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Dienstag, 5. März 2019

"Alte Freunde" von Osamu Dazai

Osamu Dazais "Alte Freunde" ist sicherlich eher ein Buch für Liebhaber. Für den doch stolzen Preis von 18 Euro erhält der Leser 25 Seiten Prosatext, sieben Seiten mit Illustrationen und fünfeinhalb Seiten Nachwort. Die Illustrationen von Susanne Theumer sind freilich Geschmackssache, dafür ist der Text ein Träumchen – bestimmt nicht nur für Osamu-Dazai Fans.

Der Protagonist und Ich-Erzähler scheint identisch mit dem Autor selbst zu sein. Im September 1946 lebt der Ich-Erzähler Shuji als Ausgebombter in seiner alten Heimat. Da bekommt er Besuch von einem "alten Freund" namens Hirata, der sich als Ausgeburt der Dreistigkeit herausstellen wird. Nicht nur, dass sich der Bauer Hirata nur als ehemaliger Mitschüler ausgibt, um an den von Shuji gebunkerten, raren Alkohol ran zu kommen. Er bedient sich immer weiteren Kniffs, um nachgeschenkt zu bekommen.

Obwohl Shuji sich des Betrugs sehr wohl bewusst ist, muss er sich in Langmut fügen. Nicht auszudenken, wenn der besoffene Kerl aggressiv werden sollte und die Wohnung demoliert, die Shuji und seine Familie als Ausgebombte nur gestellt bekommen haben. Shuji muss sich eingestehen, dass es Hirata zu faustdick hinter den Ohren hat, um es mit ihm aufzunehmen.

Die ganze Situation wirkt auf den ersten Blick so unangenehm, dass man sich als Leser fragen könnte, warum man so etwas denn lesen soll. Doch das erzählerische Talent von Osamu Dazai macht selbst daraus noch Gold: Humorvoll und sich selbst nicht zu ernst nehmend schwadroniert der Autor über das Geschehnis, das "in ganz sonderbarer Weise unerträglich" (S. 7) war, und über seine Vergangenheit als Säufer und Weiberheld in Tokio.

Ich hoffe für die Erzählung, dass der Cass Verlag sie vielleicht eines Tages als kostengünstigeres Ebook herausgeben wird. Wäre doch zu schade, wenn sie den Liebhabern vorbehalten bleiben würde!

Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: "Alte Freunde" von Osamu Dazai (Übersetzung aus dem Japanischen: Stalph, Jürgen), Cass Verlag, Löhne 2017, ISBN 978-3-944751-14-6

Donnerstag, 4. Februar 2016

„Sandakan Bordell Nr. 8“ von Tomoko Yamazaki

Tomoko Yamazakis „Sandakan Bordell Nr. 8“ kann einem gewaltig aufs Gemüt schlagen. Denn die Autorin hat sich einem besonders bitteren Thema verschrieben – nämlich die Schicksale von Japans Auslandsprostituierten, den Karayukisan, nachzuzeichnen. Und so begleitet der Leser Tomoko Yamazaki auf den Amakusa-Archipel, wo sie ehemalige Karayukisan ausfindig machen will. Doch die Schriftstellerin merkt schnell, dass sie nur ganz behutsam Zugang zu den ehemaligen Prostituierten finden kann. Über die Karayukisan will so schnell niemand mit einer Fremden sprechen.

In einem kleinen Restaurant macht Tomoko Yamazaki die Bekanntschaft mit der alten und völlig verarmten Osaki. Vermutlich ist Osaki eine ehemalige Karayukisan. Um ihr Vetrauen zu gewinnen, nistet sich Tomoko Yamazaki für einige Wochen bei ihr ein. Wie eine Ethnologin erlebt sie so den Alltag von Osaki mit und lässt sich nach und nach deren Lebensgeschichte erzählen, die eine sehr bittere ist.

Osaki wird Ende des 19. Jahrhunderts geboren. Als ihr Vater stirbt, stürzt die Familie in absolute Armut. Die Mutter heiratet erneut, Osaki und ihre Geschwister sind künftig auf sich alleine gestellt. Aufgrund der großen Armut auf dem Amakusa-Archipel ist es nichts Ungewöhnliches, dass junge Mädchen als Prostituierte ins Ausland verkauft werden. Die kleine Osaki hat keine Ahnung, was sie sich antut, als sie im Alter von 10 Jahren einwilligt, ins Ausland zu gehen. Ein Mädchenhändler nimmt sie mit nach Sandakan auf Borneo. Zunächst ist Osaki noch eher Haushaltshilfe, aber mit 13 Jahren muss auch sie anschaffen gehen. Bis zu 30 Freier am Tag hat sie zu bedienen. Und trotzdem werden ihre Schulden, die sie bei ihrem Zuhälter abarbeiten soll, glatt nicht weniger. Irgendwann wird Osaki dann die Nebenfrau eines Engländers, was einen gesellschaftlichen Aufstieg und Zugang zu Geld bedeutet. So kann sie endlich ihren Bruder in der Heimat finanziell unterstützen.

