte die Erzählung wie ein Aufruf zur Auflehnung, bevor man im Mief des Alltags ersticken würde.

1917 scheint Shigas Versöhnung mit seinem Vater Auswirkungen auf sein Sujet gehabt zu haben: Die Themen werden harmonischer. Dennoch werden auch weiterhin vor allem grundlegend menschliche Gefühle wie Liebe, Einsamkeit und die Angst vor dem Tod thematisiert. Da Shiga, der der japanischen Tradition der Ich-Erzählung treu war und daher primär eigene Erfahrungen literarisch umsetzte, darf man annehmen, dass eine Ehefrau keinen Spaß mit ihm hatte: Der einen oder anderen Geisha scheint er verfallen zu sein und sich diverse außereheliche Affären geleistet zu haben – so zumindest die Protagonisten einiger seiner Erzählungen.

Bibliographische Angaben:
Shiga, Naoya: „Erinnerung an Yamashina“, Volk & Welt, Berlin 1986

Sonntag, 2. Dezember 2012

„Blut in der Morgenröte“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering

„Blut in der Morgenröte“, der dritte und letzte Teil der japanischen Kriminalstories, die Janwillem van de Wetering herausgegeben hat, zeichnet sich wie der erste Teil „Drachen und tote Gesichter“ dadurch aus, dass man die Krimis in dem Band suchen muss. Insbesondere da das Buchcover mit „Thriller“ gekennzeichnet ist, weckt es leider falsche Erwartungen: Der Großteil der neun Erzählungen japanischer Autoren fällt nicht in dieses Genre.

„Der Drache“ soll in Ryunosuke Akutagawas Erzählung demnächst aus einem See in den Himmel auffahren. Doch dieser Mythos, der bei den Bewohnern des Städtchens am See umgeht, geht auf einen sich verselbständigenden Scherz des langnasigen Mönchs Hanazo zurück.

Der Student Fukiya ist clever – aber arm. Um seinen Kontostand aufzubessern, heckt er einen Mord an der reichen Witwe aus, bei der sein Kommilitone Saito wohnt. Als beide verdächtigt werden, die Witwe getötet zu haben, wendet Kogoro Akechi, Japans Sherlock Holmes, eine List an: „Der psychologische Test“ soll in Edogawa Rampos Erzählung den wahren Täter überführen.

„Der Mord im Pfandleihhaus“ ist eine verzwickte Sache. Der Geschäftsführer Tsunemoto wird eines Morgens tot aufgefunden: Er ist im Tresorraum eingeschlossen worden und erstickt. Zwei wertvolle Diamantringe sind entwendet worden. Der Verdacht fällt auf die beiden Angestellten und die Inhaberin des Pfandleihhauses. Zusammen mit ihrem Verehrer löst die weibliche Angestellte Naomi den Fall in Shizuko Natsukis Kriminalgeschichte.

In „Das Rasiermesser“ zeichnet Naoya Shiga das Bild eines Barbiers, dessen Nerven im Fieberwahn mit ihm durchgehen.

„Böse Kameraden“ hat Shotaro Yasuokas Protagonist und Ich-Erzähler: Der Teenager macht die Bekanntschaft des schmuddeligen, koreanisch-stämmigen Komahiko. Komahiko wird zum Helden des Ich-Erzählers und dessen besten Freund Kurata. Denn Komahiko ist ein kleiner Rebell: Er prellt die Zeche, kennt sich im Rotlichtviertel bestens aus und ist dabei auch noch intellektuell bewandert. Die Coming-of-age-Erzählung, die während des zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs kurz vor Japans Angriff auf Pearl Harbour spielt, gleicht einem Tanz auf dem Drahtseil, der eine verrückt gewordene Welt spiegelt. Der Ich-Erzähler rebelliert gegen das Althergebrachte, will sich von seiner kleinbürgerlichen Familie abnabeln – und übt schließlich Verrat. Für mich ist Shotaro Yasuokas Erzählung das Highlight in „Blut in der Morgenröte“. Der Stoff hätte zum Roman gereicht.