Als der Engländer Borneo verlässt, kehrt auch Osaki einstweilen heim nach Japan. Obwohl ihr Bruder dank des von ihr erwirtschafteten Geldes ein Haus bauen und heiraten kann, ist sie alles andere als ein gern gesehener Gast. Schließlich geht sie erneut ins Ausland und arbeitet als Bardame. Immerhin findet sie einen annehmbaren Ehemann und bekommt einen Sohn. Doch der Mann stirbt und nach Kriegsende lebt sie von der Hand in den Mund. Selbst der eigene Sohn will bald nichts mehr mit ihr zu tun haben. Er schämt sich für seine ungebildete Mutter, die sich in jungen Jahren prostituiert hat. Ein bisschen Geld schickt er ihr monatlich – gerade so viel, dass sie nicht verhungern muss. Sie fristet ihr Dasein in einem Dreckloch, in das Tomoko Yamazaki kurzzeitig mit einzieht.

Neben Osakis Schicksal zeichnet die Autorin auch die Lebenswege von Osakis ehemaligen Kolleginnen auf. Waren deren Leben als Karayukisan schon schrecklich, so trifft es sie nach Kriegsende erneut hart. Die eine geht an einer spät auftretenden Syphilis zu Grunde, die andere ist so verzweifelt, dass sie sich selbst das Leben nimmt.

Osakis Leben geht einem sehr schnell sehr nahe. Mit einfachen Worten wird da ein Schicksal geschildert, das ab dem Zeitpunkt zum Scheitern verurteilt ist, als sie in die Prostitution verkauft wird. Sie opfert sich für die Männer in ihrem Leben auf und erntet nichts weiter als Verachtung. Da tut es gut, im Nachwort der englischen Ausgabe, die teilweise über Google Books verfügbar ist, zu lesen, wie wichtig es für Osaki war, dass ihr als ehemalige Karayukisan und als Analphabetin durch Tomoko Yamazakis Buch endlich eine Stimme verliehen wurde. Dank der Veröffentlichung konnten sich Osakis Lebensverhältnisse wenigstens etwas zum Besseren wenden.

Trotzdem ist „Sandakan Bordell Nr. 8“ harte Kost und der Leser kann sich darauf einstellen, diverse negative Gefühle während der Lektüre zu durchlaufen. Nichtsdestotrotz kann ich das Buch nur jedem ans Herz legen, der sich für japanische Frauenschicksale interessiert. Osakis Leben hat es verdient, erzählt und gelesen zu werden.

Bibliographische Angaben:
Yamazaki, Tomoko: „Sandakan Bordell Nr. 8“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Sumoto-Schwan, Yukiko & Schwan, Friedrich B.), Iudicium, München 2005, ISBN 3-89129-406-9

Freitag, 14. November 2014

„Saikaku-oridome“ von Saikaku Ihara

Saikaku Ihara gilt als DER Autor des Chonin-Milieus, des städtischen Handelsmilieus des 17. Jahrhunderts. Mit „Saikaku-oridome“ glaubt sich der Leser in einem authentischen Sittengemälde wiederzufinden – insbesondere mit einem Einblick in die Kurtisanenkultur der damaligen Zeit. Das postum veröffentlichte Werk ist geprägt von der buddhistischen Lehre der Vergeltung von guten und schlechten Taten – Fleiß allein genügt für die Protagonisten nicht, Reichtum zu erlangen. Vielmehr legt Saikaku Ihara den Finger in die Wunde, dass Kapital zu Kapital wandert, während die Armen sich abstrampeln können, soviel sie wollen – der Erfolg wird ihnen nicht sicher sein.

Acht Geschichten enthält die deutsche Übersetzung von „Saikaku-oridome“. Den Beginn macht „Nur der Kiefernpilz kommt scheinbar aus dem Nichts wie die Bälle des Gauklers“. Die Erzählung illustriert das Leben von Kaufleuten ohne Eigenkapital: Der Gewinn durch den Handel wird durch die Zinsen an die Kapitalgeber, bei denen man sich immer wieder einschmeicheln muss, direkt wieder aufgefressen. Ein findiges Ehepaar jedoch macht aus der Not eine Tugend.

In „Der Lauf des Hozu-Flusses und ein reicher Mann aus Yamazaki“ nimmt ein Händler einen blinden Affen bei sich auf und umsorgt ihn. Als der Kaufmann am Ende des Jahres wegen einer geringen Summe seine Schulden nicht begleichen kann, beschließt er mit Sack und Pack Reißaus zu nehmen. Den Affen muss er leider zurücklassen, doch das Haustier scheint zum Retter in der Not zu werden.