In „Metro à gogo“ erzählt Kyotaro Nishimura von einer lächelnden Leiche, die erstochen in einem Kanal aufgefunden wird. In Rückblenden wird die Vergangenheit beleuchtet – und warum die Leiche im Tod so glücklich gewesen sein mag.

Junichiro Tanizakis „Aguri“ behandelt ein typisches Tanizaki-Thema: Ein alternder, von Krankheit gezeichneter Mann verausgabt sich, um seiner jungen Geliebten Anguri diverse Gefälligkeiten zu erweisen.

Mit Ogai Mori darf sich der Leser auf „Blutrache“ begeben: Die Erzählung, die auf einem Vorfall aus dem Jahr 1835 zurückgeht, ist zwar eher fad, zeichnet aber ein detailliertes Bild der legalisierten Blutrache.

„Rittlings auf der Leiche“ von Akinari Ueda findet sich auch in „Unter dem Regenmond“ als „Die blaue Kapuze“: Ein Zen-Meister macht es sich zur Aufgabe, einem wahnsinnigen Mönch, der auf der Suche nach essbarem Menschenfleisch ist, Einhalt zu gebieten.

Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Blut in der Morgenröte“, Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-43075-4

Montag, 25. Juni 2012

„Das Fabrikschiff“ von Takiji Kobayashi

Wer auf einem Fabrikschiff anheuert, der begibt sich auf direktem Weg in die Hölle. Gehaust wird in Kabinen, die nicht zu Unrecht als Jauchefass bezeichnet werden. Wasser zum Waschen wird so streng rationiert, dass man sich nur wenige Male im Monat säubern kann. Wanzen und Läuse piesacken die Matrosen, Arbeiter und Fischer. Doch am schlimmsten ist der Aufseher, der nichts als Profit im Kopf hat, und seine Untergebenen notfalls sadistisch halb tot foltert. Ein Menschenleben zählt nichts auf See, denn:

„Ein Krabbenfangschiff ist eben weder ein Schiff, das unter dem Schutz des Seerechts steht, noch eine Fabrik, deren Arbeiter das Recht auf Arbeitsschutz genießen. Ein Krabbenfangschiff steht außerhalb aller Gesetze, es ist vogelfrei.“ (S. 28)

Daher riskiert der Aufseher Asagawa permanent die Leben der Besatzung: Selbst bei Sturmwarnung werden die ahnungslosen Fischer in ihren kleinen Booten aufs Meer geschickt, Kranke werden zum Arbeitseinsatz getrieben und ohnehin muss bis zur völligen Erschöpfung durchgearbeitet werden. Muckt einer auf, drohen die drakonischsten Strafen. Ein toter Arbeiter macht nichts aus – stehen doch im Hafen bestimmt schon wieder zehn Bewerber auf die Stelle bereit. Und selbst wenn ein Schiff sinken sollte – dagegen ist die Fischfanggesellschaft bestens versichert.

Takiji Kobayashi nimmt den Leser mit auf Krabbenfang mit der Hakkomaru –  eine Fahrt, die manche Fischer und Arbeiter nicht überleben werden. Damit prangerte der Autor die brutale und schonungslose Ausbeutung der Arbeiter an – und bezahlte sein Engagement schließlich selbst mit dem Leben, als er 1933 im Polizeigewahrsam zu Tode gefoltert wurde. Der Kurzroman ist auch heute noch brisant. Als Leser atmet man regelrecht auf, dass man nicht in diese Zeit hineingeboren wurde, als eine Organisation der Arbeitnehmer unterbunden und deren Rechte schlichtweg inexistent waren.

„Das Fabrikschiff" erschien ins Deutsche übersetzt 1958 bereits unter dem Titel „Krabbenfischer" im Volk und Welt-Verlag.

Donnerstag, 1. September 2011

„69“ von Ryu Murakami

„69“ ist ein herrlich komischer, Kulturen und Generationen übergreifender Roman über das Erwachsenwerden, der so gar nichts mit den anderen, brutaleren Romanen von Ryu Murakami gemein hat.

Wir schreiben das Jahr 1969, die Studenten weltweit üben Protest gegen den Vietnam-Krieg, philosophieren über Marx und kosten das Leben aus vollen Zügen – nur in Kens Heimatstadt, einem kleinen Kaff an der japanischen Küste aus dem die Jets der amerikanischen Besatzer aufsteigen, herrscht alles andere als revolutionärer Geist. Im Grunde genommen gibt es hier nur eines: Gähnende Langeweile. Ken ist ein Angeber mit gefährlichem Halbwissen, der sich vor seinen Mitschülern und vor allem Mitschülerinnen mit seinem pseudo-weltmännischen, pseudo-kommunistischen Geschwätz erfolgreich produziert. Wie sollte er auch ansonsten Eindruck vor den Mädels schinden, wenn er sich nicht als Revoluzzer gegen das kriegstreiberische System darstellen kann? Um ein Zeichen zu setzen, planen er und seine Kumpane die Verbarrikadierung der Schule – selbstverständlich nicht aus politischen Gründen, sondern um die Angebetete endlich ins Bett zu bekommen. Und bevor die Langeweile wieder die Oberhand gewinnt, müssen Ken und seine Kumpane nun auch noch das "Morgenlatten-Festival" organisieren. Doch nicht alle männlichen Teenager sind von dem Vorhaben begeistert, sind Ken & Co. doch gerade dabei, die heißesten Partien abzustauben.

Ryu Murakami, der wegen der wegen einer Demonstration auf dem Dach seiner Oberschule tatsächlich von ebensolcher verwiesen wurde, schreibt mit „69“ seine eigene Geschichte und zeigt den Teenager Ken in sympathischer Weise um Coolness ringen, ohne einen Fremdschäm-Effekt hervorzurufen. Beste Leselaune ist mit "69" jedenfalls garantiert! Einzig und allein ein bisschen störend: Allzu oft ergeht sich der Protagonist in Übertreibungen, die er im nächsten Satz schon gleich mit einem "ganz so war's dann doch nicht" wieder relativiert. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Samstag, 6. August 2011

„Wasurenagusa“ von Aki Shimazaki

Auch mit „Wasurenagusa“ knüpft Aki Shimazaki an die vorangegangenen Kurzromane „Tsubaki“ und „Tsubame“ an, ohne dass jedoch ein Vorwissen der letztgenannten Werke vorhanden sein muss.

Dieses Mal wird die Lebensgeschichte aus dem Blickwinkel von Kenji Takashi erzählt. Kenji ist der einzige Nachkomme einer alteingesessenen Familie und trägt somit die Verantwortung des Stammhalters. Da ihm seine erste Frau keinen Nachfolger gebiert, zwingt ihn seine Familie, sich von seiner scheinbar unfruchtbaren Frau zu trennen. Kenji bereut, dass er nicht die Stärke besitzt, dem Druck seiner Familie zu widerstehen. Denn er fühlt sich bevormundet, möchte sein eigenes Leben führen – und muss feststellen, dass seine erste Frau nun ein Kind hat; die Unfruchtbarkeit wohl ihm selbst zu unterstellen ist.

Kenji träumt von „Wasurenagusa“, von Veilchen. Als er die alleinstehende Mariko, die einen unehelichen Sohn hat, mit Veilchen in der Hand sieht, ist dies für ihn ein Zeichen. Er möchte Mariko heiraten, ihren Sohn adoptieren.

Mariko – wie auch bereits Jahre zuvor Kenjis ehemaliges, lieb gewonnenes Kindermädchen Sono – trifft auf Ablehnung in der Familie, da sie von „zweifelhafter Herkunft“ ist. Doch Kenji lässt sich dieses Mal nicht mehr fremdbestimmen und bricht mit der Familie.

Jahre später erst erfährt er Dinge aus der Zeit vor seiner Geburt, die das Verhalten seiner inzwischen verstorbenen Eltern umso unverständlicher machen.

„Wasurenagusa“ zeichnet das Bild eines entschlossenen Mannes, der sich gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz durch sein Herz leiten lässt und sein Glück findet. Ein schöner Abschluss für die drei Romane Aki Shimazakis, die bisher auf Deutsch erhältlich sind!