„Der stillzufriedene Salzverkäufer“ ist ein Musterbeispiel an Ehrlichkeit und Genügsamkeit: Mit dem Salzhandel macht er keine sonderlichen Umsätze und lebt so von einem Tag in den nächsten. Selbst als er eines Tages eine prall gefüllte Geldbörse findet, wacht er redlich darüber, bis sich der wahre Besitzer bei ihm einstellt.

„Die Vergnügungen des Menschen sind kurz wie ein Tag, der im Morgengrauen entsteht und im Abenddämmern stirbt. Wenn man es recht bedenkt, ist das Menschenleben ein Traum während eines kurzen Schlafes.“ (S. 32)

So leitet Saikaku Ihara die Erzählung „Aus einer Unbesonnenheit des Augenblicks entstand die Sinneslust“ ein und spricht die „fließend-vergängliche Welt“ an. Fließend-vergänglich ist aber auch der Reichtum eines jungen, knauserigen Mannes, der plötzlich seinen Gefallen an der käuflichen Liebe entdeckt. Zunächst gibt er sich noch mit einem Bademädchen zufrieden, dann kauft er sich eine Kakoi, schließlich eine Tenjin, bis er schließlich sein Geld für eine Kurtisane des höchsten Ranges, eine Tayu, verprasst. Wie lange er sich die Tayu wohl noch leisten kann?

Eine Lästerei über „Die große Nase der Hauswirtin“ führt dazu, dass ein Ehepaar die bisherige Wohnung verlassen muss. Die Wohnungssuche führt zu allerlei Unbequemlichkeiten: In der einen Nachbarschaft zieht eine Verrückte umher, in einem anderen Haus scheint es zu spuken, wo anders wimmelt es vor Kakerlaken. Ob die Ehe dieser Belastung Stand halten wird?

„Von einem Tag auf den anderen in der Dienstbotenherberge leben“ porträtiert das Leben von Dienstmädchen, die aufgrund der schlechten Wirtschaftslage auf dem Land in die Stadt drängen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, während „Auch Helm und Rüstung zum Pfandleiher“ diverse Absonderlichkeiten illustriert, die die Menschen ins Pfandhaus tragen. So verpfänden die Kurtisanen beispielsweise „Gelöbnisbriefe“ mit erfundenen Peinlichkeiten, die sie ziemlich in die Bredouille bringen könnten, sollten sie das geliehene Geld nicht zurückzahlen.

„Der unbeständige Sinn einer Hofdame“ beschreibt den sozialen Abstieg der Hofdame Uguisu no Tsubone, der beginnt, als sie aus einer Unbesonnenheit heraus einen Bürgerlichen heiratet.

Wer sich insbesondere für die damaligen Gepflogenheiten im Freudenviertel interessiert, der dürfte durch den Zeitgenossen Saikaku Ihara viel Authentisches erfahren. Die vielen Fußnoten erläutern detailliert, was damals Usus war: Blieb eine Kurtisane z.B. an einem Feiertag ohne Freier, so musste sie ihrem Zuhälter den entgangenen Gewinn aus eigener Tasche erstatten. Doch auch das Leben der Dienstboten und Händler wird anschaulich illustriert. Daher wirkt „Saikaku-oridome“ wie ein Guckloch in eine längst vergangene Zeit.

Bibliographische Angaben:
Ihara, Saikaku: „Saikaku-oridome“ (Übersetzung aus dem Japanischen: May, Ekkehard), Reclam, Stuttgart 1973, ISBN 3-15-009493-3

Donnerstag, 17. Juli 2014

„Mein Sohn Takiji“ von Ayako Miura

Nichts mag für eine Mutter so schlimm sein, wie ihr geliebtes Kind durch gewaltsamen Tod zu verlieren. Ayako Miura lässt in „Mein Sohn Takiji“ die 88-jährige Sen zu Wort kommen, die das Leben und den Tod ihres Sohnes Takiji Revue passieren lässt. Bei Takiji handelt es sich dabei nicht um eine imaginierte Person, sondern um den Autor der proletarischen Literaturbewegung Takiji Kobayashi, der im Jahr 1933 verhaftet und zu Tode gefoltert wurde. Ayako Miuras „Mein Sohn Takiji“ basiert auf den realen Geschehnissen; der Monolog der Mutter Sen ist freilich ein Produkt von Ayako Miuras literarischer Schaffenskraft: 

Da sitzt Sen im Haus ihrer Tochter Chima und spricht direkt zum Leser. Sie beginnt mit ihrem eigenen Schicksal wie sie in ärmlichsten Verhältnissen aufwächst und als Teenager verheiratet wird. Die Familie der Kobayashis ist ebenfalls verarmt, doch gebildet. Nach dem Tod des ältesten Sohns Takiro zieht die Familie von Otaru nach Hokkaido. Takiji als Zweitgeborener wird dort von seinem Onkel gefördert und kann Wirtschaftswissenschaften studieren. Takiji entwickelt sich zu einem gerechtigkeitsliebenden, fröhlichen jungen Mann, der alles in seiner Macht stehende leistet, seine Familie finanziell zu unterstützen. Er träumt den Traum, die Gesellschaft zu verbessern, hat er doch bereits schon früh die Härten der armen, arbeitenden Bevölkerung erlebt: Seine Eltern begeben sich bei Bauarbeiten in Lebensgefahr, Arbeiter werden schlimmer als Vieh behandelt und junge Mädchen werden in die Prostitution verkauft. Indem Takiji Romane schreibt, will er seinen Beitrag leisten, die Lebensumstände zu verbessern.

Als Takiji nach Tokio geht, beginnen seine Probleme mit der Polizei. Er wird mehrfach verhaftet und geht schließlich in den Untergrund. Als ihn ein Spitzel verrät, wird er erneut verhaftet und schließlich zu Tode gefoltert. Seine Mutter trifft der Verlust besonders hart. Wie kann es einen Gott geben, wenn dieser zulässt, dass ihr Sohn, der die Nächstenliebe verkörpert, auf so schlimme Weise gemartert wird und sein Leben lassen muss. Hier zieht die christliche Autorin Ayako Miura einen Vergleich zu Jesus: War nicht auch Jesus von der Nächstenliebe beseelt, wurde nicht auch er verraten und musste nicht auch er wegen seinen Überzeugungen sterben? Langsam nähert sich Sen dem Christentum an und scheint im Alter endlich ihren Frieden finden zu können.

Indem Ayako Miura Sen frei erzählen lässt, erscheint es dem Leser, als würde man tatsächlich exklusiv von Takiji Kobayashis Mutter dessen Lebensgeschichte erzählt bekommen. Die Erzählweise ist äußerst lebendig, manchmal aber auch sprunghaft. Mit der Zeit wächst einem die alte Dame immer mehr ans Herz. Umso tragischer erlebt der Leser auch das Ende von Takiji Kobayashi mit. Allzu christliche Literatur liegt mir zwar nicht sonderlich, aber Ayako Miura gelingt es in „Mein Sohn Takiji“, die richtige Dosis einzusetzen. Sen ist nicht getauft, aber findet zumindest etwas Trost im christlichen Glauben. Auch wenn das Thema von Ayako Miuras „Mein Sohn Takiji“ schwere Kost ist – der Kurzroman lohnt sich enorm!

Bibliographische Angaben:
Miura, Ayako: „Mein Sohn Takiji“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierwirth, Gerhard & Moriwaki, Arno), Iudicium, München 2014, ISBN 978-3-86205-391-9

Montag, 3. März 2014

„Der Blitz über dem Reisfeld“ herausgegeben von Mikio Kanda

Das kleine Dorf Kawauchi-Nukui nahe Hiroshima wurde am 06. August 1945 zum „Dorf der Atombombenwitwen“. Doch nicht nur Männer starben: Eine Einheit von arbeitsfähigen, männlichen und weiblichen Freiwilligen war am Morgen des Tages des Atombombenabwurfs nach Hiroshima gegangen, um Aufräumarbeiten zu leisten und Brandschneisen zu schlagen. Die Arbeiten waren fast am Ende angekommen; nur noch ein halber Tag war nötig, um die restlichen Abtransporte zu leisten. Die Freiwilligen freuten sich darauf, am Nachmittag ihren Alltag im Dorf wiederaufnehmen zu können. Doch das Schicksal sollte es anders mit ihnen meinen: Es waren die letzten Stunden ihres Lebens angebrochen; manche starben vermutlich beim oder kurz nach dem Abwurf. Einige wenige gelangten zwar noch nach Hause zu ihren Familien, hauchten aber kurze Zeit später ihr Leben aus.

In „Der Blitz über dem Reisfeld“ kommen 16 dieser Atombombenwitwen aus Kawauchi-Nukui zu Wort, die die Herausgeberin Mikio Kanda Anfang der 80er Jahre interviewte. Die Schicksale verliefen ähnlich grausam und doch war das Leid sehr individuell. Die meisten der Frauen entstammten bäuerlichen Familien und daher erlebten sie eine ärmliche Kindheit, zu der bereits seit jungen Jahren die Mithilfe am Hof gehörte. Verheiratet wurden die Frauen wiederum zumeist in Bauernfamilien, in denen der Alltag von stundenlanger, harter Arbeit und nur wenig Schlaf geprägt war. Manche Familien waren schwer von einer Überschwemmung getroffen worden und hatten sich von dem entstandenen Schaden noch kaum erholt, als über Hiroshima die Atombombe abgeworfen wurde. Jede Frau verlor bei dem Abwurf mindestens einen Angehörigen. Die Geschichten über die großteils erfolglose Suche nach den Mitgliedern der Freiwilligeneinheit sind zum Teil schwer zu verdauen: Da ist beispielsweise eine Frau, die den verkohlten und verwesenden Leichen die Münder öffnet, um anhand der Goldkronen zu bestimmen, ob es sich bei dem Toten vielleicht um ihren Mann handeln könnte. Da ist eine andere, die ihre sterbende Verwandtschaft nur noch an der Stimme erkennen kann, da die Körper zur Unkenntlichkeit entstellt sind. Da ist eine junge Mutter, die sich bei der Suche nach dem Ehemann soviel Strahlung zuzieht, dass sie mit ihrer Muttermilch ihr Baby vergiftet.

Nach Tagen, Wochen oder Monaten des Schocks müssen die Frauen aber wieder hinaus auf das Feld. Ohne die Männer geht ihnen die Arbeit besonders schwer von der Hand. Doch es geht um das weitere Überleben ihrer oft kinderreichen Familien. Unter die Haut gehen dann Schilderungen des Glücks, wenn der im Krieg verstorben geglaubte Sohn doch lebendig zurückkehrt. Oder die unglaubliche Trauer, wenn eine Witwe dazu aufgerufen wird, die Asche ihres als Soldat gefallenen Sohns abzuholen – doch in dem überreichten Holzkästchen befindet sich nur Luft.

Atombombenliteratur ist immer harte Kost, doch die authentischen Erzählungen der Witwen zeichnen ein besonders grausames Bild einer unüberwindbaren Tragik. Obwohl die meisten der interviewten Damen trotz allen Entbehrungen und allen Leids gut ins hohe Alter gekommen sind, tragen sie die Trauer immer noch mit sich. Besonders schmerzvoll wirkt die Geschichte einer der Witwen, die noch Jahrzehnte später nicht von der Hoffnung ablassen konnte, ihr Mann könnte doch noch gesund zurückkehren.

Bibliographische Angaben:
Kanda, Miko (Hrsg.): „Der Blitz über dem Reisfeld“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Akisawa-Schamoni, Mieko & Schamoni, Wolfgang), dtv, München 1985, ISBN 3-423-10467-8

Montag, 9. Dezember 2013

„Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ von Shichiro Fukazawa

Um die „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ von Shichiro Fukazawa hätte ich fast einen weiten Bogen gemacht, weil ich den Titel mit einem Sachbuch verbunden habe. Dank des Nachworts von Bernard Frank weiß ich nun: Dieses Missverständnis ist durchaus vom Autor Shichiro Fukazawa bewusst provoziert worden. Darüber hinaus suggeriert die Einflechtung von Liedtexten (und zum Abschluss sogar der Abdruck der Noten zweier Lieder), dass es sich bei der Handlung um die Wiedergabe historischer Fakten handelt. Doch „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ entstammt stattdessen der Fantasie des Autors, der sein musikalisches Interesse in sein literarisches Werk einfließen hat lassen.

Shichiro Fukazawa, der selbst aus einer ländlichen Gegend stammt, schildert in seiner Erzählung das harte, vormoderne Leben in einem namenlosen Dorf, in dem an die Göttlichkeit des Berges Narayama geglaubt wird. Nur zum Narayama-Fest können es sich die Familien leisten, Reis zu essen. Jeder Esser mehr im Haus bringt die Familien in die Gefahr, den Hungertod zu sterben. Daher wird möglichst spät geheiratet, damit die Nachkommen nicht allzu bald das Licht der Welt erblicken. Wer die Geburt der Großenkel noch erlebt, der gilt als lasterhaft, können er und seine Brut sich offensichtlich nicht im Griff halten. Insbesondere die Alten, die wenig Arbeitsleistung erbringen und mehr und mehr zu nutzlosen Essern werden, brechen freiwillig oder unfreiwillig im Alter von siebzig Jahren zu einer Pilgerreise zum Narayama auf, von der sie nie wieder zurückkehren.

Shichiro Fukazawa schildert in „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ aus der Sicht der alten O Rin und ihrer Familie, wie sich das karge Leben im Dorf gestaltet und wie O Rin schließlich zu Pilgerreise aufbricht. Der Abschied für immer ist vorgezeichnet und trotz des Schmerzes kann keiner die alte O Rin zurückhalten. Denn nur, wenn sich die Familiengröße dezimiert, können die anderen überleben. Aus dem Kontrast von Vernunft, Glaube und Gefühl entsteht eine Mischung, die dem Leser unter die Haut geht. Das Schicksal der O Rin geht bei der Lektüre sehr nahe.

Wer im Überfluss lebt, der kann sich gar nicht vorstellen, wie schrecklich Hungern sein muss und zu welchen Taten der schiere Überlebenskampf treiben kann. Sicherlich ist „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ Fiktion, aber die Erzählung trifft den Leser an einer ganz empfindlichen Stelle.

Bibliographische Angaben:
Fukazawa, Shichiro: „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ (Übersetzung aus dem Französischen: Rheinhold, Klaudia), Rowohlt, Reinbek 1987, ISBN 3-499-40014-6

Montag, 13. Mai 2013

„Japanische Dreigroschenoper“ von Takeshi Kaiko

Auf 1,2 Millionen Quadratmetern erstreckt sich das Bergwerk Sugiyama – nur durch einen Abwasserkanal von Osakas Elendsviertel getrennt. Der ehemalige Sitz einer Waffenfabrik wird in den 50er Jahren zum Revier der Apachen, von organisierten und unorganisierten Kleinkriminellen, die im Elendsviertel hausen, Altmetalle aus dem Bergwerk ausbuddeln und sich bei Händlern versilbern lassen. Ständig verfolgt von der Polizei haben sie den Spitznamen Apachen bekommen: In kleinen Gruppen fallen sie im Bergwerk ein, sind besonders leichtfüßig und verständigen sich in einer unverständlichen Sprache (unter anderem auf Koreanisch) und gleichen so dem legendären Indianerstamm.

Der Landstreicher Fukusuke wird vom Bandenchef Kim rekrutiert. Im goldenen Zeitalter der Apachen ist jeder Helfer recht, denn es gibt genügend Altmetalle für alle, die „angelacht“, sprich: stibitzt, werden können. Eine anarchische Stimmung herrscht im Elendsviertel und dennoch kommt keiner zu kurz; für jeden wird eine bezahlte Aufgabe beim Metallklau gefunden. Fukusuke wird von Kim angelernt. Für seine Lehrstunden muss er jedoch in Tasche greifen. Bald ist Fukusuke ein festes Mitglied von Kims Bande und kommt hinter einige Tricks, wie der Bestechung der Wächter und dem besten Umgang mit der Polizei.

Doch je dreister die Apachen werden, desto größer ihr Ruhm, desto mehr Gesindel lässt sich bei ihnen nieder und desto größer fällt die Gegenwehr der Polizei aus. Ein immerwährendes Katz-und-Maus-Spiel startet und beginnt, die Apachen aufzureiben.

Als von einem Silberfund berichtet wird, versuchen die Apachen sich ein letztes Mal aufzubäumen und diesen Schatz in die Finger zu bekommen.

Takeshi Kaikos „Japanische Dreigroschenoper“ ist freilich an Bert Brechts „Dreigroschenoper“ angelehnt. So kritisiert auch Takeshi Kaiko die Bourgeoisie, die den Apachen keinen Spielraum zum Überleben lässt, sich hinter Bürokratie verschanzt und auf Rechtslagen pocht. Die Diskriminierung von Koreanern tut ihr übriges. Trotzdem ist die Lektüre des Buches eine Heidengaudi, wenn die verschrobenen Charaktere ausziehen, um die Polizei zum Narren zu halten, Pech und Schwefel nach einem Tauchgang im Abwasserkanal zu spucken und sich wie die Glücksritter jede Nacht aufs Neue Waren „anzulachen“. Die Dialoge im Gangsterjargon zeichnen ein lebendiges Bild vom Dasein im Elendsviertel.

Bibliographische Angaben:
Kaiko, Takeshi: „Japanische Dreigroschenoper“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Volk & Welt, Berlin 1967

Sonntag, 20. Januar 2013

„Dialoge in der Dunkelheit“ von Ryunosuke Akutagawa

Ryunosuke Akutagawa beging 1927 Selbstmord. Sein Text „Dialoge in der Dunkelheit“ aus dem gleichen Jahr schildert seinen Kampf mit den inneren Dämonen in Dialogform und thematisiert unter anderem einen möglichen Freitod und Akutagawas Wunsch nach innerem Frieden.

Darüber hinaus beinhaltet der ebenfalls „Dialoge in der Dunkelheit“ betitelte Band 16 weitere Texte: „Zehn Nadelstiche“ gleicht einer Spruchsammlung, in der Ryunosuke Akutagawa mit seinen Mitmenschen und hochtrabenden Träumen hart ins Gericht geht.

„Ein Sozialist“ beschreibt den Werdegang eines einst begeisterten Sozialisten, der sich nach seiner Familiengründung mehr und mehr in der gesellschaftlichen Mitte verortet und nur in einer romantisierenden Rückschau seinen Überzeugungen der Jugendjahre gedenkt:

„Auch jetzt sitzt er in seinem Korbsessel, genießt eine Zigarre und erinnert sich seiner Jugendzeit – menschlich, vielleicht allzu menschlich“ (S. 92)

Mit „Im Asakusa-Park“ schreibt Ryunosuke Akutagawa gar ein Drehbuch für einen surrealistisch anmutenden Kurzfilm, an dem Salvador Dali seine Freude gehabt hätte.

„Das bisherige Leben des Daidoji Shinsuke“ bricht einfach ab; bleibt unvollendet, nachdem unter anderem Shinsukes Qual geschildert wird, als Junge aus der unteren Mittelschicht seine geringen finanziellen Mittel möglichst zu verschleiern zu versuchen.

In „Beschriebene Blätter“ klingen gar emanzipatorische Töne an. Dem Autor fällt ein Brief einer unbekannten, jungen Frau in die Hände, die sich über das Schicksal der Frauen beklagt, die aufgrund schlechter Ausbildung eine Ehe als Versorgungsgemeinschaft eingehen und ihre eigenen Wünsche zurückstellen müssen. Ryunosuke Akutagawa kennt das Problem aus einer anderen Warte:

„Ich warf die Blätter in die Schublade meines Schreibtischs, wo bereits meine eigenen Träume, in einem Stapel alter Briefe, allmählich vergilbten…“ (S. 50)

Der Klappentext von Ryunosuke Akutagawas „Dialoge in der Dunkelheit“ verspricht nicht zuviel, wenn von „experimentierfreudige[r] stilistische[r] Vielfalt“ und der „sprachlichen Eleganz“ des Autors die Rede ist. Sicherlich sind die Texte aber eher in Häppchen zu genießen, als an einem Nachmittag durchzulesen.

Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Dialoge in der Dunkelheit“, Iudicium, München 2010, ISBN 978-3-86205-009-3

Freitag, 21. Dezember 2012

„Von Stroh und Seide“ von Junichi Saga

Wie in „Der Yakuza“ kommen auch in „Von Stroh und Seide“ reale Personen zu Wort, deren Lebensgeschichten der Arzt Junichi Saga aufgezeichnet hat. Darunter ist auch Eiji Ijichi, „Der Yakuza“, der in einem Kapitel davon erzählt, wie es dazu kam, dass er sich von einem Glied seines kleinen Fingers trennen musste – freilich, eine Frau war der Grund… Aber auch mehr als 50 weitere Menschen erzählen in kurzen Kapiteln von ca. vier Seiten Umfang von ihrem Leben in den (primär) 20er und 30er Jahren rund um den Ort Tsuchiura. Damit gibt Junichi Saga Einblick in ein Japan vergangener Zeiten. Doch „Von Stroh und Seide“ romantisiert die alten Zeiten keinesfalls. Primär zeigt das Werk auf, wie hart das Leben damals war: Kinderarbeit war notwendig, um einer Familie das Überleben zu ermöglichen. Satt zu werden, galt als Luxus. Ebenso Kleidung zum Wechseln. Selbst mit schwerster körperlicher Arbeit war kaum Geld zu verdienen. Und je nach wirtschaftlicher Lage wurden Neugeborene „ausgelichtet“ – direkt nach der Geburt getötet, da ein weiterer Esser das Überleben der ganzen Familie in Frage stellen hätte können.

Doch „Von Stroh und Seide“ ist auch kein trauriger Tatsachenbericht – die Lebensfreude und Schelmigkeit der Menschen blitzt immer wieder durch: Die armen Schuldner verstecken sich am letzten Jahrestag vor dem Geldeintreibern, da an Neujahr ihre Schulden traditionsgemäß verfallen sein werden. Zwei alte Geishas schwärmen von der Schneidigkeit der damaligen Marine-Offiziere. Zwei schon seit Kindheit befreundete Herren unterhalten sich über ihre Streiche – unter anderem wie sie mit Zyankali „gefischt“ haben. Und der Pfandleiher unterstützt klammheimlich verschuldete Familien, die sich bei Nacht und Nebel davonmachen wollen, indem er ihnen einen guten Preis für ihre wenigen (geliehenen) Sachwerte macht.

„Von Stroh und Seide“ gibt einen authentischen Einblick in den Alltag der Menschen, indem sie selbst zu Wort kommen. Und genauso wie die Erzähler merkt der Leser, wie gut es den Menschen zwischenzeitlich geht – auch wenn dies mit städtischer Anonymität und dem Verlust der Naturbezogenheit einher geht.

Wer sich für japanischen Alltag früherer Zeiten interessiert, für den wird „Von Stroh und Seide“ sicherlich ein Fest sein: Die Friseurin erklärt, in welchem Alter die Haare der Mädchen wie frisiert wurden und was die Frisur symbolisierte. Die Hebamme erzählt von ärmlichen Hausgeburten. Der Tatami-Macher gibt Einblick in die traditionelle Herstellung von Tatamis. Und der Färber spricht davon, was es mit dem Spruch „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle Färbersleute“ auf sich hat.

Bibliographische Angaben:
Saga, Junichi: „Von Stroh und Seide“, Edition Peperkorn, Göttingen 1994, ISBN 3-929181-03-7

Donnerstag, 4. Oktober 2012

„Die Straße ohne Sonne“ von Sunao Tokunaga

Rund um „Die Straße ohne Sonne“ in Tokio tummeln sich die Wellblechhütten der Ärmsten der Arbeiter, die vornehmlich in den Fabriken des reichen Kapitalisten Okawa arbeiten. Der hat vor kurzem die Arbeiter einer ganzen Abteilung entlassen – ihre 3.000 Kollegen haben aus Solidarität einen Streik ausgerufen. Und so wird der Leser Zeuge eines Arbeitskampfs in den 20er Jahren, der auch in der Realität so – oder so ähnlich – stattgefunden hat. Denn der Autor Sunao Tokunaga verarbeitet in seinem Roman seine eigenen Erlebnisse als Streikender.

Takae ist eine der zentralen Figuren: Die emanzipierte Frau steht hundertprozentig hinter dem Streik und opponiert damit gegen den Vater. Sie und ihre jüngere, schwangere Schwester O-Kayo werden verhaftet und für einige Zeit inhaftiert. Hagimura ist ein Stratege, der sich in der Streikleitung engagiert. Auch er lebt gefährlich: Die Polizei und die Werksfaschisten haben es auf ihn abgesehen. Miyaji gehört einer Geheimabteilung der Streikenden an. Als er sich der Polizei freiwillig stellt, wird er gefoltert und altert innerhalb von Tagen um Jahre. Hin und wieder wechselt die Perspektive auf die wohlhabende Gegenseite und illustriert die Weltfremdheit des Kronprinzen und die Kaltherzigkeit der Kapitalisten.

Sunao Tokunaga appelliert mit „Die Straße ohne Sonne“ an den Zusammenhalt der Arbeiter gegen die unterdrückende Oberschicht. Durch Intrigen und Bestechungen gelangen die Kapitalisten doch an ihr Ziel: Die Solidarität zerfällt und der Streik wird zu den Bedingungen der Arbeitgeber beendet. Interessant ist dabei vor allem, dass Sunao Tokunaga den diversen Einzelschicksalen ein Gesicht gibt. Einige überleben den Arbeitskampf nicht, andere verrotten in Gefängnissen, Frauen prostituieren sich, um eine neue Einnahmequelle zu erschließen.

Freilich entbehrt „Die Straße ohne Sonne“ nicht einer gewissen Polemik, was z.B. die Glorifizierung der roten Fahne betrifft. Dennoch ist der Roman gegen Ende mehr als spannend und fordert Respekt für die Arbeitergeneration heraus, für die der Begriff „Arbeitskampf“ noch wörtlich zu verstehen war.

Bibliographische Angaben:
Tokunaga, Sunao: „Die Straße ohne Sonne“, Dietz, Berlin 1960

Montag, 20. Februar 2012

„Schiffbruch“ von Akira Yoshimura

In einer Zeit, als die Clans über Japan herrschten, muss der 9-jährige Isaku schnell erwachsen werden. Sein Vater, der die Familie allein mit Fischfang nicht ernähren kann, geht in die Fremde, um sich drei Jahre als Arbeiter zu verdingen und so für den Lebensunterhalt seiner Angehörigen zu sorgen. Nun ist Isaku der Mann im Haus und fährt täglich zum Fischfang hinaus aufs Meer. Als Isaku zehn Jahre wird, gilt er ins seinem Dorf endgültig als Erwachsener. Er bemüht sich beherzt, die Erwartungen seiner Mutter zu erfüllen, doch nicht immer kehrt er mit genügend Fisch nach Hause, um damit über den harten Winter zu kommen.

Als Erwachsener wird er in die Gebräuche des Dorfes eingeweiht: Da alle Familien am Rande des Hungertodes stehen, beten sie für Ofune-sama; für ein Schiff, das auf ein Riff läuft. Doch allein dem Zufall wollen die Dorfbewohner dies nicht überlassen. Mit nächtlichen Feuern versuchen sie, Schiffe in die Irre zu führen, die Besatzung zu töten und alles, selbst die letzten Bohlen des Schiffrumpfes, verschwinden zu lassen. Nach einer entbehrungsreichen Zeit, ist es endlich soweit: Ein Schiff, voll beladen mit Reis, ist in der Bucht vor dem Dorf havariert. Die Not scheint endlich ein Ende zu haben. Doch die Dorfbewohner müssen für ihre Gier bald einen hohen Preis bezahlen.

Akira Yoshimura beschreibt mit „Schiffbruch“ zweieinhalb Lebensjahre Isakus und erzählt vom erbärmlichen, kargen Dasein der Fischer. Die dörfliche Gemeinschaft ist Dreh- und Angelpunkt allen Handelns: Denn nur gemeinsam können sie den Brauch des Ofune-sama geheim halten. Auch wenn Akira Yoshimura sehr ausführlich den Alltag der Fischer schildert, wird dies an keiner Stelle langweilig. Der schiere Überlebenskampf und die archaischen Strukturen und Bräuche der abgeschiedenen Dorfgemeinschaft fesseln ungemein.

Leider gilt auch für Akira Yoshimuras „Schiffbruch“: Das Buch ist derzeit komplett vergriffen. Wer in einem Antiquariat fündig wird, sollte zuschlagen.